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Full text of "Handbuch der Geschichte der Medizin. Bearb. von Arndt [et al.]"

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HANDBUCH 



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DER • 

GESCHICHTE DER MEDIZIN. 

BEGRÜNDET VON 

Dr. med. TH. PUSCHMANN, 

WEILAND PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT IN WIEN. 

BEARBEITET VON 

Pkofessor De. Arndt (t), Geeifswald ; Geh. San.-Rat Dr. Bartels, Berun; Dr.Wolp Becher, 
Berlin ; Dr. Iwan Bloch, Berlin ; Professor Dr. Chiari, Prag ; Professor Dr. Fasbender, 
Berlin; Professor Dr. Fossel, Graz; Dr. Robert Fuchs, Dresden; Professor Dr. Helf- 
reich, Würzburg ; Professor Dr. Heymann, Berlin ; Hofrat De. Höfler, Tölz ; Professor 
Dr. Horstmann, Berlin; Professor Dr. Hüsemann (f), Göttingen; Professor Dr. Ipsen, 
Innsbruck ; Oberstabsarzt Professor Dr. Köhler, Berlin ; Dr. G. Korn, Berlin ; Professor 
Dr. Kossmann, Berlin ; Professor Dr. Keeidl, Wien ; Professor Dr. Ritter von Metnitz, 
Wien; Privatdocent Dr. Neubürger, Wien; Dr. Freiherr Felix Oefele, Neuenahr; 
Professor Dr. Pagel, Berlin; Professor Dr. Politzer, Wien; Professor Dr. Prausnitz, 
Graz; De. Preuss, Berlin; Professor Dr. Rille, Innsbruck; Professor Dr. Schaer, 
Strassburg i/E.; Sanitätsrat Dr. Scheube, Greiz; Professor Dr. Schrutz, Prag; Privat- 
docent Dr. Ritter von Töply, Wien; Professor Dr. Vierordt, Tübingen 

HERAUSGEGEBEN VON 
De. med. MAX NEUBURGER, und Dk. med. JULIUS PAGEL, 

DOCENT AN DER UNIVERSITÄT IN WIEN PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT IN BERLIN. 



ERSTER BAND. 





JENA. 

VERLAG VON GUSTAV FISCHER. 

1902. 



Alle Rechte vorbehalten. 



I3\ 

ni 



Herrn ßeh. Medizinal-Rat 



Professor Dr. R. Virchow 



zum 80. Geburtstage 



ehrerbietigst gewidmet 



von 



den Herausgebern. 



Vorrede. 



Der langjährige ordentliche Universitätsprofessor der med. Ge- 
schichte an der Wiener Universität Theodor Pusch mann, gestorben 
am 28. September 1899, fasste im Sommer 1897, infolge einer An- 
regung der \'erlagsbuchhandlung, den Entschluss, im Verein mit 
mehreren Mitarbeitern ein Handbuch der medizinischen Geschichte 
in drei Bänden herauszugeben. Band I sollte Altertum und Mittel- 
alter, Band II und III die Neuzeit (vom 16. Jahrhundert ab) um- 
fassen. Abweichend von dem bisher üblichen Modus der allgemeinen 
systematischen Darstellung sollte nach Pusch mann's Plan für die 
Neuzeit der Schwerpunkt a uf die einzelnen Fachwissen- 
schaften gelegt werden und deren Entwicklungsgang von be- 
rufenen Forschern eine litterarisch wie pragmatisch gleich 
gründliche und erschöpfende Bearbeitung erhalten, ein 
Vorhaben, welches einer bereits von vielen Seiten gestellten, aber 
bisher nur ungenügend erfüllten Forderung durchaus entspricht. 

Um der Darstellung möglichste Gleichmässigkeit und dem Umfang 
des Werkes das mit dem Herrn Verleger vereinbarte Maass zu sichern^ 
war als Richtschnur für die Mitarbeit zugleich die Weisung gegeben, 
alle wesentlichen Thatsachen in gedrängtester Kürze 
zusammenzufassen. Besonders eindringlich war die Notwendig- 
keit absolut zuverlässiger Angaben betont worden. Die Be- 
arbeitung des klassischen Altertums hatte der Begründer des Werks 
sich selbst vorbehalten, während für die übrigen Abschnitte von ihm 
bereits Autoren gewonnen waren, die durch ihre litterarischen Arbeiten 
für quellenmässige Kenntnis und Behandlung des betreffenden Stoffes 
eine besondere Gewähr leisteten. Leider machte der für die Wissen- 
schaft viel zu früh erfolgte Tod unseres Meisters allen seinen Plänen 
ein Ende. Längere Erkrankung hatte ihn an jeder schriftstellerischen 
Thätigkeit verhindert, sodass im Nachlass ausser der klassischen Ein- 
leitung, die wir in unveränderter Gestalt zum Abdruck gebracht haben, 
kein Manuskript für das Handbuch von ihm vorgefunden wurde. 



"VT Vorrede. 

Die weitere Durchführung des vorlieg-enden Unternehmens war 
zunächst laut testamentarischer Verfügung dem Schüler und jüngeren 
Freund des Verewigten, dem mitunterzeichneten Neuburger, zugefallen. 
Auf dessen und des Herrn Verlegers ehrenden Wunsch erklärte sich 
auch der andere Mitherausgeber bereit, nach Kräften mitzuwirken. 

Wenn wir beide dieser mühevollen Aufgabe trotz mancher ent- 
gegenstehenden Bedenken uns unterzogen haben, so leiteten uns dabei 
in erster Linie Gefühle inniger Verehrung und Dankbarkeit für unseren 
zu früh aus dem Leben geschiedenen Meister, dessen letzte Wünsche 
zu erfüllen für uns Ehrensache war, ausserdem aber auch das Be- 
streben, ein Unternehmen nicht fallen zu lassen, dessen wissenschaft- 
licher Wert, ja dessen Notwendigkeit klar zu Tage liegt und für das 
die Vorarbeiten bereits bis zu einem Stadium gediehen waren, welches 
die glückliche Erreichung des vorgesteckten Zieles in absehbarer Zeit 
hoifen Hess. Freilich blieb noch manche Schwierigkeit zu überwinden. 
Einige der ursprünglich verpflichteten Mitarbeiter traten nach dem 
Tode Buschmanns zurück, und vor allem musste Ersatz für den Aus- 
fall seines eigenen Beitrages gesucht werden. Die Herren Dr. Dr. 
Eobert Fuchs aus Dresden, der bekannte Hippokrateskenner, und 
Iwan Bloch aus Berlin, ein jüngerer, bereits mit anerkannten Detail- 
studien im Gebiet der med. Geschichte hervorgetretener Genosse, sind 
nach Kräften bemüht gewesen, die ihnen übertragene Aufgabe zu lösen. 
Dank besonders ihrer und der übrigen Herren Kollegen rühriger Mit- 
arbeit haben wir nunmehr die Freude, der wissenschaftlichen Welt 
Bd. I des von Buschmann begründeten Werks vorzulegen. Wie auch 
immer das Urteil der unbefangenen Kritik lauten möge, das Eine wird 
sie anerkennen müssen, dass gegenüber den früheren Geschichtswerken, 
besonders auch dem „grossen Haeser", nach der litterarischen Seite 
sicher ein nennenswerter Fortschritt erzielt ist. In dieser Beziehung 
steht das neue Werk unbestreitbar auf der Höhe der Gegenwart. 

Möge das Handbuch den Namen seines Begründers, mit dem es 
für alle Zeit verknüpft bleiben soll, in Ehren tragen. 

Wien VI, Kollergerngasse 3, Berlin N., Chausseestr. 85, 
im März 1902. 



Neuburger. Pagel. 



Inhaltsübersicht. 



Seite 

Altertum. 

Einleitung von weiland Theodor Puschniann 3 

Das medizinische Können der Naturvölker Ton Max Bartels (Berlin) 10 

Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern von B. Scheube (Greiz) 20 

I. Chinesen 21 

II. Japaner 37 

III. Koreaner 50 

Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier von 

V. Oefele (Bad Neuenahr) 52 

Einleitung 52 

Sumerische Medizin des Zwischenlandes 57 

Vorarische Medizin Indiens 61 

Medizin der alten Nubischen Völker 62 

Medizin der Götterländer und Weihraucliländer 62 

3Iedizin der alten Nordwestafrikaner 63 

Krankheit des Sonnengottes in Aegypten . 64 

Krankheiten der Osirisfamilie 64 

Nagadaperiode '. . . . 65 

Die drei ersten Dynastien Aegyptens 65 

König Naramsin (in Babylonien) 66 

Aegyptische Medizin der Pyramidenzeit 68 

Babylonische Medizin 69 

Aerztestand im Zweistromlande 72 

Babylonische Anatomie und Physiologie 73 

Babylonische Pathologie 73 

„ Geburtshilfe 74 

„ Medikamente 74 

Aegyptische Medizin des mittleren Reiches 74 

Trojanische Medizin 76 

Papyrus Ebers 78 

üebersicht über die ägyptische Heilkunde 80 

18. und 19. Dynastie Aegyptens 88 

Mykenäkultur 91 

Cypem 91 

Etrurien 91 

Medizin Westasiens zur Zeit von Amenophis III. und IV. ... 92 

Aegyptische Medizin der Zeit demo tischer Schrift 93 

Assyrische Medizin 94 

Babylonisch-assyrische Pharmakotherapie 99 

Physikalische Therapie 100 

Chirurgie 101 

Medisch-persische Medizin 101 



VIII Inhaltsübersicht. 

Seite 

Aegyptische Medizin von Psammetik bis Alexander 103 

Medizin der Ptolemäerzeit 104 

Koptische Medizin 105 

Medizin des Sassanidenreichs in Westasien 107 

Die Medizin der Juden von J. Preuss (Berlin) 110 

Indische Medizin von Iwan Bloch (Berlin) 119 

Litter arhistorische Einleitung 120 

Beziehungen der indischen Medizin zur griechischen und arabischen 

Heilkunde 124 

Uebersicht über die medizinischen Schriften der Inder .... 128 

Medizin der Vedas 135 

Medizin der brahmanischen Periode: Anatomie und Physiologie . 138 

Allgemeine Aetiologie und Pathologie 140 

Allgemeine Diagnostik und Prognostik 140 

Diätetik und Hygiene ;...-.. 141 

Materia medica und Toxikologie 143 

Spezielle Pathologie und Therapie 146 

Chirurgie 149 

Augenheilkunde 150 

Geburtshilfe, Gynäkologie und Kinderheilkunde 150 

Standesverhältuisse und Deontologie 151 

Anhang: Tibetische Medizin ■ 152 

Geschichte der Heiiltunde bei den Griechen von Robert Fuchs (Klotzsche bei 

Dresden) 153 

Die mythische Zeit: 

1. Ursprung der griechischen Heilkunde 153 

2. Quellen der Geschichte der griechischen Heilkunde .... 155 

3. Litterarische Hilfsmittel 158 

4. Die Heilkunde bei Homeros und den Homeriden 161 

5. Die griechischen Heilgötter, Heroen und Dämonen. Asklepios 

und die Asklepiaden 163 

6. Die medizinischen Kenntnisse der ältesten griechischen Philo- 

sophen 170 

7. Aeussere Verhältnisse des Aerztestandes im Zeitalter des Hippo- 

krates. Unterricht. Aerztliche Werkstätten. Honorar. 

Amtsärzte und militärische Aerzte 178 

8. Gymnasien und Gymnasten 184 

9. Rhizotomen und Pharmakopoen. Hebammen 188 

10. Die ältesten griechischen Aerzteschulen , Kyrene, Kroton, 

Sicilien, Rhodos, Knidos, Kos 191 

11. Vorhippokratische oder zeitgenössische Aerzte des Hippokrates 193 

Hippokrates: 

12. Lebensgeschichte 196 

13. Die hippokratischeu Schriften (Corpus Hippocraticum) . . . 201 

14. Die Echtheitsfrage 206 

15. Die Schriften der hippokratischen Sammlung 211 

16. Die Heilkunde in den hippokratischen Schriften. Anatomie 

und Physiologie 236 

17. Allgemeine Pathologie 241 

18. Allgemeine Diagnose, Prognose und Therapie 242 

19. Aeussere Heilmittel, Pharmakologie 248 

20. Spezielle Pathologie und Therapie, Fieber, Darmleiden, Re- 

spirations- und Gefässkrankheiten, Krankheiten der Harn- 

und Geschlechtswerkzeuge und des Nervensystems .... 250 

21. Wunden, Geschwülste, Hernien, Hämorrhoiden, Fisteln, Para- 

siten, kachektische Zustände, Hautleiden 255 

22. Chirurgie, Frakturen, Luxationen, Muskelschäden und Amputation 257 

23. Ophthalmologie, Otologie, Rhinologie, Zahnheilkunde und Psy- 

chiatrie 260 

24. Gynäkologie und Geburtshilfe 263 

25. Unmittelbare Nachfolger des Hippokrates 268 



Inhaltsübersicht. TS. 

Seite 

26. Die Philosophie des Platon und Aristoteles. Theophrastos und 

Menou. Straton von Lampsakos, Eudemos, Klearchos, KaUi- 

sthenes 279 

27. Die Heilkunde in der Alexandrinerzeit. Herophilos. Die 

■ Herophileer (300 a. Chr.- 50 p. Chr.) 286 

28. Erasistratos. Die Erasistrateer 295 

29. Die Empii-iker 309 

30. ^'ikandros. Sostratos. Aratos etc. Krateuas. Die alexan- 

drinischen Chirurgen 316 

31. Verpflanzung der griechischen Heükunde nach Rom. Askle- 

piades 323 

32. Die Methodiker 328 

33. Plinius, Dioskurides und andere Phannakologen 348 

34. Pneumatiker und Eklektiker. Ruphos 358 

Galenos: 

35. Galenos. Leben und Bedeutung 373 

36. Die galenischen Schriften 379 

37. Das galenische System der Heilkunde 393 

Altrömische Medizin von Iwan Bloch (Berlin) 403 

Litteratur 403 

Theurgischer Charakter der altitalisch-römischen Heilkunde . . 404 

Medizinische Gottheiten der Römer 405 

Die medizinischen Weihgeschenke 408 

Medizinalwesen der älteren Zeit 409 

Altrömische medizinische Litteratur 411 

Celsus von Iwan Bloch (Berlin) 415 

Litteratur 415 

Zeitalter und Schriftsteller des Celsus 416 

Die medizinische Schrift des Celsus 417 

Anatomie 420 

Allgemeine Aetiologie, Symptomatologie und Prognostik .... 421 

Allgemeine Therapeutik, Diätetik und Hygiene 422 

Materia medica, Pharmacie und Toxikologie 427 

Allgemeine Pathologie und Therapie 428 

Spezielle Pathologie und Therapie 431 

Chirargie 432 

Augenkrankheiten 436 

Gjniäkologie und Geburtshilfe ^ . . . 438 

Dermatologie, Krankheiten der Geschlechts- und Harnorgane . . 439 

Deoutologie 442 

Celsus als Medizinhistoriker 443 

Mittelalter. 

Einleitung von Julius Pagel (Berlin) 447 

Altgermanische Heilkunde von M. Höfler (Tölz) 456 

Griechische Aerzte des dritten und vierten (nachchristlichen) Jahrhunderts von Iwan 

Bloch (Berlin) 481 

Alexandros von Aphrodisias 482 

Antyllos 483 

Philagrios und Poseidonios 489 

Magnos, Theon, Jonikos, Zeon 491 

Byzantinische Medizin von IwanBloch 492 

Die Schriftsteller des 4. und 5. Jahrhunderts: 

Oreibasios 513 

Der Anonymus des Lauremberg 521 

Adamantios 522 

Nemesios 523 

Hesychios von Damaskus und sein Sohn Jokohos Psychrestos . . 524 

Asklepiodotos Alexandrinos 525 



X Inhaltsübersicht. 

Seite 

Palladios Sophistes und Severos 526 

Die Schrift „Kyranides" 528 

Die Schriftsteller des sechsten Jahrhunderts: 

Aetios von Amida 529 

Alexandros von Tralles 535 

Uranios 544 

Die Schriftsteller des 7. Jahrhunderts: 

Theophilos Protospatharios 545 

Stephanos von Athen 547 

Paulos Aiginetes 548 

Joannes Alexandrinus, Ahron 556 

Hygienische und diätetische Schriften des 6. bis 8. Jahr- 
hunderts: 

Meletios 558 

Die Schriftsteller des neunten bis zwölften Jahrhunderts: 

Leo 559 

Photios 560 

Theophanes Nonnos 560 

Mi(;hael Psellos 561 

Simeon Seth 563 

Damnastes 564 

Niketas 564 

Synesios 564 

Stephanos Magnetes 565 

Schriftsteller des 13. und 14. Jahrhunderts: 

Demetrios Pepagomenos . 565 

Joannes Chumnos 565 

Nikolaos Myrepsos 566 

Joannes Aktuarios 566 

Nachträge 567 

Uebersicht über die ärztlichen Standesverhältnisse in der west- und oströmischen 

Kaiserzeit von Iwan Bloch (Berlin) 568 

Litteratur 568 

1. Medizinischer Unterricht 570 

2. Klassen der Aerzte 573 

3. Bürgerliche Stellung der Aerzte 579 

4. Leibärzte 580 

5. Archiatri 583 

6. Andere öffentliche Aerzte 585 

7. Militärärzte und Militärmedizinalwesen 586 

8. Niedergang des ärztlichen Standes 587 

Die Medizin der Araber von Schrutz (Prag) 589 

1. Einleitung 589 

2. Die Anfänge der arabischen Medizin 591 

3. Allgemeine Charakteristik der ersten Periode 593 

4. Die hervorragendsten Vertreter der ersten Periode 595 

5. Blüteperiode der arabischen Heilkunde 598 

Avicenna 605 

Avenzoar 609 

6. Minder hervorragende Aerzte des X.— XII. Jahrhunderts und 

beginnender Verfall der arabischen Medizin 610 

Geschichte der Medizin im Mittelalter von Julius Pagel (Berlin) 622 

Die Vorläufer der Mönchsmedizin. Die letzten medizinischen Schrift- 
steller aus der römischen Kaiserzeit 622 

Die Mönchsmedizin vom 6. — 12. Jahrhundert 624 

Die salernitanische Schule 637 

Constantinus Africanus 643 

Charakter der medizinischen Leistungen der Salernitaner . . . 655 



Inhaltsübersicht. XI 

Seite 
Die Medizin im Zeitalter der Scholastik. Die Uebersetzer der 

arabischen Werke 658 

Die Naturforscher der scholastischen Periode 661 

Die scholastischen Mediziner. Italien 666 

Die Medizin in Frankreich während der scholastischen Periode . 685 
Die Medizin in den übrigen Ländern Europas während des 13. — 15. 

Jahrhunderts 697 

Nachträge 700 

Die Spezialzweige der Heilkunde im {Mittelalter von Julius Pagel (Berlin) . . 701 

Anatomie und Physiologie 701 

Die Chirurgie vom 12. — 15. Jahrhundert 707 

Wundärzte der Salemitanischen Schule 709 

Die Ergebnisse der Salemitanischen Chirurgie 713 

Schule von Bologna 715 

Die Chirurgie in den übrigen Schulen Italiens 718 

Die Chirurgie in Frankreich vom 13. — 15. Jahrhundert .... 722 
Die Chirurgie in den germanischen Ländern, in den Niederlanden, 

England und Deutschland 736 

Die Chirurgie in Italien während des 15. Jalirhunderts .... 742 

Die italienischen Empiriker des 15. Jahrhunderts 744 

Die Augenheilkunde im Mittelalter (12.— 15. Jahrhundert) . . . 745 
Oeffentliche Gesundheitspflege und Epidemien im Mittealter. 

Populäre medizinische Litteratur 746 

Die übrigen Spezialzweige der Medizin während des Mittelalters . 748 

Register 753 



Druckfehlerverzeichnis. 

p. 659 Z. 21 V. u. 1. kongenialer statt kongenitaler, 
p, 668 Z. 16 V. 0. 1. geuoss statt genass, 
p, 669 Z. 15 V. u. 1. somit statt sowie. 



Altertum. 



Handbucli der Geschichte der Medizin. 



Einleitung. 

Von weiland Theodor Pnschmann (Wien). 



Alle menschliche Geschichte ist nur eine Geschichte von gestern. 

Wie klein ist der Zeitraum, seitdem sich die ersten Menschen aus 
dem tierartigen Zustande zur Erkenntnis ihrer selbst, zum Bewusst- 
sein ihrer höheren geistigen Fähigkeiten erhoben haben! Ungezählte 
Jahrtausende gingen voran, welche die Äfenschheit in geistiger Nacht 
und Dämmerung verbrachte, zufrieden, wenn sie die tägliche Nahrung 
fand und die dringenden Bedürfnisse des Daseins befriedigen konnte. 

Gleich den Tieren des Waldes lebten die Menschen in wilder 
Ungebundenheit ; ohne feste Wohnsitze, Hessen sie sich dort nieder, 
wo der Boden Früchte bot. Den Unbilden des Wetters preisgegeben, 
nicht selten von Nahrungsmangel heimgesucht, waren sie manchen 
schädlichen Einflüssen ausgesetzt, welche ihren Körper schwächten und 
Krankheiten erzeugten. Dazu kamen die Gefahren, die ihnen von 
Naturereignissen und feindlichen Tieren und Menschen drohten. 

Wenn sich unter solchen Umständen Katarrhe, Entzündungen 
innerer Organe und langes Siechtum entwickelten, so stand man dieser 
Thatsache rat- und hilflos gegenüber. 

Vielleicht, dass sich hier und da jener Heilinstinkt geltend machte, 
welcher das Tier treibt, die Fieberhitze im kalten Wasser zu löschen, 
die steifen Glieder an der Sonne zu erwärmen, die Wunden der Haut 
mit dem eigenen Speichel zu befeuchten und bei verdorbenem Magen 
Gras zu essen, um dadurch Erbrechen zu erregen ? — Der Organismus 
reagiert auf reflektorischem Wege gegen die Schmerzen und Leiden, 
von denen er ergriffen wird und wählt dazu die Mittel, die am nächsten 
liegen. Die im Körper vorhandenen regulatorischen und kompen- 
satorischen Vorrichtungen, welche man als Heilkraft der Natur be- 
zeichnet, führen oft zum Ausgleich der vorhandenen Störungen und 
zum Stillstand der Krankheitsvorgänge. In diesem Sinne erscheint 
die Natur als die erste Lehrerin der Heilkunde. 

Mit dem Erwachen der Intelligenz begannen die Menschen, die 
Dinge in ihrem Verlauf zu beobachten und nach ihren Ursachen zu 
fragen: Dann mögen einzelne wohl auch die Gebräuche bei Erkran- 
kungen und Verletzungen, durch welche man die Gesundheit wieder 
zu erlangen hoffte, einer Betrachtung unterzogen haben. Durchschauten 

1* 



4 Theodor Puschinann. 

sie dabei die Weisungen der Natur und folgten sie ihnen, so werden 
sie bald zu eigenen Erfahrungen gelangt sein, welche die Naturheil- 
kunde bestätigten, in manchen Punkten berichtigten und auf eine 
sichere Grundlage stellten. 

Wir besitzen aus jener Periode nur wenige Dokumente über die 
Heilkunst, aber sie zeichnen ein deutlicheres Bild der pathologischen 
Vorgänge, als es Worte vermögen : es sind die Schriftzüge, welche die 
Krankheiten und Verletzungen auf den prähistorischen Knochen zu- 
rückgelassen haben. Wir sehen Knochenbrüche, deren Heilung wahr- 
scheinlich durch Ruhe und dauernde Festlagerung der gebrochenen 
Glieder bewirkt wurde, Gelenkentzündungen mit Verdickungen und 
Wucherungen der Knochensubstanz, Verkrümmungen der Knochen, die 
durch Rhachitis hervorgerufen wurden und krankhafte Veränderungen, 
Avelche auf Lues hindeuten. 

Volkssagen und Legenden, die sich aus undenklichen Zeiten er- 
halten haben, berichten von Seuchen, welche unter den Menschen 
wüteten. 

Die Entstehung derselben erschien ihnen rätselhaft; ihre Ver- 
breitung und Bösartigkeit erfüllte sie mit Entsetzen; die Heilmittel, 
die bei anderen Leiden angewendet wurden, waren wirkungslos. 

In dieser Not wandten sie sich an die überirdischen Gewalten; 
von den Göttern, mochten sie dieselben unter der Gestalt der Sonne, 
des Mondes oder der Elemente suchen oder als den menschlichen 
Sinnen entrückte, unbegreifliche Mächte betrachten, erhofften sie Hilfe 
und Rettung von Krankheit und Tod. 

Die Priester verkündeten, dass die Seuchen von den über die 
Sünden der Menschen erzürnten Gottheiten gesendet worden seien, um 
sie zur Busse anzuhalten. Durch Gebete und Opfer glaubte man die 
Verzeihung der Götter zu erlangen und ihr Erbarmen zu erregen. 

Bestimmte Kultgebräuche, welche für diesen Zweck ersonnen 
und ausgebildet wurden, errangen das Vertrauen des gläubigen Volkes, 
welches die strenge Befolgung derselben forderte. Weise Gesetzgeber 
verbanden damit bisweilen Vorschriften und Einrichtungen, die auf 
Reinlichkeit, Massigkeit und einen geordneten Lebenswandel abzielten 
und trugen dadurch, wenn auch unbewusst, zur Begrenzung und Unter- 
drückung der epidemischen Krankheiten bei. Erloschen dieselben, 
nachdem die ganze Bevölkerung vom Krankheitsstoff durchseucht worden 
war oder grössere Widerstandskraft dagegen erlangt hatte, so wurde 
dieser Erfolg den Göttern und den Massnahmen ihrer klugen Priester 
zugeschrieben. Waren Gebete und Opfer vergeblich, so blieben die 
letzteren von jedem Vorwurf frei, indem sie die Schuld auf den über- 
mächtigen Willen der beleidigten Gottheit schoben. Dadurch gelangten 
die Priester allmählich in den Ruf, dass sie im Besitze der Heilkunst 
seien. Sie waren bemüht, denselben zu erhalten und zu vermehren. 

Deshalb achteten sie darauf, welche Gottheiten das Flehen der 
Menschen um Erlösung zu erhören schienen. Ihnen wurde ein be- 
sonderer religiöser Kultus geweiht, weil man annahm, dass sie von 
den übrigen Göttern mit der Aufgabe betraut seien, die körperlichen 
Leiden und Schmerzen zu lindern. Häufig waren es dieselben Gott- 
heiten, welche sich zu anderen Zeiten als Feinde der Menschen er- 
wiesen und sie mit Plagen und Seuchen schlugen. Diesen Mächten 
musste es leicht sein, das Uebel, das sie selbst geschaffen, wieder zu 
beseitigen. Es kam auch vor, dass Menschen, die während ihres 



Einleitung. 5 

Lebens als berühmte Heilkünstler Bewunderung erregten, nach dem 
Tode als Heilgötter verehrt wurden, wie A s k 1 e p i o s. Auch hier be- 
währte sich der Satz, dass die Götter Geschöpfe der Menschen sind^ 
projizierte Phantasiegebilde des eigenen Seelenlebens. 

Die Priester der Heilgottheiten widmeten sich neben dem Ke- 
ligionsdienst hauptsächlich der Krankenbehandlung. Dieselbe trug 
einen mystischen Charakter, durchsetzt von den Ueberlieferungen der 
empirischen Heilkunde. Je nach den Begriifen, die man sich von den 
Krankheiten machte, nahm sie verschiedene, zuweilen sogar recht 
wunderliche Formen an. 

Wenn man die Krankheit als ein fremdes Wesen, als einen bösen 
Geist, Dämon oder Teufel betrachtete, der vom Körper Besitz ge- 
nommen, so galt es, ihn daraus zu vertreiben. Man versuchte es 
durch Bitten und Beschwörungen. Half dies nicht, so wurde Gewalt 
angewendet oder man nahm zur List seine Zuflucht. 

Noch heute finden wir in der Medizin mancher Völker Reste 
dieses Urzustands der mystisch-theurgischen Heilkunst. 

Die Chinesen schreiben an das Hausthor, dass ihre Kinder nicht 
zu Hause sind, wenn die Diphtherie ausbricht, weil sie dadurch den 
Geist der Krankheit veranlassen wollen, dass er bei ihnen keine Ein- 
kehr hält. 

Manche Naturvölker glauben, dass es ihnen gelingt, durch wider- 
liche Gerüche und Räucherungen oder durch betäubenden Lärm den 
Krankheitsdämon zu verscheuchen; andere wollen ihm Furcht und 
Schrecken einflössen und halten ihm scheussliche Fratzen vor, die 
angeblich sein Ebenbild darstellen. Bei einigen Volksstämmen ist es 
üblich, den Kranken zu schütteln oder zu prügeln, um dem Dämon 
der Krankheit den Aufenthalt im Körper unangenehm zu machen. 

Nicht minder grausam waren die Versuche, die Götter durch 
Opfer zu gewinnen. Wenn man sich vorstellte, dass sie von Gier nach 
dem Leben des Kranken erfüllt seien und durch das Opfer eines 
Tieres oder Sklaven befriedigt werden, so zeigte man, wie niedrig 
man von ihnen dachte. Das waren mitleidslose blutdürstige Gestalten^ 
geradeso wie die Menschen, die vor ihnen zitterten. 

Als die Sitten milder wurden, verloren die Opferungen ihren 
bestialischen Zug und klangen zuletzt in symbolische Gebräuche aus^ 
die sich in Kulthandlungen zum Teil bis heute erhalten haben. Dass 
weder die vermeintliche Austreibung der Krankheitsdämonen noch die 
Sühnopfer auf den Kranken eine günstige Wirkung ausübten oder 
überhaupt eine hygienische Bedeutung hatten, ist leicht zu erkennen. 

Einer idealen Auffassung huldigten die Priesterärzte der Griechen. 
Sie trachteten, die Kranken in geistigen Verkehr mit dem Heilgott 
zu bringen. Zu diesem Zweck Hessen sie dieselben in den Tempeln 
schlafen und träumen. Aus den Träumen sprach nach ihrer Meinung 
die Gottheit, und die Kunst der Priester bestand darin, die Ereignisse 
und Worte des Traumes in dieser Richtung zu deuten und ein Heil- 
verfahren zu ersinnen, welches den Ratschlägen des Gottes entsprach. 

Stellte sich der ersehnte Traum in der ersten Nacht nicht ein, so 
wurden die Kranken auf die folgende Nacht vertröstet, bis ihre Er- 
wartungen erfüllt wurden. Durch Beten, Fasten und Kasteiungen ge- 
schwächt, beständig mit dem Gedanken an ihr Leiden beschäftigt, voll 
Vertrauen in die Macht und Güte des Gottes, das durch die Erzäh- 
lungen seiner glücklichen Heilerfolge noch gestärkt w^urde, gelangten 



6 Theodor Pusclimann. 

sie allmähiicli in einen Zustand hochgradiger geistiger Erregung, 
welche ihnen während des Schlafes Bilder vor die Seele zauberte, in 
denen sich ihre Leiden und Schmerzen, ihre Befürchtungen und Hoff- 
nungen wiederspiegelten. 

Freilich geschah es oft genug, dass alle Versuche der Kranken, 
einen Traum zu erhalten, vergeblich waren. In solchen Fällen über- 
nahmen die Priester an ihrer Stelle die Aufgabe, zu schlafen und zu 
träumen. Damit wurden dem Betrug die Thore eröffnet, und es ent- 
wickelte sich eine Klasse berufsmässiger Träumer, welche aus dem 
Verkehr mit überirdischen Wesen ein einträgliches Geschäft machten, 
ähnlich den spiritistischen Medien unserer Tage. Diese Leute scheuten 
sich nicht vor groben Betrügereien, wie sie Aristophanes auf der 
Bühne geisselte. 

Der theurgisch-mystische Charakter beherrschte die Medizin aller 
Völker während der Periode ihrer frühesten Kulturentwicklung. Wenn 
ihre Vertreter, die Priester und Zauberer, damit später die Ueber- 
lieferungen der empirischen Heilkunde verbanden und auf diese Weise 
auf den festen Boden der Thatsachen zurückkehrten, so wurde die 
Möglichkeit gegeben, dass die Summe des medizinischen Wissens ver- 
mehrt und systematisch begründet werden konnte. 

In den Tempeln begannen die Priesterärzte ihre Beobachtungen 
niederzuschreiben und zu vergleichen. Die Ergebnisse dieser Thätig- 
keit waren bestimmte Regeln für die Erkenntnis und Behandlung 
der Krankheiten, welche den folgenden Geschlechtern als Richtschnur, 
als Gesetz des ärztlichen Handelns dienten. Das waren die ersten 
Lehrbücher der Heilkunde, der Beginn der medizinischen Litteratur. 

Die Priester, die Erfinder der Schreibekunst, die Hüter alles 
menschlichen und göttlichen Wissens, unterzogen sich der Aufgabe, 
alle Gebiete des geistigen Lebens zu durchforschen und zeichneten 
nicht bloss die Grundlagen der Medizin, sondern auch der Rechts- 
kunde, Mathematik, Astronomie und anderer Wissenschaften auf. Diese 
Werke gewannen im Lauf der Jahrhunderte immer mehr an Ansehen 
und wurden für heilig gehalten. Die Aegypter leiteten ihre Ent- 
stehung von einem Gott her, die Chinesen von weisen Herrschern der 
Vorzeit. 

Eine Vereinigung dieser Bücher zu einem Ganzen kam nur dort 
zu Stande, wo die Priester Kollegien bildeten, deren Mitglieder, wenn 
sie auch in ihrer eigentlichen Berufsthätigkeit von einander abwichen, 
doch als geschlossene Korporation nach aussen auftraten, wie in 
Aegypten. 

Die Asklepiospriester der Griechen schieden sich schon früher 
von den übrigen Priestern, hier gab es keine das gesamte Wissen 
jener Zeit umfassende sacrosancte Litteratur. Zudem achteten die 
Asklepiospriester streng darauf, dass ihre Geschäftsgeheimnisse allen 
verschlossen blieben, die nicht zum engen Kreise ihrer Mitglieder 
gehörten. 

Erst als sich die Heilkunst mehr und mehr vom religiösen Kultus 
frei machte und in die Hände von Aerzten überging, die nicht Priester 
waren, war es möglich, dass die wissenschaftlichen Errungenschaften 
der ärztlichen Forschung allgemeinere Verbreitung fanden. Das war 
das Verdienst einiger Aerzte des 6. und 5. Jahrhunderts v. Chr., unter 
denen Hippokrates am bekanntesten ist. 

Die griechischen Aerzte nannten sich Asklepiaden, Abkömmlinge 



Einleitung. 7 

des Asklepios, um dadurch den Glauben zu erwecken, dass sie ihre 
medizinischen Kenntnisse als Familientradition von ihrem mythischen 
Ahn überkommen hätten. Sie vereinigten sich zur gemeinsamen Ver- 
ehrung desselben in den Asklepiostempeln und hielten die Beziehungen 
zu diesen geheiligten Orten, denen sie einen grossen Teil ihrer medi- 
zinischen Kenntnisse verdankten, aufrecht. Auch unterschieden sie sicli 
danach in verschiedene Sekten oder Schulen, die, wenn sie auch in 
ihi'en Theorien und Hypothesen auseinandergingen, doch darin über- 
einstimmten, dass die Erfahrung die hauptsächlichste, vielleicht die 
einzige Quelle der ärztlichen Erkenntnis bildet. 

Die griechische Medizin ging zwar aus der Tempelmedizin hervor; 
aber sie stützte sich vorzugsweise auf die durch Beobachtung am 
Krankenbett ermittelten Thatsachen. Dabei zog sie alle den Kranken 
betreffende Verhältnisse in Betracht, z. B. den Einfluss, welchen 
Klima, Wetter, Temperatur und Nahrung auf ihn ausübten und schlug 
eine individualisierende Richtung ein. Sie wollte nicht die Krankheiten, 
sondern den Kranken behandeln. Dieses Ziel hat den grossen Heil- 
künstlern aller Zeiten vor Augen geschwebt. Ihm verdanken die 
griechischen Aerzte die Erfolge, die sie mit ihren Kuren errangen. 

Daneben wurde die wissenschaftliche Begründung der Heilkunde ver- 
sucht. Im Anschluss an die Naturphilosophie, welche sich an die schwie- 
rigsten Pi'obleme des kosmischen Lebens wagte, ging man an die Erklärung 
der physiologischen und pathologischen Erscheinungen des menschlichen 
Körpers. Wenn auch bei dem Mangel der dafür erforderlichen Vor- 
kenntnisse die Ergebnisse, zu denen man dabei gelangte, lediglich 
spekulativer Natur waren, so verdient es doch Anerkennung, dass 
man bestrebt war, allgemeine Gesichtspunkte für das Verständnis des 
menschlichen Organismus zu gewinnen und die Ursachen der Lebens- 
erscheinungen zu erforschen. 

Die Theorien der Elemente, der Urqualitäten und der Säfte boten 
das Material dafür. Die grösste Verbreitung erlangte die Lehre, dass 
die Flüssigkeiten des Körpers, wenn sie eine normale Mischung der 
Grundstoffe enthalten, die Gesundheit bedingen, durch eine anormale 
Mischung derselben aber Krankheiten erzeugen. Man dachte sich, 
dass die Flüssigkeiten, namentlich das Blut, welches in allen Teilen 
des Körpers ström.t, Kraft und Leben zuführen und bei Erkrankungen 
die Krankheitskeime überallhin verbreiten. Diese Form der Humoral- 
pathologie fand bei den Indern und anderen orientalischen Völkern 
Eingang, wurde von den Römern übernommen und erhielt sich in 
mannigfachen Modifikationen durch das Mittelalter und die Neuzeit 
bis ins 19. Jahrhundert. 

Allerdings führte die Einseitigkeit dieser Anschauung schon im 
Altertum dazu, dass auf die Bedeutung der festen Teile des Körpers 
für Gesundheit und Krankheit hingewiesen wurde. Der geniale As- 
klepiades entwarf auf Grundlage der Solidarpathologie ein System 
der Heilkunde, in welchem den Holilräumen und Poren des Körpers die 
Rolle zugeteilt wurde, welche in der Humoralpathologie die Gefässe 
spielten. Später treten an Stelle der Poren die Nerven, welche das 
Allgemeinverhalten des Körpers bestimmen sollen. 

Weder die eine noch die andere Theorie vermochte alle Fragen 
zu beantworten. Die denkenden Aerzte huldigten deshalb einem ver- 
nünftigen Eklekticismus, der die leitenden Gedanken der verschiedenen 



g Theodor Puschmaun. 

Systeme zu vereinigen suchte und sich in der Praxis hauptsächlich an 
die Erfahrung hielt. 

Wertvoller als die gewaltsame Anpassung der mangelhaft er- 
kannten und häufig falsch verstandenen Thatsachen an ein künstlich 
zugeschnittenes Schulsystem war die Vermehrung des Wissensmaterials, 
welche sich viele Aerzte zur Aufgabe machten. Es war vor allem die 
Beobachtung am Krankenbett, in welcher es das Altertum zu einer 
hohen Vollendung brachte. Da blieb keine Veränderung in dem Be- 
finden des leidenden Körpers unbeachtet. Die einzelnen Erscheinungen 
Avurden so genau beschrieben, dass den verschiedenen Krankheitsbildern 
von den späteren kaum etwas hinzugefügt werden konnte. Man lauschte 
aufmerksam dem Walten der Natur und wollte selbst in der ärztKchen 
Thätigkeit nichts weiter leisten als der Natur hilfreich dienend zur 
Seite zu stehen. 

Die Heilkunde der Alten musste sich damit begnügen, an den 
äusseren Erscheinungen der Krankheiten zu haften. Die Erforschung 
des Wesens derselben blieb ihr verschlossen; denn eine pathologische 
Anatomie gab es damals noch nicht. Die Diagnosen waren daher nur 
symptomatische, und ihre Krankheitsbegriffe deckten sich nicht mit 
den unserigen. Man unterschied als selbständige Krankheiten, was 
wir als Krankheitserscheinungen bezeichnen, wie Husten, Erbrechen, 
Durchfall, und fasste Krankheiten verschiedenen Wesens unter dem 
gleichen Namen zusammen, wenn sie durch ein gemeinsames S5'mptom 
eine äussere Aehnlichkeit darboten, wie in der Phrenitis u. a. 

Bewundernswert sind die Leistungen des Altertums auf dem Ge- 
biete der Chirurgie, umsomehr als eine notwendige Voraussetzung, 
nämlich die genaue Kenntnis des anatomischen Baues des Körpers 
fehlte. Mit sehr geringen technischen Hilfsmitteln ausgestattet, unter- 
nahm man grosse chirurgische Operationen, z. B. Trepanationen, Ampu- 
tationen, Resektionen, deren glückliche Ausführung auch jetzt noch 
viele Schwierigkeiten bietet. 

In der Schule der Erfahrung hatte man gelernt, dass Reinhaltung 
der Wunden, gute Luft, Ruhe und Zeit die besten Heilmittel in der 
chirurgischen Therapie sind. Im Anlegen von Verbänden, in der Ein- 
richtung verrenkter Gliedmassen gab die wiederholte Uebung die er- 
forderliche Geschicklichkeit, und die Vorkommnisse bei den Ringkämpfen 
boten manche Gelegenheit dazu. 

Selbst in der Augenheilkunde und Geburtshilfe errangen die Aerzte 
des Altertums bemerkenswerte Erfolge. Sie verstanden, den grauen 
Star zu operieren und das verlorene Augenlicht wieder herzustellen, 
obwohl sie weder wussten, worin dieses Leiden besteht, noch welche 
Wirkungen sie durch ihren Eingriff" herbeiführten. Es ist dies eines 
der deutlichsten Beispiele, dass die Heilkunst der Heilwissenschaft vor- 
ausgeht. Leichter waren die Verhältnisse in der Geburtshilfe zu durch- 
schauen. An gebärenden Tieren sowohl wie bei der Besichtigung 
weiblicher Becken konnte man die Beziehungen des kindlichen Körpers 
zum Fruchthalter studieren. Daraus ergab sich die Erkenntnis, dass 
schwierige Geburten durch die Verbesserung der Kindslage erleichtert 
werden können. Die Wendung und der Kaiserschnitt waren Operationen, 
bei denen der genetische Zusammenhang zwischen der Kunsthilfe und 
der beabsichtigten Wirkung jedem einleuchten musste. 

Die Erforschung der theoretischen Grundlagen der Heilkunde blieb 
hinter der praktischen Ausübung derselben zurück. Man verstand die 



Einleitung. 9 

Kunst, Kranklieiten zu heilen, ehe man wusste, wie der Körper im 
gesunden Zustande aussieht und funktioniert, und wie er im kranken 
verändert wird. Diese Thatsache widerspricht der Kathederweisheit 
unserer Schulen, nach welcher Anatomie, Physiologie und Pathologie die 
unerlässlichen Vorbedingungen einer rationellen Therapie bilden. 
Uebrigens wenden wir auch heute noch Heilmethoden und Heilmittel 
an, deren Wirkung auf den Organismus unbekannt ist, lediglich weil 
wir aus Erfahrung wissen, dass sie im stände sind, Krankheiten zu 
mildern oder zu beseitigen. 

Die anatomischen Kenntnisse der Griechen beschränkten sich im 
wesentlichen auf die Knochenlehre und die wichtigeren Organe der 
Körperhöhlen; von den Muskeln, Gefässen und Nerven hatten sie nur 
dunklere und lückenhafte Vorstellungen. 

Eifrigere Pflege fand dieser Gegenstand erst in Alexandria, wo 
den Aerzten gestattet wurde, ihr anatomisches Wissen an mensch- 
lichen Leichen zu erweitern. Dieser Periode sind die ersten Arbeiten 
über das Nervensystem zu verdanken. 

Die griechische Medizin nahm ihren Weg über Alexandria nach 
Eom. Heilkünstler aus dem Oriente, welche seit dem 2. Jahrhundert 
V. Chr. in der Hauptstadt des neu entstehenden Weltreiches einwan- 
derten, erregten durch ihre chirurgische Geschicklichkeit das Erstaunen 
der bäuerlichen Bewohner Latiums und zeigten ihnen, was Aerzte, 
welche diesen Namen verdienen, zu leisten vermögen. 

Die auf italischem Boden entstandene Heilkunde beschränkte sich 
auf die Kenntnis einiger Hausmittel und der alltäglichen chirurgischen 
Hilfeleistungen. Sie unterlag der griechischen Medizin. Die Ueber- 
legenheit derselben brachte es mit sich, dass römische Aerzte bei den 
Griechen in die Schule gingen und ihre Lehren annahmen. Uebrigens 
gehörte die Medizin, da sie liäufig von Sklaven ausgeübt wurde, nicht 
zu den vornehmen Künsten, welche den nach politischen und mili- 
tärischen Erfolgen dürstenden Ehrgeiz der Römer weckten. Darin liegt 
sicherlich eine der Ursachen, dass die Heilkunde von ihnen nahezu gar 
keine Bereicherung erfahren hat. 

Ihre wissenschaftliche Pflege blieb auch in Rom in den Händen 
der Griechen. Alle wertvollen medizinischen Werke wurden von 
griechischen Aerzten verfasst und in griechischer Sprache geschrieben. 

Galen, der grösste Theoretiker des Altertums, der Pharmakologe 
Dioskorides, der Frauenarzt Soranos waren Griechen. In latei- 
nischer Sprache ist nur ein einziges medizinisches Buch von Bedeutung 
verfasst, und dieses rührt nicht von einem Arzt her, sondern von 
einem Laien, dem hochgebildeten A. Cornelius Celsus. 

Die Römer bekundeten vorzugsweise für die Chirurgie und die 
Heilmittellehre Interesse. Fortschritte waren daher nur auf diesen 
Gebieten möglich. Die chirurgische Operationskunst feierte grosse 
Triumphe und der Arzneischatz erfuhr wesentliche Bereicherungen. 
Die litterarische Thätigkeit ihrer Aerzte befasste sich hauptsächlich 
mit der Anfertigung von Auszügen aus den umfangreichen Werken, 
von Rezeptsammlungen und für das praktische Bedürfnis berechneten 
Kompendien. 

Diesen Charakter zeigen auch die Produkte der spätlateinischen 
Periode; der Rückschritt, welcher sich hierin deutlich offenbart, bildete 
nur die notwendige Konsequenz des Verfalls, dem die gesamte Kultur 
am Ausgang des Altertums unaufhaltsam zustrebte. 



Das medizinische Können der Naturvölker. 



Von 

Max Bartels (Berlin). 



Es ist eine in der menschlichen Natur fest wurzelnde Eigentüm- 
lichkeit, in körperlichen Leiden bei den Mitmenschen Trost und Linde- 
rung zu suchen, oder dem Leidenden, so gut oder so schlecht als 
man es vermag, mit helfenden Ratschlägen zur Seite zu stehen. Tritt 
danach die erhoifte Besserung ein, so wird bei ähnlichen Krankheits- 
symptomen das gleiche Mittel in Anwendung gezogen, und hiermit ist 
dann der erste Stein für eine empirische Heilkunde gelegt. So ist die 
Ausübung ärztlicher Hilfe wahrscheinlich so alt, wie die Menschheit 
selbst; und wenn wir von einer Geschichte der Heilkunde sprechen 
wollen, so haben wir ihre allerersten Anfänge in der Kindheit des 
Menschengeschlechtes zu suchen. Aus diesen Perioden giebt es natür- 
lich keine geschriebenen Dokumente, jedoch reden manche Knochen- 
verletzungen, wie sie sich an den Resten vorgeschichtlicher Menschen 
fanden, für den aufmerksamen Beobachter eine sehr beredte Sprache. 
Ausser diesen Funden der Vorzeit, wie sie gelegentliche Ausgrabungen 
liefern, giebt es aber auch noch einige andere Hilfsmittel, um sich 
ein Bild der embryonalen Anfänge der Heilkunde entwickeln zu können. 
Wie auf anderen Gebieten der Kulturgeschichte, ist es auch hier das 
Studium dessen, was die Naturvölker thun, das uns das rechte Ver- 
ständnis giebt. Denn heute ist es eine bekannte Thatsache, dass das 
Thun und Treiben dieser letzteren auf allen Gebieten des menschlichen 
Handelns eine überraschende Uebereinstimmung zeigt mit demjenigen, 
was die Völker der Urzeit thaten. Und so unterliegt es keinem 
Zweifel, dass sie auch in ihrem medizinischen Denken die betreifenden 
Analogien bieten. In einer Reihe von Fällen ist man im stände, dieses 
auch mit Sicherheit nachzuweisen. 

Aber auch noch einen anderen Faktor dürfen wir nicht unter- 
schätzen, wenn wir uns vorstellen wollen, wie in der schriftlosen Ur- 
zeit sich das medizinische Können verhielt; das ist das heilkünstlerische 
Gebahren, wie wir es in den niederen und in den geistig armen 
Schichten der heutigen Kulturvölker finden, namentlich bei der Land- 
bevölkerung. Dieses hat soviel Uebereinstimmendes mit dem medi- 



Das medizinische Können der Naturvölker. 11 

zinischen Denken und Handeln der unzivilisierten Völker, dass wir 
sicherlich wohl nicht fehlgehen, wenn wir viele von diesen Massnahmen 
auch schon in dem grauen Altertum suchen. 

Auch für diese Anschauung liegen bestimmte Beweise vor in den 
Aufzeichnungen der antiken Schriftsteller. Wir vermögen aus den- 
selben zu ersehen, dass manche Heilmethoden, wie das heutige niedere 
Volk sie übt und wie wir sie bei den Naturvölkern wiederfinden, auch 
im Altertum ganz gebräuchlich waren. Es sei hier an die Be- 
schwörungen, die Amulette und die Votivgaben erinnert, durch die 
man der Krankheit Herr zu werden suchte. 

Diese Erörterungen werden genügen, um darzuthun, dass in einem 
Werke, das die (jeschichte der Medizin behandeln soll, auch der 
Medizin der Naturvölker ein berechtigter Platz gebührt. 

Es muss hier aber noch an einen beachtenswerten Umstand er- 
innert werden: Wir dürfen nicht ohne weiteres alles, was wir in der 
Medizin der Naturvölker oder in der Volksmedizin antreffen, als ein 
wahrhaftes Spiegelbild dessen betrachten, was in der Urzeit der Medizin 
vorgenommen wurde. In der Volksmedizin findet sich mancherlei, was 
sich bei genauerer Betrachtung als ein Ueberrest alter Magistralmedizin 
erkennen lässt. Solche aus der gelehrten Heilkunde früherer Jahr- 
hunderte dem Volke in Fleisch und Blut übergegangenen Massnahmen 
dürfen wir natürlicherweise nicht berücksichtigen wollen. Anderer- 
seits giebt es unter den heutigen Naturvölkern einige, welche in längst 
vergangener Zeit eine hohe Kultur besassen, die aber allmählich immer 
mehr in rohe Verhältnisse herabgesunken sind. Von ihrem früheren 
Können jedoch, namentlich auf medizinischem Gebiete, haben sie einiges 
hinübergerettet, das ihr kultureller Verfall nicht zu vernichten ver- 
mochte. Auch diese Ueberlebsel aus besseren Zeiten wird man bei 
genauerem Zusehen ohne Schwierigkeit auszuschalten vermögen, und 
so wird man das wahrhaft Ursprüngliche von dem künstlich Auf- 
gepfropften trennen können. 

Bei den Naturvölkern ist fast noch mehr als in der wissenschaft- 
lichen Medizin die Frage nach der Aetiologie der Krankheit von 
hervorragender Bedeutung. Denn je nach der Auffassung, was die 
Krankheit sei, richtet sich auch das therapeutische Handeln. Ist 
die Krankheit ein Dämon, der in den Menschen fährt, so muss man 
ihn durch Beschwörungen vertreiben oder durch Versprechungen 
herausschmeicheln, oder endlich durch geschickte Ueberlistung her- 
auslocken. Hat der Dämon Teile des Menschen entwendet, die Seele 
(z. B. Celebes, Loangoküste, Hervey- Inseln u. s. w.), den Schatten 
(z. B. in Nias), das Nierenfett (z. B. bei den Australnegern Victorias), 
so muss man ihm dieselben wieder abjagen und sie in den Kranken 
zurückbefördern. Hat ein böser Mensch durch unheilvolle Zauberei 
die Krankheit herbeigerufen, so kommt es darauf an, durch einen 
kräftigen Gegenzauber dieselbe wiederum unwirksam zu machen, 
oder sie auf ihren unheilvollen Urheber zu übertragen. Hat die Be- 
zauberung darin bestanden, dass die Krankheit in Form einer fremden 
Substanz, als Tier, als Stein, als Knochen, als Holzstück, als Stroh- 
halm, in den Körper der Patienten geschleudert wurde, so muss der 
Medizinmann den Fremdkörper entfernen, was meistens durch kräftiges 
Aussaugen geschieht. Wird die Krankheit aufgefasst als eine Strafe, 
die die Gottheit sandte, oder als eine Prüfung, welche letztere über 
den Menschen zu verhängen beschloss, dann vermag natürlicherweise 



12 Max Bartels. 

nur strenge Busse und Opfer und Gebet sie dem Erkrankten ab- 
zunehmen. 

Doch wir finden bei den Naturvölkern auch bisweilen schon die 
Ansicht vertreten, dass bestimmte Erkrankungen der Vererbung (Lepra), 
dem Genüsse gewisser Pflanzen (Abortus), oder elementaren Einflüssen, 
z. B. dem Winde, ihren Ursprung verdanken. Dass auch die Ver- 
wundungen und Verletzungen, wo man die Ursache und Wirkung vor 
Augen hat, keinen übernatürlichen Ursachen zugeschrieben werden, 
das ist wohl leicht zu begreifen. Und es mag hier gleich hervor- 
gehoben werden, dass in diesen letzteren Fällen auch das therapeutische 
Handeln meist ein zielbewusstes und nicht selten ein überraschend 
zweckmässiges ist. 

Um mit der Gottheit direkt zu verkehren oder gar Dämonen zu 
bekämpfen, dazu gehören besonders starke Geister, die in ihrer In- 
telligenz höher stellen als ilire Stammesgenossen, Nicht selten dulden 
sie keinen zweiten neben sich; bei anderen Völkern aber treten sie 
gemeinsam zu mehreren auf und dann haben wir bereits das Bild des 
Ordinarius mit seinen Assistenten vor uns, denen sich bisweilen auch 
noch der Consiliarius hinzugesellt. Da nun aber der Verkehr mit der 
Geisterwelt sich nicht ausschliesslich auf medizinische Dinge richtet, 
so flnden sich in vielen Fällen die Funktionen des Medizinmannes mit 
derjenigen des Priesters vereinigt, und durch allerlei äusseren Putz 
oder durch grauenhafte Vermummung, sowie durch ein strenges Cere- 
moniell versuchen sie es mit grossem Erfolg, das profane Volk von 
sich fern zu halten. So bilden sie einen höchst einflussreichen Stand, 
in welchen einzutreten oft eine lange und harte Novizenzeit erfordert. 

Der Novize muss bei einigen Völkern eine ganze Reihe von Jahren 
warten, bis er in den nächst höheren Grad einrücken darf, und solcher 
Grade hat er mehrere zu durchlaufen, bevor er die höchste Stelle er- 
reicht. Letzteres gelingt aber überhaupt nur ganz vereinzelten und 
hervorragenden Naturen, deren Macht und Einfluss dann aber auch 
sehr bedeutend ist. Bei einigen Volksstämmen finden sich Einrich- 
tungen, die an ein ärztliches Examen erinnern, so bei den nordameri- 
kanischen Indianern, bei den Xosakaffern u. s. w. 

Ihr Ansehen dem Volke gegenüber wissen die Medizinmänner sich 
durch allerlei Kunstgrifi'e zu erhalten: sie essen anderes, als ihre 
Stammesgenossen, ihre Mahlzeiten werden zu anderer Zeit gehalten, 
ihre Kleidung ist eine ungewöhnliche, sie tragen ein absonderliches 
Benehmen zur Schau, sie prahlen geschickt mit ihren Erfolgen, stossen 
gegen ihre Gegner schwere Drohungen aus, und suchen ihre Lands- 
leute in Furcht zu erhalten. Die Honorare, welche ihnen zu zahlen 
sind, erreichen manchmal eine beträchtliche Höhe. So wurde einem 
Arzt der Navoj6-In dianer in Arizona für eine Behandlung ein sehr 
grosses Geschenk an Pferden und reichliche Nahrung für die Dauer 
der Kur für sich und seine Gehilfen dargeboten. 

Aber der Beruf der Medizinmänner ist nicht ohne Gefahr, da man 
sie bei manchen Völkern für den Tod des Patienten verantwortlich 
macht. Sie sind dann selber dem Tode verfallen, wenn es ihnen nicht 
glücklich gelingt, die Hinterbliebenen davon zu überzeugen, dass nicht 
sie, sondern ein böswilliger Medizinmann eines feindlichen Stammes 
den letalen Ausgang verursacht habe. 

In der Behandlungsweise der Medizinmänner spielen vorbereitendes 
Fasten, Reinigungsbäder und Räucherungen, sowie Gebete eine hervor- 



Das medizinische Können der Naturvölker. 13 

ragreude EoUe, für die Ausführung ilirer Kuren bedienen sie sich viel- 
fach der Bauchrednerkunst, die der staunenden Menge vortäuscht, wie 
der Medizinmann durch die Lüfte fliegt (Australneger), oder wie er 
mit Dämonen und Geistern lange Unterredungen führt (Indianer). Auf 
diesem Gebiete verstehen sie bisweilen ganz Hervorragendes zu leisten, 
das selbst Europäer in Erstaunen setzt. Auch die Hypnose und die 
Suggestion ziehen sie vielfach in Anwendung, aber diese wird nicht 
überall in gleicher Weise ausgeführt. Manche Medizinmänner führen 
sich selbst durch eintönigen Gesang, betäubendes Rasseln und gleich- 
förmige Bewegungen in einen hypnotischen Zustand über, z. B. die 
Schamanen der sibirischen Völker, andere hjT)notisieren einen Gehilfen, 
der ihnen als ihr Medium dient, und der dann mit der Geisterwelt 
verkehrt und die notwendigen Massnahmen verkündet. Das ist nament- 
lich bei verschiedenen Stämmen Cochinchinas und auf der Insel Buru 
im Osten des malayischen Archipeles Gebrauch. Aber vielfach sehen 
wir auch, dass der Medizinmann den Patienten selber in einen hypno- 
tischen Schlaf versetzt, aus dem er dann geheilt zu erwachen pflegt. 
Ueberhaupt können wir nur staunen, wenn wir aus glaubwürdigen 
Berichten erfahren, was bei den Naturvölkern die Einbildung thut, 
sowohl im guten, als im schlechten Sinne. Die eindringliche Ver- 
sicherung des Heilkünstlers, dass die Krankheit gehoben sei, ist iu 
vielen Fällen genügend, den Patienten von seinen Leiden zu befreien. 
Andererseits reicht aber auch die blosse Drohung eines erzürnten 
Medizinmannes hin, dass der Bedrohte innerhalb einer kuraen Anzahl 
von AVochen sterben würde, um bei einem ganz gesunden Menschen 
einen CoUapsus hervorzurufen und eine tiefgreifende Melancholie, welche 
innerhalb der gestellten Frist den Unglücklichen wirklich zum Tode führt. 

Um hier in die Einzelheiten einzugehen, die sehr viel Interessantes 
bieten, ist der mir zu Gebote stehende Raum zu beschränkt. Ich habe 
diese Dinge ausführlich erörtert in einem Werke über die Medizin 
der Natur Völker, M wo der Leser die genaueren Belege findet. 

Das Tragen von Talismanen und Amuletten, um sich vor Krank- 
heiten zu schützen, oder um letztere zu vertreiben, ist, wie oben be- 
reits angedeutet wurde, auch bei vielen Naturvölkern bekannt, und 
auch bei ihnen geniessen bestimmte Priesterärzte und gewisse Heilig- 
tümer in der Herstellung dieser wirksamen Dinge eines gi-össeren 
Rufes, als andere dieser Art. 

Die Anwendung von Beschwörungsformeln ist eine weit verbreitete, 
und es bieten sich auch in dieser Beziehung mancherlei Analogien 
mit dem Gebahren der „klugen Frauen" unserer Landbevölkerung 
dar. Wie von den letzteren, werden auch von den Medizinmännern 
vielfach die Zauberformeln murmelnd hergesagt oder in eintöniger 
Weise gesungen; vielfach findet sich in ihnen eine altertümliche 
Sprache verwendet, die das gemeine Volk nicht versteht, und oft auch 
der Beschwörer ebenfalls nicht. Auch was den Inhalt anbetrifft, so 
finden ^^^r viel Uebereinstimmendes; denn die Formeln enthalten ge- 
wöhnlich demütige oder schmeichelnde Bitten, Vorstellungen, Befehle 
oder Verfluchungen.-) 

') Max Bartels, Die Medizin der Naturvölker. Ethnologische Beiträge zur Ur- 
geschichte der Medizin. Älit 175 Originalholzschuitten im Text. Leipzig, Th. Griebens 
Verlag (L. Fernau) 1893. 

■)Max Bartels, Ueber Krankheitsbeschwörungen. Zeitschrift des Vereins 
für Volkskunde. Jahrgang V. S. 1—40. Berlin 1895. 



14 Max Bartels. 

Diese Erörterungen mögen in dem Leser wohl die Empfindung- 
hervorrufen, als ob das medizinische Handeln und Können der Natur- 
völker eigentlich ein recht primitives und unzureichendes wäre, welchem 
jegliche Grundlage richtiger Beobachtung oder durchdachten und 
zweckmässigen Eingreifens fehlt. Aber ganz wie in der Volksmedizin, 
so treffen wir ebenfalls auch bei den Naturvölkern allerlei zweckent- 
sprechende Massnahmen an, wie sie die gelehrte Medizin in ähnlicher 
Weise zu benutzen pflegt. Allerdings liegen sie nicht in allen Fällen 
klar zu Tage, sondern allerlei phantastisches Beiwerk hat sie der- 
massen überwuchert, dass man sie nur mit einiger Mühe aus diesem 
Wüste herausschälen kann. Für die Volksmedizin hat dies Lieber^) 
in sehr glücklicher Weise gethan. 

In der Medizin der Naturvölker müssen wir noch einige Heil- 
faktoren etwas eingehender betrachten. In erster Linie sei der Massage 
gedacht, welche eine über den ganzen Erdball verbreitete Ausdehnung 
besitzt. Unter den verschiedensten Namen und von den verschiedensten 
Völkern haben die Eeisenden sie rühmend erwähnt und nicht selten 
haben sie eindringlich ihre Nachahmung empfohlen. Ihre Ausführung 
ist nicht immer die gleiche, aber, wo man sie auch angetroffen hat, 
immer musste man die staunenswerte Geschicklichkeit der Masseure 
oder der Masseusen besonders bewundern. Bald ist es nur ein ganz 
leises Berühren, bald ein Streichen, Drücken und Kneten, bald ein 
Stossen mit den Fäusten oder mit den Knien, oder selbst ein Treten 
mit den Füssen, oder ein Peitschen mit Euten oder Nesseln ; meistens 
aber hat es den erwünschten Erfolg. Um ein Beispiel der Ge- 
schicklichkeit der Masseusen zu geben, möchte ich erwähnen, dass 
in Cochinchina dieselben durch vorsichtiges Treten des Leibes die 
zögernde Nachgeburt zu entfernen verstehen,^) und dass ihre Kolleginnen 
in Java eine künstliche Eückwärtsknickung der Gebärmutter hervor- 
rufen können, um Befruchtungen zu verhüten, und dass sie diesen 
Schaden wieder gut zu machen verstehen, wenn eine Schwangerschaft 
erwünscht sein sollte.*) 

Auch die Anwendung von Wasserkuren findet sich häufig, und 
ganz wie in der Volksmedizin, wo die Leitung solcher Kuren in den 
Händen von Laien liegt, sehen wir auch hier neben einer ganzen 
Anzahl guter Erfolge eine gar nicht zu unterschätzende Quote von 
erheblichen Verschlimmerungen, und es liegen sogar eine ganze Menge 
von Beobachtungen vor, in welchen derartige Kuren zum Tode führten. 

Die Ausführung der Wasserkuren ist bei den einzelnen Völkern 
sehr verschieden und sie hängt in nicht unerheblichem Grade von den 
geographischen Verhältnissen ihres Landes ab. Wo Seen, Flüsse und 
Bäche zur Verfügung stehen, werden diese natürlich zum Baden be- 
nutzt, und wie sich durch solche Gebräuche bisweilen verderben- 
bringende Epidemien verbreiten, das hat überzeugend Eobert Koch 
von den Tangs in Indien gelegentlich seiner Choleraforschungen be- 
wiesen. Die Strandbewohner baden meist im Meere und zwar oft bei 
erschrecklich niedrigen Temperaturen, wie wir von den Koljuschen in 
Nordwestamerika und von einer Wöchnerin in Feuerland wissen. Wo 
die Natur Thermalbäder bietet, oder Mineralwässer irgend welcher 

") A u g u s t L i e b e r , Die Volksmedizin in Deutsch tirol. Zeitschrift des Deutschen 
und Oesterreichischen Alpenvereins. Band XVII. S. 222 — 241. Jahrgang 1886. 

*) C. H. Stratz, Die Frauen auf Java. Eine gynäkologische Studie. Stuttgart 
1897. S. 25, 43—48. 



Das medizinische Können der Naturvölker. 15 

Art, haben die Naturvölker Kenntnis davon und sie verstehen es, sich 
dieselben für therapeutische Zwecke dienstbar zu machen. Oft unter- 
nehmen sie weite Reisen, um zu diesen Kurmitteln zu gelangen. 

Kalte und warme Uebergiessungen finden vielfach ihre Anwendung; 
auch werden bisweilen Berieselungen und Besprühungen vorgenommen, 
letztere meist aus dem Munde des Medizinmannes, und man vermag 
sich wohl vorzustellen, wie in einem tropischen Klima letztere durch ihre 
schnelle Verdunstung eine Abkühlung der Oberhaut herbeiführen können. 

Dampfbäder treffen wir auch häufiger. Meist werden dieselben 
so hergestellt, dass man in einem engen, geschlossenen Raum glühend 
gemachte Steine mit Wasser übergiesst. Uebrigens ist bei den Weiss- 
russen im Gouvernement Smolensk noch heute ein ganz ähnliches 
Verfahren gebräuchlich. Um Schwitzkuren einzuleiten, lagert man die 
Kranken auch oft dicht an einem Feuer und lässt sie grosse Mengen 
Flüssigkeit trinken, was dann die erwünschte Wirkung hat. 

Auf einem anderen Gebiete sind die Leistungen der Naturvölker 
auch keineswegs zu unterschätzen. Sie haben von der sie umgebenden 
Natur meistens eine sehr vollkommene Kenntnis; sie unterscheiden 
mit grosser Sicherheit giftige und nützliche Gewächse; sie finden 
bei beiden die Heilwirkungen heraus und verstehen es, sie zweck- 
mässig zu verwenden. Wir dürfen nicht vergessen, dass ^Wr manche 
wichtigen Schätze unserer Pharmakopoe den Medizinmännern der 
Naturvölker zu verdanken haben. Es sei hier nur an die Chinarinde, 
die Cocablätter, an Strychnin und Curare, an die Carica papaya, aber 
auch an die Ipecacuhana und die Senega erinnert, und mit grosser 
Leichtigkeit Hesse sich diese Liste noch erheblich vermehren. Auch 
die Produkte des Mineralreichs, Salz, Salpeter, Thonerde u. s. w. 
finden in der Therapie der Naturvölker ihre Verwendung, und auch 
das Tierreich machen sie sich dienstbar. In dieser letzteren Beziehung 
möchte ich den Thran, das Fett, die Konkremente aus dem Tierkörper, 
die Bärengalle u. s. w. erwähnen. 

Die Anwendung ihrer Arzneistoflfe wird in sehr verschiedener 
Form geübt; sie finden als Aufgüsse und Decocte, als frische Säfte, 
Umschläge, Salben und Pulver und sogar als Pillen ihre Verwertung. 
Laxantia, Emetica, Styptica, Narcotica, Aromatica. Rubefacientia, Vesi- 
cantia, Vermifuga, Emollientia u. s. w. sind ihnen wohlbekannt. Einen 
ausgedehnten, praktischen Gebrauch machen sie von diätetischen Vor- 
schriften. Fasten und Speiseverbote, Aenderungen der Ernährung 
werden von ihnen nicht immer nur aus religiösen Rücksichten vor- 
geschrieben, sondern häufig bilden sie einen zielbewussten Teil ihres 
therapeutischen Handelns. 

Prophylaktische Massnahmen, um sich vor Epidemien zu schützen, 
werden auch von vielen Naturvölkern geübt, und je nach der Roheit 
ihrer Sitten tritt dabei manche Grausamkeit auf. Einige ihrer als 
besondere Härte kritisierter Massnahmen aber haben in allerjüngster 
Zeit auch hochentwickelte Kulturvölker angenommen. Ich erinnere 
hier nur an die völlige Absperrung der Wohnsitze gegen verdächtige 
Fremde, wie wir sie in der letzten Choleraepidemie in Hamburg erlebt 
haben, und an die Verbannung der Leprösen aus ihren Dörfern und 
ihre Unterbringung in abgesonderten und streng überwachten Orten. 
Auch einige andere eingehaltene Regeln einer prophylaktischen Hy- 
gieine verdienen unsere volle Beachtung, so die Absonderung der Men- 
struierenden von den mit ihnen eng zusammenwohnenden Familienmit- 



16 Max Bartels. 

gliedern und die Errichtung besonderer Gebärliütten, die bei manchen 
Stämmen nach beendetem Wochenbett mit allen Gebrauchsgegenständen 
der Wöchnerin durch Niederbrennen unschädlich gemacht werden. 
Alle diese Verhältnisse habe ich in meinen sechs Bearbeitungen des 
Werkes von H. Ploss, das Weib in der Natur- und Völker- 
kunde ausführlicher erörtert. 

Da wir von der öffentlichen Gesundheitspflege sprechen, so möge 
hier gleich angeknüpft werden, was die Naturvölker für ihre Kranken 
und Siechen thun. Man hört sehr oft die Behauptung aufstellen, dass 
es erst dem Christentume vorbehalten war, eine Fürsorge für die 
Kranken zu treffen. Das widerspricht den positiven Thatsachen und 
bereits im klassischen Altertum hat man das Institut der Kranken- 
häuser gekannt. Auch bei den Naturvölkern kennen wir Beispiele, 
dass sie eine Art von Krankenhäusern errichtet haben. Solcher Bei- 
spiele lassen sich von der Insel Nias und von Neu-Guinea beibringen. 

Allerdings lässt es sich nicht leugnen, dass manche Völkerschaften 
mit ihren Schwerkranken sehr grausam verfahren, dass sie sie ver- 
lassen, oder sie töten. Aber das letztere ist nicht immer ganz eine 
solche Grausamkeit, wie es den Anschein hat, namentlich wenn es sich 
um Völker handelt, die keine festen Wohnsitze haben. Wenn der 
Lagerplatz gewechselt werden muss, dann bringt nicht selten alles, 
was den Marsch verzögert, ernstliche Gefahr für die ganze Horde, und 
so bleibt ihnen dann nichts anderes übrig, als ihre Kranken zurück- 
zulassen. Da ein solches Zurückgelassenwerden für die Unglücklichen 
einen gewissen, aber langsamen und qualvollen Tod bedeutet, so er- 
scheint es nicht mehr als eine solche Härte, wenn die Freunde ihnen 
die. Leiden verkürzen und sie schnell und schmerzlos töten. 

Eine Kategorie von unheilbaren Kranken, denen bei den euro- 
päischen Völkern noch vor kurzem vielerlei Unbill zugefügt wurde, 
hat es bei einer grossen Zahl von Naturvölkern um vieles besser, als 
in den Pflanzstätten der Kultur. Dieses sind die Geisteskranken, 
welche meist gut verpflegt und versorgt und oft sogar heilig gehalten 
werden, und denen man alles zu Willen thut. Allerdings werden sie 
bei anderen Volksstämmen, namentlich wenn sie tobsüchtig werden, 
gefesselt und angekettet, ganz so, wie es noch vor fünfzig Jahren in 
den europäischen Narrentürmen geschah. 

Es ist in den bisherigen Erörterungen immer nur von Medizin- 
männern die Rede gewesen, aber die Heilkunst ist bei den Natur- 
völkern durchaus nicht ausschliesslich ein Mäunergeschäft, wir finden 
bisweilen auch angegeben, dass Weiber den ärztlichen Beruf ausüben. 
Immerhin sind das aber nur Ausnahmefälle, nur bei der Ausübung der 
Massage und in der Eigenschaft als hypnotische Medien treffen wir 
Weiber häufiger an. Ein Gebiet der Heilkunde nun ist aber fast 
ausschliesslich ihre Domäne, das ist die Geburtshilfe. Hier gehört es 
zu den grössten Ausnahmefällen, dass auch Männer thätig eingreifen 
dürfen, und selbst ziemlich schwierige Massnahmen werden nicht selten 
von den Weibern ausgeführt. Das geburtshilfliche Können der Natur- 
völker lässt sich nicht in kurzen Worten besprechen; es ist bei den 
verschiedenen Stämmen der Erde ein ganz ausserordentlich wechselndes. 
Während bei einigen von einer Geburtshilfe, auch selbst in der be- 
scheidensten Auffassung, keine Rede sein kann, da die Weiber ganz 
allein, abgesondert in der Einsamkeit, ohne jede Unterstützung nieder- 
kommen, findet sich bei anderen Völkern schon eine recht erhebliche 



Das medezinische Können der Naturvölker. 17 

Kenntnis und bisweilen sogar eine erstaunliche Gewandtheit, sich in 
schwierigen Lagen zurechtzufinden. Diese Verhältnisse sind so kom- 
pliziert, dass sie in meinem schon erwähnten Werke ^) eine grössere 
Zahl von Kapiteln füllen. 

Eine Art der medizinischen Behandlung, welche bei den Natur- 
völkern sehr verbreitet ist und nicht selten von dem Patienten selber 
mit Umgehung des Medizinmannes ausgeführt wird, ist die Blutent- 
ziehung. Die Methoden der Blutentziehung sind sehr verschieden- 
artige, sie lassen sich aber im wesentlichen auf Scarifizieren, Schröpfen 
und Aderlassen zurückführen. Die Scarifikationen werden, je nach 
dem Bildungsgrade des Volksstammes, mit Dornen, Fischzähnen, Stein- 
splittern, Knochenstückchen oder Messern vorgenommen. Auch Tätto- 
wierungen werden bisweilen aus medizinischen Gründen ausgeführt. 
Wie für die Scarifikationen, so haben die Naturvölker auch für das 
Schröpfen sehr verschiedene Methoden, die oft noch mit den ersteren 
verbunden werden. Sehr häufig wird das Schröpfen nur mit dem 
Munde ausgeführt durch kräftiges Saugen, vielfach aber verwendet 
man hohle Tierhörner (meist von Kinderarten); auch an diesen muss 
dann gewöhnlich noch gesogen -werden, wenn sie die erwünschte 
Wirkung haben sollen. Es kommen aber auch, allerdings nur in 
seltenen Fällen, wirkliche Schröpfköpfe zur Anwendung. 

Venäsektionen werden von verechiedenen Naturvölkern an ver- 
schiedenen Körperstellen ganz lege artis ausgeführt mit Steinsplittern, 
Glasscherben oder Dornen. Oft werden dieselben soweit umhüllt, oder 
in einem Handgriff'e verborgen, dass nur die Spitze so lang hervorragt, 
als sie in die Vene eindringen soll. 

Sehr absonderlich ist eine Art des Aderlasses, wie sie sich merk- 
würdigerweise bei zwei sehr weit von einander entfernt wohnenden 
Volksstämmen findet, nämlich bei den Isthmus-Indianern und den 
Papuas in Neu-Guinea. Die Medizinmänner dieser Völker bedienen 
sich kleiner, zierlicher Bögen, deren Pfeile mit ganz kurzen Stein- 
spitzen armiert sind, und diese schiessen sie aus geringer Entfernung 
in die Vene, die sie eröffnen wollen. 

AVlr sind mit diesen Betrachtungen bereits in die Besprechung 
der chirurgischen Eingritfe eingetreten. Dass die Naturvölker Stacheln 
und Dornen oder ähnliche Fremdkörper, welche in die Haut einge- 
drungen sind, mit Gewandtheit zu entfernen verstehen, das wird uns 
bei ihrer Lebensweise nicht besonders verwundern können. Kriegerische 
Völker besitzen auch in der Extraktion von Pfeilspitzen und ähnlichem 
eine anerkennenswerte Geschicklichkeit. 

Schwieriger vermögen sie sich schon mit der Behandlung der 
Knochenbrüche abzufinden, wie manch bekannt gewordenes Präparat 
von schief geheilten Frakturen beweist. Einige Stämme verstehen es 
aber sehr wohl, geschickte Schienenverbände und gut wirkende 
Lagerungsapparate herzustellen, und sogar bis zur Anlegung von Ver- 
bänden aus später erhärtendem Thon haben sie sich emporgeschwungen. 
Letzteres ist nun keineswegs etwa bei einem relativ vorgeschrittenen 



*) Max Bartels, Das Weib in der Natur- und Völkerkunde. Anthropologische 
Studien von Dr. H. Ploss. Nach dem Tode des Verfassers bearbeitet und heraus- 
gegeben von Max Bartels. Secjiste umgearbeitete und stark vermehrte Auflage. 
Mit 11 lithographischen Tafeln und 539 Abbildungen im Text. Leipzig, Th. Griebens 
Verlag (L. Femau) 1899. Band II. S. 207. Die siebente Auflage ist im Erscheinen 
begriffen. 

Handbuch der Geschichte der Medizin. 2 



18 Max Bartels. 

Volksstamme der Fall, sondern gerade bei einem solchen, der in 
kultureller Beziehung- auf einer besonders niederen Stufe steht, näm- 
lich bei den Eingeborenen Australiens, 

Die Eröffnung- von Abscessen, Wundverbände aller Art mit g-e- 
pulverten, breiigen oder flüssigen Substanzen, die Anlegung von Nähten 
oder die feste Bandagierung, um blutig getrennte Teile wieder zur 
Verwachsung zu bringen, sind den Medizinmännern wohlbekannt. 
Aber auch auf bedeutend grössere und viel eingreifendere Operationen 
lassen sie sich bei manchen Volksstämmen ein, und auch hier sind es 
überraschenderweise oft besonders tiefstehende Nationen. 

In dieser Beziehung lassen sich gleich wieder die Australneger 
als Beispiel anführen. Einige ihrer Stämme machen an der Mehrzahl 
ihrer jungen Leute eine mit dem Namen Mika bezeichnete Operation. 
Dieselbe ist eine Urethrotomia externa und sie besteht darin, dass der 
Operateur die Harnröhre von unten her in der ganzen Ausdehnung 
der Pars pendula des Penis mit einem rohen Steinmesser aufschlitzt 
und später dafür Sorge trägt, dass die getrennten Teile sich nicht 
wieder vereinigen können. Der ausgesprochene Zweck dieses operativen 
Eingriffes ist, einer Uebervölkerung vorzubeugen. Aber auch noch eine 
andere Operation verstehen diese Leute auszuführen, welche ein über- 
raschendes Licht auf ihre anatomischen und physiologischen Kennt- 
nisse wirft. Es ist das eine Entfernung der Eierstöcke, welche sie 
von der Vagina aus vornehmen. 

Aufschabungen der Röhrenknochen bis zur Eröffnung der Mark- 
höhle führen die Eingeborenen der Loyalitäts-Inseln in der Südsee 
aus, um rheumatische Affektionen zu heilen. Auch Trepanationen des 
Schädels machen sie; aber diese letztere Operation finden wir auch 
bei anderen Völkern des Erdballs, bei den alten Einwohnern der 
Canarischen Inseln, bei den alten Peruanern u. s. w. und auf euro- 
päischem Boden kennen wir sie von verschiedenen vorgeschichtlichen 
Stämmen; hier reicht diese Operation bis in die jüngere Steinzeit 
zurück. 

Amputationen, nicht nur einzelner Phalangen, sondern auch nament- 
lich der Hände, treffen wir bei verschiedenen Völkern, letzteres aller- 
dings gewöhnlich weniger aus chirurgischer, als aus kriminaljuridischer 
Indikation. Immerhin sehen wir, dass diese Leute sich hier mit der 
Blutstillung abzufinden wissen und es verstehen, die Stümpfe zu 
heilen. Eine besondere Erwähnung verdient es noch, dass wir bei 
einigen Naturvölkern auch sogar den Kaiserschnitt nachweisen können, 
der mit glücklichem Erfolge ausgeführt wurde. In einem sehr genau 
beschriebenen Fall (in Uganda in östlichen Central-Afrika) wurde eine 
sorgfältige Bauchnaht angelegt. 

Bei diesen operativen Eingriffen dürfen wir nicht vergessen, dass, 
wie es den Anschein hat, der Schmerz bei diesen Kindern der Natur 
keine so hervorragende Rolle spielt, als bei den Kulturvölkern; aber 
wir begegnen auch bisweilen Massnahmen, um denselben herabzu- 
mindern. Die Patienten werden manchmal berauscht oder sie be- 
kommen betäubende Tränke, oder endlich es wird auch hier wieder zu 
dem Mittel der Hypnose gegriffen. Jedenfalls beweist auch dieses 
wieder, dass es den Medizinmännern der Naturvölker keineswegs an 
chirurgischer Ueberlegung fehlt. 

Nur in grossen, allgemeinen Zügen habe ich mich bemüht, ein 
Bild zu entwerfen von dem medizinischen Denken und Handeln, wie 



Das medizinische Können der Naturvölker. 19 

wir es bei den Naturvölkern finden. Auf die Angabe von Einzelheiten 
rausste ich verzichten, da sie zu vielseitig und zahlreich sind, um in 
engem Räume sich vorführen zu lassen, und ich muss diejenigen Leser, 
welche eine genauere Auskunft wünschen, noch einmal auf mein aus- 
führliches Werk ^) verweisen, in welchem sie auch eine nahezu er- 
schöpfende Aufführung der Öriginalquellen finden. 

Bei der Betrachtung dieser Verhältnisse treten uns ein paar 
interessante Thatsachen entgegen. Es ist oft ausserordentlich über- 
raschend, zu sehen, wie sich ganz gleiche Anschauungen und Mass- 
nahmen bei ganz verschiedenen Volksstämmen finden, deren Wohnsitze 
durch so ungeheure Landstrecken und durch so ungeheure Meere von 
einander gesondert sind, dass der Gedanke einer unmittelbaren Ueber- 
tragung dieser Dinge von dem einen Volke auf das andere vollständig 
ausgeschlossen erscheint. Aber wir werden von den medizinischen 
Fähigkeiten der Naturvölker auch eine ganz andere und um vieles 
günstigere Vorstellung gewonnen haben, als wir sie uns vorher ge- 
bildet hatten. Denn trotz vielem Wust und Aberglauben und trotz 
vielem Phantastischem, sowie Ueberflüssigem und selbst Fehlerhaftem 
trefi'en wir doch auch nicht gerade selten klug Durchdachtes und ge- 
schickt und mit grosser Kühnheit Ausgeführtes an. Ueberraschen 
werden uns immer die unendlich häufigen Analogien mit unserer 
eigenen Volksmedizin und mit der der übrigen Völker Europas. Hier 
tritt sicherlich manch Ueberlebsel zu Tage aus Zeiten, wo auch in 
unserem Erdteil die europäischen Volksstämme sich in naturgeschicht- 
licher Beziehung von den heutigen Naturvölkern kaum unterschieden. 
Dass sich nun in dem Denken und Empfinden der auf einer niederen 
Kultur stehenden Völker sehr erstaunliche Uebereinstimmungen finden, 
das ist auch auf anderen Gebieten menschlicher Intelligenz bekannt 
Bastian hat bekanntlich diese Dinge als den Völkergedanken 
bezeichnet, als Gedankengänge, welche das inenschliche Gehirn auf 
den verschiedensten Punkten der Erde unter den gleichen Verhält- 
nissen denkt, weil es eben ein Menschenhirn ist. Auch in anderen 
Abteilungen dieses Werkes werden uns noch manche Thatsachen ent- 
gegentreten, welche ebenfalls in die grosse Gruppe der Völkergedanken 
zu zählen sind. 



2* 



Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 

Von 

B. Sclieul)e (Greiz). 



Litteratur. 

I. Chinesen. 

A. Bordier, La Medecine chez les Chinois. Gaz. hebdom. de med. et de chir. 
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E. Martin, Etüde historique et critique sur Vart medical en Chine. Gaz. hebd. 
de med. et de chir. 1872. S. 65, 81, 97. — Derselbe, Etüde sur la prostitution 
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grauen Altertum, speziell bei den Chinesen. Arch. f. Min. Chir. XLIV. 1892. 
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Monatsh. f. prakt. Dermatol. XXVIII. 1899. S. 295. — A.-M.-F. Fiton, Apergu 
sur la medecine en Extreme-Orient, Chine et Japon. These. Bordeaux 1887. — 
Jules Begnault, L' Opotherapie en Chine et en Indo-Chine. Rev. de med. XX. 
1900. S. 1028. ■ — JV. Stricker, Die Prostitution u. die daraus entspringenden 
Krankheiten in China. Virch. Arch. LI. 1870. S. 430. — A. Tatarinoff, Die 
chinesische Medizin. Arb. der Kaiserl. Russ. Gesandtsch. in Peking über China n. s. w. 
Aus dem Russ. v. C. Abel u. F. A. Mecklenburg. II. Berlin 1858. S. 421. — 
George Thin, On the early history of Syphilis in China. Edinb. med. Journ. XIV. 
1868. S. 47. — Thomas A. Wise, Revieiv of the history of medicine. II. London 
1867. S. 451. 



Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 21 



II. Japaner. 

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Geerts, lieber die Pharmacopoe'e Japans. Mitt. d. deutsch. G. f. Xahir- it. Völkerk. 
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VIT. S. 1. — E. Gurlt, Geschichte der Chirurgie. I. Berlin 1898. S. 81. — 
fT. Hirschberg, Aerztliche Bemerkungen über eine B^ise um die Erde. Deutsch, 
med. Wochenschr. 1893. S. 35, 283, 308, 650, 674, 703, 730, 756. — Hoff'mann^ 
Die Heilkunde in Japan. Mitt. d. deutsch. Ges. f. Xatur- u. Völkerk. Ostasiens. I. 
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Cr. Maget, La medecine au .Japon. Gaz. des hup. 1877. S. 493. — B. Miyake^ 
Ueber die japanische Geburtshilfe. Mitt. d. deutsch. Ges. f. Xatur- u. Völkerk. Ost- 
asiens. L 5. 1874. S. 21, 8. 1875. S. 9, 10. 1876. S. 9. — M. Ogata, 
Beitrag zur Geschichte der Geburtshilfe in .lapan. Diss. Freiburg i. B. 1891. — 
Derselbe, Ueber das medizinische Leben in Japan. Deutsch, med. Wochenschr. 
1894. Xr. 13. S. 306. — Tatsuhiho Okamurfi, Zur Geschichte der Syphilis in 
China u. Japan. Monatsh. f. prakt. Dermatol. XXVIII. 1899. S. 295. — B. 
Scheube, Beiträge zur Geschichte der Kak-ke. Mitt. d. deutsch. Ges. f. Xatur- 
u. Völkerk. Ostasiens. III. 24. 1881. S. 170. — Derselbe, Ein Beitrag zur 
Geschichte der Syphilis. Virch. Arch. XCI. 1883. S. 448. — Derselbe, Ueber 
die Geburtshilfe der .lapaner. Cbl. f. Gynäk. 1883. Nr. 49. — Alex. M. Vedder, 
Remarks an the actual state of medical science in Japan. Americ. Journ. of med. 
Sc. 1869. S. 43. — A. Wernich, Ueber die Fortschritte der modernen Medizin in 
.Tapan. Berl. klin. Wochenschr. 1875. S. 447, 474, 590, 655, 667. — Derselbe, 
Zur Geschichte der Medizin in .lapan. Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Med. I. 1878. 
S. 215. — If. y. Whitney, Xotes on the histwy of medical progress in Japan. 
Transact. of the Asiatic Soc. of Japan. XII. 1885. S. 245. 

III. Koreaner. 
X. Cliastang, La Coric et les Coreens. Arch. de med. nav. LX VI. 1896. S. 161. 

I. Chinesen. 

Unter den ostasiatisclien Völkern nehmen die Chinesen hin- 
sichtlich ihrer Zahl, ihres Alters und des geistigen Einflusses, den sie 
auf die Nachbarländer ausgeübt haben, die erste Stelle ein. Ihre 
Medizin ist so alt wie überhaupt ihre Kultur. Schon vor Jahrtausenden ^ 
als es noch keine abendländische Kultur gab, als die Bewohner Europas 
noch im Zustande von Naturvölkern sich befanden, waren sie bereits 
ein hoch entwickeltes Volk. Manche Erfindung und manche Entdeckung 
ist in China hunderte von Jahren früher gemacht worden als in Europa. 
Aber seit Jahrhunderten sind die Chinesen auf demselben Standpunkte 
stehen geblieben. Die Ehrfurcht vor den Vorfahren und dem von 
ihnen Ueberlieferten, welche den Grundzug ihres Charakters bildet, hat 
jede Neuerung und jeden Fortschritt unterdrückt, so dass man mit 
Recht sagen kann: die Tradition hat die Chinesen versteinert. In 
gleicher Weise wie für die anderen Künste und Wissenschaften gilt 
dies auch für die Medizin. 

Als Begründer der Heilkunde wird der halbmythische Kaiser S h In- 
no n g angesehen, dessen Regierung nach der allerdings nicht sehr zu- 
verlässigen Zeitrechnung der Chinesen in die Zeit von 2838—2699 v. Chr. 
verlegt wird. Von demselben, welcher, als wahrer Landesvater für 



22 B. Scheube. 

seine Unterthanen sorgend, die Kultur der 5 Feldfrüclite (Weizen, 
Reis, Hirse, Gerste und Bohnen) einführte und die Gerätschaften für 
den Ackerbau erfand, wird berichtet, dass er alle Pflanzen seines 
grossen Reiches durchkostete und durch den Geschmack fand, welche 
von denselben heilkräftig und welche giftig waren. Ferner soll er 
Heilkräuter angepflanzt und ein medizinisches Kräuterbuch, in dem 
5 Samenarten und 100 Pflanzen besprochen wurden, verfasst haben. 
Das letztere existiert nicht mehr, soll aber die Grundlage für die 
später zu erwähnende grosse Pharmakopoe gebildet haben. Auch 
die Erfindung der Akupunktur wird Shin-nong zugeschrieben. 

Als das älteste medizinische Werk, welches noch vorhanden und 
noch heutigen Tages in Gebrauch ist, gilt das Nei-king (Buch der 
inneren Medizin), für dessen Verfasser oder wenigstens geistigen Ur- 
heber der Kaiser Hwang-ti (2698 — 2599 v. Chr.) gehalten wird. 
Wäre dies richtig, so würde dasselbe das älteste medizinische Buch 
der Welt sein. Wahrscheinlich ist es aber jüngeren Ursprungs und 
erst in den beiden letzten Jahrhunderten vor oder den beiden ersten 
nach Christo entstanden. 

Auch die andern kanonischen Bücher, von denen das bekannteste 
das Mih-king (Buch über den Puls) von Wang-shuh-ho aus dem 
3. vorchristlichen Jahrhundert ist, haben ein hohes Alter. Nach den 
Dynastien Sung und Yuen (960 — 1280) sind überhaupt keine Original- 
arbeiten mehr erschienen, sondern nur Kompilierungen, Ergänzungen 
und Kommentierungen älterer Autoren, die ein trauriges Zeugnis für 
die bereits eingetretene geistige Stagnation ablegen. Eine Kritik und 
Polemik über die Haltbarkeit und Richtigkeit der von den Vorfahren 
ausgesprochenen Dogmen, welche als unumstössliche Wahrheit gelten, 
fehlt in dieser neueren Litteratur so gut wie ganz. 

Die Grundprinzipien, auf denen sich das medizinische Lehrgebäude 
der Chinesen, wie es schon im Nei-king dargestellt wird, aufbaut, 
sind der chinesischen Philosophie, die dem Confucianismus als Funda- 
ment gedient hat, entlehnt. Wie jedes Ding in der Welt ist der 
Mensch aus den öElementen: Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser 
zusammengesetzt, stellt also ein Universum im Kleinen, einen 
Mikrokosmus in Makrokosmo dar. Die Fünfzahltheorie spielt in der 
chinesischen Philosophie eine grosse Rolle und stammt wahrscheinlich 
von der Musik, welche bei den Chinesen die Wissenschaft der Wissen- 
schaften ist, von den 5 Tönen der alten chinesischen Tonleiter her. 
Den 5 Elementen entsprechen 5 Planeten, 5 Sinne, 5 Eingeweide u. s. w., 
ferner giebt es 5 Farben, 5 Geschmäcke, 5 Kardinalbeziehungen 
(zwischen Kaiser und Volk, Vater und Sohn, Ehegatten, Brüdern, 
Freunden) u. s. w. 

Mit den Elementen kombiniert sich in der Zusammensetzung des 
Weltalls das Doppelprinzip des Männlichen und Weib- 
lichen, welches sich der Vorstellung des Menschen vom Entstehen 
alles Lebenden gewissermassen von selbst, durch die Anschauung 
menschlicher Verhältnisse, aufdrängt und daher in der Kosmogenie 
der uräJtesten Völker den Ausgangspunkt der Weltenbildung bildet. 
Wie jedem Ding wohnen dem menschlichen Körper 2 polar sich ent- 
gegenstehende Mächte oder Prinzipien inne, das männliche, posi- 
tive (Yang), welches Licht, Stärke, Härte, das Heisse und Trockene, 
die Lispiration, alle aktiven und guten Eigenschaften zu Attributen 
hat, und das w e i b 1 i c h e , n e g a t i v e (Y i n), dem Dunkelheit, Schwäche, 



Die Geschichte der Medizin bei deu ostasiatischen Völkern. 23 

Weichheit, das Feuchte und Kalte, die Exspiration, alle passiven und 
schlimmen Eigenschaften zugeschrieben werden. Dieselben sind die 
Lebenskräfte und Schöpfer des belebten Körpers. Auf ihrem voll- 
kommenem Gleichgewichte beruht die Gesundheit. Sie cirkulieren im 
Körper immer zusammen mit dem Blute und der Lebensluft (Ke), 
welche für sie die Vehikel bilden. Unter der Lebensluft stellen sich 
die Chinesen eine belebende ätherische Substanz vor, die dem Aether 
der Natur gleicht und durch die Atmung erneuert wird, und legen 
auf dieselbe ein grösseres Gewicht als auf das Blut. Die Cirkulation 
findet in einem durch den ganzen Körper verzweigten Kanalsystem 
statt und kann auf verschiedene Weise, durch die Schwere, die in 
den Gefässen entstehende Eeibung, sowie durch äussere Ursachen, 
Störungen erfahren. 

Das naturphilosophische System der Chinesen zeigt Anklänge an die 
Humoraldoktrin der Indier und Griechen (Hipp okr ates). Dieselben sind 
wahrscheinlich zurückzuführen auf den uranfänglichen Zusammenhang der 
alten Kulturvölker, als sie noch ihre Ursitze in Centralasien inne hatten, 
die Fr. V. ßichthofen in das Tarym-Becken und an die Oberläufe des 
Oxus und Jaxartes verlegt. Diese Annahme hat viel mehr Wahrscheinlich- 
keit für sich als die Ansicht Lietards, nach welcher das Fundament der 
Lehre aus Indien mit dem Buddhismus, welcher um die Zeit Christi in 
China Eingang fand, hierhin gekommen sein soU. 

Die anatomischen Kenntnisse der Chinesen sind äusserst gering. 
Die Anatomie ist von ihnen immer mehr spekulativ als realistisch be- 
trieben worden. Sektionen sind in China nicht gestattet. Das Verbot 
gründet sich auf die im Ahnenkultus und Buddhismus wurzelnde 
religiöse Anschauung, dass jeder im Jenseits so erscheinen soll, wie 
er auf der Erde war, weshalb jede Verstümmelung oder Abtrennung 
eines Körperteils gefürchtet ist. Nur in ganz vereinzelten Fällen ist 
diesem Verbote zuwider gehandelt worden. So liess im 4. Jahrhundert 
der Gouverneur einer Provinz, um der Wissenschaft einen Dienst zu 
leisten, 40 enthauptete Verbrecher Aon Aerzten secieren und die Organe 
zeichnen. Zu Anfang vorigen Jahrhunderts nahm der Kaiser K h a n g - h i 
(1662 — 1722), welcher eine grosse Vorliebe für die europäischen Wissen- 
schaften besass, bei den Jesuiten auch Unterricht in der Anatomie. 
Zu diesem Zweck übersetzten dieselben für ihn die Anatomie des Pierre 
Dionis (Paris 1690) in die Mandschu-Sprache und zeichneten dazu die 
Bilder aus Thomas Bartholin us Institutiones anatomicae (Lugd. 
Batav. 1641) ab. Diese chinesische Bearbeitung ist jedoch nicht an 
die weitere Oeffentlichkeit gekommen, sondern nur in 3 Exemplaren für 
den Herrscher angefertigt worden. Letzterer gab auch den Jesuiten 
einen Tiger zum Secieren, nahm aber an Sektionen von Menschen An- 
stoss. Da sonst auch Zergliederungen von Tieren nicht zum Vergleich 
herangezogen wurden, sind also die Quellen für die anatomischen 
Kenntnisse der Chinesen ausserordentlich spärliche. Es ist daher kein 
Wunder, dass ihre Anatomie grösstenteils auf willkürlichen Annahmen 
beruht. In gleicher Weise ist auch ihre Ph3'siologie auf blosse 
Spekulation begründet. 

Nach chinesischer Anschauung schliesst der Körper 5 Haupt - 
ei nge weide, Herz, Lunge, Niere, Leber und Milz, ein, denen 5 weitere 
Organe, nämlich Dünn- und Dickdarm, Harnleiter, Gallenblase und 
Magen, als Gehilfen zur Seite stehen. Erstere sind Sitz des weib- 



24 B, Scheube. 

liehen Prinzips, letztere des männlichen. Jedes der Haupteingeweide 
entspricht einem Element, einem Planeten, einer Jahreszeit, einer 
Himmelsgegend, einer Farbe, einem Geschmacke u. s. w. und hat 
ausserdem je ein anderes Organ zur Mutter, zum Sohne, zum Freunde, 
zum Feinde. Auch besitzt es am Kopfe des Menschen ein Merkmal, 
das seinen Zustand erkennen lässt. 

Das vornehmste Eingeweide ist das Herz. Zur Mutter hat dasselbe 
die Leber, zum Sohne den Magen oder die Milz, welche beide nicht scharf 
von einander getrennt werden, zum Freunde die Leber, zum Feinde die 
Niere. Es ist dem Feuer unterworfen und entspricht dem Planeten Mars. 
Seine Jahreszeit ist der Sommer, seine Tageszeit die Mittagsstunde, seine 
Himmelsgegend der Süden, seine Farbe rot, sein Geschmack bitter. Die 
Zunge dient dazu, seinen Zustand erkennen zu lassen. Es gleicht der er- 
schlossenen Blüte der Wasserlilie, liegt unter der Lunge und stützt sich gegen 
den 5. Wirbel. Vom Herzbeutel umhüllt, enthält es einen feinen Saft und 
ist durchbohrt von 7 Löchern und 3 Spalten. Seine Funktion besteht 
darin, den Chylus zu empfangen, zu vervollkommnen und in Blut zu ver- 
wandeln. 

Der Gehilfe des Herzens ist der Dünndarm. Dieser macht 
16 Krümmungen und hat 2 Löcher, von denen eins mit dem Magen, das 
andere mit dem Dickdarm kommuniziert. Er empfängt die Nahrung, ver- 
daut sie und verwandelt sie in Chylus, 

Die Lunge hat zur Mutter die Milz oder den Magen, zum Sohne die 
Niere, zum Freunde die Leber, zum Feinde das Herz. Sie ist dem Metall 
unterworfen, entspricht dem Planeten Venus und herrscht im Herbst. Ihre 
Tageszeit ist die Abendstunde, ihre Himmelsgegend der Westen, ihre Farbe 
weiss, ihr Geschmack scharf. Die Nasenlöcher lassen ihren Zustand er- 
kennen. Sie ist am 3. Wirbel angeheftet, in 8 Blätter geteilt, von denen 
2 die beiden Ohren bilden, und durchbohrt von 80 kleinen Löchern, durch 
welche die Luft entweicht. An ihrem oberen Teile ist sie mit dem 
Schlünde durch ein Gefäss mit 9 Gelenken verbunden und bildet gleichsam 
einen Deckel für die anderen Eingeweide. Sie schliesst viel Luft und wenig 
Blut ein. Ihre Funktion ist das Blut laufen zu lassen und den Schleim und 
die anderen Materien zu entfernen. 

Der Gehilfe der Lunge ist der Dickdarm, welcher 16 Krümmungen 
macht und 2 Löcher hat. Von letzteren steht eins mit dem Dünndarm, 
das andere mit dem After in Verbindung. Die Funktion des Dickdarms 
besteht darin , die groben und unreinen Materien zu stossen und zu ent- 
leeren. 

Die Niere hat zur Mutter die Lunge, zum Sohne die Leber, zum 
Freunde das Herz, zum Feinde die Milz oder den Magen. Ihr Element ist 
das Wasser, ihr Planet der Merkur, ihre Jahreszeit der Winter, ihre Tages- 
zeit die Nacht, ihre Himmelsgegend der Norden, ihre Farbe schwarz, ihr 
Geschmack salzig. Die Ohren lassen ihren Zustand erkennen. Sie hat eine 
bohnenförmige Gestalt und ist am 14. Wirbel aufgehängt. Sie bildet den 
Harn aus dem Blute, das vom Herzen kommt. 

Der Gehilfe der Niere ist der Harnleiter, welcher den Harn in die 
Blase gelangen lässt. 

Die rechte Niere heisst die „Pforte des Lebens". Ihre Funktion 
besteht darin, das Blut in Samen zu verwandeln. Der Hoden dient als 
Behälter des Samens, wie die Blase als solcher des Harns. 

Milz und Magen haben zur Mutter das Herz, zum Sohne die Lunge, 



Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 25 

zum Freunde die Niere, zum Feinde die Leber. Sie sind der Erde unter- 
worfen und entsprechen dem Planeten Satm-n. Sie herrschen während der 
letzten 18 Tage jeder Jahreszeit. Ihre Himmelsgegend ist die Mitte, ihre 
Farbe gelb, ihr Greschmack süss. Der Mund dient zum Erkennen ihres 
Zustandes. 

Die Milz hängt am 11. Wirbel. 

Der Magen hat 2 Löcher. Das eine kommuniziert mit dem Gange, 
der am Schlünde endigt und die Nahrung zuführt, und durch den auch die 
Atmungsluft ein- und austritt, das andere mit dem Dünndarme. Er ist 
Sitz der Freude und seine Funktion die Nahrung zu empfangen , zu zer- 
reiben und für die Verdauung vorzubereiten. 

Die Leber hat zur Mutter die Niere, zum Sohne das Herz, zum 
Freunde Milz und Magen, zum Feinde die Lunge. Sie ist dem Holz unter- 
worfen und entspricht dem Planeten Jupiter. Ihre Jahreszeit ist der 
Frühling, ihre Tageszeit der Morgen, ihre Himmelsgegend der Osten, ihre 
Farbe blau, ihr Geschmack sauer. Ihr Zustand wird aus den Augen er- 
kannt. Sie stützt sich gegen den 9. Wirbel und hat 7 Blätter, 3 linke 
und 4 rechte. 

Der Gehilfe der Leber ist die Gallenblase, welche in ihrer Form 
einem Weingefässe gleicht. 

Beide Organe dienen zur Filtration der Säfte. Die Leber ist der 
Sitz der Seele, von ihr gehen alle grossen und edlen Projekte aus. In der 
Gallenblase sitzt der Mut. Die Galle der wilden Tiere und auch der ge- 
köpften Verbrecher giebt daher grossen Mut und Kraft. 

Ausser den angeführten unterscheiden die Chinesen noch ein 
weiteres, aus 3 Teilen bestehendes Organ (San-tsiao), welches für 
die Funktionen der 5 Haupteingeweide nötig ist. 

Der obere Teil desselben liegt in der Herzgegend. Ohne ihn würden 
Herz und Lunge die Luft und das Blut nicht beherrschen können. Der 
mittlere Teil befindet sich in der Gegend des Brustbeins 4 Zoll über dem 
Nabel. Ohne denselben könnte der Magen nicht die Nahrung verdauen. 
Der untere Teil ist 1 Zoll unter dem Nabel gelegen und hat 2 Löcher, 
dui'ch welche die Nahrung passiert. Derselbe ist für Leber und Niere 
zum Filtrieren der Flüssigkeiten nötig. Gleichzeitig ist er Gehilfe der 
rechten Niere. 

Die verschiedenen Organe sind unter einander durch Kommuni- 
kationskanäle verbunden, in denen Lebensluft und Blut zusammen 
mit den beiden Prinzipien cirkulieren. Dieselben sind in 23 Zweige 
geteilt, die sich im ganzen Körper verteilen, und welche die Phantasie 
der Chinesen die wunderbarsten Wege machen lässt. 12 von ihnen 
werden als grosse oder King unterschieden, von denen 6 zur Fortleitung 
des männlichen Prinzips und 6 zu der des weiblichen dienen. Die ersteren 
beginnen am Kopfe, und 3 enden an den Füssen, 3 an den Händen. 
Von letzteren entspringen 3 an den Händen, 3 an den Füssen und 
begeben sich nach verschiedenen Körperteilen. Lebensluft • und Blut 
machen in 24 Stunden 50 Umläufe. In dieser Zeit finden 13500 Atem- 
züge statt. Während eines Atemzuges legen Luft und Blut 6 Zoll 
zurück, in 24 Stunden also 81000 Zoll. Der längste Weg, den sie 
zurückzulegen haben, beträgt 1620 Zoll. Durch die Bewegung der 
Luft und des Blutes wird der Puls erzeugt, welcher in der chinesischen 



26 B- Scheube. 

Pathologie die Hauptrolle spielt. Die Chinesen lassen denselben 
54000— 67 000 mal in 24 Stunden schlagen. 

Die Behauptung, dass die Chinesen den Blutkreislauf vor Entdeckung 
desselben durch "William Harvey (1616) bereits gekannt hätten, ist eine 
irrige. Das oben erwähnte Kanalsystem, in dem zwar das Blut, aber auch 
die Lebensluft und die beiden Prinzipien cirkulieren, ist ein reines Phantasie- 
gebilde und hat nichts mit dem Blutgefässsystem zu thun. Nirgends in 
den chinesischen Schriften findet sich auch nur eine Andeutung über die 
Herzklappen und die Veränderung des Blutes in den Lungen und den 
Kapillaren. 

Ueber das Nervensystem herrscht fast vollständige Unkenntnis. 
Das Gehirn, welches als Sitz aller die animalen Funktionen ver- 
richtenden Sinne angesehen wird, nimmt nach den anatomischen Dar- 
stellungen der Chinesen nur einen kleinen Raum in der Schädelhöhle 
ein. Seine Basis bildet einen Behälter, von dem sich das Mark durch 
den Wirbelkanal im Körper verbreitet. 

Nerven, Blutgefässe und Muskeln werden nicht unterschieden. 

Die Zahl der Knochen im Körper beträgt 365. Der Schädel 
wird als einziger Knochen betrachtet, ebenso Becken, Vorderarm und 
Unterschenkel. Die Knochen der Frauen zeigen eine etwas dunklere 
Farbe als die der Männer. 

Ebenso wie von Anatomie und Physiologie haben die Chinesen 
auch von der Entwicklungsgeschichte phantastische Begriffe. 
Im Si-yuen-luh, dem später noch zu besprechenden Werke über 
gerichtliche Medizin, finden sich folgende Angaben: im ersten Monate 
gleicht der Fötus einem Wassertropfen, im zweiten einem Pfirsich- 
blatte; im dritten scheiden sich die Geschlechter; im vierten nimmt 
die Frucht menschliche Gestalt an; im fünften sind Knochen und Ge- 
lenke leicht zu unterscheiden; im sechsten Monat haben die Haare eine 
gewisse Entwicklung erlangt; zu Ende des siebenten Monats bewegt 
sich die rechte Hand links im Mutterleibe, wenn es ein Knabe ist; 
zu Ende des achten Monats bewegt sich die linke Hand rechts im 
Mutterleibe, wenn es ein Mädchen ist; zu Ende des neunten Monats 
sieht man beim Palpieren des Unterleibs 3 Veränderungen in der 
Lage der Frucht sich vollziehen; am Anfange des zehnten Monats 
ist das Kind vollkommen entwickelt. 

In der Pathologie dominiert die Theorie vom Pulse, welche 
ausserordentlich kompliziert ist. Der menschliche Körper wird mit 
einem Saiteninstrumente verglichen: die verschiedenen Pulse gleichen 
den Saiten und Tönen desselben und lassen wie diese Harmonie und 
Disharmonie erkennen. Die Untersuchung des Pulses dient daher als 
Grundlage für die ärztliche Thätigkeit ; von derselben hängt Diagnose, 
Prognose und Therapie ab. 

Der Puls wird an 11 verschiedenen Stellen gefühlt, von denen 
jede ihren eigenen Namen hat. und welche folgende sind: 1. unter 
dem Hinterkopfe, 2. unter den Ohren, 3. unter der Brustwarze, 4. über 
dem rechten Handgelenke, 5. über dem linken Handgelenke, 6. l^, Zoll 
unter dem Nabel, 7. 3 Zoll unter dem Nabel, 8. 372 Zoll unter dem 
Nabel, 9. auf der Konvexität des Fusses 3 Zoll vom Knöchel entfernt, 
10. am Knöchel, 11 in der Mitte der Fusssohle. Die wichtigsten von 
diesen Stellen sind die beiden Handwurzeln, an denen die Ausdehnung 
des Pulses 1 Zoll beträgt. Man fühlt denselben mit dem Ring-, 



Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 27 

Mittel- und Zeigefinger und teilt ihn in 3 Teile ein, welche Tsuen. 
Kuan und Che genannt werden, entsprechend den Teilen der Radial- 
arterie, die unter den Ring-, Mittel- und Zeigefinger zu liegen kommen, 
wenn der Mittelfinger auf den Radius aufgesetzt wird. Jeder dieser 
Pulse wird weiter in einen äusseren und inneren eingeteilt, je nach- 
dem man nach aussen oder nach innen von der Arterie fühlt, so dass 
man also jederseits 6 und, da immer an beiden Handwurzeln unter- 
sucht wird, im ganzen 12 Pulse hat. Die Untersuchung pflegt während 
9 Atemzügen vorgenommen zu werden; auf jeden Atemzug kommen 
normal 4 — 5 Pulsschläge. Jeder der 12 Pulse steht in Beziehung zu 
einem bestimmten Organe und zeigt den Zustand desselben an, wie 
aus nachfolgender Tabelle ersichtlich ist. 



Rechte Hand 


Linke Hand 


^^"^° (innen Dickdarm 
TT n o « t aussen Milz 
^^^^^ \ innen Magen 

Che /^'^^^^^ Niere 
\ innen Blase 


Herz 

Dünndarm 

Leber 

Gallenblase 

rechte Niere (Lebenspforte) 

San-tsiao 



Durch "die äusseren Pulse manifestiert sich gleichzeitig das weib- 
liche Prinzip, durch die inneren das männliche, während noch weitere 
Annexe derselben unterschieden werden, welche Aufschluss über die 
grossen Kommunikationskanäle geben. 

Jeder dieser Pulse wird dreimal getrennt uutei*sucht, indem man 
das erste Mal leicht, das zweite Mal etwas stärker und das di'itte 
Mal stark aufdrückt. Demnach giebt es einen oberflächlichen, mittleren 
und tiefen Puls. Die einzelnen Pulse sind ausserdem verschieden nach 
Jahreszeiten, Geschlecht, Alter und Konstitution. Jedes Organ hat 
ferner ausser einem natürlichen Puls noch einen entgegengesetzten, 
der sich mit den Jahreszeiten ändert, und beide können wieder von 
einem fremden, einbrechenden überfallen werden. Auf diese Weise 
kommen etwa 200 Pulsvarietäten zu stände, die alle verschieden be- 
nannt sind, und es giebt nicht weniger als 26, welche allein den Tod 
anzeigen. 

Indem alle diese verschiedenen Pulse sich mit einander kombi- 
nieren können, entsteht ein unentwirrbares Chaos, und es ist ganz 
unmöglich, aus diesem Wust von Absurditäten auch nur eine exakte 
Thatsache herauszufinden. Nichts zeugt mehr von der geistigen Stag- 
nation, welche in der chinesischen Medizin Platz gegriffen hatte, als 
das Faktum, dass im Laufe der Jahrhunderte nicht ein klarer Kopf 
sich gefunden hat, der es unternommen hätte, an dieser phantastischen, 
jeder realen Unterlage entbehrenden Pulstheorie, dem Fundamente 
der chinesischen Pathologie, zu rütteln. 

Durch die Untersuchung des Pulses allein, welche oft Stunden 
in Anspruch nimmt, wird der erfahrene Arzt in den Stand gesetzt, 
Sitz und Art der Erkrankung zu diagnostizieren. Meist beschränkt sich 
die Krankenuntersuchung überhaupt auf denselben, manchmal werden 
ausserdem noch Zunge, Mund, Nase, Augen, Ohren, Harn und Stuhl 
angesehen. Gar kein Gewicht legen dagegen die chinesischen Aerzte 
auf die Anamnese und stellen ohne diese ihre Diagnose. 

Die Klassifikation der Krankheiten zeichnet sich durch den ab- 



28 B. Schenbe. 

soluten Mangel an Methode aus. Die Beschreibungen derselben sind 
meist oberflächlich und summarisch ; vielfach handelt es sich bei ihnen 
nur um mit besonderen Namen belegte Symptome oder Symptomen- 
komplexe. Doch fehlt es daneben auch nicht an Zeichen guter Be- 
obachtung. So werden z. B. Masern, Pocken, Dysenterie, Cholera gut 
beschrieben. Eine grosse Vorliebe besitzen die Chinesen für Abtei- 
lungen und Unterabteilungen. Von den Pocken unterscheiden sie z. B. 
nicht weniger als 42, von der Dysenterie 14 Arten, w^obei offenbar 
andere Krankheiten mit denselben konfundiert werden. 

Der älteste Schriftsteller über die Pocken, welche zum ersten 
Male, ohne jedoch festen Fuss zu fassen, in der Mitte des 3. Jahr- 
hunderts V. Chr. von der Mongolei, zum zweiten Male 48 n. Chr. von 
Süden in China eingeschleppt wurden und seitdem dort heimisch sind, 
ist Ch'ien Chungyang, welcher im 10. Jahrhunderte lebte. 

Auch die Inokulation der Pocken ist in China sehr alt, 
aber nicht einheimischen Ursprungs. Im 11. Jahrhundert wurde die- 
selbe von Indien, wo sie seit den ältesten Zeiten in Gebrauch ist, über 
Tibet eingeführt. Die Methode der Impfung, welche in China geübt 
wird, weicht aber von der in Indien gebräuchlichen ab. Die trockene 
Kruste einer Pockenpustel wird gepulvert und in die Nasenschleimhaut 
eingerieben oder mittels einer tabakspfeifenartigen Röhre in die Nase 
geblasen oder auch mit dem Inhalt einer frischen Pustel getränkte 
Baumwolle in die Nase gebracht, und zwar nimmt man bei Knaben 
die Inokulation im linken Nasenloche, bei Mädchen im rechten vor. 

Die Syphilis mit ihren primären, sekundären und tertiären Er- 
scheinungen, auch die hereditäre Syphilis, wird zuerst in Werken aus 
der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts beschrieben, während unreine 
Affektionen der Genitalien schon in den alten Schriften Erwähnung 
finden. Erstere soll zu Anfang des 16. Jahrhunderts durch ein 
europäisches Handelsschiff nach Kanton eingeschleppt worden sein und 
von hier aus sich über Centralchina verbreitet haben. 

Was die Ansicht der Chinesen über die Aetiologie der 
Krankheiten betrifft, so wiegt die Annahme bestimmter Krank- 
heitsgifte, die auf verschiedenen Wegen in den Körper eindringen und 
hier als feindliche Mächte wirken, vor. Daneben spielen Wind, Kälte, 
Trockenheit, Feuchtigkeit, Leidenschaften und Affekte, aber auch böse 
Geister und imaginäre Tiere eine grosse Rolle. 

Der wichtigste Teil der chinesischen Medizin ist die Arznei- 
mittellehre, welche reicher ist als die eines anderen Volkes, und auf 
diesem Gebiete nehmen die Chinesen als Empiriker entschieden eine 
hohe Stellung ein. Das Hauptwerk der chinesischen Pharmakologie 
heisst Pan-ts'ao-kang-muh und wurde in der Mitte des 16. Jahr- 
hunderts von Le-shi-chin verfasst. Es zählt 52 Bände und be- 
steht aus Exzerpten aus mehr als 800 Autoren über Medizin und 
Materia medica. Als Grundlage für dasselbe soll, wie schon erwähnt, 
ein dem Kaiser Shin-nung zugeschriebenes Buch gedient haben. 
In ihm werden 1892 Arzneimittel, darunter 374 neue, welche allen 
3 Naturreichen entnommen sind, meistens aber aus dem Pflanzenreiche 
stammen, hinsichtlich ihres Ursprungs, ihrer Zubereitung, Aufbewah- 
rung, Anwendung und Wirkung abgehandelt. Darunter befinden sich 
viele Mittel, welche auch unserem Aieneischatze angehören, und manches 
Mittel des letzteren, wie z. B. den Rhabarber, verdanken wir zweifel- 
los den Chinesen, indem dasselbe von dort auf dem Wege des central- 



Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 29 

asiatischen Handels der medizinischen Welt Westasiens und Europas 
zugeführt worden ist. Wie wir wenden die Chinesen Eisen gegen 
Bleichsucht, Anämie und Erschöpfung der Kräfte, Arsenik gegen 
Wechselfleber und Hautkrankheiten, Quecksilber gegen Syphilis, und 
zwar teils innerlich, teils in Form von Dämpfen, indem eine mit 
Zinnober gefüllte Papierrolle in ein Nasenloch eingeführt und ange- 
brannt wird, an. Die Merkurialbehandlung der Syphilis findet sich 
schon in den ältesten diese Krankheit behandelnden Werken erwähnt; 
gegen Hautkrankheiten und venerische Geschwüre wurde das Queck- 
silber bereits im Altertume gebraucht. Den Chinesen ist ferner die 
Wirkung von Kupfersulfat als Brechmittel, von Rhabarber und Natrium- 
sulfat als Abführmittel, der Granatwurzel gegen Würmer, von Moschus 
und Kampher als Nervenmittel, von Opium als schmerzstillendes 
Mittel, von Alaun gegen Angina, von Schwefel gegen Krätze u. s. w. 
bekannt. Daneben wenden sie aber auch die absurdesten und ekel- 
haftesten Substanzen, wie Eidechsen, Kröten, Schlangen, Skorpionen, 
Skolopendren, Regenwürmer, Blutegel, Seidenraupen und deren Puppen, 
Tigerknochen, Zähne und Knochen von Drachen, Elefantenzähne 
(gegen Epilepsie), Elfenbein (gegen Diabetes), Hirsch- und Rhinozeros- 
horu. Schildkrötenschale, menschliche und tierische Exkremente (als 
Abführmittel), Samen junger Männer, welcher in Pillenform bei Blut- 
armut und Schwächezustäuden verordnet wird. Hoden besonders von 
Tigern (gegen Impotenz), Leber von verschiedenen Tieren (gegen 
Leberkrankheiten), Galle (s. oben), Mutterkuchen (zur Erleichterung 
der Geburt), Milch junger Frauen, welcher die Kraft das Leben zu ver- 
längern. Alte jung zu machen zugeschrieben wird, altes Kupfergeld 
u. s. w., an. Sogar Menschenblut und Menschenfleisch wird von ihnen 
nicht verschmäht, indem das Blut von Enthaupteten im Rufe eines 
ausgezeichneten Kräftigungsmittels steht und das Fleisch der Kinder 
als bestes Stärkungsmittel für die Eltern gilt, so dass sich häuflg pietät- 
volle Kinder Stücke aus Arm und Bein schneiden lassen, um dem 
altersschwachen Vater mit der kräftigsten aller Fleischbrühen zu 
helfen. 

Eine ausserordentlich grosse Rolle spielt die G i n s e n g - W u r z e 1 , 
die AVurzel von Panax Ginseng Nees, einer Umbillifere, die besonders 
im Norden von Korea kultiviert wird. Dieselbe gilt als eine wahre 
Panacee und wird selbst mit Gold nicht aufgewogen. 

Ein viel gebrauchtes Mittel ist auch der Zinnober, welcher von 
den chinesischen Alchimisten für eine Art von Stein der Weisen, der 
Metalle in Gold verwandelt und Unsterblichkeit verleiht, gehalten wird. 

Der Gebrauch von Mineralbädern scheint in China, ganz un- 
bekannt gewesen zu sein. 

Die herrschende Idee in der chinesischen Arzneimittellehre ist 
die von den spezifischen Eigenschaften der Mittel : jedem wird 
eine bestimmte Wirkung zugeschrieben, und sie werden nach dieser, 
welche allerdings vielfach eingebildet und manchmal recht phantastisch 
ist, indem u. a. die durch ihre Farbe und ihren Geschmack gegebenen 
Beziehungen zu den verschiedenen Organen (s. oben) eine Rolle spielen, 
klassiflziert. Dabei fehlt es aber nicht an richtigen Beobachtungen. 
So ist den Chinesen die Unverträglichkeit und der Antagonismus ge- 
wisser Substanzen, also auch die Existenz von Gegengiften bekannt. 
Interessant sind die Anklänge an unsere moderne Organtherapie. 

Verabreicht werden die Heilmittel in Form von Dekokten, Mix- 



30 B- Scheube. 

turen, Pulvern, Pillen, Boli, Latwergen, Suppositorien, auch in Fett 
gebraten. Dagegen giebt es in der chinesischen Pharmazie keine 
Arzneimittel, die auf komplizierterem Wege, chemisch zubereitet 
werden, wie Extrakte, verdickte Säfte, Tinkturen, 

Jedes Eezept ist in der Regel aus einer Anzahl von Mitteln zu- 
sammengesetzt, von denen einem oder zwei die Hauptwirkung zukommt, 
während die anderen als Adjuvantien dienen. Je voluminöser die 
Arzneien sind, von desto besserer Wirkung werden sie gehalten. Bei 
den Verordnungen sollen stets auch Jahreszeiten und Wetter berück- 
sichtigt werden. Ferner kommen verschiedene Mittel zur Anwendung, 
je nachdem die Krankheit einen Mann oder eine Frau betriift. 

Bei der Zusammensetzung der Eezepte spielt der Glaube an den 
Einfluss gewisser Zahlen, namentlich der 5 und 3, eine grosse Rolle. 
Die Zahl der verordneten Substanzen pflegt daher 5, 3 oder Multipla 
von diesen zu betragen, selten sind es weniger als 9 oder 10, und 
man lässt gewöhnlich 5 Gaben, 5 Boli u. s. w. nehmen. 

Ausserordentlich verbreitet sind die Geheimmittel. Es dürfte 
wohl kaum ein zweites Land in der Welt geben, das eine so grosse 
Zahl von solchen besitzt als China wegen des Aberglaubens, von 
w^elchem hier alle Schichten der Bevölkerung durchdrungen sind. Die- 
selben pflegen sowohl von Aerzten als Droguisten verkauft zu werden. 
Unter ihnen nehmen den ersten Platz die sogenannten Frühlings- 
rezepte (Chun-fan), unter welchen Aphrodisiaka zu verstehen 
sind, ein. 

Bei dem allgemeinen Aberglauben, der in China herrscht, kann 
es nicht Wunder nehmen, dass dort auch die theurgische Be- 
handlung derKrankheiten durch Amulette, Anbetung von Götzen- 
bildern, Kurieren nach Anleitung der Geister, Beschwörung und Aus- 
treibung derselben u. s. w. sehr verbreitet ist. Dieselbe wird meistens 
von Taoisten -Priestern, aber auch von Aerzten vorge- 
nommen, von letzteren namentlich auf dem Lande, wo sie zugleich 
die Stelle der Astrologen zu versehen, über glückliche und unglück- 
liche Tage, Günstigkeit und Ungünstigkeit eines Platzes für den 
Hausbau, Anlage eines Begräbnisses u. s. w. zu wahrsagen pflegen. 
In alten Zeiten waren überhaupt Heilkunst, Zauberei und Wahrsage- 
kunst eng mit einander verbunden, ja galten geradezu für identisch, 
was auch daraus hervorgeht, dass die medizinischen und astrologischen 
Bücher von der Verordnung des despotischen Kaisers Shi-hwang-ti 
(221 — 210 V. Chr.), der alle Bücher, als der Moral nachteilig, ver- 
brennen liess, w^eil er glaubte, die höhere Bildung seiner Unterthanen 
könne seine Herrschermacht beeinträchtigen, ausgeschlossen waren. 

Die Chirurgie ist bei den Chinesen nicht aus den Kinder- 
schuhen herausgekommen. Dieselbe beschränkt sich in der Haupt- 
sache auf das Verbinden von Geschwüren und Wunden mit Salben, 
w^obei mit Fäden aus der Rinde des Maulbeerbaumes genäht wird, 
das Kauterisieren mit dem Glüheisen, welches bei alten Geschwüren 
und zur Entfernung wilden Fleisches sowie gegen den Biss toller 
Hunde zur Anwendung kommt, das Anlegen primitiver Frakturver- 
bände, das Eröffnen oberflächlicher Abscesse. 

Zwei weitere Operationen, die häufig ausgeführt werden und bis 
ins hohe Altertum zurückreichen, sind die Kastration und die Ver- 
krüppelung der Füsse. 



Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 31 

Die Kastration kam ursprünglich als Strafe — als solche wird die- 
selbe schon 1100 V. Chr. erwähnt — später zu dem Zwecke, Eunuchen 
für den Dienst in den Palästen des Kaisers und einiger Mitglieder der kaiser- 
lichen Familie, welche allein das Privileg solche zu halten haben, zu liefern, 
zur Anwendung. Die Zahl der Eunuchen, welche nur in Peking angetroffen 
werden, ist im letzten Jahrhundert bedeutend zurückgegangen, von etwa 
6000 auf 1000. Die Operation wird von Spezialisten ausgeführt, deren 
Handwerk in ihren Familien erblich bleibt. Vor derselben werden die 
Geschlechtsteile unempfindlich gemacht, was nach einer Angabe durch 
Kneten im heissen Bade, nach einer anderen durch Baden in bestimmten 
Mitteln geschieht. Dann werden Penis und Scrotum zusammengefasst und 
mit einer seidenen Binde sehr fest eingewickelt, so dass das Ganze die Form 
einer "Wurst bekommt. Darauf schneidet der Operateur mit einem mittels 
einer Schere oder einem sichelförmigen Messer geführten Schnitte die Or- 
gane dicht vor dem Schambogen ab. Sein Gehilfe drückt eine Hand voll 
styptisches Pulver, das aus wohlriechenden Harzen, Alaun und Wundschwamm 
besteht, auf die Wunde und setzt die Kompression und das Auflegen des 
Pulvers fort, bis die Blutung steht. Sodann wird nach Einführung eines 
nagelfömigen Stöpsels aus Holz oder Metall in die Harnröhre fest verbunden 
und die Heilung der Natur überlassen. Unmittelbar nach der Operation 
wird der Operierte" unter die Arme gefasst und 2 — 3 Stunden im Zimmer 
herumgeführt, damit die normale Cirkulation der Körpersäfte wieder her- 
gestellt wird, und dann erst ins Bett gebracht. 3 Tage lang darf er nichts 
trinken und der Verband nicht abgenommen werden. Kann er nach Ab- 
lauf dieser Zeit urinieren, so gilt er als gerettet, und die Heilung erfolgt 
gewöhnlich in 100 Tagen. Wenn nach 4 Tagen kein Harn gelassen wird, 
pflegt der Tod unter septischen Erscheinungen einzutreten. Selten wird 
der Tod durch Blutung veranlasst. 

Nach Stricker, stirbt von den kastrierten Erwachsenen die Hälfte, 
von den Kindern ein Drittel, während nach Stent die Sterblichkeit nur 
2 ^Iq betragen soll. Obwohl von den Kastrierten hölzerne Dilatatoren ge- 
tragen zu werden pflegen, entwickeln sich doch bei den meisten Strikturen 
mit ihren Folgeerscheinungen. 

Nach Martin, der eine von der obigen abweichende Beschreibung 
giebt, wird die Kastration auf unblutige Weise vorgenommen. Nach- 
dem die Knaben 14 Tage lang eine besondere Diät erhalten haben, werden 
einige Tage Waschungen und Umschläge auf die Geschlechtsteile mit einer 
aus 10 Pflanzen zusammengesetzten Mixtur gemacht, um dieselben unem- 
pfindlich zu machen. Dann werden allmählich verstärkte Torsionen vorge- 
nommen, zu denen später noch Ligaturen mit Seidenfäden hinzukommen, 
um Gangrän der Genitalien zu erzeugen, während die Flüssigkeitszufuhr 
möglichst eingeschränkt wird. Nach 15 — 20 Tagen stossen sich die gan- 
gränösen Geschlechtsteile ab, und nach 2 Monaten ist die Heilung erfolgt. 

Die entfernten Geschlechtsteile werden von den Eunuchen in Spiritus 
aufbewahrt und nach dem Tode mit ins Grab genommen, da nach der religiösen 
Anschauung der Chinesen für den, welcher mit verstümmeltem Körper das 
Reich der Toten betritt, eine Vereinigung mit den Vorfahren nicht möglich ist. 

Wahrscheinlich gleichfalls sehr alt ist die Verkrüppelung der 
Füsse, welche bei den Mädchen der höheren Stände zur Ausführung 
kommt, eine Sitte, die übrigens von den Mandschu, welche in der Mitte des 
17. Jahrhunderts das chinesische Reich eroberten und jetzt den Thron inne- 
haben, nicht angenommen worden ist. Mit dieser Operation beginnt man 



32 B. Scheube. 

etwa im 7. Lebensjahrej indem man die Füsse durch feste Einwickelungen 
in der Weise einpresst, dass die 2. — 5. Zehe untergebogen und gleich- 
zeitig die Fersen nach oben und rückwärts gezwängt werden. Die Folge 
dieser Verkrüppelung ist, dass die Frauen sich schwer fortbewegen können 
und wegen ihres unsicheren Ganges sehr leicht fallen, so dass sie grössten- 
teils aufs Haus angewiesen sind. Vielleicht liegt in dieser Fesselung ans 
Haus überhaupt der Zweck der ganzen Sitte. 

Nach M o r a c h e hat die Verkrüppelung der Füsse eine Hypertrophie 
des Mons Veneris und der grossen Schamlippen zur Folge, während sich 
die Scheide an dieser Hypertrophie nicht zu beteiligen scheint. Der ge- 
nannte Autor ist daher geneigt in dieser für das sexuelle Leben nicht be- 
deutungslosen Folgeerscheinung den Zweck der Operation zu suchen. 

lieber einen angeblichen grossen Chirurgen findet sich eine Notiz in 
dem im 15. Jahrhundert verfassten Ku-kin-i-tong (allgemeine Samm- 
lung alter und neuer Medizin). Nach derselben führte der im 3. Jahr- 
hundert lebende Arzt H o a t h o , nach anderer Schreibweise C h u a - 1 o , 
grosse Operationen, wie Oeffnung der Hirnschale , Ausschneidung von 
Knochen, Amputationen, aus und wandte bei diesen künstliche An- 
ästhesie an, indem er den Kranken Ma-yo (Ma-jao), was 8 tan. 
Julien mit „Hanfpräparat", Tatarinoff mit „einschläfernder Arznei" über- 
setzt, gab, wodurch dieselben so unempfindlich wurden, als ob sie betrunken 
oder des Lebens beraubt gewesen wären, aber nach einigen Tagen wieder 
ganz hergestellt waren, ohne bei der Operation die geringsten Schmerzen 
empfunden zu haben. Da diese Operationen nirgends näher beschrieben 
worden sind und keine Nachahmung gefunden haben, verweist Tatarinoff 
wohl mit Recht dieselben ins Bereich der Fabel. 

Der Aderlass kommt in China sehr selten zur Anwendung, da 
die Chinesen sehr blutscheu sind. Häufiger bedienen sie sich des 
trockenen Schröpfens. Dabei wird zuerst ein kleines Wachslicht 
auf den zu schröpfenden Körperteil gesetzt, darüber kommt ein kupferner 
Schröpf köpf, welcher auf seiner oberen Fläche eine kleine, mit Wachs 
verschlossene Oeffnung hat. Aus letzterer wird nach Beendigung der 
Operation das Wachs mittels einer Nadel herausgenommen, so dass die 
Luft eindringen und der Schröpfkopf wieder entfernt werden kann. 

Die Klystiere sind den Chinesen erst durch die Portugiesen, 
welche in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts nach China kamen 
und sich in Macao festsetzten, bekannt geworden, werden von ihnen 
aber wenig gebraucht. 

Häufig angewandte Verfahren sind dagegen Moxibustion, 
Akupunktur, Massage undHeilgymnastik, deren Ausübung 
aber meist nicht in den Händen von Aerzten liegt. 

Die Moxibustion kommt zur Anwendung bei schmerzhaften 
Affektionen, damit die stagnierende Materie, welche die Krankheit ver- 
ursacht, in Bewegung gesetzt und ihr eine Ausgangspforte geöffnet 
wird. Die Chinesen bedienen sich zu derselben des Schwefels, der 
Wolle, mit Oel gedrängten Binsenmarks, vor allem aber der Artemisia 
vulgaris. Die unter besonderen Kautelen gepflückten und getrockneten 
Blätter der letzteren werden zu einer wolligen, zunderähnlichen Masse 
zerstampft und sodann zu kleinen Kegeln geknetet, die man auf den 
betreffenden Körperteil mittels einer durchlochten Münze oder Metall- 
platte aufsetzt oder direkt mit Speichel aufklebt und darauf anzündet. 
Je nach der Krankheit sind Applikationsstellen und Zahl der Moxen 



Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 33 

verschieden. So werden diese bei Magenkrankheiten auf den Schultern, 
bei Brustkrankheiten auf dem Rücken, bei Zahnschmerzen am Daumen, 
bei venerischen Affektionen längs der Wirbelsäule aufgesetzt. Es giebt 
auch bestimmte Kontraindikationen gegen ihre Anwendung ; eine solche 
kann z. B. das Wetter bilden. Die Moxibustion ist ein so populäres 
Heilmittel, dass sie wie bei uns früher der Aderlass prophylaktisch 
von Zeit zu Zeit gebraucht zu werden pflegt. 

Die Akupunktur (Chin-kieu) wird bei Störungen in der 
Cirkulation der Luft und des Blutes angewandt, indem dieselbe dazu 
dient, schädliche Flüssigkeit oder Luft herauszulassen oder auch der 
äusseren Luft Eintritt zu gewähren. Sie ist daher bei den verschie- 
densten Krankheiten in Gebrauch. Sie wird mit feinen Nadeln aus 
Gold. Silber oder gehärtetem Stahl, die 5—22 cm lang sind und ver- 
schiedene Formen haben, ausgeführt. Mittels eines kurzen Schlages 
mit dem Finger oder einem kleinen Hammer auf den spiralig aus- 
gekehlten Kopf der Nadel wird, während der Kranke hustet, die 
Spitze durch die gespannte Haut eingetrieben und dann die Nadel 
mittels leichter Dreh- und Druckbewegungen weiter eingeführt. Die 
Prozedur ist nicht schmerzhaft, der Kranke empfindet kaum das Ein- 
dringen der Nadel. Nach Entfernung der letzteren wird auf die 
Einstichstelle eine Moxe gesetzt. Bezüglich der Applikationsstellen 
und Applikationsweise bestehen minutiöse Vorschriften, indem je nach 
der Krankheit Ort des Einstichs, Tiefe der Einführung, Dauer des 
Liegenlassens, Zahl und Anordnung der Nadeln verschieden sind. Es 
giebt nicht weniger als 388 Einstichspunkte, die alle besondere, oft 
sehr wichtig klingende Namen haben. 

Die Massage, welche die Chinesen den Indiern entlehnt haben 
sollen, besteht hauptsächlich in Kneten und Klopfen. Dieselbe kommt 
beim geringsten Schmerz, bei der geringsten Kontusion zur Anwendung, 
wird aber nicht von Aerzten, sondern meist von alten Frauen und 
Blinden ausgeführt. 

Die Heilgymnastik (Kang-fu) soll als prophylaktisches 
und heilendes Mittel schon in grauer Vorzeit in Gebrauch gewesen 
sein. Dieselbe wird zurückgeführt auf den legendhaften Ch'ih-sung- 
tzu, welcher der Sage nach bereits das Alter von 12 Jahrhunderten 
erreicht hatte, als sich sein kaiserlicher Gebieter und Herr H w a n g - 1 i 
von ihm in der Kunst das Leben zu verlängern unterrichten liess. 
Eins der wichtigsten Werke darüber wurde 477 von Tamo, welcher 
von Indien eingewandert war, verfasst und 618 von Li-yao-shih 
herausgegeben. Sie hat den Zweck, die Cirkulation der Lebensluft zu 
regulieren und zu erhöhen und besteht als eine Vorläuferin der schwe- 
dischen Heilgymnastik in systematischen Einatmungen von Luft, Rei- 
bungen des Unterleibs, die bei Störungen infolge von Mangel des 
männlichen Prinzips von einem Mädchen, bei solchen infolge von 
Mangel des weiblichen Prinzips von einem Knaben vorgenommen 
werden, Schlagen der Brust und des Rückens mittels eines mit Fluss- 
kieseln gefüllten Sackes, Bearbeitung des Bauches mit einer hölzernen 
Keule, aktiven Muskelbewegungen der gesamten Muskulatur des 
Körpers, selbst der Muskeln der Augen, der Zunge und des Mundes, 
Widerstandsbewegungen, bei denen der Widerstand durch eine zweite 
Person oder durch schwere Gegenstände, besonders mit Steinen ge- 
füllte Säcke, hergestellt wird, was alles zu einer planmässigen, über 

Handbuch der Geschichte der Medizin. 3 



34 B- Scheube. 

viele Monate sich hinziehenden Kur, während welcher die Kranken 
enthaltsam leben und den Geist ruhen lassen müssen, geordnet ist. 

Die Zahnheilkunde, welche mit viel Charlatanerie betrieben 
wird, besteht nur in der Applikation reizender Pasten und der Extraktion 
der Zähne mit Hilfe von hebelartigen Instrumenten, nachdem dieselben 
mittels eines Pulvers oder einer Paste, die ins Zahnfleisch gerieben 
werden, gelockert worden sind. 

Die Geburtshilfe wird praktisch nur von Hebammen aus- 
geübt. Werden Aerzte zu Entbindungen hinzugezogen, so begnügen sie 
sich damit, krampf- und schmerzlindernde Mittel zu verordnen; selbst 
eine Verbesserung der Lage des Kindes erwarten sie von Innern Mitteln. 
Das Vorhandensein und die Funktion der Gebärmutter ist ihnen un- 
bekannt. Auch die Kenntnisse und Kunstfertigkeit der Hebammen sind 
gering und beschränken sich auf Andeutungen von Verbesserung der 
Lage der Frucht, Ergreifen der vorliegenden Füsse und Extraktion, 
Reposition des vorgefallenen Armes oder der vorliegenden Nachgeburt, 
Entfernung des abgestorbenen Kindes mittels eines eisernen Doppel- 
hakens, wenn nötig nach Zerbrechen der Knochen mit der Hand, Ampu- 
tation der Glieder mit einem Messer, Prozeduren, welche nur zu oft auch 
den Tod der Mutter zur Folge haben. 

Nach der Entbindung bekommt die Wöchnerin eine Tasse Urin 
eines 3 — 4 jährigen Kindes zu trinken, wodurch der Abgang des 
schlechten Blutes erleichtert werden soll, und muss wenigstens 3 Tage 
im Bett in erhöhter Lage zubringen, während ihre Nahrung nur aus 
Hirse und Reiswasser besteht. 14 Tage darf sie sich nicht waschen 
und kämmen. Dem Kinde wird am 4. Tage auf das Nabelschnurende 
eine Moxe gesetzt. 

Die Dauer der Schwangerschaft wird auf 270 Tage angenommen. 
Das Geschlecht der Frucht kann am Pulse der Mutter erkannt werden : 
wenn der rechte Puls derselben erhoben ist, ist es ein Knabe, w^emi 
der linke, ein Mädchen, wenn beide, sind es Zwillinge verschiedenen 
Geschlechts. 

Ueber gerichtliche Medizin besitzen die Chinesen das älteste 
Werk, welches existiert. Dasselbe ist betitelt Si-yuen-luh, d. h. 
Sammlung der Verfahren, mit deren Hilfe man ein Unrecht räclit, und 
stammt aus dem Jahre 1248. Es ist also fast 300 Jahre älter als 
die ältesten europäischen Bücher über gerichtliche Medizin, die Bam- 
bergische Halsgerichtsordnung (1507) und Kaiser Karl V. peinliche 
Gerichtsordnung (1532). 

Das "Werk besteht nach Maetin aus 5 Büchern. Im ersten werden 
die Verantwortliclikeitsfrage, die tödlichen Verletzungen, die Vornahme der 
Leichenbesichtigungen, welche in China aber nicht von Aerzten, sondern 
von Beamten der untersten Hangklasse vorgenommen werden, die Identi- 
tätsfrage , der künstliche Abort und der Kindsmord abgehandelt. Der 
künstliche Abort pflegt in China nicht durch Instrumente, sondern durch 
Aufstreuen von getrockneten und pulverisierten Rindsläusen und Blutegeln 
auf den Gebärmutterhals eingeleitet zu werden. Bei der Feststellung der 
Identität spricht eine wichtige Rolle die Blutprobe, durch welche die 
Verwandtschaft zweier Personen bewiesen wird. Diese müssen sich einen 
Stich beibringen und das aus diesem austretende Blut in AVasser fallen 
lassen. Sind sie Vater und Kind, Mutter und Kind, Mann und Frau (!), 
so fliesst das Blut zusammen, sonst nicht. Zur Agnoscierung des Skelets 



Die Geschichte der Medizin bei deu ostasiatischen Völkern. 35 

ihrer Eltern lassen auf dasselbe die Kinder ihr Blut fallen : dringt dies in 
die Knochen ein, so sind es die elterlichen. Durch Waschen derselben mit 
Salzwasser kann das Gelingen der Probe verhindert werden. 

Das zweite Buch handelt von den Haussuchungen, den gerichtlichen 
Untersuchungen, vom Selbstmorde und dem Tode durch Strangulation, Ver- 
brennung und Ertrinken. Stark aufgetriebener Leib, am Kopfe klebendes 
Haar, Schaum vor dem Munde, steife Hände und Füsse, weisse Fusssohlen, 
Sand unter den Nägeln gelten bei "Wasserleichen als Zeichen dafür, 
dass dieselben lebend ins Wasser gekommen sind, während diese Zeichen 
fehlen, wenn die Leiche nach dem Tode ins Wasser geworfen worden ist. 

Im dritten und vierten Buche werden namentlich die Vergiftungen, 
ihre Erkennung und Behandlung besprochen. Giftmorde kommen in China 
sehr häußg vor. Die Gifte, welche angeführt werden, sind Croton Tiglium, 
Arsenik, Quecksilber, Pottasche, Aprikosenkeme (Blausäure), Opium. Zur 
Erkennung von Vergiftungen wird eine silberne Nadel, die in einem Auf- 
gusse von Mimosa saponaria gewaschen wurde, in den Mund der Leiche 
gesteckt und dieser mit Papier verstopft. Hat eine Vergiftung stattge- 
funden, so wird dieselbe nach einiger Zeit blauschwarz und bleibt es auch 
beim Abwaschen mit demselben Aufgusse. Oder es wird etwas gekochter 
Reis in den Mund und die Kehle der Leiche gebracht, der Mund 24 Stunden 
mit Papier bedeckt, dann der Reis herausgenommen und einem Huhne zu 
fressen gegeben. Stirbt dies, so liegt eine Vergiftung vor. 

Das fünfte Buch enthält Allgemeines über gerichtliche Untersuchungen 
und die Hauptbegriflfe der Anatomie und Physiologie. 

Dies Werk dient noch heutigen Tags den chinesischen Justizbeamten 
zur Richtschnur. Beim Volke gilt dasselbe für ein so unfehlbares 
AVerkzeug zur Entdeckung von Verbrechen, dass die Verbrecher es 
für nutzlos halten zu leugnen und Geständnis ablegen. Es ist daher 
ein wichtiges Hilfsmittel der chinesischen Rechtspflege, dient aber auch 
auf der anderen Seite den Richtern als bequemer Deckmantel füi* 
ihre Missbräuche. 

Erwähnt sei noch, dass schon seit alter Zeit in der chinesischen 
Rechtspflege AbdrückederDaumenspitzen, und zwar der linken 
bei Männern und der rechten bei Frauen, nicht nur als Unterschriften 
von Geständnissen, sondern auch bei den Signalements von Verbrechern 
zur Verwendung kommen. 

Der ärztlicheBeruf ist in China frei ebenso wie der Verkauf 
von Arzneimitteln. Wer ersteren ausübt, kann daneben auch Staats- 
diener sein und eine Militär- oder Zivilstelle begleiten. Die Verfasser 
von vielen medizinischen Werken waren Beamte. 

Früher gab es für die Ausbildung der Aerzte zahlreiche Medizin- 
schulen, in allen Distriktshauptstädten, die namentlich im 7. und 12. 
Jahrhunderte gegründet wurden. Dieselben sind aber verschwunden 
wie die in früheren Jahrhunderten vorhandenen Hospitäler. Ver- 
schwunden sind auch die Prüfungen, welche zu Ende des 13. Jahr- 
hunderts unter dem mongolischen Kaiser Kublai eingeführt wurden, 
ebenso wie die drei Grade der Medizin, welche von der D3^nastie 
Ming (1368—1644), unter deren Herrschaft die Blütezeit der chine- 
sischen Medizin fiel, analog den 3 akademischen Graden geschaffen 
wurden. Auch die kaiserliche Medizinschule, welche in neuester Zeit, 
1894, auf Li-hung-changs Betreiben in Tientsin errichtet wurde^ 
hat nur ein kurzes Dasein gefristet und ist wieder eingegangen. 

3* 



36 B. Scheiibe. 

Uebrig- geblieben ist nur das unter der Dynastie Ming gegründete 
Kollegium der Aerzte in Peking, T'ai-i-yuen (hohes Arzt-Kollegium) 
genannt, in welchem die Aerzte für den kaiserlichen Hof und alles, 
was zu diesem gehört, ausgebildet werden, und dem eine grössere Zahl 
von Aerzten, teils Mandschu, teils Chinesen, die besondere Titel führen, 
angehören. Dasselbe ist aber auch nur ein Schatten von dem, was 
es früher war. Mehr nach Gunst als nach Verdienst verteilt es jetzt 
Diplome an alle Schüler, die ein Stück aus einem der alten medi- 
zinischen Klassiker oder auch aus einem Manuskripte eines Mitgliedes 
ihrer eigenen Familie, das Arzt war, auswendig können. 

In der Kegel gehen die Aerzte in China einige Jahre bei älteren 
Kollegen in die Lehre. Sie spielen die Handlanger ihrer Meister, 
lesen fleissig deren Eezepte, hören andächtig auf jedes Wörtchen 
Weisheit, das ihren Lippen entfällt, und studieren nebenbei die kano- 
nischen Werke. Meist erbt sich der ärztliche Beruf vom Vater auf 
den Sohn fort. So giebt es Aerztefamilien, deren männliche Mitglieder 
seit Jahrhunderten sämtlich in gleicher Weise Praxis ausüben, indem 
die vorhandenen Rezepte und medizinischen Bücher stets sich mit ver- 
erben und den gemeinsamen Quell ihres Wissens bilden. Im all- 
gemeinen hat man das meiste Vertrauen zu solchen Aerzten, die eine 
lange Reihe von Berufsahnen aufzuweisen haben. Doch giebt es auch 
viele Aerzte, welche Autodidakten sind, indem sie irgend ein medi- 
zinisches Buch auswendig gelernt oder auch nur einige Rezeptformeln 
sich angeeignet haben. Ueberhaupt ist jetzt die Mehrzahl der Aerzte 
zu reinen Charlatanen herabgesunken. 

Die Aerzte, I - s h e n g (Herr Arzt) genannt, gehören zu der zweiten 
der beiden Klassen, in welche sich die chinesische Gesellschaft scheidet, 
zum Volke (Min), nur die Mitglieder des ärztlichen Kollegiums werden 
zur ersten, zu den Wohlgeborenen (C h e n), die sich aus den Zivil- und 
Militärbeamten zusammensetzt, gerechnet. 

Sie haben keine besondere Tracht. An ihren Häusern sind farbige 
Aushängeschilder angebracht, auf denen in goldenen Charakteren teils 
die Namen der Häuser, teils schmeichelhafte Inschriften, welche ihre 
Kunst preisen und ihnen von dienstfertigen Freunden oder Patienten 
gewidmet sind, stehen. 

Das Spezialistentum ist in China ausserordentlich entwickelt, meist 
legen sich die Aerzte nur auf die Behandlung bestimmter Krankheiten. 
So giebt es Aerzte für innere, äussere, Kinder-, Frauen-, Augen-, Zahn- 
und Mundkrankheiten, Erkältungsfieber, Schlagflüsse, Kinderausschläge 
(besonders Pocken und Masern). 

Auf dem Lande pflegen die Aerzte ihre Rezepte selbst anzu- 
fertigen, während in den Städten dieselben in Apotheken bereitet 
werden. 

Die Bezahlung der Aerzte ist eine schlechte. Ständige, fixierte 
Hausärzte haben nur die Fürsten (Mandschu). 

Es ist üblich, dass die Aerzte ihre Kranken nur besuchen, 
wenn sie gerufen werden , ein Brauch , der ihnen die Möglich- 
keit nimmt, Krankheiten zu beobachten und die Wirkung von Arznei- 
mitteln kennen zu lernen. Ihre Besuche machen sie möglichst früh 
am Morgen, weil sie glauben sich zu dieser Zeit besser ein Urteil über 
die Natur der Krankheit bilden zu können. Schwierige Fälle pflegen 
sie nicht in Behandlung zu nehmen aus Furcht für ihren Ruf und 
auch für ihre Sicherheit. Denn es steht Strafe sowohl auf unvor- 



Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 37 

schriftsmässiger Bereitung der Arzneien als auch auf unvorschrifts- 
mässiger, den Lehren der alten Autoren zuwiderlaufender Behandlung, 
die den Tod zur Folge gehabt hat, unter Umständen sogar Todesstrafe. 
Die Folge dieser Bestimmung ist, dass sich die Aerzte innerhalb des 
Kreises der klassischen Formeln halten, die sie vor jedem Prozess 
schützen. 

Die eben erwähnten Thatsachen tragen sicher im Verein mit dem 
Verbote der Sektionen zum Teil wenigstens mit die Schuld an dem 
niederen Stande, auf welchem die Medizin in China stehen geblieben ist. 

Ebensow^enig wie sich der chinesische Staat in der Gegenwart um 
die Ausbildung der Aerzte kümmert, hat er auch für Anstalten und 
Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitswesens gesorgt, wenn man 
von höchst dürftigen Niederlassungen für Aussätzige im südlichen China, 
besonders in der Umgebung von Kanton, absieht. Die Krankenhäuser, 
welche es in China giebt, sind entweder von fremden Missionsgesell- 
schaften, von denen namentlich die 1838 gegründete Medical 
Missionary Society, welche sich auch um die Uebersetzung von 
medizinischen Werken ins Chinesische verdient gemacht hat, zu er- 
wähnen ist, errichtet worden oder stehen in Verbindung mit dem 
unter englischer Leitung stehenden, die Kontrolle über die auf den 
Fremdhandel entfallenden Aus- und Eingangszölle führenden See- 
Zollamte. An denselben ist den chinesischen Aerzten Gelegenheit 
geboten sich auszubilden, von welcher aber dieselben nur verhältnis- 
mässig wenig Gebrauch machen. Seit kurzem erscheint in Hongkong 
die erste, monatlich herauskommende Zeitschrift für Medizin. So 
findet die abendländische Medizin nur langsam Eingang in China und 
hat vielfach nicht nur mit Indifferentismus, sondern sogar mit directem 
Widerstände zu kämpfen. Aber wenigstens eine Segnung derselben 
fangt an sich immer mehr im Eeiche der jNIitte auszubreiten und feste 
Wurzel zu fassen. Es ist dies die Schutzpockenimpfung. Das 
Verdienst, diese in China eingeführt zu haben, gebührt dem Engländer 
Alexander Pearson, der 1805 dort die ersten Impfungen vornahm. 

II. Japaner. 

Die Medizin des alten Japan ist nicht einheimischen Ursprungs, 
sondern stammt wie überhaupt dessen ganze Kultur aus China. 
Ho ff mann vergleicht erstere treffend mit „einem von China nach 
Japan verpflanzten Baume, der trotz des fremden Bodens und des 
fremden Gärtners seinen heimischen Charakter und alle seine ursprüng- 
lichen Eigenschaften bis in die neueste Zeit ganz unverfälscht bewahrt 
hat". Die Brücke, auf welcher die Heilkunde von China nach Japan 
übergewandert ist, ist dieselbe, auf der auch die übrigen AVissenschaften, 
Künste und Industrien sowie der Buddhismus von dort herübergekommen 
sind, das zwischen beiden liegende Korea. 

Mit diesem Lande kam Japan zum ersten Male zu Anfang des 
3. Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung durch den siegreichen 
Feldzug der grossen Kaiserin Jingu in nähere Berührung, und nach 
demselben begann auf diesem Wege chinesische Civilisation und Kultur 
in Japan Eingang zu finden. Aber schon lange vorher, im 2. vor- 
christlichen Jahrhundert, waren die Japaner bereits einmal in Be- 
ziehung zur chinesischen Heilkunde getreten. Denn es wird berichtet, 
dass unter der Eegierung der Kaiserin Kogen (214 — 158 v. Chr.) ein 



gg B. Scheube. 

chinesischer Arzt, der aus politischen Gründen sein Vaterland verlassen 
hatte, mit 300 jung-en Leuten nach Japan kam. Von Jing-us Zeiten 
an wurden häufig Söhne koreanischer Könige medizinische Instruktoren 
von Söhnen japanischer Kaiser. Im Jahre 414 ward ein chinesischer 
Arzt, der in Korea lebte, zum schwer erkrankten Kaiser nach Japan 
gerufen. 553 Hess der Kaiser zahlreiche Gelehrte, darunter auch 
Aerzte und Botaniker, aus Korea kommen, und von nun an breitete 
sich die koreanisch-chinesische Medizin immer mehr im Lande aus. 
Zu Ende des 7. und im Anfang-e des 8. Jahrhunderts fing- man an, 
Medizin schulen unter koreanischer Leitung sowohl in der Hauptstadt 
als in den Provinzen zu errichten. In denselben wurden auch Spezial- 
kurse für Akupunktur, Moxibustion, Massage, Frauen- und Augen- 
krankheiten abgehalten, und es fanden auch Frauen, welche meist dem 
kaiserlichen Hofe angehörten, Ausbildung in Geburtshilfe und nebenbei 
in Akupunktur, Moxibustion und Massage. Ueberhaupt war zu jener 
Zeit die ärztliche Praxis nicht auf die Männer beschränkt; es kam 
sogar vor, dass weibliche Professoren angestellt wurden. Ferner 
wurden Anstalten, in denen Arzneien und Nahrungsmittel an Arme 
verteilt wurden, sowie Hospitäler für Arme gegründet. Vom 7. Jahr- 
hundert an begannen die Japaner die chinesische Medizin auch an der 
Quelle zu studieren. Mit jeder Gesandtschaft wurden junge Männer 
auf Staatskosten nach China gesandt, um sich hier in den Wissen- 
schaften, speziell der Medizin, auszubilden. Während der Bürgerkriege, 
von denen Japan vom 12. — 16. Jahrhundert heimgesucht wurde, geriet 
mit den übrigen Wissenschaften auch die Medizin in Verfall, die 
Prüfungen, welche eingeführt worden waren, wurden abgeschafft, die 
Schulen gingen ein, doch begaben sich noch immer Aerzte zum Studium 
nach China, und wiederholt ereignete es sich, dass japanische Aerzte, 
welche sich dort einen Namen gemacht hatten, an das Krankenbett 
des Kaisers von China gerufen wurden. 

Die Zahl der chinesischen Werke, aus denen die japanischen 
Aerzte ihre Kenntnisse schöpften, ist eine beschränkte. Namentlich 
sind es die folgenden: 

1. S h ö - k a n - r n ^) (S h a n g - h a n - 1 u n ^) ), Lehre von den fieber- 
haften Krankheiten, von Cho-chiyu-kei, der um 200 n. Chr. lebte; 

2. Kin -ki ^) (Kin-kwei -)), goldener Kasten, welcher die nicht 
fieberhaften Krankheiten behandelt, von demselben Verfasser; 

3. Nan-kyö^) (Nan-king^)), über schwierige Krankheiten, 
von Hen-jaku aus dem 3. Jahrhundert v. Chr.; 

4. S - m n ^) (S u - w a n -) ), Fragestücke des S o k o , von demselben 
Verfasser ; 

5. R e i - s u i ^) (L i n g - c h *" u -)), heiliger Mittelpunkt, der über innere 
Medizin und Akupunktur handelt und gleichfalls Hen-jaku zum Ver- 
fasser hat. 

Es giebt zwar auch eine grosse japanische Litteratur, aber diese 
besteht der Hauptsache nach in nichts anderem als Exzerpten und 
Zusammenstellungen aus den alten chinesischen Klassikern, zu denen 
im günstigsten Falle einige eigene Bemerkungen der Verfasser, welche 
bezwecken, die Berechtigung der verschiedenen Lesarten in den 
chinesischen Werken zu erweisen und Erklärungen zum Texte zu 



^) Japanische Aussprache. 
^) Chinesische Aussprache. 



Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 39 

liefern, hinzukommen. Ueber letzteren hinaus erstreckt sich die Kritik 
nicht, die Autorität der alten Autoren selbst wird niemals angefochten. 
Das Fundament der Pharmakologie bildet das chinesische 
Hauptwerk Pän-ts'ao-kang-muh (in japanischer Aussprache H o n - 
zö-ko-moku). Auf diesem basieren auch die beiden neueren japani- 
schen Pharmakopoen : 

1. Hon-zo-ko-moku kei-mo (Buch, durch welches die Dunkel- 
heit aus dem Hon-zo-ko-moku vertrieben wird) von Ono Ean- 
zan. 1804 erschienen und aus 48 Teilen bestehend, eine Pharmako- 
gnosie Japans, in der mit grosser Genauigkeit die Namen und physi- 
kalischen Eigenschaften sowie die Fundorte in Japan der im H. auf- 
geführten Arzneimittel beschrieben werden, und 

2. Yamato-hon-zo (japanisches H.) von Kai- Bar a, 1709 er- 
schienen, ein 16 bändiges Handbuch der Naturgeschichte Japans und 
der rein japanischen Droguen, in dem die therapeutische Anwendung 
derselben keine Berücksichtigung findet. 

Bevor die chinesische Medizin in Japan eingeführt wurde, gab es 
hier bereits eine uralte einheimische Heilkunde, als deren Begründer 
die Gottheiten 0-na-muchi-no-mikoto und Sukuna-hiko- 
na-no-mikoto, welche viele 100 Jahre vor der christlichen Aera 
lebten, angesehen werden. Auch wird in dem im 8. Jahrhundert ver- 
fassten N i h o n g i (japanische Annalen) berichtet, dass im Zeitalter der 
Götter von einem Kaiser Sanitätsoffiziere angewiesen worden seien, 
mit Medizinalpflanzen Versuche an Affen anzustellen und auch deren 
Leiber zu sezieren, wodurch der Bau des Körpers bekannt wurde. 
Als im 9. Jahrhundert die chinesische Medizin einen solchen Eingang 
und eine solche Verbreitung in Japan gefunden hatte, dass zu be- 
fürchten stand, dass die alte einheimische Heilkunde, wie sie in alten 
Zeiten von den Göttern den Menschen gelehrt wurde, verloren ginge, 
beauftragte der Kaiser Heiz ei in der Periode Daido (806 — 810) 
seine beiden Leibärzte A b e Manao und Idzumo Hirosada damit, 
die Formeln und Anwendungsweisen der alten Rezepte aus alten Ur- 
kunden in Dörfern und Shintoterapeln und von bekannten Landärzten, 
die noch nach den alten Methoden kuiierten und die Kenntnis dieser 
Vorschriften geheim gehalten hatten, zu sammeln und aufzuzeichnen. 
So entstand das Werk Daido-rui-shiu-ho (nach Klassen geordnete 
Rezeptsammlung aus der Periode Daido). Leider geriet dasselbe in 
Vergessenheit, wie überhaupt die ganze Reaktion von kurzer Dauer 
war, und ist ohne Einfluss auf die japanische Heilkunde geblieben, 
obwohl es den Stempel einer für Zeit und Volk bewundernswerten 
Objektivität trägt und so sehr vorteilhaft von der oft in pliilosophischen 
Spekulationen sich verlierenden chinesischen Litteratur sich auszeichnet. 
Erst zu Anfang dieses Jahrhunderts erschien es zum ersten Male im 
Drucke, aber nach einer unvollständigen Handschrift. Im Jahre 1827 
wurde in einem Tempel der Provinz Bungo auf der Insel Kiushiu ein 
gut erhaltenes Manuskript aufgefunden und herausgegeben, und seit- 
dem sind mehrmals neue Auflagen erschienen. Das Buch, in dessen 
Texte viele schwarze Quadrate unleserliche Stellen in der Handschrift 
bezeichnen, zerfällt in 100 Kapitel. Die ersten 13 enthalten ein Ver- 
zeichnis von Arzneimitteln, grösstenteils Pflanzen, die sich nach den 
gebrauchten Namen jetzt vielfach nicht mehr identifizieren lassen. In 
den übrigen Kapiteln werden 122 verschiedene Krankheiten bezw 
Kraukheitssj'mptome abgehandelt, unter diesen befinden sich auch 



40 B. Sclieube. 

wodurch das Werk noch ein ganz besonderes Interesse gewinnt, Lepra 
und Syphilis. Letztere wird in ihren verschiedenen Formen, deren 
Zusammengehörigkeit richtig erkannt ist, beschrieben. Daido-rui- 
shiu-ho wäre hiernach das älteste jetzt bekannte Werk überhaupt, 
in dem die Syphilis mit ihren primären, sekundären und tertiären Er- 
scheinungen beschrieben wird und uns die Auffassung derselben als 
konstitutionelle Krankheit entgegentritt. Neuerdings wird jedoch nach 
Okamura die Echtheit dieser Schrift von gediegenen Kennern der 
altjapanischen Litteratur in Zweifel gezogen. Der genannte Autor 
vertritt die Ansicht, dass die Syphilis erst seit dem 16. Jahrhunderte 
in Japan heimisch ist. Er weist darauf hin, dass die am Ende des 
16. Jahrhunderts verfassten Bücher Beschreibungen dieser Krankheit 
enthalten, welche eine grosse Uebereinstimmung mit denen der chine- 
sischen Werke aus jener Zeit zeigen, und führt sogar 2 Schriftsteller, 
allerdings erst aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, an, nach denen 
die Syphilis im Jahre 1569 durch fremde Handelsschiffe in den Hafen 
von Nagasaki, w^elcher damals für den Handel und Verkehr mit den 
Fremden (Portugiesen und Chinesen) bestimmt war, eingeschleppt 
Avorden sein und von da sich über das Land verbreitet haben soll. 

Vereinzelte Ueberbleibsel der alten japanischen Heilkunde haben 
sich neben der herrschenden chinesischen Medizin erhalten. Hierher 
gehört die Anwendung von schweisstreibenden Mitteln bei allen Arten 
von Erkältungen und Katarrhen der Respirations- und Digestions- 
organe. Im Gegensatz zu den Chinesen machen ferner die Japaner, 
welche überhaupt an regelmässige heisse Bäder gewöhnt sind, aus- 
giebigen Gebrauch von heissen Mineralquellen, an denen Japan 
reich ist, indem sie diese zum Baden, aber nicht zum Trinken be- 
nutzen. Der Gebrauch derselben ist sehr alt und wird auf die oben 
erwähnten Gottheiten zurückgeführt. Je heisser die Bäder sind, für 
desto wirksamer gelten sie. In früheren Zeiten sind in Japan auch 
kalte Bäder bei akuten Fiebern angewandt worden, seit dem 12. Jahr- 
hundert aber ausser Gebrauch gekommen, wie sich die Japaner auch 
nicht der Fluss- und Seebäder bedienen. 

Wenn auch blinder, jeden Fortschrift hemmender Autoritätsglauben 
jahrhundertelang die japanische Medizin charakterisierte, gab es doch 
im Laufe derselben einzelne durch Beobachtungsgabe und Menschen- 
kenntnis hervorragende Aerzte, die sich von der chinesischen Schule 
emanzipierten. Besonders erwähnt zu werden verdient Nagata 
Tokuhon (geboren 1512, gestorben 1630), dessen Bestreben darauf 
ging, die Naturheilkraft (riyö-no) zu unterstützen. Er gestattete den 
Kranken gegen die Vorschriften der chinesischen Schule kaltes Wasser 
zu trinken, wenn sie danach verlangten. Wenn er mit Nervenleidenden 
zu thun hatte, gab er sich wenig mit Rezepten ab, sondern suchte 
die Ursache ihrer Krankheit zu ergründen und erzielte oft Heilung, 
indem er auf das Gemüt der Patienten einwirkte: zum Landmann 
sprach er vom fruchtbaren Regen, zum Mädchen von zukünftiger 
Heirat, zur Frau von der baldigen Rückkehr des abwesenden Gatten. 

Die theurgische Behandlung der Krankheiten hat 
auch in Japan jederzeit eine grosse Rolle gespielt und spielt diese 
noch heute, wenn auch keine so grosse wie in China, da das japanische 
Volk aufgeklärter ist als das chinesische. Gebete, Beschwörungen, 
Exorzismen und andere Zaubermittel werden zur Heilung von Krank- 
heiten angewandt und in gleicher Weise von den Priestern des ein- 



Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 41 

lieimisclien Shintoismus wie von denen des in der Mitte des 6. Jahr- 
Imnderts eingeführten Buddhismus geübt. In früheren Zeiten waren 
an den Medizinschulen Professoren für Astrologie und eine Zeitlang 
sogar an der Kaiserlichen Medizinalschule ein Professor für Exor- 
zismus angestellt. 

Die Chirurgie Avar bei den Japanern, bevor sie mit den 
Europäern in Berührung kamen, sehr wenig ausgebildet. Sie legten 
um gebrochene Glieder plumpe Verbände, bedeckten Wunden und 
Geschwüre mit Pflastern oder Salben, applizierten auf Abscesse Kata- 
plasmen, machten aber keine blutigen Operationen. Der Gebrauch 
der Blutegel ist ihnen schon seit dem 8. Jahrhundert bekannt. Sehr 
viel angewandt werden wie in China Moxibustion, x\kupunktur und 
Massage. Es wird berichtet, dass schon zur Zeit des ersten Kaisers 
Jimmu (660—585 v. Chr.) Blinde und Stumme von Aerzten in Massage 
und Akupunktur unterrichtet worden seien. Danach würden diese 
schon in den ältesten Zeiten, vor der Berührung mit China, in Japan 
bekannt gewesen sein. Da aber die ältesten japanischen Geschichts- 
quellen nicht vor dem 8. Jahrhundert geschrieben sind, sind alle Be- 
richte aus früherer Zeit legendenhaft. 

Die Moxibustion wird ausserordentlich viel angewandt, selten 
findet man einen Japaner ohne Moxennarben. Dieselbe ist aber nicht 
das Geschäft von Aerzten, sondern wird von alters her von niedrigen 
Leuten, besonders armen Weibern oder auch von Familienmitgliedern 
ausgeführt. Man bedient sich dazu ausschliesslich der Artemisia 
vulgaris. Die Moxibustion wird hauptsächlich als Präservativmittel 
angesehen und an bestimmten, je nach den Krankheiten verschiedenen 
Körperstellen vorgenommen, die oft von dem kranken bezw. vor Krank- 
heit zu schützenden Teile ganz entfernt und mit diesem ohne allen 
Zusammenhang sind. So werden, um nur einige derselben anzuführen, 
bei der Kakke (Beriberi) die Moxen an der Wade, bei Lepra und Ge- 
hirnkrankheiten zu beiden Seiten der Wirbelsäule, bei Krämpfen auf 
der Fusssohle, bei Brustkrankheiten am Brustbein und an den Schlüssel- 
beinen, bei Schulterrheumatismus am Ellenbogen, bei Tripper in der 
Mitte zwischen Scham und Nabel, bei schweren Geburten an der Spitze 
der linken kleinen Zehe, gegen Unfruchtbarkeit zu beiden Seiten des 
4. Lendenwirbels, zur Verhütung von Konzeption am Nabel gesetzt. 

Von Japan wurde die Moxibustion im 17. Jahrhundert wahrschein- 
lich von den Portugiesen nach Europa gebracht, wo dieselbe aber nur 
ein kurzes Dasein fristete. Das Wort Moxa stammt übrigens nicht, 
wie vielfach angenommen wird, aus dem Portugiesischen, sondern ist 
von dem japanischen Worte Mogusa, das „Brennkraut" bedeutet, ab- 
zuleiten. 

Die Anwendung der Akupunktur (Shin-jutsu) liegt in den 
Händen von besonderen Spezialisten. Die Japaner unterscheiden 2 
Arten von Nadeln: 1. die Drehnadel (Nejibari). welche durch lang- 
same Drehbewegungen, und 2. die Schlagnadel (Uchibari), welche 
durch einen Schlag mit den Fingern oder einem kleinen Hammer ein- 
geführt wird. Erstere ist 4—8 Zoll lang und mit einem Holz- oder 
Elfenbeingriffe versehen. Letztere läuft in einer Kanüle, durch die 
ein zu tiefes Eindringen der Nadel in die Haut verhindert wird. Die 
Akupunktur kommt bei den verschiedensten Krankheiten, namentlich 
allen schmerzhaften Zuständen, nach den auch in China geltenden 
Eegeln zur Anwendung. 



42 B. Scheube. 

Die Massage wird von blinden Knete rn (Amma) ausgeübt, 
welche des Abends mit ihren Pfeifen sich ankündigend durch die 
Strassen zu ziehen pflegen. Dieselbe besteht in Streichen, Drücken, 
Kneten, Klopfen und Stossen mit Fingern und Händen nach bestimmten 
Regeln und wird nicht nur bei Krankheiten verschiedenster Art, sondern 
auch bei allgemeinem Unbehagen und nach Muskelanstrengungen an- 
gewandt. 

Was die Zahntechnik der Japaner betrifft, so ist ihre Methode 
der Zahnextraktion eine rohe: der Zahn wird zuerst mit Hilfe eines 
hölzernen Stöckchens und eines Hammers gelockert und dann mit den 
Fingern extrahiert. Dagegen kennen sie schon seit etwa 200 Jahren 
die Applikation künstlicher Gebisse mittels des atmosphärischen 
Druckes. Die Yorderzähne derselben werden aus sorgfältig ge- 
schliffenen Quarzkieseln gefertigt und in hartem Holze gefasst, während 
Kupfernägel an Stelle der Mahlzähne den Kauprozess verrichten. 

Abweichend von den übrigen Zweigen der Medizin hat die Ge- 
burtshilfe in Japan eine selbständige, von chinesischem Einflüsse 
unabhängige Entwicklung genommen. Bis in die neueste Zeit ist die 
geburtshilfliche Praxis von der übrigen ärztlichen Praxis ganz ab- 
getrennt und wird von besonderen Geburtshelfern, die einen niedrigeren 
Rang einnehmen als die anderen Aerzte, ausgeübt. Der eigentliche 
Begründer der japanischen Geburtshilfe istKagawa Shigen oder 
K. Genyetsu, wie er auch genannt wird, der, seines Zeichens ur- 
sprünglich Akupunkturist und Kneter, um die Mitte des vorigen Jahr- 
hunderts in Kioto lebte. Bis dahin lag wie in China die praktische 
Ausübung der Geburtshilfe lediglich in den Händen von Hebammen 
(Samba), die durch mündliche Tradition ihre Kenntnisse und Ge- 
schicklichkeit unabhängig von Aerzten wieder auf Frauen fortpflanzten. 

Kagawa Shigen ist der Verfasser des ältesten japanischen 
Werkes über Geburtshilfe, welches bis zur neuesten Zeit das Fundament 
derselben bildete. Dasselbe, aus 2 Bänden bestehend, ist betitelt San- 
ron (Abhandlung über die Geburt) und 1765 erschienen. Es fasst 
zusammen, was in japanischer Tradition sich im Gegensatz zu der 
chinesischen Auffassung von der Geburt rein erhalten hat und stellt 
ein seltsames Gemisch von Resultaten einer guten, scharfsinnigen 
Beobachtung, treffenden Urteilen und Altweiberglauben dar. Eine 
genauere Kenntnis der Gebärmutter geht Kagawa Shigen noch ab, 
dagegen bekämpft er die alte Ansicht, dass das Kind bis zum 10. Monate 
im Mutterleibe aufrecht stehe und erst bei der Geburt sich umdrehe. 
Derselbe ist der Stammvater der angesehensten japanischen Geburts- 
helferfamilie, und noch jetzt leben Nachkommen von ihm. Die meisten 
der japanischen geburtshilflichen Instrumente sind von Mitgliedern 
dieser Familie erfunden worden. Sein Adoptivsohn Kagawa Gen- 
t e k i schrieb einen Nachtrag zum San-ron (S a n - r o n - y o k u), welcher 
gleichfalls 2 Bände umfasst und 1775 erschien. 

Schon in alter Zeit erfuhren in Japan die Schwangeren die sorg- 
fältigste Behandlung. Man hatte ein besonderes Geburtszimmer 
(Ubu-ya), in das sich dieselben 3 Wochen vor der zu erwartenden 
Niederkunft begaben und noch 3 Wochen nach dieser blieben. Auch 
der Gebrauch der sehr zweckmässigen L e i b b i n d e (H a r a - o b i), die aus 
einem 6 Fuss langen und 1 Fuss 2 Zoll breiten Stücke weissen Baum- 
wollenzeugs besteht und von den Frauen in der 2. Hälfte der Schwanger- 
schaft und auch noch 5 Wochen nach der Entbindung getragen wird. 



Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 43 

ist sehr alt und wird auf die Kaiserin Jingu zurückgeführt. Ausser 
der Leibbinde kommen in der 2. Hälfte der Schwangerschaft vielfach 
Reibungen des Unterleibes in Anwendung, die nach be- 
stimmten Vorschriften, gewöhnlich 7 mal im Monate, vorgenommen 
werden und den Zweck haben, die richtige Lage des Kindes zu er- 
halten oder eine fehlerhafte in die richtige zu verwandeln. Die 
japanischen Geburtshelfer unterscheiden 3 Kindslagen: 1. die richtige 
(der Kopf unten). 2. die umgekehrte (die Füsse unten) und 3. die 
Querlage und diagnostizieren dieselben mit Hilfe der äusseren und 
inneren Untersuchung. Für die mannigfachen Zufälle, welche während 
der Schwangerschaft eintreten können, giebt es eine grosse Zahl von 
Vorschriften. Erwähnt sei nur, dass von Kagawa Shigen gegen 
hartnäckiges Erbrechen ein Ooitus empfohlen wird, ein Rat, der an 
die bei uns gebräuchliche Kauterisation und Dehnung des Mutter- 
mundes erinnert. 

Künstlicher Abort kommt in Japan häufig vor, wenn auch 
bei Entdeckung strenge Strafe auf demselben steht. Er pflegt aber 
nicht von Aerzten, sondern von besonderen Frauen ausgeführt zu 
werden. Ausser starken Abführmitteln und dem Anstechen des Eies 
mit zugespitzten Holzstäbchen bedient man sich dazu schon seit alter 
Zeit der Wurzeln von Achj-ranthus aspera Thbg. oder der Blattstiele 
von Ligularia Kämpfen Sieb, et Zuc. , die mit Moschus bestrichen in 
den Muttermund eingelegt und 1—2 Tage liegen gelassen werden, 
während gleichzeitig auch innerlich Moschus gereicht wird, oder es 
werden auch mit Moschus imprägnierte Seidenfäden eingeschoben. In 
Europa ist die analoge künstliche Erregung der Frühgeburt (durch 
Bougies u. dergl.) erst seit Beginn des zweiten Drittels dieses Jahr- 
hunderts in Gebrauch. 

Bei der Entbindung kniet die Kreissende gewöhnlich auf Matten, 
die mit Oelpapier und altem Zeuge bedeckt sind, und stützt die Arme 
auf das Gestell eines Kohlenbeckens. Die Hebamme drückt mit beiden 
Händen gegen die Kreuzbeingegend. Später stützt sie, um einen Vor- 
fall des Afters zu verhindern, diesen mit einer Hand, während sie mit 
den Fingern in die Scheide fühlt, ob der Kopf kommt, und drückt 
heim Diirchtritte des letzteren zur Vermeidung von Dammrissen den 
Damm nach vorn. Die Nabelschnur wird, nachdem eine doppelte 
Ligatur von rohem Hanf 3 Zoll vom Nabel entfernt um dieselbe ge- 
legt worden ist, mit der Schere durchschnitten und dann mit Gall- 
äpfelpulver bestreut und in Papier eingewickelt. 

Nach Austritt des Kindes wird der Leib gerieben, um die Nach- 
geburt herauszubefördern (ähnlich wie bei der Cred eschen Methode). 
Gelingt dies der Hebamme nicht, so tritt der Geburtshelfer, welcher 
bisher, falls überhaupt ein solcher zugegen war, den blossen Zuschauer 
spielte, in Aktion, indem er mit einer Hand den Leib reibt und mit 
der anderen am Nabelstrang zieht. Folgt der Mutterkuchen nicht, 
so wird er mit einer besonderen Zange oder auch mit der später zu 
erwähnenden Fischbeinschlinge extrahiert. 

Nach der Entbindung wird die Frau mit erhöhtem Rücken auf 
die linke Seite gelagert und muss ^/o Tag so ruhig liegen bleiben. 
In früheren Zeiten mussten die Frauen während der Geburt und die 
ersten 8 Tage nach derselben in einem besonderen Geburtsstuhle 
(Sandai) zubringen, welcher von den Kagawa verworfen wird, aber 
noch jetzt im Volke seine Anhänger hat. Der Wöchnerin wird auf 



44 B. Scheiibe. 

die äusseren Geschlechtsteile mit Eüböl getränkte Watte gelegt und 
eine Arznei gegeben, deren wirksamste Bestandteile Amygdala Persica 
und Cinnamomum sind, und welche die Gebärmutter zur Zusammen- 
ziehung bringen soll. Das Mutterkorn war den Japanern unbekannt. 
Bei Blutungen nach der Geburt wird die Scheide mit Leinewand ver- 
stopft. Nach 1 Woche steht die Wöchnerin auf, nimmt ein Bad und 
darf nun wieder leichte Arbeit verrichten. 

Das Kind wird erst vom 4. Tage an an die Mutterbrust gelegt. 
Bis dahin erhält es, um abzuführen, eine Abkochung von verschiedenen 
Pflanzen, darunter Rhabarber. Obwohl die Japanerinnen gewöhnlich 
reichlich Nahrung haben, kamen doch schon sehr frühzeitig bei vor- 
nehmen Leuten Ammen und Ernährung mit Kuhmilch in Gebrauch. 

Die hauptsächlichsten von den japanischen Geburtshelfern ange- 
gewandten Operationen sind folgende: 

1. Die Extraktion beiFusslage, welche schon im S a n - r o n 
beschrieben wird. 

2. Die Wendung auf den Kopf durch äussere und 
innere Handgriffe, die gleichfalls schon von Kagawa Shigen 
bei Querlagen empfohlen wurde, also früher, als sie in Europa be- 
kannt war. 

3. Die Wendung auf den Fuss durch äussere und innere 
Handgriffe mit nachfolgender Extraktion. Gelingt es nicht, mit 
dem Finger oder einem stumpfen Haken ein Bein herunterzuholen, so 
kommt eine besonders, von Kagawa Mitsunori 1869 erfundene 
Schlinge zur Anwendung. Eine seidene Schnur wird mittels zweier 
Fischbeinstäbchen und eines Eisenstäbchens eingeführt und um den 
Leib des Kindes gelegt und dies so, während man mit einer in die 
Achsel desselben eingelegten Fischbein platte die Schulter in die Höhe 
drückt, gewendet. 

4. Die Extraktion mit der Fischbeinschlinge, welche 
Anfang dieses Jahrhunderts von Mizuhara Yoshihiro erfunden wurde. 
Dieselbe wird, nachdem man sie in heissem Wasser erweicht hat, an- 
gelegt, mit einer Fischbeinplatte angezogen und dann in einen hölzernen 
Handgriff gesteckt, an dem man extrahiert. Durch Hinzufügen eines 
seidenen Netzes kann dieselbe in eine Kappe verwandelt werden. Sie 
kommt bei Schädel-, Gesichts- und Steisslagen zur Anwendung, auch 
beim nachfolgenden Kopf. Diese P'ischbeinschlinge ist entschieden ein 
sinnreiches Instrument, das wie kaum ein anderes einen der Becken- 
axe entsprechenden Zug gestattet, aber bei ihrer Zartheit erfordert 
die Extraktion mit derselben grosse Kraft. Daher erfand schon 
Mizuhara einen besonderen Zugapparat dafür. 

Da sie ferner häufig am Kopfe des Kindes blutrünstige Stellen 
hinterlässt, setzte Kagawa Mitsutaka 1832 an Stelle dieser Operation 

5. die Extraktion mit einem seidenen Tuche, das mit 
Hilfe zweier Fischbeinstäbchen um den Kopf gelegt und dann mit 
einem eisernen Spatel festgezogen wird. 

6. Die Perforation und Decapitation mit dem scharfen 
Schlüsselhaken, den Kagawa Shigen erfunden hat. Diese Er- 
findung wurde lange von der Familie der Kagawa geheim gehalten, 
sei es aus Eigennutz oder weil die Operation für sehr grausam galt, 
weshalb sie auch immer heimlich ausgeführt wird. Die Perforation 
ist angezeigt nach Absterben des Kindes oder bei Gefahr für die 
Mutter, die Dekapitation bei verschleppten Querlagen. Dieselben 



Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 45 

geben eine bessere Prognose als die anderen Operationen, weil danach 
weit seltener Fieber einzutreten pflegt als nach letzteren. 

Der oben erwähnte M i z u h a r a Y o s h i h i r o ist der Verfasser eines 
12 bändigen, 1849 erschienenen Werkes über Geburtshilfe, das den 
Titel San-iku-zen-sho (Buch der gesamten Geburtshilfe) führt und 
zahlreiche höchst interessante Abbildungen enthält. In demselben ist, 
was die Anatomie des Unterleibes, der Gebärmutter u. s. w. betrifft, 
bereits der europäische Einfluss nicht zu verkennen, es bildet so den 
Uebergang zur jetzigen Aera. 

Man hat die Originalität der japanischen geburtshilflichen Instrumente, 
insbesondere der Fischbeinschlinge, in Zweifel ziehen wollen. In England 
ist allerdings schon seit langer Zeit eine ähnliche Fischbeinschlinge in Ge- 
brauch; wie lange, habe ich nicht feststellen können, sondern nur soviel, 
dass derselben bereits in Smellies Mitte vorigen Jahrhunderts erschienenem 
Werke über Geburtshilfe Erwähnung gethan wird. Die Möglichkeit, dass 
dies Instrument von England über Holland nach Japan gekommen ist, kann 
daher nicht vollkommen von der Hand gewiesen werden, irgend ein Beweis 
dafür liegt aber nicht vor. Die blossen Aehnlichkeiten von in Europa und 
in Japan gebrauchten Instrumenten berechtigen noch lange nicht dazu, 
auf einen gemeinsamen Ursprung derselben zu schliessen. Mit demselben 
Rechte könnte man dann auch behaupten, dass Chassagny und Joulin, 
deren Zugapparate für die Zange, welche aus dem Anfange der 70 er Jahre 
stammen, eine entschiedene Aehnlichkeit mit Mizuharas Zugapparat für 
die Fischbeinschlinge zeigen, eine Anleihe bei den Japanern gemacht haben. 
Kagawas Schlüsselhaken erinnert zwar an den von den chinesischen Heb- 
ammen benutzten Doppelhaken, ist aber wahrscheinlich auch dessen eigene 
Erfindung und, wie mir von einem Nachkommen desselben, den zu meiner 
Zeit gesuchtesten Geburtshelfer in Kioto, mitgeteilt wurde, aus einem Feuer- 
haken, den Kagawa zum ersten Male zum Anstechen des Kopfes benutzte, 
her V orgegangen . 

Der ärztliche Beruf stand in den ältesten Zeiten in Japan 
in hohem Ansehen: es widmeten sich demselben nur Verwandte des 
Kaisers und Edle, aus dem niederen Stande höchstens alte Leute. 

Nach Ausbildung des Feudalsystems, welches zu Anfang des 
17. Jahrhunderts durch lyeyasu begründet wurde und durch die 
Restauration im Jahre 1868 sein Ende erreichte, unterschied man 
2 Klassen von Aerzten: Fürstenärzte und Volksärzte. 

Erstere waren die Aerzte des Mikado, des Shogun und der Daimio, 
von denen sie bestimmte Gehälter, die in der Regel wie bei den anderen 
Beamten in Reisrationen bestanden, bezogen ; die obersten besassen auch 
Schloss und Landgut. Sie entstammten der Klasse der Samurai, der 
Adligen, während die Volksärzte zu den Heimin, dem gemeinen Volke, 
gehörten. Von den Samurai pflegten sich namentlich solche, die 
wegen körperlicher oder geistiger Gebrechen zur Erlernung des Krieger- 
handwerks untauglich waren, dem friedlichen Berufe des Arztes oder 
Priesters zu widmen, und zwar wandten sich die Imbecillen, geistig 
schwach Beanlagten oder Verwahrlosten dem Priesterstande, die Ver- 
wachsenen, Hinkenden und sonst Verunstalteten dem ärztlichen Stande 
zu. Während für die Volksärzte der Eintritt in den freien Stand eine 
Erhöhung bedeutete, sahen die Fürstenärzte denselben für eine Herab- 
setzung und daher ihren Beruf für ein notwendiges Uebel, eine jeder 
besonderen Anstrengung unwürdige Sinekure an. Sie waren in den 



46 B. Scheute. 

Mechanismus der bestehenden Rangklassen eingefügt — den höchsten 
Rang nahmen die Mikadoärzte ein — und bildeten auf diese Weise 
eine Art wohlgeordneter Hierarchie, so dass sie auf die Volksärzte 
hoch herabblickten. Der Shogun verlieh seinen Aerzten auch Titel 
wie anderen Gelehrten und Künstlern, analog unserem Professortitel 
für Gelehrte und Künstler. 

Der Stand der Volksärzte war dagegen ein gedrückter, ihr 
Ansehen gering. Gegen jedermann mussten sie höflich und unterwürfig 
sein und durften kein Honorar fordern, sondern waren auf die Gross- 
mut ihrer Patienten angewiesen, die ihr „Geschenk" nach Willkür be- 
messen konnten. Lautete doch das 32. der 100 Gesetze lyeyasus: 
„weil die Menschen dieser Welt nicht von Krankheiten frei sein 
können, haben die Weisen des Altertums voll Mitleid die Heilkunde 
geschaffen. Wenn deren Jünger nun auch die Krankheiten geschickt 
heilen und Erfolge haben, so dürft Ihr ihnen doch keine grossen 
Einkünfte verleihen, denn sie würden dann notwendigerweise ihren 
Beruf vernachlässigen. Ihr sollt ihnen daher, so oft sie eine Kur 
gemacht haben, eine der Grösse ihrer Erfolge entsprechende Beloh- 
nung geben." Das dürftige Honorar betrug etwa das 2— 4 fache 
des Medikamenten Preises, der den Aerzten, welche stets die von ihnen 
verordneten Arzneien selbst bereiteten, ebenfalls erstattet wurde. 
Kriechende Höflichkeit und Schmeichelei waren daher für sie die 
besten Mittel bei Hoch und Niedrig zu ihrem Rechte zu kommen. 
Die gröbsten Kunstfehler wurden ihnen eher verziehen als Unhöflich- 
keit. Sie hielten daher schon ihre Schüler an, sich höflich zu be- 
nehmen und in schmeichlerischen Redewendungen sich zu üben, weil 
sie selbst wussten, dass dadurch mehr zu gewinnen war als durch 
ärztliche Erfolge. In seltenen Fällen rückten berühmt gewordene 
Volksärzte in den Rang der Fürstenärzte auf. 

Beide hatten eine gemeinsame Tracht. Ihr Gewand unterschied 
sich von dem der Samurai durch lange Aermel, die beim Waffenhand- 
werk hinderlich sind. Sie wurden daher „Langärmel" (Nagasode) 
genannt, ein Name, der anfangs im Munde der Krieger etwas Gering- 
schätzendes hatte, später aber ohne Nebensinn für alle gelehrten 
Stände gebraucht wurde. Sie rasierten ferner den Kopf wie die 
buddhistischen Priester. Nur in Kioto, wo am Hofe des Mikado der 
Buddhismus keinen Eingang gefunden hatte, herrschte diese Sitte 
nicht. Der Fürstenarzt trug ausserdem ein Schwert, das in späteren 
Zeiten einer hölzernen Scheinwaffe, einem zierlich geschnitzten, leichten 
Holzschwert ohne Klinge, Platz machte. 

In den letzten Jahrhunderten wurden die Aerzte ebenso wie die 
Geburtshelfer nicht auf öffentlichen oder privaten Lehranstalten aus- 
gebildet, sondern kamen jung, im Alter von 16 — 20 Jahren, zu älteren 
Aerzten ins Haus und in die Lehre, wo sie gewöhnlich 2 Jahre blieben. 
Die Schüler begleiteten ihre Meister auf die Praxis und suchten ihnen 
dabei ihre Kunst möglichst abzugucken. Auch mussten sie für die- 
selben die Arzneien anfertigen. Ausserdem studierten sie fleissig die 
alten chinesischen medizinischen Klassiker, zu denen nur von den 
fleissigsten Lehrern Erklärungen gegeben wurden. 

In Japan ist es allgemein Sitte, dass der Beruf vom Vater auf 
den Sohn übergeht. Die erste Unterweisung in demselben erhalten 
die Söhne aber gewöhnlich nicht von ihren Vätern, sondern von 
Freunden der letzteren. Es giebt Familien, in denen schon seit Jahr- 



Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 47 

liunderten eine bestimmte Berufsart sich fortgeerbt hat, und welche 
daher wegen ihrer in derselben erlangten Tüchtigkeit in grossem Rufe 
stehen. In der in Japan überhaupt sehr gebräuchlichen Adoption ist 
ein Mittel gegeben, dem Erlöschen derselben vorzubeugen ; nicht selten 
findet übrigens auch zwischen Berufsgenossen eine gegenseitige Adop- 
tion der Söhne statt. Wie berühmte Künstlerfamilien gab es und giebt 
es auch berühmte Aerztefamilien. Manche der letzteren, die im Laufe 
der Jahrhunderte zu grossem Ansehen gelangt sind, stammten von 
naturalisierten Koreanern und Chinesen ab. 

In den letzten Jahrzehnten, seitdem sich Japan vollkommen der 
europäischen Kultur erschlossen hat, hat sich dort ein gewaltiger 
Umschwung in der ärztlichen Wissenschaft und dem ärztlichen Stande 
A'ollzogen. Die ersten Berührungen mit derselben, die auch nicht ganz 
ohne Einfluss auf die Medizin blieben, reichen jedoch viel weiter zurück. 
Mit den portugiesischen Missionären, die bald, nachdem Mendez 
Pinto, ein portugiesischer Abenteurer, Japan um die Mitte des 

16. Jahrhunderts entdeckt hatte, in grosser Zahl unbehindert ins Land 
einwanderten, kamen auch Aerzte, die arme Kranke behandelten, Heil- 
pflanzen anbauten und Japaner in der Medizin unterrichteten. Ihnen 
verdanken die Japaner die ersten Anfänge der operativen Chirurgie, 
die freilich über das Oeffnen von Abscessen und das Aufschneiden von 
Mastdarmfisteln nicht hinausgingen, und ihre Schüler gründeten eine 
Medizinschule, die Nam-ban-riu (Schule der südlichen Barbaren) 
genannt wurde. Der Aufenthalt der Portugiesen in Japan dauerte 
jedoch kein volles Jahrhundert. Infolge der politischen Umtriebe, in 
welche sich dieselben verwickelt hatten, wurden sie vertrieben, das 
Christentum, welches grosse Verbreitung im Lande gefunden hatte, 
ausgerottet, Tausende von Christen vernichtet, und Japan schloss sich 
nun vollkommen gegen das Ausland ab. 

Nur einer kleinen Schar von Holländern, die zu Anfang des 

17. Jahrhunderts nach Japan gekommen waren, wurde der Aufenthalt 
auf Deshima, einem kleinen, dicht vor Nagasaki auf der südlichen Insel 
Kiushiu liegenden Eilande, gestattet, wo sie vielen Demütigungen aus- 
gesetzt nicht viel anders als Gefangene lebten. Dieselben hatten 
immer einen Arzt bei sich. Unter den Aerzten der holländischen 
Faktorei befand sich im Laufe der Jahrhunderte mancher tüchtiger 
Gelehrte, darunter auch mancher Deutscher; sie sind es, denen wir in 
erster Linie unsere Kenntnis über Japan verdanken. Es sei nur an 
Namen wie Engelbert Kämpfer, Philipp Franz v. Siebold 
und Karl Thunberg erinnert. 

Obwohl den Japanern jede unbefugte Berührung mit Europäern 
bei Todesstrafe verboten war, wurden die Aerzte der holländischen 
Faktorei nicht selten von Kranken aus Nagasaki konsultiert. Auch 
unterrichteten dieselben ihre Dolmetscher, die sich als intelligent 
und gutwillig erwiesen, in der Medizin und stellten ihnen , wenn 
sie sich eine Summe von Kenntnissen erworben hatten, Arztdiplome 
aus. Von einzelnen dieser Schüler wurden dann wieder Medizinschulen 
gegründet. 

Die Aerzte der holländischen Faktorei nahmen auch an den regel- 
mässigen Reisen, welche die Holländer nach Tokio an den Hof des 
Shogun machen mussten, um diesem Geschenke zu überbringen und 
ihre Loyalität zu bezeugen, teil, wobei stets eine Zusammenkunft der 
Aerzte des Shogun mit dem Arzte der Holländer stattfand. Wenn 



48 B. Scheube. 

auch hierbei kein direkter Vorteil für die Japaner heraussprang, ge- 
wahrten diese doch, dass die holländischen Aerzte den japanischen 
überlegen waren. Infolgedessen wurden solche japanische Aerzte 
gesucht, die einige Brocken europäischer Medizin aufgeschnappt hatten. 
Da den Dolmetschern verboten war sich holländische Bücher anzu- 
schaifen, mussten sich dieselben damit begnügen, die mündlichen Lehren 
ihrer Meister niederzuschreiben. Erst in der ersten Hälfte des 18. Jahr- 
hunderts wurde dies Verbot aufgehoben. 

Ein denkwürdiges Ereignis in der Geschichte der japanischen 
Medizin ist das Erscheinen der ersten Ueber Setzung eines 
holländischen medizinischen Buches ins Japanische, 
welches in das Jahr 1775 fiel. Es war dies die holländische Ausgabe 
der Anatomie des Danziger Professors Johann Adam Kulmus^) 
(Anatomische Tabellen, zuerst herausgekommen Danzig 1725), welche 
Sugita Issai oder Sugita Gempaku, wie er auch genannt wird, 
mit seinen beiden Freunden Mayeno Riotaku und Nakagawa 
Kiyöwan in 4 Jahren unter unsäglichen Mühen, da ihnen die nötige 
Kenntnis des Holländischen abging — sie verfügten nur über 700 
holländische Vokabeln — übersetzten, nachdem sie sich bei der Sektion 
einer enthaupteten Verbrecherin von der Richtigkeit der Kulm us sehen 
Abbildungen im Gegensatz zu der alten chinesischen Lehre überzeugt 
hatten. Die Uebersetzung führt den Titel : Kai-tai-shin-sho (neues 
Werk über Anatomie). 

Der Einfluss der Holländer machte sich namentlich auf dem Ge- 
biete der Chirurgie geltend. Hanaoka Shin war zu Anfang dieses 
Jahrhunderts der erste, welcher grössere Operationen, besonders Exstir- 
pationen von Geschwülsten, Sequestrotomien, Amputationen, machte. Er 
führte dieselben unter Narkose aus, indem die Kranken vor der 
Operation eine Abkochung von 5 Kräutern: Datura alba, Aconitum, 
Angelica anomala, Ligusticum acutilobum und Conioselinum univittatum 
erhielten, durch welche sie 3 Tage betäubt blieben. Von seinem Schüler 
HonmaGencho wurde zuerst die Unterbindung der Arterien zur An- 
wendung gebracht. 

Die Einführung der europäischen Medizin hatte aber mit be- 
ständigen Hindernissen zu kämpfen. Vielfach begegnete man der- 
selben mit grösstem Misstrauen, und in der Mitte des 18. Jahrhunderts 
kam die Reaktion in der Gründung neuer Schulen, die eine Wieder- 
belebung der chinesischen Heilkunde bezweckten, zum Ausdrucke. 
Noch im Jahre 1848 erliess der Shogun ein Verbot gegen die west- 
liche Medizin und die ^xemden Arzneimittel, das er mit den grossen 
physikalischen Unterschieden, die zwischen Japanern und Fremden 
beständen, begründete. Aber schon einige Jahre später entschloss sich 
sein Nachfolger auf Betreiben der Holländer dazu, eine Medizinschule in 
Nagasaki zu gründen, zu deren Leitung Pompe van Meedervort 
berufen wurde. Am 9. September 1858 machte dieser hier nach ein- 
geholter Erlaubnis des Shogun an einem Verbrecher die erste Sektion. 
Das Volk geriet in Aufregung, liess sich aber durch die Versicherung 
des Statthalters, die Sektion diene dem allgemeinen Wohle, be- 
ruhigen. Der Medizinschule in Nagasaki folgten bald weitere in 
Osaka, Kioto, Nagoya u. a. Städten, die wie erstere mit Hospitälern 
verbunden waren und zuerst gleichfalls von Holländern geleitet wurden. 



^) Die Japaner haben den Namen „Kulmus" in ,.Kurumans" umgewandelt. 



Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 49 

Im Jahre 1871 erfolgte die Gründung der medizinisch-chirurgischen 
Akademie in Tokio, an welche als die ersten Lehrer die preussischen 
Militärärzte Müller und Hoff mann berufen wurden, und die man 
1877 mit der Universität (Dai Gaku) zu Tokio vereinigte. Von nun 
an fand die europäische Medizin raschen Eingang in Japan, und es 
gebührt hauptsächlich Deutschen das Verdienst, die Japaner in 
dieselbe eingeführt zu haben, indem seit den 70 er Jahren auch an 
die Spitze der anderen Medizinschulen grösstenteils deutsche Aerzte 
gestellt und von den jungen Japanern, die zu ihrer weiteren Aus- 
bildung ins Ausland gingen, vorzugsweise deutsche Universitäten auf- 
gesucht wurden. In der medizinischen Fakultät zu Tokio, in welcher 
das Studium 4 Jahre mit 3 jährigem Vorbereitungskurs dauert, wird in 
deutscher Sprache gelehrt, und die dort ausgebildeten Aerzte, welche 
den Titel Igakushi (Gelehrter der Medizin, Dr. med.) führen, erhalten 
die ersten Stellen im Lande als Militärärzte, Hospitaldirektoren und 
Professoren. Neben der deutschen besteht noch eine japanische Ab- 
teilung mit 3 jährigem leichteren Lehrkurs, und ausserdem giebt es 
noch eine grössere Zahl von Provinzialmedizinschulen, welche meist 
gleichfalls einen 3jährigen Kurs haben. In neuester Zeit ist noch 
eine zweite Universität in Kioto hinzugekommen. 

Um praktizieren zu können, bedürfen jetzt die Aerzte der Appro- 
bation, die durch Ablegung einer Prüfung, welche in den ver- 
schiedenen Departements gemacht werden kann, erlangt wird. Zu 
derselben zugelassen werden nur solche Kandidaten, welche von min- 
destens 2 Aerzten oder Lehrern der Medizin ausgestellte Zeugnisse, 
dass sie 3 Jahre studiert haben, beibringen. Wer das Diplom einer 
Medizinschule hat, ist von ihr entbunden, ebenso wie die Aerzte, 
welche schon vor 1875 in der Praxis waren. Die letzteren, welche 
im Gegensatz zu den geprüften, Shin-ishi (neuer Arzt) genannten 
Aerzten Kiyu-ishi (alter Arzt) heissen, gehören natürlich grössten- 
teils noch der alten chinesischen Schule an. Ebenso wie die Aerzte 
bedürfen jetzt auch die Geburtshelfer, Augenärzte und anderen Spezia- 
listen besonderer Approbation, desgleichen die Zahnärzte, während die 
Hebammen ihre Ausbildung in besonderen Schulen durch Aerzte er- 
halten. 

Eine grössere Zahl von medizinischen Gesellschaften 
und Zeitschriften zeugt von dem regen wissenschaftlichen Leben, 
welches unter den japanischen Aerzten heiTs^ht. Die medizinische 
Fakultät zu Tokio giebt ihre Mitteilungen }n deutscher Sprache 
heraus. ' 

Auch im übrigen hat das Gesundheitswesen im Laufe der 
letzten Jahrzehnte einen gewaltigen Aufschwung genommen. Es 
besteht ein Centralgesundheitsamt , welches zum Ministerium des 
Innern gehört, und dem lokale Gesundheitsämter in den verschie- 
denen Fu (Hauptstädten) und Ken (Departements) untergeordnet sind. 
Daneben giebt es eine centrale und lokale Gesundheitskommissionen, 
zu deren Mitglieder die Direktoren der Gesundheitsämter zählen. 
Ueber das ganze Land sind Gouvernementshospitäler verbreitet, und 
auch für die Geisteskranken ist durch die Errichtung von Irren- 
anstalten gesorgt. 

Impfung und Wiederimpfung sind obligatorisch, und seit 
1892 wird ausschliesslich mit Tierlymphe, die im Centralimpfinstitute 

Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 4 



50 B- Scheube. 

in Tokio hergestellt wird, geimpft. Letzteres versorgt auch Hongkong 
und andere chinesische Häfen mit Lymphe. 

In früheren Zeiten haben die Pocken in Japan furchtbare Ver- 
heerungen angerichtet. Ihre erste Einschleppung erfolgte im Jahre 670 
von Korea aus. Die in China gebräuchliche Inokulation der Pocken 
scheint in Japan niemals geübt worden zu sein. Das Verdienst, die 
Impfung in Japan eingeführt zu haben, gebührt dem schon oben er- 
wähnten V. Siebold, der dort 1824 zum ersten Male mit aus Java 
importierter Lymphe impfte. Nach seinem Weggange von Japan im 
Jahre 1829 geriet aber die Vaccination, da die Lymphe degenerierte, 
wieder in Verfall, bis sie 1849 von Mohnike in Nagasaki nach einer 
furchtbaren Pockenepidemie von neuem aufgenommen wurde. Der 
Erfolg war aber kein erheblicher, wohl namentlich, weil es an guter 
Lymphe fehlte. Erst seit den 70 er Jahren hat mit dem allgemeinen 
Aufschwünge des Gesundheitswesens auch die Impfung bedeutende 
Fortschritte gemacht. 

Nach japanischer Darstellung soll die Vaccination durch einen Fischer 
aus Yezo , Namens Nakagawa Groroji, der durch einen Sturm nach 
Sibirien verschlagen worden war und hier dieselbe bei den Russen kennen 
gelernt hatte, eingeführt worden sein. Im Jahre 1824 in seine Heimat zu- 
rückgekehrt, zeigte er sie dem Arzte Sakurai Shozen und führte sie 
in Gemeinschaft mit diesem aus. 

Seit mehreren Jahren besteht in Japan auch ein Institut für 
die Bereitung von Diphtherieheilserum sowie ein Institut für In- 
fektionskrankheiten nach Kochschem Muster, und 1897 wurde ein 
Seuchengesetz mit weitgehenden Bestimmungen hinsichtlich Isolierung 
der Kranken, Desinfektion und Leichenverbrennung erlassen. Ferner 
ist die Prostitution geregelt, die Prostituierten werden regelmässig 
untersucht, und es sind besonders Hospitäler für dieselben vorhanden. 
Der Verkehr mit Arzneimitteln ist geordnet. Medizinfabrikanten, 
Apotheker und Droguisten bedürfen besonderer Lizenzen. In Tokio 
befindet sich ein botanischer Garten, in dem Medizinalpflanzen gezogen 
werden. Besonders strenge Vorschriften bestehen betreffs des Verkaufs 
des Opiums. Uebrigens haben auch noch heutigen Tages die meisten 
Aerzte ihre eigenen Hausapotheken und bereiten die von ihnen ver- 
ordneten Arzneien selbst. Auch ein Nahrungsmittelgesetz besitzt 
Japan, und in neuester Zeit sind dort sogar Schulärzte eingeführt 
worden. Das aufstrebende Land ist also in erfreulichem Gegensatz 
zu dem grossen Nachbarreiche China redlich bemüht, was das Ge- 
sundheitswesen betrifft, den führenden Kulturstaaten des Westens es 
gleich zu thun, eilt diesen sogar in mancher Hinsicht voraus, wenn 
auch in Wirklichkeit vielleicht nicht alles so sein dürfte, wie es auf 
dem Papiere steht. 

III. Koreaner. 

lieber die koreanische Medizin ist wenig bekannt. Aus dem 
vorhergehenden Abschnitte geht aber schon hervor, dass dieselbe ein 
Ableger der chinesischen ist. Ihr Ursprung wird zurückgeführt 
bis auf 1122 v. Chr., in welchem Jahre zwei berühmte chinesische 
Aerzte sich in Korea niedergelassen haben sollen. 

In der inneren Medizin ist das wichtigste Heilmittel die 



Die Geschichte der Medizin bei den ostasiatischen Völkern. 



51 



Ginseng- Wurzel. Korea liefert die beste Sorte derselben. Ihre 
Kultur liegt in den Händen einiger königlicher Pächter, und die Felder, 
auf denen sie gebaut wird, sind eingezäunt und werden Tag und 
Nacht von Hütern bewacht. Noch höher als die kultivierte Pflanze 
wird die wilde geschätzt, welche jedoch sehr selten vorkommt und 
schwer aufzufinden ist. 

In der Chirurgie kommen fast ausschliesslich Akupunktur 
und Moxibustion zur Anwendung. 

Die europäische Medizin hat in Korea noch wenig oder keinen 
Eingang gefunden, was bei den traurigen politischen Verhältnissen, 
welche dort herrschen, nicht Wunder nehmen kann, ' 



4* 



Yorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens 
und der mediterranen Vorarier. 



Von 
von Oefele (Bad Neuenahr). 



Einleitung. 

Die Geschichte der Medizin beginnt in der fernsten Prähistorie 
der Menschheit oder selbst schon bei heilsamer Hilfeleistung der Tiere 
unter einander (Auspicken der Oestruslarven bei Quadrupeden durch 
Vögel und anderes). Die rückläufige Verlängerung der Geschichte in 
Westasien, Afrika und Europa durch Ausgrabungen und Entzifferung 
alter Schriftsysteme hat erweisliches Gebiet der Geschichte der Medizin 
verlängert. In diesen aufgedeckten Kulturen setzen die wieder ge- 
fundenen medizinischen Fachschriften in ihrer datierbaren Nieder- 
schrift spät ein. Mit letzteren Daten beginnt die Geschichte der 
Medizin um deswillen nicht, da die meisten z. B. ägyptischen medi- 
zinischen Papyri stückweise sich selbst auf medizinische Quellschriften 
zurückdatieren, welche um Jahrtausende vor der Niederschrift dieser 
erhaltenen Papyri „gefunden" d. h. verfasst sein sollen. Eine Teubner- 
sche Hippokratesausgabe ^) bleibt in diesem Sinne stets ein zweitausend 
Jahre alter Text. Aber selbst die Niederschrift der ältesten hierher 
gehörigen Belege reicht über die ältesten ostasiatischen und indischen 
Schriften zurück. Daher steht mein Abschnitt nur wegen der Zweck- 
mässigkeit der geographischen Anordnung nicht am Anfange des Buches. 

In diesem Abschnitte ist eine Datierung häufig nicht einmal auf 
ein bis zwei Jahrtausende genau zu geben. Wir müssen uns mit relativer 
Datierung des Früheren und des Späteren begnügen. Bei Einheit des 
Schauplatzes ist dies meist möglich. In meinem Abschnitte ist aber die 
Einheit des Ortes in keiner Weise gewahrt. Da keine Historie ohne 
Chronologie denkbar ist, so ist mehrfach versucht worden Jahreszahlen 
zu geben. Auch ich gebe dieselben wieder oder wähle vielmehr aus 
den oft dutzendfach verschieden angesetzten Chronologien das mir 
Wahrscheinlichste aus. Ich habe auf dieser Grundlage selbst die Auf- 
stellung einer chronologischen Tabelle versucht. Ich warne aber aus- 
drücklich die Zahlen vor dem Jahre 2000 für mehr als Hypothesen 



^) In gleicher Weise für Pseudohippokratestexte gültig. 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Yorarier. 53 

oder Notbehelfe zu nehmen. Dann folgt eine Periode, welche durch 
astronomisch-kalendarische Notizen auf 4 Jahre genau datierbar ist, 
während selbst in noch späteren Zeiten wieder Spielräume von 
mehreren Jahrzehnten auftreten. Alle Jahreszahlen in meinem Ab- 
schnitte ohne Angabe des Gegenteiles beziehen sich auf die Zeit 
vor Christi Geburt. 

Vor 3000 setzt L e p s i u s die letzte Eiszeit. Unsere vorzüglichsten 
Kulturländer von heute in Europa, Asien und Amerika nördlich von 
circa 45. ^ n. Br. waren grösstenteils unwirtlich kalt. Dagegen war 
der Gürtel von 20. — 30. ^ n. ßr. ohne erschlaffend warmes Klima der 
damalige Träger eines gemässigten Kulturklimas. Die Kultur schloss 
sich den grossen Flussthälern an: dem Koang-ho, Jang-tse-kiang, 
Mekhong, Ganges, Indus, Mesopotamien und Nil und griff wahr- 
scheinlich später nach Iran, Tibet und den Küsten des mittelländischen 
Meeres über. Die Schriftsysteme dieser Kultur, heute noch im Osten 
gebräuchlich, verwenden Bilder als Träger von Werten von Laut- 
komplexen. Beim Gleichklange vieler Worte und bei den niederen 
Entwicklungsstufen der damaligen Kultursprachen (die flektierenden 
semitischen und arischen Sprachen spricht noch kein Kulturvolk) werden 
den gelesenen Lautbildern noch generelle Bilder zugefügt ; ob dieselben 
japanisch „hen" oder in der Philologie des Westens Determinativa. 
genannt werden, sachlich ist es das gleiche und beweist die enge 
Zusammengehörigkeit dieser vorsemitischen und vorarischen Kulturen 
und Medizinen. 

Ethnographisch und linguistisch fehlen die Brücken zwischen den 
ältesten Kulturvölkern Mesopotamiens und Aegyptens einerseits und 
den heutigen Kulturen des Westens andererseits. Ethisch sind die 
im Westen verworfenen, noch heute aber im Orient gültigen Welt- 
anschauungen jenen Kulturen eigen. Nur als vereinzeltes Beispiel sei 
ausser der Polygamie daran erinnert, dass im Westen von den Men- 
struationstagen der einzelnen Frau im bürgerlichen Leben gar nicht 
gesprochen wird, während im Orient dies seit der ältesten Zeit mit 
Männern unbeanstandet besprochen wird, aber die Frau selbst für 
den allgemeinsten häuslichen Verkehr (z. B. Benutzung des gleichen 
Essgeräts etc.) als unrein gilt. Wahrscheinlich überwiegt hier beim 
Orientalen die Furcht yS angeblicher Gesundheitsschädigung das 
sonstige sexuelle Schamgefühl. 

Diese fremden Völker befinden sich ausserdem kulturell noch in 
der Kupferzeit, ja zum Teile noch im Uebergange von der Stein- zur 
Kupferzeit. Sozial ist das Matriarchat noch nicht völlig abgestreift. 
Die Sklavenhaltung steht in höchster Blüte, ergiebt aber bei der 
starken sprachlichen und politischen Zersplitterung in einzelne Stadt- 
oder Hirtenkönigreiche und bei der geringen Ausbildung der Verkehrs- 
mittel einen wichtigen internationalen Faktor zur Verbreitung neuer 
Kulturerrungenschaften, vor allem auch zur internationalen Verbreitung 
medizinischer Empirie. Die Grundlagen für die Medizin und ihre 
Hilfswissenschaften sind also in jenen Zeiten und Ländern weit ver- 
schieden von heute. Der Konservativismus der Malaien und Ostasiaten 
in Sprache und Kultur lässt uns auch in anderen Dingen, besondei-s 
der Medizin vielfach ein gleiches Festhalten erwarten, allerdings nicht 
ohne Spuren der Altersdegeneration in den heutigen Resten. Bei 
näherer Erschliessung der Medizin der Südsee, Ostasiens und Tibets 
von heute wird auch die Medizin vom Jahre 3000 für uns verstand- 



54 von Oefele. 

liclier werden. Einstweilen sind ja manche scheinbar wertvolle Fund- 
stücke zur alten Medizin für das Zusammenfügen eines Gesamtbildes 
noch recht unverwertbare Brocken, und gar vieles, was den Schlüssel 
für das Verständnis anderer Fundstücke ergeben könnte, liegt ungekannt 
und ungenützt in den Eumpelkammern europäischer Museen, welche 
sich täglich mehr mit unverdautem Inhalte ohne Platz zur Aufstellung 
anschoppen und dabei vor allem medizinische Belege vernachlässigen. 

Die rein empirische Medizin der ältesten Südseekultur ist frei 
von Mystizismus, Aberglauben und Zauberwesen, dagegen auch ohne 
jede höhere Auffassung der Medizin als Wissenschaft und ohne jede 
Systematik. Durch Erfahrung oder Vererbung kennt ein Mann blutige 
Geiselungen mit Aussaugen des Blutes gegen lokale Schmerzen, während 
ein zweiter eine Reihe von Manipulationen bei Trommelsucht eines 
Haustiers beherrscht. Die Medizin war somit ein ganz zufälliges Konglo- 
merat von Einzelerfahrungen. Am Anfange der südöstlichen Medizin 
besteht eine Zerfahrenheit in Einzelkenntnissen, wie sie unsere Ueber- 
kultur im Niedergange der Medizin durch zersplitterndes Spezialisten- 
tum wieder hervorzubringen droht. 

Gegenüber dem geringen Abstraktionsvermögen besass der Anfangs- 
kulturmensch ein gutes Gedächtnis für Einzelbeobachtungen, welche 
einer rein empirischen Medizin eine handwerksmässige Vollkommenheit 
verschaifen können. Noch heute beobachten wir diese relative Voll- 
kommenheit der angewandten Medizin bei vielen modernen Natur- 
völkern, so dass die moderne Kulturmedizin in ihrer vielfachen thera- 
peutischen Ohnmacht von Tag zu Tag in die Lage kommt, von der 
Empirie der Naturvölker Entlehnungen zu machen. 

Von dieser empirischen Medizin ohne Aerztestand erzählt im 
Anachronismus Herodot (I, 197) in Babylon: „Sie bringen ihre Kranken 
auf den Markt; denn Aerzte haben sie nicht; und nun tritt ein 
jeglicher zu dem Kranken und giebt ihm guten Rat, falls er selber 
das Uebel gehabt, daran der Kranke leidet oder auch weiss, dass ein 
anderer daran gelitten. Darüber bespricht er sich mit dem Kranken 
und rät ihm Mittel an, die ihn selber von einer ähnlichen Krankheit 
erlöst oder einen anderen von seiner Bekanntschaft." ^) 

Von dieser freien oder vielmehr wilden Medizin mit vielen Merk- 
malen der späteren knidischen Schule bis zur Knebelung in die her- 
metische Medizin Aegyptens werden verschiedene Entwicklungsstationen 
durchlaufen. 

Aufgabe des folgenden Abschnittes ist es, die kurz skizzierte Ent- 
wicklung der Medizin in den drei (nach anderen 5 und selbst noch 
mehr) vorchristlichen Jahrtausenden mit ihren Störungen durch ethno- 
graphische Verschiebungen im Zweistromlande, dem Nilthale und dem 
Mittelmeerbecken mit Ausschluss der Hellenen und Israeliten synchro- 
nistisch zu behandeln. Leider können aber einstweilen nur einzelne 
Lichtblicke in die einzelnen Gebiete durch bisherige Funde geboten 
werden, Lichtblicke, die oft durch hundertjähriges und tausendjähriges 
Dunkel von einander getrennt sind. Die betrachteten Länder stehen 
fortwährend in kriegerischen und friedlichen Beziehungen, so dass ein 
Austausch kultureller Fortschritte und Rückschritte bedingt ist. Wenn 
also um 3000 die Einblicke in die südmesopotamische Kultur, um 2000 in 



^) Dies wird von modernen Erklärern als Dragomamvitz aufgefasst, auf welchen 
Herodot hereingefallen sein soll. 



Yorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 55 

die ägyptische Medizin, um 1000 in die homerische und um 700 in die 
assyrische Medizin im Vordergrunde stehen, so sind diese Entwicklungs- 
phasen gleichzeitig wahrsclieinlich auch in den nicht belegbaren 
anderen Gebieten ähnlich und wir dürfen mit Rücksicht auf die 
chronologischen Differenzen ethnographische Differenzen in der Medizin 
weniger betonen. Diese Einleitung zu meinem Abschnitte erscheint 
zu gross. Aber so verschiedene Kulturländer, durch einen Zeitraum 
weit länger als von Hippokrates bis zu uns auf wenigen Seiten be- 
handelt, verlangen eine vorläufige Orientierung, zudem die gedrängten 
Details gerade dieses Abschnittes sich von Tag zu Tag durch neue 
Ausgrabungen, Lesungen und Deutungen rasch erweitern. Ohne solchen 
Ueberblick ergeben sich fortwährend Missverständnisse im Kreise der 
Leser und sogar unter speziellen Medicohistorikern. 

Es kann ja auch nicht, wie in anderen Abschnitten auf zusammen- 
fassende benützte Litteratur verwiesen werden. Es ist noch nicht 
eine einzige Sammlung des Materiales versucht und jenes selbst liegt 
noch in Hunderten von kleinen Aufsätzen und Bemerkungen, vor allem 
auch der speziellen sprachwissenschaftlichen Litteratur zei-streut, schwer 
erreiclibar durch den modernen künstlichen gegenseitigen Abschluss 
der verschiedenen Wissenschaften. Zum Teil musste ich auch unver- 
öffentlichtes Material bei den einschlägigen Philologen durch persönliche 
Beziehungen aufsuchen. Meine Leser werden mit mir diesen uneigen- " 
nützigen Förderern Dank wissen. 

Wenn wir in der ältesten Kultuimedizin ein inniges Gemisch von 
treuer Naturbeobachtung und Aberglauben erkennen, so müssen wir 
die beiden Fehlerquellen jener Zeiten, welche zu den Fehlern führten, 
zu verstehen suchen. Gegenüber dem guten Gedächtnisse für Einzel- 
beobachtungen beim Naturmenschen mangelt einerseits ein genügendes 
Abstraktionsvermögen, andererseits wird zu wenig Kritik dem „post hoc 
ergo propter hoc" entgegengesetzt. Die Astronomie war noch die 
leichteste Beobachtungswissenschaft. Der Zusammenhang des Sonnen- 
standes und der Sternaufgänge mit den Jahreszeiten, der Mondphasen 
mit Ebbe und Flut und Witterungsvorgängen, die wechselnde Stellung 
zwischen Fixsternen und Planeten und dann wiederum der Einfluss 
von Jahreszeit und Witterung auf das Auftreten bestimmter Krankheits- 
formen, die abendlichen Fiebersteigerungen, die periodischen Er- 
scheinungen bei zooparasitären Erkrankungen wie Malaria und Fila- 
riasis legten den Grund zur leicht verzeihlichen astrologischen Be- 
trachtung der Physiologie und Medizin. Die Analogien führten teils 
ausgesprochen teils unausgesprochen zur Lehre vom parallelen Verlauf 
der Lebensvorgänge im Makrokosmos und Mikrokosmos.') Das Zwei- 
stromland wie Aegypten in der Nähe der Wüste, vielfach nur fruchtbar 
durch Ueberschwemmungen ihrer Flüsse, Hessen in Analogieschlüssen 
die Notwendigkeit des bewegten Blutes für das Leben des Körpers 
verstehen. Wie der Boden unfruchtbare, undurchfeuchtbare Steine 
neben Humus besitzt, so wurden im Körper Hartteile (Skelett) neben 
blutdurchtränkten Weichteilen unterschieden. Die Hitze war für 
den Pflanzenwuchs nötig; doch übermässige Hitze musste durch Wind- 
zug gekühlt werden, um nicht alles zu versengen. Solchen AVindzug 
besass auch der Mikrokosmos in der Atmung gegenüber der ein- 

') Win ekler verwendet die Durchführung dieser Parallelisierung mit dem Ge- 
stimlaufe auch in der Geschichtsschreibung. Physiologisch findet sich dieser Paralle- 
lismus am ausgesprochensten in der clunesischen Medizin (Alb recht). 



56 von Oefele. 

gepflanzten Wärme des Körpers, welche bei Ueberliandnalime als 
lokale „Entzündung" oder als allgemeines Fieber gleich der Glutsonne 
das Leben zerstören konnte. 

Damit war die Lehre von den vier Elementen im Makrokosmos 
lind Mikrokosmos gegeben und zwar im paarigen Gegensatz als trocken 
und feucht, heiss und kalt. Zeitlich und örtlich bekam das eine oder 
andere Element mehr Bedeutung und wurden für die mikrokosmische 
Betrachtung die unveränderten Makrokosmosnamen oder analoge Sonder- 
namen eingesetzt. Es w^urde versucht, diese Elemente und ihre Quali- 
täten im allgemeinen und im besonderen mit dem Laufe der Gestirne 
in Beziehung zu bringen. Analogien wie die Fieberhitze nach dem 
täglichen Hochstand der Sonne und die Sommerhitze nach dem Jahres- 
hochstand der Sonne schienen vollgültige Beweise. In der Keilschrift- 
kultur ist zuerst erweislich die Geburt mit dem Laufe der Gestirne 
und den späteren Schicksalen des Geborenen in Beziehung gebracht. 
Dies musste immer noch als der Versuch angesehen werden, exakte 
Naturbeobachtung für die Gesundheit des Individuums nutzbar zu 
machen, die heute noch anerkannte Aufgabe der Heilkunde in antiker 
Anschauung. Wenn die Ontogenese in antikem Sinne und das Wohl 
und Wehe des Staates so sehr vom Lauf der Sterne abhängig war, so 
mussten ungewöhnliche Sternstellungen sowohl bestimmte Geburts- 
abnormitäten wie bestimmte Ereignisse im Staat oder im Klima her- 
vorrufen. Nur ein Schritt weiter war es — für unsere Anschauungs- 
weise ganz unverständlich — , wenn ein altes keilinschriftliches 25- 
Tafelwerk d. h. also eine sehr umfangreiche Abhandlung sich mit den 
verschiedensten Geburtsabnormitäten befasste und bei deren Eintritt 
gewisse Ereignisse prophezeit. Dass solche Anschauungen international 
waren, beweist die Wiederholung ähnlicher ominöser Ereignisse, z. B. 
die Mauleselgeburt bei Livius. Livius steht hier auf etrurischer 
Tradition, so dass sich, wie so häufig, auch hier keilschriftliche und 
etrurische Medizin und Naturwissenschaft berühren. 

Zu allen Zeiten w-aren Sternschnuppen und Meteore gefallene 
Sterne. Die Gestalt solcher Meteorsteine mit der gehörigen Phantasie 
musste sich dem gleichen falschen naturwissenschaftlichen Schema und 
der astrologischen Deutung fügen. Wir kennen solche Meteore mit 
göttlicher Verehrung und ominöser Bedeutung aus dem Athena-gestal- 
tigen, also eulenförmigen Schutzmeteore Trojas und dem heiligen Steine 
in Mekka. Nach Jensen trägt eine Keilschrifttafel Omina von Sternen, 
welche sich solcher Art in Löwe, wilden Hund, Fuchs, Haushund, 
Schwein (?), Fisch (?), Pfeil, Maus (?), Kleider, Schwalbe (?), Sichel, 
Scheibe, Malachit, Lapislazuli, Silber, Gold, Kupfer, Sonnenhund, Motte, 
Würmchen, Schafe verwandeln. 

Dem Menschen kam seine unsichere indirekte Kenntnis recht 
ungenügend vor. Die elektrischen und hygroskopischen Vorgänge in 
der Luft vor Regen veranlassen z. B. die Katze sich über die Ohren 
zu waschen, die Schwalben bei der Insektenjagd niederer zu fliegen etc. 
Die Thätigkeit der einzelnen Tiere wurde darum wie auch andere 
Naturereignisse sorgfältig beobachtet, um die Zukunft zu ergründen 
und hier vor allem ausser Witterungsangaben Leben und Gesundheit 
und deren Gegenteile für den einzelnen Menschen. Auch hierfür liefert 
die Keilschriftlitteratur reichliche Belege und die etrurische Tradition 
bewegt sich im gleichen Geiste. Eine Menge dieser abergläubischen 
Ansichten hat sich bis in die Gegenwart erhalten. Gar manchem 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 57 

TJeberbleibsel davon begegnet noch Tag für Tag der Arzt am Kranken- 
bette. Aber nur die ältesten Formen des Medizinalaberglaubens 
können das Verständnis ergeben. Die ältesten erweislichen Belege 
dafür liefert aber die Keilschrift, wo sich dieser Aberglaube mit 
inniger Naturbeobachtung, falschen Analogieschlüssen und längst ver- 
alteten Theorien zu einem festen Bau fügt, in welchem die Grenzen 
zwischen Naturwissenschaft, Medizin und Aberglauben überhaupt nicht 
mehr feststellbar sind. Darum ist auch von sehr vielen Litteratur- 
produkten jener Zeiten nur nach subjektivem Empfinden entscheidbar, 
ob sie zur Geschichte der Medizin gehören oder nicht. Die medi- 
zinischen Anschauungen oder Lehrgebäude können aber nur aus dieser 
Grenzlitteratur erschlossen werden. 

Wie zu allen Zeiten fühlten wohl auch damals nicht die schlech- 
testen Aerzte die Kluft zwischen Theorie und Praxis, ausserdem auch 
die der Medizin ferner Stehenden, nach heutiger Benennung „die Kur- 
pfuscher und ihr Anhang". Ohne Diagnose im heutigen Sinne wurden 
einzelne subjektive Beschwerden des Patienten und einzelne Symptome 
beachtet und eine empirische Sammlung jenei' Stotfe und Massnahmen 
angelegt, welche symptomatisch erleichtern. Dass auch hier viele 
subjektive Beobachtungsfehler und suggestive Erfolge verallgemeinert 
wurden, war sehr natürlich und begreiflich. Diesem Geiste entsprechen 
in späterer Zeit die mittelalterlichen Arzneibüchei-. in hippokratischer 
Zeit die erhaltenen gynäkologischen therapeutischen Schriften. Diese 
Art medizinischer Schriften sind aber auch schon reichlich in Aegj'pten 
und dem Zweistromlande von den ältesten erweislichen Zeiten medi- 
zinischer Litteratur ab nachweisbar, aber leider in verschiedenen 
Museen unveröffentlicht zerstreut. 

Dazwischen steht ein Litteraturprodukt, welches einerseits lange 
Theorien meidet, den Stoff ebenfalls nach praktischen Gesichtspunkten 
einzelnen S3'mptomen unterordnet, aber doch wieder die einzelnen 
Symptome für das therapeutische Handeln in Unterarten zerlegt, indem 
durch Beigabe von Nebensymptomen gleichzeitig eine Art abgerundeter 
Krankheitstypen geschaffen werden. Diese Litteraturprodukte flechten 
überallhin vermittelnd einzelne Jahreszeitbemerkungen und ähnliches 
ein, sie geben auch diätetische Verordnungen, welche mehr oder 
weniger durch die Theorien der Zeit begründet werden. Sie fügen 
aber auch empirische Rezepte an und zwar häufig zur Auswahl deren 
mehrere. Im hippokratischen Corpus werden Schriften dieser Art der 
knidischen Schule zugeschrieben. Aber auch Partien der ägyptischen 
Papyri und der Keilschriftmedizin tragen diese Charakterzüge. Be- 
sonders beachtenswert erscheint es mir, dass in allen drei Kulturen 
gerade Krankheiten der abdominellen Verdauungsorgane in dieser 
Weise behandelt werden. Ein grosses prognostisches Keilschriftwerk 
mit knidischem Charakter muss später näher besprochen werden. 

Sumerische Medizin des Zweistromiandes. 

Einen Vorläufer der babylonisch-assyrischen Kultur bilden die 
Sumerer. In vielen Punkten herrscht noch Unsicherheit, vor allem 
über die geographische Bestimmung. Lebten die Sumerer in Babylonien 
oder südöstlich in Elam oder müssen sie als ausländische (indische? 
südwestliche ? iranische ?) Mutterkultur (wie China zu Japan) betrachtet 



58 von Oefele. 

werden? Nach den Untersuchungen Hommels gehört die Sprache der 
Sumerer dem gleichen Stamme an, wie die Sprachen der Türken, 
Finnen, Ungarn und Tataren. ^) Die sumerische Kultur des Zweistrom- 
landes reicht angeblich ins vierte, vielleicht fünfte vorchristliche Jahr- 
tausend zurück und ist nach der verbreitesten Ansicht, vor allem der 
Assyriologen, älter als die älteste erschlossene Hieroglj^phenkultur 
Aegyptens. 

Wie später die Germanen nach Zertrümmerung des Kömerreiches 
in Wissenschaft und Religion lateinisch schrieben, so hielt sich bei den 
semitischen Babyloniern und Assyrern und selbst noch anfänglich bei 
den arischen Persern eine sumerische Gelehrten spräche und die mehr 
oder weniger veränderte sumerische Schrift. Die sumerische Schrift 
war anfänglich eine Bilderschrift. In den ältesten erschlossenen 
Formen sind die Bilder durch die Verwendung für Inschriften auf 
Stein in Systeme von geraden Linien aufgelöst z. B. die Sonne O in <>. 
Ursprünglich wurden diese Bilder in senkrechten von rechts nach links 
auf einander folgenden Zeilen wie chinesische Schrift angeordnet. 
Später wurden durch eine Vierteldrehung die Zeilen wagrecht von 
links nach rechts laufend gestellt. Durch Verwendung von Lehmtafeln 
und Griffeln bedingt beginnen die einzelnen Striche oben oder links 
dick und enden unten oder rechts dünn (Keile). Obiges Sonnenbild 
wird dadurch zu ^;I. 

Dieses Schriftsystem, welches in Silben die semitische Sprache der 
Babylonier und Assyrer, die arische Sprache der Perser und zeiten- 
weise mehrere andere Sprachen von Indien bis zum mittelländischen 
Meere fixierte, muss als Bilderschrift bezeichnet werden mit vielfach 
sumerischer Benennung der Bilder als Grundlage der Lesung auch der 
anderen Keilschriftsprachen. 

Unter den Schriftzeichen sind Bilder von Körperteilen und andere 
medizinische Begriffe reichlich vertreten; doch ist deren reale Form 
selbst aus den archaischen Zeichen mit vieler Phantasie nur bei 
den bekanntesten Gegenständen rekonstruierbar. Die Mammae, in 
alter Schrift y, in späterer Schrift nach links umgelegt t3|||;^ diene 
als Beispiel. Wie sehr aber bis in die spätesten Schriftperioden das 
Bewusstsein vom Rebuscharakter der Schrift blieb, zeigt ^;[|| als L e i b , 
Herz, Magen, |{ als Sohn und die Kombination \:J[|f|| als 
schwanger, schwängern oder gebären. Schon die letztere 
Unsicherheit ergiebt die Schwierigkeit der Lesung medizinischer 
Texte durch Nichtmediziner in dieser Rebusschrift, was einzelne Philo- 
logen aber nicht zugestehen wollen. 

Diese Schriftstücke sind, abgesehen von Steininschriften und Pris- 
men, welche für die medizinische Litteratur nicht in Betracht kommen, 
und wahrscheinlich vorhanden gewesenen, aber nicht bis heute erhaltenen 
Schriften auf Schilfpapier oder Leder, Folgen von 'Lehmtafeln. Die- 
selben wurden in Babylonien nur an der Sonne getrocknet und in 
Assyrien gebrannt. Man schrieb die längsten Texte in eine Reihe 
Thontafeln von gleicher Grösse und Gestalt und setzte an den Schluss 
jeder derselben die Anfangszeile des folgenden als Custos. Ausserdem 
erhielt der -Schluss der Tafel einen Bibliotheksvermerk, welcher die 

^) In dieser Anschauung steht Hommel ziemlich vereinzelt. 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 59 

Nummer der Tafel in dem Werke und die ersten Worte des Werks 
als dessen Titel enthielt 

Da die Keilschrift grossen Inhalt auf kleinem Räume darstellt, 
so ist die Zahl der Tafeln eines Werkes oder „Serie", wie man es zu 
nennen pflegt, nicht sehr gross. Doch sind Werke bekannt, welche 
bis zu 70 und 100 solcher Tafeln umfassen. Das assyrische Werk 
„Wenn ein Beschwörer in das Haus eines Patienten geht" umfasst 
19 Tafeln und das prognostische geburtshilfliche Buch „Wenn eine 
Frau" mindestens 25 Tafeln. 

Alle diese Tafeln sind nur in einzelnen Scherben erhalten und 
bei 20000 solcher Stücke, z. B. aus der Bibliothek von Niniveh. 
ist nur sehr teilweise Zusammengehöriges vereinigt. Unter diesen 
Fragmenten sind bis jetzt 19 Stücke erkannt, welche bibliothekarischen 
Listen entsprechen. Dabei wird die Serie „Wenn ein Neugeborenes" 
in K 13280 und K 13818 erwähnt. Listen von Beschwörungstexten, 
vielleicht therapeutischen Charakters, enthalten K 2832, Iv 3996 und 
K 6961. Die Tafelanfänge zweier Serien prognostischer (medizinischer? 
oder abergläubischer?) Texte enthält K 1352, Die erste Serie ent- 
hält danach 14 Tafeln, von deren jeder die Zeilenzahl verzeichnet wird, 
und die zweite Serie i? Tafeln. Ein Verzeichnis von Kapitelanfangen 
therapeutischen Charakters enthält die Tafel 82 — 5 — 22,563. 

Der belebte Körpei- besteht aus Seele und Leib. Der Sitz des Ver- 
standes ist das Herz; daher ist „Geisteskrankheit" gleich „Verkehrtheit 
des Herzens". Der Körper wird als Fleisch bezeichnet. Das Belebende 
des Körpers ist in der hämatischen Physiologie dieser Kultur das Blut. 
Das Centralorgan für das Blut ist aber die Leber. So treten „Herz 
und Leber" unzählige Male bis in die späteste Keilschriftlitteratur 
zusammengenannt als Seele und Leib auf, mehr prosaisch in der Brief- 
litteratur steht dafür Herz und Fleisch. Das Centralorgan des 
Willens ist das Ohr. Von der augenfälligen Thätigkeit anderer 
Organe wie Hände, Füsse, Lippen, Augen etc. besassen die Sumerer 
natürlich richtige Vorstellungen. Bei dem Interesse für das Blut 
unterschieden sie arterielles und venöses Blut als Blut des Tages (?) 
d. h. helles Blut und Blut der Nacht (?) d. h. dunkles Blut. Zum 
Blut des Tages gehörte auch wohl das im Laufe eines Aderlasses sich 
aufhellende Blut. 

Auch hellrote Granulationen und nach einem Belege aus assyrischer 
Zeit auch der Keparationspannus im Auge wurde als arterielles Blut 
bezeichnet. 

Dem ganzen Altertume entstammen die Träume aus dem Blute. In 
dem hämatischen Zweistromlande sind daram die Träume als Ausfluss 
des Lebensprinzipes Blut die ungetrübte Quintessenz des Lebens. Ueber- 
all erfahren wir \^on Träumen. Der Traumdeuter ist darum eine hoch- 
Tsassenschaftliche medizinische Person vergleichbar einem modernen 
Nervenphysiologen. In der Bibliothek von Niniveh fanden sich 42 M 
Tafelfragmente, welche sich auf die Deutung von Träumen bezogen. 
Und hier setzte bei Bedarf eine vorbeugende Therapie ein, da auch 
3 Tafeln erhalten sind mit Vorschriften gegen die Folgen übler Träume. 

Arzt, Traumdeuter, Seher und Astrologe kann nicht strenge 



^) Nach Bezold sind es viel mehr als 42 Fragmente ; nur sind sie nicht alle 
als solche beweisbar, da die betreffenden Anfänge: ,,wenn er in einem Traume 
sieht . . ." vielfach abgebrochen sind. 



60 von Oefele. 

aus einander gehalten werden. Der Arzt ist sinnbildlich geschrieben 
„der Sohn des Wissens", der Seher „der gute Mann" abgesehen vom 
Lautwert. 

Der absichtlich abgewartete Tempeltraum als Grundlage des 
therapeutischen Handelns, wie ihn die Hellenen anwandten, ist, so sehr 
er dem Geiste des Zweistromlandes entspricht, bisher nicht erwiesen. 

Grundbedingung der Fortdauer des Lebens ist die Erneuerung 
des Blutes durch Trinken und vor allem durch Essen. So droht Istar 
in der Unterwelt, dass sie die Toten wieder essen und dadurch leben 
lassen werde. Die Atmung, welche in der ägyptischen Volksphysiologie 
so oft betont wird, wird im Zweistromlande kaum erwähnt. 

Ob in der Zwischenzeit bis zur Begründung der Universität 
Niniveh einmal ein System Wechsel stattgefunden hatte, oder ob afri- 
kanische Medizin importiert worden war, ist unbestimmbar. Meist 
sind ja Beschwörungstexte viel konservativer als Eezepttherapie. Aber 
in der Serie von der Kolik humoral-pathologischen Charakters ist 
eine pneumatische Windbeschwörung erhalten; ausserdem ist eine 
pneumatische Augenbeschwörung in Keilschrift erhalten. Dann betet 
K 256 der Babylonier : „Gott, mein Schöpfer, meine Arme ergreife (?); 
den Atem (miisü)/) meines Mundes leite; meine Hände leite! Herr 
des Lichtes!" 

Geleugnet wurde übrigens die Lebenswichtigkeit der Atmung auch 
vom Humoralpathologen nicht. Die Atmung war ihm nur sekundäre 
Funktion. Auch dem Humoralpathologen waren Arterie, Vene, Nerv 
und Sehne, wie dem ganzen Altertume ein einziges System. Was der 
Römer nervus. der Grieche (pleip, der Hebräer gid und der Aegypter 
MOTT nennt, ist im Zweistromlande mfsritu oder buanu. 

Die Bibliothek des Assyrerkönigs Assurbanipal lieferte eine Reihe 
sumerischer Texte, teilweise mit gleichzeitiger interlinearer assyrischer 
Uebersetzung, darunter viele Krankenbeschwörungen d. h. Vorschriften 
zu symbolischen gottesdienstlichen Handlungen verbunden mit Gebeten. 
Z. B. Es wird eine Zwiebel entschält, eine Dattelrispe entbeert, ein 
Blumenstrauss (?) aufgelöst und ein Wollbausch zerzupft und die Ab- 
fälle davon jedesmal dem Feuer übergeben mit dem wiederholten 
Wunsche, dass ein Gott in gleicher Weise gründlich die Krankheit 
vernichten möge. In einem anderen Falle wird der Patient gefesselt 
und dann seine Fesseln unter Gebeten wieder gelöst, damit der Patient 
gleicherweise von den Fesseln der Krankheit erlöst werde. Oder es 
wird Getreide oder Getreideschrot ausgestreut und wieder weggekehrt. 
Auch einfachere hymnenartige Gebete um Befreiung von Bauchschmerz 
und Kopfschmerz finden sich. In denselben sind vielfach rationelle 
therapeutische Massnahmen erwähnt, wie nasse Umschläge und ähn- 
liches. 

Diese symbolischen Handlungen bildeten sich in der späteren 
semitischen Kultur und bei deren Schülern d. h. den Aegyptern am 
Ende des neuen Reiches und in demotischer Zeit zur 'Zaubermedizin um. 

In der sumerischen Kultur blühten die Naturwissenschaften, vor 
allem Astronomie, Zoologie, Botanik und Mineralogie, so dass die 
folgende semitische Kultur ihre termini technici der Naturwissen- 
schaften aus der sumerischen Sprache wählte. 



^) musu = das was herausgeht (?), nach Delitzsch Handwh.: die Eein- 
erhaltunä:. 



Vorhippokratische iledizin Westasiens, Aegyptens and der mediterranen Vorarier. 61 

Neben der Dattel sind Zwiebel und Lauch (nicht aber Knoblauch!) 
wichtige Xahrung:smittel, welch erstere nach einem Sprichwort als 
Diätetikum und Prophjiaktikum gegen Leibschmerzen verwendet 
werden. Gerste ist Brotfurcht und Sesam die Oelfrucht. Der Bier- 
(Kwass)genuss war stark verbreitet. 

Die Massage ohne Oel (Sesamöl) wird als zwecklose Handlung 
bezeichnet. 

Mesopotamien war seit ältester Zeit das Ursprungsland des Asphalt- 
exportes, welcher schon in der ältesten ägyptischen Medizin als Pro- 
dukt von Südmesopotamien als Pflastergrundlage Verwendung findet. 
In Asien fand Asphalt auch interne Verwendung. 

Sumerische medizinische Texte, ausgenommen die erwähnten Be- 
schwörungstexte sind in der Bibliothek des Assurbanipal nicht er- 
weislich. Was aus den Bibliotheken von Telloh und anderen Samm- 
lungen erwartet werden kann, lässt sich nicht überblicken. Durch 
die Freundlichkeit von S c h e i 1 erhielt ich die Uebersetzung eines alten 
humoralpathologischen Keilschrifttextes, welcher aus Niffer stammt und 
in Konstantinopel als Nr. 583 aufbewahrt wird. 

Noch vor das Jahr 2000, also vor die babylonisch-semitische Zeit, 
ist der Siegelcylinder des Edinmugi (alias Inaserisumukin) mit dem 
Herrn L u g a 1 e d i n a (alias Belseri) anzusetzen. Zehnpfund schreibt 
das Siegel der Zeit Gudeas (circa 3300) zu. . An bildlichen Darstel- 
lungen enthält es den Gott der Heilkunde Ninip (oder Adar) mit 
charakteristischer Kopfbedeckung und Kaunakesgewand. Der Gott 
hält einen gerundeten Schröpfkopf; zwei andere sind auf Säulen 
postiert. Dazwischen ist eine Doppelpeitsche dargestellt, welche zwei 
Krumm bolzen an den Schnurenden trägt und zum Schlagen von 
Schröpfwunden benützt wurde. Der zweite Name des Cylinders ist 
als Arzt bezeichnet und muss als freier Priester gedeutet werden. 
Der Träger des ersten Namens nennt sich in zwei Ausdrücken als 
Sklave des Arztes und bezeichnet sich als Skarifikator, Schröpfkopf- 
setzer und Pflasterleger. Es ist also der Chirurge schon hier getrennt 
und untergeordnet dem Internisten. 

Alle Handwerker und Gewerbetreibenden waren in Babylonien 
bis spät in die Seleucidenzeit Sklaven. Es entspricht dem sonstigen 
Bilde babylonischer Leibeigenschaft, dass der freie priesterliche Arzt 
Lugaledin sich einen eigenen Sklaven als Bader hielt für Han- 
tierungen, welche ihm als Priester zu respektwidrig erschienen. Den 
Honoraren für Schröpfen etc. gegenüber huldigte er der Praxis: non 
ölet. Der Bader erhält dafür von seinem Herrn Wohnung, Kleidung 
und Unterhalt und durfte sich Nebenverdienste verschaffen, auch wohl 
den in Keilschrift belegbaren, sogar quittierten Bakschisch. Dass der 
Sklave Edinmugi selbst Privatbesitz haben durfte, zeigt gerade der 
Besitz des gefundenen Privatsiegels. 

Von philologischer Seite wird vielfach die Lesung des Siegels an- 
gezweifelt, dagegen aber nicht, dass die eine Person mit dem Standes- 
namen als Arzt bezeichnet ist. 

Vorarische Medizin Indiens. 

Die Sanskritmedizin ist in einem anderen Abschnitte behandelt. 
So umstritten die Chronologie der Sanskritmedizin ist, so kann in der 
Zeit der sumerischen Kultur Mesopotamiens noch nicht von einer 



(32 von Oefele. 

arischen Kultur Indiens die Rede sein. Die Drawidavölker werden als 
die Reste der vorarischen Kulturvölker betrachtet. Von Flow er 
werden die Drawida zu der kaukasischen Rasse gerechnet, von Huxley 
aber mit den Bewohnern Australiens und den alten Aegyptern aus 
anatomischen Gründen zu einer besonderen australoiden Rasse ver- 
einigt. 

Auch die Behandlung der modernen Drawidamedizin ist Sache 
eines anderen Bearbeiters. Für die grosse vorhippokratische Kultur- 
gemeinschaft, welche ausser Mesopotamien und Aegypten auch Indien 
umfasste, und die zugehörige Geschichte der Medizin liefert also In- 
dien keinen Beitrag. Der älteste Hinweis auf indische Medizin ist 
mir in einer brieflichen Mitteilung von W. Max. Müller aus einem 
demotischen Papyrus bekannt, welcher bei der Droge Magneteisenstein 
ausdrücklich Indien als Ursprungsland anführt (stammt aber nach 
Müller erst von circa 200 n. Chr.). 

Zur Zeit Ibn elBeithars und der übrigen berühmten arabischen 
Aerzte werden die alterprobten östlichen Drogen als indisch bezeichnet 
und darunter indisches, iranisches und mesopotamisches Lehngut der 
Pharmakotherapie vermengt. 

Im Norden und Osten Indiens giebt es heute Reste alter Kulturen 
in Siam, Tibet und den angrenzenden Ländern. Nördlich davon finden 
sich Stammsitze von einer Reihe zusammengehöriger Sprachen. Die 
altindische Medizin scheint gleich der ägyptischen einen pneumatischen 
Charakter besessen zu haben. 

Auch die tibetische Medizin enthält nach der neuerlichen Be- 
arbeitung von Lauf er viel pneumatisches Erbgut. 

Medizin der alten Nubischen Völker. 

Atavismen der ägyptischen Königs- und Priestertracht zeigen nahe 
Beziehungen zu den Jägervölkern des Obernil aus der Steinzeit. Die 
Haustiere, welche aus Nubien stammen, besitzen schon die alten 
Aegypter, während wir jene aus anderen Ländern (z. B. Hühner, 
Pferde, Kamel) vermissen. Ibis, Papyrusstaude und anderes wird halb- 
domestiziert aus Nubien (?) in Aegypten eingebürgert. Reger Verkehr 
zwischen Nubischen Völkern und Aegyptern blieb bestehen. Beide 
besitzen eine Vorliebe für alkoholische Exzesse. Um eine gesteigerte 
Wirkung hervorzubringen, griifen die Nubavölker zu narkotischen 
Solaneengiften, speziell zu Mandragorafrüchten. In altägyptischer 
Göttersage werden aus Nubien importierte Mandragorafrüchte in Bier 
einer Göttin zur Lähmung bei ihrem Rachewerke gereicht mit exakter 
Beschreibung der Atropinwirkung. Die Göttin wird nämlich berauscht, 
ihre Augen glänzen und sie kann nach Sonnenaufgang nicht mehr 
sehen. 

Der Aussatz, altägyptisch wahrscheinlich die Krokodilkrankheit, 
koptisch ebros (= slecpavTiaoig) erscheint in spätägyptischer Auf- 
fassung als Gabe der Nubischen Länder. 

Medizin der Götterländer und Weihrauchländer. 

Die kulturellen Anfänge Aegyptens weisen nach Oberägypten 
aber mit dem Ursprünge von den Küsten des roten Meeres. Hier 
liegen die Götterländer und die Ursprungsländer der ursprünglichen 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Voraiier. 63 

Käuchermittel. Im neuen Keiche sind diese Weihrauchländer durch das 
Auftauchen wertvoller, aber südlicher Eäuchermittel in Negergebieten 
näher bestimmbar. Das ursprüngliche Götterland, also prosaisch aus- 
gedrückt Stammland der Kultur der Aegypter, liegt diesseits des roten 
Sieeres. Dorthin richtet der Aegypter seine Blicke, ob er die auf- 
gehende Sonne anbetet oder ob er für Krankheitsfälle Arzneidrogen 
benötigt. Die Küsten des roten Meeres sind nach Herodot auch die 
Stamraländer der späteren Phöniker. 

Für die Drogen jener Gegend scheint eine Vorliebe zum Rösten 
zu bestehen, wie ja wir heute noch unsere Coffea arabica rösten. Die 
Rezeptvorschriften wimmeln bis in das Mittelalter von solchen ge- 
rösteten Drogen aus Tier-, Pflanzen- und Mineralreich. Diese Drogen- 
röstungen, welchen wir noch mehrfach begegnen, stammen wohl aus 
den Drogenländern der Küsten des roten Meeres. 

Auch Balsam, Weihrauch und ähnliche aromatische Drogen kamen 
entweder von diesen Ländern oder wurden, soweit sie noch östlicheren 
Ursprungs waren, hier umgeschlagen. Enge sind diese Länder in der 
Geschichte der Medizin mit Altägypten zu vereinen, da diese wenigen 
sicheren Spuren doch schon deutliches Gepräge einer pneumatischen 
Auffassung der Medizin ergeben. 

Auch das Schminken der Augen d. h. die präservative Behandlung 
von Conjunctivitis blieb nach W. Max. Müller bei den Völkern der 
Küste des roten Meeres am längsten erhalten (entogen?). 

Neuerlich werden auch Inschriften aus Südarabien beschafft und 
ausgegraben. Die Einzelheiten sind noch vielfach umstritten. Aus 
dem schwer zugänglichen Materiale ist nach Wincklers Nachweis 
der vielfachen Verwechselung durch Namensähnlichkeit von Südarabien 
und Aegypten in den altorientalischen Sprachen soviel ersichtlich, dass 
in Südarabien ausser vielen kleineren Stämmen etc. zwei grössere 
Kulturreiche und zwar das minäische und das sabäische erweislich 
sind. Weber setzt das minäische von mindestens 1350 (?) bis 750 (?) an. 
Während das sabäische Reich von da ab bis zur entsprechenden Aus- 
breitung des Röraerreiches blühte. Aus dem minäischen Reiche sind 
durch Inschriften bis jetzt schon 25 bis 29 Königsnamen bekannt, was 
wohl auf ein noch viel höheres Alter des minäischen Reiches schliessen 
lässt. Die erhaltenen Inschriften sind zum Teil Weihinschriften reicher 
Kaufleute nach glücklichen Handelsexpeditionen. Darunter scheint 
der Arzneidrogenhandel nach dem Nordwesten eine wichtige Rolle von 
den ältesten Slinäerzeiten bis in klassische Zeiten gespielt zu haben. 

Medizin der alten Nordwestafrikaner. 

Wiedemann macht wahrscheinlich, dass schon in der ersten 
Dynastie unter Menes Aegypten kriegerische Verwicklungen mit den 
Libyern gehabt habe, den seit der 6. Dynastie Temhu genannten Völkern, 
Die „Paletten" etc. aus der 1. Dynastie zeigen Kämpfe mit Libyern. 

In der 12. Dynastie in Beni Hasan erscheinen die Libyer als 
Hirten. Als Söldner sind sie zuerst bei Hatschepsut nachweisbar. 

In der 19. und 20. Dynastie bilden diese Völker die Söldnerheere 
der Aegypter und werden so einflussreich, dass die Zeit von 1100 bis 
700 als libysche Zeit bezeichnet wird und dass um 950 Herrscher 
libyscher Herkunft als 22. Dynastie den ägyptischen Königsthron an 
sich reissen. 



64 von Oefele. 

Von den empirisch-medizinischen Kenntnissen dieser Völker aus 
jenen Zeiten wissen wir bis jetzt nichts. 

Bei den Libyern sind Trepanierungen der Schädel erwiesen, ein 
Gebrauch, welcher auch bei den Ureinwohnern der Canarien bekannt 
ist und wohl durch ganz Nordafrika verbreitet war. 

Durch die trojanische Völkerwanderung erscheinen in jenen Ge- 
bieten immer wieder neue Völker und Herodot zählt uns in jenen 
Gebieten ein unentwirrbar Völkergewirre auf. Die Kyrenaika tritt 
durch die Kolonisation der Griechen und die heutigen nordafrikanischen 
Raubstaaten durch die Kolonisation von Karthago aus in die abend- 
ländische Kultur und damit später in die Kulturmedizin ein. Die 
neueren Ausgrabungen in Karthago ergeben eine starke Anlehnung an 
ägyptische Kultur. In der klassischen Zeit ist die KjTenaika und 
Karthago bekannt durch Handel mit Arzneidrogen, so dass dieser seit 
älteren Zeiten bestanden haben wird. 

Krankheit des Sonnengottes in Aegypten, 

Vor den ersten menschlichen Königen wandelten nach ägyptischem 
Mythus die Götter unter den Menschen und herrschten über diese. 
So wurde auch der Sonnengott Re alt und gebrechlich als König und 
wird als kachektisch beschrieben. Die Schlange oder der Wurm als 
Krankheitsursache der alternden Abendsonne wird zum Feinde des Re 
und damit zum Bringer alles Uebels und der Krankheiten. Dass wir 
unter diesen Würmern neben Schlangen und echten Würmern auch 
Dipterenlarven zu verstehen haben, zeigt unter anderem ein späteres 
Gebet : „Befreie du ihn von den Würmern, welche in Restao (Jenseits) 
sind und welche leben auf den Körpern von Männern und Weibern 
und welche sich nähren von ihrem Blute." 

Die belebte Krankheitsursache, welche von der Ferse aus den 
Sonnengott infiziert, wird von Isis aus dessen eigenem Sputum bereitet 
und muss als sagenhafte Ausgestaltung der Beherbergung des Guinea- 
w^urmes aufgefasst werden. 

In die Regierung des Sonnengottes setzt man auch die Berauschung 
der Göttin Sechmet mit Bier, das mit Mandragora versetzt ist. 

Kranl<lieiten der Osirisfamilie in Aegypten. 

Der Aerztegott der Aegypter ist Thout; er ist wie der Aerzte- 
gott des Zweistromlandes der ältesten Zeit gleichzeitig Mondgott. 
Schutzgötter der Entbindung sind Bes und Epet. 

Isis in den Sümpfen des Delta soll eine Phlegmone der Mamma 
überstanden haben nach der Geburt der Götter Su und Tefnut. 

Eine Reihe von Krankheiten sollte Horus, der Sohn des Osiris, 
überstehen. Als er mit seiner Mutter Isis vor Set in diese Sümpfe 
geflohen war, erkrankte er an sehr gefährlichen Skorpionstichen. Ein 
andermal machte er nach dem Londoner Papyrtfs eine Dysenterie 
durch. Aus dem Pap5Tus Ebers und einem koptischen Zauberspruche 
erfahren wir, dass die hierzu gehörigen Leibschmerzen auf einem 
Wüstenberge begannen. Zur Besserung seines körperlichen Wohl- 
befindens trug es sicherlich auch nicht bei, dass Set den Horus trotz 
der naiv beschriebenen Enge des anus doch per anum coitieren wollte. 
Später im Entscheidungskampfe mit Set verlor Horus ein Auge und 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 65 

Set seine Hoden. Das Auge des Horus wurde in Heliopolis wieder 
geheilt. Solche Krankheiten zu erwähnen war speciell in magischen 
Formeln für Krankheitsbehandlungen beliebt. 

Nach der Mythe sind in dieser Zeit auch alle Vorlagen für die 
späteren Medizinbücher vom Aerztegott Thout verfasst und eigen- 
händig geschrieben. 

Nagadaperiode in Aegypten. 

Mariette hoffte im Laufe gründlicherer Ausgrabungen auch 
Denkmäler der Schemsu-Hor, der sagenhaften Vorgänger des Menes, 
zu finden, der Heroen der ägj'ptischen Geschichte, welche sich nach 
der Tradition zwischen göttliche und menschliche Dynastien einfügen. 
Ebers bezeichnet dies 1880 noch als Mangel an Kritik. Jetzt sind 
Ausgrabungsergebnisse in der Zwischenzeit jener Epoche näher gerückt. 
Allerdings eine Geschichte der Medizin jener Zeiten giebt es einst- 
weilen noch nicht. Siehe Seite 69 ersten Abschnitt! 

Sie balsamierten ihre Toten nicht, sondern begruben dieselben in 
ganz bestimmter Körperhaltung. Man findet bei ihnen eine grüne 
Malachitfarbe, welche wohl als Augenschminke gedient hat, wie in 
späteren Zeiten die schwarzen Kollyrien. In der präservativen Augen-, 
behandlung gehen also die Kupferpräparate den Bleipräparaten voraus. 
Ausserdem sind Paletten aus Schiefer gefunden, welche zum Verreiben 
der Malachitschminke dienten. 



Die drei ersten Dynastien Aegyptens. 

Zwischen Mythe und Geschichte stehen die drei ersten Dynastien 
Aegyptens. Die Könige und ihre Reihenfolge allerdings mit vielen 
Varianten und Auslassungen und mit variierenden Angaben über 
ihre Regierungsjahre sind in drei Listen erhalten. Die Nagadaperiode 
reicht bis in die 3. Dynastie und entspricht als Grundlage den un- 
zweifelhaften Anachronismen der späteren Berichte ägyptischer und 
vor allem ausserägyptischer Quellen. 

Menes wird als Begründer der ersten ägyptischen Königsdynastie 
von der Tradition genannt. Dessen Sohn und Nachfolger Athotis 
{äg. Teti) war nach Manetho Arzt und hat anatomische Bücher ver- 
fasst. Vielleicht wird damit Itath der 3. König der 1. Dynastie oder 
Teti der 3. Dynastie der Verfasser, der unter Chasty (fälschlich 
Usaphais) gefundenen Bücher bezeichnet. Diese Abfassung durch einen 
König ist nach W. Max Müller volksetymologische Verwechselung 
mit dem Berichte der Abfassung durch den Gott Thout 

.angeblich unter Chasty, dem 5. König der 1. Dynastie, ist nach 
Pap. Ebers 103, 1 und Pap. Brugsch 15, 1 die Lufthaltigkeit der 
Leichenarterien und die Bluthaltigkeit der Venen gefunden worden. 
Erster Schritt zur pneumatischen Dogmatik in der Medizin. 

Nach seinem Tode gelangt an Sendi (gr. Sethenes), den 5. König 
der 2. Dynastie, diese anatomisch-physiologische Schrift. Offizielle An- 
erkennung der Pneumalehre und der Scheidung von Arterien und 
Venen. 

Zoser Sa (gr. Tosorthos Asklepios), 3. Dynastie, erhielt nach 
Manetho wegen seiner ärztlichen Praxis den mit Asklepios übersetzten 

Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. ^ 



66 von Oefele. 

Beinamen V sa (Heiler), der als 'i^^ (göttlicher Arzt) in seinem 

Horusnamen erhalten ist. Da er in Memphis residierte, möchte 
Brugsch für ihn den Beinamen Imhotep (gr. Imuthes) rekonstruieren. 
Von seinem 12. bis 18. Kegierungsjahre herrschte in Aegypten wegen 
ungenügender Nilüberschwemmungen Hungersnot. Er lässt angeblich 
durch eine Forschungsexpedition nach den Nilquellen suchen. 

Sein Nachfolger Zoser Teti, beigenannt: „Geliebt von Ptah", 
teilt mit einem König der 1. und 6. Dynastie den Namen Teti. Die 
Mutter eines dieser Könige Sehe seh benützt nach Pap. Ebers 66,15 
das älteste Haarwuchsrezept, dessen Drogen schon unter herme- 
tischen Geheimnamen versteckt werden. 

König Naramsin [in Babylonien]. 

Sargon I. von Agade und sein Sohn Naramsin herrschten um 3750 ^) 
(Nabonid's Datierung). Für die späteren Babylonier ist dies die 
klassische Zeit der Wissenschaft. Die gefundenen Kunstprodukte er- 
geben ebenfalls von da ab für später einen ständigen Rückgang. Sein 
Reich reichte vom persischen Meerbusen bis an das mittelländische 
Meer. Ein grosses astronomisches Werk, welches bis zur griechischen 
Eroberung in Babylonien grundlegend blieb, soll Sargon I. haben zu- 
sammenstellen lassen. Aus seiner und seines Sohnes Zeit stammen 
auch die astrologischen Sterndeutungen und andere Vorhersagen. 

Die Bibliothek von Niniveh liefert uns in der späteren Zeit einen 
Einblick (K 3041), dass nicht nur ganze Serien d. h. zusammenhängende 
Werke für Niniveh aus babylonischen Quellen abgeschrieben wurden, 
sondern dass die Kopie selbst auf die Uebersichtstafel d. h. Inhalts- 
verzeichnis und Bibliothekskatalog einer 16-Tafelserie sich erstreckte. 
Darnach ist auch ein Vermerk von K 5988 und K 10244 sehr glaub- 
würdig, dass die meist abergläubischen Geburtsprognostica auf Naramsin 
zurückgehen. Was der Babylonier hier für möglich hielt, ergeben 
folgende Beispiele: 

„Wenn eine Frau ein Kind gebiert, das Löwenohren hat, so wird 
ein starker König im Lande sein. Wenn eine Frau ein Kind gebiert, 
dem das rechte Ohr fehlt, so werden die Tage des Fürsten lang sein. 
Wenn eine Frau ein Kind gebiert, dem beide Ohren fehlen, so bringt 
es Trauer ins Land und das Land wird verkleinert. Wenn eine Frau 
ein Kind gebiert, dessen rechtes Ohr zu klein ist, so wird des Mannes 
Haus zerstört werden. Wenn eine Frau ein Kind gebiert, das einen 
Vogelschnabel hat, so wird das Land im Frieden bleiben. Wenn eine 
Frau ein Kind ohne Mund gebiert, so muss die Herrin im Hause 
sterben. Wenn eine Frau ein Kind gebiert, dem die Finger der 
rechten Hand fehlen, so wird der Herrscher von seinen Feinden ge- 
fangen werden. Wenn ein Schaf einen Löwen gebiert, werden die 
Walfen des Königs siegreich sein und der König "wird seinesgleichen 
nicht haben" etc. 

In babylonischer Schrift (und Sprache) sind abgefasst 79 — 7—8, 
127; K 1930. In den übrigen hierher gehörigen Texten ist meist 
assyrischer Text und assyrische Schrift in den erhaltenen Kopien ein- 
gesetzt. Der ganze Stoff ist in spätassyrischer, aber doch wohl auch 

^) Diese Jahreszahl wird fast allgemein als altes Falsifikat verworfen und der 
König von Winckler viel später angesetzt. 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 67 

schon in dieser Zeit, sj^stematiscli in einer Serie von mindestens 
25 Tafeln zum Nachschlagen geordnet. Solche Tafeln handeln vom 
Löwenauge, Löwenohr, Löwenschaf, Löwenhaupt, Doppellöwenhaupt, 
Augenfarbe, Ohren, Nase, Haar etc. des Neugeborenen, Stutengeburt, 
Hundsgeburt, Gazellengeburt. Wie weit es sich hier um Ausgeburt 
wilder Phantasie oder um termini technici im Sinne unserer modernen 
„Hasenscharte" handelt, entzieht sich momentan noch der Beurteilung 
Slanche Texte scheinen von objektiv beobachteten Totgeburten, 
Missgeburten und Zwillingsgeburten zu handeln. Sehr ominös waren 
Missgeburten königlicher Weiber. 

Nicht zu trennen von diesen Texten sind gegenwärtig Angaben 
über die physiognomische Aehnlichkeit von Menschengesichtern mit 
gewissen Tiergesichtern. Hier können sich momentan noch unentwirr- 
bar Texte gleichgestellt finden, von denen die einen den unsinnigsten 
Aberglauben widerspiegeln, während die anderen ganz naturgetreue Be- 
obachtungen über den Zusammenhang von Physiognomie, Volkstypus 
und Charakteranlagen bringen. Ebensowenig kann in der späteren 
assyrischen Gynäkologie (K 9614) die Prognose des Todes im Kindbett 
für eine Schwangere als nüchtern oder als abergläubisch gegenwärtig 
festgestellt werden. Wie die Zeiten von Sargon und Naramsin neben 
genauen astronomischen Beobachtungen der Astrologie huldigten, so. 
wird in der Serie „wenn eine Frau" bald der Eindruck des Aberglaubens 
bald derjenige objektiver Naturbeobachtung auf den ersten Blick her- 
vorgerufen. Meist muss aber der Entscheid bei der heutigen Kenntnis 
noch fraglich bleiben. 

Für manchen Aberglauben ist die Entstehung erklärlich. Das 
babylonische Religionssystem war auf dem Sternendienste aufgebaut. 
Die Astrologie stellte also nur die Beziehungen einerseits zwischen 
Makrokosmos und Mikrokosmos, andererseits zwischen Göttern und 
Menschen her. Wir finden so im babylonischen Geiste noch bis in 
das Mittelalter die einzelnen Körperregionen unter der Regierung je 
eines Zeichen des Tierkreises. Nichts ist natürlicher als auf diesen 
Körperteil einzuwirken, wenn das regierende Sternbild im Osten be- 
ginnt sich zu erheben. Ein Carminativum wird darum beim Aufgang 
des Ziegensternes (K 191) gereicht, also am 1. Juli um 6 Uhr abends, 
am 1. August um 4 Uhr abends, am 1. September um 2 Uhr nach- 
mittags etc., da der Ziegenstern dem Anus vorsteht^) 

Ein Jahrhundert vor Samsibin's Gründung von Assyrien fällt diese 
Blütezeit Sargon's L, dessen bevorzugte Universitäts- und Bibliotheks- 
stadt Uruk (Erech) war, das neben Borsippa noch in Griechenzeiten 
als Aerzteschule genannt wird. 

Nach Lehmann ist Sargon I. erst 1980 anzusetzen. Ich habe 
darum Babylon, soweit nicht der Name Naramsin in Betracht kommt, 
erst später eingefügt. 

Str ab berichtet uns von einer gewissen eifersüchtigen Konkurrenz 
dieser alten Universitäten, welche sich in Sektenbildung kenntlich 
machte. Wenn wir darum auf medizinischem Gebiete später in Assyrien 
eklektische Kompilationen mit vorknidischer Pharmakotherapie und 
pneumatischer Theurgie finden, so entstammen die einzelnen Teile 
wohl diesen alten Sektenschulen. 



^) So verstehe wenigstens ich, nicht unwidersprochen, eine Stelle der mir von 
Küchler zur Einsicht mitgeteilten Texte. 

5* 



QQ vonOefele. 



Aegyptische Medizin der Pyramidenzeit. 

S n f r u , 1. König der 4. Dynastie, erster König im vollen Lichte 
der Geschichte. Er leidet nach doppelten Quellen an Impotentia coeundi, 
jenem im Orient noch heute so häufigen Uebel, die ein Obervorlese- 
priester durch den Anblick eines scheinbaren Massencoitus behandelt. 
Zu seiner Zeit ist die Einbalsamierung der Leichen noch nicht all- 
gemeiner Gebrauch. Unter den einfach bestatteten Leichen in der 
Nähe seiner Grabpyramide finden sich zahlreiche Skelette mit Ver- 
letzungen. Nach Wiedemann fehlt dem einen Toten ein Bein, dem 
zweiten ein Arm, der dritte hat ein paar Zähne verloren, welche neben 
der Leiche beigesetzt sind u. s. f. Bei den Männern ohne Arm und 
Bein finden sich an den Stümpfen keinerlei Spuren eines Heilungs- 
prozesses, so dass die Verletzung dem Tode kurz vorangegangen sein 
muss. Es handelt sich wohl um Betriebsunfälle beim Bau der Grab- 
pyramide. Grösseren Verletzungen gegenüber zeigt sich hier auch 
die altägyptische Medizin resp. Chirurgie ohnmächtig. In jenen Zeiten 
sind zweckmässige Nachoperationen solcher Unfallamputationen und 
die Blutstillung verletzter Arterien noch unbekannt. 

In seiner Zeit und bis in die 5. Dynastie ist die Zerstückelung 
der Leiche beim 1. oder 2. Begräbnis gebräuchlich. Bei letzterem 
wird das Fleisch von den Skelettteilen geschabt. Es ist eine Nach- 
ahmung des Osiris'schen Sonnenmj^thus. Der Gebrauch selbst ergab 
den Höhepunkt allgemeiner menschlicher Anatomie, dem gegenüber die 
Zeit der Einbalsamierung schon einen ersten Eückschritt und die 
spätere abendländische Scheu vor Leichenverletzungen einen Tief- 
punkt darstellt. 

Das spätere Wort für Arzt ist schon in der Pyramidenzeit er- 
weislich und besitzt die spezielle Bedeutung „Salber". 

Unter Chufu (Cheops) dem Pyramidenerbauer (4. Dyn.) sind die 
heiligen Schriften des Thout, also die philosophischen und ärztlichen 
Bücher, unauffindbar (Pap. Westcar) in die Hände einer Sonnenpriester- 
'familie, Begründer der 5. Dynastie, übergegangen. Ein Abschnitt des 
* circa 1000 v. Chr. niedergeschriebenen Papyrus in London will im 
Original unter Chufu gefunden sein. Ein Märchen beschreibt unter 
seiner Regierung vielleicht mit Anachronismen eine göttliche Drillings- 
geburt mit Glückshauben, periodeutischer vierfacher Hebammenhilfe 
und minimalem Hebammenhonorar in Naturalien (Gerste). Unter Chufu 
bestehen schon Handelsbeziehungen mit den Weihrauchländern des 
Südosten, also ausländischer Drogenhandel. 

Des Pyramidenerbauers Chafre Gemahlin M e r i s a n c h ist Ober- 
priesterin des Aerztegottes Thout, also vielleicht wie später Cleopatra 
Aerztin (?). 

König Sahure der 5. Dyn. ehrt seinen Oberarzt Sechmetnaeanch 
durch eine kostbare Blendthüre, die unter den Augen des Königs von 
dessen eigenen Künstlern gemeisselt und mit Lapislazulifarbe bemalt 
w^urde. Nach der übrigen bescheidenen Grabeinrichtung lebte dieser 
Oberarzt aber in dürftigen Verhältnissen. Aus dem Titel Oberarzt 
ersehen wir, dass schon im alten Reiche der Aerztestand hierarchisch 
organisiert war (Capart). 

Andere Aerztenamen der ägyptischen älteren Zeiten war mir 
einstweilen nicht möglich zu finden. In den Nagadafunden ist Iwch 



Vorhippokratisclie Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 69 

auf dem Fragmente einer Alabastervase mit einer Standesbezeichnung 
notiert, welche nach Griffith vielleicht (?) als Arzt gelesen werden 
kann (1. oder 2. Dyn.). 

Unter König Assi der 6. Dyn. soll der Pap. Prisse, das älteste 
Buch mit Sittenregeln verfasst sein. Er enthält am Anfange eine 
lange mit guten medizinischen Details ausgestattete Beschreibung der 
Altersschwäche. 

Wenn aus der Pyramidenzeit bisher keine medizinischen Texte 
gefunden sind, so datieren sich doch bis zum Jahre 1000 mindestens 
alle gefundenen medizinischen Texte auf die Pyramidenzeit zurück. 
Die Sprache dieser Texte ist eine relativ einheitliche. Bei der er- 
wiesenen geringen philologischen Veranlagung der alten Aegypter war 
die Abfassung grösserer Texte in der Sprache einer ausgestorbenen 
Periode unmöglich. Es läge also nahe anzunehmen, dass alle medi- 
zinischen Texte des mittleren und neuen Eeiches auf Vorlagen der 
Pyramidenzeit zurückgehen. Nach W. Max Müller entspricht aber 
die Sprache der medizinischen Texte der Kunstsprache des mittleren 
Reiches, so dass für obige Zusammenstellung einer Medizin der Pyra- 
midenzeit fast durchgehends ]\Iärchen etc. benützt werden mussten 
mit der Unsicherheit, welche solchen Quellen anhaftet. 

Der 1. König der 6. Dyn. soll nach W. Max Müller aus Ele- 
fantine stammen und mit Negersöldnern Aegypten usurpiert haben, 
sicherlich nicht ohne Einfluss auf die Aufnahme medizinischer Neger- 
empirie aus dem Süden. Alle sich selbst datierenden Stücke medi- 
zinischer Papyri sind aber angeblich älter als dieser Eroberer. 

Babylonische Medizin. 

Als ältestes semitisches Reich erscheinen neben anderen südlichen 
Stadtkönigreichen (siehe Agade) die Babylonier. Wie alle landfremden 
Eroberer nennen sich diese Semiten die Befreier von 300 jähriger Fremd- 
herrschaft der Elamiten (2280—1980, nach anderen 2430—2130) und 
ihrer Könige Kudur-Nanchundi, Kudur-Mabuk etc. über Babylon. Ab- 
gesehen von den Stadtkönigreichen von Ur etc., welche bis jetzt fast 
keine medizinische Ausbeute (siehe Edinmugi) liefern, und den Texten 
Naramsin's, gehen von den erhaltenen Texten nur Legenden wie das 
Gilgamisepos auf jene ältesten semitischen Zeiten und ihre Vorkulturen 
zurück, aber bis jetzt keine spezifisch medizinischen Texte. 

Gilgamis ist jener alte Heros, dessen Löwenerwürgung in einen 
Siegelcylinder („medischen Stein") gegraben, unter dem hellenisierten 
Namen Herakles, noch der christliche Byzantinerarzt Alexander 
von Tralles als Amulet gegen Kolik tragen lässt. 

Später rühmen sich diese Zeiten in historischen Texten, die Wissen- 
schaften und damit die Medizin von ihrer Vorkultur entlehnt zu haben. 
Die hämatischen Grundanschauungen der sumerischen Medizin gelten 
auch für diesen Abschnitt. 

Wissenschaft und Medizin befindet sich in den Händen einer 
mächtigen Priesterschaft. Anfänglich steht als Schule noch die alte 
Priesterstadt Erech (Uruk, Warka) im Vordergrund. Wie aber 
politisch Babylon immer mehr die einzig genannte Stadt Südmeso- 
potamiens wurde, zog sich der wissenschaftliche und medizinische 
Schwerpunkt auch mehr in dessen Gebiet, nach Borsippa (Birs Nimrud). 

Die Grundlage der babylonisch-assyrischen Religion bilden doppelte 



70 von Oefele. 

Göttertriaden, erweitert zu zwölfgliedrigen Götterkreisen. An die 
Spitze tritt der jeweilige Stadtgott, bald mit mehr henotlieistischerj 
bald mit mehr polytheistischer Betonung, je nachdem der Reichseinheit 
auch die Gotteseinheit des hauptstädtischen Obergottes mit den nur 
nominell davon dilferen zierten henotheistischen Göttern der übrigen 
Städte oder ein vielgliederiges Pantheon mit den unterschiedenen Stadt- 
göttern nach Rang und Würde der respektiven Städte oder Priester- 
kollegien entsprach. Darnach wechseln auch vielfach die Aerztegötter. 

Der Dreiteilung von Himmel, Erde und Meer entsprechen die 
Götter Anu, Bei und Ea. Daneben steht die siderische Götterdreiheit 
Samas (Sonne), Sin (Mond) und die Göttin Istar. Gott Bei giebt Regen 
und Fruchtbarkeit, aber auch Unheil als Sündenstrafe. Gott Ea ist 
Gott der unergründlichen Weisheit. Der älteste Aerztegott des Südens 
ist Sin, wie der Mondgott auch in anderen Ländern. Darum dürfen 
manche Drogen der Keilschriftmedizin das Gesicht der Sonne nicht 
gesehen haben. Diese internationale atavistische Vorschrift verbietet 
darum bis in die moderne Pharmacie vielfach die Drogentrocknung 
unter Besonnung. 

Istar ist Kriegsgöttin, aber auch Venus fecunda. Sie schafft die 
libido bei Mann und Frau, sie beschützt ausserdem Schwangerschaft 
und Entbindung. Im keilschriftlichen Sintflutbericht sagt sie, dass 
sie die Menschen geboren werden lasse (?); in der Etanalegende muss bei 
ihr der Gebärstein geholt werden ; in der Höllenfahrt sterben ohne ihre 
Hilfe die Föten vor der Entbindung. Ihr semitischer Beiname .Tole- 
deth als Entbinderin wurde bei Uebernahme ihrer Gestalt in das 
griechische Pantheon in Eileithyia verändert. 

Viele Götter sind Sonnengötter und treten durch die Sonne von 
gestern und heute in ein descendentelles Verhältnis. Dabei werden 
die Stadtgötter berühmter Aerzteschulen zu Medizinalgöttern. Der 
Sohn des Gottes Ea, Gott Marduk (Merodach), als die aus dem Meere 
aufsteigende Frühsonne, ist der Stadtgott von Babylon. Sein Sohn 
Nabu (Nebo) ist der Lokalgott von Borsippa. Hier besass er seinen 
berühmten Tempel Ezida, nach welchem später noch mindestens zwei 
andere seiner Tempel den gleichen Namen erhielten (siehe Assyrien). 
Nabu wird als der Besitzer aller Wissenschaft und der Medizin ge- 
priesen. Für den Babylonier war aber Marduk der allmächtige Gott, 
welcher Krankheiten vertreibt und Gesundheit verleiht. 

In der sumerischen theurgischen Symbolik lag der Keim, den wir 
im babylonischen Aberglauben mächtig angewachsen sehen. Die Grund- 
anschauung bildet ein Fatalismus. Einblicke in dies unabwendbare 
Geschick erhält der Mensch durch abergläubische Vorzeichen und 
Traumdeuterei , wobei nicht vergessen werden darf, dass letztere in 
der hämatischen Lehre naturwissenschaftlich begründet erschien. 

Die Vorzeichen sind teilweise in der naiven Volksvorstellung selbst 
Schicksalsbringer und entscheiden über Gesundheit, Krankheit und 
Tod. Schon der Bau des Hauses, in welchem der Babylonier wohnte, 
war ausschlaggebend für seine und seiner Angehörigen Gesundheit. 
„Wenn bei der Grundsteinlegung Grillen gesehen werden, so stirbt 
der Besitzer eines vorzeitigen Todes." „Wenn über die frisch gelegte 
Hausthürsch welle ein Pferd tritt, so stirbt die Hausfrau, wenn ein 
Esel, der Haussohn." 

Dieses Verhängnis wird häufig als Wirkung missgünstiger Gott- 
heiten angesehen. Die Keilschriftforschung war bisher sehr geneigt 



Yorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Yorarier. 71 

ZU der Bezeichnung- Pestgott für jeden Gott, welcher gelegentlich als 
Sender von Krankheit und Ungemach genannt wird. So werden Urugal, 
Namtar, Nergal und andere zu Krankheitsgöttern. Dämonen in der 
Siebenzahl, der doppelten Siebenzahl oder in der Zahl 13, geboren im 
Berge des Sonnenunterganges, werden in dichterischer Sprache als 
krankheit- und todbringend beschrieben.^ Namen von Krankheits- 
dämonen waren: Asakku, Utukku, Alu, Ekiramu, Gallü, Rabisu, La- 
martu, Labasu, Lilitu, Samanu, Achchazu und Lilu. Manchem Durch- 
schnittsbabylonier war wohl jede Krankheit die Wirkung eines Dämons 
oder die Strafe für Sünde. Oder umgekehrt: jede Krankheit wurde 
als besonderer Dämon personifiziert. 

Stets war aber die Krankheit etwas dem Körper Fremdes, von 
aussen Eingedrungenes. Marduk, der Besieger der Tiamat (ein Drache), 
vermochte im babylonischen Geiste diese materia peccans zu vernichten. 
Er war ausserdem dem Babylonier der Vermittler zwischen den 
Menschen und den Göttertriaden. So konnte er Krankheiten als Sünden- 
strafen abwenden. Er war ferner der Herr der Schicksalstafeln und 
konnte als solcher ein gütiges Geschick bestimmen und ein ungünstiges 
noch zu rechter Zeit abwenden. Als Besieger der Tiamat ist er 
Herr der Beschwörungen. Solcher Beschwörungstexte ist eine grosse 
Zahl überliefert. Eine in vielen babylonischen Beschwörungstexten 
mit geringen Variationen wiederkehrende dramatische Szene leitet die. 
Hilfeleistungen Marduks folgendermassen ein : Marduk sieht das Elend 
der Menschen, das der Fluch, die böse Stimme, der böse Blick oder 
ein Dämon hervorgebracht hat „und tritt zu seinem Vater Ea ins 
Haus und spricht: Mein Vater, was soll dieser Mensch thun? Er 
weiss nicht, womit er Heilung erlangt." Da antwortet Ea seinem 
Sohne Marduk: „Mein Sohn, was wüsstest du nicht? Was sollte ich 
dich lehren ? Was ich weiss, weisst auch du. Aber gehe, mein Sohn, 
und etc. etc." (es folgt die Vorschrift). 

Der Inhalt einer Reihe sumerischer Texte, welche auch für diese 
Zeit und bis in das späteste assyrische Reich gelten, ist bei der sume- 
rischen Medizin besprochen. Gründlicher als die Vernichtung der 
KrankheitstoflFe sollte die symbolische Vernichtung der Dämonen wirken. 
„Ich halte empor die Fackel; ich stecke in Brand die Bilder des Uttuku, 
des Sedu, des Rabisu, des Ekimmu, des Lamartu, des Labasu, des 
Achchazu, des Lilu, der Lilitu, der Magd des Lilu, und alles Feindliche, 
das die Menschen ergreift. Euer Rauch steige empor zum Himmel 
und Funken mögen verdecken die Sonne. Es breche euern Bann der 
Sohn des Gottes Ea." 

Gott Ea ist hier Obermagier der Götter in Krankheitssachen. 
Mittelsperson ist Gott Marduk. Dieser Prozess spielt sich weiter, und 
zwischen Marduk und die Menschheit werden neue weitere Mittels- 
personen eingeschoben, z. B. Gibil, der Feuergott, vor allem aber die 
Gemahlin des Marduk, die Göttin Zarpänitu und deren Sohn Nabu, 
Letzterer hat in den litterarisch belegbaren Zeiten seinen Vater Marduk 
aus dessen schon erwähntem Tempel Ezida in Borsippa, einer der beiden 
bei Strabo erwähnten babylonischen Aerzteschulen, verdrängt. 

Selbst Gilgamis als Gott Gilgamis^wird zum Herrn der Beschwörung 
und Unterrichter des Sonnengottes Samas. Nach einer langatmigen 
Lobpreisung des Gottes Gilgamis folgt: „Ich bin N, N., der Sohn des 
(der?) N. N., dessen Gott N. N., dessen Göttin N. N. Schmerz hat mich 
erfasst ; Busse muss ich zahlen. Ich beuge mich vor dir, dass du meine 



72 vonOefele. 

Entscheidung treffen mögest. Sprich das Urteil ! Reisse heraus meinen 
Schmerz aus meinem Leibe! Besiege alles Uebel, das in meinem Leibe 
ist!" Darauf spricht der Priester zum Kranken: „An diesem Tage 
hat sich der Gott deiner erbarmt: Er wird dich stark machen etc." 
und zur Gottheit: „Er will opfern vor dir ein Opfer. Er will dir 
bringen ein Feierkleid, Holz, Wohlgerüche, Gold etc." 

Hier sei bemerkt, dass jeder Stand besondere Götter hatte und 
ein Arzt hätte sagen müssen: „Mein Gott ist Ninip und meine Göttin 
Gula." 

Aber nicht nur abstrakte Krankheitsdämonen waren Ekimmu, 
Asakku etc., sondern auch echte Krankheitsnamen. So verenden in 
einer Ziegenherde des Inisin, Patesi von Ur, 17 Mutterziegen an 
Asakku. In der Bibliothek Assurbanipals sind aber mindestens 19 Tafel- 
stücke vorhanden, welche zu einer Serie von mindestens 11 Tafeln 
gegen Asakku gehören; hier erfahren wir auch, dass diese Krankheit 
das Abdomen schmerzend macht. Gegen das ,, Ergriffensein von Ekimmu" 
werden echte Rezepte mit Angabe der pharmazeutischen Zubereitung 
und der verordneten Art des Einnehmens vorgeschrieben, welche ähn- 
lich in einem anderen Werke gegen Kolik auf phlegmatischer Grund- 
lage empfohlen sind. Siehe Assurbanipal! 

In der Höllenfahrt wird Istar auf Befehl der Herrin der Unter- 
welt Allatu von Namtar mit einer Reihe Schmerzen bestraft, welche 
an eine Beschreibung des Denguefieber erinnern, so dass der Dämon 
Namtar wahrscheinlich eine Personifikation des Dengueflebers ist. 

Allatu besitzt in der Unterwelt auch einen Quell mit Lebens- 
wasser, welcher nicht nur alle Schmerzen beseitigt, sondern selbst Tote 
wieder lebendig macht. Schon ein Besprengen mit diesem Wasser 
genügt. Die vielfache Verwendung des Wassers, besonders heiligen 
Euphratwassers, verspricht bei weiterer Erschliessung der Texte eine 
bedeutende Rückwärtsverlängerung der Geschichte der Hydrotherapie. 

Lebensbaum und Lebenswasser befinden sich bei Aegyptern etc. 
zwischen Himmel, Erde und Unterwelt. 

Aerztestand im Zweistromlande. 

Entgegen der Ableugnung Herodots bezeugt Strabo übereinstim- 
mend mit keilinschriftlichen Belegen in historischer Zeit die Existenz 
des Arztes !{ ■-dl in Bab3^1onien und Assyrien. Ja selbst Tierärzte ^) 
Ij ^jr]\ r ^Ir^ (d. h. Arzt des Esels) mit dem besonderen Titel M u n a i s u 
werden in einer Rangliste mit anderen Aerzten und Priestern genannt. 
Auch der Arzt gehört dem Priesterstande an. Wenn hierin Babylonien 
und Assyrien übereinstimmen, so ist doch in Babylonien die Priester- 
schaft ein mächtiger Faktor im öffentlichen Leben selbst der Krone 
gegenüber, während in Assyrien sich auch die Priester unter den 
Absolutismus des Königs beugen. Bei dem Ueberwiegen assyrischer 
Quellen ist uns bisher aus der babylonischen Priesterschaft kein Aerzte- 
name ausser Luga ledin und Sadurabea überliefert, während in 
Assyrien uns durch ihre Briefe oder sonstige Leistungen mit Namen 
bekannte individuell charakterisierbare Aerzte entgegen treten. 



^) d. h. also Spezialisteutum innerhalb des Aerztestandes. Dieser Ausdruck 
geht übrigens wörtlich übersetzt als „muloniedicus" für Veterinarius nach Albrecht 
in die lateinische Sprache über. 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens nnd der mediterranen Vorarier. 73 

Die überall im Alterturae belegbare Dreiteilung der Heilkunde 
als alte Einrichtung im Zweistromlande ergiebt auch das Kolophon 
von K 191 etc., indem hier von 1. Heilungen (natürlich : der angeführten 
Rezepttherapie), 2. Verrichtungen des Herrn des Ritzmessers und 3. An- 
weisung der Beschwörer gesprochen wird. Nach Boissier bildet der 
Beschwörungsarzt als masmasu einen besonderen Stand. ^) 

Der Salbenbereiter (also Apotheker) als päsisu wird häufig er- 
wähnt. 

Babyionische Anatomie und Pliysioiogie. 

Nach uraltem oft wiederkehrendem babylonischem Typus halten 
Göttergestalten ein Gefäss, aus dem ein doppelter oder vierfacher 
Wasserstrom quillt. Die Spendung des Lebens ist hier auch religiös 
in humoralpathologischer Weise dargestellt und selbst schon die Zwei- 
teilung und Vierteilung angedeutet. Wie in Aegypten von der Lebens- 
luft, so wird darum in Babylonien vom Lebenswasser gesprochen. Im 
Tempel des Marduk befand sich ein Brunnen mit Lebenswasser (ein- 
mal Speichel des Lebens), das im heiligen Strome Euphrat geschöpft 
wurde und zwar dort, wo er ins Meer fliesst. Humoralpathologisch 
erscheint auch das, was uns die Griechen von mesopotaraischer Medizin 
unter dem späteren Namen der Perser in einer Uroskopie und einer 
Diagnostik aus dem Aderlassblute überliefert haben. 



Babyionisciie Pathologie. 

Im vorstehenden sind wiederholt die Krankheitsdämonen erwähnt. 
Es gab sogar Bilder dieser Dämonen, welche man S3^mbolisch ver- 
nichten konnte. Dabei sind diese Dämonennamen aber als echte 
Krankheitsnamen aufzufassen. Greifen wir den Ekimmu heraus ! Sein 
Name bedeutet „Weguehmer", „Räuber". In 68 — 5 — 23, 2 wird ein 
Mittel gegen das Ergreifen des Ekimmu von einem Mittel gegen den 
Ekimmu unterschieden. Ich kann darin nur den Unterschied von 
Prodromen und eigentlicher Erkrankung sehen. Mit den Prodromen 
befasst sich therapeutisch noch K 3284. K 10658 und K 13 387, mit 
Ekimmu selbst die Tafel nach K 7826, dann K 9150, K 11772 und 
Rm 2, 484. Was hiervon bekannt ist, entspricht ganz der Therapie 
von den bekannten kranken Körperteilen. So wird auch hier schon 
Ekimmu als echte Krankheitsbezeichnung wahrscheinlich. In K 4075 
werden gegen Ekimmu sogar ganze Rezepte aus mineralischen (z. B. 
Salz?) und pflanzlichen Drogen aufgeführt. Wenn dem gegenüber in 
Rm 99 Ekimmu in einem Hause herrschen kann und man seinen 
Schädigungen vorbeugen wollte, so ist dies nicht nui* auf einen Dämon 
beziehbar, sondern auch auf eine ansteckende Erkrankung. Nach 
Jeremias ist Ekimmu der spezielle Dämon für Erkrankung eines 
Körperteils, den man philologisch meist als Hüfte übersetzt hat, an 
dem aber Istar ihren Gürtel trägt und welcher auch „IMitte" gelesen 
werden kann. Danach muss der Ekimmu als Personifikation einer 
typhösen oder dysenterischen Erkrankung aufgefasst werden. 



^) Zimmern, Beiträge zur Kenntnis der babyl. Religion, konnte ich hierzu 
nicht einsehen. 



74 von Oefele. 

Wenn in gleicher Weise der Asakku das Fieber (?) in den Kopf 
bringt, der Namtaru das Leben mit einer Epidemie bedroht, der Utukku 
den Hals, der Alii die Brust, nach der Erwähnung des Ekimmu der 
Gallü die Hand und der Rabisu die Haut packt, so sind dies wohl 
ebensolche bisher noch nicht indentifizierte, als Dämonen personifizierte 
Krankheitsnamen. Es wird sich aber in der Angabe der Körperteile, 
welche ich hier nach Jeremias gab, noch manches bei genauerer Be- 
arbeitung verschieben. 

Babylonische Geburtshilfe. 

In der Etanasage ist die Geburt eines Heldenkindes unmöglich 
und es muss erst unter Schwierigkeiten nach der Geburtspflanze, 
welche im Besitze der Istar ist, getrachtet werden. Sonst ist bei Ge- 
burten Gott Nabu (Nebo) hochgeschätzt, der die Vaterschaft schenkt 
und das Leben der Neugeborenen erhält. In einem höfisch stilisierten 
Briefe wird die Entbindung als eine Erfreuung der Mutter durch die 
Göttin Tasmitu umschrieben. 



Babylonische Medikamente. 

Das Lebenswasser des Marduktempels wird auch zur Heilung von 
Krankheiten z. B. des Kopfschmerzes empfohlen. Die bei den Sumerern 
erwähnten Arzneistoife gelten auch für hier. 

Aegyptische Medizin des mittleren Reiches. 

Nach der Pyramidenzeit beginnt Ende der 11. Dynastie wieder 
eine bekanntere kulturhistorische Periode als „mittleres Eeich" be- 
nannt. 

Für Medizin und Arzneidrogenhandel wichtig ist die Wiederauf- 
nahme der Handelsbeziehungen zu dem südöstlichen Weihrauchlande 
Punt durch Sanchkare, 6. König der 11. Dynastie. 

Von der 12. Dynastie an werden Theben und Memphis von be- 
sonderen Königen unter fremden Oberkönigen in Hebron beherrscht. 
Es ist die älteste Zeit direkter medizinischer Ueberlieferungen durch 
die Funde der beiden medizinischen Kahunpapyri durch Flinders 
Petrie. 

Amenemhetl. (alle Könige der 12. Dynastie heissen Amenemhet 
und Usertesen) ordnet die Verwaltung etc. nach aufgesuchten alten 
Schriften. Auch Kunst und Wissenschaft blühen unter Benützung des 
Altertums, aber noch ohne geflissentliche Rückdatierungen. Nubien 
wird erobert und frequenter Handel mit Südarabien und Syrien ge- 
trieben. Hochentwickelte Zahnpflege, so dass in einem Massengrabe 
von Prinzessinnen kein Zahndefekt erweislich ist. ' 

Amenemhet III. bewässert das Fayum (Mörissee). Dort gründet 
Usertesen IL Kaliun (circa 2230), das circa 2100 zerstört wird. Also 
sind Veterinärpapyrus und gynäkologischer Papyrus zwischen 2230 und 
2100 niedergeschrieben. ^) April 1889 fand hier Flinders Petrie den 



^) Die Berliuer Forscher setzen hier durchweg jüngere Data. 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 75 

gynäkologischen Papyrus und November 1889 den Veterinärpapyrus. 
1897 (andere Papyri sind noch nach Jahrzehnten unveröflfentlicht) 
wurden beide Papyri durch Griffith veröffentlicht nach einem vor- 
läufigen Uebersetzungsversuch des gynäkologischen Papyrus in Me- 
dical News. 

Der Veterinärpap}' rus ist ein Unikum in jeder Beziehung. 
Format, Anordnung der Zeilen. Charakter und Richtung der Schrift- 
zeichen sind für eine Profanschrift ungewöhnlich. Derselbe ist 14,5 cm 
hoch und nach der Blattklebung mindestens 101 cm lang. Mindestens 
4 Zehntel des Beginnes sind nur in einzelnen Bruchstücken erhalten 
und auch das Hauptstück enthält mehrere Lücken. Philologische 
Details sind von Griffith bearbeitet, leider ohne medizinisch-histo- 
rischen Beirat. 

Die erhaltenen und teilweise erhaltenen Abschnitte sind 1. Lege- 
not (?) der Gans (das Haushuhn kennt der Aegypter noch nicht), 2. eine 
Fischkrankheit (?) , 3. Kolik des Rindes, 4. Dasselbeulen des Rindes, 
5. tympanitische Peritonitis des Rindes, 6. Nagana des Rindes. 

Symptome der Kolik: offenstehendes Glotzauge, Scharren, Nage- 
tiergeruch und Hundeaussehen der Exkremente. Therapie : Schröpfen 
und Bepflastern bis zum Stillstand der Füsse, eventuell Hetzen durch 
Hunde als Diaphoreticum (?). 

Symptome der Dasselbeulen: Rennen beim Fliegensummen, 
körperliches Abfallen, verborgene Körner unter der Haut. Therapie: 
detailliert beschriebene Operation. 

Symptome des Meteorismus: Triefaugen, Einfallen der Wangen, 
Rötung des Zahnfleisches und Erheben des Nackens. Therapie : lokale 
Begiessungen und Einreibungen am gefesselten Tiere, eventuell Ader- 
lass an Oberlippe und Schwanz, eventuell Glüheisen. 

Nagana teilweise zerstört, teilweise auf verlorene Kapitel ver- 
wiesen. 

Gegenüber dem teilweisen Gepräge späterer Papyri als empirisches 
Rezeptbuch gegen je ein aufgezähltes meist a capite ad calcem ge- 
ordnetes Symptom ist in diesem ältesten Texte auf den relativ höchsten 
Stand der Veterinärmedizin zu verweisen mit wohlerfasstem Symptomen- 
komplexe für eine abgeschlossene Diagnose und einer meist rationellen 
Therapie im Grenzgebiete von Chirurgie und Medizin. Die Sprache 
des Veterinärpapyrus ist wie die aller medizinischen Papyri bis zum 
Jahre 1000 altägyptisch, entspricht also der Pyramidenzeit. Aehnliche 
Veterinärtexte müssen durch den ganzen Verlauf der ägyptischen Kultui- 
benützt worden sein, da verschiedene Sätze des Veterinärpapyrus in 
fast wörtlicher Uebersetzung noch in den Geoponika byzantinischer 
Zeit erscheinen. 

Der gynäkologische Papyrus ist 100 cm lang und 32,5 cm 
breit mit 87 Zeilen in 3 Spalten. Der Anfang scheint erhalten, das 
Ende ist nicht bestimmbar. Der Erhaltungszustand ist so schlecht, 
dass mit grossen Lücken Spalte 3 aus 46 Stücken besteht. Die beiden 
ersten Spalten waren schon vor 4000 Jahren beschädigt und wurden 
durch Aufkleben kleiner Makulaturstreifen auf dem Rücken ausge- 
bessert. Auf dem Rücken, also nach der x\usbesserung und nach lang- 
jähriger Benützung, ist ein Rechnungsvermerk vom 20. Paophi des 
29. Jahres der Regierung Amenemhet IIL Der gynäkologische Text 
ist eine Kompilation aus zwei nach geographischem Ursprung und 
formaler Anordnung verschiedenen Quellen und zwar so, dass Spalte 



76 vonOefele. 

1 und 2 17 Kapitel aus der einen und Spalte 3 17 Vorschriften aus 
der anderen Quelle trägt. Die Schrift ist wie bei allen folgenden 
medizinischen Papyri bis ungefähr 1000 hieratisch (nur der be- 
sprochene Veterinärpapyrus ist hieroglyphisch). Der Inhalt ist aus- 
schliesslich gynäkologisch. Der erste Teil besitzt die Anordnung von 
Symptom, Diagnose, Therapie, der zweite Teil von Indikation (kurzes 
Eubrum) und Therapie. Unter einer Eeihe noch undeutbarer Uterus- 
erkrankungen finden sich solche, welche dem Uterus Steigen und Fallen, 
also ein Herumschweifen im Leibe zuschreiben. Die Therapie ist wie im 
Veterinärpapyrus empirisch und frei von Theurgie, hier aber meist 
pharmakotherapeutisch. Den Artikel Maspero's im Journal des savants 
über diesen Papyrus konnte ich bis jetzt nidit einsehen. 

Von einer Königin Mentuhotep (13. Dynastie) steht im Berliner 
Museum ein Toilettenkasten früher als Reiseapotheke gedeutet. Be- 
sonders für die in Aegypten allgemein gebrauchten Augenschminken 
als Präventive gegen Bindehautaifektionen ist Kosmetik und Pharmako- 
therapie untrennbar. Diese Kollyrien als gangbarster Handverkaufs- 
artikel verbreiten sich in römischer Kaiserzeit bis über Gallien. 

Trojanische Medizin. 

Dass die alte vorhippokratische Kultur im Westen nicht auf die 
Flussthäler des Zweistromlandes und des Ml beschränkt waren, er- 
weisen die Ausgrabungen Schliemanns in Ilion, welche Reste von neun 
zeitlich auf einander folgenden Städten mit verschiedener Kultur, ver- 
schiedener Wohlhabenheit und verschiedener Dauer aufdeckten. Die 
sechste Stadt von unten mit mykenischen Topfwaren ist das Troja 
der homerischen Gesänge von 1500 (??) bis 1184 (?). Im Uebergang von 
der Kupferzeit zur Eisenzeit mit den letzten Kulturresten aus der 
Steinzeit lebten die armen Nachkommen der reichen zweiten Stadt, 
welche nach langer friedlicher Entwicklung bei einer feindlichen In- 
vasion niedergebrannt wurde. Schwerter, Kleiderspangen und Lampen 
fehlen in den sechs unteren Städten. 

Auch in Europa existieren eine ältere und jüngere Kupferkultur, 
deren zeitliches Verhältnis zu den Ausgrabungen von Schliemann nicht 
feststellbar ist. Nach diesen Perioden ergeben die Belege des Bonner 
Provinzialmuseunis und anderer Sammlungen noch eine deutlich trenn- 
bare vorrömische Kulturperiode. Die ältere und jüngere Kupferzeit 
muss also ohne nähere Einordnung teilweise mit der Keilschrift- und 
Hieroglyphenkultur zusammenfallen und stellt für das Rheinland eine 
vorübergehende Höhe der Kultur dar, wie sie erst in der römischen 
Kaiserzeit wieder erreicht wurde. Der Fund einer Steinaxt, im Schulter- 
gelenk eingeklemmt, in England zeigt die Ohnmacht gegen arterielle 
Blutungen und die Unkenntnis der Wundnaht. Für parenchymatöse 
Blutentziehungen war beim Fehlen der Lampen die Applikation von 
Schröpfköpfen eine weit schwierigere als zur Zeit der römisch-grie- 
chischen Kultur.^) Nach dem Aerztesiegel des Edinmugi müssen thera- 
peutische Blutentziehungen in den fernsten Zeiten der Medizin vor- 
handen gewesen sein. 



^) Es kann zur Luftverdünnung natürlich auch eine Holzkohle oder ähnliches 
benützt werden, oder bei kalt applicierten Schröpfköpfen an einer zweiten kleineren 
Oeffnung (siehe Prosper Alpinus) die Luft ausgesogen werden. 



Yorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 77 

Die Ausgrabungen von Scliliemaun ergaben Nephrit aus Inner- 
china, Elfenbein aus Indien und Bernstein von der Nordsee in Ilion. 
Eine einheitliche Kultur ist über grosse Ländergebiete ausgebreitet 
und unterhält einen ausgedehnten internationalen Handelsverkehr, 
welch letzterer immer und überall in der Geschichte einen inter- 
nationalen Austausch von Medizinaldrogen einschliesst. Am Beginn 
aller schriftlichen Nachrichten ist die Institution der Sklaverei vor- 
handen, d. h. das Recht des Siegers den Besiegten als persönliches 
Eigentum zu behandeln und damit von Land zu Land zu verschleppen 
oder zu verkaufen. Auch dies beförderte die Internationalität natur- 
wissenschaftlicher und medizinischer Empirie, 

Reichlich sind in Ilion die Gefässfunde, welche nach ihrer ab- 
sonderlichen Formung einer rationellen Scheidekunst dienten, jeden- 
falls noch ohne scharfe Trennung pharmazeutischer, chemischer, 
metallurgischer und kulinarischer Bestimmung. Das Material der Ge- 
fasse war gebrannter Thon. Das oifene Herdfeuer dieser prähistorischen 
Zeiten erfordert dieselben Prinzipien der Formgebung, wie die der 
modernen chemischen Kochgeiässe für offene Spiritus- und Gasheizung. 
Der Boden der Kochgefässe ist konvex geformt zur Ausnützung der 
Feuerung. Deshalb erhöht auch ein Dreifuss verbunden oder getrennt 
den Stand über der Feuerung. Für langwierige Kochungen erhält 
das Kochgefäss eine cylindrische Verlängerung (modernes Prinzip des 
Rückflusskühlers). Berührung mit der Luft und den Flammen, also 
Oxydation und Ueberkochen von Flüssigkeiten ist dadurch vermieden. 
Abbiegen des Ansatzrohres (Prinzip der Glasretorte) verhindert das 
Einfallen von Russ und Asche während des Kochens und ermöglicht 
darnach bei entsprechender Haltung den Ausguss untenstehender oder 
zwischengeschichteter Flüssigkeiten, während überstehende Schlacke 
und Schaum zurückgehalten wird. Zum Schlemmen sind die Gefässe 
mit Doppelöffnungen geeignet. Verschiedene ganz flache Schalen 
dienten als Mörser und Verdampfgefasse für Verreibungen und Gold- 
und Silberabtreibung, was enthaltene Reste beweisen. Das Sieb scheint 
noch unbekannt. Dafür ist der Seiher mannigfach variiert ; z. B. wird 
er auf einer hochgestellten Mittelsäule befestigt im Ablaufgefässe ar- 
miert. 

Die Chirurgie, sicherlich nur kleine Chirurgie, wie im ältesten 
ägyptischen medizinischen Papyrus hatte kein differenziertes Instru- 
mentarium, sondern musste im Bedarfsfalle auf die Hilfsmittel des 
Alltagslebens zurückgreifen. In der ersten Stadt Hions überwiegt 
noch die Steinzeit neben Nadeln aus Knochen und Bronze. In der 
zweiten Stadt haben sich nahezu 200 Sägen aus Obsidian, Feuerstein 
oder Chalcedon gefunden. Pfriemen und Nadeln (z. B. für Schröpfen) 
sind noch aus Hörn und Knochen 

Ein Gefäss mit siebtormigem Boden und enger Halsöffnung scheint 
dem Gefässe für Inhalationen und Scheidenräucherungen zu entsprechen, 
das der gynäkologische Papyrus von Kahun, Papyrus Ebers und Hippo- 
krates erwähnen. 

Medizinisch bemerkenswert ist der doppelte Fund von Skeletten 
sechsmonatlicher Embryonen in Dreifussurnen der ersten Stadt bei 
der Leichenverbrennung für andere Tote. 



78 von Oefele. 



Papyrus Ebers. 

Der Erhaltungszustand des Papyrus Ebers ist ein ungewöhnlich 
vollständiger, während der Veterinärpapyrus und der Londoner med. 
Papyrus Birch grosse Lücken besitzen und i^r gynäkologische Papyrus 
schon im Altertume ausserdem geflickt wurde. Auch fehlen dem Papyrus 
Ebers die Spuren des fleissigen Benützens, wie sie der grössere medi- 
zinische Papyrus in Berlin trägt, von welchem die Schrift teilweise 
völlig abgegriffen ist. 

Der Papyrus Ebers ist nach Art vieler altertümlicher Hand- 
schriften als medizinischer Sammelband zu bezeichnen. Derselbe ist 
über 20 Meter lang und trägt auf der Vorderseite die Spalten I — HC 
von rechts nach links folgend. Auf der Rückseite von HC beginnt 
Spalte IC und folgen ihr wieder von rechts nach links die Spalten 
bis CX. Dann sind wieder ungefähr 83 Spalten frei und dann folgt 
eine Kalendernotiz. Vorderseite und Rückseite sind mit Ausnahme der 
Kalendernotiz von der gleichen Hand geschrieben. Die Kalendernotiz 
entspricht dem Jahre 1553, 1552, 1551 oder 1550. 

IC — CX nimmt auf die Vorderseite keine Notiz weder im Fort- 
gang noch in der Form der Kapitelüberschriften. CHI Zeile 1 — 18 
ist ein Teil der Physiologie des Adernsystems vom Gotte Anubis. 
Davon besitzen wir eine zweite Redaktion ungefähr 200 Jahre später 
im Papj'^rus Brugsch. Unvermittelt an diesen Traktat aus Letopolis 
schliesst sich CHI Zeile 19 bis CX Schluss eine thebanische Schrift 
meist chirurgischen Inhalts. Dem gegenüber steht der lange Text 
der Vorderseite, welcher aus Heliopolis und Sais stammen soll. Aber 
auch dieses Vorderteil zerfällt in mehrere Stücke sehr ungleichartigen 
Ursprungs. Diese Ungleichartigkeit zeigt sich in der Grammatik, 
insofern als zwar die Kunstsprache des mittleren Reiches benützt 
ist, aber doch schon in den einzelnen Abschnitten Uebergangsformen 
zur Konjugation der Zeit der Niederschrift sich finden, in Lexikon 
und Orthographie, insofern für unzweideutig identische Begriffe in 
verschiedenen Teilen ganz verschiedene Worte gebraucht sind oder 
wo gleiche Worte verwendet werden, diese in verschiedenen Teilen die 
Orthographie ändern und in den Aerztegöttern, insofern erst nur auf 
die Götter der Osirisfamilie , dann wieder auf die Götter des Götter- 
kreises des Sonnengottes, dann auf den spätzeitlichen Anubis und dann 
wieder auf einen spezifisch thebanischen Gott Bezug genommen wird. 

Die Vorderseite war also eine lose zusammengefügte Kompilation. 
Das lange Werk war auf Spalte CII noch nicht abgeschlossen, sondern 
setzte sich auf mindestens einem zweiten, vielleicht ebenso langem 
Papyrus fort. Ich will hier die Bestandteile und Abschnitte, wie sie 
sich im Original entweder durch neue Zeilen oder durch das aber- 
malige Wort: „Beginn", meist sogar durch beides hervorgehoben 
werden, geben: 

Abschn. 1: I, 1. bis II, 6. Einleitung. 

Abschn. 2: II, 7. bis XVI, 14. Behandlung abdomineller Er- 
krankungen meist mit Brech- und Abführmitteln. 

Abschn. 3: XVI, 15. bis XXV, 11. Eingeweidewürmer und An- 
hang. 

x4bschn. 4: XXV, 11. bis XXX, 17. Aeusserlich behandelte Rumpf- 
krankheiten. 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 79 

Abschn. 5: XXX, 18. bis XXXVI, 3. Krankheiten des Anus mit 
Anhang. 

Abschn. 6: XXXVI, 4. bis XXXXIV, 12. Krankheiten des Epi- 
gastriums. Dieser Abschnitt fällt in Sprache und Anordnung sofort 
als spätes Einschiebsel auf, erinnert aber sehr stark an die thebanische 
Schrift der Rückseite und an die ersten beiden Spalten des gynä- 
kologischen Papyrus von Kahun. Ausserdem bestehen Anklänge an 
die assyrische Serie von den abdominellen Krankheiten und an die 
griechischen Schriften der knidischen Schule. 

Abschn. 7: XXXXIV, 13. bis XXXXVI, 9. Dysenterie. 
Abschn. 8: XXXXVI, 10. bis XXXXVIII, 20. Rezepte für den 
Sonnengott (siehe oben Krankh. d. Sonnengottes), Preisung des Ricinus 
und Kopfschmerzmittel. 

Abschn. 9: XXXXVIII, 21. bis L, 21. Ascites. 
Abschn. 10: L, 21. bis LI, 14. Dyspepsie. 

Abschn. 11: LI, 15. bis LII, 22. Schleimkrankheiten des Halses (?). 
Abschn. 12: LIII, 1. bis LV, 1. Synanche. 
Abschn. 13: LV, 1. bis LV, 20. Eine Parasitenkrankheit. 
Abschn. 14: LV, 20. bis LXIII, 2. Ophthalmologie. 
Abschn. 15 : LXIII, 4. bis LXIV, 13. Beisätze von Rezepten eines 
Urma und eines Phönikers. 

Abschn. 16: LXIV, 14. bis LXV, 8. Eine Kopfkrankheit. 
Abschn. 17—19: LXV, 8. bis LXVI, 7. bis LXVII, 7. bis LX VII, 16. 
Zwei Abschnitte von den Haaren und einer von der Leber (!). Es 
folgen sich hier mehrere kleine Schriften von kosmetischem Interesse, 
darunter erscheint die Leber wahrscheinlich wegen des Ikterus. 

Abschn. 20: LXVII, 17. bis LXIX, 22. Brandwunden und Striemen. 
Abschn. 21: LXX, 1. bis LXXI, 21. Wunden. 
Abschn. 22: LXXI, 21. bis LXXII, 10. Scabies und Pediculi. 
Abschn. 23: LXXII, 10. bis LXXII, 18. Pemphigus. 
Abschn. 24: LXXII, 19. bis LXXV, 18. Dermatologie. 
Abschn. 25: LXXV, 19. bis LXXVI, 19. Accidentelle Wund- 
krankheiten (?). 

Abschn. 26: LXXVI, 19. bis LXXVIII, 3. Ulcus cruris, Po- 
dagra etc. 

Abschn. 27 : LXXVIII, 4. bis LXXIX, 5. Wundschmarotzer u. ähnl. 
Abschn. 28 : LXXIX, 5. bis LXXXV, 16. Behandlung des Röhren- 
systemes (Nerven, Adern, Sehnen und Penis). 

Abschn. 29: LXXXV, 16. bis LXXXVI, 3. Zunge (?), Uvula (?) 
oder Penis (?). 

Abschn. 30: LXXXVI, 4. bis LXXXVIll, 3. ? 
Abschn. 31 : LXX5:Vltl, 4. bis LXXXVIll, 12. ? 
Abschn. 32: LXXXVIll, 13. bis LXXXIX, 1. ? 
Abschn. 33: LXXXIX, 2. bis LXXXIX, 15. Stiche von Insekten. 
Abschn. 34: LXXXIX, 16. bis XC. 5. ? 
Abschn. 35: XC, 6. bis XC, 14. ? 
Abschn. 36: XC, 14. bis XCI, 1. Rhinologie. 
Abschn. 37: XCI, 2. bis XCII, 6. Otologie. 
Abschn. 38: XCII, 7. bis XCIII, 5. ? 
Abschn. 39: XCIII, 6. bis XCIV, 22. Gynäkologie. 
Abschn. 40: XCV, 1. bis XCV, 14. Fortsetzung der Gj'näkologie. 
Abschn. 41: XCV, 15. bis XCVII, 4. Fortsetzung der Gynä- 
kologie. 



30 vonOefele. 

Absclin. 42: XCVII, 5. bis XCVII, 12. Synusia. 

Abschn. 43: XCVII, 13. bis XCVII, 15. Pädiatrie. 

Abschn. 44: XCVII, 15. bis XCVIII, 11. Ungeziefer des Hauses. 

Abschn. 45: XCVIII, 12. bis XCVIII, 21. Kyphirezept. 

Bis dahin geht eine scheinbar nach einem einheitlichen Plane 
zusammengestellte Kompilation aus mehreren alten Schriften zum 
Zwecke eines therapeutischen Handbuches. Die meisten derselben be- 
sitzen entweder schon gemeinsamen Ursprung oder sind schon in älterer 
Zeit äusserlich einheitlich überarbeitet. Die Zusammengehörigkeit 
zeigt sich darin, dass verschiedene Rezepte und Teilrezepte bei gleicher 
oder ähnlicher Indikation in verschiedenen Abschnitten wiederholt auf- 
treten. Dies hindert aber nicht, dass unvermittelt fremdartige Stücke 
eingeschaltet wurden. 

Abschnitt 46 als Physiologie der Gefässe und Abschnitt 47, 
welchen Schäfer als Schollen zu einer Beschreibung der Peritonitis 
erwies, beschliessen ohne gegenseitige scharfe Trennung die Vorderseite. 

Der Papyrus. Ebers ist bisher und auch für die absehbare Zu- 
kunft nach den verschiedensten Richtungen die Grundlage des grössten 
Teiles unserer Kenntnisse von der altägyptischen Medizin. 

Uebersicht über die ägyptische Heilkunde. 

Mit Rücksicht auf die vielen gemeinsamen Punkte in der Medizin 
Aegyptens von den ältesten Zeiten bis zu den heutigen Tagen und 
mit Rücksicht auf eine fast gleichartige Entwicklung in den Staaten 
des . westlichen Asiens scheint eine allgemeine Uebersicht über die 
ägyptische Medizin angebracht und dieses Bild lässt sich am passendsten 
dem neuen Reiche als der Zeit des höchsten Glanzes und Einflusses 
von Aegypten einfügen, wenn auch die Medizin damals schon längst 
ihren Höhepunkt überschritten hatte. 

Die Quellen für die altägyptische Medizin sind die bisher er- 
wähnten Papyri. Ausserdem befindet sich in London ein medizinischer 
Papyrus aus der 12. Dynasie, welcher neu entdeckt wurde und soeben 
erst aufgerollt wird. Ein Londoner medizinischer Papyrus an der 
Grenze von 18. und 19. Dynastie wird gegenwärtig von W. Max 
Müller und mir zur baldigen Herausgabe vorbereitet. In Berlin 
liegen zwei medizinische Papyri, von denen einer veröffentlicht und 
einer im Druck ist. Eine Londoner medizinische Lederhandschrift, 
wahrscheinlich aus dem mittleren Reich, soll beim Aufrollen total zer- 
brochen sein. Ausserdem streifen die magischen Handschriften in 
Leyden öfters Medizin. Auch Ostraka enthalten medizinische Texte. 
Ein grosses Berliner enthält Vorschriften gegen Ulcera, ein anderes 
aus New York ist von AV. Max Müller veröffentlicht. Von medi- 
zinischen Texten, welche in Boulaq liegen, habe ich nur unbestimmte 
Nachrichten erhalten. 

In allen Produkten von Fauna und Flora war der Aegypter in 
seinem ganzen Leben und so auch in Krankheitsursachen, theoretischen 
Krankheitsansichten und Therapie haarscharf auf die fruchtbaren Ge- 
biete des Nilüberschwemmungsbettes angewiesen.^) Hier war üppige 
Fruchtbarkeit, hier ernährte der vom Nil befruchtete Boden eine dichte 



^) Hierbei ist natürlicli abgesehen von den fortwälirenden ausländischen 
Importen ans allen Weltteilen speziell auch von den Importen aus Kleinasien. 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier, gl 

Bevölkerung. Bei der haarscharfen Grenze gegen die unbewässerte 
Wüste war aber hier auch jeder Fingerbreit kulturfähiges Land zur 
Kultur ausgenützt. Es gab keine üppige freie Natur, die dem Aegypter 
die Möglichkeit eines Lebens ohne Gesetze denkbar machen konnte. 
Und selbst die Heilkräfte, welche der heutige Kultureuropäer vor- 
züglich der spontanen Flora aus Berg und Wald als Geschenke der 
freien Natur entnimmt, konnten bei dem Mangel an Wiesen und 
Wäldern im alten Aegypten nur Produkte sorgsamen Ackerbaues 
liefern. Dem Urmenschen bestand das Wesen des Lebens in der 
Atmung. \) Der Unterschied zwischen Wüste und bewässerter Nilebene 
führte als zweites Lebensprinzip die Befeuchtung ein. Aber nicht 
während der Ueberschwemmung , sondern erst nach deren Rücktritt 
erscheint die Vegetation, da sie das feste Land als Stützpunkt be- 
darf. Mikrokosmos und Makrokosmos war hier das Leben des Men- 
schen und das Leben des Nilthaies. Der Mensch wurde zur Mumie 

durch Verlust des Pneuma XZ3 und der Körperflüssigkeiten jy Wenn 

auch Aegypten noch zu den Ländern des Mittelmeergebietes gerech- 
net werden muss, so unterecheidet es sich doch von anderen Mittel- 
meerländern durch seine Zugehörigkeit zu Afrika, von dessen frucht- 
baren Gebieten es die einzige nach Norden vorgeschobene Zunge 
ist. Und dies macht sich schon in der Aetiologie der Krankheiten 
geltend. Wir von heute pflegen seit den Koch sehen Entdeckungen bei 
l)arasitären Krankheitserregern stets in erster Linie an das menschen- 
feindliche Pflanzenreich zu denken. In Afrika sind solche Feinde 
nicht sehr verbreitet und auch nicht sehr fürchterlich, wie Sons in o 
am Auftreten der Cholera in Aegypten gezeigt hat. Hier bedroht das 
Tierreich nicht nur durch Löwen, Hyänen, Schakale, Krokodile und 
giftige Schlangen, sondern auch durch Ungeziefer, Hypodermalarven, 
schmarotzende Rundwürmer, Bandwürmer, vor allem auch Distomen und 
Fieberplasmodien etc. ständig den Menschen. Und wenn hier, wo selbst 
der Blutegel als Nasenparasit sich einnisten kann, Schlangen und Würmer 
Hyj^ zum Grundsymbole aller Krankheit werden, so ist dies für 
Aegypten nicht in hölierem Masse eine Uebertreibung als die bota- 
nischen Mikroorganismismen in mancher modernen Aetiologie. Dazu 
drängte gerade die älteste schriftliche Fixierung in ihrer Unzertrenn- 
lichkeit von Gelehrsamkeit und Bildei-schrift zu einer konkreten 
Symbolisierung aller medizinischen Begriffe. Der Wortlaut vieler 
medizinischer Lehrsätze ist wohl Jahrtausende unverändert geblieben 
und dies begünstigte die Festlegung in hermetischen Büchern, 
wie sie die Griechen zu nennen beliebten. Jedes Jahrhundert dachte 
sich aber wohl oft unter dem gleichen Satze etwas anderes. Zeit- 
weise waren wohl alle Priester gleichzeitig auch in die Lehren der 
Arzneiwissenschaft eingeführt. Und zu Zeiten, in denen selbst ge- 
wöhnliche Vorarbeiter des Schreibens kundig waren, drangen Bruch- 
stücke der ärztlichen Lehren sogar relativ sehr weit in das Laien- 
publikum. So können sich selbst ausgesprochene Ansichten medi- 
zinischer Theorie in Laienpapyri widerspiegeln. Vielfach sind wir 
auch gewohnt, Sachen für medizinische Interna zu halten, die nach 
ägyptischen Begriffen gar nichts mit Medizin zu thun haben. 

^) Wie der Aegypter überhaupt als Gegner klarer Begriffsfassungen erscheint, 
so sind auch die vier Elemente in Aegypten nirgends klar ausgesprochen. 
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 6 



32 von Oefele. 

Ausserhalb der Medizin steht so vor allem die Geburtshülfe. Dies 
zeigt sich am deutlichsten darin, dass keine der medizinischen männ- 
lichen Gottheiten etwas mit der Entbindung zu thun hat, sondern 
nur der widderhörnige Gott Chnum, Die Entbindung liegt in den 
Händen einer Oberhebamme vor der Kreissenden hockend mit drei 
Hilfshebammen, zu beiden Seiten und hinter der Kreissenden, die auf 
einem Geburtsstuhl sitzt. 

Als Anhang der Medizin sind aber im Pharaonenlande sicherlich 
die Naturwissenschaften, so weit sie bekannt waren, im weitesten 
Sinne zu rechnen. Und hier brachten es die lokalen Verhältnisse mit 
sich, dass vielfach ihre Kenntnisse relativ hohe waren. Die Ver- 
wendung von einfachen Bildern von Tieren und ihren Teilen in der 
Hieroglyphik mit scharfen Speziesunterscheidungen durch wenige Um- 
risse zeigt Befähigung zur Systematik. Die Entwicklungsgeschichte 
der Koprophagen vom Ei zum Käfer, der Schmeissfliege von der Larve 
zum Insekt, des Frosches von Kaulquappe zum vierfüssigen Tiere war 
bei den dazu günstigen Verhältnissen im Nilthale in den frühesten 
Zeiten schon beobachtet worden. In der Botanik und Mineralogie 
waren die Kenntnisse entsprechend hoch. Freilich war das Eisen 
wohl nur in der Form von Meteoreisen bekannt. Daher war seine 
allgemeine Verwendung zu Instrumenten ausgeschlossen. Aber in der 
praktischen Chemie der Metalle, z. B, Blei, leisteten sie Grosses; und 
ihre farbenprächtigen Malereien, welche im Laufe der Jahrtausende 
nicht verblassten, sind mit solchen künstlich hergestellten Mineral- 
farben gemalt. Zwei Ausgangsstoffe für jede chemische Industrie 
lieferte den Aegyptern in günstigster Weise die Natur, nämlich das 
Weiche Nilwasser, das heute noch von chemischen Fabriken als natür- 
liches distilliertes Wasser verwendet wird und dann natürliche Soda 
in den Natronseen des Nordwesten. Um die ärztliche Propädeutik, 
war es also stets günstig bestellt. Es ist nur die Frage, wie weit 
die ärztliche Wissenschaft der alten Aegypter auf naturwissenschaft- 
licher Propädeutik aufgebaut war. Immer und überall tritt im Alter- 
tum die Dreiteilung des Aerztestandes in Arzt, Chirurg und Beschwörer 
auf, wobei dieselbe Person zwei und selbst alle drei dieser Heil- 
methoden in sich vereinigen kann. Häufig hat der Internist sich nicht 
die gebührende Geltung verschaffen können und selbst der Chirurg 
wurde nur zu oft von dem Beschwörer in den Hintergrund gedrängt. 
Auch im alten Pharaonenreiche schwankten die Verhältnisse hin und 
her und bei der schliesslichen Allmacht der Priesterschaft war es 
natürlich, dass Aberglauben und Suggestionstherapie siegte. Brugsch 
glaubt aus dem demotischen Papyrus von Leiden bei den Aegyptern 
die hypnotische Therapie erweisen zu können. Solche Texte sind dem 
Aegyptologen von Fach geläufiiger als die nüchternen Eezepte der 
medizinischen Papyri mit ungedeuteten termini technici. In diesem 
Sinne fürchtet Capart, dass aus meiner Darstellung der Leser den 
altägyptischen Arzt mehr den modernen Aerzten parallel setzt, als 
dies der Eindruck der Philologen ist, welche den ägyptischen Arzt 
als eine Mischung von Arzt, Priester und Zauberer nach Art des in- 
dianischen Medizinmannes betrachten. Hierbei steht aber empirisch 
auch wieder der indianische Medizinmann so hoch, dass die modernste 
Arzneitherapie Dutzende von Arzneikräutern dem Erfahrungsschatze 
dieser indianischen Medizinmänner entlehnt hat. 

Die Vereinfachung der Therapie hatte merkwürdigerweise eine Zer- 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 83 

splitterung in Spezialitäten als Augenärzte, Frauenärzte etc. im Gefolge. 
In einer Tempelpriesterschaft waren diese Spezialisten zu einem festen 
Gefüge vereint. Honorarstreitigkeiten konnten die vei-schiedenen Aerzte 
nicht entzweien. Die honorierte Praxis war in der Blütezeit des 
Reiches nur mehr gering. Die Einnahmen bestanden fast durchgehends 
aus festen Tempeleinkünften. In den ältesten Zeiten waren aller- 
dings diese priesterlichen Einkünfte nur sehr gering gewesen und 
können nur als sehr spärliche Nebeneinkünfte betrachtet werden gegen- 
über einer wirklich bezahlten Praxis. Wenn in diesen Zeiten sogar 
ein Arzt den Königsthron usurpieren kann, so muss er aus freiem 
Einkommen zu den einfluss- und einkommenreichen Personen gerechnet 
werden. In der späteren Zeit des priesterärztlichen Kastengeistes drehen 
sich die Verhältnisse gerade um. Jeder hohe Priester ist dann auch 
ein Arzt; der König ist vermöge seiner Stellung der höchste Priester 
und aus Gottesgnadentum eo ipso ein Arzt. Es sind dies die Aus- 
wüchse im königlichen Bestreben als höchster der Kriegerklasse gleich- 
zeitig auch der höchste in der Ausübung jedes einzelnen Berufes 
scheinen zu wollen. In den weiteren Konsequenzen geht aber die 
Fähigkeit zu heilen auch auf die Umgebung des Königs über, so dass 
selbst schon Homer eine ägyptische Königin als Medizinalpfuscherin 
charakterisiert (Od. 4, 221 ). 

Als die ärztliche Hilfe eine Verpflichtung der Tempelgenossen- 
schaft geworden war und gar nicht mehr oder nur minimal honoriert 
wurde, wurde sie sicherlich ausgiebig begehrt, so weit nicht die Scheu 
einer Sünde bei unnötiger Bemühung der heiligen Priester und damit 
Furcht vor Verschlimmerung der Krankheit als göttlicher Strafe be- 
stand. Aber auch schon in früheren Zeiten wurde ausgiebig der Arzt 
aufgesucht. Ein Witwer legt es seiner Verstorbenen schriftlich ins 
Grab, dass er den Oberarzt so oft geholt habe, als sie wünschte. 
Die Zahl solcher begehrter Besuche kann man sich daraus vergegen- 
wärtigen, dass selbst die ägyptischen Hebammen bei Moses die ägyp- 
tische Frau als hyperästhetisch charakterisieren und selbst schon der 
Eintritt jeder Dysmenorrhoe bei einfachen Arbeiterfrauen Männer 
und Väter zur Versäumnis eines Arbeitstages veranlasst. Der grossen 
Nachfrage nach ärztlicher Hilfe entsprach auch eine grosse Zahl that- 
sächlicher Aerzte im alten Pharaonenlande. 

Der fromme Aegypter sah seinen Lebenszweck in der Fürsorge 
für das Leben nach dem Tode und für die dereinstige Wiederbelebung 
des Fleisches. So konnte sich auch die älteste physiologische An- 
schauung vom Leben bis in den Gottesdienst hinein geltend machen. 
Der lebendige Odem (die bewegte Luft) und die strotzende Durch- 
tränkung mit Flüssigkeit waren die Grundlagen des Lebens von aussen 
her, die eingepflanzte Wärme von innen her. Der Gottesdienst in 
seiner Grundlage eine Vermischung von Ahnendienst und Naturdienst 
bietet den Göttern wie den Abgeschiedenen von alters her gute 
Luft in Form von Weihrauch und Lebenswasser in Form von Weih- 
wasser in Hieroglyphen geschrieben ^ und ^. Für den Patienten 

gilt es in gleicher Weise die gestörten Lebensbedingungen zu ver- 
bessern. 

Die vornehmsten Medikamentformen sind darum die Räucherungen 
und die Arzneitränke. Immer und überall besass der Aegypter den 
Hang zur Symbolik und natürlich musste dieser Hang grossen Ein- 

6* 



84 . von Oefele. 

fluss auf die Therapie des praktischen Arztes mit ihren vielen Ent- 
täuschungen gewinnen. 

Unüberwindliche Schwierigkeiten tauchen auf, sobald wir zu einer 
Besprechung der rein medizinischen Einzeldisziplinen übergehen. Es 
ist hier zu bedenken, dass wir eine Sprache vor uns haben, die Jahr- 
tausende tot und unverständlich war und deren Verständnis aus sich 
selbst entwickelt werden muss. Bei allen Spezialfächern geht es lang- 
sam mit dem Verständnis. Zu der Menge von anatomischen Begriffen, 
die erst bestimmt werden müssen, kommt die weitere Schwierigkeit 
einer grösseren Zahl verschiedener Bezeichnungen für denselben Körper- 
teil einerseits und anderseits der gleichlautenden Bezeichnung für ver- 
schiedene Körperteile. So wird mit gleichem Worte Magen und Herz, 
lingua und uvula, frons und umbilicus, os und vulva, Nasenmuschel und 
Ohrmuschel etc. bezeichnet. Dies darf aber nicht als Armut anato- 
mischer Begriffe aufgefasst werden; sondern im Gegenteil gerade die 
weitgell ende Differenzierung anatomischer Begriffe führt zu solchen 
Resultaten, wie uns die moderne Vieldeutigkeit von Tuba etc. wieder 
beweist. Ein Einwurf gegen die anatomischen Kenntnisse bleibt stets 
die Vernachlässigung derselben von den ägj^ptischen Malern. Dieser Ein- 
wurf schwindet aber zum guten Teil, sobald wir die plastischen Werke 
des alten Reiches neben die Malereien stellen. Der Fehler der Malerei 
beruht zum grössten Teile auf falschen gekünstelten Regeln der alt- 
ägyptischen Perspektive, welche Deutlichkeit der Lebenswahrheit vor- 
zog. Da erinnere ich mich an die Begegnung meines Lehrers der 
Anatomie in einer Münchner internationalen Kunstausstellung, der über 
die anatomischen Sünden der modernen Maler zur Zeit exakter 
anatomischer Kenntnisse bei Behandlung nackter Körper in hoch- 
gradige Erregung versetzt war. Die Sichtung der anatomischen Be- 
griffe Aegyptens befindet sich noch im Stadium philologischer Unter- 
suchung. Für näheres Studium muss auf die Speziallitteratur ver- 
wiesen werden. Umfangreich behandelt Georg Ebers in den Ab- 
handlungen der kgl. bayr. Akademie der Wissenschaften, München 
1897 und 1898, „Die Körperteile, ihre Bedeutung und Namen im Alt- 
ägyptischen".^) Bemerkenswert ist die vielfache bildliche Nomenklatur 
in der Anatomie, die ihre Ausläufer in der hippokratischen Nomen- 
klatur besitzt, z. B. wird der Brustkorb ägyptisch als Schildkröte be- 
zeichnet , worauf sich der hippokratische Ausdruck für Expektoration 
aufbaut. Eine genaue Physiologie kann ohne sicher rekonstruierte 
Anatomie auch nicht gegeben werden , obwohl die medizinischen 
Schriften der alten Aegypter von physiologischen Einstreuungen 
wimmeln. Aber das ist sicher, dass überall wieder ein priesterlicher 
Versuch zur Systematisierung der Physiologie im Einklänge mit der 
religiösen Systematisierung versucht wurde. Die fortwährende Bilanzie- 
rung der Religion zwischen Dreieinigkeiten und Viereinigkeiten und 
die Komplettierung zu Neunheiten (=3x3) blieb auch der Physiologie 
nicht erspart. Und noch in die hippokratische Medizin geht die Drei- 
heit von Blut, Schleim und Galle, die durch Spaltung der Galle Vier- 
heit wird, über. So kennt die äg5^ptische Physiologie einen Körper, 

der aus Fleisch ü^^TiT (Weichteilen) und Knochen E besteht und 

von Luftadern und Blutadern durchzogen wird. Um aber der natür- 



^) Nach W. Max Müller ist hierfür meist Briigsch die benutzte Quelle. 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 85 

liehen Einteilung in gasförmige, flüssige und feste StoflFe auch in 
anderer Weise gerecht zu werden, wird das Röhrensystem, die f=^,^) 
in Arterien, Venen und Nerven eingeteilt. Der Puls wird mit dem 
Kommen und Gehen der Nilüberschwemmung verglichen. Aehnlich 
wie für die normale objektive Pulsation drückt sich die ägyptische 
Sprache auch für die pathologische subjektive Pulsation und Fluktuation 
von Phlegmonen aus. 

Die Aetiologie der Krankheiten wird den herrschenden physio- 
logischen Anschauungen gemäss im allgemeinen als somatisch betrachtet. 
Doch scheinen die epidemischen Krankheiten als göttlichen Ursprungs 
betrachtet zu werden, wenigstens drückt sich der Sprachgebrauch in 
dieser Weise aus. Vielfach wird das Symptom für die Ki-ankheit ge- 
nommen; aber in den austührlichen Teilen gerade der ältesten, medi- 
zinischen Litteratur finden sich schon Beschreibungen gi'össerer Sym- 
ptomenkomplexe zu einer einheitlichen Diagnose zusammengefasst. 
Die Therapie wendet sich allerdings, wie auch heute noch, vorzüglich 
gegen einzelne S3'mptome. Zur Feststellung der Diagnose werden 
auch ausgiebig spezielle Untersuchungsmethoden angewendet und zwar 
vor allem Inspektion und Palpation. Die Palpation ist besonders für 
die Feststellung abdomineller Veränderungen fein ausgebildet. Diei 
grosse Zahl der Milztumoren, der Leberschwellungen etc. rechtfertigen 
das Vordrängen gerade dieser Untersuchungsmethode. Mit dem Satze : 
„das Ohr hört darunter" kann nur die Auskultation verstanden 
sein. Von der Perkussion oder anderen absichtlichen Schallerschei- 
nungen zu diagnostischen Zwecken konnte ich nichts finden. Die Auf- 
fassung der Krankheiten ist im allgemeinen eine anatomisch lokali- 
sierende und zwar noch mehr als heute. So wird Malaria primär als 
Erkrankung der Milz aufgefasst und gehört somit ebenso wie Leber- 
krankheiten etc. zu den abdominellen Erkrankungen. Das schädliche 
Uebermass in der Milz soll daher durch Vomitive Entleerung koupiert 
werden können, eine Ansicht, die bis zu Alexander von Tralles ihre 
Ausläufer treibt. Einzelne Krankheiten sind hier schwer anzuführen, 
da auch die vielen Krankheitsnamen noch nicht über philologische 
Vorarbeiten herausgekommen sind. Die Zersplitterung der ägyptischen 
Medizin in Spezialfächer war zur Zeit der griechischen Schriftsteller 
eine grosse. Aber schon in frühesten Zeiten scheinen von besonderen 
Schulen besondere Fächer besonders kultiviert worden zu sein. Denn 
die einzelnen Spezialdisziplinen, z. B. des Papyrus Ebers, sind nach 
Alter der Sprache und Lokaldialekt verschieden, können also auch 
nur von spezialistischen Aerzteindividuen abgefasst sein. Mit Namen 
und Stand traten solche wissenschaftliche Forscher nicht hervor, da 
in Aegypten nur der König oder eine priesterliche Korporation etwas 
geschichtlich Fixierbares vollbringen konnte. Dieser Mangel an histo- 
rischem Sinn für hervorragende Begebenheiten lässt uns auch jede 
Chronik und Mitteilung über grosse Epidemien vermissen. Ohne 
solche Epidemien ist aber die Einführung einer vielfach sehr detaillierten 
Hygiene der Priesterpolizei, wie sie Aegypten stets besass und wie 
sie besonders für die höheren Stände verbindlich war, nicht denkbar. 
Die Kleidung war höchst primitiv und dient mehr der Eitelkeit und 



^) Diese beiden letzten Zeichen erscheinen in der hieratischen Schrift des 
Papyrus Ebers als P xmd f^ ^ . 



gg von Oefele. 

den Standesunterschieden als dem Scliutzbedürfnis. Ein gleiches kann 
von der Wohnung vermutet werden. So bezog sich die Hygiene meist 
so weit bekannt auf Beschneidung, Bäder und Nahrung. Die Wasser- 
versorgung war stets auf den Nil angewiesen und bei dem Genüsse be- 
rauschender Getränke hörte der Aegypter nicht mehr auf die Stimme 
der Vernunft, noch weniger also auf die Hygiene. Die Fäkalien 
wurden ausserhalb der Wohnungen abgesetzt. Die Leichenbestattung 
war eine religiöse Forderung. Von der ägyptischen Chirurgie 
sind uns bis jetzt nur die Luxusleistungen der Beschneidung und 
Kastration bekannt. Die Inzisionen des Papyrus Ebers sind noch 
insofern fraglich, ob sie mit der Lanzette oder mit dem Glüheisen aus- 
geführt sind. Die Schreibung des Arztes als "^^ vereinigt^) aber 
schon das Inzisionsinstrument mit dem Medikamentenmörser und die 
Behandlung des Meteorismus beim Rinde mit dem Glüheisen, also wohl 
eine Art Pansenstich beweist auch die Vornahme gewagter Operationen. 
Ueberhaupt ist im Veterinärpapyrus zufällig die Chirurgie überwiegend, 
so dass für menschliche Chirurgie entweder noch kein einschlägiges 
Material gefunden wurde oder verkannt noch unveröffentlicht in 
Sammlungen liegt. Die Befähigung, zweckmässige Instrumente zu 
konstruieren, besassen die alten Aegypter; das beweist ihre Technik 
der Mumifizierung, von der Nase aus das Siebbein zu zerstören und 
dadurch das Hirn aus der Schädelhöhle zu entfernen, ohne die 
Konfiguration des Gesichts im mindesten zu verändern. Eine der um- 
fangreichsten und geachtetsten Spezialitäten neben der Gynäkologie 
war wohl die Augenheilkunde. Die Geschichte der Ohrenheilkunde 
interessiert ein Votivstein. -) Die konservative Zahnheilkunde ist durch 
lückenlos erhaltene Gebisse der weiblichen Mumien in ein glänzendes 
Licht gestellt. Bei Männern war der Verlust der Schneidezahnkronen 
durch Traumen unvermeidlich. Dieselben werden durch durchbohrte 
Kronen und Golddrahtgeflecht in meisterhafter Weise ersetzt, entsprechend 
dem modernen Prinzipe der Brückenarbeit. Eine Spezialität besass 
die ägyptische Medizin, die wir heute nicht mehr zur Medizin rechnen 
dürfen und das war die Kosmetik. Ihre Vereinigung mit der Medizin 
war deshalb selbstverständlich, da bei aller übrigen Differenzierung 
der medizinischen Disziplinen in sich noch keine Scheidung zwischen 
Medizin und Pharmacie eingetreten war. Wir können uns höchstens 
in den einzelnen Tempellaboratorien Aerzte vorstellen, die als Spezial- 
fach den Kollegen die Zubereitung der komplizierten Arzneien ab- 
nahmen. Dabei schwankte aber jedenfalls zwischen beiden Gruppen 
nach Bedürfnis Selbstordinieren und Selbstdispensieren hin und her 
ohne feste Grenzen. Die Pharmakotherapie war jedenfalls die stärkste 
Seite der ägyptischen Medizin. Das oberste Bestreben war es, Koupie- 
rungsmittel mit entsprechender Nachkur zu reichen. Das Koupierungs- 
mittel wurde als P^intagsmittel (Monemeron), die Nachkur als Vier- 
tagsmittel (Tetremeron) gereicht. Die ägyptische Medizin setzte diese 
Bestimmungen in den medizinischen Papyri an das Ende der Signatur 
als Ql (für Tag einen) und Q|||| (für Tag vier). ^) Dem Eintagsmittel 
lag der Gedanke zu Grunde, die Materia peccans auszuleeren. Brech- 



^) Lautlich bedeutet dies Wort, wie schon erwähnt „Salber". 
^) Deveria deutet diesen Stein in anderer Weise. 

^) Hieratisch ist dies f f | ^ Cr% geschrieben. Diese Zeichen können nicht, wie ver- 
sucht wurde „4 mal" gelesen werden. 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 87 

mittel und Abführmittel standen im Vordergrunde. Von den ersten 
sind besonders die Zubereitungen mit Kupferverbindungen und das 
Oxymel Scillae zu erwähnen. Doch auch durch Schweiss, Urin, 
Niesen. Kuctus und Flatus wurden schlechte Säfte und schlechtes 
Pneuma entfernt.^) Die" Viertagskur bekämpfte dann allgemeinere 
Symptome, wie z. B. das Fieber. Dabei wurde Feuer mit Wasser 
bekämpft, also Contraria contrariis. Dass nicht auch einzelne Mass- 
nahmen als Similia similibus gedeutet werden können, ist nicht aus- 
zuschliessen. Ein Grund, so allgemeine Grundsätze klar auszusprechen, 
lag dem ägj'ptischen Arzte sicherlich nicht nahe. Denn die Therapie war das 
Geheimnis des Aerztestandes. Immer wieder finden sich Anweisungen, 
die einzelnen gefundenen Symptome, die Untersuchungsmethoden, dann 
vor allem die Gruuddiagnose und selbst eine sehr gewagt präzise 
Prognose dem Patienten mitzuteilen. Die Therapie wurde in jeder 
Weise mit Geheimniskrämerei umhüllt. Der Grund ist durchsichtig. 
Die heute noch zugängigen wenig veränderten Ausläufer der alten 
vorhippokratischen Südseemedizin kennen keine Honorierung der ärzt- 
lichen Bemühungen. Die Einnahmequelle des Arztes liegt im Handel mit 
den nötigen Arzneistoffen. Der höchste Ruf der Geschicklichkeit ist 
also finanziell wertlos, wenn der Arzt sich nicht auch das Verkaufs- 
monopol für seine Verordnungen wahren kann. Jeder zweite und 
dritte Patient mit gleichartiger Erkrankung wird wieder zum gleichen 
Arzt durch das Geheimnis der verwendeten Stoffe gezwungen, die er 
im anderen Falle bei irgend welchem Laienkrämer viel billiger be- 
ziehen konnte. Am einträglichsten wurde das Arzneigeschäft, wenn 
man sich auf irgend welche religiöse Beziehungen berufen konnte. 
War irgend eine entzündliche oder fieberhafte Krankheit das Feuer 
des Horus, so wurde der Pflanzensaft dagegen das Wasser der Isis. 
F'ür Isis setzte man dann wieder die heilige Kuh der Isis ein. Sollte 
dann wirklich ein zweiter oder dritter Patient für sein Leiden die 
ekelhafte Mischung von Kuhspeichel und Kuhurin verwenden, so war 
ihm die Differenz gegen das erste Medikament leicht klar zu machen.^) 
Die Wissenschaft der angeblichen richtigen Zubereitung konnte damit 
als so ausschlaggebend demonstriert werden, dass den Aerzten die 
Arzneibereitung gewahrt blieb. Dieses Moment als Charakteristikum 
der hermetischen Medizin wird .noch durch den feinen Zug illustriert, 
dass ihr Schutzgott Hermes gleichzeitig der Gott der Aerzte, der Kauf- 
leute und der Diebe war. ^) Spezifisch ägyptisch ist diese hermetische 
Umnennung nicht. Im Papyrus Ebers enthalten gerade die phönikischen 
Rezepte gehäuft Blutsorten, welche ich für phönikische hermetische 
Umnennungen auffasse. Auch die medizinischen Keilschrifttexte aus 
Ninive, welche gegenwärtig Küchler bearbeitet, enthalten nach 
meiner Ansicht reichlich hermetische Geheimnamen. 



^) Diese Ausleerung der Materie peccans in flüssiger Form auf verschiedenen 
Wegen, sogar Speichel und Ohrenschmalz lehrt auch das medizinische Keilschrift- 
fragment aus Niffer in Konstantinopel. 

*) Natürlich wurden sicherlich auch bei den Aegyptern vielfach ekelhafte Stoffe 
zu Medikamenten verwendet, wie auch heute wieder Harnstoff verwendet wird. Aber 
in einem noch nicht erweislichen Prozentsatze nach meiner persönlichen Ansicht in 
der überwiegenden Zahl der Fälle handelt es sich um Umnennungen, wenn die 
ägyptischen Eezepte Stoffe heiliger Tiere enthalten. Prof. Wiedemann glaubt 
diese Umnennungen mit Unrecht auf die griechische Zeit beschränkt. 

') Und heute? 



88 vonOefele. 

In die ägyptische Arzneiverschieibung- ragt noch ein atavistisches 
duales Gewichtssystem herein, so dass sich die Drogengewichte in 
den Eezepten wie 1 : 2 : 4 : 8 : 16 : 32 : 64 verhalten. In dem Pfunde 
mit 32 Loten etc. hatte sich diese Einteilung bis in die Neuzeit er- 
halten. Im Mittelalter finden sich noch A15handlungen, welche durch 
lange theoretische Deduktionen die Notwendigkeit dieses Drogenver- 
hältnisses aus der Qualitätslehre beweisen wollen. Aus der Kenntnis 
der Qualitäten und ihrer Grade konnte der wissende Arzt die Dosis 
berechnen. Der Geist dieser Geheimnislehre weist auf hermetische 
ägyptische Medizin, und den Schlüssel dafür finden wir in ferner 
Spätzeit ausserhalb Aegyptens in der galenischen Medizin. 

18. und 19. Dynastie Aegyptens. 

Der Beginn der 18. Dynastie und damit des sogenannten neuen 
Reiches 1580 (?). Die Aegypter machen sich erst von der asiatischen 
Oberherrschaft frei, treten dann selbst erobernd in Asien auf, bringen 
Aegypten auf den höchsten Glanz, verfallen aber sehr bald zunehmen- 
dem semitischen Einflüsse. Doch schon der Papyrus Ebers war nicht 
ohne asiatische Entlehnungen. 

Nach dem Tode des Königs Thutmose I. folgten nach einander 
seine beiden gleichnamigen Söhne. Die wahre Herrscherin war deren 
Schwester, Gemahlin und Mitregentin. Nach ihrem wohl nicht sehr 
natürlichen Tode wurde sie verurteilt, nie gelebt zu haben und ihr 
Name wurde überall, doch nicht so gründlich getilgt, dass er nicht 
als Hatschepsut und Beinamen Makaiie wieder ergänzbar war. 
Sie rüstete die älteste bekannte kommerzielle Forschungsexpedition 
aus, indem sie eine Flotte nach den Küstenländern am roten Meer 
sandte, welche Weihrauch, Drogen, Naturalien und 31 lebende Weih- 
rauchbäume mit Wurzelballen nach Aegypten brachten.^) Für die Ge- 
schichte der Zoologie, Botanik, des Drogenhandels sowohl wie für 
die Ethnographie ist diese Expedition von höchster Wichtigkeit. Die 
Abbildungen befinden sich im Tempel von Deir el Bahari und sind von 
Dümichen, Mariette und Naville verölfentlicht. 

Es sind auch die übrigen Bilder dieses Tempels publiziert, darunter 
die Geburt dieser Königin. Dieselbe erfolgt auf dem Geburtsstuhle, 
mit mehrfacher Hebammenhilfe wie früher im Papyrus Westcar und 
später bei der Entbindung der Kleopatra und aus Soranus ebenfalls 
ersichtlich ist. 

Memphis und vor allem Heliopolis, die alten Schulen, werden von 
dieser Königin und der ganzen Dynastie sehr herabgedrückt und Theben 
gehoben; dies wie auch die Resultate der Expedition und andere 
Massnahmen sind der Hebung der thebanischen Aerzteschule zu gute 
gekommen. 

Als nach dieser friedlichen Expedition nach. Südost Thutmose III. 
durch glückliche Kriege im Nordosten die Grenzen seines Reiches bis 
an den Euphrat schob, so lernten die Aegypter eine Menge Drogen, 
welche bisher nur durch Zwischenhandel in Aegypten zugängig waren, 
direkt in den Produktionsländern kennen. Für eine nüchterne natur- 



^) C apart macht mich ausserdem auf den altägyptischen botanischen Garten 
von Karnak aufmerksam aus der Zeit Thutmose III. Veröffentlichung von Mariette 
und Maspero. 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 89 

wissenschaftliche Forteilt wickhing der Therapie hätte dieser Umstand 
befruchtend wdrken können. Leider wurden die Aeg-ypter aber gleich- 
zeitig bekannter mit der mystisch symbolischen Krankenbehandlung 
der mesopotamischen Priesterschaft. Und die Einführung vermehrter 
Geheimniskrämerei und vermehrten Aberglaubens in die Therapie ent- 
spracli der religiösen Ueberzeugung und dem Vorteile der allmächtigen 
oberägyptischen Priesterschaft. Wir haben aus der Folgezeit drei 
medizinische Papyri, don denen einer (Pap. Brugsch major) noch relativ 
rationell formal überall altägyptisch zu sein bestrebt ist, während die 
beiden anderen mit gesuchter Asiatenliebhaberei den thörichtsten 
Zauberspuk aufnahmen. Die übrigen oben erwähnten Papyri sind in- 
haltlich noch nicht bekannt. 

Amenhotep III. (griech. Amenophis), der Erbauer des Tempels von 
Luqsor. beherrschte das Gebiet von Nubien bis MittelsjTien. Unter 
seiner Regierung wurden gemäss der Nachricht von Lee maus nach 
einem Satze des grossen Londoner medizinischen Papyrus alte ver- 
lorene und wiedergefundene medizinische Texte revidiert und angeb- 
lich verbessert.^) Der Vergleich zwischen älterer und jüngerer ägyp- 
tischer Medizin lässt in dieser Verbesserung nur die definitiven Aus- 
lieferungen aller freien Medizin an die Priesterschaft-) speziell unter 
Oberaufsicht der thebanischen Ammonspriester vermuten! Da der grosse 
Londoner medizinische Papyrus noch in nächster Zeit herausgegeben 
wird und darum erst gegenwärtig sich in intensiver noch nicht be- 
endigter Bearbeitung befindet, muss hier auf eine nähere Analyse des 
ungemein abergläubisch beeinflussten sehr beschädigten Textes ver- 
zichtet werden. Das gleiche gilt von dem kleineren medizinischen 
Papyrus in Berlin. Dass selbst den Königen vor der beginnenden All- 
macht der Priesterschaft bange werden musste, zeigt der Sohn dieses 
Königs. 

Amenhotep IV., ein stürmischer Reformator, der Urenkel von 
Thuthmose III., nannte sich Achnaten (Glanz der Sonnenscheibe). Er 
folgte einer mächtigen Strömung unter den aufgeklärteren Kreisen 
Aegyptens. Er hob den Polytheismus und vor allem die Verehrung 
der thebanischen Götter auf und setzte unter starker Benützung des 
Dogmas der alten Sonnenstadt Heliopolis, der alten medizinischen 
Metropole, eine monotheistische Verehrung der Sonnenscheibe ein. 
Es war ein Zeitalter des Naturalismus, das selbst den Ketzerkönig an 
Stelle der kanonischen Schablone mit ausgesprochenem kachektischem 
Typus darstellte. In welcher Weise die Medizin von der freieren 
Richtung in Kunst und Wissenschaft Nutzen zog, lässt sich noch nicht 
erweisen. Nach dem Tode des Achnaten folgten sich rasch drei 
mit ihm verschwägerte Prätendenten bis zum Beginne der 19. Dy- 
nastie. Dies war der definitive Sieg der Macht der thebanischen 
Ammonspriester, welche in den Folgen ihrer äusserst energischen 
Gegenreformation der Medizin das Beschreiten nüchterner Wege für 
immer verwehrte. In der nächsten Zeit wurden zwar noch alte 
wissenschaftlich medizinische Werke abgeschrieben. 

So sehr war unter diesem Ketzerkönige schon der Einfluss Asiens 
gestiegen, dass nach neueren Brieffunden der ägyptische Hof nach 

^) Diese Anachronismen etc. des Londoner Papyrus werden W. Max Müller 
und ich bei Herausgabe dieses Papyrus besprechen. 

*) Auch schon früher waren wohl schon alle Aerzte immer Priester. Doch tritt 
die äusserliche Knebelung nicht so stark in die Erscheinung. 



90 von Oefele. 

Palästina in mesopotamischer Keilschrift und Sprache korrespondierte. 
Dies lässt auch weitgehende kulturelle und speziell medizinische Be- 
ziehungen voraussetzen. 

Die 19. Dynastie beginnt mit mächtigen kriegerischen Königen. 
Namen wie Sety I. und Ramses IL gelten noch als glänzende 
Herrscher, die den Ansturm der Völker von Nordwest und Nordost 
zurückzutreiben wissen, selbst erobernd auftreten und nach innen eine 
fieberhafte kostspielige Bauthätigkeit entwickeln. Für den Stand der 
Medizin giebt uns der Papyrus Brugsch maior einen Einblick nicht in- 
sofern, als die Abfassung der einzelnen Stücke in diese Zeit fällt, sondern 
als die erhaltene Abschrift unter der Regierung von Ramses IL genommen 
wurde. Dass natürlich zu einer Zeit priesterlicher Bevormundung nur 
altehrwürdige Texte kopiert wurden, ist selbstverständlich. Charakteri- 
stisch ist nur die Art der Auswahl und die Treue der Kopie der 
Wort- und Satzgruppen. In der Auswahl kommt der Aberglaube 
wenigstens im Verhältnis zum Papyrus Ebers doch schon in den 
Vordergrund. In der Treue der Kopie ist trotz der ungleich flüchtigeren 
Schrift gegenüber dem Papyrus Ebers doch eine möglichste Ver- 
meidung aller Wort- und Satzkürzungen erstrebt, so dass ich eine viel 
sklavischere Verehrung für den alten Text annehme als zu allen 
anderen Zeiten mit reichlichen Schreiberänderungen. Dazu trägt dieser 
Papyrus Brugsch Spuren, dass er durch häufiges Nachschlagen stark 
abgenützt wurde. Wenn dies auch nur alles zufällige Eigentümlich- 
keit des einzigen erhaltenen Exemplares eines medizinischen Buches 
jener Zeit sein können, so liegt doch die Versuchung sehr nahe, diese 
Eigentümlichkeiten zur Charakteristik jener Zeit zu verwerten. 
Darnach wäre seit der Zeit des Königs Thutmose IIL die Gelehrsam- 
keit zurückgedrängt worden und Krieger und Priester wetteifern in 
der Ausnützung der Hilfsmittel des Landes zur Hebung ihres Wohl- 
lebens. Die ärztliche Gelehrsamkeit sank zu einem abergläubischen 
ängstlichen Nachschlagen des Rezepttaschenbuches herab, da ein 
positives Wissen mangelte und kein Versehen gegenüber priester- 
polizeilich verordneter Therapie vorkommen durfte. 

Der grössere medizinische Papyrus Brugsch, zur Zeit im Berliner 
Museum, wurde von Passalacqua auf seiner ägyptischen Reise erworben 
und zuerst im Jahre 1826 beschrieben. Er wurde in der Nähe von 
Sakarah bei Memphis in einem irdenen Topfe zugleich mit einem 
zweiten Schriftstücke gefunden, beide auf die Regierungszeit Ramses IL 
datierbar. Der Anfang fehlt. Es sind 21 Spalten der Vorderseite und 
3 Spalten der Rückseite erhalten. Der Inhalt zerfällt in drei resp. 
vier Teile verschiedenen Ursprunges. Die ersten vierzehn Spalten 
gehören einem grösseren therapeutischen Handbuche an, das in anderer 
Gestalt auch in den ersten Partien des Papyrus Ebers vorliegt. Der 
zweite Teil, die übrigen sieben Spalten der Vorderseite prätendieren 
eine alte Therapie aus dem Pyramidenreiche auf Gefässsystemphysiologie 
aufgebaut darzustellen. Das traurigste Machwerk scheint den beiden 
ersten Spalten der Rückseite als Quelle gedient zu haben. Es be- 
handelt in scheinbar meist abergläubischer Anschauungsweise geburts- 
hilfliche Fragen. Die rudimentäre dritte Spalte enthält mit dem 
Schlüsse der zweiten Spalte ohrenärztliche Pharmakotherapie. 

Die Länge des ganzen Papyrus beträgt nicht ganz fünf Meter. 
Die Höhe der beschriebenen Spalten beträgt fast nur die Hälfte des 
Papyrus Ebers und der Schriften des mittleren Reiches, so dass im 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 91 

ganzen dieser zweitgrösste medizinische Papyrus an Inhalt weit 
hinter dem Papyrus Ebers zurückbleibt. 

Mykenäkultur. 

Ungefähr auf die Zeit von 1700 bis 1200 lässt sich durch Importe 
und Tributartikel in Aegypten die Mj'kenäkultur festsetzen. Dieselbe 
beherrschte mindestens den ganzen Osten der Küsten des mittel- 
ländischen Meeres. Von der Medizin dieser Kultur wissen wir nichts. 
In der Kunst tritt uns aber eine treue Wiedergabe von Tier- und 
Pflanzenformen entgegen, welche gute morphologische Beobachtungs- 
gabe zeigt. Die medizinischen ägyptischen Papyri dieser Zeit ent- 
halten viele ausländische Entlehnungen ; alle, welche davon der Myken- 
äkultur angehören, können einstweilen nicht gesammelt werden. Zu 
beachten ist aber, dass manche Lehre dieser Papyri, z. B. eine 
Schwangerschaftsdiagnose, sich bei Hippokrates wiederfindet. Wenn 
auch die Entlehnung der Griechen ei'st ein Jahrtausend später wahr- 
scheinlich erscheint, so kann doch nicht exakt widerlegt werden, ob 
nicht manches Gemeinsame der altägyptischen und der hippokratischen 
Medizin sich auf Kulturaustausche schon des regen Verkehres zwischen 
Griechenland und Aegypten zur Zeit der Mykenäkultur zurückgeführt 
werden muss. Der Papyrus Ebers erwähnt Bohnen aus Kefto d. h. 
dem Sitz der Mykenäkultur nach ägyptischer Bezeichnung. 

Cypern. 

Auf asiatischem Boden im Norden von Aegypten und im Osten 
der mesopotamischen Kultur tritt eine ganze Reihe von Kulturvölkern 
auf, welche in ihrer gegenseitigen Abgrenzung der schärfsten Kontro- 
verse unterworfen sind. Es finden sich hier Kiliker, Hettiter, Amoriter, 
Philister, Phryger, Lyder und viele andere. Durch ihre weiten See- 
fahrten und ihren Handel mit den Griechen treten besonders die 
Phöniker hervor. Von ihnen haben wir direkte Nachrichten in 
Hieroglyphen, Keilschrift und griechischen Texten, wonach sie als 
schlaue Kaufleute den Drogenhandel vermittelten und damit die Kennt- 
nis von Arzneimitteln verbreiteten. Da auf kleinasiatischem Boden 
aber auch die ersten griechischen Aerzteschulen blühten, so wäre für 
alle diese Völker eine detaillierte Behandlung geboten. Doch bevor 
nicht direkte Ausgrabungen vermehrtes Material liefern, hat ein solcher 
Versuch mehr Hypothesen als feste Ergebnisse. Am interessantesten 
ist bis jetzt die Insel Cypern. Hier haben die Ausgrabungen des Palma 
di Cesnola Weihgescheuke mit medizinischem Interesse zu Tage ge- 
fördert, z. B. eine Parturiens in hockender Stellung und eine Frau mit 
einem gynäkologischen Leiden, welche entweder eine Scheidenwaschung 
oder eine Scheidenräucheruns: vornimmt. 



Etrurien. 

Die etruskischen Funde ergeben eine hohe Vervollkommnung 
einzelner chirurgischer Techniken, wie uns solche im Zahnersatz an 
einem etrurischen Schädel erhalten ist. Hier sind die Ersatzkronen 
in vollendeter Weise durch Goldspangen und Goldnieten an den 



92 vonOefele. 

Nachbarzähnen befestigt, während ein analoger altägyptischer Fund 
eine ganz andere Befestigungstechnik mit Golddrahtgeflecht wählte. 

Zwei Fundstücke in Terracotta von Prof. Löschke in Bonn 
zeigten zuerst, dass die Etrusker eine Anatomie der menschlichen 
Eingeweide kannten und als Phantom am geöffneten Eumpfe sehr 
naturalistisch darzustellen vermochten. Von zwei ähnlichen aber nicht 
identischen Stücken italienischer Museen besitze ich die Photographie. 
xA^usserdem ist eine Nachbildung der Dünndarmschlingen in Terracotta 
vorhanden. Auch weibliche Brüste und andere äussere Körperteile 
wurden nachgebildet. Da aber die Kunde auch von diesen Stücken 
bis in die letzten Monate noch unbekannt war, so ist anzunehmen, 
dass in italienischen Museen und vielleicht auch in holländischen und 
englischen noch mehr hierher gehörige übersehene Objekte liegen. 
Von den vatikanischen Sammlungen ist ähnliches mitgeteilt, ohne dass 
ich aber Abbildungen gesehen habe. Schon das Vorhandene beweist 
einen Stand der etruskischen Anatomie höher als die spätere römische. ^) 
Einen Kulturzusammenhang mit Mesopotamien der Keilschriftzeit er- 
geben die beiden babylonischen Lebermodelle, über welche Publikationen 
von Boissier vorliegen. 

Für die übrige etruskische Medizin fehlen direkte Belege. Trotz 
der Lesbarkeit der etruskischen Schrift und trotz der unzähligen wenn 
auch kurzen Texte ist die etruskische Sprache noch nicht übersetzbar. 
Indirekte Quellen sind die römischen Schriftsteller, nach welchen wir 
uns die Etrusker als Ausbund des Aberglaubens vorzustellen hätten. 
Ob aber nicht gerade die Römer aus dem etruskischen Erbe das 
Talmi des Aberglaubens auswählten und das echte Gold positiver 
Wissenschaft verschmähten, muss mindestens als sehr wahrscheinlich 
erscheinen. 

Nach den Berichten des Dioskurides spielen im Arzneischatze der 
Etrusker Asarum, Anagallis, Weissdorn, Parthenium und Lappa minor 
eine Rolle, was um so mehr zu glauben ist, als dies heimische Pflanzen 
der nordmediterranen Flora sind. Die angegebenen angeblichen etrus- 
kischen Namen sind so gut lateinisch, dass höchstens der Ausweg 
bleibt anzunehmen, eine ganze Reihe lateinischer naturwissenschaft- 
licher Bezeichnungen sei etruskische Entlehnung. 

Medizin Westasiens zur Zeit von Amenophis III. u. IV. 

Moses ist nach biblischem Berichte Gründer der israelitischen 
Religion und des israelitischen Staates in Palästina. Gegen Ende der 
18. Dynastie (nach 1400) gehört Palästina noch den vorisraelitischen 
Völkern, welche noch zu Davids Zeiten mit und unter den Israeliten 
das Land bewohnen. Die wechselnden Redensarten vom Leben und 
anderen medizinischen Dingen in der Sprache der Bibel spiegeln die 
vorisraelitischen medizinischen Anschauungen in Palästina wieder. Die 
Textkritik schälte besonders aus den ersten Büchern der Bibel nach 
Sprache und anderen Kriterien Stücke aus, welche die schliessliche 
Redaktion als ältere Stilisierungen schon vorfand und einfügte. Diese 
Quellschriften besitzen örtlich und zeitlich getrennte Entstehung. 

Der judäische Jahwist spiegelt pneumatische Physiologie. Der 
Körper besteht aus Hartteilen, Weichteilen (Flüssigkeiten) und Luft. 



Seit Ablieferung des Manuskriptes hat Stieda hierüber publiziert. 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 93 

Die letztere ist das Belebende. Die einzelnen Mitglieder einer Familie 
sind durch (Bein und) Fleisch, also durch die unbelebten Teile ver- 
wandt. Der Jahwist hält medizinisch das Versehen der Schwangeren 
für möglich. Medizinisch und hygienisch werden Räuchermittel und 
Wohlgerüche hochgeschätzt und zwar gerade der Handel dieser Stoffe 
nach dem pneumatischen Aegypten betont. 

Der Elohist aus dem nördlichen Reiche lehnt sich hämatischer 
Anschauung der Redensarten an das geographisch nähere Mesopotamien. 
Mord ist hier überall gleich Blutvergiessen. Nicht nur dieses, sondern 
auch der Genuss des Tierblutes oder noch Blut haltenden Fleisches 
ist verboten. Bei der Wichtigkeit der Körpei'flüssigkeiten für das 
Leben wird dem Besitze und der Besprechung von Brunnen grosse 
Wichtigkeit beigemessen. Beim Opfer wird das Vergiessen des Blutes 
betont (gegenüber der Verbrennung beim Pneumatiker). Als wichtigster 
Ausfluss des reinen ungetrübten Blutlebens erscheinen die Träume, 
welche wiederholt entscheidend in das reale Leben eingreifen. 

Während Jahwist und Elohist neben der theologischen und histo- 
rischen Schilung auch sonst belegbare in Denken und Sprache reflek- 
tierte medizinische Schulung erkennen lassen, fehlt dies meist im 
Priestercodex. Ausser der Bewegung als Grundlage des Lebens kommen 
mehrfach hämatisch pneumatische Vermittelungsvorstellungen vor. Wo 
der Priestercodex auf alte Gesetze und ähnliches zu sprechen kommt, 
treten meist hämatische Vorstellungen in den Vordergrund. Im Ganzen 
entspricht dieses Schwanken des Priestercodex einer Unkenntnis der 
Medizin. Der reine Theokratismus betrachtet ja die Medizin als un- 
berechtigten Versuch in das Walten Gottes einzugreifen. Charakteri- 
siert wird die Richtung durch die Legende, dass Salomo eine pflanz- 
liche Pharmakologie geschrieben habe, dass aber die spätere Priester- 
schaft diese unnötigen und schädlichen Bücher habe verbrennen lassen. 

Palästina ist also in vorisraelitischer Zeit politisch und medizinisch 
zwischen den beiden grossen Flussthälern in kleine Pufferstaaten zer- 
splittert. Eine kulturelle Einigung versuchte Aegypten selbst zur Zeit 
seiner unbestrittenen politischen Vorhen*schaft so wenig zu erzwingen, 
dass Amenophis III. und Amenophis IV. mit diesen Duodezvasallen in 
ausländischen Sprachen, ausländischer Schrift, auf ausländischem Schreib- 
materiale korrespondierten. 

Wie aber alle diese Kulturelemente Vorderasiens der Amarnazeit 
mehr vom Zweistromlande beeinflusst sind als von Aegypten, so ist 
auch die Medizin mit den hygienisch theologischen Speisegesetzen ab- 
gesehen vom Jahwisten dem Zweistromlande entsprechend hämatisch. 

Aegyptische Medizin der Zeit demotischer Schrift. 

Die demotischen medizinischen Reste sind einstweilen nicht spezieller 
als in das letzte vorchristliche Jahrtausend (?) zu datieren. Von den alten 
Resten sind jene des Museums in Leiden^) durch die Publikation von 
Leemans zugängig. Neben Mitteln z. B. für Blutungen oder Fuss- 
luxationen überwiegt der Liebeszauber, um eine Frau in einen Mann 
verliebt oder ihrem Ehemann geneigt oder begattungslüstern zu 
machen. Die Form der Rezepte und die verwendeten Drogen sowie 
die termini technici entsprechen auch in dei\ demotischen Belegen der 

*) Auch London ed. Hess. 



94 • ven Oefele. 

altägyptischen Medizin, nur dass die Eezepte nach Geschmack und 
Bedürfnis jener Zeit gesichtet und kompiliert sind. Vor allem findet 
sich auch die hermetische Umnennung der Drogen als Tierblut und 
ähnliches. Das AVuchern des Aberglaubens zeigt sich besonders in 
dieser Periode. Einerseits wird durch Tagewählerei und Omenbeachtung 
eine präservative Gesundheitserhaltung erstrebt ; andererseits führt die 
Abhängigkeit der menschlichen Gesundheit von mystischen überirdischen 
Einflüssen zu einem der Medizin verderblichen Fatalismus. Die demo- 
tische Zeit erscheint darum als das tiefste Niveau, das ägyptische 
AVissenschaft erreicht hat. Nach Wiedemann ersehen wir aus dem 
Romane des Setna, des Sohnes von Ramses II., aber auch aus genug 
anderen Texten, dass der Aegypter dem in bestimmter Form ausge- 
sprochenen Worte eine hohe magische Bedeutung beilegte und durch 
Recitation einer Formel unter anderem Krankheiten und Schlangen- 
bisse heilen wollte. Dieser Roman ist auch erst für die demotische 
Zeit illustrativ. Brugsch erklärt therapeutische Massnahmen als Hyp- 
notismus. 

Die oben erwähnten demotischen medizinischen Texte, welche 
neuerlich Thompson bearbeiten will, entstammen als Manuskript nach 
W. Max Müller der Zeit von circa 200 n. Chr. und sind nach 
Müller unverkennbar nach griechischen Vorlagen in ägyptische 
Sprache übersetzt. Dieselben wären somit erst nach der ptolemäischen 
Zeit zu besprechen. Für 700 v. Chr. bis 200 n. Chr. würden somit 
abgesehen von den kosmetischen Tempelrezepten direkte Belege fehlen. 

Assyrische Medizin. 

Unter Adad-nirari III. (812 — 783) und seiner Mutter oder Frau 
Sammuramat (Semiramis), einer babylonischen Prinzessin, wird der 
Dienst des babylonischen Gottes Nabu 787 in Assyrien eingeführt, in- 
dem ihm in Kalah ein Tempel Ezida errichtet wurde. Dieses Ereignis 
scheint auch der gleichzeitigen Importation babylonischer Priester^ 
medizin nach Assyrien als Stützpunkt gedient zu haben. 

Für die Stellung der Aerzte in Assyrien sei angeführt, dass unter 
der Regierung des Königs Sargon (722 — 705) von Istarduri unter 
Bedeckung eines Boten mit einem Begleitschreiben (K 504) zwei 
assyrische Aerzte Nabusumidina und Nabuerba zum persönlichen Er- 
scheinen vor dem König gesandt werden, ohne dass sie (wie ausdrück- 
lich mitgeteilt wird) vorher Aufschluss über Grund dieser Deportation 
erhalten haben. Das hohe Militär war also rücksichtslos gegen den 
gelehrten Beruf 

Die Inspektion bei im Felde erkrankten Militärs macht ein höherer 
Offizier, z. B. Adadsumusur, giebt darüber Bericht an die Hof- 
kanzlei und vertügt über das vorhandene Pflegepersonal. In der 
gleichen Zeit d. h. der Regierung von Asarhaddon von Assyrien (681 
bis 668) sind vier Briefe des Arztes Aradnanä und ein Brief des 
Arztes Bäni erhalten. Aradnanä scheint Hofarzt bei Asarhaddon ge- 
wesen zu sein, welcher sich bei seiner bevorzugten Stellung Unkolle- 
gialitäten gegen weniger titulierte Kollegen ganz nach moderner Art 
erlaubte. 

Aradnanä erklärt in einem Berichte (K 532) den Gesundheits- 
zustand des Königssohns Asurmukinpalea für befriedigend. In einem 
anderen Briefe (K 576) rät er dem Könige präservative Einreibungen, 



Vorhippokratische Medizin "Westasiens, Aegyptens nnd der mediterranen Vorarier. 95 

Wassertriuken und häufiges Händewaschen. In einem dritten Briefe 
(S 1064) berichtet er von dem unerwartet günstigen Heilungsverlauf 
einer Augenwunde (vielleicht nach einem absichtlichen Blendungs- 
versuche). In einem vierten Briefe (K 519) erklärt er den Verband 
eines Kollegen für kunstwidrig und bietet seine bessere (!) Hilfe an. 

In gleicher Zeit greift aber die Priesterschaft in den ärztlichen 
Beruf ein. Eine Reise des obigen kränklichen Asurmukinpalea begut- 
achten zwei Astrologen (K 565). In die Heilung des Königs selbst 
(K 1024) mischt sich der Priester Aradea, der als Wille der Gottheit 
die Heilung des Königs und noch manches Regierungsjahr verheisst. 
Schoenanthus, wohlriechende Hölzer und ähnliche Drogen sind darum 
nicht nur fiir medizinische, sondern noch viel hervorragender für 
Kultuszwecke verwendet, so dass ebenso wie in ägyptischer Ptolemäer- 
zeit Opferliste und Apothekerinventar mehr und mehr in einander 
verschwimmen. 

Arzt Bäni hatte über den Patienten Nabunadinsum eine günstige 
Prognose eingesandt und musste dieselbe auf Anforderung der Hof- 
kanzlei mit Gründen belegen. 

Der Arzt Ikisaaplu war dem erkrankten Feldherrn Kudurru in 
Erech auf Befehl des Königs zugewiesen worden (K 81). 

Assurbanipal (668—626), der Sardanapal der Griechen, bevorzugte 
Niniveh als Residenz, begründete dort eine Hochschule und legte eine 
Bibliothek an. Die grösste ausgegrabene assyrische Bibliothek ist jene 
von Niniveh, welche sich als ,,Kouyunjik Collection" im britischen 
Museum in London befindet. Dieselbe ist in fünf mächtigen Bänden 
von Prof. C. Bezold in Heidelberg katalogisiert. 

Viel inhaltreicher sind aber noch die in letzter Zeit ausgegrabenen 
(Bibliotheken (?) und) Archive babylonischer Städte. Doch sind diese 
weder ausführlich katalogisiert noch sonst für die Geschichte der 
Medizin zugänglich, so dass einstweilen für die älteste Geschichte der 
Medizin in Mesopotamien fast alle Aufschlüsse aus der Bibliothek von 
Niniveh zu holen sind. 

Medizin, Naturwissenschaften und naturwissenschaftlicher Aber- 
glaube umfassen über tausend Tafelfragmente und schon die thera- 
peutischen Texte sind über 400 Stücke. Davon sind bis heute noch 
kein halbes Dutzend im Jahre 1885 von Sayce in vorläufiger Form 
herausgegeben und neuerlich wieder mit neuen Stücken durch Küchler 
von den Originalen kopiert und neu bearbeitet im Erscheinen begriffen. 

Seh eil in Paris hat im Jahre 1900 einige Proben eines medizi- 
nischen Keilschriftwerkes gelegentlich veröffentlicht. Das Original liegt 
im Konstantinopeler Museum (N. 583) und stammt aus Niffer. 

Für den Umfang der medizinischen Texte diene als Anhaltspunkt, 
dass z. B. K 191 ursprünglich auf Vorderseite und Rückseite je 4 Spalten 
mit je ca. 70 Zeilen Text besass, wobei eine Durchschnittszeile in der 
Uebersetzung mehr als eine Zeile dieses Buches umfasst, so dass dies 
Dreitafel werk .allein schon ungefähr zwei Druckbogen dieses Buches 
entspräche. 

Die Medizin und Naturwissenschaft atmen den Geist direkter 
Naturbeobachtung. Dabei ist aber das ,,post hoc ergo propter hoc" 
kritiklos selbst wieder vom Mikrokosmos auf den Makrokosmos und 
umgekehrt übertragen. Der Aberglaube von heute bringt noch die 
Begegnung von Schafen, Schweinen etc. mit Prognosen von Ereignissen 
in Zusammenhang. Dergleichen, sowie astrologische Beobachtung, aber 



96 von Oefele. 

auch teilweise berechtigte meteorologische Verhältnisse werden für 
Gesundheit, Krankheit und Tod verantwortlich gemacht. Andererseits 
wird auch wieder in berechtigter Weise die Physiognomie der Menschen 
für zu erwartende Charkterausflüsse und Ereignisse verwendet, aber 
auch wieder die Geburt von Missbildungen zu Prophezeiungen für 
König und Reich verwertet. Wahrsagerei, Astronomie, Naturwissen- 
schaft und Medizin war deshalb nicht völlig getrennt. In einer 
Bibliothek, in der nur Stücke von Schriftwerken enthalten sind, deren 
Katalogisierung erst 1899 nach mindestens zwölfjähriger Arbeit beendet 
war, können wir natürlich diese Disziplinen auch nicht trennen, am 
w^enigsten heute schon. 

Ein prognostisch-medizinisches Werk scheint das 19-Tafelwerk 
„Wenn ein Beschwörungsarzt in das Haus seines Patienten geht". 
Nach Bezold handelt es sich um Zufälle, welche einem Patienten be- 
vorstehen und zwar sind diese Voraussagungen aus Beobachtungen an 
den Körperteilen des Patienten selbst gezogen. Das Werk gliedert 
sich nach den assyrischen Bibliotheksvermerken in 2 Tafeln Ein- 
leitung, 12 Tafeln der ersten Unterserie „Wenn der Sitz des Zahnes 
eines Kranken eitert" und 5 Tafeln der zweiten ünterserie „Wenn 
einer am ersten Tage krank ist". 

Von der Einleitung ist nichts rekognosziert als die Anfangsworte, 
welche an den Beginn der Methodik des hippokratischen 7ieql itad-Cov 
erinnern. Die dritte Tafel beginnt mit Beobachtung der Sprache (?) 
oder des Gesichtsausdruckes (?) bei der Uebernahme des Kranken. 
Die 4. Tafel bespricht die Stirne (K 2723 -fK 3872 -fK 4051, K 3872), 
die 5. Tafel das rechte Auge, die 6. Tafel das linke Auge (K 12539 
+ K 12897), die 7. Tafel die Zunge (K 2949 + K 12856, K 2952 -f 
K 3678), die 8. Tafel das rechte Ohr (K 4080 -f Sm 552), die 9. Tafel 
die beiden Augen (?) (K 261), die 10. Tafel den Hals (K 3987 + Sm 
951), die 11. Tafel die ausgestreckte rechte Hand, die 12. oder 13. 
Tafel (K 8793) die Brust, die 14. (?) Tafel den Fuss (Sm 872). 

Die 15. Tafel beginnt „Wenn einer am ersten Tage krank ist". 

Auch in den rein therapeutischen Texten spielt dTe Prognose eine 
grosse Rolle, so dass fast jedem Rezepte die Verheissung angefügt wird: 
„so wdrd er genesen". Auch im offiziellen Krankenbericht ist die 
Prognose scheinbar die Hauptsache. 

Die Wissenschaft der Assyrer macht in allen Gebieten den Ein- 
druck der Pedanterie und Haarspalterei. Dem entspricht in dem 
Buche „Wenn ein Beschwörer in das Haus seines Patienten geht" die 
Reihenfolge der Körperteile von oben nach unten. Auch wo wir keine 
direkten Beweise durch Auffindung der Serienbezeichnung haben, wird 
die Annahme dieser Reihenfolge wahrscheinlich. 

Im Katalog Bezold fand ich bis jetzt 281 Tafelfragmente verzeich- 
net, von denen bis jetzt nichts weiter gesagt werden kann, als dass 
sie therapeutischen Inhalts sind. Ob hierin ein grosses systematisches 
therapeutisches Werk von vielen Tafeln verborgen liegt, muss erst 
die Zukunft lehren. Wahrscheinlich ist dies nicht, da die Tafeln be- 
kannten Inhaltes zu kleineren Serien gehören. Diese Serien machen 
den Eindruck von Spezialabschriften, z. B. der Abdominalerkrankungen. 
Dabei werden die einzelnen Krankheitsgattungen durch kurze Be- 
schreibungen in eine grosse Reihe von Unterarten zerteilt und jeder 
eine Reihe von Rezepten, Beschwörungen und anderen Vorschriften 
und vor allem auch eine Prognose quoad exitum beigefügt. Es ist 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegj'ptens und der mediterranen Yorarier. 97 

dies eine Anordnung, wie sie ägyptisch der Papyrus Ebers, PapjTus 
Brugsch und mittelalterlich die lateinischen, deutschen, englischen etc. 
Practica besitzen. Dabei sind sie weder rein ideographisch noch 
syllabisch geschrieben. Es giebt allerdings auch andere ähnlich ge- 
schriebene Texte z.B. historische; diese sind nur viel übersichtlicher, 
und die modernen Forscher sind über den dortigen Sprachschatz durch 
viele Parallelen und Varianten besser unterrichtet. In den medizinischen 
Texten ergiebt diese Art Schreibung viele Schwierigkeiten für die 
Lesung. 

Originalwerke enthielt die Bibliothek von Niniveh kaum. Die 
medizinische Tafel 82 — 5 — 22, 544 bezeichnet sich als Kopie. Im 
höchsten Falle liegen uns für Niniveh angefertigte Kompilationen aus 
älteren Werken vor, eine Deutung, welche der Bibliotheksvermerk 
auch zulässt. Vereinzelte Stücke z. B. des Werkes „Wenn eine Frau" 
sind in Duplikaten erhalten, welche Auszüge aus dem Texte von drei 
bis vier Tafeln auf eine Tafel vereinigten. Ob dabei die Abschreiber 
mit übergrosser Gewissenhaftigkeit arbeiteten, lässt sich nicht be- 
haupten. In 10 medizinischen Tafeln habe ich den Vermerk von inter- 
linearen Schreiberglossen gefunden. 

Zwei näher kontrollierbare medizinische Serien der Bibliothek 
von Niniveh weisen alle jene Charakteristika auf, welche in der hippo- 
kratischen Medizin der knidischen Schule zugeschrieben werden. Die 
Schule von Niniveh steht also mit den Lehren der knidischen Schule 
in enger genetischer Beziehung. 

Mit der Therapie einer Erkrankung des Kopfes befassten sich 
die Texte K 8074, K 10562, K 10926, K 13502 u. K 13505. mit 
Augenerkrankungen K 4170, K 5906. K 6773, K 6974. K 7241, K 
8349, K 8832, K 9247, K 9503, K 9555, K 10495, K 11568, K 11803, 
K 13393, 79 — 7—8, 163. Einzelne Sj'mptome von Augenerkrankuugen : 
K 7055 u. K 10625 (Lichtscheue etc.). Eine rationelle Therapie da- 
für ergiebt K 2500, während K 10892 Ceremonien vor einer Stier- 
gottheit und K 2573, K 2970 und K 5000 Beschwörungen vorschreiben. 
Aber nicht nur in diesen vielen Spezialtexten war die Ophthalmologie 
niedergelegt. Wohl ein kleines Rezepttaschenbuch stellt K 10639 
dar, wo auf ein Augenrezept sofort eines für die beiden Seiten folgt. 
Dyspnoe als Erkrankung von Mund und Nase besprechen K 8089, 
K 9072, K 10733, K 13388, K 13831. Von auffallender Häufigkeit 
ist es, dass drei Fragmente Leiden der Lippen aufführen: K 6773, 
K 9438 und Em 2, 143. Es werden aber auch in 81—2—4, 199 und 
82 — 3 — 23, 56 Mund und Lippen des Neugeborenen besonders beachtet 
und werden die Schneckenlippe, die Wildschweinlippe und andere als 
Geburtsanomalien aufgeführt. Mit der Zunge des Patienten beschäftigen 
sich K 2441. K 6488, K 6586 und K 9438, mit Länge und Zustand 
der Zunge des Neugeborenen Sm 1906. Für Zahnschmerzen gab es 
nach K 2439 eine besondere Serie, also ein Spezialwerk. K 2849 
berichtet von Beschwörungsformeln gegen Zahnschmerz, während in 
81 — 2—4, 418 dagegen Kaurezepte empfohlen werden. Zur Zahnheil- 
kunde gehört auch der Text K 10 834. Nasenerkrankungen dj'spnoischen 
Charakters enthalten K 9528, K 12 272 und K 13971. Mit der Nase 
des Neugeborenen soll sich angeblich K 13 959 befassen, wenn es sich 
nicht nach meiner Ansicht um die Nabelschnur handelt. Ohrenheil- 

Haudbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 7 



98 von Oefele. 

kimdei) betreffen K 10498, K 10 767, K 11027, K 11788, K 13492, 
Sm 379. Ein Abschnitt für eine Erkrankung im Innern der Ohren 
und ein Abschnitt für das rechte Ohr steht auf K 6661. Danach 
muss wohl hier in Assyrien den beiden Ohren ebenso eine verschiedene 
Funktion zugeschrieben sein wie im Papyrus Ebers auf ägyptischem 
Boden. Die Otitis media acuta als „Feuer im Herzen des Ohres" 
erwähnt K 10 453. Prognostisch mit den Händen befasst sich K 1562, 
therapeutisch mit Händen und Füssen K 9156. Die Therapie von 
Erkrankungen der Fingernägel und Finger behandelt K 10464; darunter 
wird Panaritium als „schmerzhafte Fülle" (murus kabarti) auf- 
geführt. Phthisis pulmonum (?) als Eiter aus dem Innern der Lungen (?) 
wird K 11 582, Pneumonie (?) K 2590, K 6825 u. K 13 423 behandelt. 
Das Epigastrium wird in K 2614, K 7824 und 81—7—27, 57 erwähnt. 
Mit Magenschmerz beginnt K 71 b. Das Abdomen behandelt K 13 738 etc., 
Darmerkrankungen K 11622 etc. etc. 

Seit Bartels murusqaqqadi (wörtlich : Sc hmerzdes Kopfes) 
und dessen Synonym te'u als Erysipel (!) gedeutet hat, liegt bei den 
Keilschriftforschern neben Lues und Lepra, welche aus Kontro- 
versen über das Gesetz Mosis philologisches Gemeingut geworden sind, 
und neben der Pest, die sich als rettendes Wort einstellt, wo Be- 
griffe fehlen, eine allzugrosse Vorliebe vor, überall eine dieser 4 Diagnosen 
aufzustellen. Es muss gewarnt werden in der Kultur des Zweistrom- 
landes in höherem Masse, als es Altgriechenland besass, scharf um- 
schriebene Krankheitstj'pen im Rahmen moderner Terminologie finden 
zu wollen. Gerade die erhöhte Schwierigkeit der Selbstlesung gegen- 
über griechischen, indischen, hebräischen und selbst ägyptischen Texten 
lässt Philologen und Medicohistoriker sich dabei gegenseitig in Fehler 
hineintreiben, deren Korrektur nachträglich fast unmöglich wird. Es 
bedarf noch Jahrzehnte angestrengter Zusammenarbeit von Philologen 
und Medizinern, bis eine Klärung möglich ist. Selbst in den nichtmedi- 
zinischen Texten der Beschwörungs- und Gebetsformeln finden sich 
viele ungedeutete Krankheits- und Symptomennamen. 

Eine der gefürchtetsten Epidemien ist m u t ä n u (wörtlich : Todes- 
krankheit). Sie herrscht in den Jahren 803, 765 und 759 nach den 
Eponymenlisten in Assyrien. Ihr Vorläufer ist ein böser verheerender 
Wind. Sie kann entsprechend dem hippokratischen tvcpoi und dem 
ägyptischen äaä als Zusammenfassung dysenterischer Erkrankungen 
und ähnlichem betrachtet werden. Eine andere keilschriftliche Kranken- 
beschreibung hat Jensen auf Wassersucht bezogen 

In einer synchronistischen Tafel werden verschiedene Todes- 
ursachen von Königen, darunter Apoplexie des Minanu, König von 
Elam, mit Sprachstörungen erwähnt. Phlegmone (mursu) und Car- 
cinom (machsu) der Brust werden in Laientexten unterschieden. 

In den Texten Küchlers handelt es sich hauptsächlich um Leib- 
schneiden und andere Erkrankungen, welche auf abdominelle Organe be- 
zogen werden können. Als Krankheitsgrundlagen lassen sich Schleim, 
Galle und Wind erkennen. 

Von gynäkologischen Erkrankungen erfahren wir von Phlegmone 
der Mamma und Carcinom der Mamma (K 156), an welch letzterem 
ein Todesfall der Amme erwähnt wird. 



^) Auch K 4023, wo es sich aber wohl um äussere Verletzungen, Schlag etc. 
handelt. 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 99 

Bezeichnend fiir diese Kulturen des abgeschlossenen Harems ist 
ein offizieller brieflicher Bericht an den König-, dass eine Haremsdame 
an Verstopfung leidet, mit der Anfrage, ob ein Arzt, wie es scheint 
zum Setzen eines Klystiers, gerufen werden soll. 

Eine Eeihe von Texten (K 4570, K 4575, K 6611, K 6663, K 6673) 
sprechen von üblen oder günstigen Folgen wie Süssigkeit des Herzens, 
Freilassen seines Verderbens etc. nach dem Genüsse verschiedener 
Arten tierischer Nahrung, Vögel, Pflanzen, Baumfrüchten, Hölzern etc. 
Ob dies als Pharmakologie oder als Wahrsagetext aufzufassen ist, kann 
bei der Undeutbarkeit der Realien einstweilen nicht entschieden 
werden. 

Andere Texte befassen sich mit prophj^laktischen Vorschriften für 
Eeisen und andere Gelegenheiten. 

Für die Therapie wurde der Dienst bestimmter Götter vorge- 
schrieben, deren zu diesem Zwecke K 9250 mit Gott Marduk beginnend 
und mit Göttin Gula endigend sieben (!) aufzählt. 

Im übrigen musste von mir an vielen Stellen schon die theurgische 
Therapie erwähnt werden. 

Beachtenswert ist auch die Tagewählerei für Ceremonien zur Be- 
handlung chronischer Leiden. So sollen Leute mit Kolikanfällen (K 191) 
am Tage des Anfalles eine Wallfahrt zu Schiff unter Benutzung einer 
speziellen Gebetsformel unternehmen. Die Ueberschrift dieses Kranken- 
gebetes als siptu bit nuru findet sich ausser in diesem Londoner 
medizinischen Texte auch in dem Konstantinopeler Fragmente. 

Auch für die Phannakotherapie wurden Pflanzen und Mineralien 
noch magisch vorbereitet (K 4609 b etc.). Im allgemeinen giebt der 
Prolog des Konstantinopeler medizinischen Textes hier Einblick. Trotz 
der Verstümmelung ist in diesem einleitenden Gebete des Hauses des 
Lichtes (siptu bit nuru) zu erkennen, dass die Krankheit als Folge 
einer Materia peccans aufgefasst wird und als Gift im Körper des 
Menschen sich befindet. Dieses Gift soll in der Therapie sich in un- 
schädliche Körperprodukte verwandeln, wie die Milch der Brust, den 
Schweiss der Seite und den Urin der Blase (?). Und in dieser Form 
soll die Materia peccans als Urin, Milch, Nasenschleim und Ohren- 
schmalz den Körper des Patienten verlassen. 

An der Grenze von Aberglauben und Empirie steht auch die Ver- 
wendung früherer Medikamente in späterer Zeit als Amulette. So 
werden nach Dioskurides und Keilschriftbelegen in AssjTien Siegel- 
cylinder aus Bandjaspis als geburtsförderndes Amulett an die Schenkel 
gebunden. 

Babylonisch-assyrische Pharmakotherapie. 

Innerlich Kräuter, äusserlich Salben scheinen die Grundlage der 
keilschriftlichen Pharmakotherapie (IV. R. 57,7 b). „Kräuter und Salben 
(napsastu), die dii' verordnet sind, sollen tilgen dein Weh." Der 
Salbenmacher (pasisu), eine häufig erwähnte Person, ist damit teil- 
weise der keilschriftliche Vorläufer des modernen Apothekers. Die 
Salben, Pasten oder Fettschminken benützt das ganze Altertum und 
so auch die Keilschriftkultur als Medikamente, als Präservativmittel 
der Hygiene und als Luxusmittel, welche im Kult selbst für Götter 
bereitet werden. 

Als Fettgrundlage steht dafür immer und überall in Mesopotamien 



100 ■^ou Oefele. 

das Sesamöl im Vordergrund. Im Gilgamisepos wird auch guter Rinder- 
talg, in den Sardanapalrezepten auch Milchfett d. h. Butter zum Salben 
verwendet. ^) Aus dem westlichen Oelbaumlande bezogen die Mesopo- 
tamier zur Zeit ihrer Weltherrschaft Olivenöl. Ein sogenanntes 
„Baumöl" kann nur auf Ricinusöl bezogen werden. 

Das nachträgliche Einreiben mit Oel empfiehlt der Konstantinopeler 
Keilschrifttext auch nachträglich nach der Einwirkung eines Pflanzen- 
absudes auf die Füsse des Patienten. 

Unter den Pflanzen und Mineralien, welche die assyrische Medizin 
verwendet, begegnen wir einer Reihe, deren Namen in wenig ver- 
änderter Form von den Griechen und Römern in semitischer Bezeich- 
nung entlehnt wurde, z. B. cuminum, porrum, aetites. Andere Namen 
wurden wörtlich übersetzt, z. B. misy, cynoglossum etc. Selbst die 
eigentümliche Unterscheidung männlicher und weiblicher Pflanzen und 
Steine der Spätzeit lässt sich assyrisch belegen. Andere noch un- 
gedeutete Namen wie das Salz am an im neben Steinsalz lassen sich 
wohl mehrfach auch in dieser Weise, also als Ammoniak etc. deuten. 
Viele Drogen bleiben auch so noch einstweilen undeutbar, obwohl die 
aramäischen und andere semitische Pflanzennamen späterer Zeiten enge 
Verwandtschaft bekunden. 

Im einzelnen innerlichen Rezept scheint vielfach von Geschmacks- 
korrigentien Gebrauch gemacht zu sein und zwar kommen Dattelsirup 
und Honig in Betracht. Als ein wohlschmeckendes, gleichzeitig alko- 
holisches Auszugsmittel ist eine oder vielmehr mehrere Kwassarten 
verwendet. 

Die Rezepttherapie ist in verschiedenen Fragmenten, welche zu- 
gänglich sind, sehr verschieden ausgebildet. Teilweise wird eine 
einzelne Droge mit Wasser oder Milch oder Kwass oder Oel ausgezogen. 
Teilweise sind Rezepte mit mehr als ein Dutzend Drogen überliefert. 
In letzterem Falle erscheinen Rezepte von 3 — 5 Stoffen gegenseitig 
zu einem Teilrezepte verbunden in einer grösseren Anzahl umfang- 
reicherer Rezepte wieder, so dass also auch hier wie in Aegypten her- 
metisch festgelegte ältere ursprünglich selbständige Rezepte zu neuen 
Rezeptkombinationen verschmolzen erscheinen. 

In diesen combinierten Rezepten wird die Zahl der Rezeptbestand- 
teile besonders mitgeteilt und wie es scheint Gewicht darauf gelegt; 
so enthält ein Rezept sieben Drogen, andere 5 resp. 18. 

Für das Einnehmen der Arzneitränke wird häufig die Forderung 
der Nüchternheit (balu patan) aufgestellt. 

Im Vergleich mit ägyptischer Medizin und dem betreffenden 
Kapitel des Dioskurides, muss es auffallen, dass Salz auch sogar zu 
innerlichen Medikamenten Verwendung fand. 

Physikalische Therapie. 

Verfasser sieht, dass in die medizinische Litteratur in letzter Zeit 
die Nachricht eingedrungen ist, dass die Keilschriftkultur die Massage 
gekannt habe. Ich weiss nicht, aus welchen Texten dies abgeleitet 
sein soll. Dagegen sind mir Texte bekannt, welche das gerade Gegen- 
teil beweisen. Einmal werden die Salbungen und Einreibungen ideo- 



^) Auch Hammeltalg- kommt vor K 71b, I, 23 und Schweinefett K 191, 11, 11 
(Küchler). 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 101 

graphisch schon als A-GUB-BA g-eschrieben , was das „U eber- 
ziehen mit Flüssigkeit" als Grundlage jeder Einreibung ergiebt, 
und zweitens, noch beweisender, vergleicht ein altsumerisches Sprich- 
wort, das noch bis in spätassyrische Zeiten in Gebrauch war, eine 
zweck- und sinnlose Handlung mit einer Einreibung, zu der kein Oel 
oder Salbe verwendet wurde. 

Dagegen finden vdr hier schon Güsse mit kaltem Wasser, was 
bei dem vielfach theurgischen Charakter der Keilschriftmedizin eine 
eigentümliche psychologische Parallele zu Kneipp ergiebt (K 191. 
I. 14). „Wenn ein Patient an Leibschneiden leidet, soll er auf seine 
Füsse niederknieen und sich setzen ; kaltes Wasser sollst du auf seinen 
Kopf fliessen lassen." 

Einer der häufigsten Eingriffe ist das Klystier und zwar werden 
stets medikamentöse Klysmen verordnet. 

Chirurgie. 

In der Verstümmelungsfähigkeit des menschlischen Körpers hatten 
die Assyrer sich weitgehende Erfahrungen gesammelt. Kaum ein 
Körperteil blieb an dem einen oder anderen ihrer überwundenen Feinde 
vom grausamem Uebermute des Feindes verschont. Ob die nötigen 
Lehren für operative Behandlung der heimischen Patienten daraus ge- 
zogen wurden, ist unbekannt. Die Kastration von Sklaven war jeden- 
falls eine der üblichsten Operationen ; denn Eunuchen ohne Barte finden 
sich mehrfach bildlich dargestellt. 



Die Tempelschule von Niniveh war den Wissenschaften gewidmet, 
welche im Geiste der Assyrer als praktische galten. Die Schreiber- 
kunst, entsprechend unserer modernen Philologie, und Astrologie und 
ähnliches ist neben der Medizin in reichem Masse vertreten. Aus den 
letzten Jahren AssurbanipaFs und den folgenden 20 Jahren bis zur 
Zerstörung Ninivehs fehlen genauere kulturhistorische L^eberlieferungen. 
Es ist dies die Zeit des entsetzlichen Einfalls der scythischen Horden 
der Kimmerier, welche Syrien, Phönikien und Palästina bis an die 
Grenze Aegyptens (630) verwüsteten. 

Wie weit in diesen allgemeinen kulturellen Verfall hinein die 
Hochschule Niniveh blühte, ist ungewiss. Sicherlich war sie vor der 
Zerstörung Ninivehs (606) erloschen. 

Nach dem Falle Ninivehs setzt die Blüte des neubabylonischen 
Reiches ein. Medizinische Texte aus der Zeit des Königs Nabunaid 
sind bisher weder ausgesucht noch bearbeitet. 

Medisch-persische Medizin. 

Vom Jahre 606 au treten in Mesopotamien die ethnographisch 
untrennbaren Iranier : Meder und Perser Weltreiche bildend auf. Als 
Indogermanen bilden sie einen neuen Faktor in dem vorher völlig 
semitischen Mesopotamien. Auch religiös als Anhänger des Zara- 
thuschtra (Zoroaster) unterschieden sie sich von den mehr anthro- 
pomorphisierenden und polytheistischen Vorgängern. Eine eigene 
Pharmakotherapie auf den Namen Zarathuschtras zurückgehend ver- 
bürgt bei den Persern noch Dioskurides. Von diesen ersten Anfängen 



102 "^'011 Oefele. 

an kann kein zusammenhängender Verlauf persischer Kultur und damit 
persischer Medizin geboten werden. AVie unzusammenhängend die ein- 
zelnen Lichtblicke persischer Kultur sind, zeigt schon der Wechsel 
von Keilschrift, Pehlewi und arabischem Schriftsystem im Laufe der 
Zeit. Das altpersische Eeich, das mit Darius III. 330 endete, schloss 
Mesopotamien, Aegypten und die kleinasiatischen Griechen in sich. 
Jedes dieser Gebiete hatte seine besondere Medizin und jede davon 
wusste mit wechselndem Geschicke am persischen Hofe Einfluss zu 
erlangen. 

Weder von der Adoptivmedizin fremder Völker noch von der 
nationalen persischen konnten Belege in persischer Aufzeichnung erhalten 
bleiben. An die Stelle des Ziegels als Schreibmaterial in den semiti- 
schen Kulturen Mesopotamiens traten in den königlichen Archiven 
der Perser Lederrollen. Auf Monumenten finden sich nur Texte ohne 
Interesse für die Geschichte der Medizin. 

Herodot erzählt die Episode, wie der griechische Arzt Demokedes 
aus Kroton die Kunst der ägyptischen Aerzte aussticht. AVenn schon 
unter solchen Verhältnissen die nationale persisclie Medizin nicht von 
fremden Beimischungen verschont bleiben konnte, so waren die 556 
Jahre vom Tode Darius III. bis zur Gründung der Sassanidendj^nastie 
durch Artaxerxes die schwierigste Epoche für Erhaltung der alten 
Tradition nationaler persischer Medizin. Als Kehrseite haben aber 
auch diese Zeiten der Fremdherrschaft nationalgesinnte Perser viel 
eifriger auf die Erhaltung der alten medizinischen Traditionen bedacht 
sein lassen, als es unter dem eklektischen Luxus des altpersischen 
Weltreiches der Fall war. Bei der engen Verknüpfung medizinischer 
und religiöser Vorstellungen in der Kultur der Perser, ziehen sich in 
den wenigen erweislichen Resten als roter Faden die gleichen Grund- 
gedanken von den altbaktrischen Zeiten bis zur Zerstörung des neu- 
persischen Reiches durch den Mohamedaner Omar durch. Und wenn 
auch damit die Medizin im Lande Persien mit der Geschichte der 
arabischen Medizin vom Jahre 636 n. Chr. angefangen zusammenfliesst, 
so lebt die altpersische Medizin ausser Landes in dem kleinen ver- 
sprengten Häuflein der Parsen oder Feueranbeter bis heute fort. Die 
Geschichte der persischen Medizin umfasst also manches Jahrhundert 
mehr als die hippokratische Medizin des Abendlandes. 

Nach der Religion der Perser entsteht der Dualismus durch den 
Abfall des Bösen vom Guten. In der zarathuschtrischen Medizin lässt 
sich bis in die älteste Zeit der entsprechende Grundgedanke nach- 
weisen, dass jede Trennung und Abscheidung vom Körper unrein ist. 
Ein menschlicher Körper mit unnatürlicher Ausscheidung, vor allem 
also mit Hautausschlägen, ist unrein und wird gemieden. Manche 
Forderung moderner Antiseptik und Aseptik findet sich darum bei den 
Persern aller Zeiten, aber auch manche ganz gegenteilige Gebräuche. 
Dahin ist zu rechnen das Fehlen sowohl der Beerdigung wie der 
Leichenverbrennung. Der Selbstreinigung der Flüsse entgegengesetzt 
ist das Verbot in einen Fluss zu harnen, zu spucken oder sich darin 
zu waschen. Die religiöse Bevormundung der Medizin hatte schon 
beim ersten Auftreten der Perser in der Geschichte die empirisch 
medizinischen Erfolge auf ein sehr tiefes Niveau herabgedrückt. Die 
Ohnmacht der altpersischen Medizin sehen wir an dem Tode der 
Schwester des Kambyses nach einem traumatischen Aborte, an dem 
hilflosen Dahinsiechen des Kambvses innerhalb drei Wochen an einer 



Vorhippokratische Medizin Westasieus, Aegyptens und der mediterranen Yorarier. 103 

infizierten Fleiscliwunde, an der Hilflosigkeit bei der Sprunggelenks- 
luxation des Königs Darius und dem Mammaabscesse der Königin Atossa. 

Bei den griechischen Klassikern werden wohl medische und per- 
sische Drogen und Zubereitungen erwähnt; nach sicheren Anhalten 
sind dies aber Verwechslungen mit babylonischer und assjTischer 
Medizin, welche in der Zeit der Seleukiden nochmals zur Herrschaft 
gelangte. 

Mit der Scheu der Perser vor jeder Berührung mit Körperaus- 
scheidungen lässt sich auch die Nachricht nicht vereinigen, dass eine 
kurze griechische Uroskopie, welche Ideler reproduziert hat, aus persi- 
schem Originale übersetzt sei. Auch hier liegt nach meiner Ansicht 
eine Verwechslung mit den semitischen Vorkulturen des Perserreiches 
zu Grunde. 

In gleicher AVeise verhält es sich mit der Diagnostik und Pro- 
gnostik aus dem Aderlassblute. 

Aegptische Medizin von Psammetik bis Alexander. 

Wenn aus dem wissenschaftlichen Stande der Medizin von Psam- 
metik bis Alexander (664 — 332) nichts zu berichten ist, so ist doch der 
Beruf der Aerzte in dieser Zeit in Aegj'pten ein geachteter und lukra- 
tiver. Im Vatikan befindet sich eine prachtvoll ausgeführte Statue des 
Oberarztes Psamtik-seneb, von dem sich eine Canope in Florenz 
befindet aus der Zeit von Psammetik I., im britischen Museum die Statue 
des Vorstehers des Schatzhauses, Oberarztes und Oberhausmeisters 
Pef-nef-a-Neit aus der Zeit von Apries, wieder im Vatikan eine 
naophore Statue des Erbfürsten, Siegelwahrers, einzigen Freundes, 
wirklichen königlichen Anverwandten, Vorstehers der Schreiber in 
dem Palaste, Schrifterklärers, Vorstehers der königlichen Flotte unter 
Amasis und Psammetik III. Namens Horuzasutennet, welcher von 
Kambyses zum Oberarzt und Palastaufseher ernannt wurde. ^) Gerade 
dieser Mann beweist in seiner Lebensbeschreibung, dass er vor allem 
für den Tempel der Göttin Neit in Sais besorgt war und wohl deren 
Priesterkollegium angehörte. Bei seiner Vielseitigkeit dürfte seine 
Stellung als Oberarzt besonders auch des Darius wohl mehr eines seiner 
reich dotierten Hofämter gewesen sein, als eine Gelegenheit zur Aus- 
übung ärztlicher Praxis. 

Die Institution des Oberarztes bestand noch zur Zeit des Prosper 
Alpinus in Kairo und wird von ihm als bestechliche Approbations- 
behörde für die Zulassung zur ärztlichen Praxis beschrieben. 

Wichtig ist diese Periode, da sie es ist, in welcher Griechen für 
ihre aufstrebende Kultur ägyptische Entlehnungen machen konnten 
und auch machten. Wie unter dem Ketzerkönige mit den Asiaten 
in deren Sprache von Aegyptern korrespondiert wurde, so machte auch 
unter den Griechen Pythagoras die einzige Ausnahme durch Erlernung 
der ägyptischen Sprache. Im übrigen behielten die Griechen soweit 
sie auch in Aegypten ihre Kolonien vorschoben, ihre Muttersprache 
bei und verkehrten mit der Bevölkerung durch heimische Dolmetscher. 
Als Seeräuber, Söldlinge und Kaufleute kamen die Griechen nach 
Aegypten. Söldlinge waren die ersten Griechen, welche Psammetik I. 
ansiedelte. Söldling war noch der Spartanerkönig Agesilaos unter 



I 



*) C apart bezieht den Text auf eine Reorganisation der Medizin. 



104 A'^on Oefele. 

dem letzten unabhängigen heimischen Könige. Alexander und die 
Ptolemäer waren fremde Eroberer. Im Anschlüsse an diese Söldner- 
heere bildeten sich Handelskolonien in verschiedenen Städten bis zur 
samischen in der grossen Oase, so dass wir fern der Heimat südlich 
vom eigentlichen Aegypten die älteste gefundene Inschrift im jonischen 
Alphabete besitzen. Bei der tiefen sozialen Stellung der Dolmetscher 
in Aegypten, auf welche die Griechen angewiesen waren, blieben sie 
vielfach mit allem fremd, was nicht direkt Handel und Krieg betraf. 
Dass mancher Grieche in seine Heimat zurückkehrte, beweisen Ver- 
schleppungen von Gegenständen mit Hieroglypheninschriften, z. B. einer 
Büste mit dem Namen des Königs Apries aus der Gegend von Athen. 
Wenn darunter fremde Gelehrte waren, so war von den Dolmetschern 
nichts zu erfahren und sie waren vom guten Willen der heimischen 
Gelehrten abhängig, ob ihnen etwas und wie viel ihnen mitgeteilt 
wurde. Da die heimischen Kreise die Invasion der Griechen sehr 
ungern sahen, so war dieser gute Wille meist sehr negativ geartet. 
Als Pythagoras mit Empfehlungen des Polykrates von Samos zu 
Amasis kam, gab dieser König dem griechischen Gelehrten Briefe 
nach Heliopolis und Memphis mit, um ihm den Zutritt zu den grössten 
Heiligtümern Aegyptens zu verschaffen. Trotzdem wies an beiden 
Orten die Priesterschaft den Pythagoras ab und erst in Diospolis 
führte Sonches denselben in die ägyptische Gelehrsamkeit ein, wobei 
bedacht werden muss, dass Pythagoras der einzige Grieche war, 
welcher sich die Landessprache angeeignet hatte. ^) So kann auch ver- 
mutungsweise angenommen werden, dass Hippokrates nur die medizi- 
nischen Lehren der Schule von Letopolis oder einer ähnlichen zugäng- 
lich fand, während erst sein Schwiegersohn Polybus sich die Medizin 
von Heliopolis aneignen konnte. Vielleicht geschah aber auch dies 
nur auf dem Umwege durch ägyptische geflüchtete Aerzte während 
der Kämpfe der Aegypter mit den Persern um ihre Selbständigkeit. 
Der Phantasie bleibt hier freier Spielraum, wenn wir an die nackte 
aber auffallende Thatsache kommen, dass mitten unter den griechischen 
Aerzten der hippokratischen Aera in der Menonia ein ägyptischer 
Arzt Niny . . . erwähnt wird oder dass in „de aere, aqua et locis" 
im letzten Abschnitte alle Aehnlichkeiten und ünähnlichkeiten auf 
Aegypten bezogen werden und somit ein einzelnes Fragment einer 
überarbeiteten hippokratischen Schrift und zwar eines der besten, 
eine aus sich erkennbare unveränderte Uebersetzung eines ägyptischen 
Elaborates darstellt. Die spätere umgekehrte Entlehnung habe ich 
schon vorweg in der Uebersicht der Zeit demotischer Schrift erwähnt. 

Medizin der Ptolemäerzeit. 

Der siegreiche Alexander galt den Aegj^ptern als Befreier vom 
persischen Joche. Mit der Gründung Alexandriens und der Errichtung 
der Ptolemäerdynastie hielt griechisches Wesen und Wissenschaft in 
Aegypten in einer Weise Einzug, dass für lange Zeit Alexandria als 
Vorort griechischer Bildung gilt und dass in der Geschichte der 
griechischen Medizin die Medizin von Alexandria einen wichtigen 
Abschnitt bildet. Dem anfänglichen Entzücken über die griechische 



') Von dieser Reise brachte Pythagoras das Rezept zum Oxymel Scillae nach 
alter Üeherlieferuns* nach Hause. 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Torarier. 105 

Invasion folgte bald in den heimischen ägyptischen Kreisen eine Er- 
nüchterung mit kühler Absonderung. Im gleichen Aegj-pten wohnten 
neben einander zwei Rassen, zwei Sprachen, zwei Kulturen, zwei 
Religionen. Alle Amalgamierungsversuche blieben nur oberflächlich. 
Und so trennte sich auch die heimische Priestermedizin nach anfänglichem 
teilweisen freundlichen Austausche immer schärfer von der hellenischen 
Medizin in Alexandria. Heliopolis war angeblich von Kambyses zer- 
stört, das mächtige Theben war in den Hintergrund getreten; dafür 
war jetzt das uralte Memphis die Centrale der nationalen Medizin 
geworden. Die Trennung der beiden Nationen war schroifer als zur 
Zeit des Piaton ^j und Hippokrates. Zwar arbeiteten die Ptolemäer- 
könige ständig an der Verschmelzung der Gegensätze und versuchten 
in schmeichelhafter Zuvorkommenheit für die autochthone Wissenschaft 
Rezepte dauernd für die Nachwelt zu fixieren. Aber nicht echte 
Medizin, sondern nur die umständlichen Rezepte für die verschiedenen 
Räuchermittel und Salböle sind auf diese Weise erhalten und dazu 
auch nur auf die Wände der heiligsten und geheimsten Gemächer der 
nur einheimischen Priestern zugänglichen alten Tempel in Hieroglyphen- 
schrift aufgemalt. Der gleichen Gruppe der Medizin gehören die ver- 
lorenen Schriften der Kleopatra VII. an, Kosmetik und Geburtshilfe 
sind ihr Inhalt. Die Eroberung durch die Römer war dem heimischen 
Aegypter nur ein Vertauschen der ptolemäischen Fremdherrschaft mit 
der römischen. Beide Dynastien bedienten sich der griechischen Sprache, 
beide hatten dieselbe Religion, mochten sie den obersten Gott Zeus 
oder Jupiter nennen. Auch der späteren byzantinischen Christianisierung 
begegnete der heimische Aegypter mit passivem Widerstände um so 
mehr, da die Diener des Christengottes viel unduldsamer auftraten als 
die alten Zeuspriester. Gezwungen zu einem vielfachen Schein christen- 
tume verlassen die Aegypter auch die alte Schrift und nehmen die 
griechischen Zeichen an. Aber sie behalten ihre Sprache als Kopten. 
Und sie behalten auch ihre alten medizinischen üeberlieferungen. Der 
Medizin der klassischen Kulturvölker ein verschleiertes Bild durch- 
wandert die ägyptische Epigouenmedizin die gleichen Zeiten wie diese, 
aber ungesehen und unbeachtet. Nur ganz gelegentliche Bemerkungen, 
zuletzt noch bei Galenos, zeigen das Misslingen der Versuche, den 
Schleier zu lüften. Was sich aus diesen Nachrichten bei den alten 
Klassikern zusammenstellen lässt, giebt doch nur Bruchstücke und 
Zerrbilder. Aeltere Lehrbücher der Geschichte der Medizin konnten 
diese Quellen nicht übergehen, da erst neuerdings die authentischen 
ägyptischen Quellen zugänglich wurden. Von ägj'ptischen Quellen für 
die Medizin der Zeit von Alexander bis zum Beginn der koptischen 
Kultur kommen die erwähnten hieroglyphischen Tempelrezepte und 
griechisch abgefasste Papyri in Betracht. 

Koptische Medizin. 

Die koptische Kultur kann als formell hellenisiert, in der Tünche 
auch christianisiert, im Wesen aber noch als altägyptisch bezeichnet 
werden. Dies zeigt sich auch in den wenigen medizinischen Resten. 



^) Die griechischen Unterthanen der Ptolemäer verachteten den unterworfenen 
antochthonen Aegypter, was solche Versuche zu einer Verschmelzung der beiden 
Nationalitäten behinderte. 



106 von Oefele. 

Die Rezepte und Beschwörung-sformeln sind noch die gleichen wie 
unter der Hieroglyphenkultur. Selbst die Krankheitsnamen und Medika- 
mentenbezeichnung-en entsprechen, abgesehen von den Abschleifungen 
der Formen, noch der Hieroglj^phenmedizin. Aber die Fixierung- der 
Laute erfolgt durch das adoptierte griechische Alphabet. Nur ganz 
versteckt werden noch Isis, Horus und die übrigen Götter angerufen. 
Meist wird Maria, Jesus mit den Erzengeln Michael, Uriel, Raphael 
und Gabriel und den 42 Märtyrern eingesetzt. Der 8emitengott Set 
als Teufel spielt seine Rolle weiter und gelegentlich wird in der Be- 
schwörung dem Christengotte bei ungenügender Willfährigkeit gedroht, 
dass der Beschwörer zur Teufelsanbetung zurückkehren wolle. Bei 
den geringen Resten koptischer Medizin und ihrer geringen lokalen 
Verbreitung würde sie als epigonaler Ausläufer keine besondere Be- 
sprechung verdienen, wenn sie nicht nach den übereinstimmenden 
Resultaten der speziellen ägj^ptologischen Forscher die Grundlage für 
die rasche Blüte der arabischen Medizin geworden wäre, die latinisiert 
als salernitaner Medizin ihren Weg durch Klostervermittelung bis in 
die Rezepte der nordischen Volksmedizin fand. 

Eine historische Gliederung der Geschichte der koptischen Medizin 
ist gegenwärtig nicht möglich. Dieselbe ist als relativ einheitliche 
Episode zeitlich ungefähr parallel dem oströmischen Kaiserreich und 
dieses überdauernd zu betrachten. Als Rest der altägyptischen Kultur 
musste sich die koptische Medizin gegenüber dem orthodoxen Gewissens- 
zwang der Byzantiner im Verborgenen vererben. Das was uns er- 
halten blieb, sind darum keine historisch aufgezeichneten Daten, sondern 
zufällig erhalten gebliebene koptische Papyri. Welch grosse systema- 
tische Sammelwerke aber vorhanden gewesen sein müssen, zeigen die 
hohen Originalblattbezeichnungen 241 und 244, welche die beiden 
einzigen davon erhaltenen Blätter in Turin tragen. Die Sprache dieses 
Bruchstücks ist oberägyptisch, während die Reste im Berliner Museum 
meist fajumisch abgefasst sind. Es ist zu vermuten, dass auch noch 
in anderen Sammlungen unbeachtet ähnliche medizinische Bruchstücke 
anderer Dialekte liegen. Schmidt will kürzlich einen grossen Codex 
gesehen haben, der nicht mehr zu ermitteln war. 

In den Neapler Stücken scheint es sich um die Behandlung von 
Hautkrankheiten zu handeln. Im übrigen sind sekretere Sachen im 
Vordergrund: Geburt, Liebeszauber und selbst ein Hundesegen für 
Diebe. In einem kleinen Fragmente sind Brand, Leibschmerzen, Uterus- 
leiden und schmerzhafte Nase zusammengestellt. Die Anatomie wurde 
natürlich in dieser konservativen Tradition nicht gehoben, sondern 
gefiel sich darin in mystischer Weise, z. B. von 300 Adern, welche 
vom Nabel ausgehen, zu sprechen. Dagegen erhielt sich eine gewisse 
pharmaceutische Chemie aus der alten umständlichen Arzneibereitung, 
so dass der alchemistische Ofen mit Blasebalgheizung und das Rösten 
mineralischer Drogen erwähnt wird. Ein Färberezept gehört ver- 
wandten Gebieten an. Sehr tief stehen dem gegenüber die anderen 
propädeutischen Kenntnisse des koptischen Arztes, so dass er selbst 
in den erhaltenen koptischen Physiologusstücken dessen Zoologie noch 
unvernünftiger machen konnte. Seine Botanik scheint auch nur soweit 
gereicht zu haben, um wilde Artemisia und ähnliches einsammeln zu 
können. Ein oberägyptischer Leichenstein mit Krankheitsbeschreibung 
ist neuerdings besprochen (Bloch). 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegyptens und der mediterranen Vorarier. 107 



Medizin des Sassanidenreichs in Westasien. 

Nach der kurzen Regierung Alexanders des Grossen zerfiel das 
Weltreich unter den Diadochen in verschiedene Teile, deren jeder mit 
äusserlich giiechischen Herrschern in seine ursprüngliche heimische 
Kultur zurückkehrte. Vorderasien, das ja selbst mehr oder weniger 
die Mutter der griechischen Kultur war, blieb im engen Kultur- 
austausch mit dem Westen, da es auch im späteren römischen Welt- 
reiche eine Nachbarprovinz Griechenlands darstellte, Mesopotamien 
und Iran lagen aber ferner ab. Zur Zeit des römischen Weltreiches 
waren diese Gebiete nur vorübergehend politisch unterworfen. Kulturell 
blieben sie aber auch dann von Rom und Byzanz unabhängig. Eine 
religiöse dem Christentume ähnliche Reformation hatten die iranischen 
Indogermanen schon früh durchgemacht. Die Religion des Zara- 
thuschthra durchsetzte das ganze Leben der Iraner und gab auch 
strikte Gesetze für die Medizin. Jedenfalls waren dieselben auch dem 
Achämenidenreiche geläufig, werden aber in weiser Politik in einem 
so gemischtreligiösen Reiche in duldsamer ^^'eise zurückgestellt. Die 
Medizin des Seleucidenreiches muss erst entziffert werden. Im par- 
thischen Reiche werden die alten Lehren hervorgesucht, vermehrt, 
kommentiert und gehandhabt. 

Alexander soll bei der Unterwerfung Persiens die heiligen Bücher 
vernichtet und nur die Schriften über Heil- und Sternkunde ver- 
schont haben. Auch von den anderen Büchern sollen die Reste 
später wieder gesammelt sein. Der Inhalt wurde aber schon zur 
römischen Kaiserzeit scharf vor Fremden gehütet und in mehr oder 
weniger veränderter Form bis auf den kleinen Rest der heutigen 
Parsen vererbt. Dass ein Franzose Anquetil du Perron 1771 sich 
durch persönlichen Verkehr mit den Parsen in den Stand setzte, eine 
französische Uebersetzung der Zendavesta zu geben, hat zur Folge, 
dass auch die meisten Arbeiten über die Zendavesta im allgemeinen 
und über die Heilkunde der Zendavesta im besonderen der franzö- 
sischen Litteratur angehören. Davon ziehe ich vor allem Carsatelli 
und Pergens heran, da ich in den Sprachen der Urtexte nicht be- 
wandert bin. 

Zu dem Dualismus des guten und bösen Prinzipes tritt ein Poly- 
theismus der personifizierten Naturkräfte. Das böse Prinzip des Dua- 
lismus Angra Mainyn (Ahriman) ist der Schöpfer aller Krankheiten 
und allen Unglücks. Die Schlange (oder die Würmer) das Sinnbild 
des Giftes sind die Ursachen der Krankheiten. So erscheint die 
Krankheit als etwas Fremdes in den Körper Eingedrungenes als 
Materia peccans. Die angebliche Zahl dieser Krankheiten wechselt. 
Das Vendidäd nennt 99 999, die Uebersetzung Gujarat 90 000, das Bun 
Dehesch 10000 und das Dinkart nur 4333. Die aufgezählten Krank- 
heitsnamen versuchen diesen Zahlen in keiner Weise nahe zu kommen. 
Für die Krankheitsauffassung ist bezeichnend, dass alles, was den 
Körper verlässt, als unrein, also infektiös, gilt. 

Die Thätigkeit des Arztes wird dadurch zu einer priesterlichen 
und war von einer Erfolgsprüfung abhängig. Der Kandidat musste 
drei Vertreter der verstossenen Kaste ohne Todesfall behandeln, um 
zur Praxis bei rechtgläubigen Parsen zugelassen zu werden. Die 



108 ^on Oefele. 

Aerzte gliedern sich in Chirurgen, Internisten und Beschwörer, von 
welchen die Beschwörer am höchsten geachtet waren. 

Der Kranke war unrein. Von einem Krankheitsdämon besessen, 
schied er Produkte der Krankheit aus, vor allem auch bei Hautkrank- 
heiten; so konnte diese Gefahr der Infektion selbst zur Isolation des 
Unreinen führen. Der Arzt hatte die Aufgabe, den Krankheitsdämon 
auszutreiben und den Kranken zu reinigen, so dass er wieder ein 
brauchbares Glied der Gesellschaft wurde. Die Stellung von Patienten 
mit erkennbar unheilbaren Krankheiten war somit eine höchst traurige. 
Thrita, der älteste Arzt der persischen Mythe, erhielt von den Göttern 
ein goldenes Operationsmesser und ausser dem Lebensbaume 10000 
Arzneipflanzen. Unter letzteren soll Cannabis, eine Lauchart, Benzoe, 
Aloe und Granate sich befinden. 

Trotz der scharfen religiösen Abgrenzung der unreinen Dinge 
befindet sich unter den Medikamenten der Rinderharn. Unter den 
Amuletten sind Rabenknochen und Rabenfedern zu erwähnen. 

Die Behandlungstaxe war nach dem Stande des Patienten wechselnd 
festgesetzt und stand darum in keinem Verhältnisse zur Leistung des 
Arztes. Die Bezahlung erscheint auch nicht als Honorierung der 
Einzelleistungen, sondern als Pauschalsumme für die Uebernahme eines 
einzelnen Falles von Erkrankung. Ob bei Misserfolg resp. im Todes- 
fall die Honorierung unterblieb, ist nicht zu ersehen. Die Aerzte für 
Menschen behandelten auch die Tiere. 

Alle unnatürlichen Vorgänge und Einwirkungen im Bereich des 
Geschlechtslebens sind verboten, teilweise bei Todesstrafe. Dahin ge- 
gehört Samenfluss, Masturbation, Päderastie, Prostitution, Abortus, 
Todgeburt; selbst die Menstruation macht, wie überall im Orient, un- 
rein. Da die ganze Medizin religiös gehalten ist oder umgekehrt uns 
nur die religiöse Seite der Medizin in den Religionsvorschriften erhalten 
ist, so verstehen sich auch die religiös begründeten Vorschriften für 
die Menstruation. 

Für die eigentümliche Totenbestattung der Parsen bestehen aus- 
führliche Vorschriften, aus welchen hervorgeht, dass eine frische Leiche 
für unreiner gilt als eine Leiche in Verwesung. 

Zeitlicli ist das Bild, welches sich solcher Gestalt aus den heiligen 
Büchern der Perser zusammenstellen lässt, nicht einheitlich. Schon 
die Quellen zeigen dies in einer auffallenden Weise. Im 7, Kapitel 
des Vendidad in den Paragraphen 20 bis 22 findet sich das Material 
noch in der alten Sprache des Zend. In dem speziellen Kapitel über 
Medizin des Dinkart ist ein Pehleviwerk erhalten. Beide Stücke als 
Medizinalgesetz im Verhältnis von Urtext und Auslegung waren zur 
Zeit der Sassaniden gültig. Eine engere Begrenzung ist aber nicht 
möglich. Der genauere Einblick, welcher uns durch die Schriften des 
Abu Mansur Muwaffak ben Ali Harawi in die persische Medizin gewährt 
wird, gehört, weil nach Muhamed, nicht mehr zu diesem Abschnitt 
(968—977 n. Chr.). 

In Syrien und Mesopotamien gründeten in den ersten Jahrhunderten 
unserer Zeitrechnung Juden und Nestorianer berühmte Schulen, welche 
auch dem Studium der Heilkunde dienten. Es seien Djondisabur, 
Edessa und Nisibis erwähnt. Die Pflege der Medizin und Natur- 
wissenschaften in Kleinasien brachte die syrischen Uebersetzungen 
des Dioskurides, der Geoponica, des Physiologus und anderen hervor, 



Vorhippokratische Medizin Westasiens, Aegj-ptens und der mediterranen Vorarier. 109 

welche in der Eückübersetzung der erhaltenen Handschriften wert- 
volle Mittel zur Kritik der griechischen \ielfach verstümmelten Texte 
ergeben. 

Djondisabur als persische Universität für Kirchen- und Laien- 
wissenschaft begann unter Chosroes I. (532 — 579 n. Chr.) zu blühen. 
Hier bestand ein Spital und eine Apotheke, und die Namen mehrerer 
Aerzte sind bekannt. Ausser der sj'rischen Medizin wurde von oben 
herunter eine möglichst weitgehende Verpflanzung der Sanskritmedizin 
nach Persien in dieser Zeit unterstützt. 



Während des Druckes teilte W. Max Müller aus Kairo mit, 
dass ein neuer grosser hieratischer medizinischer Papyrus für die 
University of California gekauft wurde. Die bisher aufgerollten Seiten 
enthalten nur Eezepte, welche schon aus Papyrus Ebers bekannt sind, 
aber in anderer Anordnung. Man envartet, wenn das Ganze auf- 
gerollt ist, in ägyptologischen Kreisen mit grosser Spannung ein 
Duplikat zu Papyrus Ebers. 



Die Medizin der Juden. 

Von 
J. Preuss (Berlin). 

Litteratur. 

Joh. Georg Gross, S. Theol. D., Compendium Medicinae ex Scripturä Sacra 
depromtum. Basil. 1620. 8°. — Biujaniin Mussdphia, Alias Dionysii 
dicti: Sacro-Medicae Sententiae. Hamburg 1640. 12^. — Thomas Bartholin, 

De morbis biblicis miscellanea medica. Franeof. {1672). 1693. 8°; 1705. 4**. — • 
Georg Goetz, Medicinae practicus: Variae celeber. mediconim observat. quibus 
multa loca Novi Testamenti docte illustrantur. Fascic. pjrimus. Altorph. 1740. 8^. 
(Fortsetzg.":) — floh. Jac. Schniiät, Pastor, Biblischer Medicus. Züllichau 1743. 
8 *'. — Rieh. Mead, Medic. reg. : Medica sacra sive, de morbis insignioribus, qui 
in Bibliis memorantur. Land. 1749. Nachdruck: Amstelod. 1749. Deutsch: Lpz. 
1777. — €hr. Tob. Ephr. Meinhard, Dr. med., Bibelkrankheiten, welche im 
alten Testamente vorkommen, erster u. anderer Theil. Frankf. u. Lpz. 1767. III. 
u. IV. Buch ibid. V. Buch {neues Test.) ibid. 1768. — J. C. Trnsen, Oberstabs- 
arzt, Darstellung der bibl. Krankht. Posen 1843. 8'*; Breslau 18-53. 8°. — J. B. 
Friedreich {Prof. med. forens.). Zur Bibel. Naturhistorische, anthropol. imd 
mediein. Fragmente. 2 T. Nürnbg. 1848. 8". — Sir Bidson Bennet, -The 
diseases of the Bible. {Oxford) 1887. 1891. 8°. — IFilli. Ebstein, Die Medizin 
im alten Testament. Stuttg. 1901. 8". 



Benj. Wolff Gintzburger, praes. Georg Gottlob Richter, Disp. inaug. 
med., qua Medicinam ex Talmudicis illustrat. Gotting. 1743. 4". Auch in Picht er' s 
opusc. med. Franeof. u. Lpz. 1780. tom. I No. 7. — Abr. Hartog Israels, 
Diss. hist.-med. exhibens Collectanea Gynaecologica ex Talmude Babylonico. Groning. 
1845. 8°. — B. tT. Wunderbar, Biblisch-talmudische Medizin. Riga 1850 — 1860. 

— Josef Berget {toie der vorige, Lehrer), Die Medizin der Talmudisten. Lpz. 1885. — 
»7. 31. Babbinowicz, La medecine du Thalmud. Paris 1880. 8° {enthält nur 
Excerpte). — Derselbe, Einleitg. in die Gesetzgebung und die Medizin des Tlialmuds. 
Deutsch von Mayer. Trier 1881. 8°. — Der .Joce dophen-Streit: Baivitzki-Kotel- 
niann, Virch. Archiv 1880— 1884; Israels, Nederl. Tydschr. voor Geneeskd. 1882 II; 
Pinkhoff ibid. 1888 I. — L. Kazenelson, Dr. med., Die normale und patho- 
logische Anatomie des Talmud. Koberfs pharmakol. Studien. Bd. V. Lpz. 1896. 

— tf. Preiiss, Dr. med., Materialien zur Geschichte der bibl.-talmud. Medizin : der 
Arzt, Vir eh. Arch. Bd. 138; Auge, W. med. W. 1896; Mundhöhle, D. Med.-Ztg. 
1897 ; Beschneidung, W. Min. Rundschau 1897 ; Bauchhöhle, Allg. med. Centralztg. 
1898 ; männl. Genitalien, W. med. Wochenschr. 1898 ; Nervensystem, D. Mediz.-Ztg. 
1899; Nerven- und Geisteskrankh., Ztschr. f. Psych. 1899; lirusthöhle, Allg. med. 
Centralztg. 1899; Nase und Ohr, ibid. 1899; Chirurgie, D. Ztschr. f. Chirurgie 1901. 

Die cit. Schriften enthalten Nachweise auch der übrigen ausserordentlich um- 
fangreichen Litteratur. 



Die Medizin der Juden. 111 

Die Medizin der Juden nimmt in der Gescliiclite der Heilkunde 
insofern eine Sonderstellung ein, als unsere Kenntnis dei^elben aus 
nichtärztlichen Schriften fliesst. Die gesamte altjüdisclie Litteratur 
gellt auf den Pentateucli zurück, dem sich die übrigen Bücher der 
Bibel in Form von Chroniken oder Dichtungen anschliessen. Neben 
dieser „schriftlichen Lehre*' geht die mündliche einher, die dem Mose 
gleichfalls auf Sinai offenbart, von ihm aber nicht aufgezeichnet wurde. 
Sie pflanzt sich von Geschlecht zu Geschlecht durch mündliche Ueber- 
lieferung fort, Schriftauslegungen und rabbinische Verordnungen auf- 
nehmend, bis im 2. Jahrhundert n. Chr. Rabbi Jehuda ha-nasi (der 
Fürst) das umfangreiche Material unter dem Namen M i s c h n a sammelt 
und redigiert. Eine andere derartige Sammlung ist als „Tosephtha" 
auf uns gekommen. An diese Schriften schliessen sich ausführliche 
Diskussionen mit Abschweifungen auf alle Gebiete des Wissens, der 
Sage und Legende, die dann ihrerseits wieder im Anschluss an die 
einzelnen Sätze der Mischna geordnet und unter dem Namen Geniara 
vereinigt wurden. Als Urheber der älteren Sammlung, der palästinen- 
sischen Gemara (des Jeruschalmi), gilt R. Jochanan im Anfang des 
dritten, als der des babylonischen Talmuds, des Babli, R. Asche im 
6. Jahrhundert. Mischna und bab3'lonische Gemara heissen Talmud 
im engeren Sinne. Andere Sammlungen, die Midraschim genannt 
werden, enthalten nur Schriftauslegungen meist homiletischer Natur 
und zwar nach der Reihenfolge der Bibelverse geordnet. Sie sind in 
den verschiedensten Zeiten angelegt. 

Eine Schrift rein ärztlichen Inhalts aus dem jüdischen Altertum 
existiert dagegen nicht, nicht einmal ein naturhistorisches Sammel- 
werk, wie etwa das des Plinius. Bibel und Talmud sind in erster 
Reihe Gesetzbücher, die ärztliche Dinge in der Hauptsache nur 
insoweit behandeln, als sie dem Gesetz unterstellt waren. Von irgend 
einer medizinischen Systematik kann daher, vielleicht mit einer ein- 
zigen noch zu erwähnenden Ausnahme, gar keine Rede sein. Die 
Mitteilungen stammen von den verschiedensten Autoren, aus den ver- 
schiedensten Zeiten und Ländern, von Männern der Wissenschaft so- 
wohl als auch von Laien. Eine jüdische Medizin alsAnalogon 
etwa der ägyptischen odei- griechischen giebt es daher 
nicht. Die ersten jüdischen Aerzte, die in der Heilkunde litterarisch 
sich bethätigen, sind Araber, die auch in der Sprache ihres Heimat- 
landes schreiben. Das älteste Fragment eines ärztlichen Werkes in 
hebräischer Sprache stammt von Donnolo, einem italischen Juden des 
10. Jahrhunderts, und stellt eine Rezeptsammlung dar. 

I. 

Die Ersten, denen die Bibel den Namen röphe (Arzt, Heiler) bei- 
legt, sind die ägyptischen Paraschisten, die die Leiche des Patriarchen 
Jakob ein'balsam'ieren. Dieser Name rophe ist fortan der einzig ge- 
bräuchliche für jeden ärztlichen Praktiker, den Internisten sowohl als 
auch den Chirurgen und Augenarzt und, soweit davon im Altertum die 
Rede sein kann, auch den Gynäkologen und Geburtshelfer. Dass auch 
der Priester ärztliche Funktionen ausgeübt habe, nimmt man zwar 
gewöhnlich aus vergleichend ethnologischen Gründen an, doch hat 
er in den Quellen nur die Funktion des Gesundheitsbeamten, und zur 
Zeit des Königs Hiskia (um 720 v. Chr.) erscheint er schon neben 



112 J. Preuss. 

dem Arzte. Damit soll nicht gesagt sein, dass die Priester, ebenso 
wie die Propheten, ärztlicher Kenntnisse bar gewesen seien. 

Namen von Aerzten sind im Talmud sehr selten und wo sie er- 
scheinen, wird von ihren Fachkenntnissen wenig mitgeteilt. Ein Arzt 
Thodos, der noch zur Zeit des Tempels lebte, und dessen Identität 
mit dem gleichnamigen griechischen Empiriker man geraten hat, be- 
richtet, dass man in Alexandria jedes Mutterschwein vor dem Export 
kastriert habe und begutachtet, dass eine ihm vorgelegte Anzahl 
Wirbel nicht von demselben Menschen stamme. Schüler des B. Ismael 
obduzieren (kochen) um 100 p. Chr. den Körper einer zum Tode 
verurteilten Prostituierten, um die Zahl der Glieder des menschlichen 
Körpers zu bestimmen. R. Ismael berichtet auch von Vivisektionen 
an Verbrecherinnen in Alexandria, wie denn überhaupt die Beziehungen 
zwischen jüdischen und alexandrinischen Aerzten sehr enge gewesen 
zu sein scheinen und jedenfalls eingehender Untersuchung noch wert 
sind. Dass jüdische Aerzte auch in Alexandrien gelebt haben, kann 
als sicher gelten. Ein anderer, späterer Kreis ärztlicher Praktiker 
gehört den babylonischen Juden an, unter denen sich besonders Mar 
Samuel (165 — 257) einen Namen gemacht hat. Er ist, wie alle seine 
Landsleute (Chaldäer), gleichzeitig Astrolog. Man kannte von ihm 
ein „collyrium Samuelis", dessen Wert er aber selbst nicht hoch an- 
schlägt, vielmehr hält er klares Wasser für das beste aller Augenwässer. 
Er lehrt, dass wenn man einem lebenden Tiere das Genick bricht und 
ihm dann den Hals durchschneidet, das Fleisch nicht ausblutet. Von 
ihm stammt die forensisch wichtige Lehre, dass die Defloration unter 
Umständen auch ohne Blutung stattfinden könne. Der weitaus grösste 
Teil der ärztlichen Aussprüche aber, die sich im Talmud finden, ist 
anonyme Tradition, so dass eine Datierung derselben häufig nicht ein- 
mal annähernd möglich ist. 

Von der Verantwortlichkeit des Arztes wird besonders in der 
Tosefta öfters gesprochen. Schadet er einem Kranken absichtlich, so 
ist er strafbar „um der Weltordnung willen", ist die Beschädigung 
durch einen Irrtum des Arztes veranlasst, so greift das irdische Ge- 
richt nicht ein, sondern seine Aburteilung bleibt dem Himmel auf- 
bewahrt. Dagegen ist er für Fahrlässigkeit auch auf Erden haft- 
pflichtig. Diese Gesetze gelten übrigens nur für den Arzt, „der heilt 
mit Erlaubnis der Behörde", während der Nichtapprobierte dem ge- 
meinen Recht unterliegt, also auch bei Schaden durch Irrtum haft- 
pflichtig ist. Griechenland und Rom bestraften, wie bekannt, den 
Arzt selbst bei vorsätzlicher Tötung des Kranken nicht. 

In der Bibel hat von jeher das Kapitel von der gara'^ath 
(Levit. 13) das Interesse der Aerzte erregt. Dass es sich um die Lepra 
der Haut handelt, darf als ausgemacht gelten trotz der mehr oder 
minder geistreichen Hypothesen, die die Neuzeit wieder gebracht hat. 
Es wird die Diiferentialdiagnose zwischen anderen schuppenden, fleckigen 
Erkrankungen der Haut gegeben, im Zweifel wird der Kranke auf 
eine oder zwei Wochen eingeschlossen (isoliert) und, falls sich wirk- 
liche Lepra herausstellt, dauernd aus dem Lager entfernt und ihm die 
Verpflichtung auferlegt, jeden, der sich ihm nähert, durch Zuruf auf 
seine Krankheit aufmerksam zu machen. 



Die Medizin der Juden. 113 

Hervorzuheben sind ferner aus der Bibel die Vorschriften über 
die Gonorrhoiker (zabim), über Menstruierende und Wöchnerinnen, 
die Speisegesetze, unter denen das wiederholt mit grosser Strenge ein- 
geschärfte Verbot des Blutgenusses besonders bemerkenswert ist, das 
ebenfalls mit Nachdruck betonte Gebot der Sabbathruhe, die auch 
Sklaven und Vieh umfasst, und manches andere, das allgemein bekannt 
ist. Aber ob alle diese Gesetze in hj^gienischer Absicht gegeben oder 
ob ihnen kultuelle, ethische oder sonstige ErAvägungen zu Grunde liegen, 
das sagen uns die Quellen nicht, wenn sich dem modernen Leser auch 
diese Meinung mit zwingender Gewalt aufdrängt. Dass dagegen die 
strikte Befolgung dieser Vorschriften auf die Gesundheit des Volkes 
resp. des Individuums von heilsamstem Eiufluss sein musste, leuchtet 
ohne weiteres ein. 

„Interessante Fälle" aus der Bibel sind: die Beulenpest mit dem 
Mäusesterben bei den Philistern, die Anfälle von Petit mal des Königs 
Saul und die Epilepsie und Melancholia agitata der Besessenen in den 
Evangelien. 

Geburtshilflich wird (aus der Aegypterzeit) ein Gebärstuhl, obnajim, 
erwähnt. Die Institution der Hebammen ist bekannt, ihre Leistungen 
iDeschränken sich auf das Vertrösten der Kreissenden. Abnorme Ent- 
bindungen sind die der Rebecca, bei der bei der Geburt des zweiten 
Zwillings ein Arm vorfällt, und die der Rahel, die, vielleicht infolge 
von Uterusatonie, bei der Entbindung stirbt. Thamar erleidet bei 
ihrer Zwillingsgeburt einen Dammriss, während der zweite Zwilling 
durch Selbstwendung spontan zur Welt kommt. Das Weib des Pinchas 
(I. Sam. 4, 19) stirbt bei einer infolge heftigen Schrecks eingetreteneu 
Frühgeburt. 

lIL 

Die Miscliiia hat verschiedentlich Veranlassung, ärztliche Dinge 
^u besprechen. Die Zahl der Glieder (Knochen) des menschlichen 
Körpers wird auf 248 angegeben, was der Wahrheit entspricht, wenn 
man, wozu triftige Gründe vorliegen, mit Kazenelson annimmt, mau 
habe die Leiche einer 16 — 17 Jahre alten Person gekocht, wobei die 
noch niclit durch feste Verknöcherung verschmolzenen Skeletteile aus- 
einanderfielen. Das biblische Gesetz, dass sowohl der Priester als auch 
das von ihm darzubringende Opfer ohne Körperfehl sein soll, bildet 
den Grund zu einer Art Musterungsvorschrift, in der alle Fehler, die 
dienstuntauglich machen, aufgezählt werden: eine ganze Anzahl von 
Augenleiden, besonders Hornhautflecke und Staar, Verunstaltungen der 
Nase (durch Lepra), sowie zahlreiche Missbilduiigen des Schädels, der 
Wirbelsäule und dei; Extremitäten ; ferner Abnormitäten der Genitalien : 
die verschiedenen Arten von Kryptorchismus — ein Fall von Retentio 
testis lumbalis beim Tier wird aus dem 1. nachchristlichen Jahr- 
hundert beschrieben — und der Spadonie. Zu letzterer rechnet R. 
Ismael auch den meroach eschek der Bibel („seine Hoden sind zer- 
drückt", Levit. 21, 20), während R. Akiba darunter die Pneumatokele 
der Alexandriner versteht („er hat Luft in seinen Hoden'*). Dienst- 
untauglich ist auch der Epileptiker, der Taubstumme und Geisteskranke. 

Auf die Abnormitäten der Genitalien näher einzugehen, geben auch die 
Ehegesetze Veranlassung. Dem Manne mit zerquetschten Hoden oder zer- 
schnittener Harnröhre verbietet schon die Bibel die Ehe (Deut. 23, 2). Der 

Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 8 



114 J- Preuss. 

ersten Kategorie setzt die Mischiia alle Formen des Kasti-atentums gleich, 
die übrigens die Bibel gleichfalls schon erwähnt und bei Menschen 
und Tieren auszuführen verbietet; zur letzteren Form gehören auch 
die Fisteln und Spaltbildungen des Penis, falls sie den Penisschaft, 
nicht bloss die Glans betreffen. Als „Merkmale des Kastraten" werden 
angegeben : er hat keinen Bart, sein Haar ist weich, seine Haut glatt, 
er lässt seinen Harn nicht im Bogen, seine Stimme ist hoch, sodass 
sie von der einer Frau nicht zu unterscheiden ist, sein Körper dampft 
nicht, selbst wenn er zur Kegenzeit in kaltem Wasser gebadet hat. 
Unterschieden wird „der saris durch Menschenhand'', der eigentliche 
Kastrat, von dem saris chammah, dessen Genitalien auf kindlicher 
Stufe der Entwicklung stehen geblieben sind, wie dies infolge Lepra 
ja auch heute noch nicht selten beobachtet wird. Eheunfähig sind 
auch die Zwitterformen des Androgynos und tumtom (Krypsorchis). 

Gynäkologisch-geburtshilfliche Bemerkungen finden sich in den 
Ausführungsgesetzen der biblischen Verordnungen über Menstruation 
und Wochenbett. Die Vagina wird vom Uterus unterschieden. Die 
Pubertät, deren Eintritt die Straf- und Ehemündigkeit bedingt, er- 
scheint beim Weibe früher als beim Manne. Bei beginnender Pubertät 
bildet sich unter der Brustdrüse eine Falte, die Mamma neigt sich 
nach vorn über, der Warzenhof färbt sich dunkler, die Mamilla lässt 
sich eindrücken und richtet sich erst langsam wieder auf. 

Die Dauer der regelmässigen Menses normiert die Bibel auf längstens 
7 Tage, unterschieden davon werden protrahierte Blutungen und .,Blu- 
tungen nicht zur Zeit der Menses". Schreck und sonstige heftige 
psychische Erregungen können früheren Eintritt bedingen. Da auf die 
Kohabitation mit einer Menstruierenden oder sonst „aus dem Blutquell" 
(Uterus) blutenden Frau die Bibel die Strafe der Vertilgung durch 
Gottes Hand setzt, so werden detaillierte Anweisungen zur Unter- 
scheidung dieses Blutes von anderem nötig. Subjektive Zeichen des 
„Unwohlseins" sind : Gähnen, Niesen, abnorme Sensationen in der Nabel- 
gegend und im Unterleibe, Fluor, Fieberschauer. 

Aus demselben Grunde war auch die Diagnose einer stattgehabten 
Entbindung erforderlich. Abgegangene Klumpen werden in Wasser 
gelegt, lösen sie sich auf, so bestehen sie aus Blut. Ein sandalen- 
artiger Fötus (F. papyraceus) ist nur möglich, wenn gleichzeitig ein 
andei'er, normaler, da ist. Zwillinge können gemeinsame oder ge- 
sonderte Eihäute haben. Embryotomie am lebenden Kinde darf nur 
ausgeführt werden, bevor der Kopf den Scheideneingang verlassen hat, 
später vernichtet man nicht ein Leben um eines anderen willen. 
Einer Hochschwangeren, die auf dem Gebärstuhl verstorben ist, soll 
man den Leib aufschneiden und das Kind herausnehmen, da es vor- 
gekommen ist, dass das Kind nach dem Tode der Mutter noch gezuckt 
hat. Schwierigkeiten in gesetzlicher Beziehung macht das „durch die 
Wand Geborene" (joce dophen). Nach Eabbi Simon ist es jedoch „wie 
ein geborenes" anzusehen. . Schon diese Bemerkung zeigt, dass joce 
dophen nicht, wie man auf scholastischem Wege beweisen wollte, 
ein durch centralen Dammriss geborenes Kind sein kann, dass viel- 
mehr die übereinstimmende Tradition der Kommentare im Eecht ist, 
die darunter den Kaiserschnitt an der Lebenden und unter der „Wand" 
die Bauchwand versteht. Thatsache ist, dass die Mischnagesetze 
mehrfach mit dem lebenden joce dophen und seiner ebenfalls lebenden 
Mutter (glücklicher Ausgang für Mutter und Kind) rechnen, wobei 



Die Medizin der Juden. 115 

dahingestellt bleiben möge, ob diese Annahme auf Beobachtung oder, 
wie Israels wollte, auf einem theoretischen Analogieschluss von dem 
allgemein bekannten Kaiserschnitt an der Toten beruht. 

Die geschlechtliche Differenzierung der Frucht ist mit dem 41. Tage 
vollendet, nach R. Ismael jedoch, der Gelegenheit hatte, in Alexandria 
eine schwangere Verbrecherin vivisezieren zu sehen, kann die Dia- 
gnose der weiblichen Frucht erst mit dem 81. Tage gestellt werden. 
Achtmonatskinder sind nicht lebensfähig, wohl aber im 7. Monat ge- 
borene. 

Ein ausführliches Kapitel ist den Hautkrankheiten (nega'im) ge- 
widmet. Der biblische Name Qar'^aath für den Aussatz ist aber aus 
der Sprache für immer geschwunden, man diskutiert nur noch die 
beiden Einzelformen der wie Schnee glitzernden bahereth und der 
stumpfen, in ihrer Farbe der Schalenhaut des Eies gleichenden seeth, 
macht darauf aufmerksam, dass eine Atfektion auf der Haut eines 
Germanen anders aussehe als auf der eines ]\Iohren und wieder anders 
bei einem in der Hautfarbe zwischen beiden stehenden Semiten. ]\[an 
lässt den Leprösen zum Lehrhause zu, trennt ihn aber von den übrigen 
Besuchern durch eine 10 Handbreit hohe AVand,' er muss zuerst ein- 
treten und zuletzt herausgehen. Noch aus der Zeit des Tempels 
werden Fälle von Lepra mutilans erwähnt. Am Rüsttage des Passah-*- 
festes gingen diese Unglücklichen in Jerusalem zum Arzt, um sich 
ihre „hängenden gefühllosen Glieder" amputieren zu lassen, da sie zur 
Darbringung des Opfers nicht durch Totes verunreinigt sein durften. 

Von besonderem Interesse sind die Verordnungen bei Gelegenheit 
der Speisegesetze. Nach biblischer Vorschrift ist ein gefallenes oder 
von wilden Tieren zerrissenes Tier (trepha) zum Genuss verboten. Die 
Mischna nennt als trepha alle Tiere, bei denen sich Verletzungen oder 
sonstige abnorme Zustände an inneren Organen finden, denen das 
Tier, falls es nicht geschlachtet worden wäre, in absehbarer Zeit 
erlegen wäre, freilich ohne ausdrücklich zu lehren, dass der Genuss 
solcher Tiere gesundheitsschädlich sei. Jedes Schlachttier muss auf 
solche Zustände untersucht werden. Der Gedanke und die konsequente 
Durchführung dieser obligatorischen Fleischschau — die mit 
der heidnischen Opferschau natürlich gar keine Beziehungen hat — , 
die ausnahmslos, auch für Hausschlachtungen, gilt, bildet den Glanz- 
punkt der talmudischen Medizin überhaupt, mögen auch in Einzel- 
heiten die modernen Anschauungen von denen der Mischna abweichen. 
Gleichzeitig geben diese Vorschriften ein ungefähres Bild der chirur- 
gischen Veterinärpathologie der Tanaiten. 

Es gelten als lebensgefährlich: Perforation des Oesophagus, Ab- 
reissung der Trachea (aber nicht einfache Perforation oder Längs- 
w^unden), Perforation der Hirnhaut, perforierende Herzwunden, Bruch 
der Wirjjelsäule mit gleichzeitiger Trennung des Rückenmarks, voll- 
ständige Entfernung der Leber, Perforation oder Defekte der Lunge, 
Perforation des Magendarmsystems, soweit dadurch Speise- oder Kot- 
massen in die freie Bauchhöhle oder in das umliegende Zellgewebe 
austreten können, Perforation der Gallenblase. Nicht lebensgefährlich 
sind: Entfernung der Milz, der Nieren, des Uterus, grösserer Leber- 
teile, fistulöse Kommunikation zwischen Netzmagen und Blätter- 
magen. 

In dieser ganzen Liste, die offenbar eine Art Anleitung für den 
Fleischbeschauer darstellt, kommt nicht ein einziger griechischer oder 



116 J. Preuss. 

sonst fremdsprachlicher Terminus vor, so dass die Annahme, sie sei 
von Fremden entlehnt, wohl ausgeschlossen ist. 

IV. 

In der Gemara werden wieder die meisten Einzelbestimmungen 
der Mischna einer Besprechung unterzogen. Mar bar E. Asche hat 
einen Penis mit Epispadie wie einen Calamos zurechtgeschnitten, 
wohl nach der Technik, die wir von Antj^llus, seinem alexandrinischen 
Zeitgenossen, kennen (Oribas. 50, 3). Für Sperma und Harn existieren 
zwei gesonderte Ausführungsgänge. Dem Kastraten unter den Männern 
entspricht bei den Frauen die ajlonith: sie hat keine Brüste, hat 
Schmerzen bei der Kohabitation, Labien und Mons veneris sind nicht 
wie bei anderen Frauen entwickelt, sie hat selbst als 20jährige noch 
keine Pubes, ihre Stimme ist männlich - rauh. Sie ist nicht ge- 
bärfähig. 

Auf gynäkologischem Gebiet bringt man ein Eohr, das oben etwas 
Werg trägt, in die Vagina, um im Zweifelsfalle zu entscheiden, ob 
Blut wirklich aus dem Quell, dem Uterus, stammt. Die Untersuchungen 
werden, wie im Altertum überhaupt (Galen K. VIII. 433), von Frauen 
ausgeführt, die dem Arzte resp. in foro Bericht erstatten. 

Die Dauer der Schwangerschaft wird auf 271—274 Tage ange- 
geben. In den ersten drei Monaten liegt das Kind im unteren Teil 
seiner Wohnung (des Abdomens oder des Uterus?), in den mittleren 
im mittleren, in den letzten im oberen Teil. Es liegt zusammengerollt 
wie eine Schreibtafel, die Arme an den Schläfen, die Achselhöhlen auf 
den Knieen, die Fersen gegen die Glutäen, der Kopf liegt zwischen 
den Schenkeln, der Mund ist geschlossen, der Nabel offen ; es isst und 
trinkt dasselbe wie die Mutter, hat aber keinen Stuhl, um die Mutter 
nicht zu töten. Bei der Geburt öffnet sich das Geschlossene und 
schliesst sich das Offene, sonst könnte es keine Stunde leben (R. Samlai 
im 3. Jahrhdt.). 

Wichtig ist eine Bemerkung des R. Zeira im Namen des R. Huna 
(um 250 p.Chr.): Alle Früchte sind als 7 Monats- oder 9 Monatskinder 
angelegt. Manche der ersteren Kategorie werden einen Monat länger im 
Uterus zurückgehalten und bleiben dann am Leben, manche der letzteren 
Art werden einen Monat früher geboren und sterben dann (j. Keth.IV, 
5*^ Anf.). Man hat also zweifellos beobachtet, dass auch 8 Monats- 
kinder am Leben bleiben, nun aber auch die Theorie aufzugeben, die 
alle Welt glaubte, dazu konnte man sich nicht entschliessen. 

Ausführlich sind die Diskussionen über die trephoth. Bänder 
(sirka) zwischen den Pleurablättern sind nicht Ligamenta spuria, sondern 
krankhafte Gebilde : bei intakter Serosa entsteht keine sirka. Bronchi- 
ektatische Höhlen werden von ulcerösen geschieden. Eingehend werden 
die Perlsuchtgebilde auf der Pleura geschildert, aber nicht für lebens- 
gefährlich erklärt. Ist von der Leber soviel wie' eine Olive übrig ge- 
blieben an der Stelle, wo die Gallenblase liegt, sie (die Leber) wächst, 
so ist eine Restitutio ad integrum möglich. Ist auch nur eine Niere 
wie faules Fleisch geworden, so dass sie beim Anfassen zerfällt, oder 
ist Eiter im Nierengewebe, so ist das Tier trepha. 

Chirurgisch interessant ist die Lehre, dass die Hand der Wunde 
schadet. Ein Heide sieht einen Mann, dem durch- einen Sturz vom 
Dache der Leib geborsten war, so dass die Därme heraustraten. Da 



Die Medizin der Juden. 117 

liess er den Sohn des Verletzten holen und that, wie wenn er ihn vor 
den Augen des Vaters töten wollte. Bei diesem Anblick bekommt der 
Kranke einen Ohnmachtsanfall, seufzt tief auf, die Därme treten zurück 
und jener näht den Leib zu, ohne den Darm berührt zu haben. — 
Einem Schaf hat man ein Stück aus der Trachea fensterartig aus- 
geschnitten und das Tier, nachdem die Wunde durch ein Stück Rohr- 
haut verschlossen war, am Leben erhalten — die älteste Erwähnung 
der Tracheotomie in semitischen Quellen, soweit bis jetzt bekannt. 
Den sehr fetten R. Elasar bringt man in ein Marmorhaus, giebt ihm 
einen Schlaftrunk (Narkose) und nimmt viele Körbe Fett von ihm. 
In eine Penisfistel steckt man eine grosse Ameise, lässt sie sich fest- 
beissen und schneidet ihr dann den Kopf ab, der einheilen und die 
Fistel verschliessen soll. Die Furcht vor eisernen Instrumenten, der 
man im Altertum vielfach begegnet und die unter den Arabern noch 
Fachchirurgen teilen (z. B. Abulkasem IL 57), findet im Talmud ihren 
Ausdruck in dem Satz, dass „Eisen Entzündung macht". Daher 
schneidet man bei Atresia ani die den After verschliessende Haut mit 
einer Gerstengranne kreuzweis ein. Das gewöhnliche Operations- 
instrument ist natürlich trotzdem das Messer. — Für verloren ge- 
gangene Zähne hat man den künstlichen „Zahn von Gold", für fehlende 
Glieder eine Prothese qab, vielleicht ein nach Art eines Schuhes 
ausgehöhltes Holzstück. 

Aus dem Gebiet der Neurologie ist der Streit Rabinas und R. 
Jemars hervorzuheben über ein Schaf, dessen Hinterbeine nach- 
schleppten ; der eine meinte, es leide an Ischias, der andere, der Faden 
der Wirbelsäule (das Rückenmark) sei beschädigt. JVLan schlachtet 
das Tier, um die Diagnose durch die Autopsie zu kontrollieren. 

Ausserordentlich zahlreich sind die, meist in Form von Aphorismen 
durch den ganzen Talmud zerstreut vorkommenden diätetischen Regeln. 
Obenan steht die Warnung vor plötzlicher Aenderung der Lebensweise, 
denn sie führt leicht zu choli meajim, den im Orient so gefürchteten 
Darmkrankheiten. Von gleicher Wichtigkeit ist Massigkeit. Das Leid 
der Schlaflosigkeit, der Uebelkeit, der Bauchschmerzen ist bei den 
Unmässigen, lehrte schon Ben Sira, und „von der Mahlzeit, die dir 
gut schmeckt, zieh deine Hand bei Zeiten weg," mahnte R. Jochanan. 
Laufen, Sitzen, Stehen soll man gleichmässig einteilen. Wer isst ohne 
zu trinken, bekommt Verdauungsstörungen; man vermeidet sie daher, 
wenn man sein Essen in Wasser schwimmen macht. Wichtig ist ein 
kräftiger Morgenimbiss und wenn möglich, der tägliche Genuss von 
frischem Gemüse oder Kompo't. Kinder soll man nicht an Fleisch und 
Wein gewöhnen. Leichte Speisen braucht der Mensch, wenn er zur 
Welt kommt und wenn er sich anschickt, sie zu verlassen. — Selbst 
bei unheilbar Kranken verlangt die Humanität, dass der Arzt ihnen 
bestimmte Diätvorschriften gebe. Man soll bedenken, dass der Ge- 
sunde isst, was er gerade hat, der Kranke aber allerlei Leckerbissen 
verlangt. 

Ganz bekannt ist der Einfluss des Klimas auf Gesunde und Kranke. 
Rabbi wohnte in Beth Schearim; als er krank wurde, zog er nach 
Sephoris, das hoch liegt und dessen Luft balsamisch (bassim) ist. Der 
König, der seinen kranken Sohn zur Heilung an einen anderen Ort 
führt, kommt in den Gleichnissen sehr oft vor. Ebenso bekannt sind 
Bäder „im grossen Meer, in den heissen Quellen von Tiberias und in 
den Wassern Sodoms", die man „zur Heilung" nahm (j. Sabb. 14''), 



118 J. Preixss. 

natürlich auch die dem ganzen Orient geläufigen Dampfbäder ebenso 
wie Waschungen und Bäder aus Gründen der Sauberkeit, der Körper- 
pflege und des Kultus. 

Weitaus das Meiste jedoch aus der Zahl der ärztlichen Bemer- 
kungen, die die Gemara hat, gehört überhaupt nicht hierher, sondern 
in eine Geschichte der Volksmedizin. So all die Lehren, die Abbaje 
von einer klugen Frau, seiner Amme oder Mutter erhalten hat, so die 
Namen von Krankheiten und ihre Kuren, die bei der Besprechung 
des Gesetzes, dass bei gefährlichen Erkrankungen die Sabbatvorschriften 
nicht beobachtet werden dürfen, und bei anderen Gelegenheiten auf- 
gezählt werden. Hier treffen wir in der Aetiologie die Dämonen aus 
Persien, die Astrologie aus Babylon, das Pneuma aus Griechenland, in 
der Therapie das Besprechen von Wunden und manches Andere, das 
die mischnischen Schriften noch als heidnischen Aberglauben verbieten, 
die Amulete und Beschwörungsformeln. Die Namen der Krankheiten, 
häufig auch die der Medikamente, sind fremdsprachlich, meist griechisch. 
Ein sehr spätes Einschiebsel scheint eine nach Körperteilen syste- 
matisch geordnete Eezeptsammlung zu sein, die sich Gitt. 69 ab 
fiindet. Sie rührt vielleicht erst von Kabina aus dem 6. Jahrhdt. her. 

Zur Zeit des Midrasch hat im Volke griechische Freude an der 
Schönheit der äusseren Form über den rein auf das Abstrakte ge- 
richteten bilderlosen Kult des Judentums gesiegt ; die Priester schelten 
über das Verweilen in Theater und Cirkus, über die laxen Sitten 
Griechenlands und Roms, die auch ihre Umgebung anzustecken drohen, 
und manche Bemerkung in den Gleichnissen, z. B. über hysterische 
Stummheit, ist auch für die Medizingeschichte interessant. Aber 
bereits sind die Juden unter alle Völker der Erde versprengt und ihre 
Leistungen gehören der Geschichte des Volkes an, das sie aufge- 
nommen hat. 



Indische Medizin. 

Von Iwan Blocli. 



Litteraturverzeichnis 

(in chronologischer Reiheufolg-e). ^ 

Die ältere Litteratur bis 1875 hei Haeser^ „Lehrbuch dei' Geschichte der 
Medizin" I S. 5 {tcozu noch nachzutragen: J. II. Fürstenau und Johannes 
J*hUipp Pancmunn, „Spicileginm observationum de Indorum morbis et medicina^', 
Rinteln 1735, abgedr. in: Despntationes ad morborum historiam et airationem 
facientes etc. ed. A. Hall er , Lausanne 1758, Bd. VI S. 745—776). 

A. Weber, .,Akademische Vorlesungen über indische Litteraturgeschichte", 
Berlin 1876, S», S.' 82-33; S. 283-290; Nachtrag 1878 S. 13-14. — E. Haas, 
„üeber die Ursprünge der indischen Medizin, mit besonderem Bezug auf SMsrjtta" 
in: Zeitschr. der deutschen morgenl. Gesellsclmft 1876 Bd. XXX S. 617 — 670. — 
Derselbe, „Hippokrates nnd die indische Medizin des Mittelalters" ebendas. 1877 
Bd. XXXI S. 647-666. — Vdoy Chand UuU, „The Materia Medica of the 
Hindus", Calcutta 1877, 8^. — A. Maller, ., Arabische Quellen zur Geschichte der 
indischen Medizin", Z. d. d. morgenl. Gesellsch. 1880 Bd. XXXIV S. 465—556. — 
M. Garbe, „Die indischen Mineralien". Leipzig 1882, 8 °. — G. Lietard, „Sugruta" 
in: Dictionn. encycloped. des sciences medicales, Paris 1883, Bd. XII, S. 643 — 673. 
..Notice sur les connaissances anatomiques des Indous etc." Revue medic. de fest. 
Nancy 1884, Bd. XVL S. 236—240. — L. v. Schröder, „Indiens Litteratur 
und Kultur", Leipz. 1887, S. 729—733. — H. Joachim, „Die Diätetik und die 
Krankheiten des kindlichen Alters bei den alten Indern" in: Archiv für Kinder- 
heilkunde 1891 Bd. XII S. 179—233. — J. Jolly, „Sonic considerafions regarding 
the age of the Early Medical Literature of India" in: Transact. ofthe 9. Internat. 
Congress of Orientalists, London 1893 S. 454 — 461. — JP. Cordier, Etudes sur la 
Medecine Hindoue {Temps vediques et historiques)", Paris 1894. — ß. IJ. JBasii, 
„Essay on the Hindu System of medicine" in: Med. Rep. of Calcutta 1894, Bd. III 
S. 309 — 341. — JI. H. Sir Bhagvat Sinh Jee, ,,A short history of Aryan 
medical science'^, London 1896, 8°. — Takasusu, „J-Tsing", Oxford 1896. — 
P. Cordier, „Vägbhata etVAstängahridayasamhitä", Besangen 1896, 8°. — I>ers., 
„Nagarjuna et V Üttaratantra de la Siignitasamhitä", Anantarivo 1896 {Publication 
privee). — Sylvain JLevi, „Notes sur les IndoScythes" in: Journal Asiatique 1896 
9e Serie Vol. VIII S. 444 — 484 (über Caraka). — G. A. lAHard, „La litteraiure 
medicale de l'Inde" in: Bulletin de VAcademie de Medecine" 1896 Bd. XXXV 3« serie 
S. 466—484. — H. Fasbender, „Entwicklungslehre, Geburtshilfe und Gynäkologie 
der Hippokratiker", Stuttgart 1897, 8 ", S. 41—70 (Indische Geburtshilfe). — IJefard, 
„Le medecin Charaka. Le serment des hippocratistes et le serment des medecins 
hindous". Bull. deVAcad. de Med. 1897 Bd. XXXVII 3« serie S. 565— 575. — „Hymns 
of the Atharva-Veda" translated by Maurice Bloom field, Bd. XLII von Max 
Müll er 's „Sacred Books of the East", Oxford 1897, c9 ". — Derselbe in „Grund- 
riss der indischen Philologie" von Bühl e r - Kielh orn Bd. II, 1, b {Atharvaveda). 
— Lietard, „La doctrine humorale des Hindous et le Rig-Veda", Janus 1898 Bd. III 



120 Iwan Bloch. 

S. 17 — 21. — JP. Cordier, „Quelques donnees nouvelles ä propos des traites medicaux 
sanscrits antericurs au XIll« siecle", Calcutta 1899, 8° (Puhlication vrivee). — 
fj. Hirschberg, „Geschichte der Augenheilkunde^'' , Leipz. 1899, 8°, Bd. 1 S. 31 — 49 
{Augenheilkunde der Inder). — J. JEÜoch, „Ein neuer Beitrag zur Frage der Alter- 
tumssyphilis'' in: Monatshefte für prakt. Dermatologie 1899 Bd. XXVIII S. 629 bis 
632. — X. Aschoff, „lieber das Botver-Manuskripf^ in: Deutsch, med. Wocheii- 
schrift 1900, Vereinsbeil. No. 8 S. 50. — Th. A. Wise, „Commenfary of the 
Hindoo Systeme of medicine", London 1900, 8 ° {unveränderter Neudruck der Aus- 
gabe von 1860). — W. Caland, „Altindisches ZauberrituaV^ , Amsterdam 1900. — 
G. liietard, „Resume de Vhist. de la med. chcz les orientaux en Europe jusqu'au 
XIII. siede'' in Bull med. Vosgues, Epinal 1900 Bd. X V S. 19—32. — ,f. Jolly, 
„Zur Quellenkunde der indischen Medizin {1. Vägbhatay in: Zeitschr. der deutsch, 
morgenl. Gesellsch. 1900 Bd. LIV S. 260 — 274. — ,f. OrtJi, „Bemerkungen über das 
Alter der Pocken-Kenntnis in Indien und China'' in: Janus, Archives internat. pour 
Vhistoire de la medecine, 1900 Bd. V S. 391—396; S. 452—458. — ,T. Jolhj, „Nach- 
trägliches über das Alter der Pockenkenntnis in Indien", ebendas. Bd. V S. 577—578. 
— i. Aschoff', „Das Knoblauchlied aus dem Boiver-Manuskript" , ebendas. Bd. V 
S. 493 — 501. — JP. Cordier, „Origines, evolution et decadence de la medicine In- 
dienne" in : Annales d'' Hygiene, Paris 1901, Bd. IV S. 81 ff. — fl. Jolly, „Indische 
Medizin" in Bühl er ''s {bezw. Kielhorn^s) „Grundriss der indo-arischen Philo- 
loge", Strassburg 1901 {unter der Presse; dank der Güte des Verfassers konnte der 
die vener. Krankheiten und Lepra betreffende Teil des Manuskriptes benutzt iverden). 
In Beziehung auf die Ausgaben der einzelnen indischen Autoren und sonstigen 
Schriften über dieselben vgl. die Angaben an den betreffenden Stellen. 



Litterarhistorische Einleitung. 

In dem seit der letzten Bearbeitung der indischen Medizin durch 
Haeser verflossenen Vierteljahrhundert haben sich die Anschauungen 
über den Charakter und die Entwicklung der indischen Heilkunde zu 
wiederholten Malen geändert, und erst in neuester Zeit wurden einige 
sichere Thatsachen ermittelt, welche der weiteren Forschung über die 
Quellen der indischen Medizin und ihre Beziehungen zur Heilkunde 
anderer Völker als Ausgangspunkte dienen können. Es befindet. sich 
diese Forschung noch in den Anfängen, wie die folgende litterar- 
historische Uebersicht lehrt, welche den gegenwärtigen Stand derselben 
in Kürze darlegen soll. 

Die Zahl der medizinischen Werke der Inder ist eine ungemein 
grosse. Lietard hat 230 Autorennamen und 500 Büchertitel ge- 
sammelt, und schätzt die Gesamtzahl der alten und modernen medi- 
zinischen Schriften auf 700 bis 800. ^) Die drei ältesten und berühm- 
testen medizinischen Schriftsteller, auf denen zu einem grossen Teile 
alle folgenden beruhen, sind Susruta, Caraka und Vägbhata, 
die „alte Trias" (VrddhatrayT) der indischen Medizin. Mit ihnen vor 
allem hat sich die geschichtliche Forschung der letzten 25 Jahre be- 
schäftigt, da ihre genaue chronologische Fixierung uns zugleich Auf- 
schlüsse über die grössere oder geringere Originalität der indischen 
Medizin gewährt, die besonders ein Gegenstand heftigen Streites ge- 
wesen ist. 

In zwei durch einen oft allzugrossen Scharfsinn bemerkenswerten 
Abhandlungen verfocht E. Haas die Ansicht, dass die indische Medizin 



^) Vgl. insbesondere den „Catalogue of the Sanskrit Manuscripts in the Library 
of the India Office" edited byJuliusEggeling, London 1896 Part V p. 923—990 
(Medizin. Handschr.). — Gildemeister, ,.Bibliothecae sanscriticae specimen", Bonn 
1847, S. 149 ff. — A. Webers „Verzeichnis der Sanskrithandschriften der K. Bibl. 
in Berlin" Bd. I u. II, Berl. 1853—1890. 



Indische Medizin. 121 

jeder Originalität entbehre und nur eine „schattenhafte Reproduktion 
geborgter und schlecht verstandener Weisheit, vermengt mit eigenem 
kindischen Unverstand sei", die nicht über die im ganzen Mittelalter 
gültige, von Galen ererbte und von den Arabern fortgepflanzte 
Humoralpathologie und über die gleichfalls von den Arabern besessenen 
Kenntnisse in der Chirurgie hinausgehe. Was den theoretischen Teil 
der indischen Medizin betreffe, so sei derselbe ein blosser „Reflex der 
griechischen Naturphilosophie", wie diese in den successiven Bearbei- 
tungen der Syrer und Muhammedaner nach dem Osten gedrungen sei. 
Haas nimmt als Anfangs- und Endpunkte für die Entstehung der 
systematischen Wissenschaft der Medizin bei den Indern die Mitte des 
10. und die Mitte des 15. Jahrhunderts nach Chr. an, wobei er das 
berühmte Hauptwerk der indischen Medizin, das des Susruta für 
ein modernes Produkt des 15. Jahrhunderts, das Werk des Caraka 
für einen „Pseudo-Caraka" erklärt. Er stützt sich hierbei besonders 
auf die Angaben des Fihrist (10. Jahrhundert) und des „Tibb-i-Sikan- 
darl" (15. Jahrhundert), einer persischen Uebersetzung und Encyklopädie 
der indischen Medizin. Was Vägbhata betrifft, so meint Haas, dass 
dieser zeitlich älter sei als Susruta und Caraka; denn es „müssen 
erst Sammelwerke wie Yägbhata's „Astafigahridaya" vorausgegangen 
sein, ehe ein Laie sich mit der Behaglichkeit und Geschwätzigkeit 
eines Susruta oder Caraka darüberhermacht und sie mit moralisieren- 
den Gemeinplätzen verficht, die der AVürde des Gegenstandes durch- 
aus nicht entsprechen" (?). 

Zur näheren Begründung dieser Ansicht, die, wie gleich bemerkt 
sei, weit über das Ziel hinausschiesst, wies Haas auf verschiedene 
merkwürdige Uebereinstimmungen einzelner Stellen des Susruta 
und des Hippokrates hin und Hess sich sogar zu der kühnen 
Etymologie Susruta = Bukrät = Hippokrates, Käsl= Kos, 
Divodäsa = ^toeiör^g verleiten. Doch ist gerade dieser Teil der Unter- 
suchungen von Haas über die Analogie zwischen indischer und 
griechischer Medizin der wertvollste, weil solche in der That bestehen, 
wie später an einigen Beispielen gezeigt werden soll. 

Im übrigen wurden die Haas sehen Hypothesen alsbald durch die 
vortreffliche Arbeit von A. Müller arg erschüttert, durch welche die 
unzweifelhafte Existenz des Werkes von Susruta, wie wir es jetzt 
kennen, um das Jahr 910 n. Chr. nachgewiesen wurde. Ein um jene 
Zeit geschriebenes arabisches Buch, angeblich eine durch den Inder 
Manka aus dem Sanskrit ins Persische übersetzte Toxikologie des 
indischen Arztes S ä n ä k , enthält unverkennbare Spuren der Benutzung 
eines Kapitels des Susruta. 

Ferner fand man auf einer Ruine bei Angkor in Cambodja eine 
Inschrift mit einer Erwähnung des Susruta und seiner Geschick- 
lichkeit als Arzt. Es ist diese Inschrift zu Ehren eines Königs 
Yasovarman verfasst, der seit 889 und vor 910 regierte. 

Endlich wird Susruta schon in der ältesten medizinischen Hand- 
schrift, dem B w e r - Manuskript, welches dem fünften nachchristlichen 
Jahrhundert angehört und nach Hoernle mehrere auffällige textliche 
Uebereinstimmungen mit Susruta und Caraka aufweist, erwähnt. 
Es geht aus dem Inhalt des Bo wer- Manuskriptes hervor, dass diese 
beiden Schriften schon damals „alte Bücher" waren, und dies ist für 
Caraka durch einen weiteren Fund in erfreulicher Weise bestätigt 
worden. Sylvain Levi veröffentlichte nämlich im Jahre 1896 im 



122 Iwan Bloch. 

„Journal Asiatique" eine Notiz aus einer alten chinesischen [Jeber- 
setzung einer Sanskriterzählung über den indoskythischen König 
Kaniska. Die Uebersetzung ist ungefähr um 405 n. Chr. verfasst. 
Kaniska regierte am Anfang des ersten nachchristlichen oder am 
Ende des ersten vorchristlichen Jahrhunderts.^) In dieser Erzählung 
ist von Caraka als von einer ganz bekannten Persönlichkeit die 
Rede, die zur Zeit des Kaniska lebte und den Euf eines bedeuten- 
den Arztes genoss, so dass der König seine Bekanntschaft zu machen 
wünschte. Eines Tages kam Caraka in den Palast des Kaniska 
und imponierte dem König in hohem Grade durch seine schlagfertige 
Redeweise. Bald fand Caraka Gelegenheit seine ärztliche Kunst 
dem Könige ad oculos zu demonstrieren. Er extrahierte der Lieblings- 
gemahlin Kaniska's ein totgeborenes, in Fusslage befindliches 
Kind. Er warnte dann den König vor einer neuen Schwängerung 
dieser Gattin, da dieselbe D3^stokie zur Folge haben würde. Doch 
„das Feuer der lasciven Begierden des Kaniska loderte zu heftig", 
wiederum erfolgte eine Konzeption und die Königin gebar unter den- 
selben Schmerzen einen Sohn. Caraka, tief betrübt über die Miss- 
aclitung seiner Ratschläge, zog sich in die Einsamkeit zurück, um 
ganz seinen Studien und erbaulicher Beschäftigung zu leben. 

Hiernach fällt die Lebenszeit des Caraka mit grösster Wahr- 
scheinlichkeit in den Beginn unserer Zeitrechnung. -) 

Was den dritten altindischen Arzt Vägbhata betrilft, so hatte 
Huth („Sitzungsbericht der Berl. Akad. d. Wissensch." 1895 S. 267 If.) 
einen Kommentar des Candränanda zu Vägbhata's „Astan- 
gahrdaya" in dem tibetischen Tandjur nachgewiesen und danach als 
untere Grenze für die Abfassungszeit dieses Werkes das 8. Jahrhundert 
n. Chr. angenommen. Ihm trat Cordier in mehreren Schriften ent- 
gegen und erklärte den Vägbhata für einen Zeitgenossen des Königs 
Jayasimha von Kaschmir (1196 — 1218). Neuerdings hat J. JoUy 
dem Vägbhata eine ausführliche quellen kritische Studie gewidmet 
und sich dabei besonders auf ein älteres Werk desselben, den „Astän- 
gasamgraha" gestützt, der wahrscheinlich von dem echten Väg- 
bhata stammt, während der „Astängahrdaya" einen Pseudo-V. zum 
Verfasser hat. Dieses Werk ist nach Jolly wahrscheinlich nicht 
nach dem 7. Jahrhundert n. Chr. entstanden, und da in ihm 
wieder Caraka und Susruta als ältere Autoren citiert werden, 
so gewinnen wir wiederum auch für diese chronologische Anhalts- 
punkte. Vägbhata gehört übrigens einer Medizinerfamilie an. Denn 
es heisst am Schlüsse des „Astängasamgraha" : „mein Grossvater, von 
dem ich meinen Namen habe, war der ausgezeichnete Arzt Väg- 
bhata, dessen Sohn war Simhagupta, von diesem stammeich ab, im 
Indusgebiet bin ich geboren. Von meinem Lehrer Avalokita und 
meinem noch verehrungswürdigeren Vater lernte ich." Simhagupta 



') Nach T. W. R. Davids, „Der Buddhismus", Leipzig 1899, S. 245 begann 
er um 10 n. Chr. zu regieren. 

-) Die bxxddhistische Medizin in Indien, über die J-tsing (671—695 n. Chr.) 
ausführliche Angaben macht, entspricht der des Caraka und Susruta und wurde 
in fast unveränderter Form nach Tibet verpflanzt (vgl. H. Lauf er, ,, Beiträge zur 
Kenntnis der tibetischen Medizin", Berlin u. Leipz. 1900, 2 Teile). König Buddha- 
däsa von Ceylon (4. Jahrb.) war selbst Arzt, errichtete Hospitäler, ebenso Asoka 
(250 V. Chr.). Altbuddhistische Medizin des Mahävagga um 350 v. Chr. (3 Humores, 
Laparatomie etc.). 



Indische Medizin. 123 

wird an einer anderen Stelle „vaidj'apati" Meister der Medizin genannt, 
war also ebenfalls Arzt. 

Alle späteren medizinischen Schriften entlehnen den grössten Teil 
ihres Inhalts diesen drei Autoren. Sie werden bei der Uebersicht der 
einzelnen Ausgaben erwähnt werden. 

Von Interesse sind die bei Caraka, Susruta und Yäg- 
bhata und anderen Autoren sich findenden alten Ueberlieferungen 
über die Entstehung der indischen Heilkunde. Die Medizin gilt 
den Indern als ein „Upaveda" (Nebenveda) und wird von ihnen als 
„Ayurveda" (Heilkunde, Wissenschaft des Lebens) bezeichnet, dei- gött- 
lichen Ursprungs ist. Der älteste Menschenarzt ist Atreya. Ihm 
folgen Agnivesa und Caraka, Dhanvantari und dessen Schüler 
Susruta. Im „Astäiigasamgraha" des Yägbhata wird über den 
Ursprung der indischen Medizin folgendes berichtet: 

„So sprachen Atreya und die anderen grossen Weisen: Wer sich ein 
langes Leben wünscht, das religiöses Verdienst, Reichtum und Wohlsein 
bringt, muss sich streng an die Vorschriften des Ayurveda (der Heilkunde) 
halten. B rahm an, nachdem er das bedeutungsvolle, ewige Ambrosia des 
Ayurveda erkannt hatte , übergab es dem D a k s a , dieser den beiden 
Asvins, und diese dem Satakratu (Indra). Da nun die Menschen 
von Krankheiten gequält wurden, welche die Religion, den Erwerb, den 
Genuss und die Erlösung hemmten, begaben sich die erhabenen, grossen 
Weisen: Dhanvantari, Bharadväja, Nimi, Kas'yapa und Kä- 
s'yapa sowie Alambäyana und die übrigen, mit Punavarsu (Atreya) 
an der Spitze, zu dem hilfreichen Götterfürsten öatakratu. Als er sie 
erblickt hatte, trug ihnen der Tausendäugige (I n d r a) der Uebei-Heferung ge- 
mäss den das Leben schützenden Veda vor, der ein Nebenveda ist, aus den 
acht Teilen: (Heilung der Krankheiten des ganzen) Körpers, der Kinder, 
der (durch) Dämonen (veranlassten), der Glieder oberhalb des Schlüssel- 
beins (Ohren, Augen, Mund, Nase u. s. w.), Chirurgie, Toxikologie, Lehre 
von den Elixieren und Lehre von den Liebesmitteln besteht und heilig ist, 
so wie der Urvater (B rahm an) ihn erkannt hatte. Nachdem sie diesen 
heiligen Text begriffen und einander erklärt hatten, kamen die hochedeln 
Weisen erfreut zur Menschenwelt. Dort verfassten sie, um den Bestand 
des Ayurveda zu sichern, Lehrbücher. Nachdem sie dieselben abgefasst 
hatten, brachten sie sie sorgsam ihren tüchtigen Schülern bei: Agnivesa, 
Härlta, Bheda, Mändavya, Susruta, Karäla und den anderen. 
Dann verfasste auch jeder von diesen ein besonderes Lehrbuch, und sie 
trugen diese Werke ihren klugen Lehrern und den Scharen der Weisen vor. 
Von diesen gelobt, erlangten dieselben hohes Ansehen auf der Erde. Jedes 
einzelne dieser Werke behandelt aber nicht die Heilung der sämtlichen 
Krankheiten, und bei Beschäftigung mit den verschiedenen Werken würde 
über dem Lesen derselben ein Menschenalter vergehen, weil von den Ver- 
fassern der nämliche Gegenstand bald wiederholt abgehandelt, bald ver- 
schieden dargestellt ist, und weil sie, um die Erklärung des Sinnes bekümmert, 
nicht auf den Wortlaut achten. Deshalb wird mit thunlichster Zusammen- 
fassung aller Lehrbücher, der Abstufung der Zeitalter entsprechend, in 
(passender) Einteilung der Astängasamgi-aha abgefasst werden, der frei ist 
von Unordnung, AVortschwall, Selbstberichtigungen, Wiederholungen u. a. 
(Fehlern der Darstellung), nur auf die drei Teile (der Medizin) : Grund- 
ursachen, Symptome und Heilmittel Bezug hat, Bestimmungen, deren Sinn 



124 lAvau Bloch. 

und Wesen verborgen ist, erklärt, und "Widersprüche zwischen seinen eigenen 
und fremden Lehrbüchern zumeist beseitigt." 

(Uebersetzuug von J. JoUy.) 

Beziehungen der indischen Medizin zur griechischen und 
arabischen Heilkunde. 

Nach dem gegenwärtig-en Stande der historischen Forschung- über 
die Quellen der indischen Medizin darf als unzweifelhaft angenommen 
werden, dass die beiden extremen Anschauungen über die völlige Selb- 
ständigkeit derselben und andererseits ihre von Haas behauptete durch- 
gängige Abhängigkeit von der griechischen Medizin als völlig unhalt- 
bar zurückgewiesen werden müssen. Eine unbefangene Prüfung hat 
bisher eine durchaus selbständige Entwicklung der indischen 
Heilkunde nachgewiesen, die aber mit einer Aufnahme fremder 
Elemente verknüpft war. Unzweifelhaft hat eine Wechselwirkung 
zwischen griechischer und arabischer Medizin einerseits und indischer 
Medizin andererseits stattgefunden. Es ist deshalb von Wichtigkeit, 
die bisher darüber bekannten Thatsachen näher zu betrachten. 

Es ist bemerkenswert, dass schon in dem Corpus hippocraticum 
indische Heilmittel genannt werden, wie Narde, Zimt und 
Pfeffer. Der letztere, der von den Indern als Augenmittel verwendet 
wird, tritt auch bei Hippokrates (ed. Littre VIII, 202) ah ivdi/.6v 
(fcxQftayMv TO twv 6cp0^aX}.uöv o '/.aXetrai TtensQi auf. 

Ferner werden Sesamum Orientale, Andropagon Schoenanthus, 
Amomum, Hyperanthera Morunga, Cardamomum, Boswellia thurifera, 
Laurus Cinnamomum und andere Heilpflanzen indischen Ursprungs ge- 
nannt. Dass schon vor dem Zuge Alexanders des Grossen nach 
Indien Berührungen zwischen Griechen und Indern stattgefunden haben, 
ist wahrscheinlich ^), so dass sich hierdurch die Erwähnungen indischer 
Medikamente bei Hippokrates erklären. Sicher ist jedenfalls, dass 
ein Zeitgenosse des Hippokrates, der knidische Arzt Ktesias, 
der lange Jahre als Leibarzt am Hofe des Perserkönigs weilte, nach 
Indien kam oder wenigstens sehr zuverlässige Berichte über indische 
Verhältnisse empfing, die er in einem Werke 'Ivdr/.ä niederlegte, von 
dem leider nur noch Fragmente vorhanden sind. Ktesias, dessen 
Wahrheitsliebe nicht angezweifelt werden darf-), erzählt, dass die in- 
dischen Aerzte den Griechen in der Behandlung des Schlangenbisses 
überlegen seien, dass sie ebenfalls die heilende Kraft gewisser Quellen 
entdeckt hätten. Auch rühmt er die vortreffliche Gesundheit der Inder. 



^) Chr. Lassen, „Indische Altertumskunde", 2. Aufl., Leipzig 1867, Bd. II 
S. 583 nimmt weite Seereisen der Inder in frühgeschichtlicher Zeit an, von denen 
schon im Rigveda die Rede sei. — Haeser („Geschichte der Medizin", 3. Aufl., Leipz. 
1875, Bd. I S. 164) spricht von dem uralten Handelsverkehr der Aegypter und 
Phönikier mit Indien, zu welchem Ceylon die Brücke gebildet zu haben scheint. 
Auf dem Wege dieses Verkehrs gelangten dann die indischen Mittel nach Griechenland. 
W. Max Müller teilte Dr. Felix v. Oefele eine Stelle aus einem demotischen 
Papyrus mit, welche den als Arznei verwendeten Magneteisenstein aus Indien er- 
wähnt. (Gütige Mitteilung des Herrn Kollegen v. Oefele.) 

^) Vgl. meine Untersuchung über des Ktesias Nachrichten über die Lepra in 
Persien („Beiträge zur Geschichte und geographischen Pathologie des Aussatzes", 
Deutsch, med. Wochenschr. 1900 Xr. 9). Ferner Gilmore in seiner Ausgabe des 
Ktesias, London 1888, S. 5. 



Indische Medizin. 125 

Keiner von ilmen litte an Kopfweh, Augenkrankheiten, Zahnweh, Mund- 
geschwüren und Fäuhiis (?). ^) 

Die eigentliche Entdeckung Indiens durch die Griechen erfolgte 
durch den kühnen Zug des grossen Alexander. Seitdem fand ein 
regerer Verkehr zwischen Indien und Europa statt, der bis in die 
römische und bj'Zantinische Zeit angedauert hat. Nearchos, einer 
der Begleiter Alexanders, bezeichnet die Lebensweise der Inder als 
eine sehr einfache und hebt besonders die sorgfältige Pflege hervor, 
die sie ihrem Körper zu teil werden Hessen. Sie bedienten sich dabei 
insbesondere der Abreibungen durch glatte Eeibhölzer aus Ebenholz. 
Er behauptet nun — eine interessante Stelle — , dass die Inder diesen 
Gebrauch von den Griechen angenommen hätten, ebenso wie sie die 
Bereitung der Salben durch die Griechen kennen gelernt hätten. -) 

Im ganzen haben die Begleiter Alexanders ihre Aufmerksam- 
keit mehr der Natur als der Kultur Indiens zugewendet. Erst in der 
Diadoclienzeit begann diese letztere mehr beachtet zu werden. Es ist 
vor allem Megasthenes, dessen Reisen nach Indien C. Müller 
(Fragm. historicorum graecor. Paris 1848 Bd. II S. 398) zwischen 
300 und 288 v. Chr. ansetzt, welcher seine Eindrücke und Beobach- 
tungen während seines Aufenthaltes in Palibothra (Pataliputra) am 
Ganges (als Gesandter des Seleucus Xicator bei ,.SandrakottGs) 
in einem vier Bücher umfassenden Werke „Indica" niederlegte.") 
Aufzeichnungen medizinischer Natur wird besonders das zweite Buch 
der „Indica" enthalten haben, das nach Arrian und Strabo die 
Sitten der Inder behandelte. Diodor (II, 35) berichtet, dass einige 
Kapitel über die Beschaifenheit des Körpers der Inder, über Lebens- 
weise, und über den Einfluss der westlichen Kultur auf Indien ge- 
handelt hätten. Der Verlust dieses letzteren Kapitels ist besonders 
schmerzlich. Erhalten ist eine interessante Notiz des Megasthenes 
über die indischen Aerzte. Sie lautet: 

„Die indischen Philosophen sind die Brahmanen und Gannanen. Den 
letzteren stehen am Ansehen die Aerzte am nächsten. Sie leben einfach, 
aber nicht unter freiem Himmel, nähren sich von Reis und Mehl, die ihnen 
jeder, den sie darum bitten, gern gewährt. Sie verstehen es, die Frauen 
fruchtbar zu macheu und durch Arzneien die Erzeugung von Knaben oder 
Mädchen zu bewirken. Die Heilung von Krankheiten führen sie in der 
Regel durch geeignete Speisen, nicht durch Arzneien herbei. Am meisten 
schätzen sie unter den Heilmitteln Umschläge und Einreibungen, weil andere 
von schädlichen "Wirkungen nicht frei seien." 

(Uebersetzung von Haeser.) 

Während der ganzen Diadochenzeit und der römischen Weltherr- 
schaft hat ein lebhafter Verkehr zwischen Indien und den westlichen 
Ländern stattgefunden, der gewiss zu einem Austausch geistiger und 
materieller Schätze geführt hat. *) In Alexandria und in Rom konnte 



^) Ktesias, Fragm. 57,15 bei Lassen a. a. 0. II S. 654. 

2) Lassen a. a. 0. II S. 728. 

■^) Die Fragmente sind als „Megasthenis Indica" von E. A. Schwanbeck 
(Bonn 1846) herausgegeben. Saudrakottos liess dem Seleucus Aphrodisiaka 
und stimulierende Medikamente zukommen (Athenaeus, Deipnos. I, 32). 

*) Vgl. A. Weber, „Die griechischen Nachrichten von dem indischen Homer, 
nebst Aphorismen über den griechischen und den christlichen Einfluss auf Indien"' 
in „Indische Studien" Bd. II 1853 S. 161—169. 



126 Iwan Bloch. 

man häufig indische Kaufleute und Brahmanen sehen, und es ist be- 
zeichnend, dass Theophrast, ein Schüler des Aristoteles, sogar 
von einem Inder berichtet, der sehr wirksame Arzneimittel (Aphro- 
disiaka) besass. ^) Wiederholt kamen indische Gesandtschaften nach 
Rom -), und wenn auch umgekehrt fast nur römische Kaufleute nach 
Indien gingen, so kamen doch auch Gelehrte dahin. Lucian berichtet 
von einem jungen Paphlagonier, der in Alexandria studierte und von 
dort nach Indien reiste. (Lucian im Leben des „Alexander von Abono- 
teichos" cap. 44). Galen hat uns den (gräcisierten) Namen eines 
alten indischen Arztes erhalten, der ein zu seiner Zeit berühmtes 
Abortivmittel angegeben hatte. Dieser Arzt hiess r b a n o s. ^) Galen 
giebt die genaue Zusammensetzung dieses indischen Eezeptes an, in 
welchem Crocus, indische Narde, Zimt, Ingwer, verschiedene Pfeffer- 
arten und andere indische Pflanzenmittel vorkommen. Dies deutet 
doch auf eine relativ genaue Kenntnis der indischen Medizin hin. Noch 
an einer anderen Stelle des Galen (ed. Kühn Vol. XVII a, S. 608} 
wird eines indischen Arztes P a m p h i 1 o s gedacht. Hier soll aber die 
Lesart 'Ivöixiig eine unrichtige sein (nach Mitteilung von Dr. Hermann 
Schöne), so dass jene Stelle nicht für unsere Zwecke verwertet werden 
kann. Die Authentizität und Richtigkeit der ersten Stelle steht da- 
gegen fest. Auch der im 6. Jahrhundert n. Chr. lebende byzantinische 
Arzt Aetius erwähnt einen indischen Kollegen als o 'Ivöog (vielleicht 
Caraka?). Ein Namensvetter dieses Arztes war der im 4. Jahrh, 
n. Chr. lebende Presbyter Aetius, der in Alexandria Medizin 
studierte und später die Freundschaft des um 350 n. Chr. aus Indien 
zurückgekehrten Theophilus genoss. Heusinger vermutet, dass 
aus dieser Quelle auch die Kenntnisse des Byzantiners Aetius über 
die indische Medizin stammen.^) 

Von grossem Interesse ist, dass sich schon seit der Ptolemäerzeit 
die griechischen Aerzte mit den in Indien endemischen Krankheiten 
beschäftigten. Höchstwahrscheinlich stammt der erst seit 300 v. Chr. 
nachweisbare Name iltcpavrtaoig (für die alte „Lepra" des Herodot 
und „oarvQiaoig'' des Aristoteles), mit dem man fortan den Aussatz 
benannte, aus Indien, wo die Begleiter Alexanders den Elefanten 
und die „Elefantenkrankheit" kennen lernten.'^) Der Pneumatiker 
Archigenes, ein Zeitgenosse Trajans, berichtet uns über ver- 
schiedene originelle Heilmethoden, welche die indischen Aerzte bei 
Leprakrankheiten anzuwenden pflegten. '') Leonides, ein alexan- 
drinischer Arzt des ersten nachchristlichen Jahrhunderts, weiss, dass 
die Guineawurm (Filaria medinensis) -Krankheit in Indien endemisch 
ist. ^) Zahlreiche den Beinamen „indisch" führende Arzneimittel der 
griechischen Aerzte sind uns in den Sammelwerken der byzantinischen 



^) Theophrast, Hist. plantar. IX, 18 sect. 9. 

^) Vgl. L. Fried 1 an der, ,. Darstellungen aus d. Sittengeschichte Roms", Leipz. 
1888, Bd. I S. 52—58. _ ^ .,.,,/,, 

^) 'AvriäoTog i) ' Ooßavov Xeyouevrj tqv IvSov, ttqos to t« Ivzoe ßos<fr] EKßdXXeiv 
bei Galen, De antidotis lib. II cäp. 1 ed. Kühn XIV, 109—111. 

*) Fabricius, „Biblioth. graeca" XIII, 254; C. F. Heu sing er, „Der Pres- 
byter Aetius" in Henschels „Janus" Bd. II, Breslau 1847, S. 424. 

^) Vgl. J. Bloch, „Zur Vorgeschichte des Aussatzes", Zeitschr. f. Ethnologie 
1899 S. 211. Das indische „slipada" ist unsere heutige Elephantiasis („Elephanten- 
fuss"). 

«) Aetius, Tetrabibl. IV Serm. I cap. 122. 

') Ibid. Tetrabibl. IV Serm. II cap. 85. 



Indische Medizin. 127 

Periode erhalten geblieben, z. B. das berühmte „indische Pulver" gegen 
Gicht.i) 

Unter der Herrschaft des Islam, welche sich bis nach Indien er- 
streckte, gestalteten sich die Beziehungen der indischen Heilkunde zu 
der Medizin des Abendlandes, welche nunmehr in der Form der 
arabischen Heilkunde auftrat, greifbarer und inniger. Doch kann 
man im ganzen annehmen , dass die Aniber mit ihrer eminenten 
Assimilationsfälligkeit, auch auf wissenschaftlichem Gebiete, sich mehr 
von den Indern aneigneten als diese von ihnen. 

Schon in vorislamitischer Zeit machten sich arabische, iri der 
von den christlichen Nestorianern gegründeten Medizinschule zu Gondi- 
sapur vorgebildete Aerzte mit der indischen Heilkunde vertraut. Der 
um 460 n. Chr. lebende Arzt el-Haret aus Tejif bei Mekka bereiste 
Indien, um seine Kenntnisse zu bereichern. -) Es ist dies die älteste 
Nachricht über die Verbindung der Schule von Gondisapur mit Indien. 
Der persische König Kosru I. Nuschirvan (Chosroes der Griechen), 
der von 532 — 579 n. Chr. regierte, schickte seinen Leibarzt Barzujeh 
(Burzweih) zweimal nach Indien, um Arzneien und medizinische 
Werke zu holen. Es ist derselbe Arzt, der auch das Schachspiel aus 
Indien mitbrachte.") Wie innig die Verbindung der Medizinschule 
von Gondisapur mit Indien war, erhellt aus der Thatsache, dass ein 
indischer Arzt T a n f a t s c h a 1 (T a n f a s t a 1, N a u f a s c h a 1, T a s u i- 
tistani), der ein „Buch der irrigen Meinungen über die Krankheiten 
und Gebrechlichkeiten" verfasste, die in Gondisapur üblichen medi- 
zinischen Disputationen leitete.^) Auch Haret Ben Kai da, der 
Arzt des Propheten Muhammed, soll in Indien Medizin studiert 
haben. ^) 

Die in persischer Sprache geschriebene Arzneimittellehre des 
Abu Mansur Muwaffaq, die neuerdings auf Veranlassung von 
R. Kobert durch Abdul Chali Achundow ins Deutsche übersetzt 
worden ist, bildet ein sehr interessantes Dokument für die frühen Be- 
ziehungen der indischen Medizin zur arabischen. Dies AVerk wurde 
zwischen 968 und 977 n. Chr. verfasst. ") Der Verfasser, ein Nord- 
perser aus Hirow, hatte Persien und Indien bereist. In letzterem 
Lande verweilte er längere Zeit; er erwähnt mehrere indische Aerzte, 
bevorzugt die indische Gradeinteilung der Arzneien. Er nennt Indien 
das Dorado wirksamer Arzneimittel, und die indischen Grundanschau- 
ungen über Medizin haben für ihn den gleichen Wert wie die 
griechischen.") 

Als indische Aerzte nennt Muwaffaq: „Galek den Inder", 
Mengeh, Naufil, Rata, Bihail und einen so rein indischen Namen 
wie Sri B h a r g a v a d a 1 1 a. ^) 



^) Paulus Aegineta VIII 13; Alexander v. Tralles ed. Puschmann 
11, 542; Nikolaus Myrepsus XVIII, 1. 
) ^I 3/ s p r R R T ^4H 

') Ernst H. F. Meyer, „Geschichte der Botanik'', Königsb. 1856, Bd. HI S. 31; 
Haeser I, 452. 

*) Haeser I, 452. 

*) Ibidem. 

**) „Historische Studien aus dem Pharmakolog. Institute der Kaiserl. Universität 
Dorpat", herausg. von K. Kobert, Halle 1893, Bd. III S. 303. 

') Ibidem S. 304—306. 

«) Meyer a. a. 0. III, 40; Müller a. a. 0. S. 551—552. 



128 Iwau Bloch. 

Ibii Abu Oseibia, der berühmte arabische Geschichtsschreiber 
der Medizin behandelt im 12. Buche seiner „Geschichte der Aerzte" 
auch die indischen Aerzte besonders. Er nennt „Kankah den Inder", 
Sangahal, Susrud (Susruta), eine indische Aerztin Eüsä, die 
ein Buch über die Behandlung der Frauenkrankheiten schrieb, Güdar, 
Manka (zur Zeit Harun al Easchid's), der in dessen Tagen von 
Indien nach dem 'Iräq reiste und ihn behandelte", ferner Sälih 
Ibn Bah lach, von dem er eine interessante Anekdote erzählt, in der 
die griechische H eilkunde und ihr Vertreter Gabriel B a c h t i s c h u a 
der indischen Heilkunst und Sälih Ibn Bahlach entgegengestellt 
wird, und der indische Arzt über den Vertreter der arabisch-griechischen 
Medizin, triumphiert, endlich Sänäq und dessen „Buch der Gifte in 
fünf Abteilungen", welches Manka der Inder aus der indischen 
Sprache in die persische übersetzte.^) Auszüge aus diesem letzt- 
erwähnten Werke giebt August Müller in deutscher üebersetzung 
und weist zugleich nach, dass dieses Buch niemals in Indien geschrieben 
wurde, aber unverkennbare Spuren der Benutzung eines 
Kapitels des Susruta enthält, so dass schon um 910 n. Chr. 
dieses Werk von den Arabern benutzt worden ist. -) 

Ishak ben x^mran aus Bagdad, der die medizinische Wissen- 
schaft nach Nordafrika verpflanzte, schrieb um eben dieselbe Zeit 
(900 n. Chr.) ein Werk über die einfachen Arzneien, in dem auch in- 
dische Heilmittel erwähnt wurden'^), und endlich gedenkt bereits der 
grosse Ehazes (850—923) der hervorragendsten indischen Aerzte. 
Vor allem citiert er oft den Caraka, dann den Atreya (Hawi X, 2), 
den Sesirid (Susruta), und kennt sogar die „sthänas" (Abschnitte 
der Medizin) der Inder, indem er den „Sind-Hisher" (Siddha-sthäna) 
erwähnt. Auch soll Ehazes ein indisches Werk über den Zucker 
ins Arabische übersetzt haben.*) 

Die Kenntnis dieser Thatsachen gestattet ohne Zweifel den Schluss, 
dass fremde Einflüsse auch in der indischen Medizin thätig gewesen 
sind. Wir besitzen hierfür aber viel weniger positive Belege als für 
den grossen Einfluss, den die indische Heilkunde auf die griechische und 
arabische Medizin ausgeübt hat. Die Namen fremder Aerzte werden 
in den älteren medizinischen Schriften der Inder nicht genannt, nament- 
lich findet sich keinerlei Erwähnung der Y a v a n a s (Griechen). Anderer- 
seits wissen wir, dass auf anderen Gebieten Entlehnungen stattgefunden 
haben. Eohde hat mit Evidenz nachgewiesen, dass ein Teil der 
indischen Novellendichtung von den Griechen entlehnt ist. ^) So scheint 
auch die Humoralpathologie der Inder griechischen Ursprungs 
zu sein ^), und bei einer sehr wünschenswerten genauen Vergleichung 
der indischen Medizin mit der griechischen Hessen sich vielleicht noch 
mehr Uebereinstimmungen entdecken. Auf die Thatsache, dass man eine 
dem Eide der Asklepiaden fast gleichlautende Formel bei Caraka 
findet, dass die Facies hippocratica übereinstimmend geschildert wird, 



^) A. Müller a. a. 0. S. 478ff. : F. Wüstenfeld, „Geschichte der arabischen 
Aerzte und Naturforscher", Gott. 1840, S. 138. 

2) Müller a. a. 0. S. 545. 

•■') L. Leclerc, „Gazette niedicale de l'Algerie" 1870 No. 6. 

*) Vgl. M. Steinschneider, .,Die toxikologischen Schriften der Araber u. s.w." 
in Virch. Arch. Bd. 52, Berlin 1871, S. 487—491. 

■^) Erwin Rohde, „Der griechische Roman", 2. Aufl., Leipz. 1900, S. 582 ff. 

**) Auch Hirschberg a. a. 0. S. 34 Anm. 3 ist dieser Ansicht. 



Indische Medizin. 129 

II. dgl. mehr, ist nicht allzu viel Gewicht zu legen. Auf eine aller- 
dings sehr merkwürdige Uebereinstimmung in der Schrift des Hippo- 
krates über die Kopfwunden und in Susruta machte Pagel auf 
merksam. ^) Es handelt sich um das Versprechen der späteren Schil- 
derung einer besonderen Wundnaht, das in beiden Schriften vorkommt 
und in beiden nicht gehalten wird. 

Trotzdem ist eine gewisse Originalität der altindischen Medizin 
unverkennbar. Hätte wirklich die indische Medizin den grössten Teil 
ihrer Kenntnisse der griechischen entlehnt, dann wäre es sehr auffallig, 
dass z. B. die Grundlage jeder Heilkunde, die Anatomie in nichts 
an die griechische erinnert, die doch schon zur Zeit des Hippokrates 
eine sehr hohe Entwicklungsstufe eiTeicht hatte. Die indische Ana- 
tomie ist die allerprimitivste, die man sich denken kann, da das brah- 
manische Gesetz jede Beschäftigung mit Leichen, jede Berührung der- 
selben verbot. Haeser hat ihre überraschende Aehnlichkeit mit der 
altgermanischen Anatomie nachgewiesen-), so dass wir mit Sicherheit 
sagen können, dass die indische Anatomie einen autocht honen, 
urarischen Charakter trägt. Ferner ist kein Zweifel, dass auch die 
Materia medica der Inder vollkommen ursprünglich ist. Sie ist 
besonders von den Griechen und Arabern in reichem JMasse benutzt 
worden. Die Heilmittel in den indischen medizinischen Schriften sind 
durchweg indische. Nur eine einzige fremde Arzneipflanze, die in 
Persien einheimische Asa foetida, lässt sich in dem Heilschatz der 
Inder nachweisen. =^) In der inneren Medizin ist den Indern die 
Kenntnis des Zuckergehaltes des Urins bei Diabetes eigentümlich, in 
der Chirurgie die Ehinoplastik, die Nasenbildung aus der Stirn- 
oder Wangenhaut. Auch die Hygiene und Diätetik haben ein 
durchaus originelles Gepräge. 

Uebersicht über die medizinischen Schriften der Inder. 

1. Die Bo wer -Hand Schrift. — In den Kuinen von Mingal 
nahe bei Kuchar in Kaschgarien (chinesisch Turkestan) ist diese uralte 
medizinische Handschrift entdeckt worden. Sie befand sich in einem 
buddhistischen Stüpa, der 1889 von zwei einheimischen Kauf leuten auf 
der Suche nach verborgenen Schätzen erbrochen und seines Inhalts be- 
raubt wurde. Der englische Leutnant Bower erwarb dieselbe von 
dem einen derselben im Jahre 1890. *) Er übergab sie dem berühmten 
Sanskritisten Rudolf Ho er nie in Calcutta, dem wir die meisten 
Aufschlüsse über diesen Fund verdanken. 

Die Bower-Handschrift besteht aus 56 Blättern aus Bii'kenbast, 
von denen 54 doppelseitig beschrieben sind. Von diesen 54 Seiten 
enthalten ST^j» drei medizinische Werke. Die Sprache des medizinischen 
Teiles ist Sanskrit, aber kein grammatisches Sanskrit, sondern das 
alte Sanskrit des nordwestlichen Indien, das bei den Buddhisten am 
Beginne unserer Zeitrechnung in Gebrauch war. Zunächst galt es, 
das Alter der Bower-Handschrift festzustellen. Aus den Unter- 



1) J. L. Pagel, „Geschichte der Medizin", Berlin 1898, I, 33. 

2) Haeser a. a. 0. I, 607. 

3) Meyer a. a. 0. III, 17. 

*) Note by Lieutenant Bower in : Proceedings of the Asiatic Society of Bengal 
1890 S. 221. 

Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 9 



130 Iwan Bloch. 

sucliungeii von H o e r n 1 e ^) und B ü h 1 e r -) hat sich ergeben, dass die 
Handschrift in das 5. Jahrhundert nach Chr. zu versetzen ist. Einige 
Teile gehören dem Ende des 5. Jahrhunderts, andere dem Anfange 
desselben an. Keinesfalls ist eine spätere Abfassungszeit als 550 n. Chr. 
anzunehmen. 

Durch die nunmehr (bis auf die litterarische Einleitung) vollstän- 
dig vorliegende Uebersetzung des Bower-Manuskriptes von H o e r n 1 e •^) 
sind wir über den Inhalt desselben genau unterrichtet worden. Der 
Inhalt der medizinischen Schriften des B.-Ms. ist der folgende. 

Erstes AVerk (5 Blätter): Ursprung und medizinische AVirkungen 
des Knoblauchs, der als wahre Panacee gegen alle möglichen Uebel ge- 
priesen wird, und das Leben bis auf 100 Jahre verlängern soll. Dieser 
Abschnitt ist neuerdings von L, Aschoff aus dem Englischen ins 
Deutsche übersetzt und kommentiert worden (s. oben). Gleich im An- 
fang wird eine interessante Uebersicht über die altindischen Aerzte 
gegeben: „Auf dem heiligen Berge, wo die heilbringendenPflanzen 
wachsen, wohnen die Munis, Männer mit erleuchtetem Geiste: Atreya, 
Härita, Paräsara, Bhela, Garga, Sämbhavya, Susruta, 
Vasist ha, Karäla und Käpya. Sie prüfen den Geschmack, die 
Eigentümlichkeiten, die Formen, Kräfte und Namen aller heilbringenden 
Pflanzen." Bekannt sind von diesen das Werk des Susruta, die 
Härlta-Samhitä, und Vangasena d. h. die Ueberarbeitung der 
Atreya-Samhitä. ^) — Auf das „Knoblauchlied" folgen kürzere Ab- 
schnitte über Verdauung, über ein Elixier für tausendjährige Lebens- 
dauer, über die richtige Mischung der Ingredienzien, über gewisse 
stärkende Arzneien, über Augenwasser, über Gesichtspflaster und 
Augensalben, über Haarmittel und Hustenmittel. 

Zweites Werk. Dieses ist umfangreicher, umfasst Blatt 6 — 34 
der Handschrift und heisst „Navanitaka" („Sahne") d. h. Extrakt aus 
älteren Lehrbüchern. Es handelt in 16 Kapiteln von Pulvern, Butter- 
decocten, Oelen, vermischten Rezepten, Klystieren, Elixieren, Brühen, 
Aphrodisiaka, Augensalben, Haarfärbemitteln, Terminthia, Chebula, 
Bitumen, Plumbago zeylanica, Kinderpflege, Sterilität und Behandlung 
von Schwangeren und Wöchnerinnen. Die letzteren xAbschnitte sind, 
da Kap. 15 und 16 verloren gingen, nicht vorhanden. Von Interesse 
ist, dass auch in diesem Teile des Bower-Ms. der Diabetes erwähnt 
wird („süsser Urin", an dem die Hunde lecken). 

Drittes Werk. Dieses umfasst nur 3Vo Blätter und enthält in 



^) R. Hoernles, „Proceedings of the Asiatic Society of Beugal" 1891 S. 54; 
,,0n the data of the Bower Mamiscript, Journal of the Asiatic Soc. of Bengal" Bd. LX 
1891 S. 79; ,.An instalment of the B. Ms." Ibidem S. 135. 

^) Bühl er, „Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes" Bd. V 1891 
S. 103, 302. 

^) „The Bower Manuscript. Facsimile Leaves, Nagari .Transcript, ßomanised 
Transliteration, and English Translation with Notes," edited by A. F. Rudolf 
Ho er nie, Ph. D., Principal Calcutta Madrasah. Parts I — VII. Published by Order of 
the governments of India. Calcutta 1893—1897. — Vgl. das Referat von J. Jolly 
in der „Zeitschr. der deutschen morgenländ. Gesellschaft" Bd. LIII 1899 S. 374—380 
[„eine monumentale Publikation sowohl seiner äusseren Ausstattung als seinem 
inneren Wert nach"]. 

*) Ein grosser Teil des Inhaltes der Bower-Handschrift findet sich gleichlautend 
in Caraka, Susruta, Härita-Samhitä u. s. w. wieder. — Auch in anderen 
uralten centralasiatischen Handschriften mit Sanskrittext z. B. in der um 350 n. Chr. 
geschriebenen Macartney-Hs. kommen medizinische Dinge vor (Jolly). 



Indische Medizin. 131 

72 Versen 14 Arzneiformeln zu änsserlichem oder innerlichem Gebrauche 
bei den verschiedensten Krankheiten. 

Alle drei Werke sind fast durchweg metrisch abgefasst. 

2. Caraka — Ausgaben: a) Carakasamhitä Sthana 1. Sütra- 
sthänam, Gangädhara viracitam. Jalpakalpataru-samäkhyayä vya- 
khyaya sahitam tenaiva samsodhitam. Kalikätä samvat 1925 (Calcutta 
1868) 8*^ 384 S. Der Herausgeber ist Gangädhara Kaviräja 
Kaviratna. — Diese Ausgabe enthält nur das erste Kapitel des 
ersten Buches und den Anfang des zweiten, d. h. etwa den 70. Teil 
des Ganzen. Der beigegebene Kommentar des Herausgebers ist weit 
umfangreicher als der Originaltext. Diese Ausgabe ist vervollständigt 
durch Dharanidhar Ray, Behrampore 1878. 1528 S. — b) Caraka- 
samhitä Jivänanda Vidyäsagara Bhattäcäryena samskrtä prakä- 
sitä ca. Calcutta 1877, 8 ". — 2. Auflage 1896. 93i S. (Herausgeber 
ist Jivänanda Vidyäsagara.) — c) Carakasamhitä. Mahämuni- 
nägnivesena praritämaharsi - Carakena pratisamskitä kaviräja srl - D e - 
V e n d r a n ä t li a -Senaguptena kaviräja-sri - U p e n d r a n ä t h a -Senagup- 
tena ca sampäditä samsodhitä prakäsitä ca. (Charaka Samhita By 
Mahamuni Agnibesha. Rev. by Maharshi Charaka. Compiled and 
edited by Debendra Xath Sen and Upendra Nath Sen.) Cal- 
cutta 1897, 8'* 1056 S. — d) Englische Uebersetzung : Charaka Samhita, 
translated into English by Abinash Chandra Kaviratna, Cal- 
cutta 1891-1899 (20 Hefte, noch unvollständig. Vgl. Roth in Z. der 
deutsch, morgenl. Gesellsch. Bd. 48 S. 140—142) — 1870 übersetzte 
Mah. Lal Sircar 2 Kapitel im Calcutta- Journ. of Medicine. ^) 

Nach R. R 1 h (Caraka in : Zeitschr. d. deutschen morgenl. Gesell- 
schaft 1872 Bd. XXXVI S. 441—452) zerlällt das Werk des Caraka 
in 11 Hauptteile (sthäna) von verschiedenem Umfange: 1. Sütra (seil, 
sthäna) 30 Kapitel: Lehrsätze, einleitender allgemeiner Teil. 2. Ni- 
däna, 8 Kap.: Ursachen der Krankheit. 3. Vimäna, 8 Kap.: Vom 
Masse, nämlich der drei Humores u. s. w. Vorschriften über Diät, 
über ärztliches Studium, Epidemiologie u. a. m. — 4. Särira, 7 Kap.: 
Anatomie. 5. Indriya, 12 Kap.: Anatomie und Pathologie der Sinnes- 
organe, Sinnestäuschungen, Sprachstörungen, Vorzeichen des Todes. 
6. Rasäyana, 4 Kap.: Essenzen, Elixiere. 7. Väjikarana, 4 Kap.: 
Aphrodisiaka. 8. Cikitsä, 28. Kap.: Einteilung der Krankheiten, 
Prophylaxe, Therapie, Makrobiotik, Gegengifte. 9. Kalpa, 12 Kap.: 
Gegengifte, Brech- und Abführmittel. 10. Pancakarmädhikära, 
11 Kap.: Applikation der Medikamente, Vomieren, Laxieren, Geschwürs- 
lehre. 11. Uttarasiddhi, 1 Kap.: Nachkur. 

3. S u s r u t a — Ausgaben : a) The Susruta or System of medicine 
taught by Dhanvantari and composed by his disciple Susruta, ed. by 
Sri Madhusudana Gupta. Calcutta 1835—1836, 2 Bände 8**. 
b) The Susruta or System of medicine taught by Dhanvantari, edited 
by pandit Jibananda Vidyäsagara. Calcutta 1873, 8 " 3. Auf- 
lage 1889. 915 S. c) Susruta - Samhita, Mähamati - Dalvanäryyakrto 
Nirandhasamgrahäkhyatikä - sahitä - Kaviräja srl A v i n ä s a c a n d r a 
Kaviratnena anuväddtä samsodhitä etc. (Teil 1—34). Mehr nicht 
erschienen. Calcutta 1885, 8 ^K — Uebersetzungen : a) Susrutas Ayur- 
vedas. Id est medicinae systema a venerabili Dhanvantare demon- 
stratum a Susruta discipulo compositum. Xunc primum ex Sanskrita in 



^) Der wichtigste Caraka-Kommentar ist der des Cakradatta. 

9* 



132 Iwan Bloch. 

Latinum sermonem vertit. introductionem, annotationes et rerum in- 
dicem adjecit Dr. Franciscus Hessler. Erlangen 1844 — 1850, 
3 Bände 8 **. — Kommentar in 2 Heften. Erlangen 1852 u. 1855. 
[Nach dem Urteile von A. Webe r ist diese Uebersetzung mangelhaft. 
Hessler hat sogar Personennamen als Sachnamen übersetzt!]. 
b) A. M. Kunte, „Charaka edited and Susruta translated", Bombay 
1876 (nur Anfang), c) The Susruta Samhitam. translated from the 
original Sanskrit byUdoy Chand Dutt (Fase. 1 u. 2), by Angho- 
rechunder Chattopadhyäya (Fase. 3), Calcutta 1883; 1891. 8® 
[Bibliotheca Indica. New Series No. 490, 500, 802]. — d) Susruta 
Samhitä. The Sugruta Samhitä or the Hindu System of medicine 
according to Susruta. Translated from the original Sanskrit by 
Dr. A. F. E. Hoernle. Fase. L Calcutta 1897, 8^ [Bibliotheca 
Indica. N. S. No. 911]. ^) 

Koth bemerkt über das Verhältnis des Susruta zu Charaka: 
„Was System und Terminologie betrifft, so sind sich Caraka und 
Susruta in allen wesentlichen Punkten ähnlich, weit ähnlicher als zwei 
heutige Lehrbücher der Pathologie unter einander sind. Caraka über- 
trifft den Susruta an Umfang, aber nicht erheblich. Man bemerkt 
bei beiden denselben Wechsel von Prosa und gebundener Rede, doch 
dürfte jene bei Caraka etwas häufiger vorkommen. Seine Schreibart 
ist, wo der Stoff es zulässt, lebhafter und ansprechender, als die trockene 
sachmässige Behandlung bei Susruta." Schon die alten indischen 
Schriftsteller betonen, dass die Chirurgie in besonderer Ausführ- 
lichkeit und besser als von anderen Autoren von Susruta be- 
handelt wird. 

Dieses Gebiet wird besonders im ersten Sthäna des Susruta, 
dem 1. Sütrasthäna, berücksichtigt. 46 Kapitel. Ursprung der 
Heilkunde, Propädeutik, Instrumentenlehre, Chirurgie, Entzündung, 
Wundbehandlung und Geschwürslehre, Ehinoplastik , Diagnostisch- 
Prognostisches, Speise und Trank, Arzneien und Anwendung derselben. 

2. Nidänasthäna. 16 Kap. Allgemeine Pathologie. Rolle 
des Blutes, der Galle, des Schleimes und der Luft bei der Entstehung 
der Krankheiten, Hämorrhoiden, Lithiasis, Fistula ani, Lepra, Harn- 
leiden, Bauchtumoren, Fötalkrankheiten, Phlegmonen, Abscesse, Fisteln, 
Mammaaffektionen, Arthritis, indolente Tumoren, Halstumoren, vene- 
rische Krankheiten, Elephantiasis, Frakturen, Mundkrankheiten. 

3. ^ ä r I r a s t h ä n a. -) 10 Kap. Anatomie. Embryologie. Sperma, 
Menstruation, Befruchtung, Entwicklung des Embryo, Teile des Körpers, 
Gefässlehre, Aderlass, Neurologie, Schwangerschaft, Diätetik der Neu- 
geborenen. 4. Cikitsästhäna. 40 Kap. Therapie, Therapie 
der Wunden und Geschwüre, der Frakturen, des Rheumatismus, der 
Hämorrhoiden, Lithiasis, Fisteln, Lepra und Hautkrankheiten; Harn- 
leiden, Diabetes (Kap. 13), Abdominaltumoren, geburtshilfliche An- 
gaben (Kap. 15), Therapie der Phlegmonen und Entzündungen, Abscesse, 
Mammageschwülste , Gicht , Geschlechtskrankheiten , Elephantiasis, 
Mundleiden, Oedeme und Schwellungen, Haarkrankheiten, Aphrodisiaka, 
Sedativa, Panaceen und Elixiere, Therapie der Fettleibigkeit, Anti- 
hidrotica, Vomitiva und Purgantia, Klystiere, Räucherungen, Nasen- 



^) Kommentare zum Susruta wurden von Ubhatta Jej jata Dallana, 
Cakradatta (im 12. u. 13. Jahrli. n. Chr. u. früher) u. a. verfasst. 
^) Dieser Teil ist besonders von Parasuräma herausgegeben. 



Indische Medizin. 133 

mittel. 5. Kalpasthäna. 8 Kap. Toxikologie. Antidote. lieber 
Giftmischer („Giftmädchen"), Symptome der Vergiftung, vegetabilische 
animalische Gifte, Schlangenbisse und Therapie derselben, Antidote gegen 
andere Gifte. 6. Uttaratantra (Schlussabhaudlung). 66 Kapitel. 
Spezielle Pathologie und Therapie. Krankheiten des Kopfes 
(Augen, Ohren, Nase, Katarrhe), Kinder, Dämonen und Heilmittel da- 
gegen, weibliche Geschlechtsleiden, Fieber, Dysenterie, Schwindsucht, 
Drüsenverhärtungen, Herzkrankheiten, Ikterus, Diarrhoe, Erbrechen, 
Durst, Singultus, Atembeschwerden, Husten, Stimmlosigkeit, AVurm- 
leiden, Blähungen, Heus, Appetitlosigkeit, Ischurie, sonstige Harnleiden, 
dämonische Krankheiten, Epilepsie (Kap. 61), Delirium, über Ge- 
schmacksempfindungen, Lebensweise. 

Ueber diesen weitschichtigen und oft bunt zusammengewürfelten 
Inhalt des Werkes des Susruta macht E. Meyer die treffende Be- 
merkung: „Eine Masse wahrhafter Kenntnisse, die eine durch Jahr- 
hunderte fortgesetzte ärztliche Beobachtung voraussetzen, sind mit einer 
etwa gleichen Masse der abenteuerlichsten Einbildungen, denen die 
Gestalt höchster Präzision angedichtet ist, zusammengeknetet, und aus 
der Gesamtmasse sind Glaubenssätze wie Kügelchen euies Eosenkranzes 
gedreht und aufgereihet, die sich dem Gedächtnisse des Schülers ein- 
prägen sollen." ^) 

4. Vägbhata. — a) Astängahrdayam (d, h. Wesen der 8 Teile sc. 
der Medizin). A compendium of the Hindu System of medicine, AVith 
the commentary of Arunadatta. Revised by Anna Moreshvar 
Kunte. Bombay 1880, 8'« 2 Bde. — 2. Auflage. Bombay 1891, 4«. — 
b) The Astängahrdaya, a treatise of Hindu medicine by Bäg Bhata. 
— Edited by pandit Jibänanda Vidyasagara. Calcutta 1882, 
8 ". — c) Srimad Vägbhata viracitam Ästangahrdayam Sankara- 
sastrinä cikitsakena parisodhitam. Bombay 1900 (153, 792 S. 8". 
Textausgabe von dem Arzte ^.). — d) Ein anderes neuerdings heraus- 
gegebenes Werk des Vägbhata ist der „Astängasamgraha, com- 
pendium of medicine edited bv Ganesa Sakhäräma Tarte*', 
Bombay 1888. 2 Bde. (306, 421 S.) gr. 8 ". -) 

Beide Schriften des Vägbhata können, wie Jolly dargelegt hat, 
nicht später als im 7. bezw. 8. nachchristlichen Jahrhundert verfasst 
worden sein. Sie gleichen in ihrer Einteilung völlig dem Ayurveda des 
Susruta. 1. Sütrasthäna. Chirurgie, Diätetik, Pharmakologie. 
2. S ä r 1 r a s t h ä n a. Anatomie und Embryologie. 3. N i d ä n a s t h ä n a. 
Aetiologie und Pathogenese, Fieber, allgemeine Pathologie. 4. Cikit- 
sästhäna. Therapie. 5. Kalpasthäna. Antidote, dämonische 
Medizin, Elixiere. ^_ 

5. Härita (Atreya). — Die unter dem Namen des altindischen 
Arztes Atreya gehenden Manuskripte sind apokryph. '■^) In der Ein- 
leitung der „Caraka Samhitä*' wird Härita als einer der Lieblings- 



^) E. Meyer a. a. 0. Bd. HI S. 14. 

-) Kommentare zu Vagbhatas Werken verfassten Arxinadatta (vor dem 
15. Jahrh.), Hemädri (Minister des 1271 — 1309 n.Chr. regierenden Königs Eäma- 
räja*). Auch existiert ein alter anonj'mer Kommentar zum Astängahrdaya aus dem 
13. Jahrhundert. 

^) Vgl. Räjendraläla Mitra, „Notices of sanscrit manuscripts, published 
under orders of the government of Bengal etc." Bd. VIII, Calcutta 1885, S. 138 — 
Inhaltsangabe eines Ätreya-Manuskriptes bei F. E. Dietz., „Analecta medica", Leipz. 
1833, S. 158. 



134 Iwan Bloch. 

Schüler des Ätreya bezeiclmet. Dieser Harlta verfasste ein medi- 
zinisches A^'erk, welches vielleicht als eine Ueberarbeitimg des ur- 
sprünglichen , nicht mehr bekannten Buches des Atreya anzusehen 
ist. Vägbhata citiert bereits den Härlta, ebenso erwähnt dieser 
den Vägbhata als Zeitgenossen. Hiernach kann n.an den Härlta 
(oder vielmehr das seinen Namen tragende Werk) ungefähr in das 
6. bis 7. nachchristliche Jahrhundert setzen, a) Die Härita-Sam- 
liitä .existiert in wenigen Handschriften, von denen die eine sich in 
Calcutta, die andere in der Sammlung des Mahäräja von Birkaner 
befindet. Ein Teil ist in der Königl. Bibliothek zu Berlin. Heraus- 
gegeben wurde die Härlta Samhitä von Kaviräja Bin od Lal 
S e n : Atreya Maharshi - Härlta - Samhitä, a complete System of Hindu 
medicine ed. and publ. by Kaviraj. Bin od Lal Sen. Calcutta s. 
a. (1887) 8^\ 420 S. b) Ausgabe von Jair am Eaghunath. Bom- 
bay 1892, 812 S. 

6. Bhävamisra; Verfasser des Bhävaprakäsa. — Ausgabe: 
a) Bhävaprakäsa, a treatise on Hindu medicine, compiled by Bhäva- 
misra. Edited by Jivänanda Vidj^asägara. Calcutta 1875, 8 ". b) Das- 
selbe s. 1. 1881, 8 ">. ■ 

Der Bhävaprakäsa ist die berühmteste mittelalterliche Schrift 
der indischen Medizin. Er gehört dem 16. Jahrhundert an und ist 
eine Kompilation aus den besten früheren medizinischen Werken, die 
wegen ihres klaren, leicht verständlichen Stiles und ihrer vorzüglichen 
Anordnung unter den indischen Aerzten sehr verbreitet ist. Wise 
hat seine Darstellung der indischen Medizin zu einem grossen Teile 
nach , dem Bhä vapr. gegeben. Bhävamisra hat Caraka, Susruta, 
Yägbhata und andere alte Schriftsteller ausgiebig benutzt, anderer- 
seits aber auch einiges Originelle in seinem Werke niedergelegt. 
So ist er der Erste, der die durch die Portugiesen eingeschleppte 
Syphilis, den „phii-anga roga" (Franken- d. h. Portugiesenkrankheit) 
beschreibt. Auch erwähnt er als Erster ausländische Arzneimittel. 

Dies sind die Hauptschriften der indischen Medizin, worauf alle 
folgenden beruhen. Kurze Erwähnung verdient noch M ä d h a v a oder 
Mädhaväcärya. der im 12. Jahrhundert lebte, und besonders als 
Diagnostiker berühmt war. Er schrieb das „Mädhava-Xidäna" (Ausg. 
von Vidyäsagara, Calc. 1876; von Dutt, Calc. 1880). Eine alte 
Sanskritstanze lautet : 

Nidäne Mädhavas sresthas, 
Sütrasthäne tu Vägbhatas : 
Särlre Susrutas proktas, 
Carakas tu cikitsake. 

d. h. Mädhava ist unübertroffen in der Diagnostik, Vägbhata in 
Theorie und Praxis der Medizin, Susruta in Chirurgie. Caraka 
in der Therapie. — Mädhava widmet bereits den Pocken (masü- 
rikä) ein besonderes Kapitel. Früher wurden dieselben nur unter den 
leichteren Uebeln aufgezählt. 

Ein sehr verbreitetes medizinisches Handbuch ist der „Madana- 
vinoda" oder „Madanapälanighanu", ein „Nighantu" (Wörterbuch), 
aber mehr eine Materia medica. Es wurde um 1374 unter den 
Auspizien von Madanapäla, einem Räjan im Norden von Delhi ver- 
fasst. — Ein anderer „Nighantu" trägt den Namen des Dhanvantari, 
des indischen Aeskulap, und ist ein Repetitorium der Materia medica 



Indische Medizin. 135 

aus dem 15. oder 16. Jahrhundert, wichtig durch die Aufzählung 
zahlreicher Synonj^me. 

Der „Astängahridayanighaiitu" ist das Wörterbuch aller Sub- 
stanzen, die in der Samhitä des Vagbhata vorkommen. 

Das berühmteste Werk über die Synon3'men und Eigenschaften 
der Arzneien und über diätetische Verhältnisse ist der „Rajanighantu" 
des ,.Narahari. eines Arztes aus Kashmir, verfasst zwischen 1235 
bis 1251 n. Chr. 

Ein Handbuch der klinischen Medizin ist die „Säriigadharasam- 
hitä" von Säriigadhara. dem Sohne des Damodara, die im 
„Bhävaprakäsa" citiert wird und wohl ins 13. Jahrhundert gehört. 
Sie enthält eine Beschreibung der Krankheiten und der Symptome, 
sowie therapeutische, pharmaceutische und diätetische Notizen. Aehn- 
liche Nosologien wurden von Vangasena und Cakradatta ver- 
fasst. 

Die zahlreichen Werke über Hygiene heissen „Pathyäpathya" 
d. h. gesunde und ungesunde Dinge. Endlich giebt es noch Mono- 
graphien über den Puls über Fieber, Pädiatrie (bälacikitsä), Lepra, 
Diabetes, Augenleiden, Gynäkologie, Pastoralmedizin, über den Ge- 
brauch metallischer Präparate oder ge\\isser anderer Heilmittel. 

Medizin der Vedas. 

Die indische Medizin der vedischen Periode ist eine rein theur- 
gische. Zauber, Dämonen und Beschwörungen spielen die Hauptrolle. 
Daremberg unterscheidet eine ältere Periode der vedischen Medizin, 
in welcher (besonders in den älteren Teilen des R-Yeda) die Krank- 
heiten durch Gebete und Anrufungen der Götter beseitigt werden 
und eine jüngere, in der Magie und Zauberformeln am meisten 
zur Anwendung kommen. Hierauf beziehen sich vor allem die Sprüche 
und Lieder des vierten, des Atharva-Veda, der überhaupt für die 
Kenntnis der vedischen Medizin die grösste Bedeutung besitzt. 

Unter den Heilgöttern der Yedas treten uns besonders die 
Asvins ^) entgegen, die „rossgestaltigen Himmelsärzte", die Yerkünder 
der Morgenröte, welche auch von ihrem dreirädrigen goldenen Wagen 
auf die Erde herabsteigen, um die kranken Menschen zu heilen, die 
Fruchtbarkeit der Frauen zu befördern und das Leben durch Arzneien 
zu verlängern. Auch als Chirurgen geniessen die Asvins grossen Ruf 
Sie verstehen abgeschlagene Köpfe so wieder anzusetzen, dass die be- 
treffende Person wieder lebendig wird, heilen die Armlähraung des 
I n d r a und sind auch die Aerzte der übrigen Götter, Yon ihnen ging 
die Kenntnis des heiligen Opfertrankes, des Soma (Saft von Sarco- 
stemma viminalis und Asclepias acida) aus, der den Geniesser unsterb- 
lich macht und daher den Göttern die am meisten willkommene 
Gabe ist. 

Neben den Asvins gilt R u d r a , der Yater der Maruts, der schnellen 
Winde, als bester der Aerzte, den man um Heilmittel anflehte, die er 
in seiner Hand trägt. Sein Hauptmittel ist „jäläsa", d. h. Urin (der 
Kuh), mit dem die kranken Stellen eingerieben werden. Dies geschieht 



^) My r i an t Ileus, „Die Asvins oder arisclieu Dioskuren", München 1876; W. 
Schwartz, ,,Die rossgestaltigen Himmelsärzte bei Indern und Griechen", Zeitschr. 
f. Ethnologie Bd. XX, 1888. 



136 Iwan Bloch. 

z. B. im Atharvaveda bei Skrophulose. — Agni, der Gott des Feuers, 
der „nächste Freund", den die alten Inder im Herdfeuer beständig bei 
sich hatten, Sarasvati, Savitar sind ebenfalls Götterärzte. Der 
letztere ist der Erregergott, der aller Bewegung und Thätigkeit vor- 
steht. Es heisst von ihm: 

„Der goldenhändige Savitar, der rege, bewegt sich zwischen Erd und Himmel, 
vertreibt die Krankheit, setzt die Sonne in Bewegung, eilt 
durch die dunklen Räume hin zum Himmel." 

(Rigveda 1, 35, 9. — Uebersetzung von E. Hardy.) 

Dhätar, der Gott „Setzer", „Bildner", „Ordner" wird besonders 
bei Kontinuitätstrennungen (Frakturen u. dgl.) angerufen. Endlich 
werden noch die „Wässer" als göttliche Personifikationen der Heil- 
kraft des Wassers angerufen. 

„Die Wässer heilen wirklich, die Wässer verjagen jede Krankheit, heilen 
jedes Leiden. Mögen sie ein Heilmittel für Dich bereiten ! " 

(Atharvaveda VI p. 91.) 

Die Krankheiten sind das Werk böser Dämonen, der Räk- 
sasas oder auch der Götter, wie denn Rudra nicht bloss als Krank- 
heitsheiler, sondern auch als Krankheitsbringer auftritt. Aber auch 
Menschen ist die Kunst gegeben, durch Zauber ihre Mitmenschen 
krank zu machen und aus ihnen rekrutiert sich nach dem Tode die 
Klasse Räksasas. Opfer, Gebete und Zauberhandlungen, magische 
Sprüche, Amulette u. s. w. sind die Hauptabwehrmittel aller dieser 
schädlichen und krankmachenden Einflüsse. Man sucht z. B. den 
Krankheitsgeist dadurch von sich abzuwehren, dass man das Haus, in 
dem ein Kranker sich befindet, durch eine ungewöhnliche Oeffnung 
verlässt! Oder man bannt die Krankheit in andere Menschen oder 
auch in Tiere. Das kalte Fieber wird dem Frosche, die Gelbsucht 
dem Papageien zugeschoben. Auch Lärmmachen vertreibt die Krank- 
heitsdämonen. Die verschiedenen Heilkräuter, entstammend dem 
göttlichen Amrta (Ambrosia), an ihrer Spitze der Soma, w^erden 
gegen die Krankheiten angerufen (z. B. Atharvaveda VI, 96 ; VIII, 7). 

Es scheint schon in der vedischen Periode einen eigenen Stand 
der Aerzte gegeben zu haben. An einer Stelle des Rigveda heisst 
es: „Die Wünsche der Menschen sind verschieden, der Fuhrmann ver- 
langt nach Holz, der Arzt nach Krankheiten, der Priester nach Liba- 
tionen." Der vedische Arzt macht nach R. Roth „kein Hehl daraus, 
dass nicht Menschenfreundlichkeit vorzugsweise ihn zur Praxis treibe, 
sondern dass der Gewinn der wesentliche Gesichtspunkt sei". Er ist 
ein „Kräutermann, welcher in dem Holzkästchen, das er mit sich führt, 
eine Anzahl der duftenden Kräuter bereit hat, die er als seine Bundes- 
genossen im Kampfe mit der Krankheit betrachtet und zur Besiegung 
des Feindes anfeuert". ^) 

Die Zahl der im Atharvaveda erwähnten Krankheiten ist durch- 
aus keine geringe. -) Es ist da die Rede von Abscessen, Tumoren, 
Skropheln, Blutungen und Blutflüssen, Kolik, Obstipation, Schwindsucht, 
Konvulsionen, Husten, Deformitäten, Diarrhoe, Samenfluss, Hydrops, 



^) Vgl. das „Lied des Arztes" (Rigveda X, 97) übersetzt von R. Roth in: 
Zeitschr. d. deutschen morgenländ. Gesellschaft 1871 Bd. XXV S. 645 ff. 

^) Vgl. den Index zuBloomfields Ausgabe des Atharvaveda, unter „Diseases". 



Indische Medizin. 137 

Epilepsie, Ohrenschmerzen, Augenkrankheiten. Fieber. Schwellungen, 
Frakturen, Gicht, Kopfschmerz, Herzkrankheit, Hemiplegie, hereditäre 
Krankheit, Entzündung, Gelbsucht. Lepra (kiläsa). Manie. Krankheiten 
der Nägel, Neuralgie. Hautexanthem, Lähmung, „Königskrankheit" 
(Epilepsie?). Rheumatismus, Krämpfe, Veitstanz, Zahnleiden, Blähungen, 
Geschlechtskrankheiten (grämya sc. vyädhi), Wurmleiden, Wunden, 
Kinderkrankheiten, Schlangenbiss u. s. w. 

Besonders häufig wird im Atharvaveda des Takman gedacht, 
dessen Heilung allein vier Hymnen (I, 25; V, 22, VI, 20, VII, 116) 
gewidmet sind. Im Hymnus V, 22 lautet z. B. eine Stelle: 

„0 Takman, zu. den Müjavant gehe und weiter weg zu den Balhika 
(fernewohnenden Völkerschaften) ! Das S ü d r a - "Weib (aus der S ü d r a - , der 
niedrigsten Kaste) falle an, das strotzende, das schüttele etwas, o Takman." 

Nach den Untersuchungen von VirgilGrohmann^) und Bloom- 
field^') ist der Takman ein bösartiges Fieber und zwar haupt- 
sächlich Malariafieber, das intermittierenden Typus zeigt. 

Ferner sind der vedischen Medizin schon einige Thatsachen des 
menschlichen Geschlechtslebens bekannt, so die Vermischung des männ- 
lichen und weiblichen „Samens" bei der Befruchtung, die Dauer der 
Schwangerschaft, die auf 10 Mondmonate bemessen wird, konzeptions- 
befördernde Mittel, Abortiva und vor allem Aphrodisiaka, die ja 
auch in der späteren indischen Medizin eine so grosse Rolle spielen. 
Die Gandharven, die „göttlichen Lebemänner", die sich mit den 
himmlischen Nymphen, den Apsaras vergnügen, sind besonders auf 
diesem Gebiete wohl bewandert und kennen viele aphrodisisch wirkende 
Pflanzen. 

Als Heilpflanze wird besonders die K u s t h a - Pflanze (Costus 
speciosus) verwendet, nach der später der Aussatz benannt sein soll. 
Auch homöopathische Mittel finden sich im Atharvaveda. Man 
braucht vergiftete Pfeile gegen Gift, gelbe Pflanzen gegen Gelb- 
sucht u. a. m. 

Heilsprüche des Rigveda preisen die heilsame Wirkung der See- 
winde: 

„Zwei Winde wehen eilend her, vom Ocean, vom fernen Ort, 
Kraft wehe Dir der eine zu, der andere Dein Leiden fort, 
Wind, wehe Heilung diesem zu, und wehe, Wind, sein Leiden fort, 
Die Götter haben Dich gesandt mit aller Heilungsmittel Hort," 

und diejenige der kalten Bäder: 

„Heilkräftig ist des Wassers Schwall, das Wasser kühlet Fiebers-Gluth, 
Heilkräftig gegen alle Sucht, Heil bringe Dir des Wassers Fluth!'*^) 

Auf einer verhältnismässig hohen Stufe der Entwicklung scheint 
die vedische Chirurgie gestanden zu haben. Man wandte auch bei 
chirurgischen Krankheiten zunächst Zaubersprüche an und vollzog 
symbolische Handlungen. Einer dieser Zaubersprüche ist sehr merk- 
würdig, weil er in einer auffallenden Uebereinstimmung mit dem alt- 



^) Virgil Grohraann, „Medizinisches aus dem Atharvaveda mit besonderem 
Bezug auf den Takman" in A. Weber's „Indische Studien" Bd. IX (1865) S. 381 ff. 

') M. Bloorafield a. a. 0. S. 441—444. 

*) Rigveda X, 137. Vgl. Aufrecht, „Zeitschr. der deutsch, morgenländ. Ge- 
sellschaft" Bd. XXIV S. 203. 



138 Iwan Bloch. 

germanisclien, sogen. „Merseburger Segen", sich deutlicli als ein Ueber- 
rest urar isolier Medizin bekundet. Dieser eine Fraktur be- 
treifende Spruch findet sich im Atharvaveda IV, 12, 2—5 und lautet: 

2. "Wenn dir zerrissen, dir zerbrochen 
ein Knochen in dem Leibe ist, 

das leg' zum Heile wieder, 

Dhätar, zusammen Glied zum Glied! 

3. Zusammen sei mit Mark dein Mark, 
zusammen sei mit Glied dein Glied ! 
Zusammen wachs' dein altes Fleisch 
und auch der Knochen wachs' dazu! 

4. Zusammen füg' sich Mark mit Mark, 
und mit der Haut verwachs' die Haut ! 

So wachs' dein Blut und auch das Bein [Knochen], 
das Fleisch verwachse mit dem Fleisch ! 

5. Das Haar verein' sich mit dem Haar, 
die Haut verein' sich mit der Haut ! 

So wachs' dein Blut und auch das Bein 
zusammenleg' Zerbrochnes, Kraut ! ^) 

Doch in chirurgischen Fällen konnte man am allerwenigsten auf 
Zaubersprüche bauen. So finden wir schon im Rigveda sehr bedeutende 
Leistungen der urindischen Chirurgie aufgeführt. Es ist dort sogar 
von künstlichen Beinen (Rigveda I, 116, 15) und Augen (I, 116, 16) die 
Rede. Sehr geschickte Chirurgen extrahierten die Pfeile aus den 
Wunden der Krieger, die dann regelrecht verbunden wurden. Die 
A^vins sollen dem Püsan neue Zähne eingesetzt haben. Im Atharva- 
veda (IV, 22) wird die Kastration erwähnt. Bei Diarrhoe versetzte 
man dem Patienten Schläge auf die Analgegend! 

Medizin der brahmanisclien Periode: Anatomie und Physiologie. 

Die Inferiorität der indischen Heilkunde in Vergleichung mit der 
griechischen Medizin beruht vorzüglich auf dem gänzlichen Mangel 
einer anatomischen und physiologischen Wissenschaft. Da diese beiden 
Disziplinen die Fundamente der wissenschaftlichen Heilkunde bilden, 
so trägt trotz einiger glanzvoller Einzelerrungenschaften die indische 
Medizin im ganzen den Charakter der Unwissenschaftlichkeit, des rein 
Empirischen. 

Die Pflege der Anatomie war deswegen vollkommen unmöglich, 
weil die Beschäftigung mit Leichen aufs strengste durch das religiöse 
Gesetz verboten war (Manu IV, 132; V, 87, 135) und jede Berührung 
eines toten Körpers durch ein Bad und andere Ceremonien gesühnt 
werden musste (Manu V, 59; 62; 64; 85; IV, 108; 110; 111; 116). 

^) Vgl. E. Harcly, „Indische ReligionsgescMclite", Leipz. 1898, S. 44. lu dem 
„Merseburger Segen" heisst es: „Beiu zu Beine, Bhit zu Blute, Glied zu Gliedern, 
als wenn sie geleimt wären." Hier bespricht Wodan, der Götterarzt, die Bein- 
verletzung. Vgl. W. Scherer, „Geschichte der deutschen Litteratur", 7. Aufl., Berlin 
1894, S. 15. 



Indische Medizin. 139 

Trotzdem sind, wie aus Särlrasthäna Kap. 5 des Susruta hervor- 
geht, ohne Zweifel Untersuchungen von Leichen vorgenommen worden. 
Wie später die mittelalterlichen Aerzte es thaten, liess man die Leiche 
sieben Tage in Wasser liegen, bis sie maceriert war und die äusseren 
Teile abgeschabt werden konnten. Hierzu benutzte man Pflanzenrinden. 
Hatte man so die inneren Teile freigelegt, so beschränkte man sich 
auf eine blosse Okularinspektion. So erklärt sich die mangelhafte 
Ausbildung der Anatomie, die im wesentlichen nur eine Aufzählung 
der einzelnen Körperbestandteile ist. Der menschliche Körper besteht 
aus 6 G 1 i e d e r n (4 Extremitäten, Rumpf und Kopf) ; aus einzelnen 
(Kopf, Bauch, ßücken. Nabel, Stirn, Kinn, Hals und Brust) und dop- 
pelten (Ohren, Augen, Nase, Augenbrauen, Schläfen, Oberarme. Brüche, 
Hoden, Seitenteile, Nates, Kniee, Unterarme. Oberschenkel u. s. w.) 
Organen. Dazu kommen noch 20 Finger und die Organe der Sinne. 
Das ist die allgemeine Körpereinteilung. Im besonderen werden nach 
Susruta 7 Häute. 7 Segmente. 7 Elemente, 7 Sitze der einzelnen 
Organe, 70 Gefässe, 500 Muskeln (bei Frauen 490), 90 Sehnen, 300 
Knochen (nach Caraka 306, nach anderen 340—360). 210 Gelenke 
(68 bewegliche), 107 Punkte, deren Verletzungen lebensgefährlich oder 
gefährlich sind (,.Marman'-) ^), 24 Nerven, 3 Körperflüssigkeiten. 3 Ex- 
cretionsflüssigkeiten, 9 Sinnesorgane. Die Gefässe laufen alle im 
Nabel zusammen, sie führen nicht nur Blut, sondern auch Luft, 
Schleim und Galle. Auch die 24 Nerven entspringen aus dem Nabel, 
10 ziehen nach oben, 10 nach unten und 4 nach den Seiten. Der 
Mensch hört, sieht, schmeckt und riecht mit 8 Nerven, spricht mit 2, 
schläft mit 2 u. s. w. 

Ebenso phantastisch wie die Anatomie ist die Physiologie. Ihre 
Grundlage bildet die Lehre von den drei Humores: Luft, Galle und 
Schleim. Diese durchfliessen den ganzen Menschen. Ihre Alterationen 
sind die Ursachen aller Krankheiten. Die Luft befindet sich haupt- 
sächlich zwischen Fuss und Nabel, die Galle zwischen Nabel und Herz 
und der Schleim zwischen Herz und Scheitel.-) Luft herrscht im 
Greisen-, Galle im Mannesalter. Schleim in der Kindheit vor. Ebenso 
prävaliert Schleim am Morgen, Galle am Mittag, Luft am Abend. 
Luft ist alleiniger Träger und Vermittler der Bewegung, die Galle 
ist Ursache der tierischen Wärme, der Schleim ermöglicht die 
Thätigkeit der einzelnen Organe. — Diese drei Elementarstoife des 
Körpers erzeugen sieben andere Stoffe (dhätus): Chylus, Blut. Fleisch, 
Fett, Knochen, Mark und Samen. Chylus entsteht durch Attraktion 
aus der Nahrung, ist weiss und süss und erhält den Menschen in 
guter Stimmung. In der Milz und Leber wird der Chylus zu 
Blut. Das Blut verwandelt sich in Fleisch, Fleisch in Fett, Fett 
in Knochen. Knochen in Mark und Mark in Samen. Diese ganze 
Metamorphose nimmt einen Monat in Anspruch. Der krankhaft 
veränderte Chylus wird sauer oder salzig und erzeugt dann kon- 
stitutionelle Krankheiten. Blut ist schwerer als Chylus, es bewegt 



*) Und zwar 19, deren Verletzung sofortigen Tod herbeiführt, 33, deren Ver- 
letzung nur langsamen Tod, 44, Lähmung der Glieder, 8, heftigste Schmerzen herbei- 
führt, 3, die kein Herausziehen von Fremdkörpern vertragen. Zu diesen „marman" 
gehören Hohlkand. Fusssohle, Testes, Regio inguinalis u. s. w. 

^) Bekanntlich lassen auch die Hippokratiker den Schleim hauptsächlich aus 
dem Gehirn herabfliessen („Katarrh") und so in die verschiedenen Organe eindringen 
und krankhafte Veränderungen erzengen. 



140 Iwan Bloch. 

sich durch die verschiedenen Gefässe des Körpers. Härlta und 
Bhävamisra sollen sogar die Cirkulation des Blutes vom Herzen 
aus durch Arterien und Venen erwähnen, und so Vorläufer Harveys 
sein (B h a g V a t S i n h J e e). Bei den Frauen entsteht das Menstrual- 
blut ebenfalls aus dem Chylus. Findet Konzeption statt, so fliesst es 
zu den Brüsten und verwandelt sich in Milch, Urin, Fäces, Schweiss, 
Cerumen, die freien Eänder der Nägel, Haar, Sputum, Thränen, Nasen- 
schleim gelten für Unreinheiten des Körpers. — Sechs hohle Einge- 
weide dienen dem Zwecke, den Schleim, unverdaute Nahrung, Galle, 
Luft, Fäces und Urin in sich aufzunehmen. Das AVeib hat drei 
weitere für die Aufnahme des Fötus und der Milch bestimmte. 

Allgemeine Aetlologie und Pathologie. 

Härita führt die Krankheiten auf drei Hauptursachen 
zurück, auf ,,K a r m a", Alteration derHumores oder beide zu- 
gleich. „Karma" ist die unvermeidliche Folge guter und böser, in 
dieser oder jener Welt verrichteter Handlungen. Gewisse Krankheiten 
(„Karmajah") sind Folgen von Sünden in einem früheren Leben. Der 
Mörder eines Brahmanen leidet an Anämie, der Töter einer Kuh an 
Lepra, ein Königsmörder an Schwindsucht, ein Mörder im allgemeinen 
an — Diarrhoe ! Der Ehebrecher mit seines Herrn Frau wird Gonorrhoe 
erdulden, der Schänder des Ehebettes seines Lehrers Urinverhaltung. 
Ein Trunkenbold bekommt Hautkrankheiten, ein Brandstifter Erysipel, 
ein Spion verliert ein Auge. Die durch Karma verursachten Krank- 
heiten müssen durch Gebete, Sühneceremonien und beruhigende Zauber- 
sprüche geheilt werden. So soll z. B. der Karma-Kranke auf einem 
schmalen Fusspfade fortgehen bis zur unsichtbaren nordöstlichen Land- 
zunge; er soll von Wasser und Luft leben, bis „seine irdische Hülle 
dahinsinkt und seine Seele sich mit Gott verbindet" (Manu). — Es 
giebt 80 Krankheiten, die durch krankhafte Veränderung der Luft er- 
zeugt sind, 40 durch Alterationen der Galle, 20 durch Abnormitäten 
des Schleimes und 10 durch Erkrankungen des Blutes. Je nach der 
Prävalenz des einen oder anderen Elementarteiles werden Greise, 
Männer oder Kinder ergriffen. Auch die übrigen Grundstoffe spielen 
bei der Pathogenese der einzelnen Krankheiten eine Eolle, so dass die 
mannigfachsten Kombinationen möglich sind und in der theoretischen 
Medizin verwertet werden. 

Allgemeine Diagnostik und Prognostik. 

Die allgemeine Diagnostik der Krankheiten erfuhr bei den alten 
Indern eine ziemlich subtile Ausbildung, besonders in ihrem physi- 
kalischen Teile. Inspektion, Palpation, Perkussion, Auskultation, Ge- 
ruch und Geschmack wurden als Hilfsmittel derselben verwendet. Der 
Arzt soll alle fünf Sinne bei der Diagnose einer Krankheit in Ge- 
brauch ziehen, ferner das Aussehen, den Blick, Zunge, Haut, Stimme, 
Urin und Fäces des Kranken beachten. Der Puls (Radialis) muss 
sorgfältig geprüft werden, beim Manne der rechtsseitige, bei der Frau 
der linksseitige. Kompressibilität, Frequenz, Eegelmässigkeit, Grösse 
desselben sind zu erforschen. Der leise dahinschleichende kündigt 
Vorherrschen der Luft, der wie ein Frosch hüpfende Prävalenz der 
Galle, der laugsam gegen den Finger schlagende, des Schleimes an. 



Indische Medizin. 141 

Nacli Bhagvat Sinh Jee zeigen die weiteren subtilen Einteilungen 
des Pulses bei den altindisclien Aerzten eine auffällige Ueberein- 
stiramung mit denjenigen des Galen. 

Die Prognostik der Inder ist eine eigene Kunst, die ausserordent- 
lich zahlreiche Dinge zu berücksichtigen hat. Es giebt günstige und 
ungünstige Vorzeichen vor dem Besuche des Arztes. Günstige sind 
eine Jungfrau, eine Frau mit Säugling, zwei Brahmanen. Fisch, Pferd, 
Wild. Elephant. Milch, Blumen. Tänzerin, spirituöse Flüssigkeit, 
Wäscher mit trockenen Kleidern, voller Wassertopf u. s. w.; un- 
günstige : Gras, Schlange, Oel, Feind, streitendes Volk, Eunuch, Butter- 
milch, Bettler, Asket, Einäugiger, leerer Wassertopf u. s. w. Alle 
diese Dinge muss aber der Arzt zufällig auf seinem Wege zum 
Patienten treifen, um daraus eine Prognose stellen zu können. Sieht 
aber der zum Arzt geschickte Patient die oben erwähnten guten Vor- 
zeichen auf seinem Wege, so ist das schlecht für den Kranken, sieht 
er die schlimmen, so ist es gut! Auch sollte der Bote von demselben 
Geschlechte und Stande wie der Patient und darf keine Witwe oder 
Bettler sein. Die Herkunft und Heimat des Kranken sind von Be- 
deutung. Verbrecher, Mörder und Schlächter, Unheilbare sollen nicht 
behandelt werden. Die Prognose ist bei Brahmanen, Königen, Greisen, 
Frauen, Kindern ungünstiger, da sie keine starken Arzneien nehmen 
dürfen und unfolgsamer sind. Die Körperbeschaffenheit des Kranken 
ist für die Dauer des Lebens bezw. der Krankheit massgebend (kurzes 
Leben, langes Leben und Leben von mittlerer Dauer). Kurze Finger 
und langes Sexualorgan sind ein Zeichen von Kurzlebigkeit I Feindschaft 
Gottes, der Brahmanen und der Aerzte verkürzt das Leben und be- 
schleunigt bei Krankheit den Tod. Als die acht „schweren Krank- 
heiten" mit besonders ungünstiger Prognose gelten Ascites, Aussatz, 
Nervenleiden. Gonorrhoe. Hämorrhoiden, Mastdarmfisteln, widernatür- 
liche Kindeslage und Lithiasis. 

Diätetik und Hygiene. 

Diätetik und Hj-giene waren bei den alten Indern aufs pein- 
lichste geregelt, ihre zum Teil lächerlich pedantischen Vorschriften 
wurden strenge befolgt. Anerkannt muss werden, dass bei keinem 
anderen Volke der Grundsatz der körperlichen Reinheit in solch 
rigoroser Weise durchgeführt wurde wie bei den alten Indern. 

Zweimal täglich zwischen 9 und 12 Uhr vormittags und 7 und 
10 Uhr abends soll man speisen, und zwar nicht an einem öffentlichen 
Platze, da Essen, Coitus und die Befriedigung der natürlichen Bedürf- 
nisse dem Blicke anderer Menschen entzogen werden müssen. Als 
Speisegeräte sind vorzüglich goldene zu benutzen, da Gold das „beste 
Tonicum" für das Auge ist. Aus silbernen Schüsseln zu speisen, ist 
für die Beförderung der Leberfunktionen sehr zuträglich. Zink ver- 
bessert Intelligenz und Appetit. Messing vermehrt Luft und Hitze, 
heilt aber Störungen des Schleimes und vertreibt Würmer. Der Ge- 
brauch von Stahl- oder Glasgefässen ist wirksam gegen Chlorose, Gelb- 
sucht und Schwellungen. Ein Stein- oder irdenes Service bringt 
Armut. Holzschüsseln regen zwar den Appetit an, aber vermehren 
die Sekretion des Schleimes. Die Benutzung von Blättern als Schüsseln 
schützt gegen Gifte. Bevor man das Speisezimmer betritt, soll man 
etwas Salz und frischen Ingwer nehmen, zur Anregung des Appetits 



142 Iwau Bloch. 

und Reinigung' des Halses. Caraka schreibt vor, dass man beim 
Essen das Antlitz nicht gegen Norden wende. Manu sagt, dass, um 
lange zu leben, man gegen Osten gerichtet speisen müsse, um berühmt 
zu werden, gegen Süden, um reich, gegen Westen, und um die rechte 
Erkenntnis zu erlangen, gegen Norden (Manu 11, 52). Wem bei der 
Mahlzeit ein Flatus entfährt, der muss sofort das Mahl verlassen und 
darf während des ganzen Tages keine Nahrung mehr zu sich nehmen. 
Es giebt 4 Arten der Nahrung : die mit den Zähnen zerkaute wie Brot, 
die mit der Zunge geschlürfte wie Gewürz, die mit den Lippen ein- 
gesaugte wie Mango und die einfach getrunkene (Flüssigkeiten). Die 
verschiedenen Gerichte werden nacheinander in einer vorgeschriebenen 
Ordnung aufgetragen und auf bestimmte Plätze gestellt. Die Speise 
soll vom Menschen mit göttlicher Verehrung betrachtet werden, was 
der Gesundheit zuträglich ist (Manu II, 55). Granatäpfel, Zucker 
und ähnliche Dinge sollen stets zuerst und nie am Ende der Mahlzeit 
gegessen werden. Es ist zweckmässig, harte und butterähnliche Sub- 
stanzen am Anfang, weiches Fleisch in der Mitte und Flüssigkeiten 
am Ende der Mahlzeit zu geniessen. Süssigkeiten sollen zuerst, darauf 
salzige und saure Dinge, dann scharfe und bittere, und zuletzt ad- 
stringierende genommen werden. Die ganze Mahlzeit beendige man 
mit einem Trunk Milch oder Molken gemischt mit Wasser. Nie über- 
stürze man das Mahl. Man vermeide Gourmandise, fülle die Hälfte 
des Magens mit fester, ein Viertel mit flüssiger Nahrung, der übrige 
Teil bleibe leer. Ab und zu darf man während der Mahlzeit 
AVasser trinken, am Anfang genommen verzögert es aber die Ver- 
dauung und macht mager, am Ende genommen ruft es Fettleibigkeit 
hervor (Vägbhata). Ein Durstiger sollte vor dem Essen seinen 
Durst löschen und ein Hungriger sollte vor dem Trinken etwas feste 
Nahrung zu sich nehmen. Wer das Erste nicht befolgt, bekommt 
Tumoren, im zweiten Falle Hydrops. Was der Mensch isst, ist er 
d. h. Intelligenz und Charakter hängen von der Nahrung ab. Nach 
beendigter Mahlzeit muss der Mund sorgfältig gereinigt werden, innen 
und aussen, und zwar mit Wasser, ebenso die Hände. Schmierige 
Stellen werden mit Salz abgerieben, der Zahnstocher wird ausgiebig 
zur Anwendung gebracht. Auch die Augen werden mit nassen Fingern 
bestrichen. Dann folgt ein Dankgebet. Betelkauen vertreibt den 
nach dem Essen sich ansammelnden Schleim, beseitigt den Foetor ex 
ore und verbessert die Stimme. Auch ein Spaziergang (100 Schritte) 
ist lebens verlängernd. Sitzenbleiben unzuträglich. Lauf eh nach dem 
Essen ist so viel als ob man den Tod selbst herbeiriefe. Nach dem 
Spaziergange lege man sich eine kurze Zeit auf die linke Seite, was 
die Verdauung befördert. Hiernach pflegte der alte Inder sich ge- 
wöhnlich der Massage zu unterwerfen, sowie Leibesübungen 
(Gymnastik, Friktion u. s. w.) vorzunehmen, da dies „Fleisch, Blut 
und Haut" reinigt, das Gemüt erheitert. Schlaf herbeiführt und doch 
zunächst die Ermüdung vermindert. Die Massage wird besonders von 
Barbieren ausgeführt. Frauen werden nur von Frauen massiert. Der 
Schlaf ist am Tage nur nach grossen Anstrengungen gestattet. Man 
soll ihn auch in der Nacht nicht zu lange ausdehnen und eine Stunde 
vor Sonnenaufgang aufstehen, und (nach allerlei Ceremonien) zunächst 
seine natürlichen Bedürfnisse befriedigen (mit bedecktem Kopfe), dann 
die Zähne mit Zahnpasta oder Pulver reinigen (gepulverter Tabak, 
Salz, Betelnuss, Pfeifer, Ingwer), und mit einer der verschiedenen Zahn- 



Indische Medizin. 143 

bürsten (Zweige von „Acacia arabica'% Ficus indica ii. s. w.). Danach 
wird die Zunge mit einem goldenen, silbernen oder kupfernen In- 
strument abgekratzt, der Mund mit kaltem Wasser mehrere Male aus- 
gespült und das Gesicht gewaschen. In die Nase wird täglich ein 
wenig Rüböl eingetropft. Nägel, Bart und Haar sind rein zu halten, 
und müssen jeden fünften Tag geschnitten werden. Der Körper wird 
mit parfümiertem Oel eingerieben, besonders Kopf, Ohren und Fuss- 
sohlen. Dies geschieht besonders vor dem täglichen Bade, welches 
streng vorgeschrieben ist (Manu IV, 203; Yäjnavalkya's Gesetz- 
buch III. 314). Nach dem Essen ist das Bad schädlich, kalte Bäder 
verhindern Blutkrankheiten, heisse haben eine alterierende Wirkung. 
Ein alter Arzt, Hariscandra sagt: „0 Menschen, ein warmes Bad, 
frische Milch, ein junges Mädchen und massiger Gebrauch von fett- 
reicher Nahrung sind Eurer Gesundheit zuträglich." An Erkältung, 
kaltem Fieber, Diarrhoe, Dyspepsie, Ohrkrankheiten, Augen affektionen 
leidende Personen dürfen nicht baden. Nach dem Bade muss der 
Körper sorgfältig abgetrocknet werden. Bei jedem Tempel sind heilige 
Badestellen („tirthäni"), die heiligsten Bäder sind diejenigen im Ganges- 
flusse. Ausserdem wurden Seebäder und Heilquellen (im Hima- 
laya, Hindostan, Dekhan) benutzt. M Die Kleidung muss vollkommen 
sauber sein. Schmutzige Kleider rufen Hautkrankheiten hervor. 
Blumen, Gold, Edelsteine dienen als Schmuck und wenden böse Geister 
ab. — ]\Iilch, Butter (gegen Phthisis), Honig, Eeis, W^asser verlängern 
das Leben. Nach dem Coitus soll man Milch trinken. Einmal in der 
AVoche ein Vomitiv, monatlich ein Laxans, zweimal im Jahi-e ein 
Aderlass erhalten die Gesundheit. — Der Beschaffenheit des Klimas 
wendeten bereits die alten Inder volle Aufmerksamkeit zu. Sie unter- 
scheiden drei Klimate. ,,Annpa*' ist eine feuchte Marschengegend mit 
zahlreichen Flüssen, Seen und Hügeln, enthält viel AVild, Früchte 
und Vegetation (Zuckerrohr). Die ,.Schleim"- und ,,Liift"krankbeiten 
sind in diesem Gebiete besonders häufig. „Jangala" ist ein trockener, 
wasserarmer Landstrich, wo Akazien, Calatropis gigantea, Salvadora 
indica und ähnliche Bäume in überreichlichem Masse gedeihen. Die 
Früchte dieser Gegend sind süss, die Fauna besteht besonders aus 
Aifen und Bären. Hier herrschen Gallen- und Blutkrankheiten vor. 
„Misra" vereinigt die Vorteile von „Anüpa" und „Jaiigala" ohne ihre 
Nachteile zu haben. Diese Gegend ist weder zu heiss noch zu feucht 
und daher am meisten der Gesundheit zuträglich. Der an einer Schleim- 
krankheit Leidende gehe in die Jangala-Gegend, der Biliöse ins 
Anüpa-Gebiet. Der Arzt muss genau die klimatischen Verhältnisse 
der einzelnen Landesteile kennen, damit er seine Patienten in dieser 
Beziehung gut beraten kann. 

Materia medica und Toxikologie. 

Die Materia medica der Inder musste in dem äusserst fruchtbaren 
Lande sich im Laufe der Zeit zu einem grossen Eeichtum entwickeln. 
Sie bildet denn auch einen durchaus eigenartigen Bestandteil der alt- 
indischen Medizin. Caraka teilt die Arzneien in drei Klassen: 
mineralische, animalische und vegetabilische. Susruta hebt die Not- 



^) Vgl. „Ein Seebad im alten Indien" im „Journal of the Asiatic society of 
Bengal" vol. 41 n. „Globns" Bd. 24 S. 248; Haeser a. a. 0. I, 491. 



144 Iwau Bloch. 

wendigkeit pharmakologischer Kenntnisse für den Arzt hervor. Der 
Arzt solle selbst auf die Suche nach Arzneien gehen und sich von 
Hirten, Büssern, Reisenden und anderen Kennern des Waldes über diie 
Standorte und Eigenschaften der Heilkräuter belehren lassen. Nara- 
käri beschreibt ausführlich die Natur des Bodens, auf dem die ver- 
schiedenen Medizinalpflanzen kultiviert werden können. — Man schreibt 
allen Medikamenten (pflanzlichen, tierischen und mineralischen) fünf 
Eigenschaften zu (Geschmack, spezifische Wirkung, ausserdem er- 
hitzende oder erkältende Eigenschaft, Umwandlungsfähigkeit der 
Körper, verschiedene Wirkung derselben Substanz bei innerlichem oder 
äusserlichem Gebrauche). Caraka kennt 500 Heilpflanzen, 
Susruta 760. Unter diesen sind besonders viel gebraucht: Costus 
speciosus (Antispasmodicum), Wrightia antidysenterica (Haemostaticum), 
Tribulus terrestris (gegen Lithiasis), Cardiospermum Helicacabum 
(Emmenagogum), Piper uigrum (Laxativum), Piper longura (Stomachi- 
cum), Salvadora indica (Antipyreticum), Terminalia bellerica (gegen 
Yerschleimung und Lungenkatarrh), Saccharum officinarum (Beförde- 
rung der Schleimbildung, Befrigerans), Santalum album und Santalum 
flavum (Krätze, Gonorrhoe), Poa cynosuroides (Diureticum), Moringa 
pterygosperma (Antihj^pnoticum), Capparis sepiaria (Hypnoticum), Shorea 
robusta (Enthaarungsmittel), Cinnamomum Cassia (Cholagogum), Vina 
medicata (Anaestheticum), Luffa echinata (Emeticum und Purgativum), 
Ptychotis ojowan (gegen Kolik), Amomum elettarum (Antasthmaticum), 
Pimpinella Anisum (Galactagogum), Dolichos sinensis (führt Flatus 
herbei), Minosa Serissa (Anodynum), Aconitum Napellus (Toxicum), 
Cannabis sativa (Sedativum), Ricinus communis (Laxans), Spermacoce 
hispida (Emeticum), Convolvulus Turpethum (Laxans), Symplocos race- 
mosa (Laxans), Embelia ribes (Anthelminticum), Pentaptera Arjuna 
und Plectanthrus sentellaroides (gegen Lithiasis); Datura alba, nigra, 
Opium, Nerium odorum, Calotropis gigantea, Gloriosa superba, Cocculus 
Indiens und Strychnos nux vomica dienen als Narcotica. Als Anti- 
dote („Agada") bei Vergiftungen werden hauptsächlich genannt: 
Vangueria spinosa, Asclepias germinata, Convolvulus Turpethum, Ter- 
minalia, Curcuma longa, C. xanthorrhizon, Nymphaca odorata, Brassica 
latifolia, Aconitum ferox. Aphrodisiaca: Piper longum, Aloe per- 
foliata, Pimpinella anisium, Aeschynomene grandiflora, Euphorbia 
pentagonia, Carthamus tinctorius, Carpopogon pruriens, Flacourtia cata- 
plu-acta, . Galedupa arborea, Phyllanthus Emlica u. s. w. 

Auch tierische Heilmittel werden ausgiebig verwendet. Ziegen- 
knochen werden pulverisiert und mit anderen Ingredienzien zu einer 
Salbe gegen Fisteln verarbeitet. Elefantenzähne bei Leukorrhoe. 
Milch ist sehr heilkräftig, menschliche und Elefantenmilch vortreff- 
lich bei Augenleiden, Kuhmilch befördert die Samenbildung, Büffel- 
milch den Schlaf, Ziegenmilch heilt Phthisis und Blutkrankheiten, 
Schafsmilch befördert den Haarwuchs, Stutenmilch nützt gegen Rheu- 
matismus, Eselsmilch gegen Husten, Kamelsmilch ist Laxans und wirkt 
gegen Hydrops, Asthma und Skrophulose. Molken und Butter sind 
gleichfalls vortreffliche Heilmittel. — Verbrannte Haare gegen Haut- 
wunden. Ferner Fleisch, Fett, Urin (besonders Urin der Kuh), Nägel 
(Räucherungen gegen Malaria), Mist (Kuhmist gegen Entzündungen 
und Haut Verfärbungen, Elefantenmist gegen Lepra), Blut (als Stärkungs- 
mittel). 

In hohem Ansehen standen bei den alten Indern die mine- 



Indische Medizin. 145 

rauschen Arzneimittel, die von ihnen bereits innerlich verwendet 
wurden. Die Metalle zerfallen in zwei Klassen: Haupt- und Xeben- 
metalle. Die sieben Hauptmetalle sind: Gold, Silber, Kupfer, Zinn, 
Blei, Zink, Eisen. Die Nebenmetalle sind Kompositionen der Haupt- 
metalle: Messing, Kupfersulfat, Bleioxyd u. s. w. — Zu den „rasa"' 
(Freuden d. h. der Aerzte) gehören Quecksilber, Schwefel, Arsenik, 
Bleisulfate, Borax, Alaun, Eisensulfat, Zinkcarbonat, Bleiglätte. Auch 
Edelsteine kommen zur Verwendung (Diamant, Rubin, Saphir, Topas, 
Onyx u. s. w.), ferner Silicate, Salze (Pottasche, Kochsalz, Chloram- 
monium.) Vegetabilische Arzneimittel sind nach dem Glauben der 
Inder nicht so wirksam \ne metallische. (Pflanzenpulver sind nur 
2 Monate, Pillen und Tinkturen 1 Jahr, ölige Präparate 16 Monate 
wirksam). So ging das Bemühen der indischen Aerzte dahin, metallische 
Mittel mit den Kräften der pflanzlichen Heilmittel zu begaben. Dies 
erreicht man durch chemische Prozesse (Reinigung. Oxydation, Subli- 
mation u. s. w.) und erhält so Mittel, die Jahre hindurch wirken. 
Gold wird gereinigt, indem man es in dünne Blättchen schlägt, diese 
werden bis zur Rotglut erhitzt und in süsses Oel getaucht, dann wieder 
erhitzt und in Molken gelegt, ein drittes Mal erhitzt und in Kuhurin 
abgekühlt. Dieser ganze Prozess wird siebenmal wiederholt. Dann 
ist das Gold frei von allen schädlichen Beimischungen. Es wird dann* 
oxydiert, und so als Arzneimittel gebraucht, heilt alle Krankheiten, 
verlängert das Leben, ist Stimulans und Aphrodisiacum. Aehnlich 
verfährt man mit Silber, Kupfer, Zinn, Blei, Zink und Eisen. 

Von allen Metallen wird das Quecksilber (parada) am meisten 
geschätzt. Die Inder scheinen die Ersten gewesen zu sein, die den 
Merkur als Arzneimittel verwendet haben. Er wird schon bei C a r a k a 
und Susruta als solches erwähnt \), und sowohl äusserlich als auch 
innerlich verordnet. Es werden dem Quecksilber göttliche Kräfte zu- 
geschrieben. Die Arznei, die etwas Merkur enthält, gilt für besonders 
heilkräftig. Ein Sprichwort lautet: 

,,Der Arzt, welcher die Heilkräfte der Wurzeln und Kräuter kennt, 
ist ein Mensch, der, welcher die des Wassers und Feuers kennt, ein Dämon, 
wer die Kraft des Gebetes kennt, ein Prophet, des Quecksilbers, ein Gott." 

Die zahlreichen Vorrichtungen und Apparate zur Herstellung der 
verschiedenen Präparate des Quecksilbers heissen Yantra. -) Queck- 
silber fand gegen alle möglichen Krankheiten, vor allem Hautleiden, 
auch fieberhafte Krankheiten (Pocken), Nervenleiden. Lungenaifektionen, 
später gegen Syphilis Verwendung. 

Die Formen der Arzneien waren Tinkturen , Elektuarien, 
Tropfen, Pulver, Inhalationen. Räucherungen. Bäder, Infusionen. Gar- 
garismen, Salben. Pasten, Pillen, wässrige Extrakte, Suppositorien, 
Dekokte, Pflaster. Bolus, Konfektionen, Syrupe. Pimulsionen, Lotionen, 
Spray, Dämpfe. Oele. Linimente, Fomentationen, Bougies u. a. m. '^j 
Es giebt vier Arten von Niesemitteln: pulverförmige (durch ein Rohr 
einzuschnauben), Pasten (in die Nase einzuführen). Rauch von ver- 
brannten Harzen, Rauch von Haaren und Federn. 



^) Näheres über die Geschichte des Quecksilbers bei den Indern bei J. Bloch, 
„Der Ursprung der Sj-philis-', Jena 1901 Bd. I, S. 128—129. 

2) Vgl. BhagvatSinhJeea. a. 0. 143-146 und Tafel 1—6. 

•■') Gewichte und Masse: bei Bhagvat Siuh Jee a. a. 0. S. 149 — 150; ferner 
Tab. 1 u. II als Anhang zu Bd. II der Hesslerschen Susruta-Uebersetzung. 

Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 10 



146 Iwan Bloch. 

Besondere Erwähnung- verdienen auch die Toxikologie und die 
Aphrodisiaca. Indien ist recht eigentlich das Land der Gifte. 
Diese spielen in Leben und Sitte des Volkes eine bedeutende Rolle. 
Daher muss der Arzt die Zahl und Natur der Gifte genau kennen. 
Es giebt zwei Arten von Giften: „Sthävara" (vegetabilische und 
mineralische) und „ Jaflgama" (animalische). Datura, Arsenik, Aconitum 
Napellus u. a. gehören zur ersten Klasse; Insekten-, Skorpionen, Eid- 
echsen-, Schlangen-, Tollwut-, Fuchs-. Schakal-, Wolf-, Bären- und 
Tigergift zur zweiten Klasse. Es giebt allein 80 giftige Schlangen, 
die in fünf Klassen zerfallen, je nachdem ihr Gift das Fett, die Ein- 
geweide, die Knochen, das Mark oder den Samen vergiftet. Letzterer 
Fall ist absolut tödlich. Die Hauptantidote wurden oben erwähnt. 
Innerlich genommene Gifte werden mit kaltem Wasser und Brech- 
mitteln behandelt, mit Aderlass und der Mischung der „fünf Salze" 
(Piper longum, nigrum, Ingwer, Honig). Beim Schlangenbiss wird der 
Teil oberhalb der Wunde zusammengeschnürt, oder die Bissstelle aus- 
geschnitten, ausgebrannt, ausgewaschen, ausgesaugt. Berühmt sind 
die indischen „Giftmädchen", die durch ihren Umgang töten. ^) 

Bei der äusserst subtilen und merkwürdigen Ausbildung der Ars 
amatoria bei den alten Indern waren die Aphrodisiaca von ungewöhn- 
lich grosser Bedeutung. Der Inder betrachtet eine gewisse Variation 
und ein künstliches Raffinement in den geschlechtlichen Beziehungen ^) 
als sehr gesundheitszuträglich und als von den Göttern gern gesehen. 
Die verschiedenen „Figurae Veneris" (48) gelten deshalb als durchaus 
zulässig. Tag, Stunde, Art des Coitus werden genau vorgeschrieben. 
Es giebt gewisse Manipulationen vor, während und nach dem Beischlaf. 
Ungues, lingua, dentes werden zu aphrodisischen Zwecken in Bewegung- 
gesetzt, künstliche Vergrösserung des Gliedes auf verschiedene 
Weise (z. B. durch Biss! und durch Insekten) zu erreichen gesucht. 
Lingam (Penis) und Yoni (Vulva) geniessen göttliche Verehrung. Die 
zahlreichen aphrodisischen Medikamente sind oben erwähnt worden. 
Ausserdem werden Gesang, Mondenschein, Musik, Blumen u. s. w. zur 
Steigerung des Geschlechtstriebes herangezogen. Kinderlosigkeit gilt 
für das grösste Unglück. Während der IVIenstruation, am 8., 14. und 
15. Tage jedes Monats, am Sterbetage der Eltern ist der Coitus ver- 
boten. „Faules Fleisch, alte Weiber, Herbstsonne, halbgeronnene 
Milch, Morgencoitus und Morgenschlaf sind verderblich." Im Sommer 
soll man alle 14 Tage, in den anderen Jahreszeiten alle 3 Tage den 
Beischlaf ausüben. „Plenus venter non amat libenter" ist eine indische 
Variation des Sprichwortes. Auch auf den Glauben an das Versehen wird 
beim Coitus Rücksicht genommen (durch freundliche Umgebung u. s. w.). 

Spezielle Pathologie und Therapie. 

Schon die Veden weisen eine beträchtliche Zahl von Krankheits- 
namen auf. In den systematischen Werken der indischen Medizin ist 
die Menge der Krankheiten eine erstaunlich grosse. Auch hier wird 
oft jede einzelne Krankheit je nach der Verschiedenheit der Sj'mptome 



') Vgl. über diese den Abschnitt ,,Die indischen Giftmädchen" in: „Der Ur- 
sprung- der Syphilis" von J. Bloch, Teil II. 

^) Vgl. darüber das „Kämasütram des V ä t s y ä y a n a", deutsch von R. Schmidt, 
2. Aufl.. Leipzig 1900: „Ananga-Ranga" von Kalyäna Malla, französ. Uebersetzg. 
Paris 1886. 



Indische Medizin. 147 

in eine Anzahl neuer Kategorien aufgelöst. Es giebt z. B. 25 ver- 
schiedene Arten von Fieber (nach Caraka 13). unter denen haupt- 
sächKch Malaria-Formen zu verstehen sind. 20 Varietäten der Gonorrhoe, 
6 Arten der Abscesse, 9 Karbunkel, 8 Typen des Diabetes, 9 Ery- 
sipelas, 74 Mundaffektionen, 18 Hautkrankheiten, 21 Wurmleiden u. s. w. 
Die Inder haben eine sehr subtil ausgebildete Lokalpathologie und 
Lokaltherapie. Unter den Symptomen spielen Anämie (Pänduroga), 
Blutungen, Gelbsucht, Fettsucht und Abmagerung eine grosse Rolle. 
A\'ie schon erwähnt, kannten die altindischen Aerzte das Hauptsymptom 
des Diabetes, den süssen Geschmack des Urins, und vielleicht auch 
die Albuminurie (schaumiger Urin). Der als unheilbar angesehene 
Diabetes wird voraüglich mit Erdharz behandelt. Die indische 
Cholera wird mit Brechmitteln, Erwärmung des Körpers, auch mit 
Asa foetida und Adstringentien innerlich (Susruta) oder mit weissem 
Pfeffer und Opium (Caraka) kuriert. Zahlreiche Hautkrank- 
heiten (Geschwüre, Kerion Celsi. Alopecie, Pityriasis capitis. Favus, 
Canities, Acne, Eczem, Naevus, Verruca. Erysipel) werden beschrieben. 
Von Interesse ist die Erwähnung von Hautentzündungen infolge von 
Berührung mit Blüten. Früchten, Saft von Semecai'pus Aracardium, 
stachligen Insekten. Die Hautkrankheiten werden durch Einreibung 
von Pasten und Salben, durch Aetzmittel u. s. w. behandelt. Die' 
Pocken (mäsurikä) kommen als selbständige Krankheit erst später 
vor, fehlen im Bower-Mskr. und bei Caraka, ebenso ist der Cult 
einer Pockengöttin späteren Ursprungs (Orth-Jolly). Besonders 
reichhaltig ist das Kapitel: Lepra. Die, schwerste Form des Aus- 
satzes heisst im Veda „kustha", sogen, „schwarzer Aussatz". Die 
ärgsten Sünden werden im Jenseits mit ..kustha" bestraft. Der 
..kusthin" ist erbunfähig. Nach Jolly hat die medizinische Litteratur 
diesen Begriff etwas weiter gefasst. Schon das Bower-Manuskript 
versteht unter ..kustha" verschiedene Hautleiden. Ursachen: schäd- 
liche Nahrung, wie z. B. ^lilch mit Fischen, Unterdrückung der 
natürlichen Ausscheidungen, körperliche Anstrengung, starke Erhitzung 
oder Erkältung, sexueller Verkehr bei Indigestion, Versündigungen 
gegen Brahmanen, Lehrer oder in früherem Leben. Vorzeichen: 
Die Haut ist glänzend und rauh, starke oder keine Scliweisssekretion, 
Verfärbung, Hitze. Jucken, Taubheit einzelner Theile. starke Schmerz- 
haftigkeit von Wunden und Geschwüren, leichte Entstehung und lang- 
same Heilung dei-selben, dunkle Farbe des Blutes, Exanthem von roter 
Farbe. Schmerzen, Mattigkeit. Es giebt 18 Arten von kustha 
(7 schwere, 11 leichte). Dutt glaubt, dass unter diesen sich auch 
die Ichthyosis und die Elephantiasis befinden, ferner Psoriasis, 
Pityriasis. Herpes tonsurans. Impetigo u. s. w. Die Lepra ist nicht 
bloss in der Haut, sondern auch in den inneren Organen. Hautlepra 
hat bereits Lähmung der Hände und Füsse. Abfall der Glieder zur Folge. 
Die innere Lepra (in Mark und Knochen) verursacht Einfall oder Ab- 
fall der Nase, Rötung der Augen. Stimmlosigkeit. Der Keim der Krank- 
heit geht in Samen und ..Meustrualblut" über und vererbt sich dann. 
Hautlepra ist heilbar, innere Lepra nicht. ..Kustha" ist nach Susruta 
ebenso wie Schwindsucht. Fieber. Ophthalmie und epidemische Krank- 
heiten (Pocken u. a.) durch häufige Berührung. Atem. Zusammenspeisen, 
Zusammenliegen und -sitzen. Kleider. Kränze und Salben übertragbar. 
Nach Caraka verursachen „Würmer" das Abfallen der Glieder,' Fieber 
u. a. bei der Lepra. Behandlung: Verschiedene Abkochungen mit 

10* 



148 Iwan Bloch. 

Butter und Oel alle 14 Tage ein Brechmittel, monatlich ein Abführ- 
mittel, alle drei Tage ein Nasenmittel, alle sechs Monate Aderlass, Diät, 
fromme Lebensweise, Meidung des Coitus, Fleisches und geistiger Ge- 
tränke. — Neben kustha wird oft der „weisse Aussatz'' (svitra) er- 
wähnt, eine leichtere Krankheit. Diesem verwandt ist „kiläsa", die 
schon im Atharvaveda als eine durch weisse und graue Flecken 
charakterisierte Krankheit geschildert wird. Nach D u 1 1 ist „kiläsa" = 
Leukoderma, Vitiligo, nach J o 1 1 y aber auch Lepra anaesthetica. Nach 
Susruta sitzt kiläsa nur in der Haut und ist ohne Ausfluss, zerstört 
aber die Haut, juckt, gleicht bisweilen Brandwunden. Kiläsa der 
Genitalien, Handflächen, Lippen ist unheilbar. Ferner giebt es noch 
eine Krankheit „vatarakta" (Windblut), die auf Lepra bezogen wird, 
wahrscheinlich aber auch gichtische, rheumatische Leiden und Derma- 
tosen umfasst (Jolly). 

Unter den venerischen Krankheiten giebt es zunächst (nach 
Vägbhata) 23 Krankheiten der männlichen Genitalien; von diesen 
scheiden aber 18 sogenannte „sükadosa" aus, die durch Stimulantien 
hervorgerufen wei'den. Besonders oft kommt „upadamsa" vor, eine 
Erkrankung des Penis (durch Verletzungen beim Coitus mit den 
Händen, Nägeln oder Zähnen (sie), Unterlassung der Abwaschung 
post coitum, Benutzung von verdorbenem Wasser zur Abwaschung. 
Verkehr mit einer menstruierenden, unreinlichen oder an einer Frauen- 
krankheit leidenden Frau, erzwungenen Coitus, Gebrauch von Stimu- 
lantien u. s. w.), die sich durch rauhe, aufgesprungene Haut, Priapis- 
mus, Schmerzen, schwarze, schmerzhafte, gelbe oder rote Pusteln, 
feigenähnliche, heftig brennende, rasch reifende Geschwulst, Aus- 
fluss u. s. w. auszeichnet, mit Hodenanschwellung verbunden ist, oft 
zur Zerstörung des Gliedes und zum Tode führt. Wenn das Fleisch 
am Penis geschwunden, von Würmern zerfressen ist, so dass nur noch 
die Hoden übrig sind, so ist der Fall hoffnungslos. Upadamsa wird 
zunächst mit Oelen und Wärme behandelt, dann macht man einen 
Aderlass am Penis oder setzt Blutegel an, verordnet Laxantien und 
Breclimittel. auch wohl ein Klystier, lässt warme und kalte Ein- 
reibungen, Abwaschungen und Umschläge machen. Eiter muss mit 
dem Messer beseitigt werden. Upadamsa kommt auch bei Frauen 
vor. — „Avapätika" ist Paraphimose, „arsas" sind juckende Fleisch- 
auswüchse am Penis (innen und aussen) oder schw^ammartige, schleimige, 
Blut entleerende Gebilde in der Vagina, die unbehandelt die männ- 
liche Potenz bezw. die Menstruation zerstören. Ferner werden Polypen 
der Harnröhre, Phimose, Strikturen erwähnt. Bei letzteren wird in 
die Harnröhre eine eingefettete Röhre eingeführt, alle drei Tage von 
etwas grösserem Kaliber, oder es wird auch die Verengerung mit dem 
Messer behandelt. ..Lingavarti", „Lingärsas" (Penisgeschwür) ist ein 
hahnenkammähnlicher Auswuchs an den Genitalien, der chirurgisch 
oder durch Einreibung des Saftes von Berberis asiatica. Realgar u. a. 
behandelt wird. Jolly hat ganz richtig erkannt, dass „arsas" (sonst 
„Hämorrhoiden"), „lingärsas" und „lingavarti" dieselbe Krankheit, 
nur verschiedene Formen derselben bezeichnen und zwar uusere 
venerischen Vegetationen (spitze Condylome, Feigwarzen). Sie 
haben nichts mit Syphilis zu thun. Diese Krankheit wird vielmehr 
als „phiraiiga, phirangaroga", „phirangämaya" erst in den Schriften 
des 16'. Jahrhunderts, zuerst im Bhävaprakäsa genannt; denn der in 
Europa zunächst darüber bekannt gewordene Passus aus einem Skrt.- 



Indische Medizin. 149 

Ms. der kgl. Bibl. in Berlin (Cliarabers 510^^) ist nach E. Sieg, der 
für den Verf. denselben übersetzt hat, wörtlich aus dem Bhäva- 
prakäsa (4. 50) entlehnt, -) Er bezieht sich auf die ..Frankenkrank- 
heit" und ihre Einschleppung nach Indien durch die Portugiesen. Die 
Syphilis ist danach eine „Beulenkrankheit", die durch intimen Verkehr 
mit einem ..phirangin*' (Europäer) oder einer „phirangini" (Europäerin) 
entsteht. Es giebt einen äusseren (Hauteruptioneu) und inneren 
phiranga (Gelenkaffektionen, Rheumatismus) und einen äusserlich- 
inneren. Komplikationen: Abmagerung, Kräfteverfall. Einfallen der 
Nase, Knochenaffektionen. Hauptmittel : Quecksilber, besonders inner- 
lich (Pille mit Weizen, die ohne die Zähne zu berühren mit Wasser 
hinuntergeschluckt wird), äusserlich als Räucherung oder Einreibung. 
Zweites Mittel gegen Syphilis ist : Sassaparilla (cobaclnl, Chobchini), 
Wurzel von Smilax. Jolly zweifelt nicht an der europäischen Her- 
kunft der Syphilis. 

Chirurgie. 

Obgleich chirurgische Eingriffe von den alten Indern nur im 
äussersten Notfalle beim Versagen aller übrigen Mittel gemacht wurden, 
hat doch die Chirurgie (Salya) eine hohe Ausbildung bei ihnen erlangt. 
Die eminente Reinlichkeit der Inder, der sorgfältige Verband, die aus- 
gezeichnete Nachbehandlung sicherten den glücklichen Erfolg auch 
sehr kühner Operationen (Laparotomie, Rhinoplastik), welche die in- 
dischen Aerzte früher als die Aerzte aller übrigen Völker ausgeführt 
haben. Dieselben verfügten auch bereits über ein sehr reichhaltiges 
Instrumentarium (125 — 131 chirurgische Instrumente). Dieses wird in 
die „Yantra" (Apparate, Hilfsinstrumente) und „Sastra" (eigentliche 
Instrumente) eingeteilt. Die 105 Yantras sind Pincetten, Zangen (für 
Polypen), Tuben, Katheter, Bougies, die Kleidung des Patienten und 
als wichtigstes Yantra die Hand, die als das beste aller Instrumente 
betrachtet wird. Die 20 Sastras sind Messer, Lancetten, Sägen, 
Scheren, Troicarts, Nadeln, Bisturis u. s. w. '-) Alle Instrumente sind 
aus bestem Stahl hergestellt und werden in hölzernen Etuis auf- 
bewahrt. Operationen werden nur an glückbringenden Tagen vor- 
genommen, der Patient muss gegen Osten, der Operateur gegen Westen 
sehen. In schwierigen Fällen wird der Patient narkotisiert (haupt- 
sächlich mit der Drogue .,Sammohini"). Vorher wurden die Operationen 
an Früchten (Kürbis) eingeübt, oder an toten Tieren. Blutentziehungen 
wurden durch Aderlass, Schröpfköpfe, Blutegel vorgenommen, Cauteri- 
sationen vermittelst heissen Sandes, Feuers (bei Schlangenbissen) 
siedender Flüssigkeiten ausgeführt. Nach Susruta ist ein Aetzmittel 
besser als das Messer. Glühende Nadeln wurden bei Milzschwellung ins 
Milzparenchym eingestossen, mit sehr günstigen Erfolgen. Als Klystier- 
und Injektionsspritzen wurden die Harnblase von Schweinen und anderen 
Tieren, lederne Schläuche mit goldener Kanüle u. s. w. benutzt. 

Die. Wunden zerfallen in gequetschte, geschnittene, gehauene, ge- 
stochene, perforierende u. s. w.. werden zum Teil genäht (Kopf). Zum 
Ausziehen von Fremdkörpern wird auch der Magnet gebraucht. Kälte, 
heisses Oel, Kompression gegen Blutungen. Geschwüre, Abscesse, Ge- 

^) S. Weber, Verz. der Berl. Skr.-Handschriften Bd. I N©. 996. 
^) Vgl. die auf Tafel 7 — 10 bei Bhagvat Sinh Jee a. a. 0. zwischen S. 182 
u. 183 abgebildeten altindischen chirurgischen Instrumente. 



150 Iwan Bloch. 

schwülste werden sehr zweckmässig' behandelt (Incision, Exstirpation, 
Arsensalben gegen Neoplasmen). Bei Frakturen und Luxationen 
kommen feste Verbände, Schienen und Extension durch künstliche 
Vorrichtungen zur Anwendung. 

Die Inder führten die Laparotomie und D a r m n a h t (Ameisen- 
naht) aus ^), operierten Mastdarmfisteln mit Messer oder Cauterium. 
entfernten den Stein durch Sectio perinaealis (genau nach der Methode, 
die auch Celsus beschreibt), bei Frauen von der Scheide aus. Be- 
sonders glanzvoll ist die plastische Chirurgie dei alten Inder. Sie 
übten die Oto-, Cheilo- und vor allem die R h i n o p 1 a s t i k , die wegen 
der Häufigkeit des Abschneidens der Nase (als Strafe) eine gewöhn- 
liche Operation geworden war. Der gestielte Lappen wurde aus der 
Wange gebildet,-) nachdem man auf diese ein Pflanzenblatt von der 
Grösse der Nase gelegt und den vorderen Teil der Nase angefrischt 
hatte. Die künstliche Nase wurde mit Salbe von rotem Sandel- und 
Süssholz bedeckt und dann ein guter Verband angelegt. 

Augenheilkunde. 

Das Auge ist eine Vereinigung aller Elemente. Ausser den Lidern 
giebt es 4 Augenhäute. Die Linse gilt als Ort des Sehens. Es giebt 
76 Augenkrankheiten (Geschwür der Hornhaut, Entzündung und 
Trübung derselben, Vorfall der Regenbogenhaut, Verschliessung der 
Pupille, Scleritis, Phlyktänen, Chalazion, Hordeolum, Trachom, Con- 
junctivitis, Ectropium, Lidkrampf, Ptosis, Trichiasis, Blennorrhoea neo- 
natorum u. s. w.). Sehr interessant ist die Beschreibung des Milz- 
brandes der Lider: 

,,Eine andere Art bildet sich an den Augenlidern ähnlich einer Pflaume 
und ist schmerzhaft, hart, dick, feucht und eitert nicht, sondern wird aus- 
gedehnt und knotig; wenn Wind, Galle und Schleim in Unordnung sind, 
erscheint die Schwellung oberhalb des Augenlids, bricht auf, und Blut, 
Wasser und Eiter werden entleert durch mehrere Oeffnungen. In diesen 
Fällen ist der Schmerz so heftig, dass er einer Vergiftung ähnelt." 

(Hirschberg.) 

Die Therapie der Augenkrankheiten ist eine ziemlich zweck- 
mässige (kalte Umschläge, Breiumschläge. Abkochungen von Eibisch, 
Ingwer, Streichen von Arzneien über und unter die Lider, Skari- 
fikationen der Lider bei Blennorrhoe der Neugeborenen, Extraktion 
von Fremdkörpern u. a. m.). Hirschberg konnte aber die Angabe, 
dass Susruta die Star-Operation beschrieben habe, nicht be- 
stätigen, da die Beschreibung zu undeutlich sei. ^) 

Geburtshilfe, Gynäkologie und Kinderheilkunde. 

Der Uterus hat die Gestalt eines Fischmaule.s. Man unterschied 
das Cavum uteri und den äusseren Muttermund vom Scheideneingang. 
Die Eierstöcke werden nicht erwähnt. Das Menstrualblut stammt 



^) Vgl. die Stelle des Susruta nach Stenzlers Uebersetzung bei Haeser 
a. a. 0. Bd. I S. 30. 

^) Siehe Stenzlers Uebersetzung der Susruta- Stelle bei Haeser I, 31— 32. 

•'') Vgl. die Uebersetzung der Stelle durch Gustav Oppert bei Hirschberg 
a. a. 0. S. 38 — 39. Star heisst : Linganäsa (Wesensverlust), mantha (math = quirlen), 
Netrapatala (Hülle auf dem Auge). 



Indische Medizin. 151 

aus dem Chylus. Die Menstruation beginnt im 10. oder 12. Jahre, 
dauert bis zum 50. Jahre. Sie wird durch die Luft bewirkt. Die 
Konception geschieht durch die Vereinigung des männlichen Samens 
mit dem 3Ienstrualbhit. Mädchen sollen nach dem 12., Männer nach 
dem 25. Jahre heiraten. Beischlaf während der Menses erzeugt tote 
Kinder oder Monstra, durch Amor lesbicus werden knochenlose Kinder 
produziert! Die Schwangerschaft dauert durchschnittlich 10 Monate. 
Die Brüste schwellen durch das Menstrualblut an. Sorgiältig war die 
Diätetik der Schwangerschaft bei den Indern (Furcht vor Verseheu), 
sie hatten eigene Gebärhäuser. 

Der Embrj'o zeigt im dritten Monat die Hervorragungen des 
Kopfes und der Extremitäten, im vierten Herz, im fünften differenzieren 
sich die einzelnen Körperteile, im sechsten regt sich die Psyche. Die 
harten Körperteile entstammen dem männlichen Samen, die weichen 
dem Menstrualblut. Zwillinge entstehen durch Teilung der Samen- 
menge. Die Ursachen der Geschlechtsverschiedenheit beruhen auf der 
jeweiligen Prävalenz des Samens oder Menstrualblutes. Für das Er- 
zeugen von Knaben oder Mädchen existieren sorgfältige Vorschriften. 

Bei der Entbindung assistieren vier Frauen. Abort wird undeut- 
lich beschrieben, ebenso die Nachgeburt, welche durch äusseren Druck, 
Schütteln des Körpers der Kreissenden und Brechmittel entfernt wird. 
Die altindische Geburtshilfe kannte nicht das enge Becken, ebenso-' 
wenig eine kombinierte äussere und innere ^Methode zur Wendung auf 
den Kopf. Die Wendung auf die Füsse ist den Indern und Hippo- 
kratikern unbekannt (F a s b e n d e r). Bei unvollkommener Fusslage und 
Steisslage holten die Inder den zweiten Fuss bezw. beide Füsse hervor. 
Sicher ist, dass die altindischen Aerzte den Kaiserschnitt an der 
Toten kannten, den die Hippokratiker nicht erwähnen. Die Patho- 
logie des Wochenbettes und die Gynäkologie ist sehr dürftig. 
Die Diätetik des Wochenbettes und der Neugeborenen verdient da- 
gegen alle Anerkennung. Mutter und Kind werden nach der Geburt 
gewaschen, erst nach IVo Monaten wird die Wöchnerin entlassen. Das 
Kind bekommt am ersten Tage Honig mit flüssiger Butter, am zweiten 
und dritten Tag eine Handvoll Muttermilch mit Honig und Butter, 
dann die Mutterbrust. Für das Lager des Kindes werden sehr subtile 
Vorschriften gegeben. Ammen sind sehr gebräuchlich, müssen diätetisch 
leben, schwere Speisen vermeiden, dürfen nicht kalt baden u. s. w. 
Arznei wird dem Kind vielfach durch die Mutter- oder Ammenbrust 
zugeführt, die entweder von der Frau eingenommen oder als Paste 
auf deren Brust verrieben wird. Die Medikamente werden sehr genau 
nach den einzelnen Lebensmonaten und Jahren des Kindes dosiert. 
Brechmittel sind verpönt, Abführmittel werden nur selten angewendet. 
Vielfach werden Blutegel den Kindern appliziert. 

Standesverhältnisse und Deontologie. 

Die ältesten Aerzte der Inder waren Priester. Erst später bildete 
sich ein eigener Aerztestand: die Vaidj^as (litauisch ähnlich == 
vaistas, Arzt).^) Neben den Aerzten bilden die Vaisyas (Heilgehilfen) 
eine niedere Klasse. Der Stand der Aerzte war ein hoch angesehener 
wegen seines hervorragenden wissenschaftlichen Strebens, das Medizin 

^) Von „Veda" Wissenschaft, also eigentlich: Gelehrter, Weiser. 



152 Iwan BJoch. 

und Chirurgie in gleichem Masse umfasste. „Der Arzt, dem die 
Kenntnis des einen dieser Zweige abgeht, gleicht einem Vogel mit 
nur einem Flügel" (Su^ruta). Mit dem 12. Jahre begann der ärzt- 
liche Unterricht und dauerte bis zum 18. Jahre. Ein Lehrer soll nur 
4 bis 6 Schüler zugleich unterrichten. Er soll „lauter, gewandt, recht- 
lich, unbescholten" sein, seine Hand zu regieren wissen, mit den nor- 
malen und abnormen Zuständen des menschlichen Körpers vertraut, 
geduldig und liebreich gegen seine Schüler sein. Diese stammen am 
besten aus einer Aerztefamilie, sollen Keuschheit, Wahrheitsliebe und 
Gehorsam geloben, sich eifrig der Lektüre ärztlicher Schriften, dem 
Unterricht des Lehrers und dem Verkehr mit anderen Aerzten hin- 
geben (Caraka). Nach Susruta mnss der Arzt eine „feine Zunge, 
schmale Lippen, regelmässige Zähne, ein edles Antlitz, w^ohlgeformte 
Nase und Augen, ein heiteres Gemüt und feinen Anstand haben und 
fähig sein, Mühen und Schmerzen zu ertragen". Mit feierlichen Cere- 
monien wurde der Schüler vom Lehrer aufgenommen. Der Unterricht 
bestand in Lektüre der medizinischen Schriften und Auswendiglernen 
derselben, in der Ausführung von Operationen (an Früchten, Leder- 
teilen, Teilen toter Tiere), Anlegung von Verbänden (an menschlichen 
Figuren, Pflanzensuchen, Salbenbereitung u. s. w. Die Obrigkeit er- 
teilte nach beendigtem Lehrkursus die Erlaubnis zur Ausübung der 
ärztlichen Praxis. Meistens musste die Genehmigung des Rajan ein- 
geholt werden. Susruta giebt für das Auftreten des Arztes gegen- 
über seinen Patienten sehr beherzigenswerte Vorschriften.^) 

Die ärztliche Politik ging so weit, dass Caraka empfahl, beim 
König missliebige Personen nicht in Behandlung zu nehmen. Auch 
zeichnet dieser ein lebensvolles Bild des Kurpfuschers und Charlatans, 
der „das Zusammenkommen mit Gebildeten meidet, wie der Wanderer 
die Gefahren des dichten Waldes". — Die Aerzte waren steuerfrei, 
empfingen ihr Honorar nach den Verhältnissen des Kranken und 
mussten von Zahlungsfähigen sehr hoch honoriert werden, während 
Brahmanen, Freunde, Verwandte, Arme kein Honorar zu entrichten 
brauchten. Hospitäler für Menschen und Tiere wurden bereits von 
dem buddhistischen Könige A^oka eingerichtet, wie auf den In- 
schriften desselben zu lesen ist (250 v. Chr.). 

Anhang. Tibetische Medizin. 

Heinrich Lniifer, Beiträge zur Kenntnis der Tibetischen Medizin. Teil I. 
Berl. Inaug.-Diss. vom 10. August 1900 {p. 1—42). Teil IL Leip. 1900 p. 45—90. 

In den oben angeführten beiden überaus beachtenswerten Ver- 
öffentlichungen bietet Lauf er, gestützt auf Materialien seines Bruders 
Berthold L., ein vollständiges und deutliches Bild vom Stande der 
mit der indischen in vielen Beziehungen verw^andten tibetischen Heil- 
kunde. Dort findet sich auch anhangsweise die deutsche Uebersetzung 
eines Werks aus dem Tanjur, Sütra, Bd. 123 fol; 1— 3*^ nach einem 
Exemplar des Asiatischen Museums in St. Petersburg. Es handelt von 
dem Elixir Sarvegvara, welches alle Krankheiten bezwingt und die 
Körperkräfte vermehrt (SarvegvararasäyunarogaharaQarirapustakanäma). 
Der Vollständigkeit halber sei hier auf diese Publikationen von Laufer 
verwiesen. 



^) Vgl. Th. Puschmann, „Geschichte des medizinischen Unterrichts", Leipzig 
1889, S. 12—13. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 

Von 
Robert Fuchs (Klotzsche bei Dresden). 



Die mythisclie Zeit. 
I. Ursprung der griechischen Heili(unde. 

1. von Oefele, Phannac. Post 1899 Xr. 6. — 2. von Oefele, Ällgem. medic. 
Central-Zta. LXVII, 189R Nr. 96 ff. — .9. Haas, Ztschr. der Deutsch. Morgenland. 
Gesellschaft XXXI, 1877 S. 647 jf. — 4. Th. Puschmann, Geschichte des medic. 
Unterrichts von den ältesten Zeiten bis zur Gegemvart, Leipz. 1889 S. 12 f. — 
5. J, Bei endes, Apotheker-Ztg. 1899 Xr. 93. — 6. Le rage Benouf, Ztschr. f. 
ägypt. Sprache und Alterthumskunde XI, 1873 S. 123. — 7. Georg Kbers, Das her- 
metische Buch von den Arzneimitteln der alten Aegypter, Leijiz. 1875, Vorwort. — 
8. von Oefele, Wien. Min. Wochenschr. 1894 Nr. 46; 1900 Nr. 26. — 9. von 
Oefele, Allg. medic. Central-Ztg. LXIV, 1895 Nr. 39. — 10. von Oefele a. a. 0. 

— 11. Hopf, lanus lY, 1899 S. 125 ff. — 12. von Oefele, Allg. medic. Central- 
Ztg. LXIV, 1895 Nr. 31 f. — 13. von Oefele, Heilkunde 1898 {Anticonceptionelle 
Arzneistoffe. Ein Beitrag z. Frage des Malthusianismus in alt. u. neuer Zeit). — 

14. von Oefele, Prager medic. Wochenschr. XXIV, 1899 Nr. 24 ff. S. 8. — 

15. J. H. Hirschherg, Gesch. der Augenheilkunde. Gräfe -Sämisch, Handb. 
der gesamten Augenheilk. 2. Aufl. IL Teil XII. Bd. XXXIIL Kap., Leipz. 1899. 

— 16. Carl KicTisen, Historisches ü. Krisen u. krit. Tage, Berl. 1893. — 
17. Allan Webb, The historical relations of ancient Hindu with Greek medicine 
in connection etc., Calcutta 1850. — 18. lAetard, La litterature medicale de 
VInde. Extrait du Bulletin de VAcad. de medecine 1896, 5 mai. — 19. lietard, 
lanus III, 1898 S. 17 ff. — 20. Berentles s. unter 5. — 21. von Oefele, 70. Ver- 
samml. deutscher Naturforscher und Aerzte zu Düsseldorf 1898. Histor. Ausstellwiig 
f. Naturiciss. u. Medicin S. 15f. — 22. Norsk Magazin for Laegevidenskaben Vtl 
1021 ff. — 23. A. X prj ar i 8t] g , 'Agxnia f.Xkrjviyirj yvvniyteioXoyia, if Kwrarat'TivovTto^ei 
1894 S. 201 f. — 24. von Näf/elsbach , Homerische Theologie, 2. Aufl. von 
Autenrieth, Nürnberg 1861 S. 7 ff. — 25. Conradi, Gölting. gel. Anzeigen 1856 
I 60 S. 599. — 26. Ernst Curtitts, Griech. Gesch. I 25. 

Wie die Anfänge der griechischen Kultur sind auch die Grund- 
lagen der griechischen Heilkunde aus der Zeit der urindogermanischen 
Völkergemeinschaft herzuleiten. Stets baut sich ja die wissenschaft- 
liche Heilkunde auf der volkstümlichen auf, die sie nach und nach 
mehr ausgestaltet und vervollkommnet. Auf der sich langsam voll- 
ziehenden Wanderung von ihrer asiatisch-europäischen Urheimat nach 
Kleinasien und Hellas hinunter und später, nach ihrer endgültigen 



154 Robert Fuchs. 

Niederlassung-, haben die Griechen höchstwahrscheinlich auch auf 
medizinischem Gebiete manches von den Völkern gelernt, mit denen 
sie in Berührung kamen. Jedoch sind trotz eifriger Versuche einiger 
ärztlicher Geschichtsforscher, nahezu alles als entlehnt nachzuweisen, 
bisher nur verhältnismässig wenige unzweifelhaft sichere Ergebnisse 
gewonnen worden. Auch den zuversichtlichsten Beteuerungen gegen- 
über ist die grösste Vorsicht von nöten, und es empfiehlt sich, stets 
zugleich den Nachweis zu verlangen, dass die allmähliche Entwicklung 
der betreffenden Kenntnis aus der volkstümlichen Medizin unmöglich ist. 

Der Beweis der Entlehnung ist nicht erbracht im Falle der Be- 
ziehung auf Gemeinplätze oder auch sonst vorhandene Sitten, Ein- 
richtungen oder Anschauungen. Dahin gehören bezüglich der die 
Keilschrift verwendenden mesopotamischen Kulturvölker die Schriften: 
1 (Amulet), 2 (Aderlass und Humoralpathologie) ; bezüglich der Inder : 
3 (Gemeinplätze, Schülereid, augenfällige Sj^mptome, selbstverständliche 
Vorschriften), 4 (desgl.), 5 (Berücksichtigung von Jahreszeit, Ort und 
Körperbeschaffenheit ; Lehre von den 4 Temperamenten) ; bezüglich der 
Aegypter : 6 (Versuchsmittel zur Feststellung der Fruchtbarkeit), 7 (all- 
gemeine Beobachtungen), 8 (Inhalation), 9 (Aerztinnen), 10 (Frauen- 
emanzipation), 11 (Frauenmilch als Wundermittel), 12 (Schwur, ethische 
Vorschriften), 13 (angeblich Aegyptisches in Niederdeutschland!), 
14 (naheliegende Sentenz). 

Ein Zusammenhang der hellenischen Heilkunde mit der indischen 
ist am besten erkennbar in der Verwendung indischer Eezeptbestand- 
teiie (Sesamum, Cardamomum, Andropogon, Laurus cinnamomum, 
Amomum, Valeriana Jatamansi u. s. w.), vergl. 15. Der Behauptung 
von Eicksen (16), dass Anklänge in der Chirurgie vorhanden seien, 
widerspricht die glaubwürdige Versicherung von Hirschberg. Am 
vorsichtigsten urteilen Webb (17) in seinem grundlegenden Werke und 
der vielbelesene Lietard (18; 19). Wegen bisher ungelöster chrono- 
logischer Zweifel ist die Heranziehung von Sanskrittexten ergebnis- 
los (20), und in späterer Zeit ist sogar eine Befruchtung der indischen 
Heilkunde durch die griechische wahrscheinlicher (18; 21). 

Auf ägyptische Vorbilder (22; 23) weisen ausdrückliche Er- 
wähnungen bei Homeros hin, ferner ägyptische Pflanzenmittel (Faba 
Aegyptiaca, Acacia Aegj^ptiaca, Cuminum, Quercus Aegyptiaca, viel- 
leicht auch Sinapis), sowie tierische und mineralische Erzeugnisse 
Aegyptens (Körperteile des Flusspferdes, des Krokodils, der Hyäne; 
Alaun, Salz, Antimon, wohl auch Sory). 

Beweise dafür, dass fremde Einwirkungen in bestimmten Rich- 
tungen stattgefunden haben, sind ferner die auffällige Uebereinstimmung 
von Mass und Gewicht bei den Hellenen und bei den Aegyptern und 
Babyloniern und das Emporblühen der ältesten griechischen Aerzte- 
schulen an Orten, die im Brennpunkte des Verkehrs mit den orienta- 
lischen Völkern lagen (Rhodos, Knidos, Kos, Kroton, Kyrene). Dafür 
hingegen, dass diese Einflüsse nur an der Oberfläche haften blieben, 
zeugen wichtige Gründe: die stark ausgeprägte Veranlagung der 
griechischen Volksstämme, eher Einfluss auszuüben, als sich beeinflussen 
zu lassen, die Unkenntnis der fremden Sprachen, die mit dem auto- 
chthonen Stolze verbundene Geringschätzung alles Fremden, Barba- 
rischen. Diese Momente hebt Nägelsbach (24) für das Gebiet der 
homerischen Theologie treffend hervor und schon Conradi (25) mit 
Bezug auf die Medizin. Mag nun auch zeitweise die Vorliebe für die 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 155 

eine oder andere Ansicht im Meinungskampfe mehr hervortreten, stets 
wird die von Ernst Curtius (26) ausgesprochene Wahrheit un- 
erschütterlich fest stehen: „Was sie Cdie Griechen) in Religion und 
Cultur, im Staatsleben, Kunst und Wissenschaft gethan, ist ihr 
eigen, und wie viel sie auch von anderen übernommen, haben sie es 
doch so umgestaltet und wiedergegeben, dass es ihr Eigen thum 
geworden ist". 

2. Quellen der Geschichte der griechischen Heilkunde. 

Zur Ergänzung unserer sehr lückenhaften Kenntnis von der Ent- 
stehung und Entwicklung der griechischen Heilkunde dienen: 1. die 
erhaltenen Bauwerke (Tempel, Grotten, Altäre); 2. Werke der Klein- 
kunst (z. B. Götterbilder, Weihgeschenke, Darstellungen nackter Körper 
oder Körperteile zur Abwehr des bösen Blickes); 3. erhaltene Instru- 
mente und Behälter (namentlich Sonden, Nadeln, Messer, Schröpfköpfe, 
Salbenbüchsen, Balsamnäpfchen, Mörser und Mörserkeulen); 4. In- 
schriften, Pap3Ti; 5. die uns überkommenen Werke der alten Aerzte; 
6. Bemerkungen alter Schriftsteller über die griechische Medizin. 
Eine Aufzählung der einschlägigen Litteratur ist wegen deren be- 
deutenden Umfauges unmöglich. Der Hervorhebung würdig sind bei 1 
in erster Eeihe: 

J. Anderson, Brit. Med. Journ. 1887, II. — Caton, a. a. 0. 1898, 1 1509; 
1572. — Courtois-Sufflt, Archives yener. de medecine 1891, II 576 ff. — Defras 
et Lechat, Epidaure, Pjrm 1895. — L. Iferrlich, Epidaurus, Berlin 1898. — 
Kavi'ftdifis, FouiUes d' Epidaure I, Athenes 1891 ff. — Körte, Mitfheil. des Kais. 
Deutsch. Archäolog. Instituts, Athen. Ahth. XVIII 231 ff'.; XXI 287 ff. — Julian 
Mareuse, Zur Gesch. der Krankenhäuser. Zeitschr. f. Krankenpjiege 1899. — 
Pansanios, periegesis, Indices. — Hitter von Rittershuin, Der medic. Wunder- 
glaube 11. die Incuhation im Alterthume, Berlin 1878. 

Weitere Litteratur findet man in den angegebenen Werken, sowie 
in den archäologischen und mythologischen Nachschlagebüchern. Ueber 
2. Weihgeschenke und Votivhände gegen den bösen Blick 
handeln ausser den Genannten noch: 

Crirard, Bulletin de correspondance helleniqiie II 419 ff. — *T. M. C'harcot et 
P. Sicher, Les difformes et les malades dans Vart, Paris 1889; Dies., Nouvelle 
iconographie de la Salpetriere, Paris IL — Die verschiedenen Corpora inscripüonum. — 
Fröhner, Revue des deux mondes 1873. — Chirlt, Gesch. der Chirurgie I 94f.. 
Berlin 1H98 ; lanus IL 1897—98 S. 482 ff. — Jahn, Ber. d. K. Sachs. Ges. d. 
Wiss., phil.-hist. Cl. YII, 1855 S. 28 ff. — Köhler, Athen. Mitth. II, 1877 S. 253 ff. 
— Körte, a. a. 0. — Lötry, Archäol.-epigraph. Mitth. IV, 1880. — Margoulieff, 
Etüde critique sur les mo7iuments antiques representant des scenes d'accouchement, 
Paris 1893. — M(trx, Athen. Mitth. X Taf. 6. — EL. Meige, Internat, med. 
photogr. Monatsschr. 1894 S. 137; 167. — Perdrizet, Melusine 1899. — Heisch, 
Ahhandl. des Wien, archäol.-epigraph. Seminars VIII. — Richer, Rev. scientifiqne 
LH, 1893. — Usener, Rhein. Mus. XXVIII, 1873 S. 407 ff. 

Ueber 3. Instrumente belehren die Kataloge fast sämtlicher 
grossen Museen (Athen, London, Paris, Berlin, Bukarest), sowie die 
Werke über Ausgrabungen in Griechenland. Verzeichnis bei Gurlt 
(s. 0.) I 506 ff. unter Nachweis der Schriften. Die grösste Sammlung 
(Lambros) befindet sich im Athenischen Nationalmuseum. Das wichtigste 
Werk ist Scultetus, Armamentarium chirurgicum c. observat. B. a 
Lamzweerde et Verduin ed. Sprögel, 2 Bb., Amstel. 1741. Ueber die 
in Olympia und sonst ausgegrabenen Instrumente und Geräte berichten : 



156 Eobert Fuchs. 

Ernst Curtius u. Friedt: Adler, Olympia, Berlin 1S90, Bd. IV. — Recueil 
des travaux de la Socicte medicale allemande de Paris I, 1866 S. 59 ff. — Gazette 
hebdomadaire de medecine et de Chirurgie 1855 S. 693 ff. — Lanibros {Ktüvar. 
IT. '/. Aaun^ös), Jlsot oixvcöv xnl OfKvdascos Ttatju rols d^x'^'^ois, Ad'ijv7]ai 1895. 

Bei manchen Geräten, Tiegeln, Töpfen, Kästchen, Büchsen, Mörsern 
und Mörserkeulen lässt sich nicht entscheiden, ob sie für sonstige 
häusliche Zwecke oder speziell für medizinische gedient haben. In 
Griechenland ist ärztliches Werkzeug viel seltener gefunden worden 
als in römischen Gebietsteilen, doch sind sicher manche der in Pompei, 
Herculaneum, Spanien, Gallien und in den österreichisch-slavischen 
Ländern gefundenen römischen Instrumente im Besitze von Aerzten 
griechischer Abkunft gewesen. 4. Bezüglich der Inschriften ist 
wiederum auf die grossen Sammelwerke und die Museen zu verweisen. 
Zu nennen sind ausserdem u. a.: 

I. jBaier, Expositio veteris inscri2^tionis de Aesculapio et Hygea diis hominum 
amantissimis, Altorf. 1742. — Th. Hannack, Inschriften aus dem Kretischen 
Asklepieion. Philologus 1891. — Joh. u. Theod. JBcninack, Inschriften aus d. 
Asklejneion von Epidauros, Leipz. 1886. — Briau, Varchiatrie romaine ou la 
medecine officielle dans Vempire romain, Paris 1877. — Deecke u. Sief/ismund, 
Die tvichtigste7i Kyprischen Inschriften. Curtius^ Sammlung der Inschriften XII 
217 ff. — N. Festa, Atene e Roma III, 1900 i\V. 13. — Henzen, Philologus 
XXI, 1864; Bollett. delV Instit. — JP. Kahhadias^ 'Ecprjuepls aoxaio/.oyixij 1883; 
1885. — ie Has, Voyage archeol, pari. V inscr. 161; 1695 u. s. w. — A. C. 
Merriani, Gaillard, Med. Journ. 1885; Boston Med. and surgical Journ. CXII, 
18S5. — Paton and Hicks, Inscriptions of Cos, Oxford 1891. — Pellegrinif 
Lapide votivn ad Esculapio Belluno 1890. — Piccoloiuini, Nuova antologia 
XXXXIV, 1893. — Beine arcMologiqtie 1863 S. 469 ff — Bh angäbe, 
Antiquites hellcniques n. 378. — Sallet, Zeitschr. f. Numismatik V. — 3Ioriz 
Schmidt, Die Inschrift von Idalion und das kyprische Syllabar, Jena 1874. — 
von Wilafnowitz-Möllendorff, Isyllos von Epidauros. Philolog. Untersuch. IX. 
Heft, Berl. 1886. 

Die Litteratur über die Ehrentafeln für Aerzte wird in Kap. 3 ver- 
zeichnet werden. Eine Zusammenstellung aller medizinischen Papyri 
steht noch aus; sie ist schon deshalb gegenwärtig nicht zu liefern, 
weil noch keine Sichtung der täglich anwachsenden Bibliotheksschätze 
erfolgen konnte. Es sind daher die Kataloge der grossen Bibliotheken 
zu befragen, aus denen die Litteraturgeschichten und Geschichtsbücher 
der Medizin nur dürftige Auszüge bieten. Als Proben seien angeführt : 

Papyrus Erzherzog Bainer. „Führer durch die Ausstellung", Wien 1894. 
2. Zimmer 241 {Rezept aus dem 2. oder 3. Jahrhunderte n. Chr.). — Pap>yri 
Argentoratenses Graecae ed. a Car. Kalbfleisch, Ind. lect, Rostoch. 1901. — Greek 
Papyri in the British Museum. Catalogue with texts. Edited by F. G. Kenyon, 
I, London 1893; II, London 1898 (i 48; 51; 57; 90 f; 93; 96 ff.; II 113 ff.; 252, teils 
schiver entzifferbare Worttrümmer, teils Rezepte, abergläubische Formeln; das vorletzte 
Citat bezieht sich auf die Steuerverhältnisse der Pastophoren). — Catalogue of Additions 
to the Department of Manuscripts in ihe British Museum, London 1888 — 1893 
S. 396 ff. Nr. CLV {Zahnheilkunde); CLXXXVI ro [Rezepte). — Bloch, Ueber 
einen griechischen Papyrus forensisch-medicinischen Inhalts. Allg. medic. Central- 
Ztg. 68. Jhrg. 1899 Nr. 46 f. — Brandts, Hermes XXXII, 1897 S. 509; 520. 

Dahin gehören zum Teil auch die Papyri magici, welche unter 
die Zauberformeln gelegentlich medizinische Weisheit mischen. 

So z. B. Fuchs, Medicinisches ans den griechischen Papyri der ägyptischen 
Gräber. Deutsche medic. Wochenschr. 1899 Nr. 26 [vgl. dagegen von Oef'eles Be- 
merkungen a. a. 0.). — Wilh. Christ, Gesch. der griech. Litt, bis auf d. Zeit 
Justinians [Iw. Müller, Handb. der Mass. Altert.-Wissensch. VII), 3. Aufl. S. 836. 
— The american Journal of philology XVII 1, 1896 S. 77 ff. — JDieterich, 
Jahrb. f. class. Philol. Suppl. XVI 783 ff. — Greek Papyri etc. (s. o.) I 65 ff.; 



GescMchte der Heilkunde bei den Grieclien. 157 

215: — Kroll, Phüologns LIV, 1895 S. 560 ff. — Kyranides s. Byzantinisches. 

— Noi'ossadsky, Journal du Ministere russe de Vinstruction publique 1895 

5. 81 ff. — C Wessely, Griechische Zauberpapyrus von Paris ti. London, Wioi 
1S88; 15. Jahresber. des K. k. Staatsgymn. in Hernais, Wien 1889 u. s. iv. — 
Fapyrus Londinensis s. unten. 

5. Die erhaltenen Werke griechischer Aerzte brauchen 
hier nicht aufgeführt zu werden. Nur die wichtigsten Anecdota und 
Anonyma seien aufgezählt: 

Anecdota Graeca ed. ßoissonade, Paris. 1844, 1 228 z. B. — Anecdota Graeca, 
e codd. mss. Biblioth. Oxoniensis descr. I. A. Craniet; Oxonii 1889 ff'., 4 voll. — 
Anecdota medica Graeca ed. Zach. Ernierins, Lugd. Bat. 1840. — Anecdota medica 
Graeca von Hob. Fuchs. Rhein. Mus. XLIXf., 1894 f. — Anecdota aus Byzan- 
tinischer Zeit. Von denis. Leipz. 1899 (s. Deutsche media. Wochenschr. 1899 Nr. 7 f.). 

— ^v/.knyi] 'Eilt/vtxcoi' avexäozcov noirjriov ytai koyoyonqcov Sinipootuv hTtoxiov^Ek/.nbos: 
OTTovdj] 'ApSo. Movazo^väov xai /Jriii. E%ivit. Tsrouäiov n — ?', 'Ev Devsriq 1816 

(Aetios, Epiplmnios der Physiolog, Theophilos de fahrica corporis humani, de stercore). 

— Anecdota Graeca et Graecolatina ed. Yal. Mose, Berol. 1864 ff. — Anecdota 
Graeca ed. Vüloison, Venef. 1781. 2 Bh. — Co8tomiris,Jiev. des etudes grecques 
1889; Gazette medicale de Paris 1S89. — IMrembei'g, Archives des missions 
scientifiques et littcraires u. s. u\ II 484ff., Paris 1851. 

Anonymi carmen de herbis {rä ^sol ßorttviör) s. G. Kaibel, Hermes XXV, 
1890 S. 103 ff. ; Poetarum de re physica et medica reUquias coUegit U. Cats Busse- 
inakei', Paris 1851. — Anonymi introductio anatomica ed. lo. Steph. Rernard, 
Lugd. Bat. 1744. — Anonymi iusiurandum {voxos InTci^de) s. Poef/irum de re phy- 
sica etc. — Anonymus Londinensis s. unten. — Anonymi de oculis s. Galenus ed. 
Basileensis 1549. — Anonymi neoi ofd-aluMv s. Th. P-uschinann, Berl. Studien V 
Heft 2, 1886; Helm reich, Philologus LI = K. F. V, 1892 S. 746. — Anonymi 
TTsoi Ttii&töf s. S. Schneider, Excerpta rr. tt., Progr., Leipz. 1895. — Anonymi 
d-rjoi/ty.)'] s. Poetarum de re physica etc. — Anonymus s. Wessely, Wien: Stud. 
XIII, 1891 S. 312 ff. {Optik betreffend). 

Die pseudonj'men Schriften finden sich da erwähnt, wo über den 
betreifenden Schriftsteller gehandelt wird, dem sie beigelegt werden. 
Unter den Sammelausgabeu ragen hervor: 

Apollonii Citiensis etc. scholia in Hippocr. et Galen, ed. Dietz, Regimontii 
Prussorum 1834, 2 Bb. — ArticeUa: lohanitii Isagoge, Philareti über pulsuum, 
Theophili de urinis. Hippocratis aphorismi c. comment. Galieni, üb. prognost., üb. 
regiminis acut., Hippocr. üb. epidemiar., de nat. foetus, Galieni IIb. Tegni, Gentilis 
de Fulgineo de divisione librorum Galieni, Hippocr. de lege et jusjurando. Venet. 
1487, fol. — Eclogac physicae ed. I. G. Schneider I 1801; II 1801. — Medicae 
artis principes, post Hippocr. et Galen., Graeci Latinitate donati, Aretaeus, Buff'us 
Ephesius, Uribasius, Paulus Aegineta, Aetius, Alex. TralUanus, Actuarius, Nie. 
Myrepsiis. Latini, Com. Celsus, Scrib. Laryus, Marcell. Empiricus. Aliique jn'acterea, 
quorum unius nomen ignoratur etc. Anno M. D. LXVII Excudebat Henricus 
Stephanus. — Medici antiqui omnes qui Latinis Utteris etc., Venet. 1547, fol. — 
Medicorum Graecarum opera, quae extant. Cur. Car. Gottl. Kühn. Gr. et lat. 26 
voll, in 28 2)fit'tt., Lips. 1821 — 33 {Galenos, Aretaios, Dioskurides, Hippokrates). — 
Medicorum XXI vetermu et clarorum Graecorum varia opuscula ed. Ch. F. de 
Matthaei, Mosquae (selten). — Physici et medici Graeci minores ed. Ideler, 1841 f., 
2 voll. — Poetarum de re j)hysica et medica reliquiae ed. Bussemaker, Paris 1851. 

— Principes artis medicae ed. II. cur. Adalb. de Haller et Rud. Vicat, Lausannae 
1784 ff. {Alexandros von Trallds 2 voll., Rhazes 1 vol., Caelius Aurelianus 2 roll). 

— Scriptores pHirabilium medicamentorum antiqui ed. Ackermann, 1788. 

Wertvolle Belehrung über die alte Medizin verdanken wir unter 

6. den alten Schriftstellern vor allem den griechischen Werken 
des Piaton*, Aristoteles*, Strabon*, Erotianos, Plutarchos* und den 
anderen Doxographen*. Soranos, Tansanias*, dem Anonj-mus Parisinus 
und dem Anonymus Londinensis (auf Menon, Schüler des Aristoteles, 
beruhend), Galenos, Athenaios*, Oreibasios, Aetios, den Canones medi- 
corum der Alexandrinerzeit * (Otto K r ö h n e r t , Canonesne poetarum 



158 Robert Fuchs. 

scriptorum artificum per antiquitatem fuerunt ? Diss., Königsberg- 1897 ; 
Wellmann, Hermes XXXV, 1900 S. 367), den Glossensammlungen 
und Wörterbüchern (Lexica, Etymologica), den Anthologien, den mittel- 
alterlichen latrosophien (Hausarzneibüchern) ; den lateinischen des Celsus, 
Plinius Maior*, Martialis* Gellius*, Caelius Aurelianus. Viele historische 
Darstellungen der Medizin aus dem Altertum sind uns nur dem Namen 
nach bekannt, z. B. Athanasios, Herennius Philon, Paulos, Phoibammon, 
Sopatros, Soranos (tisqI iaTQcov) u. a. 

3. Litterarische Hilfsmittel. 

Da die medizinische Geschichtswissenschaft nui- ein Teil der ge- 
samten Geschichts- und Kulturwissenschaft ist so dienen ihr zugleich 
die litterarischen Hilfsmittel des umfassenderen Wissenszweiges und der 
meisten Einzeldisziplinen, vor allem der naturwissenschaftlichen Eichtung 
und der Philosophie. Die Darstellungen der allgemeinen Geschichte 
der Medizin finden am Schlüsse des vorliegenden Gesamtwerkes ihren 
Platz; die besondere Litteratur der griechischen Heilkunde wird hier 
verzeichnet. Die wichtigeren Werke sind durch * hervorgehoben. 
Pragmatische und bibliographische Werke sind, weil ihr Inhalt aus 
dem Titel hervorgeht, nicht geschieden worden. 

* Maurice Albert, Les medecins grecs ä Rome, 1694. — Archives des missions 
scientifiques et littcraires, ser. I vol. 4 — 6', Faris 1866 f.; ser. II vol. 1 — S, Paris 
1864 ff'. — Aitnier, Die arabischen (hebräischen) Handschriften der k. Hof- u. 
Staatsbibl. in München, Münch. 1875 S. 351 ff. — * Herrn, jiaas, Grundriss der 
Gesch.- d. Mediz.u. des heil. Standes, Stutfg. 1876; ders., Die geschichtl. EntwicM. 
des ärztl. Standes u. d. mediz. Wissenschaften, Berl. 1896. — Banlis, Brit. medical 
Journal 1892. — Beverovicins, Idea medicinae veterum, Liigd. Bat. 1637. — 
Briau, Bev. archeol. 3e ser. tome V, Paris 1885 S. 385 ff.; VI 1885 S. 192 ff. 

— * Conr, Bursian, Jahresbericht ü. d. Fortschritte d. klass. Alter tumstviss., jetzt 
hrsg. V. L. Gurlitt u. W. Kroll. {Letzter Jahrgang : XXVII 1899; mit Beiblättern : 
Bibl. philol. u. Biogr. Jahrb.). — *Enitnanuel Chanvet, La philosophie des 
medecins grecs, Paris 1886; *ders., La medecine greeque et ses rapports ä la Philo- 
sophie, Paris 1883. — * Willi. Christ, Gesch. d. griech. Litt, bis auf d. Zeit 
Justinians, 3. Aufl., Münch. 1898, S. 851 ff. — *X XySi^g, ^Agxains Icciqi-aT^s avd- 
?.sxTa rj ByxcoQiOä ictrpixr] xara na()döoaiv. ITQaxrixa avvöSov 'EXXjvoov iarpon', 'Ad"/]- 
vT]oi 1883. — Corlieu, Les medecins grecs deimis la mort de Galien jusqu^ä la chute 
de Vempire d'Orient, Paris 1885. — *G.-A. Costoniiris {KcoaTOftoio(g), Rev. des 
etudes grecques IL III, Paris 1889; X, Paris 1897 S. 405 ff. — Ch. Daremberg, 
Archives des missions scientifiques et littcraires, Paris 1851, II 484 ff. ; ders,, 
Notices et extraits des manuscrits grecs d''Angleterre, Paris 1853; *ders., Notices 
et extraits des manuscrits medicaux grecs, latins et fran^ais, Paris 1853 ; * Etat 
de la medecine entre Homere et Hippocrate, Rev. archeol. IX, 1868. — JJarein- 
herg et Saglio, Dictionnaire des antiquitcs grecques et romaines [noch nicht voll- 
ständig). — * Dechambre, Dictionnaire encyclopedique des sciences medicales, Paris 
1884, unter Grece. — IHipony, Medecin XI Nr. 15, Paris 1885. — *A. Enimiriger, 
Die nosokratischen Philosophen nach d. Berichten des Aristoteles. Preisschrift. 
Würzburg 1878. — Engelinann, Bibliotheca scrij)torum Graecorum, 8. Aufl. bes. 
von Preuss, Leipz. 1880. '— * Fabricius, Bibl. Graeca XII 1724; XIII 1726 tt. s. w. 

— H. Francotte, Distinctions honorifiques ä Athenes, Le Musee Beige, 4« annee, 
1900 Nr. 2. — Gedike, Medic. Ztschr. d. Vereinigung f. Heilkunde in Preussen, 
1849 S. 31 ff. — Nie. Gerzetic, lieber Medicin u. Sonnencultus d. Alterthums, 
Karansebes 1895. — *Th. Goniperz, Griech. Denker, Leipz. 1896, I 221 ff. — 
CJir. Godofr. Grüner, Bibl. d. alten Aerzte, Leipzig 1781 f., 2 Bb. — Jose 
Miguel Gnardia, De medicinae situ apud Graecos pirogressucjue per pthUosophiam, 
Paris 1855. — Giüd u. Koner, Das Leben d. Griech. u. Rom. lieber Aerzte, Bäder 
u. Heilquellen b. d. Alten, Berl. 1861. — Chr. Fr. Harless, Die Verdienste der Frauen 
um Naturwiss., Gesundheits- und Heilkunde u. s. w., Götting. 1830. — Ad. Harnack, 



* Nichtmedizinische Quellen. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 159 

Medicinisches a. d. ältest. Kirchengesch., Leipz. 1892. — * Houdart, Histoire de 
la medecine grecque depuis Esculape, Paris 1856. — Sud. Kohevt, Hist. Stud. 
a. d. Pharmakol. Instit. d. Kais. Univers. Dorpat, I 62 ff., 1889. — *Karl Kriini- 
bacher, Gesch. d. hyzantin. Litt, von Justinian bis z. Ende des oström. Reiches 
(527—1453), 2. Aufl., Miinch. 1897 S. 613 ff.; 903. — * Car. Goftl. Kühn, 
Opuscula academica medica et philologica I. II, Lips. 1827 f. — Li. 31., Rhein. Mus. 
XXIII, 1868, S. 187 ff.; 384. — *IAetard, Bulletin medical des Vosges 1896 Nr. 41. 

— LipinslxU, Histoire des femmes medicins dans Vantiquite. Vortrag vor der „Sectio» 
d'histoire des sciences'^, Paris 1900. — * Emil Lüviny, Die ü. d. medic. Kennt- 
nisse d. alten Aegypter berichtenden Papyri verglichen mit den griech. u. röm. 
Autoren, Leipz. 1888. — Mahler, Allg. Wien. med. Ztg. 1887. — * Manget, 
Bihliotheca scriptorum medicorum veteriim et recentiorum, 1731, fol., 4 Bb. — 
Mareuse, Wien, medic. Wochenschr. 1900 Nr. 10; Zukunft 1899 Nr. 32. — 
H. Mead, Opera medica, 3. Aufl., I pars 5; IL Goettingae 1748 f. — *i. M. »7. 
Mouclier , Essai sur l histoire chronologique de la medecine grecque depuis les 
temps les plus recules jusqu'ä Hippocrate, These, Bordeaux 1887. — *l*aidy- 
Iflssowft, Real-Encyclopädie d. class. Altertumswissenschaft, Stuttg. 1894 ff', [un- 
vollendet). — «7. E. Petreqiiin, De Vetude des medetins de Vantiquite, Lyon 1858. 

— * PhilippsoH, "Tkrj dvö-pconivT], Berol. 1831, I 1 n. 2. — Pingel, Fleckeisens 
Jahrbb. f. class. Philol. 1895 S. 183 ff. — * Prosopographia Imperii Romani saec. 
I. IL III, I ed. Elimarus Klebs, Berol. 1897; II ed. Herrn. Dessau, 1897; III 
ed. Paulus de Rohden et Herrn. Dessau, 1898. — *F. Pitccinotti, Medicimi 
antica, besorgt v. Salvatore de Renzi, Napoli 1860. — Qititzmann, Med. 
Central-Ztg. 1847. — F. Schneller, De honoribus medicorum ap\id veteres, Lips. 
1732. — H. Schelenz, Pharmazeut. Ztg. LXXVIII, 1899; ders., Frauen im 
Reiche Aeskulaps, Berl. 1899. — Scoutetten, Gazette hebdomadaire de Bordeaux X 
73 ff. — Franz Spät, Münch. med. Wochenschr. 1896. — * M. Steinschneider, 
Yirchows Archiv f. pathol. Anat. CXXIV, 1891; Beihefte z. Centralblatt f. Biblio- 
tliekswesen XII, Leipz. 1893. — * Franz Snsemihl, Gesch. d. griech. Litt, in d. 
Alexandrinerzeit, I Leipz. 1891 S. 777 ff.; II 1892 S. 414ff. — * Konttt. Tsintsi- 
ropoulos, La medecine grecque depuis Asclepiade jusqu'ä Galien, Paris 1892. 

— * Uffelniann, Sammlung gemeinverständl. ivissensch. Vorträge von Tirchotv 
und von Holtzendorf 18. Ser. Heft 418, Berl. 1883. — * Vnger, Wien, mediz. 
Wochenschr. 1888. — * Vercmitre, Rev. archeol., nouv. Serie, 21« annee vol. 39, 
Paris 1880 S. 99 ff.; vgl. die Kritik von Dechanihre, Gazette hebdomadaire de 
medecine et de Chirurgie XXVII, 1880 S. 689 ff. — Welcher, Kleine Schriften, 
Teil in, Bonn 1850. - * Wellmann, Fleckeisens Jah-hb. f. ckiss. Philol. CXXXVII, 
1888 S. 152 ff.; *CXLV, 1893 S. 675 ff.; * Hermes XXIII, 1888 S. 556 ff. — 
A. Witkoivski, Le malqu'on a dit des medecins, i« ser., Paris 1884. — Wright, 
Medical Standard VI, Chicago 1889. 

Auch bei den einzelnen Zweigen der griechischen Heilkunde ist 
es unmöglich, die Monographien allgemeinen Inhalts aufzuführen. Es 
werden daher, zunächst für Anatomie und Physiologie, nur die- 
jenigen Werke genannt, die sich wesentlich mit Griechenland be- 
fassen. 

* Choulant, Graphische Incunabeln f. Naturgesch. u. Medicin, Leipz. 1858. 

— Fröhner, Anthropologie des vases grecs. Rev. des deux mondes 1873. — G-ilis, 
L'anat. plastique, ses origines, ses progres. Montpellier medical, suj^pl. III, 1892. — 
*Jos. Hyrtl, Antiquitates anatomicae rariores, Vindob. 1835; Onomatologia anat. 
Gesch. u. Krit. d. anat. Sprache d. Gegemo. u. s. w., Wien 1880. — Lahoidhene, 
Revue scientifique XXXVIII; ders. Union medicale 1887. — * Longg, Dissertatio 
hist. med. de ph. veterum, Roterod. 1833. — * Morel, De vocabulis partium corporis 
in lingua graeca metaphorice dictis. Diss. Genevae 1875. — * Lukas Papaioannes, 
Aimrofitnä fieKer'';u.aTn afayaoöitevu sh rova agxaiovg ?X.Xrivas imoovs, sv UsioKitl 
1882. — C. Pauli, Ueber d. Benennung der Köriiertheile d. Indogermanen, Progr., 
Stettin 1866. — *Roh. Jtitt. von Töph/, Studien z. Gesch. d. Anat. im Mittelalter, 
Leipz. u. Wien 1898. — * Welcher, Kleine Schriften, Teil III, Bonn 1850. 

Die Hauptwerke über die allgemeine Geschichte der Anatomie 
und Physiologie werden am Schlüsse des Werkes zusammengestellt. 
Von diesen schlagen besonders auch für die griechische Wissenschaft 
ein: Gölicke 1713; 1738; Douglas 1715; Portal 17701f.; von 
Haller 1774ff.; Lassus 1783; Lauth 1815; Eble 1836; Burg- 



160 Robert Fuchs. 

graeve 1840; Daremberg 1841ff. (s. Galenos); Medici 1857; 
Falk 1871 (s. Galenos); Schrutz 1895 (s. Hippokrates). 

Pathologische Werke: 

* Godofr. Grüner, Morborum antiquitates, Vratislaviae 1774. — * Chirlt, 
s. Chirurgie. — *Aug. Hirsch, Handb. d. Mst.-geogr. P., 2. Aufl., Stuttg. 1881, I. 
— * S. ab Oeconomicus, De p. generali veterum Graecorum, 1833. — F. Pruner, 
Die Krankheiten d. Orients, Erkingen 1847. — Quitzmann, Darstellg. d. Ziistandes 
d. Med. u. d. vorzüglichsten Krankh. in Griechenl. Med. Central-Ztg. 1847. — E<Iin. 
Stern^ Historisches zur path. Terminologie, Diss., Leijpz. 1885. — Wertner, Wien. 
mediz. Presse XX, 1879. 

Unter den allgemeineren verdienen Beachtung: Blackfard 1896; 
Haeser 1839ff.; A. von Haller 1757ff.; Heusinger; Monti 1898; 
Nemnich 1801 (Lexikon); Eibbert 1899 u. a. m. 

Werke über Therapie: 

* Ch. Fiessinger, La therapeutique des anciens maitres, Bulletin de ther., 
Paris 1895 ff. — «7. E, Hebenstreit, Palaeologia th. qua veterum de morbis curandis 
pilacita potiora recent. sententiis aequantur, ed. Grüner, Halae 1778. — Sahnten, 
Dogmata veterum et recentior. medicor. eorumque in praxi medica usu, diss. Dwpat. 
1811. — * Moriz Tihanyi, Die ther. Kenntnisse d. Griech. im Alterth. Klinikai- 
füzetek Heft XU, Budapest 1897. 

Chirurgische Hilfsbücher: 

*^f?. Albert, Beiträge z. Gesch. d. Ch. 2 Hefte, Wien 1877 f. —^DiKÜey, 
Journal of the Maine medical Association XII, Portland 1896. — *F. Gitrlt, 
Gesch. d. Ch. u. ihrer Ausübung. Berl. 1898 (s. auch III 810 ff.). — Hoffa, Deutsche 
medic. Wochenschr. 1900 iVr-. 16. — (Heinr. üohlfs), Allg. u. differentielle Charak- 
teristik d. ch. Klassiker s. Janus V, 1882 S. 313 ff. 

Allgemein gehaltene chirurgische Werke: Bernstein 1822; 
Dujardin et Peyrilhe 1774ff.; Gesner; Gründer 1859; Häser 
1879; A. von Haller 17741f.; Hebra 1842; Hecker in Rusts ch. 
Handwörterbuch IV 6131f.; Manget; Miller; Peyrilhe; Portal 
1770; Rigels; Sprengel 1805if.; St. H. de Vigiliis von 
Creutzenfeld 1781; Zeiss 1862 ff. Die berühmten Sammlungen 
alter chirurgischer Schriftsteller sind die collectio Veneta, Parisina, 
Tigurina und Florentina. Die bedeutendsten Ausgaben sind: Veterum 
medicorum chirurgia quaedam antehac desiderata Graeca et Latina, 
Florentiae anno 1754 (Sorani unus de fracturarum signis, Oribasii 
puo de fractis et de luxatis e collectione Nicetae ab antiquissimo 
et optimo codice Florentino descripti etc. ab Antonio Cocchio); 
Chirurgia e Graeco in Latinum conversa VidoVidio Florentino inter- 
prete etc., Paris 1544. 

Die Gynäkologie wird behandelt von: 

*e7. Astriic, Tratte des maladies des femmes. Avec un catalogue chronol. 
des medecins qui ont ecrit sur ces maladies, 3 Bb., Avignon 1763. — * F. C F. 
jBachimont, Documents pour servir ä Ihist. de la puericulture intra-uterine, 
Diss., Paris 1897198. — *Th. BartJiolinns, Antiquitatum veteris puerperii Synopsis, 
Hafniae 1646 \ Amstel. 1676. — *L4. XprjariSrjg, 'Ap/aia 'EXXrjvncr] ywatxsioXoyia 
u. s. IV. (s. Hippokrateslitteratur). — * Fabricitis, Bibl. Graeca XII 699 ff. — 
* Commentarii Gynaeciorum physicus et chirurgicus ed. C. Hauliinus, 3 Bh., 
Basil. 1586. — * Gynaecia ed. Spachius, Argentorati 1595, fol. — Caspar Wolph, 
Gynaeciorum sive de mulierum affectibus commentarii etc., Basil. 1586. — 



Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 161 

* Gynaeciorum sive de niulierum affectibus commentarii Graecorum, Latin., Barbar, 
jam olim et nunc recens editorum, Basil. 1784. — Die Gynäk. des Alterthums. Von 
Edward W. Jetiks aus Chicago in Illinois. Nach d. Engl, bearb. v. Prof. Dr. 
Ludw. Kleinwächter. Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Medic. u. med. Geogr. von Hnr. 
u. Gerh. Rohlfs VI 41 ff., Leipz. 1883. — Kleimvächter s. Jenks. — * Fr. B. 
Osianderf Denkiciirdigkeiten f. d. Heilkunde u. Geburtshülfe, 3 Bb., 1794 f. — 
D. J. Z. Flatnev, Panegyrin medicam indicit et de arte obstet, veter. disserit, 
lAps. 1735. — Prochownich; Archiv f. Gynäk. XXIII 1 ff'. — Schilder, Medic. 
Post 1894. — *Ed. Kasp. Jah: von Siebold, Versuch einer Gesch. d. Geburts- 
hülfe I, Berlin 1839. — *JR. Stumpf, Die Gesch. d. Ehelebens, der Geburtshülfe, 
der körperl. u. geist. Erziehg. der alt. Römer, Berl. 1896 [Aus „Deutsche Medizinal- 
Ztg. 1895). — *jP. Site, Essais hist., litteraires et critiques sur Vart des accouche- 
ments, Paris 1779, 2 Bb. — Welcher, Kleine Schriften III 185 ff., Bonn 1850. 

— Wertner, Deutsch. Archiv f. Gesch. d. Medic. u. medic. Geogr. von Hnr. u. 
Gerh. Rohlfs VI 71 ff., Leijyz. 1883. — G. J. Withowski, Tetoniana; anecdotes 
hist. sur les seins et l'aUaitement, comprenant l'hist. du decolletage et du corset, 
Paris 1898. 

Schliesslich wären für die Pharmakologie zu nennen: 

L. Andre-Pontier, Hist. de la j)h , Paris 1899. — * J. Berendes, Die Ph. 

bei d. alt. Culturvölkern, 2 Bb., Halle a. S. 1891. — lierthelot, Journal des savants 
1895 S. 382 ff. — Luiffi Boinani, Introduzione alla storia della farniacia in 
Italia, 2 Fase, Bologna 1897 u. 1899. — * G. Camus, L'historique des preniiers 
herbiers, Genes 1895. — Cap, Gazette medicale de Paris 1850 S. 355 ff. — * Cr. 
l>ragendorff. Die Heilpflanzen d. versch. Völker u. Zeiten. Ihre Anwendg,., 
wesentl. Bestandtheile u. Gesch., Stuttgart 1898. — *F. A. Flilchiger, Archiv d. 
Ph. 1876; Ders., Pharmakognosie des Pflanzenreiches, 3. Aufl., Berl. 1891 s. den 
„Geschichtlichen Anhang". — FrederAinff, Grundzüge d. Gesch. d. Pharmacie, 
Göttingen 1874. — * Bnd. Kobert, Hist. Studien a. d. ph. Institut d. Kaiserl. 
Univ. Dorpat I— V, 1889 ff. — 3£arch, Apotheker u. Drogist 1893 Xr. 4 f. — 
Philippe, Gesell, d. Apotheker, Jena 1859. — * Pölchan, Studien üb. d. Einfluss 
der bedeutendsten medic. Systeme alt. u. neuer. Zeit auf die Ph., Diss.. Dorpat 1861. 

— Schelenz, Pharmaz. Ztg. LXXVIII, 1899. 

4. Die Heilkunde bei Homeros und den Homeriden. 

1. Brendel, De Homero medico, Diss., Vitebergae 1700. — :2. Buchholz, Die 
homerischen Realien, Leipz. 1871 ff. — 5. Dareniberg, Rev. archeol. XII 1865 S. 95 ff. ; 
La medecine dans Homere etc., Paris 1865 ; Etat de la medec. entre Homere et Hippocrate 
etc., Paris 1869 [auch Rev. archeol. IX, juillet 1868); Grundzüge der homer. Psychol., 
Zeitschr. f. Psychiatrie VI. — 4. Dunbar, The medicine and surgery of Homer, Brit. 
med. Journ. 1880. — 5. Friedreich, Die Realien in der lliade u. Odyssee, 2. Aufl., 
Erlang. 1856. — 6. Frölich, Baracken im Troj. Kriege, Virchotvs Archiv LXXl 
[1877); Sanitäre Gedanken über den Chiton der Homerischen Helden. Virchotcs 
Archiv LXXIII, 1878; Die Militärmed. Homers, Stuttg. 1879; Ueber Leichen- 
verbrennung nach Homer' s Gesängen, Janus II, 1897'98 S. 248 ff. — 7. Houdart, 
Hist. de la medec. grecque depuis Esculape etc., Paris 1856. — 8. Hyrtl, Antiquitates 
anatomicae rariores, Vindob. 1835. — 9. Kerkhoren, De Machaone et Podalirio 
primis medicis militar'ibus, Groningae 1838. — 10. Knott, The medicine and 
surgery of the Homeric poems, Dublin Journ. 1895, Decbr. ff. — 11. Küchen- 
meister in Günsburgs Zeitschr. f. Min. Med. VI 1 ff. — 12. Kunis, Les choses 
medicales dans Homere, Annales de In Societe de medecine II, Anvers 1889. — 
13. Lichtenstädt, Versuch einer Darstellg. der in d. homer. Gesängen obwaltenden 
Ansichten über Xafiir- u. Heilkunde, Heckers literar. Annaleti der Heilkunde 1827, 
S. 257 ff. — 14. Malgaigne, Etüde sur Vanat. et la physiol. d" Homere, Paris 1842 ; 
Sur V Organisation de la medec. et ch'ir. avant Hippocrate, Journ. de medec. et de 
chir. 1846. — 15. Bichter, Das Traumleben der homer. Griechen, Europa 1885. — 
16. Seymour, Homeric viands, Transactions and proceedings of the American philo- 
logical association XXX 1899. — 17. Terpstra, Antiquitas Homerica, Lugd. 
Bat. 1831. — 18. Virchotv, Alt- Trojan. Gräber u. Schädel, Abhandl. der kgl. Akad. 
d. Wiss. zu Berlin 1882. — 19. Welcher, Kleine Schriften, Theil III, Bonn 1850. 

— Soweit künstlerische Darstellungen homerischer Scenen in Frage kommen, vergl. 
z. B. Albert, Les Grecs ä Rome. Les medecins grecs ä Rome, Paris 1894 S. 7 ff. 
Brian in der Reime archeol. 1885. — Darernberg (s. unter 3). — Gurlt, Gesch. 

Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. 1. 11 



162 Robert Fuchs. 

der Chir. und ihrer Äiisühg., Berl. 1898, I94f. — Hoffa, Ein Meiner Beitrag zur 
Gesch. d. Chir., Deutsche med. Wochenschr. 1900 Nr. 16. — Löwy, Telephos' Ver- 
loundung, Archaeol.-epigraph. Mittheil. IV, 1880. — Mai, lliadis fragme.nta anti- 
quissima cum picturis etc., Mediol. 1819. — Pnnoflia, Bilder antiken Lehens, 
Berl. 1843. Hierher gehören auch die Schale des Sosias in Berlin sowie Athener 
Schalen und die in römischer Zeit beliebten Wandmalereien (Pompeji), die der freien 
Phantasie entsprungen sind. 

Alles das, was wir über die griechische Heilkunde um das Jahr 
1000^) wissen, entnehmen wir dem ältesten erhaltenen Dichtwerke 
der Hellenen, der Ilias und Odyssee des sagenumwobenen Homeros, 
und, zu einem kleinen Bruchteile, den kyklischen Dichtern. Es finden 
sich da beiläufige Erwähnungen des Dämonen- und Heroen glaubens, 
der Entsühnung, der Magie, der Antidota, der Speisen und Getränke, 
des Badens und Salbens, endlich werden auch chirurgische Szenen 
kurz angedeutet (17 S. 3; 18 ff.; 43 ff; 133 ff.; 181 ff.; 339 ff.). Die 
anatomischen Kenntnisse sind noch gering, da sie nur auf den Er- 
fahrungen aus der Opferschau und aus der Verwundetenpflege be- 
ruhen. Die Körperteile werden sehr mannigfaltig bezeichnet (3), die 
Beschreibungen der verletzten Stellen sind treffend und anschaulich. 
Das Leben liegt im Hauche; das Substantivum Ttveü^ia ist allerdings 
noch nicht gebräuchlich (II. 17, 447; Od. 18, 131). Der Hauch ist der 
Träger der geistigen Thätigkeit (Od. 19, 138; nsTivvfievog = verständig) 
und der Affekte (Od. 22, 203). d-vf-ibg bedeutet Leben, Lebenskraft, 
Sinn, Gesinnung, Gemüt, Mut, Zorn, Verlangen, Gedanke und lässt die 
Vorstellung dieser Lebensäusserungen als Hauch noch erkennen in der 
Redensart ^vf-ibv anonveiEiv, das Leben aushauchen. Der Sitz des 
Lebensgeistes sind die cpQsveg, Zwerchfell; der griechische Ausdruck 
kann daher dieselben Bedeutungen annehmen wie d-vf-iög. Der im Tode 
ausgehauchte oder aus der Wunde entweichende Lebensodem, ipvxri, 
führt als „Seele" im Hades ein Traumleben. Wie die Adern der Sterb- 
lichen mit Blut, so sind die der Unsterblichen mit Lymphe {Ix^q) ge- 
füllt (IL 5, 339 ff. ; 416) ; denn die Götter geniessen statt des blutbilden- 
den Fleisches und Weines unvergängliche Nahrung, Nektar und Am- 
brosia. Asklepios erscheint als thessalischer Fürst und kundiger Arzt. 
Seine Söhne Podaleirios '0 und Machaon treten nur in der Ilias als 
Militärärzte und Kämpfer auf. In dem anscheinend jüngeren 11. Buche 
der Ilias führt Nestor den verwundeten Machaon zur Pflege nach seinem 
Zelte. Ebenda bittet der am Schenkel durch einen Pfeilschuss ver- 
letzte Eurypylos den Patroklos, die Spitze auszuschneiden, das Blut 
mit lauem Wasser abzuwaschen und die mildernden cp(XQ(.iayM (Kräuter) 
aufzulegen, die ihn Achilleus und diesen wiederum der Kentaur Cheiron 
kennen gelehrt habe. IL 16, 28 erzählt Patroklos, wie die tapfersten 
Helden der Griechen von den Aerzten mit vielen Mitteln wundärztlich 
behandelt werden, und der Scholiast Aristarchos merkt an, dass in 
dem Heere eine Mehrzahl von Aerzten thätig sei, die man nach schol. 
Vict. zu IL 13, 213 Eegimentsärzte nennen könnte {y-ara edriq yaq 
r^aav = sie lagerten nach Völkerschaften). Nach IL 2, 729 ff. be- 
herrschen die beiden Asklepiaden Trikka, Ithome und Oichalie. Zu 
IL 11, 514 f. erläutern Eustathios (859) und schol. Townleianum unter 
Berufung auf die "Iliov TtÖQdiqaLg des Arktinos, dass Machaon der erste 



^) Die Gewährsmänner lassen einen Spielraum von fast 500 Jahren. 
'^) Im Canon medicorum Laurentianus erscheint er als ärztlicher Schriftsteller 
in der Form „Podarilius". 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 163 

Chirurg, Podaleirios der erste Vertreter der inneren Medizin und der 
Psychiatrie sei (Feststellung des Wahnsinns des Aias; vergl. 3); hier 
ist aber Poseidon und nicht Asklepios der Vater. (Näheres bei von 
Wilamowitz-Möllendorff, Isyllos von Epidauros, Philolog. Unter- 
such. IX, Berl. 1886, S. 45 if.) Die 141 beschriebenen Wunden, welche be- 
handelt werden, sind oberflächliche, penetrierende oder Quetschwunden. 
Neben der Ausschneidung der Fremdkörper findet sich das Ausziehen 
in beiderlei Richtung. Die Blutung wird gestillt, die Schmerzen werden 
durch Auflegen von Umschlägen oder Aufstreuen gestossener Wurzeln 
gelindert ; dann wird ein Verband angelegt. Als Instrument wird das 
Messer, fÄaxaiQa, verwendet. Als Arznei wird nur eine Mischung ver- 
ordnet, die aus Zwiebeln, Honig, Ziegenkäseschabsein und Mehl in 
pramnischem Weine besteht. Beschwörungen (eTtt^öai), mit singender 
Stimme vorgetragen, lördern die Heilung. Heilkundige Frauen sind: 
die Halbgöttin Kirke und die Kräuterkennerinnen Agamede und die 
Aegypterin Polydamna. Letzterer verdankt Helene die Kenntnis vieler 
Pflanzenmittel, besonders des cpüg^iaxov vr^TtevSeg = „Trauerlos"; die 
in Wein gelöste Arznei (wohl Mohnsaft = Opium, nicht aber Hanf 
oder Bilsenkraut) macht alles Leid vergessen (Od. 4, 220 if.). Bei 
Ovidius (Heroid. V) erscheint auch noch Oinöne als Aerztin. Da die 
Aerzte bereits als Demiurgen, d. i. im öffentlichen Dienste stehend, be- 
zeichnet werden (Od. 17, 383 if.), hat es natürlich auch schon früher 
Aerzte gegeben. In der Kleinen Ilias heilt Machaon die durch 
Schlangenbiss erzeugten Wunden des Philoktetes ; Podaleirios wird 
nicht genannt. In den späteren Bearbeitungen des Sagenstoflfes finden 
sich widersprechende Berichte über die beiden Asklepiaden, deren 
Namen sogar verwechselt werden. Bei den Ausgrabungen von Ilion 
fanden sich u. a. vier 6 [Monate alte Embryonen, die nur durch Ab- 
treibung oder den Kaiserschnitt ans Tageslicht gekommen sein können 
(von Oefele, Anticonceptionelle Arzneistoffe, Heilkunde, Wien 1898, 
S. 26). Golden ist das Urteil des Homeros über den ärztlichen Stand : 
hjTQbg yctQ ävrjQ 7co/J.Cov ävtä^iog lilliov = „denn ein Arzt wiegt viele 
andere auf- (II. 11, 514; vergl. Od. 4, 231 f.). 

5. Die griechischen Heilgötier, Heroen und Dämonen. Asklepios 
und die Asklepiaden. 

Aus der gewaltigen Litteratur über die griechischen Heilgötter 
seien nur einige Werke herausgehoben: 

1. Hertsch, Meeresriesen, Erdgeister und Lichtgötter in Griechenl, Progr. d. 
Gymn. in Tanberbischofsheim 1900. — 2. Köt'te, Die Attischen Heilg. und ihre Kult- 
stätten [34. Abteiig. des Xaturf.- und Aerztetages in Düsseldorf 1898). — 3. Nägels- 
bach, Homerische Theologie, 2. Aufl., Nürnberg 1861. — 4. Panofka, Die Heilg. 
der Griechen, Abh. der Berl. Akad. d. Wiss. 1843 S. 157 ff. — 5. Pauly-Wissotva, 
Real-Encyclopädie d. class. AltertumsivissenscMft, Stuttg. 1894 ff. {unter dem betr. 
Namen). — 6. UoP.ixjjs, AI dad'iveiai xard rovs ^vd'ovs rov skkt]vi}<ov Xaov. 'Ev 
Ad-r]vais. — 7. Preller, Griech. Mythologie, 4. Aufl. bearb. v. Robert^ Berl. 1894. — 
8. Mubensofm, Das Aushängeschild eines Traumdeuters. Festschrift Joh. Vahlen 
z. siebenzigsten Geburtst. gewidm. v. seinen Schul., Berl. 1900 S. Iff. — 9. Welcher, 
Kleine Schriften, Theil III, Bonn 1850. — Dämonen: 10. Höfler, Centralblatt 
f. Anthropol. V, 1900, Iff. ~ 11. Bibbeck, Beden und Vorträge, Leipz. 1899, 
I Nr. 3. — 12. Jtoscher, Ausführl. Lexikon d. griech. u. röm. Mythol, Leipz. 1884 ff. ; 
Ephialtes, Abh. d. Kgl. Sachs. Ges. d. Wiss., philos.-hist. Gl., XX, 2, Leipz. 1900. 
— 13. ITkert, lieber D., Heroen und Genien, Abh. d. Kgl. Sachs. Ges. d. Wiss., 
philol.-hist Cl, I, Leipz. 1850. — Heroen: s. Nr. 13. — Böser Blick: 14. Jahn, 

11* 



164 Eobert Fuchs. 

Ueber d. Aberglauben des b. B. bei den Alten, Ber. d. Kgl. Sachs. Ges. d. Wiss., 
phüol.-hist. Ct., VII, Leipz. 1855 S. 28 ff. — Asklepios: 15. Anderson, Brit. 
media. Journal II, 1887. — 16. ßmev, Expositio veteris inscriptionis de Aesculapio 
et Hygea diis hominum amantissimis, Altorf. 1742. — 17. Joh. u. Theod. Bau- 
nack, Inschriften aus d. AsMepieion v. Epidauros, Leipz. 1886 ; Philologiis 1891; 
1895 S. 16 ff. [Litteraturbelege). — 18. Hernays, Ueber den unter d. Werken des 
Apulejus stehenden hermetischen Dialog Asclepitis. Monatsber. der Königl. Preuss. 
Akad. d. Wiss. zu Berlin, Bert. 1872, 500 ff. {Entstehungszeit des untergeschobenen 
Dialogs: Anfang des 3. Jahrhunderts n. Chr.). — 19. Bischoff, Kauf u. Verkauf 
von Priesterthümeni bei d. Griechen, Rhein. Mus. K. F. LIV 1899, 9 ff'. — 20. ßriau 
im Dictionnaire des antiquites; s. auch Gazette hebdomadaire 1875. — 21. Caton, 
Brit. medic. Journal 1898, 1 1509 ff. — 22. Courtois-Sufflt, Archives gener. de 
medec. II, 1891 S. 576 ff. — 23. Defias et Leehat, Epidaure, Paris 1895. — 
24. Dibbelt, Quaestiones Coae mythologae, Diss. Gryphisv. 1891. — 25. Diels in 
Nord und Süd XLIV, 1888. — 26. r. IMhn, Archäol. Ztg. 1877, 139 ff. — 
27. Eschweiler, Ueber die Namen und das Wesen des griech. Heilgottes, Gymn.- 
Progr., Brühl 1885. — 28. Festa in Atene e Roma l'll, 1900, Nr. 13. — 29. 
Fötaler, American Journal of archeol. III, 1887. — 30. Franchetti, Le guarigioni 
di Asclepio. Atene e Roma III, 1900, Nr. 17. — 31. Gauthier, Recherches hist. 
sur Vexercice de la medec. dans les temples chez les 2'>ßuples de Vantiquite, Paris et 
Lyon 1844. — 32. Crvosshanser, Aesculap und Hippokrates, Wien ohne Jahr. — 
33. Herrlich, Epidaurus, Berl. 1898. — 54. Hirschberg, Gesch. d. Augenheil- 
kunde im Altertimm, Leipz. 1899 § 30. — 35. Hoffniann, Die Tratimdeutg. in den 
Asklepieen, Zürich 1881. , — .36. Kftbbadias (= Carvodios), 'Efrj/xe^is «(>;t;a<o- 
loyiitfi 1885 ; Fouilles d' Epidaure I, Athenes 1891. — 37. Kehule, Bidlettino delV 
Instituto di corrispondenza archeologica per Vanno 1865, Roma 1865, S. 263 ff. — 

38. Körte, Janus III, 1898 S. 178 f.: 'EfrjisQls aQxaioXoyty.r; 1885; Mittheil, des 
Kais. Deutsch. Archäol. Instituts. Athen. Abth. XVIII 231 ff.; XXI 287 ff. — 

39. Malgaigne, Sur les Asclepiades et les Asclepions, Lancette Francaise 1872. — 

40. Merriatn, Gaillard^s medical Journal, Washington 1885; Boston medical and 
surgical Journ. CXII, 1885. — 41. JPanofka, Asklepios und die Asklepiaden, Abh. 
d. Kgl. Akad. d. Wiss. zu Berlin 1845, Berl. 1847 S. 271'Jf.; 327 ff. — 42. PeUe- 
grini, Lapide votiva ad Esculajno. Belluno 1890. — 43. Piccoloniini in Nuova 
Antologia XLIV, 1893. — 44. Premier, Rhein. Mus. XLIX S. 313 ff. — 45. v. 
Mittershain, Der medic. Wunderglaube und die Incubation im Alferthum, Berl. 
1878. — 46. V. Sollet, Asklepios und Hygieia, die sogenannten Anafhemata für 
heroisirte Todte, Berl. 1878; Zeitschr. f. Numism. V. — 47. Schäfer, Neue 
Jahrbb. f. Philol. CXXII, 1880. — 48. Urlichs, Asklepios und die Eleusinischen 
Gottheiten, Jahrbb. d. Vereins von Alter thumsfreimden im Rheinlande, Heft 87, 
Bonn 1889. — 49. Vercoutre, La medecine sacerdotale dans Vantiquite grecque. 
Revue archeol. ser. III tome 6 f. 1885 f. — 50. Wertner, Aeskulap und seine Nach- 
kommen, Wien. med. Presse XX, 1879 Sj). 1093 ff. — 51. Welcher, Kleine Schriften, 
Theil III, Bonn 1850. — 52. Wilder, The A,sclepiads, the physicians of archaic 
and ancient times, Transactions of the natural ecleciic medical association VI, 
New Yor'k 1877 f. — 53. Wolters, Darstellungen des Asklepios. Mitth. des Kaiserl. 
Archäol. Instit. zu Athen XVII, 1892, 1 ff. — 54. Zacher, Hermes XXI [1886) 
S. 467 ff. — 55. Ziehen, Studien zu den Asklepiosreliefs, Mitth. des Kais. Archäol. 
Instit. zu Athen XVII, 1892, 195 ff. ; 229 ff. — Die Verzeichnung der Litteratur 
für die einzelnen Kultusstätten und Heilgötter würde zu weit führen. 

Die Macht, Menschen zu heilen, zu verschönern und zu verjüngen, 
in ihrer äusseren Gestalt umzubilden, zu töten oder zum Leben zu er- 
wecken, verständig zu machen oder zu bethören, wird nicht nur bei 
Homeros, sondern ganz allgemein zunächst allen Gottheiten zugeschrieben 
(3). Daher wurden über dem Hauseingange die Namen der verschie- 
densten IvOLoi, ccTTOTQÖnaioi, dle^iy.ay.oi, äXe^ijAOQOL. d. i. Abwehrer, 
Heiland, angebracht. Darum heisst es noch Anthol. Graeca ed. 
Jacobs V 41 ^= Brunck, Analecta II 325 Nr. 39: ,.— der Isis — 
Zorn II Oder wer sonst blind macht von den Himmlischen". So wird 
denn auch der Tod auf die verschiedensten Gottheiten zurückgeführt und 
erscheinen als Urheber der Pollution {dv€iQtoyf.iög) neben einander: Pan, 
die Seirene, Hekäte, Gello und ein besonderer daif^imv (= Daemon 
meridianus). Später wurden besondere Gottheiten Träger der Heil- 



Geschichte der Heilkiiude bei den Griechen. 165 

funktion oder ihres Gegenteils. Aphrodite ist die Urheberin aller 
geschlechtlichen Vorgänge und der Geburt (schon IL 5, 429; Od. 20, 
74 f.). Apollon ist der Gott der Heilkunde und Götterarzt; er wird 
auch Paieon, Paion oder Paian genannt. Zahlreiche Beinamen deuten 
teils seinen wohlthätigen {irfiog)^ teils seinen unheilbringenden Einfluss 
(«xßTjj/jo'/og, h.iqßolog, ylvTÖto^og) an. Mit dem Pfeile tötet er die 
Frevler, während er andererseits seine Geliebte Korönis wieder zu 
beleben sucht (Ovid., metam. II 618) und bei der Korönis = Aigla und 
Euadne geburtfördernd eingreift. Er gilt als Erfinder der Heilkunst 
und wird im sog. hippokratischen Eide als ir^rgög = Arzt angerufen. 
Des Musengottes Schwester Artemis ist das weibliche Gegenstück zu 
ihm. Ihr weihen in Brauron die Jungfrauen die erste Monatsbinde, 
sie lindert die Wehen der Frauen und heilt Blindheit, aber sie ist 
zugleich die unerbittliche Todesgöttin. Athene sendet bei Homeros 
den Freiern Wahnsinn und verleiht ihren Günstlingen Kampfesmut. 
Sonst erscheint sie als dcp&aXiitlTig = dorisch oTCzühig, Augenschützerin. 
Dionysos wirkt auf das Befinden der Menschen durch seinen Wein. 
Hades ist der Todesgott, der Bräutigam des jungfräulich sterbenden 
Mädchens. Hermes berückt mit seinem Zauberstabe die Augen und 
erweckt die verzauberten Menschen. Er sendet den Schlaf (Hypnos) 
und Träume, verfügt über Zauberkräuter (fiwXv, tQuodd-Ktvlog) und" 
führt die Seelen der Toten zum Schattenreiche. Poseidon gilt manchen 
als Vater des Asklepios. Auf Tenos wurde er als iaxQog verehrt. Der 
Kyklope erwartet von ihm Heilung seiner Wunde (Od. 9, 520). Gott- 
heiten minderen Ranges stehen neben den olympischen Göttern und 
bilden allmählich den Uebergang zum Menschengeschlechte. Dem 
Hades leistet der unterirdische Fährmann Charon seine Dienste, doch 
erscheint er erst in byzantinischer Zeit als Todesgott. Aus dem alle- 
gorischen Bilde des Totseins bei Homeros, Thanätos, ist, z. B. in der 
Alkestissage, ein mächtiger Gott geworden, der bald als mürrischer 
Greis, bald als wehmütig teilnehmender Jüngling gedacht wird. 
Eileithyia = „die Kommende" leistet bei Geburten Beistand, von den 
Moiren, und zwar besonders von Lachesis, unterstützt. Sie ist bald 
als Einheit, bald als Mehrheit in der Vorstellung des Homeros lebendig. 
Nach stoischer Tradition ist sie mit Hekäte identisch. Sie jagt den 
Menschen Schrecken ein, verwendet ihre unheimlichen Kräuter zu 
Zauberspuk und Mord, verliert dann ihren Charakter als feindseliger 
Dämon, und ihr Kultus geht schliesslich in dem der Artemis auf. Von 
dieser hat die Tochter des kolchischen Aietes und Gattin des läson, 
Medeia, ihre Zauberkünste und Giftmischerei gelernt (Ttaf-upäQ^iaxog 
= alle Mittel kennend; vergl. Lunäk, Zur Medeasage, Philologus 
LI = N. F. V, 1892 S. 739f.; Zielinski, ebda. L = X. F. IV, 1891 
S. 148). Pan, der Hirtengott, sendet den panischen Schrecken, der 
für eine Art Epilepsie oder Manie gehalten wurde, das Alpdrücken 
und Träume besonderer Art, wie sie auch die Dämonen Ephialtes^) 
oder Pnigalion, die Seirenes, Empusai. Lamiai oder Mormolykiai (vergl. 
Goethes Gedicht .,Die neue Sirene", Gödeke I 112; Unger, Zur 
Sirenensage. Philologus XL VI 1888, 770 ff.) verursachen sollen. Gleich- 



^) Ausführliche Litteraturangaben bei Höfler, Der Alptranm als Urquell der 
Kraukheitsdämonen. Janns V liWO S. 512 ff. ; Röscher, Ephialtes, eine pathol.- 
mythol. Abhandl. über die Alpträume u. Alpdämonen d. klass. Altert. Abh. d. Kgl. 
Sachs. Ges. d. Wiss., philos.-hist. Cl. XX Heft 2, Leipzig 1900. 



166 Robert Fuchs. 

falls der geschlechtlichen Sphäre gehören an Priäpos und dessen 
attische Vertreter Tychon, Orthänes und Konisälos. Die krallen- 
füssigen Harpjien verkörpern den alles dahinraffenden sicheren Tod. 
Dessen verschiedene Arten werden in den Keres (auch die Einzahl 
„die Ker" findet sich), den Kindern der Nj'x = Nacht, personifiziert. 
Als Totengöttin der noch nicht Erwachsenen erscheint die auch wegen 
ihrer Unzüchtigkeit geschmähte Gello, eine in ein Gespenst verwandelte 
lesbische Jungfrau, unter dem Schutze der d^eol itargCpoL stehen einzelne 
Familien oder Familiengruppen ; die Eömer verehrten im gleichen Sinne 
die genii loci. Helene steht als y.ovQotQÖcpog den Lakedaimonierinnen 
bei Geburt und Kinderaufziehung gnädig bei. Als „Abwehrer" (^Ae^tg) 
und später als Schutzgott der Athleten wird Herakles verehrt. Für 
die Heilwissenschaft wichtig ist die Personifikation des „rechten Augen- 
blicks" im Kairos, der dem Homeros noch fremd ist, aber bei Ion und 
Sophokles als jüngstes Kind des Zeus und Beistand der Mutigen be- 
sungen wird. Der Palästra entnommen, fand er in Lj^sippos seinen 
herrlichsten bildnerischen Darsteller. In der Gestalt abgezehrter 
Nimmersatte schildert Kallimachos (hymn. in Cerer. 103) die Dämonen 
Bulimos und Bubröstis, d. h. Heisslmnger und Hungersnot. Der Gott 
Podagra ist eine scherzhafte Erfindung des spöttischen Philosophen 
Lukiänos. Aus der Urzeit erhielt sich in Rhamnus und Oröpos der 
Kultus des Amphiaräos, eines chthonischen Gottes (38). Ihm Avurden 
Nachbildungen der geheilten Körperteile geweiht. Bildliche Darstellungen 
schliessen sich an den Zeustypus an. (Vgl. Corpus inscript. Graeciae 
septentrionalis I 303; 3498; über seine Verehrung in Athen neben 
Asklepios: J. Ziehen, Studium zu den Asklepiosreliefs, Mittheil, des 
Kais. Archäol. Instit. in Athen XVII 1892, 249.) Speziell in der Attike 
ist der Vorgänger des Asklepios der „Abwehrende", Alkon^) = 
Amynos (38). Den Namen des Sohnes des Alkon, Phaleros, trägt der 
altathenische Hafen Phaleron. Aber auch in Athen wurde zwischen 
1892 und 1895 ein Heiligtum des Amynos zwischen Markt und Burg 
aufgedeckt. Der in dem heiligen Bezirke gelegene Brunnen musste 
bereits im 6. Jahrhunderte v. Chr. aus der Wasserleitung des Peisi- 
strätos mit gewöhnlichem Wasser gespeist werden. Die Inschriften 
(5. — 1. Jahrh. v. Chr.) sind dem Amynos, Asklepios oder beiden ge- 
widmet. Aus ihnen ergiebt sich, dass Dexion, d. i. der nach seinem Tode 
heroisierte Tragiker Sophokles, als Priester des Amynos den Asklepios, 
der später zum Staatsgotte erhoben wurde, in das Heiligtum einziehen 
liess und durch einen Paian verherrlichte. Die Weihgeschenke stellen 
die Adoration Genesender oder vielfach die geheilten Glieder dar 
(vergl. Katalog der histor. Ausstellg. f Naturw. u. Med., Düsseldorf 
1898 S. 19 f.). Aristomächos ist dei" Name eines ärztlichen Heros 
(f;^wg iaxQog). Sein Grab lag in Marathon, wo er verehrt wurde. Mit 
ihm scheint der ^'. i. b ev äorsi (d. i. in der Stadt -[Athen]) zusammen- 
zuhängen (vergl. Corp. inscr. Attic. II 403 f; Rohde. Psyche 174, 3; 
Hirschfeld, Hermes VIII 350ff.; von Sybel, a. a. Ö., S. 43). Pseud- 
hippokrates, de diaeta IV = de insomniis c. 5 = 90 (bei mir I 367 u.) 
empfiehlt, den Heroen im allgemeinen nach schlechten Träumen zu 



') lieber seine Beziehungen zu Eleusis s. '£ftifi. apy/uo/.. 1890, S. 1171; 1892, 
S. 115. Die Inschriften wurden im Norden Athens gefunden. Zur Litteratur vgl. 
Curtius. Die Stadtgesch. von Athen, Berl. 1891, S. L; 210; von Sybel, Hermes 
XX 41 if. ' 



Geschichte der Heilkunde bei den Griecheu. 167 

opfern. Die Heroen sind die „Welirer", die aTtoTQÖTiaioi, und werden 
nach ihrer Apotheose in heiligen Bezirken, arj-Aoi, verehrt. Der Heros 
besitzt ein Denk- oder Grabmal, fjQqtov, teilweise mit Kapelle und 
Baumeinzäunung. In Olj^mpia beteten die Kranken Polydämas an, 
in Theben Hektor. Lukianos erwähnt den heroisierten Skythen 
Toxäris, der in Athen unter dem Namen „Der fremde Arzt" {^€vog iazQÖs) 
besonders bei Fiebern angerufen wurde (13 S. 192). Die Stoiker 
lehrten unheilstiftende Heroen fürchten, deren nächtliche Begegnung 
Schlagfluss, Geisteskrankheit und andere Leiden bringe (Pseudhippocr. 
de morbo sacro, bei mir II 547 tf.). 

Die Dämonen ^), öaif^oveg, waren ursprünglich die Götter selbst, 
von Hesiödos an meist neben den Göttern stehende männliche oder 
weibliche Wesen, die alle Eäume füllen. Im Genienglauben der Römer 
findet sich der griechische Dämonismus getreu nachgebildet. Die 
Dämonen zerfallen in gute und böse (Namen bei Pollux, onomast. V 
26 § 131). Die aufgeschriebenen Namen der ersteren schützen den 
Eingang der Häuser vor bösen Geistern und sind ein gutes Omen. 
Dem Glücklichen = dlßioöaifxojv (Hom. II. 3, 182) steht der /.a/.odaiiuov 
= Unglückliche, besonders der Komödie, gegenüber. Die Dämonen 
heilen auch Krankheiten ihrer Schutzbefohlenen, gleichwie sie sie 
hervorrufen, Begierden erzeugen und den Tod bringen (Diog. Laert." 
8, 33; Cic, de div. I 3; II 58; Porphyr., de abst. II 37; Aret, de morb. 
chron. I 9 bezüglich Epilepsie ; HesychTos und Phaborinos s. v. Jaggiöv 
= Makedonischer Dämon). Auch an hundeartige Dämonen glaubten 
viele ; das sind die Seelen bösartiger Toten, die aus dem Grabe kommen, 
um den Lebenden Krankheit, Wahnvorstellungen und Verderben zu 
bringen. Die Geister wurden, soweit man überhaupt ihre Existenz einräumte 
(Plut., de Stoic. repugn. 37; Sallust. Emes., de diis ed. Gale p. 266), 
durch Kräuter, Steine und Buchstabenspuk (rä 'Ecpioia yQdi.if.iaxa = 
Ephesische Buchstaben, Lucian. Philopatris 16 ; Apoll. Tj^an. III 38 etc.) 
gebannt. 

Den bösen Blick (dfpduhiog TtoviqQog, 6. cpOvvsQog, ßa(r/.avia) 
machen unschädlich: Amulette mit Götterbildern oder Namen von 
Göttern (Tyche, Eros, Aphrodite, Athena, später Saräpis, Harpokrätes), 
Bilder des nackten Körpers, besonders des weiblichen oder kindlichen 
in typischer Stellung, oder menschlicher Körperteile (Hand, Auge, Geni- 
talien), Darstellung von Löwenköpfen, Schreckbildern (Medusa), Karika- 
turen ■-) und Leitern, Anwendung des Gegenzaubers oder Fluches, 
Schellen, eiserne Nägel, Knoblauch, Gladiatoren- oder Yerbrecherblut, 
Spucken in den eigenen Busen oder in den eines anderen, endlich 
Entblössung des Körpers (14). 

Mit Mythologie und Medizin standen auch noch folgende Natur- 
erscheinungen in enger Beziehung: die XaQ(xtv{E)ia oder nlovxtoveia 
= spiracula Ditis = Höhlen mit schädlichen Ausdünstungen (z. B. am 
Maiandros in Kleinasien); die Traumorakel im Amphiaräosheiligtum 
in Oröpos und das P}i;hion des Apollon in Delphoi in Phokis; die 
Wundergrotte des Trophonios in Lebadeia in Boiotien; die Erdfeuer 
des Berges Moschylos auf Lemnos ; die namentlich Euboia, den Kopais- 



^1 Vg'l. du Prel, Die Mj'stik der alten Griechen, Leipz. 1888. 

^) Hierher gehört auch der häufig gefundene nackte Zwerg mit unförmigem 
Kopfe, dickem Bauche und heraushängender Zunge. Es ist wahrscheinlich ein 
phönikischer Gott, der über Aegypten (deshalb „Aegyptischer Herakles") einwanderte. 
Hesychios nennt ihn Gig(n)on. Sonst heisst er auch ndraiv.os. 



168 Robert F\ichs. 

See, Delplioi, Lakonien und die Inseln heimsuchenden Erdbeben; die 
verschiedenen Dampf- und Wasserquellen, als die Solfatara von Susaki 
(Schwefelwasserstoff und Kohlensäure), die Kohlensäurequellen bei 
Hierapölis in Phrygien, die Schwefelquellen bei Thermopylai (Hgccylsia 
lovxQcc = Heraklesbäder), die Mineralquellen auf Kos, die, wie alle 
übrigen, erst durch die Pneumatiker zu Ehren kamen, und in Epi- 
dauros, die heissen Quellen auf Melos (Hippocr. epid. V 9; bei mir 
II 224), Polyaigos, Kimölos, Methöne, am Isthmos (Bäder der Helene), 
die stark gashaltige Quelle bei dem ältesten Orakel in Dodöna etc. 

Ehe wir uns zu Asklepios wenden, bedarf das gewaltige Gebiet, 
das wir unter der Bezeichnung „Mythische Medizin" ^) zusammenfassen 
können, wenigstens der Erwähnung. Nach R o s c h e r s *) Zusammen- 
stellung gehören hierher : 1) der Gesichtskrampf (zt'tov =^ xvvubg anaof-WQ 
= Hundekrarapf) der Pandareostöchter ; 2) das Leiden der Proitiden: 
Wahn, in weisse Kühe verwandelt zu sein, Stimmenveränderung, 
Grind, Linsenmal {äXcp6g\ Haarverlust und Satyriasis, Heilung durch 
Nieswurz vom Seher Melampus bewirkt; 3) des Herakles Hautleiden 
(xjjcoQo), durch Schwefelbäder (s. o.) vertrieben; 4) desselben Helden 
letztes Leiden, verursacht durch von der Hydra stammendes Pfeilgift 
und bestehend in starkem Jucken und Krämpfen; 5) der Epiäles = 
Alpdruckdämon, von Herakles erwürgt; 6) des Minos ansteckende 
venerische Krankheit, durch ein Ziegenblasen-Condom unschädlich ge- 
macht -) und durch Alraun beseitigt ; 7) die Läusesucht (cp^eiglaaig) 
des Peliassohnes Akastos; 8) des Aison, Vaters des lason, angebliche 
Vergiftung durch Stierblut; 9) die Pygalgie (Steissschmerzen) der 
Reisige des Agamemnon; 10) das Lemnische Frauenleiden {Arn-iviov 
/.a/Mv) = foetor oris et pudendorum; 11) der Heisshunger des Ery- 
sichthon; 12) die Cheironischen , d. i. unheilbaren, schmerzhaften 
schwärenden Wunden, besonders an den Füssen; 13) ähnliche, nach 
Telephos benannte Wunden mit Eiterung; 14) Wahnsinn, sporadisch 
oder epidemisch, z. B. des Herakles, Orestes, Aias und der lo und 
Ino oder der Tyrrhenischen Seeräuber, der Proitiden, Thebanerinnen ; 
15) die mit Xoiuög bezeichneten und gewöhnlich mit „Pest" übersetzten 
Seuchen von Ilion, Athen, Tanagra; 16) zwei Hundekrankheiten: 
Lethargie und Kynanche (eine Art Bräune); 17) Kyn- oder Lykan- 
thropie, von Pan über Hirten verhängt (Long, pastor. 3, 23). 

Der Mittelpunkt aber der mythischen und religiösen Medizin des 
Altertums ist A s k 1 e p i o s , bei Homeros und Hesiodos ein thessalischer 
Fürst (s. Kap. 4). Sein Name lautet 'JaxXrjTtiö:, dialektisch "Joylamög, 
'Ao/.'kani6g, 'Aoyl.aTiitov, Ataxlaßiög, Jtlo/ilarctög und Aiaxlartievg, lateinisch 
Aisc(u)lapius, Aesculapius. Der Ursprung dieses Wortes ist unauf- 
geklärt. ^) Sein Kultus ging von dem Phlegyer- und Minyerlande = 
Thessalien-Magnesia aus. Die thessalische Sage nennt Ischys, den 



■') 1. IToXiTTjs. AI aad'epeiaL y.ara roiiq iivd'ovg rov sXXrjvixov Xaov, ev Ad'/jvaig o. J. 

2. V. Sybel, Die Mythologie der Ilias, Marburg 1877 ; 3. Röscher, Die sogen. Phar- 
makiden des Kypseloskasteus, Philologus XL VIT = N. F. I, 1889 S. 703 ff.; Die 
„Hvindekrankheit" {kvcdv) der Pandareostöchter und andere mythische Krankheiten, 
Rhein. Mus. N. F. LIII, 1898 S. 169 ff.; 639 ff. 

-) Heibig, Ein Condom im Altertume, Reichs-Medizinal- Anzeiger XXV, 1900 
S. 3 f. 

') Thrämer bei Pauly-Wissowa, Real-Encyclopädie der class. Altertums- 
Avissenschaft II, Stuttg. 1896, Sp. 1642 ff. — Deutungsversuche Sp. 1643. — Litteratur 
ebda. Vgl. noch Rubensohn, Das Aushängeschild eines Traumdeuters (Festschrift 
Joh. Vahlen zum siebenzigsten Geburtst. gewidm. v. sein. Schul., Berl. 1900, S. 1 ff. 



Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 169 

Sohn des Lapitlieiikönigs Elätos, als seinen Vater, Korönis, die Tochter 
des Phlegyas, als seine Mutter. Nach der Ilias (II 729 ff.; IV 202) 
stammen die Asklepiossöhne Machäon und Podaleirios aus Trikke, 
Ithöme und Oichalie. Sie und ihr Vater sind schlichte Heroen, erst 
in der späteren Sage wird Apollon zum Vater des Geschlechtes ge- 
stempelt. Der Kentaur Cheiron unterweist ihn auf dem Pelion in 
der Kräuterkunde (II. IV 219) und gesellt ihm die Schlange als Be- 
gleiterin bei. Die Phokaier verehren Asklepios als ihren Stammvater 
{^QXay€Tag). Die älteste Kultstätte in der Peloponnesos ist Titane bei 
Sikvon; dort finden sich die thessalischen Schlangen wieder, ausser- 
dem bekleidete Statuetten. Gründer des Tempels ist der Sohn des 
Machäon oder Asklepios, Alexänor. In Arkadien gelten Arsippos und 
Arsinöe als Eltern des Asklepios. Auch die Messenier eigneten sich 
den Gott an, indem sie die in der Ilias genannten Stammsitze nach 
ihrem Lande verlegten; Vater ist Apollon, Mutter die Tochter des 
Leukippos, Arsinöe, Gattin Xanthe. Machäon soll die als Heilgötter 
verehrten Söhne Xikomächos und Gorgäsos gezeugt haben. Argölis 
hängt vollständig ab von der epidaurischen Sagengestaltung. Nach 
der inschriftlich erhaltenen Darstellung des Isyllos^) ist Aigla, auch 
Koronis genannt, des Asklepios Mutter, sein Vater Apollon. Von 
Epidauros wanderte der Kultus weithin, nach der Akropolis von Athen 
420 V. Chr., Balagrai in der Cyrenaica. Kos, Taras = Tarentum, Rom 
(zur Vertreibung der Pest 293 v. Chr. wird der Schlange auf der 
Tiberinsel ein Heiligtum errichtet). Sonst zeichnen sich durch den 
Asklepioskultus noch aus: Tithorea in Phokis; Acharnai, Peiraieus, 
Eleusis in der Attike, Sikyon (Goldelfenbeinstatue von Kalämis) ; Argos ; 
Gerenia, Pharai, Messene in Messenien; Leuktra, Sparte, Epidauros 
Limera in Lakonien; Lebena auf Kreta (Heilungen s, Philologus 1889 
S. 401 f.; 1890 S. 577 ff.); Kyrene; Rhodos; Melos; Kalymna; Burina 
auf Kos (Krankengeschichten von Hippokrates benutzt nach Strab. 
XIV 657: Varro bei Plin. XXIX 4); Knidos; Syrna in Karlen; Samos; 
Pergamon (Aristid. serm., 2. Jahrh. n. Chr.); Kroton in Bruttium. Als 
Lehrer des Asklepios tritt neben Cheiron Apollon auf (Diodor. V 74). 
Thrämer zählt folgende Wunderkuren des Asklepios auf: 1. der 
wahnsinnigen Töchter des Proitos von Tiryns; 2, der erblindeten 
Phineiden; 3. des blinden Epidaurierkönigs Askles (daher angeblich 
Asklepios = "Aa/lr^g -f- r^itLog = mild) ; 4. des an der Hüfte verletzten 
Herakles ; 5. des Iphikles durch Ttäva/.eg ^keyvrjiov (=== Heilwurz) ; 6. der 
zahlreichen Toten, für deren Erweckung ihn Zeus mit dem todbringenden 
Blitzstrahle bestrafte. Das Gorgonenblut aus der linken Ader be- 
nutzte er zur Schädigung, das aus der rechten zur Heilung (Apollod. 
III 10, 3, 8). Nach seiner Tötung wird Asklepios entweder als 
Schlangenträger unter die Sterne versetzt oder in den Olympos er- 
hoben. Die Gräber des Asklepios sind unterirdische Kultstätten 
(aövTa), so am Lusios in Arkadien und in Kynosürai in der Attike. 
Cicero (de nat. deor. III 57) unterscheidet 3 Aesculapii: 1. den von 
den Arkadern verehrten Sohn des Apollon und einer Unbekannten, 
2. den von Zeus getöteten und bei Kynosürai begrabenen Sohn des 
Ischys und der Koronis, 3. den am Lusios bestatteten Sohn von 



^) von Wilaraowitz-Möllendorff, I. von Epidauros = Philolog. Unter- 
such. IX, Berl. 1886 11 if.: 89 ff.; Cavvadias, Fouilles d'Epidaure I, Athenes 
1893, Nr. 7. 



170 Kobert Fuchs. 

Arsippos und Arsinoe. Als Gattin erscheint neben Xantlie (s. oben) 
Lampetie, Tochter des Helios, oder Hipponöe oder Epiöne. Treffend 
scheidet Thrämer bei den Kindern die hygienische oder iatrische 
Seite. Ersterer gehören an: 1. die jungfräuliche Hyg(i)eia, besonders 
in Titane, doch auch in Epidauros verehrt, von der zahlreiche Bild- 
werke erhalten sind; 2. Euamerion, Dämon in Titane; 3. die jugend- 
liche Aigle = Glanz; letzterer: 1. Panake(ia) (Pseudhipp. iusiur.); 
2. laso; 3. Akeso; von männlichen: 4. Akesis; 5. laniskos (Aristoph. 
Plut. 701 schol.) ; 6. Telesphöros ; 7. Machaon und 8. Podaleirios gelten 
in der "lUov rcögOrjoiq als Söhne des Poseidon. Machaons Söhne sind : 
Nikomächos, Gorgäsos, Polemokrätes, Sphyros, Alexänor. Der Gott 
ist chthonischen Ursprungs (Schlange, Inkubation, Orakel). Seine 
Funktion ist die Eettung (z. B. vom Ertrinken). Heilung Kranker und 
Erhaltung Gesunder. 

Von den ärztlichen Beinamen des Asklepios sind einige bezeich- 
nend, so iazQÖg, 'Irjiog u. s. w. = Arzt, Koxvlsvg = Becherreicher, 
"Og&iog = Erector, naiäv u. s. w. == Helfer, IiorriQ == Retter. Als 
Attribute seien hervorgehoben : Schlange, Hund, Ziege, Mohn, Zange (?), 
Schröpf köpf (?), Schale, Bücherrolle, Tafel, Cypresse, Keuschlamm, Lor- 
beer, Stab (meist Schlangenstab). Der Gott spendet seine Hilfe während 
des Schlafes im Tempel (lyMifirjaig = incubatio), teils persönlich, teils 
durch Schlange oder Hund. Das Traumbild giebt auch bloss Rat- 
schläge, meist übernatürlicher, auch wunderlicher Art. Die erhaltenen 
Geschichten dienten zur Erbauung und Bethörung der Opfer arg- 
listiger Priester. Wirkliche Heilungen kommen bloss bei M. Junius 
Apellas (v. Wilam. — Möllend. a. a. 0.) und in einer verstümmelten 
Inschrift in Betracht, auch bei einigen Rhetoren (vgl. auch Plaut. 
Curculio). Die Tempel ärzte dürfen mit den traumdeutenden Priestern 
nicht verwechselt werden; sie heissen „Diener", „Söhne des Gottes" 
(Asklepiaden) oder „Assistenten" {Cdxooot vnodQuJvreg). Von ihren Ver- 
diensten erzählten die kölschen nivocxsg = Tafeln, die Hippokrates 
studierte (Strab. VIII 374; XIV 657; Plin. h. n. XXIX 4). Sie Hessen 
bei der Behandlung natürlich keine Stellvertretung zu wie die traum- 
deutenden Tempeldiener. Unterstützend traten zu den Eingriffen der 
Aerzte hinzu: die gesunde Lage des Ortes, Aufenthalt in luftigen, 
teilweise noch erhaltenen Zellen, Bäder, streng geordnete Lebensweise 
und Leibesübungen. 

6. Die medizinischen Kenntnisse der ältesten griechischen 
Philosophen. 

Die Wichtigkeit der Kenntnis der Philosophie für das Studium 
der Heilkunde ist jederzeit anerkannt worden. In wie weit die Aerzte 
diesen Grundsatz bekannten, wird an gehöriger Stelle jedesmal hervor- 
gehoben werden. Von den Philosophen verkündete u. a. Aristoteles 
(de sens. et sens. 1), dass der „Physiker", d. h. der Naturforscher, auch 
über die letzten Ursachen von Gesundheit und Krankheit unterrichtet 
sein müsse, und ebenda (Kap. 7) wird betont, dass Naturwissenschaft und 
Heilwissenschaft bis zu einem gewissen Grade in gemeinsamen Grenzen 
liegen. Die Philosophie, die erste, grundlegende und allumfassende 
Wissenschaft, spürte, lange bevor es eine ärztliche Wissenschaft gab, 
nach der Entstehung, Entwickelung, Abnahme und Vernichtung des 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 171 

menschlichen Körpers, den Störungen seines Gleichgewichtes, der Art 
und den Bedingungen seiner Lebensbethätigungen, den geistigen 
Kräften und ihren Aeusserungen, den Winden, Klimaten, Jahreszeiten, 
der Beschaffenheit und den Wirkungen der Nahrungsmittel u. ä. Die 
Medizin bildete also einen kleinen Teil der Gesamtdisziplin, mit der 
sie innig verwachsen war. Je mehr die Kenntnisse auf ärztlichem 
Gebiete wuchsen, desto mehr trat naturgemäss das Bestreben der 
Spezialisierung hervor. Hippokrates bestimmte zuerst die Grenzen 
beider Fächer, indem er die Medizin auf eigene Füsse zwar stellte, 
aber doch den noch bei Galenos nachklingenden Grundsatz im Wesen, 
nicht in der Wortfassung festlegte : der beste Arzt ist zugleich Philosoph. 
So lückenhaft unsere Kenntnis der ältesten griechischen Medizin ist, 
so reichlich fliessen die philosophischen Quellen von Solons und Kroisos' 
Zeiten an. Sie bieten uns daher einen wertvollen Ersatz für das un- 
wiederbringlich Verlorene. So wünschenswert es wäre, die Uebergänge 
und das Uebergreifen der einen Wissenschaft in die andere darzulegen, 
so gebieterisch heischt der dem Griechentum zugewiesene Raum die Be- 
schränkung auf rein medizinische Thatsachen. 

Von den alten ionischen Philosophen erklärte Thaies von Miletos 
(etwa 624— 548 5 v. Chr.) das Wasser für den Grundstoff aller Dinge. 
Sein Mitbürger und Zeitgenosse Anaximandros nahm als Anfang 
{&Qyiri) von allen Dingen das Unbegrenzte (aTtsigov), die unendliche 
Stoffmasse, an. Die Menschen sind als fischähnliche Lebewesen aus 
der flüssigen Erde hervorgegangen. Sein Schüler und Landsmann 
Anaximenes erklärte die Luft und den wehenden Hauch {TTvevf^a) 
für das allem zu Grunde Liegende. Eine doppelte Veränderung der 
Luft findet statt, die Verdünnung = Erwärmung und die Verdichtung 
= Erkältung. Hippon aus Rhegion (2. Drittel des 5. Jahrh. v. Chr.) 
ging von dem Feuchten (vyQÖv) aus und erklärte die Seele als eine 
aus dem Samen entwickelte Feuchtigkeit. Die^) Krankheiten be- 
ruhen auf dem Uebermasse des Feuchten oder auf seiner Verminderung 
durch Austrocknen, doch auch auf Dick- oder Dünnsein der Feuchtig- 
keit. Auf die aus diesen Ursachen entstehenden Krankheiten selbst 
ging Hippon nicht ein. Die „Gefühllosigkeit und Trockenheit" der 
Greise soll auf Feuchtigkeitsverminderung zurückzuführen sein. Das 
Weib sondert auch Samen ab, jedoch nicht zum Zwecke der Frucht- 
bildung. Zuerst entwickelt sich beim Embrj-o der Kopf, zuletzt Nägel 
und Zähne. Die Ausbildung erfolgt meist in 60 (oder 40?) '^) Tagen, kann 
sich aber auch 4 Monate hinziehen. Diogenes von Apollonia (etwa 
430) schloss sich an Anaximenes an : die vernunftbegabte Luft bewirkt 
das körperliche und geistige Leben. Dem Erdschlamme sind die Lebe- 
wesen entstiegen. Ueber den Verlauf der Adern hat uns Aristoteles 
(hist. anim. III 2 p. 511 b 30 f.) ein Fragment des Diogenes überliefert, 
dem die Schilderung in Pseudhippocr. de morbo sacro VI (III) = bei 
mir II 553 f. sehr nahe kommt. Es giebt 2 Hauptadern, die der Leber 
(fiTtaTirig) und die der Milz {aTthqvlrig). Beide verästeln sich nach den 
Füssen und dem Kopfe und berühren auch das Herz. Die Adern 
{(pUßeii) führen unterschiedslos Blut und Luft. Von Aorta, Hohlvene, 
Carotis und Jugularis finden sich schwache Andeutungen. Auch der 
Puls {(pleßonalia) war ihm bekannt (Erotian. ed. Klein p. 131, 14 f). 



^) Anon. Londiu. 11 (Beckh-Spät S. 16). 

2) Fredrich, Hippokratische Untersuchungen, Berl. 1899 S. 128 A. 3 f. 



172 Robert Fuchs. 

Auf Pseudliippocr. de flat. hat die Lektüre des Diogenes zweifellos ein- 
gewirkt. Was über die Beeinflussung anderer sogenannter hippokra- 
tischer Schriften vorgetragen wird, bezeichnet Fredrich^) unter An- 
gabe der Litteratur mit Eeclit als üeberschätzung seines Einflusses. 
Zur Lehre des fiyei.ioviY.ov == des „herrschenden Teiles" der Seele 
bringt W e y g o 1 d t treffliche Beiträge. -) Der Vergleich des Menschen 
mit der Pflanze arQariwTTjg (= „Soldat" = Pistia stratiotes L. = 
Muschelblume), der sich Anon. Londin. 6, 22 ff. (Beckh-Spät S. 10) 
findet und darin beruht, dass der Mensch mit der Nase so in der Luft 
wurzle wie jene Pflanze mit ihren Wurzeln im Wasser, braucht keines- 
wegs auf Diogenes zurückzugehen. 

Durch die Zahlenlehre des Pythagöras von Samos (etwa 575 
V. Chr. bis zur Jahrhundertwende), der von seinen mittleren Jahren 
ab in Kroton in Unteritalien lehrte, wurde die Heilkunde, und zwar 
vermutlich erst nach seinem Tode, nur in so fern gefördert, als die 
Lehre von den kritischen Tagen auf seiner Theorie beruht. Als Arzt 
erforschte er den Bau des Tierkörpers und sann er über die Zeugung 
nach. Alles tierische Leben entsteht nach ihm aus dem Samen, nicht 
aus faulenden Stoffen. Ohne über die Seele genauere Untersuchungen 
anzustellen, führte er auch sie auf die Zahl zurück. Er schied die 
Seele und den Verstand (vovg) von den Affekten {S-ci-wg). In der Be- 
handlung Kranker soll er erfahren gewesen sein, wobei ihm die 
Kenntnis der Heilwirkungen der Pflanzen und des Sühneverfahrens 
zu statten gekommen sein soll. Der von ihm gegründete Mysterien- 
verein legte den Mitgliedern eine reine, gesunde Lebensweise auf, be- 
stehend in Leibesübungen, Musik und wissenschaftlichen Studien (u. a. 
der Medizin), Massigkeit, Enthaltung von Fleisch und Bohnen, Nicht- 
tragen von Wollkleidung und Genuss von Meerzwiebeln, deren Essig, 
Kohl, Anis (z. B. bei Skorpionenbiss, Epilepsie) und Senf. Seine Lehren 
gestaltete der (jüngere?) Zeitgenosse des Sokrates Philoläos von 
Kroton aus. Die physischen Eigenschaften wies er dem Gebiete der 
5 zu, die Seele dem der 6, den Verstand, die Gesundheit und das 
Licht dem der 7, Liebe, Klugheit und Einsicht dem der 8. Das 
Menschliche verlegte er in das Gehirn, wo der Verstand (vovg) seinen 
Ursprung (ccqxcc) hat, das Tierische in das Herz {^vf.i6g = Begierde), 
das Pflanzliche (nach Zeller ,.Anwurzlung und Wachstum") in den 
Nabel, alles dreies zusammen (nach Zeller „Besamung und Erzeugung") 
in die Geschlechtsteile. Nach ^) ihm besteht der Körper aus Warmem ; 
er bildet sich in der gleichfalls warmen Gebärmutter. Sofort nach 
der Geburt wird aber die kalte Luft eingeatmet und, nach erfolgter 
Kühlung der inneren Teile, wieder ausgestossen. Krankheitsursachen 
sind Galle, Blut und Schleim. Die Galle ist Fleischsaft {i%ioQ oag-Mg) ; 
sie hat also mit der Leber nichts zu thun und ist unnütz. Durch 
Zusammenpressen des Fleisches entsteht Blutverdickung und umgekehrt 
Der Schleim wird durch den Eegen erzeugt und ist, wie sein Name 
cpleyi-m = „Brand" besagt, warm. Wohin der Schleim gelangt, da 
verursacht er Entzündung. Zu viel oder zu wenig Wärme oder 
Nahrung u. a. sind unterstützende Ursachen der Erkrankung. Die 
Einreihung des Blutes unter die Krankheitserreger nähert ihn den 



^) A. a. O. Iudex. 

2) rieckeiseus'jahrbb. f. class. Philol, CXXIII, 1881 S. 508 ff. 

3) Anou. Loudin. 18; 20 (Beckh-Spät S. 251; 28). 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 173 

Koern und trennt ihn von den Knidiern. Alkmaion von Kroton^; 
war noch ein Jüngling, als Pythagoras schon ein Greis war. Er war 
höchstwahrscheinlich Arzt, doch auch Physiolog. Chalkidios (comment. 
in Plat. Timaeum p. 279 Wrobel) berichtet, dass er sich um die 
Anatomie des Auges verdient gemacht habe. Es ist leider nicht 
sicher zu entscheiden, ob hier .,exsectio" Herausnahme des Auges oder 
Zergliederung, nämlich von Tierleichen, bedeutet; Letzteres nehmen 
an : Z e 1 1 e r , W i n d e 1 b a n d und H ä s e r. Ausser dem Tastsinne ver- 
mutete er „Gänge" {tzoqoi) der Sinnesorgane nach dem Gehirne, das 
Sitz der Seele ist und den Samen erzeugt. Er stellte den Adern, 
(pXißeg, blutführende Adern, aliiÖQQooi cp., gegenüber, erkannte also bei 
den Sektionen die fast blutleeren Arterien. Da bei ihm der Schlaf 
durch Zurückstauung des Blutes in die blutführenden Adern erklärt 
wird, hat er also die an der Leiche gewonnene Anschauung auf den 
lebenden Körper übertragen. Gewiss führte er den Ursprung aller 
Adern auf den Kopf zurück. Er behauptete (Aristot. hist. anim. 
I 11, 492 a 14), dass die Ziegen durch die Ohren atmeten, und wurde 
deshalb von Aristoteles gescholten, der sich selbst die Entdeckung der 
Eustachischen Röhre zuschreibt (a. a. 0. 19). Auch die Luftröhre, dQtrjQir], 
kannte er. Das Kind entsteht aus der Vereinigung des männlichen 
und weiblichen Samens; sein Geschlecht hängt von dem üeberwiegen 
der einen oder anderen Samengattung ab. Zuerst bildet sich "der 
Kopf, damit der Mund schon im Uterus die Nahrung aufsauge. Krank- 
heit und Gesundheit richten sich nach dem Fehlen oder Vorhandensein 
des Gleichgewichts der Elemente (Feuchtes, Trockenes, Kaltes, Warmes, 
Bitteres, Süsses u. s. w.). Aehnlich ist der Grundsatz der hippokratischen 
Pathologie. Alkmaion schrieb nur e i n Werk, das die alexandrinischen 
Bibliothekare 7C6qI cpiaeiog (Ueber die Natur) betitelten; es war das 
erste Werk über ^Medizin. Aristoteles bekämpfte es in dem verlorenen 
Buche TiQog xa UlvMakovog, hielt es also für echt. Das Buch war 
bereits zur Zeit des Simplikios (etwa 530 n. Chr.) verschollen und 
sonst wenig citiert, wenngleich Alkmaion, der eigentliche Vater der 
Medizin, auf die Hippokratiker und Empedokles, Anaxagoras und 
Demokritos wesentlich eingewirkt hat. 

Epicharmos, der Vertreter der dorisch-sicilianischen Komödie 
(etwa 550—460 v. Chr.), war nicht Pj'thagoreer, sondern Eklektiker. 
Als sein Vater wird Hel(i)othäles (oder Philothales?), -) als sein 
Bruder M e t r o d ö r o s von Kos genannt, doch ist deren Zugehörigkeit 
zum Asklepiadengeschlechte und Aerztestande noch nicht ausgemacht. 
Epicharmos schrieb u. a. über den Kohl, der als innerliches und 
äusseres Heilmittel diente. 

Xenophänes ausKolöphon (etwa 575— 480 v. Chr.), als Rhapsode 
Hellas durchwandernd, bis er in Elea in Lucanien eine Philosophen- 
schule gründete, erklärte die Gottheit, das Ein .und Alles, für den 



') Gomperz, Griech. Denker, Leipz. 1896, 1119 ff.; Kühn, Car. Gottl., opusc. 
medica acad. I 69 ff.: Unna bei Petersen, Hist.-philol. Studien, Hamburg 1832: 
loann. Wacht 1er, De Alcmaeone Crotoniata, Lips. 1896, auch als Berliner Disser- 
tation 1896. 

^) Elolathes bei Häser. 3. Aufl. I 78, ist falsch (Herzog, Koische Forschungen 
u. Funde, Leipz. 1899, S. 200 f.). Nach lambl. vita Pythag. 34 ist Metrodoros viel- 
mehr Sohn des Thyrsos. des Vaters des Epicharmos : hingegen ist nach Diog. Laert. 
Vni 1, 5; 3, 1 Elothales Vater des Epicharmos. Wie sich auch immer diese 
Schwierigkeit lösen mag, sicher ist der, dessen Philosophie auf die Heilkimde über- 
tragen wird (lambl.). Thyrsos und der Üebertragende Metrodoros. 



174 Kobert Fuchs. 

Urgrund alles Seins. Die Seele ist nach ihm Luft. Sein Lehrgedicht 
TtEQi cpvoEiog (Ueber die Natur) ist nur in Trümmern erhalten. Das 
eigentliche Haupt der Eleaten istParmenides aus Elea (geb. etwa 540 
V. Chr.). Er lehrt, das Seiende, die den Raum füllende Masse, ist die 
Wurzel aller Dinge, und mit ihm ist das Denkende identisch. Die 
Sinne trügen, wahrhaftig ist nur die Vernunft (löyog). Der Wert der 
Seele beruht auf dem Warmen als ihrem Träger, ipvxr] und vovg, 
Seele und Verstand, sind noch nicht gesondert. Die Menschen sind 
nach seiner Lehre, wie es scheint, aus dem Erdschlamme hervorge- 
gangen. Das Geschlecht des Fötus hängt von dem Uebergewichte des 
männlichen oder weiblichen Samens ab. Knaben entstehen aus dem 
rechten Hoden und in der rechten Gebärmutterhälfte und umgekehrt, 
wie noch im Ausgange des 18. Jahrhunderts gewähnt wurde. Das 
weibliche Geschlecht ist, wie bei den Knidiern, das wärmere ; denn es 
hat mehr Blut; daher die Menses. Das Altern ist die Folge der 
Wärmeabgabe. Zenon aus Elea (25 Jahre jünger als sein Lehrer 
Parmenides) und sein Zeitgenosse Meli ssos von Samos können über- 
gangen werden.^) 

Herakleitos aus Ephesos (etwa 535 — 475) erklärt das Feuer 
für den Urgrund der Dinge und beurteilt die Eeinheit der Seele nach 
der Menge des Feuers. Alles ist in stetem Flusse. Daher täuschen 
die Sinne leicht; nur die Vernunft vermittelt die Erkenntnis des 
Wahren. Die in Anlehnung an Herakleitos verfassten Briefe gehören 
etwa dem 1. nachchristlichen Jahrhunderte an. Der 5. handelt von 
der falschen Heilkunde gegenüber der wahren Naturerkenntnis, der 
6. bekämpft die Aerzte (B e r n a y s , Die Heraklit. Briefe, Berlin 1869). -) 
Empedökles von Akragas (Agiigent) lebte etwa zwischen 495 und 
435 V. Chr. und bethätigte sich auch als Arzt (Galen. X 5). Er ist 
bei den Aerzten sehr beliebt. Seine Lehre ist von Alkmaion stark 
beeinflusst, wie die beiden poetischen Werke cpvoiKd (= Ueber die 
Natur) und xaO^aQf^ioi (= Sühnungen) zeigen. Die iazQL/A (= Aerzt- 
liches) bildeten entweder einen Teil der dem Arzte Pausanias ge- 
widmeten ersten Schrift oder waren selbständig. Der iazQiyibg löyog, 
vermutlich dieselbe Schrift, verzeichnete Mittel, durch die man Krank- 
heiten und Unglücksfälle fern halten könne. Die Dinge bestehen 
aus den 4 qitdbuaTa (= Wurzeln oder Elemente): Feuer, Wasser, 
Luft, Erde; ihre Eigenschaften beruhen auf der Mischungsart, die 
durch Liebe und Hass geregelt wird. Aus der Erde wuchsen Glied - 
massen hervor, die sich zu Ungeheuern und dann zu Menschen ver- 
einigten. Naturgeschichte, Anatomie und Phantasie ergaben folgenden 
Werdegang des einzelnen Menschen: Mann und Frau sondern Samen 
aus ; ") die Frau ist kalt und feucht, der Mann warm und trocken ; 
das Geschlecht richtet sich nach der Wärmemenge des Samens oder, 
wie auch bei den Hippokratikern, nach der Menge des männlichen 
oder weiblichen Samens ; nimmt die Frau kalte und feuchte Nahrung, 
so wird sie eine Tochter gebären; Zwillinge entstehen, wenn viel 
Samen fliesst und sich dieser gleichmässig in beide Uterushörner ver- 
teilt. Die Aehnlichkeit der Kinder und der Eltern beruht also auf 



') Vgl. Fredrich a. a. 0. S. 29 ff.; 132; Fuchs, Hippokrates I 189ff., An- 
merkungen. 

*) Vgl. unten Hippokrates, de nat. hom. und de diaeta. 

^) Vgl. Fredrich a. a. 0., S. 127 A. 1 eine weitere Vermutung. 



Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 175 

Vererbung. Im Uterus bildet sich nun die Frucht, zuerst das Herz, 
zuletzt die Nägel und Zähne. Ausgebildet ist sie in 40 Tagen, die 
Knaben etwas rascher als die Mädchen; die Geburt tritt nach 7 — 10 Mo- 
naten ein. Die Seele ruht im Blute, ist Blut; sie bewegt sich, wie 
alle Teilchen der Dinge {dnoQQoaL), durch die Poren oder Kanäle 
{tcöqol). Solche Kanäle bestehen für die Sinnesorgane, die Haut und 
die Nahrung. Die Dinge werden durch ihnen Gleichartiges im Körper 
wahrgenommen. Ton ihnen lösen sich Teilchen los und dringen in 
die betreifenden Organhöhlen. AVenn z. B. gegen das Auge ein Strahl 
vorrückt, so eilen ihm Feuer- und Wasserteilchen des Auges entgegen 
und bewirken das Gesichtsbild. Der Schall wird im Ohrlabyrinthe 
(Aet, de plac. philos. IV 16) aufgefangen und hängt von den Poren 
ab, durch und gegen welche er sich bewegt. Indem sich das Blut in 
der Brust senkt, bewirkt es das Nachströmen der Luft, d. h. die Ein- 
atmung; das sich hebende Blut treibt die Luft aus und erzeugt so 
die Ausatmung. Doch erfolgt die Atmung zum Teile auch durch die 
Haut. Die Zusammensetzung der Knochen und Weichteile suchte 
Empedokles zu ergründen. Die Gesundheit lässt er bemhen auf dem 
Gleichgewichte der 4 Elemente. Endlich machte er sich um die sanitären 
Verhältnisse seiner Vaterstadt verdient, denn er unterdrückte ungesunde 
Erdausdünstungen durch Verstopfen einer Bergspalte ; ^) die schädlichen 
Wässer des Flusses Hypsas verbesserte er durch Zuleitung frischen 
Wassers, wie er denn überhaupt die Entstehung natürlicher Wässer 
zu ergründen suchte. Die pestähnliche Seuche (Ao^.moc;) aber soll er 
durch Räucherungen und brennende Scheiterhaufen vertrieben haben.-) 
Sein Schüler Akron von Akrägas wird in den Canones medicorum 
genannt. Empedokles verspottete ihn in einer Komödie. Nach Suidas 
schrieb Akron eine Diätetik Gesunder {iiegl Tgocprjg vyuivwv), und zwar 
in dorischem Dialekte. Die athenische „Pest' ist von ihm nach 
Plutarchos durch Anzünden von Scheiterhaufen vertrieben worden; 
doch war das jedenfalls eine frühere Seuche als die des Jahres 430 ff. 
Dass er den Phänomenen besondere Aufmerksamkeit schenkte, ver- 
leitete dazu, ihn als Begründer der empirischen Sekte zu betrachten, 
mit der er nichts zu thun hat. 

Die atomistische Schule gründete Leukippos aus Miletos oder 
Elea, Empedokles' Zeitgenosse, Schüler des Parmenides. Er und sein 
Schüler Demokritos von Abdera bezeichnen als Wurzel der Dinge 
das Volle und Leere. Das Volle soll in zahllose unteilbare Bestand- 
teile, äroua, zerfallen. Sie sind ewig unveränderlich und nur durch 
Form und Grösse unterschieden. Alle Erscheinungen beruhen auf 
Stoss und Druck der Atome, bei räumlicher Entfernung zwischen den 
Dingen auf Ausflüssen. Die Seele ist eine Ansammlung der feinsten 
Atome, also von Feuerteilchen. Sie ergänzt sich durch die Atmung, 
durchdringt den Körper und giebt ihm Bewegung und Empfindung. 
Die Wahrnehmungen erfolgen dadurch, dass sich Atome von dem 
Objekte loslösen und die Seelenatome in Bewegung versetzen. Demo- 
kritos, unter dessen Lehre viel Leukippisches verborgen sein mag, 
wandte dieses auf die Einzelwissenschaften praktisch an. Die Orga- 



') Eine auf dieses Ereignis, aher nicht auf Empedokles selbst geschlagene 
Münze bespricht Thiersch, Epochen der bildenden Kunst unter d. Griechen, 2. Aufl., 
München 1829 S. 425. Vgl. Weicker, Kleine Schriften III, Bonn 1850, S. 43. 

*) Vgl. unten Hippokrates : de vet. med., de nat. hom., de sem. und de diaeta. 



176 Eobert Fuchs. 

iiismen entstammen dem Schlamme. Mit der Anatomie der Tiere, 
besonders des Chamäleons (z. B. bei dem angeblichen Besuche des 
Hippokrates), hat sich Demokritos viel befasst. Bezüglich der Sinne 
meinte er, sie täuschten jeden in anderer Weise über die Eigenschaften 
der Dinge; daher sei unser Wissen lückenhaft und unsicher. Den 
Puls (cphßoTiaUr]) kannte er. Namen und Wesen der Entzündung 
{cpltyf-iovi]) erklärte er durch die Anwesenheit des Schleimes {(pleyiia). 
Er sann nach über Fieber und Seuchen ; letztere sollen durch das Herab- 
fallen von Himmelskörpertrümmern verursacht sein. Die Elephantiasis 
(sc. Graecorum) soll er allein im frühen Altertum gekannt, beschrieben 
und durch das Eindringen zähen Schleims in die Hautadern und 
Klumpigwerden (d^goußovodai) des Blutes erklärt haben. Dabei fallen 
die nekrotischen Hauterhebungen ab. ^) Wasserscheu soll auf Nerven- 
entzündung beruhen. Viele Krankheiten verschulden die Dämonen. 
Auch der Diätetik wandte er seine Aufmerksamkeit zu. In der Em- 
bryologie leistete er Bedeutendes. Auch er glaubte an männlichen 
und weiblichen Samen; je nach dem Ueberwiegen des ersten oder 
zweiten entsteht ein Knabe oder Mädchen. Der Same selbst ist der 
wirksamste Bestandteil des Menschen und hat am Seelenfeuer einen 
hervorragenden Anteil. Auch die Weiber besitzen ein samenbildendes 
Organ, Beim Embryo bildet sich zuerst der Nabel als Fruchthalter, 
dann Kopf und Bauch, schliesslich die inneren Teile. Frühzeitig 
spannen sich Sagen und Anekdoten -) um den sympathischen Philosophen, 
und Bölos von Mendes vergrösserte die Verwirrung durch seine be- 
kannte Schwindellitteratur. Die unter des Demokritos Namen gehen- 
den Werke betreifen: den kleinen Diakosmos; die Natur des Menschen; 
die irjTQt'/.rj yvw^nq = Aerztliche Anschauung;-') Sympathien und Anti- 
pathien;^) die Anatomie des Chamäleons; Seuchen; Fieber; Husten, 
Emprosthotonus, •^) Hundswut, Elephantiasis, *') die Epilepsie ; ') Pro- 
gnostik; Diät, Arzneimittel, x«/(>o-/;fi)jza: = „Handfestes" (magische 
Kräutermittel und Mittel für Tiere); ntgl ^vo(.iwv r/ '/.oyiyaJv y.avojv = 
Ueber Ehythmen (d. i. über die Heilwirkung der Musik); *) Alchemie; ^) 
Landwirtschaft. Dass Demokritos auch als Arzt thätig gewesen ist, 
lässt sich nach dem Schriftenkatalog und Zeugnis des Satyros bei 
Diog. Laert. nicht bestreiten. Strittig aber ist, mangels einer gründlich 
zusammenhängenden Untei'suchung, welche Schriften oder welche Ge- 
danken in ihnen echt sind oder sein können (vgl. Fabricius, Bibl. 
Graeca II 633 ff. ed. Harl.). Die Frage kann nur nach Sammlung der 



1) Fuchs, Anecd. med. Graeca, Rhein. Mus. XLIX 1894, S. 557 f.! 

2) Vgl. Anon. Lond. 37, 35 ff. (Beckh-Spät S. 60f.; 106 f. = Diög. Laert. IX 
43) über seinen Tod. Ueher Demokritos und Hippokrates s. unten Hippokrates. 

*) Ueber „Seelenheilkunde" handelnd nach Gromperz, Sitz.-Ber. d. Kais. Ak. 
d. Wiss., philos.-hist. KL, CXXII S. 4, Wien 1890, der es für echt hält. 

*) Unecht. — Der pseudhippokratische vofws {=^ lex) wird bloss von v. Wilamo- 
witz-MöUendorff, und zwar ohne Grund, für deniokritisch angesehen (Gom- 
perz a. a. 0. CXX 1889, S. 184). 

*) Vielleicht kein selbständiges Buch. 

•*) Verworfen von Fredrich a. a. 0., S. 42 A. 2: Wellmann, Die pneumat. 
Schule bis auf Archigenes u. s. w., Berlin 1895, S. 25. 

"') De morbo sacro des Hippokrates-Corpus ist dem Demokritos aus thörichten 
Gründen beigelegt Avorden : Nachweis bei Hippocr. ed. Ermerins II p. XXX f. 

*) Gell., noct. Att. IV 13. — Rezepte bei Marcellus Empiricus, Serenus u. s. w. 

**) Die in dieses abseits gelegene Gebiet schlagenden Pseudonyma sind noch 
längst nicht vollständig zusammengebracht, geschweige abschliessend behandelt. 
Vgl. einstweilen Oder, Rhein. Miis. XLV 70 ff. 



Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 177 

Pseudodemocritea und Vergleichung mit den Bruchstücken und Zeug- 
nissen über Demokritos gelöst werden; denn auf Demokritos fussen 
viele Meinungen späterer Aerzte, z. B. des Asklepiades. 

Anaxagöras aus Klazomenai in Kleinasien (etwa 500—428 
V. Chr.) setzte an die Stelle von Urstoff und ürkraft die vernünftige 
Weltseele (vovg), die die physikalischen Veränderungen in der Welt 
regele. Die Masse besteht aus unendlich kleinen und vielen unver- 
änderlichen, aber teilbaren Teilchen, Gold aus solchen Goldteilchen, 
Silber aus Silberteilchen u. s. w,; das ist die später so benannte 
Homöomerientheorie. Die Lebewesen stammen aus dem Erdschlamme 
und sind von dem Geiste erfüllt, der durch die unvollkommenen 
Sinnesorgane die Wahrnehmungen geschehen lässt. Jede Sinnes- 
thätigkeit ist mit einer Art Schmerz verbunden. Der Schlaf ist ein 
rein körperlicher Erholungsvorgang, denn die Seele ist ja in den 
Traumbildern thätig. Das Atmen haben die Lebewesen mit den 
Pflanzen gemein, behauptete Anaxagöras als Erster. Er beobachtete 
die seitlichen Ventrikel des Gehirns und fand, dass bei einem ein- 
hörnigen Bocke nur eine Gehirnhöhle vorhanden war. Die Frucht 
wird durch die dem Samen innewohnende Wärme erzeugt. Den 
Samen giebt der Mann, das Weib nur die Stätte zur Umformung. 
Zuerst bildet sich das Gehirn. Knaben gehen aus dem rechten Hoden 
hervor und liegen im rechten Uterushorne; bei den Mädchen ist es 
umgekehrt.^) Die bedeutsamsten akuten Krankheiten sind durch die 
Oallenverlagerung auf Lunge, Adern, Pleura verursacht,') worüber 
sich die Komiker mehrfach aufhielten. Schwarze und gelbe Galle 
wird unterschieden. Galenos sieht in Anaxagöras den Vater der 
Krisenlehre. Sein Schüler Archeläos von Athen suchte Anschluss 
an Anaximenes und Diogenes und sprach von 2 Elementen, Warm 
(Feuer) und Kalt (Wasser), wie sie in dem Urstoffe Luft vorlägen. 
Eine Ausgestaltung seiner Lehre ist das pseudhippokratische Buch 
über die Diät (de victu);-) ihr folgte auch Petron von Aigina. Die 
Atmungslehre des Anaxagöras dehnte Archelaos auf alle Dinge aus. 
Sonst ist uns nichts von seinen Anschauungen überliefert. 

Anhangsweise müssen noch kurz die Meinungen der Philosophen 
oder Aerzte verzeichnet werden, dei'en Name und Theorie wir dem 
1891 nach London gebrachten Anonj'mus verdanken. Herodikos 
von Knidos, wohl älter als Alkamenes, aber jünger als Euryphon, '^) 
erklärt die Krankheiten durch Nahrungsüberschüsse. Die Zustände 
hängen von der Mischungsart des die Nahrungsüberschüsse bildenden 
saueren und bitteren Saftes ab und von der Stelle und der Beschaffen- 
heit der Stelle, nach welcher sich jene Säfte begeben. Alkamenes 
von Abydos geht auf die zum Kopfe aufsteigenden und von ihm 
wieder überallhin versandten Nahrungsüberschüsse zurück. Nach 
Timotheos von Metapontion werden die Säfte von dem gesunden 
Kopfe richtig verteilt ; ist er aber durch Temperatur oder Verletzungen 
geschädigt, so verstopfen sich die Durchgänge, die sich im Kopfe 
stauenden Säfte verwandeln sich in salzige und scharfe Flüssigkeit 
und brechen schliesslich irgendwohin durch; je nach der Beschaffenheit 
der Stelle richtet sich die ausbrechende Krankheit. Ist die Luftröhre 



^) Die nämliche Lehre haben die Hippokratiker. 
-) Tredrich a. a. 0., S. 129 f.; 138 ff. 
•■') A. a. 0., S. 34 f. 
Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 12 



178 Robert Fuchs. 

betroifen, so erfolgt der Erstickungstod. Abas macht die Entleerungen 
des Gehirns nach Nase, Ohren, Augen und Mund verantwortlicli. Bei 
geringer Abgabe ist der Mensch gesund, sonst krank. Aus den 
Eeinigungen entstehen 5 Katarrhe (vgl. meine Hippokratesausgabe I 
171 A. 6 zu de gland. XI, wo 7 Flüsse vorkommen). Herodikos 
von Selymbria nennt die Lebensweise die Ursache der Krankheiten. 
Gesundheit liegt vor, wenn das richtige Mass Anstrengungen und 
Schmerz für die Verdauung sorgen. Heilmittel ist die Arbeit. Die 
Heilkunst ist die „Anweisung zu naturgemässem Leben". Ninyas, 
der Aegypter, unterscheidet angeborene und erworbene Leiden. Letz- 
tere entstehen durch die Ueberschüsse der Nahrung, die im Körper 
liegen bleibt. Thrasymächos von Sardeis (Kardia vermutet 
V. Wilamowitz-Möllendorff) beschuldigt das Blut, das durch 
Temperaturextreme in Schleim, Galle oder Fäulnisstoif umgewandelt 
wird. Phaeitas^) aus Tenedos, Arzt, denkt an die Ablagerung der 
Flüssigkeiten an ungeeigneter Stelle und an Abgänge; die Stelle ist 
lückenhaft. 

7. Aeussere Verhältnisse des Aerztestandes im Zeitalter des 

Hippokrates. 

Unterricht. Aerztliche Werkstätten. Honorar. Amts- 
ärzte und militärische Aerzte. 

/. Hecher, Charikles, Le'qiz. 1840, II 89 ff. — 2. Bloch, Zur Gesch. d. wissensch. 
Krankenpflege (Hypurgie). Special-Katalog d. Collectiv-Ausstelhmg d. lÄtt. iL Kranken- 
])flege, Berl. 1899. — S. Jiurdett, Hospitals and asylums of the ivorld, their origin, 
history, construetion etc., Land. 1892, 2 Bb. — 4. Corlieti, La medecine militaire 
dans lantiquite, Rev. scientif. 1892 Nr. 20. — 5. IJechanibre, La medec. lyuhlique 
dans Vantiquite grecque. Revue archeol. 1880. — 6. JHetrich, Geschichtl. Ent- 
ivickelg. d. Krankenpflege, Bd. I Abt. 1 von Liebe, Jacobsohn und George Meyer, 
Handb. d. Krankenversorg, u. Krankenpflege, Berl 1898. — 7. Frölich, Das Einst 
und Jetzt der feldärztl. Wirksamkeit. Allg. Wien. med. Ztg. 1872 ; Geschichtl. der 
Militärmedicin, Militärärztl. Zeitschr., Wien. med. Presse 1873; Wegweiser f. d. Er- 
forschung d. militär-med. Gesch. d. Alterth. Ebda. IX ; Zur Bücherkunde d. militär- 
medic. Wiss., Berl. 1874; Ein militärärztl. Blick in d. morgenländ. Altertimm. Allg. 
militärärztl. Zeitschr., Beilage d. Wien. med. Presse 1875; Vierteljahrsschrift f, off. 
Gesundheitspfl. 1875; Gedanken ü. d. vorgeschichtl. Entstehg. u. d. weitere Entwickelg. 
des Beistandes f. die im Kriege Verwund. u. Erkrankten. Der Feldarzt, Beil. d. 
Allg. med. Ztg. 1876; Rohlfs' Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Medic. 1 1878, 27 ff.; II 
1879, 395 ff. ; Militärmedizin, Braunschw. 1887; Die ältest. Schussiounden, Prag, 
med. Wochschr. 1890; Wien. klin. Wochschr. VIII 1895, S. 757 ff.; üeber d. frei- 
will. Kriegskrankenpfl. des Alterth. Ztschr. f. Krankenpfl., hrsg. v. Mendelsohn, 1895. 
— 8. Cr<mpp, Das Sanitätswesen in d. Heere d. Alten, Blaubeuren 1869. — 9. 
GUI, Hospitals, their history, Organisation and construetion, Preisschrift, New 
York 1876. — 10. Hager, lipon notices of army surgeons in ancient greek warfare, 
Journ. of philology VIII 1879. — 11. K. F. JETerinann, Lehrb. d. griech. Anti- 
quitäten, Heidelb. 1870, Teil III. — 12. flanovslaj, Die geschichtl. Entwickelg. d. 
gerichtl. Medicin, Maschka's Handbuch d. gerichtl. Med., Prag 1880. — 13. ßlarctise. 
Das Sanitätstoesen in d. Heeren d. Alten, München 1899 (s. auch Münch. medic. 
Wochschr. 1899 Nr. 14). — 14. de Matthaeis, Infermerie degli antichi e lora 
differenze dai moderni ospedali, 1830. — 15. 3Ieissner-I>ieniev, Die Kranken- 
pflege im Kriege u. d. Hilfeleistung d. Frauen v. d. ältest. Zeiten bis z. Vertrage 
von Genf, Samml. gemeinnütz. Vortr., Prag 1887. — 16. MolUere, De Vassistance 
aux blesses avantV Organisation des armees permanentes ; Leservice de sante militaire 
chez les Grecs et les Romains, Lyon medical 1888. — 17. Monnier, Hist. de Vassi- 



*) Ich stimme von Wilamowitz-Möllendorff (Hermes XXXIII 519) be- 
züglich der Schreibung des Namens bei. Phasilas ist verlesen. 



Gescliichte der Heilkunde bei den Griechen. 179 

sfance publ. dans les femps anc. et niod., 2. Aufl., Paris 1860. — 18. Xielli/, Hyffiene 
navale, son histoire, ses progres, Paris 1878. — 19. Oestet'leiiy lieber d. früheste 
Eiitwickelg. d. gerichtl. Medic, Schmidts Jahrbb. CLXX VI 1877. — 20. Ortolan, 
Debüts de la medec. legale en Europe comme institution pratiqiie et conime science, 
Gazette medic. de Paris 1872. — 21. Pett'equin, Du transport des blesses chez 
les anciens et d' apres les poctes grecs et lat. Atm. de la societe de medec. d'Anvers 
1872. — 22. Piischninnn, Gesch. des medic. Unterrichts n. s. tc, Leipz. 1889. — 
23. ütingabey Antiquites Hclleniques II, Athenes 1855, S. 35. — 24. Bittmannf 
Cultürgesch. Xotizen ü. d. Heerespfleqe in d. Vorzeit, Der Feldarzt, Beil. d. Allg. 
Wien. med. Ztg. 1880. — 25. Sancey, Les ambiilances dans Vhistoire, Gazette des 
hopitaux 1871. — 26. Max ScInnidU Allgem. Umrisse der cidturgesch. Entwickelg. 
d. Hosjntalivesens u. d. Krankenpflege, Vortr., Gotha 1870. — 27. Tollet, Les 
edifices hospitaliers depuis leurs origines jusqu'ä nos jours, 2. Aufl., Paris 1893. — 
28. Trepte, Die freiio. Krankenpfl. im Kriege, ihre Gesch. u. ihre Aufgabe, Berl. 
1895. — 29. Triller, Clinotechnica viedico-antiquaria ; s. de diversis aegroiorum 
lectis etc., Francof. a. M. 1774. — 30. Vercotttre, La medec. publ. dans l'anti- 
quite grecque, Rev. archeol. XXXIX, 1880 S. 99 ff. — 3L WeUker, Kleine 
Schriften, Bonn 1850, III. — 32. JVolzenflorff', Die Pflege d. Verwundeten bei d. 
Griechen, Westermanns illustr. deutsche Monatshefte LXXI, 1892 S. 671. 

Ueber keine der hier zu behandelnden Fragen besitzen wir Mono- 
graphien der Alten. Die rein zufälligen Erwähnungen in den Klassikern 
ergeben daher kein vollständiges oder durchaus zuverlässiges Bild, da 
Einzelheiten verallgemeinert werden müssen und in dem unerbittlich 
engen Rahmen eines Sammelwerkes nicht einmal aufgezählt, geschweige 
denn beleuchtet werden können. Der Arzt, der auch im alten Hellas 
hochgeehrt w^ar, bisweilen jedoch auch herb getadelt, ja verhöhnt 
wurde, fuhrt den Namen des Heilenden, iargög. Er gehört zu den 
örnuovqyoi, den gemeinnützigen Handwerkern, oder er ist ör^fioauiiuv, 
ölfentlicher Diener (Hom. Odyss. XVII 383 f.; Aristoph. Acharn. 1222; 
vesp. 1432; Strab. IV 181). Da T«';fj^ Handwerk und Kunst bedeutet, 
ist er zugleich rexriTr^g, xiiQOtiX^rjg. Er kann empirisch als örjfuovQybg, 
kunstgerecht als dQxiTexwvr/.bg = Meister oder dilettantisch als 
TTtTtaiöevi-ävog = „Kenner" vorgebildet sein (Plat. polit. 293; Aristo t. 
polit. III 11). Erst bei Aristophanes (Acharn. 1030) bekommt diquoouveiv 
(ßrii.iiovqy6g) die Bedeutung des Praktizierens (Arztes) schlechthin. 

Ursprünglich wird die Unterweisung der Aerzte in der Weise 
erfolgt sein, dass der Vater oder ein älterer Verwandter den Knaben 
belehrte über Bau und Funktionen des Körpers, Arten und Ursachen 
der Krankheiten, allgemeine philosophische und naturwissenschaftliche 
Erfahrungen und ihn zum Krankenbette mitnahm. So würde sich die 
Fortpflanzung der ärztlichen Lehre in dem Asklepiadengeschlechte 
am ungezwungensten erklären. Die Genossenschaft der Asklepiaden, 
die sich zu gemeinsamen Opfern und religiösen Familienfesten zu ver- 
einigen pflegte, wird aber bald Zuzug von Angehörigen anderer 
Geschlechter erhalten haben, teils dadurch, dass sich begeisterte Freunde 
der Heilkunde um die Zulassung bewarben, teils auch dadurch, dass 
sich Unberechtigte als Asklepiaden ausgaben und so eindrängten. Die 
keineswegs zuverlässigen Geschlechtsregister sollten wohl lediglich die 
Reinheit der Lehre nach aussen hin verbürgen. Als sich die Askle- 
piaden, deren Benennung nunmehr den Sinn von „ärztlichen Zunft- 
genossen" erhält, über Hellas verbreitet hatten, genügte die Ueber- 
tragung der Lehre von Vater auf Sohn den Bedürfnissen nicht mehr; 
man nahm geeignete Bürgerssöhne in die eigens eingerichteten Askle- 
piadenschulen auf. Auch dieser Unterricht begann in früher Jugend; 
die Aufnahme in die Zunft selbst erfolgte aber erst nach Vollendung 
der Ausbildung durch einen Eid (Pseudhippocr. iusiur.). Der Bewerber 

12* 



180 Kobert Fuchs. 

verpflichtete sich in diesem Eide zu Pietät geg-enüber dem Lehrer, 
Teilung- von Hab und Gut mit ihm, wenn er dessen bedarf, geschwister- 
licher Liebe zu dessen Nachkommen, unentgeltlicher Unterweisung 
dieser in der Heilkunde, Geheimhaltung der überkommenen Lehre, 
diätetischen Massnahmen für Kranke, Fernhaltung von schädlichen 
Einflüssen, Verabscheuung tötlicher Mittel oder gefährlicher Ratschläge, 
Verwerfung der Abtreibung und des Steinschnittes, ^) der den 
„Handwerkern" zukomme. Er versprach ein lauteres Leben, eine 
ebensolche Kunstausübung, Sittsamkeit im Verkehre mit Patientinnen 
und Patienten jeden Standes und Wahrung des Amtsgeheimnisses. 
Eine Prüfung vor der Aufnahme in die Innung wird nicht erwähnt. 
Die Eintragung der Geprüften in das Geschlechtsregister ist sehr 
wahrscheinlich. In Athen mussten die Bewerber um das Aerzteamt 
der Ekklesia den „Meister" nachweisen, bei dem sie in der Lehre 
gewesen waren (Xenoph., memor. IV 2, 5). Die öff'entlichen Vor- 
lesungen, die Pseudhippokrates (praec. 12) verwirft, dienten nicht der 
sachlichen Ausbildung, sondern waren, wie alle Sophistenmache, auf 
Geldgier und Ruhmsucht zurückzuführen. Diese latrosophisten, wie 
sie später genannt werden, waren keine Aerzte, sondern sprachen nur 
über Medizin. Bisweilen versteht man unter latrosophisten allerdings 
auch Aerzte, die in sophistischer Weise Betrachtungen über die Heil- 
kunde anstellen (Hippocr. ed. Ermerins II p. LXXXVII). Diese 
Sophisten zogen von Stadt zu Stadt und sind daher mit Tiegiodurai 
(== Wandernde, Wanderlehrer) passend bezeichnet worden.-) In rein 
ärztlichem Sinne jedoch sind unter Periodeuten nicht Aerzte zu ver- 
stehen, die, wie die Quacksalber, von Stadt zu Stadt zogen (Häser, 
Brian, Daremberg), sondern ansässige Aerzte, die ihre Patienten 
im Herumgehen von Haus zu Haus aufsuchten (Kliniker), im Gegensatze 
zu den Chirurgen, welche in der Werkstätte auf Kunden warteten. •') 
Natürlich konnte das Gewerbe in beiden Formen auch von einem Ein- 
zigen ausgeübt werden. Solche Periodeuten sind z. B. Demokedes, 
Hippokrates, später Alexandros von Tralleis und Paulos von Aigina. 
Nicht bettlägerige Patienten kamen in die iaxQela = largud 
(QyaazrJQia oder ärztlichen Werkstätten, um sich untersuchen, 
operieren oder mit Arzneien versehen zu lassen. Es waren dieses grosse, 
wohl meist an den Hauptstrassen gelegene Gebäude, auch Buden, mit 
grossen Thüren und dem vollen Tageslichte zugänglich, wie sie noch 
zur Zeit des Galenos den städtischen Aerzten überlassen wurden.^) 
Ein Bibliotheksgebäude in Theben (Aegypten) hatte die Aufschrift 
^t^/jjs' IctTQelov (der Seele ärztliche Werkstatt). Die Werkstätte war 
vielfach mit der Wohnung des Arztes verbunden und mit Kranken- 
zimmern für die Patienten und die bedienenden Sklaven versehen. 



^) Bei dieser Bedeutung von h&iäv uiuss man stehen bleiben. Wer „Kastration" 
vermutet, muss das klare Wort mit unsäglicher Künstelei umdeuten und das be- 
kräftigende oviVt uijv seinem Sinne und Gebrauche entgegen erläutern. 

") Wenn Häser, 3. Aufl., I 87 f. anmerkt, dass das Substautivum nicht vor 
Athanas. Alexandr. homil., ed. Paris. 1798 II 431: 433 belegt sei, so vergisst er, 
dass eine andere Ableitung schon bei Dioskurides vorkommt. Nebenbei sei bemerkt, 
dass jene Sitte noch heute in Griechenland besteht (Häser a. a. 0.). 

■'') L Ö AV e n f e 1 d , Eiy.oairciPxaeTriols rov 'EXXriviycov fpiloloyiy.ov EvXXoyov 
S. 338; 342. 

*) XVIII, II 629 if. Vgl. Aeschin. adv. Timarch. 19: 50; Aristoph. Acharn. 
1030: Epictet. III 23, 27 ff. : Lucian. adv. indoct. 29; Macrob. Saturn. VII 16; Plat. 
leg. 1 14; polit. III 13 f. — Hippocrate par Littre II 604; III 272 ff.; V 25; IX 206 ff. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 181 

Die Wohlhabenden konnten dort ihre völlige Genesung nach der 
Operation abwarten, wie heute in den Privatkliniken. Die Zahl der 
IcuQda hing von der der Krankheitsfälle ab. Zu der unentbehrlichen 
Ausstattung gehörten nach Pollux (onomast. X 46; 149): kupferne 
Badewannen, Salben- und Arzneibüchsen, Schröpfköpfe, Bougies. Gestelle, 
Skalpelle, Pinsel, Ohrlöffel, Scheeren, Ohrensonden und andere Soliden, 
Zahnbürsten und -Zangen, Schüsseln, Schwämme, Binden, Kompressen, 
Verbandzeug, Fusshalter (zum Fixieren bei der Operation), Klystier- 
spritzen. Der Verfasser der hippokratischen Schrift de medico tadelt 
die Benutzung von kupfernen Geräten neben den Instrumenten und 
pomphafte Binden, denn der Kranke suche nicht Putz, sondern Hilfe.^) 
In den Aerztebuden trieben sich aber auch oft Neugierige. Possen- 
reisser und Schmähsüchtige herum, die Demochäres, des Demosthenes 
Neffe, witzig „Dysmeniden" nannte (Aelian. var. hist. III 7). Dem 
Arzte standen lernende Gehilfen zur Seite, vnrjohai, t^ia^rjxai. Sie werden 
nicht selten mit dem blossen Artikel bezeichnet. Es ist wahrscheinlich, 
dass diese nur geringe Leute und Sklaven selbständig behandelten 
und nicht selten quälten. Die Sklaven, öovloi, bedienten auf Geheiss 
ihren Herrn, legten wohl auch nach dessen Anweisung mit Hand an, 
durften aber von sich aus nur Unfreie behandeln. Der freie Arzt 
kurierte jedermann. Den Frauen war das Heilgewerbe verschlossen; 
ihr Einfluss beschränkte sich auf Katschläge und Beistand in der 
Familie, namentlich bei Geburten. Gingen die Aerzte auf Reisen, so 
führten sie einfachere Hilfsmittel für den Handgebrauch mit sich, 
also wohl Charpie und Verbandzeug, Abführ- und Brechmittel sowie 
Instrumente. -) Vorschriften über das Benehmen und die Deontologie 
überhaupt sind in den hippokratischen Schriften de medico, de hab. 
dec. und praec. gegeben; sie sind teilweise naiv (z. B. Reden in Sen- 
tenzen, Wohlbeleibtheit des Arztes). Spezialärzte gab es nicht, Avenn- 
gleich natürlich der einzelne Arzt in bestimmten Hantierungen geübter 
gewesen sein mag als in anderen (Cic. de orat. III 33). 

Das Honorar bestand ursprünglich stets und später gelegentlich 
in Geschenken. Sonst hätte die Sage nicht entstehen können, dass 
Zeus den Asklepios mit dem Blitze erschlug, weil er Geld nahm. In 
hippokratischen Zeiten war die Bezahlung durch Geld {/utoi^ög) bereits 
eingebürgert. Bei staatlichen Aerzten bezahlten die Bedürftigen sicher 
kein Honorar. Bei den Wohlhabenden ist das Gegenteil anzunehmen ; 
denn sonst wären die Auszeichnungen, das öffentliche Lob, der Ehren- 
kranz und das Bürgerrecht, die dem Euenor wegen Ueberwachung der 
Arzneibereitung für das öffentliche iatQtlov in Athen, wegen Stiftung 
einer grossen Summe aus eigenen Mitteln und wegen unentgelt- 
licher Behandlung Kranker zuerkannt worden sind, nur hin- 
sichtlich der beiden ersten Thaten begründet. In der hippokratischen 
Schrift praec, Kap, IV (bei mir I 58 f.) wird geraten, mit der 
Honorarfrage nicht anzufangen, weil sonst der Kranke glauben Avürde, 
dass man ihn im Stiche lassen werde, wenn er nicht alles bewillige. 
Besonders sei Aufregung über den Geldpunkt bei solchen zu befürchten. 



^) Hippocr., de offic. med. giebt weitere ansführliche Auskunft über alle diese 
Fragen. Die Charlataue kennzeichnet Welcker (a. a. 0., S. 227 ff.) 

^} Vgl. Pseudhippocr. de hab. dec. 8. Kästchen mit Bestecken haben sich er- 
halten: vgl. Guhl und Kon er, Das Leben d. Griech. u. Rom., Berl. 1862, II 297; 
Jahn, Annal. d. Vereins f. nassauische Alterthumsk. u. Gesch. VI, 1859; Aaun^ög, 
Ueol aixvcji^ xal aixvdascos Tcaoa rols doxaiois, lAd'/jvTjat 1895 (Reliefs). 



182 Eobert Fuchs. 

die an einer akuten Krankheit litten. ') „Besser ist es, denen, welche 
davong-ekommen sind, Vorwürfe zu machen, als diejenigen, welche in 
Gefahr schweben, im Voraus gehörig auszuschnäuzen". Daraus schliesse 
ich, dass die vorherige Forderung von Honorar zum mindesten zu- 
lässig war. Im übrigen sollte sich das Honorar nach den Vermögens- 
verhältnissen des Patienten richten. Im Asklepieion zu Epidauros 
und wohl auch sonst stand die Höhe der nach glücklicher Kur zu 
zahlenden Summe CiaTQo) im Belieben des Patienten. Der Bademeister, 
der nicht zugezogen worden war, erhält z. B. 1 'Atrurj == 1 Drachme = 
etwa 72 Pf. Trinkgeld. ^) Der Gott fordert die Bezahlung mit den 
Worten: „Geheilt bist du; nun musst du aber das Honorar bezahlen!" 
Als Gegenleistung oder Teil einer solchen wurde auch die Aufzeichnung 
der Krankengeschichte auf Stein oder Metall mit Lobpreisungen auf 
den Gott angesehen. Was die Höhe der Honorare anlangt, so sind 
uns nur die Maxima überliefert; aber so hohe runde Summen sind 
immer misstrauisch zu betrachten. Andererseits sind die Minimal- 
angaben des Krates von Theben •^) (1 ögay^irj = etwa 72 Pf, für den 
Gang) und des Aristophanes (Plut. 407 f. „gar nichts") nicht ernst 
gemeint; denn bei jenem ist der satirische Ton der Stelle, bei diesem 
die komische Uebertreibung nach unten unverkennbar. Die Bezahlung 
erfolgte bei staatlichen Aerzten jährlich (Herod. III 131) und wurde 
durch die Steuer mit gedeckt.*) 

Demokedes erhielt in Aigina im 2. Jahre seiner Praxis 1 aigi- 
netisches Talent == etwa 6522 J(, im 3. Jahre in Athen 100 attische 
Minen = etwa 7800 ^, im 4. Jahre von Polykrätes von Samos 
2 Talente (Herod. a. a. 0.). Bei Dareios erhielt er für die Ein- 
richtung des luxierten Beines zunächst ein paar goldene Fesseln, später 
aber, da er dem Grosskönige Undank vorwarf, ein reich ausgestattetes 
Haus und Gastrecht an dem Tische des Königs. Ehrendekrete. 
goldene Kränze, ölf entliches Lob, Bürgerrecht, Dotation und Steuer- 
freiheit (letzteres beides z. B. bei Onasilos) wurden Aerzten vielfach 
zuerkannt. Nach Diod. Sicul. IV 71 fassten ja schon die Eroberer 
Trojas einen Ateliebeschluss zu Ehren von Podaleirios und Machaon, 
Kleombrötos soll für die Heilung des Antiochos I. von Seleukos 
100 attische Talente = rund 470000 J^ erhalten haben (Plin., bist, 
nat. VII 37, 123). 

Staatliche Aerzte^) gab es zu Hippokrates' Zeiten schon 
längst, gewiss auch in den Gymnasien. Die grossartige Einrichtung 
des iaxQüov (de off. med.) weist auf staatliche Unterhaltung hin. ■^) 
Für Kos werden uns ferner staatliche Aerzte durch Inschriften bezeugt.'*) 
Eine Steuer, iargc^öv, deckte auch da die persönlichen und sächlichen 
Ausgaben, z. B. in Delphoi. ^) Dass vor Charondas (7. Jahrh. v. Chr.) 



^) Rosen bäum, Pabst's Allgem. med. Zeitg. 1838 Nr. 78: vgl. Bentley, 
Phalarideae XIX = übers, v. Ribbeck 527 ff. 

^) V. Wilamowitz-Möllendorf f , Isyllos von Epidauros. Philol. Untersuch. 
IX. Heft, Berl. 1886, S. 122. 

") Bei Diog. Laert. VI 5, 86. S. auch Iwan Müller, Handb. d. klass. Altert - 
Wiss., 1. Aufl., VIS. 111 A. 1. Die Summe ist im Vergleiche zu allen anderen 
Lebensbedürfnissen und zu den heutigen Verhältnissen sehr übertrieben. 

*) Inschrift in den Archives des missions scientif. et litter., 2« serie, Paris 1865, 
II 218 f. no 16. 

*) Herzog, Koische Forschungen und Funde, Leipz. 1899 S. 204 ff. 

*) Paton and Hicks, Inscriptions of Cos, Oxford 1891, 5; 344. 

■) Curtius. Götting. gel. Anzeigen 1864 S. 1226; Perrot, Guillaume et 



G-escMchte der Heilkunde bei den Griechen. 183 

in Tliurioi (Lucanien) die Bürger durch Amtsärzte gratis behandelt 
wurden, bezeugt Diod. Sic. XII 13, 4; denn Charondas nahm diese 
Bestimmung in seine Gesetzgebung herüber. Derselbe Gedanke wird 
auch dem Demokritos zugeschrieben (Pseudhippocr. epist. XXII 2). 
In einer Inschrift von Teos wird bei einer Einverleibung den neuen 
Bürgern jede Steuer mit Ausnahme der Aerztesteuer auf 10 Jahre 
erlassen. ^) An das koische egyaoTr^oiov gliederte sich das Asklepieion 
an. In Epidauros wurden Zimmer für Patienten ausgegraben. Da die 
meisten Besucher Fremde waren, die natürlich bezahlen mussten, wurde 
der Staat sehr entlastet. Dass aber Thasos keine largela gehabt habe, 
weil in den hippokratischen „Epidemien" Privatwohnungen angegeben 
werden, ist keine zwingende Folgerung Herzogs ( a. a. 0., S. 207 A. 3). 
Zu den Obliegenheiten der Amtsärzte gehörten vermutlich ausser der 
Behandlung der Armen die Leitung bei der Bekämpfung von Seuchen 
und Sachverständigengutachten ; -) die gerichtlichen Funktionen aber, 
die Bloch •^) aus Papyri mitteilt, scheinen lediglich auf römisch-ägyp- 
tischen Gesetzesbestimmungen zu beruhen. 

Militärärzte wurden in den homerischen Gedichten bereits 
nachgewiesen (s. Kap. 4). Dieser Gebrauch erhielt sich für die Folge- 
zeit, denn Solon sorgte für die staatliche Pflege verwundeter Krieger 
(Plut. Sol. XXXI 4). Aristeides (orat. Panathen.) berichtet, dass für 
die Verwundeten in Athen ein einziges Krankenhaus hergerichtet 
gewesen sei; aber ein so gew^altiges Lazaret wird es schwerlich ge- 
geben haben. Wenn auch Thukydides hierüber keine Belehrung bringt, 
so bezeugt doch Xenophon für das Heer der 10000 verschiedentlich 
das Vorhandensein von Militärärzten; z. B. anab. I 8, 26 behandelt 
Ktesias die Wunde im Thorax des Artaxerxes; III 4, 30 wird be- 
richtet, wie beim Marsche in gebirgiger Gegend viele Griechen ver- 
wundet wurden und deshalb im nächsten Quartier 3 Tage Rast ge- 
macht wird, damit die Aerzte ihres Amtes walten können; VII 2, 6 
werden die Soldaten zur Pflege in Privathäusern untergebracht. Auch 
in der Cyrop. (z. B. I 6, 15) wird bezüglich des Heeres der Perser 
und Griechen Aehnliches berichtet ; es werden da sogar die verwundeten 
Feinde mit behandelt. Im alten Sparta befanden sich gleichfalls 
Wahrsager, Aerzte und Flötenspieler als Nichtkämpfer bei den Heeren. 
Sie genossen Bürgerrecht und waren in gemeinsamen Zelten unter- 
gebracht.*) Onasilos leistete im Kriege von Idalion gegen die Perser 
und Kitier militärärztliche Dienste (Ende des 5. oder Anfang des 
4. Jahrh. v. Chr.). In der Schrift des Corpus Hippocraticum de medico 
ist das letzte, 14., Kapitel der Kriegschirurgie gewidmet. Es wird da 
nur das Herausziehen von Geschossen erwähnt, das in Städten selten 
vorkomme. Darum müsse der Feldscher die Heere nach auswärts be- 
gleiten, um in seinem Fache tüchtig zu werden. '^) In den unter- 
geschobenen Schriften (de legat. Littre IX 423) berät die Ekklesia vor 

Delbet, Exploration archeol. de la Galatie et de la Bithynie, Paris 1862; Wescher 
et Foncart, Inscriptions recueillies ä Delphes, Paris 1863, Nr. 16. 

^) Zeit: etwa 305 v. Chr. S. Athen. MittheU. XVI 292. 

2) lieber einen griech. Pap. forensisch-medic. Inhalts. AUg. medic. Centr.-Ztg. 
LXVIII, 1899 Nr. 46 f. Vgl. Iwan v. Müller, Handb. d. klass. Altertums-Wiss. IV 1, 
2. Aufl., 1893 S. 206. 

») Vgl. Demosth. II 216 Schäfer. 

*) Xen. resp. Laced. XIII 7 = scripta minora ed. Dindorf, Lips. 1824 S. 142. 

^) Ecker, Animadversiones in locnm Hippocratis tteqI irir^ov etc., Frib. Brisg. 
1829, S. 91f. 



184 Robert Fuchs. 

der Ausrüstung der Expedition des Alkibiädes nach Sicilien darüber, ob 
es nötig sei, einen Marinearzt mitzugeben. Hippokrates sagt zu, seinen 
Sohn Thessälos aus freien Stücken mitzuschicken. Schon aus der 
Erwähnung eines einzigen Arztes ist die Unkenntnis des Fälschers 
zu erkennen. Dass es aber sogar eine militärmedizinische Litteratur 
zu des Hippokrates Zeiten gegeben hat, erhebt die Verweisung im 
letzten Satze von de medico über allen Zweifel. Eine besondere Strafe 
für Pflichtverletzungen amtlicher Aerzte scheint es nicht gegeben zu 
haben ; wenigstens heisst es in der pseudhippokratischen Schrift lex 1 : 
„allein für die ärztliche Kunst ist in den Staaten keinerlei Strafe fest- 
gesetzt ausser der Verachtung", vor deren schweren Folgen wieder- 
holt gewarnt wird. 

8. Gymnasien und Gymnasten. 

1. Basindes, De vetenim Graec. gymnastice, Berol. 18o8. — 2. JBecker, 
Charikles, Leipz. 1840; 1854 u. ö. — 3. Hintz, Die Gymnastik d. Hellenen, Güters- 
loh 1877 {mit Litteratur). — 4. Depping, Körperkraft u. Geschicklichk. des 
Menschen. Hist. Darstell, d. Leibesübungen b. d. alt. u. neuer. Völkern. Deutsch 
von Springer. 2. Aufl., Minden 1882. — 5. Grusherger, Erziehg. u. Unterr. im 
Mass. Alterth. u. s. iv. 1 1 : Die Knabenspiele, Würzb. 1864. — 6. K. F. Her- 
niann, Lehrb. d. griech. Antiquitäten, bearb. v. Blümner, IV, Freiburg 1882. — 
7. Hüppe, lieber antike u. mod. Gymnastik, Prag 1900. — 8. Fr. tTacobs, Ver- 
mischte Schriften Bd. III; VIII, Leipz. 1823 ff. — 9. Jäger, Die Gymnastik 
der Hellenen, 2. Aufl., Stuttg. 1881. — 10. Jüthner, lieber antike Ttirngeräthe. 
Abh. des archäolog.-epigraph. Seminares der Univ. Wien. Hrsg. v. Benndorf u. 
Bormann, XII, Wien 1896. — 11. J. H. Krause, Die Gymnastik u. Agonistik 
d. Hellenen u. s. w., 2. Aufl., Leipz. 1841 ff., 3 Bb. — 12. MercurUilis, De arte 
gymnast. libri VI, Venet. 1672. 

Im Mittelpunkte des griechischen Lebens stand und gleich wichtig 
für die Entwicklung der Kunst wie der Chirurgie war die körper- 
liche Bewegung in der Palästra oder dem Gymnasion. In den ärztlichen 
Schriften ist ein Unterschied in der Bedeutung beider Worte nicht 
zu erkennen, und für andere Schriften ist ein solcher wenigstens noch 
nicht einwandfrei erwiesen. Jedenfalls findet sich in den erhaltenen 
ärztlichen Texten und ihren Erklärungsschriften vorwiegend die Be- 
zeichnung Palästra = Eingschule.^) Der Zweck der Turnanstalten war 
die Erziehung tüchtiger Bürger und abgehärteter Krieger. Piaton 
fasst das Ziel der körperlichen Ausbildung zusammen in die Worte: 
Unterweisung der Knaben, Erhaltung der Gesundheit der Erwachsenen 
und gute Körperverfassung (eve^ia) aller. Lukianos (Anacharsis s. de 
gymnasiis) legt Solon eine begeisterte Lobpreisung der Palästra in 
den Mund; das Turnen stähle den Körper, bereite zum W^aflfendienste 
vor und erwecke den Ehrgeiz der wetteifernden jugendlichen Kämpfer.^) 
Gleiche Anerkennung widmen den Leibesübungen Pseudoplutarchos 
(TTsgl aaxijaeiüg) und Philostratos , tvsqI yvf.ivaoxr/.fß (ed. Daremberg, 
Paris 1858).''') Wenn dem gegenüber scharfe Verurteilungen laut ge- 
worden sind, so liegt das an der früh auftretenden einseitigen Ueber- 



^) Kühle wein, Die chir. Schriften des Hippokrates. Jahresb. ü. d. Kgl. Kloster- 
schnle zu Ilfeld, Nordhausen 1898. 

2) Heinz e, Anacharsis. Philologrus L = N. F. IV, 1891 S. 458 ff. 

^) H ä s e r , Canstatt's Jahresber. 1858 ; C o b e t , De Philostrati libello tt. y. recens 
reperto, Lugd. Bat. 1859; Flavii Philostrati opera ed. Kayser, Lips. 1870; Jessen, 
Apollonius von Tyana u. sein Biograph Philostratus, Homburg 1885; Fertig, De 
Philostratis sophistis, Bamberg 1894. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 185 

treibung der Uebungen in das Athletenhafte. Hiergegen wenden sich 
die scharfen Tadelworte des Pseudhippokrates (de diaeta I 24), eines 
Tyrtaios (XII Iff.), Xenophänes (el. 2), Euripides, der im Autolykos 
(fragm. 282 Xauck) sang: „Denn obwohl es unzählige Nichtsnutzein 
Hellas giebt, so ist doch nichts nichtsnutziger als der Athleten Sipp- 
schaft" (Athen. X 413 f.). Auch Isokrätes (paneg.) klagt, dass man 
die Athleten mehr feiere als die Geisteshelden. Am meisten aber 
höhnten die stets zu kränkenden Worten aufgelegten Kyniker. Bei 
Dion Chrysostömos (orat. XXXII 44) nennt Anacharsis das Gym- 
nasion eine Stätte, wo sich täglich die Tollheit tummelt, und Sparta 
als Pflegestätte der Körperstählung wird wie ein Tollhaus angesehen 
(Lucian. Anacharsis 39, cf. 5; Diog. Laert. I 104 u. a.). Und doch 
ist das Gymnasion der Born, aus dem das Griechentum in der guten 
Zeit seine Lebenskraft und seine Widerstandsfähigkeit gegen die von 
aussen anstürmenden Mächte stets von neuem schöpfte, und selbst so 
verdammenswerte Auswüchse wie die im Gj'mnasion erzeugte Päderastie 
vermochten der kraftvollen Förderung der Volksgesundheit nur in 
Ausnahmefällen Abbruch zu thun. 

Uns aber beschäftigt nur die ärztliche Seite dieser Einrichtung. 
Durch den Anblick der nackten Kämpfer, deren Stellung stets wechselte, 
wurde zunächst die Kenntnis des Körperbaues, also ein Teil der Ana- 
tomie, wesentlich gefördert. Während die Faust- und Ringkämpfer 
im heroischen Zeitalter noch den Schurz {TtsQiUof^a) trugen, erschienen 
sie von der 15. Olympiade (etwa 720 v. Chr.) an völlig unbekleidet. 
Sodann wurde der Sinn für alles das, was den Körper besonders schön 
und leistungsfähig macht, gestärkt, also für Diätetik (z. B. Entfettung) 
und Hygiene. Endlich aber wurde die Kenntnis der Chirurgie fast 
täglich vermehrt. In den Gymnasien ging es ja nicht ohne leichte 
und schwere Verletzungen ab ; so kamen häufig vor : Verletzungen von 
Augen, Ohren, Nase, Zähnen, Kiefern, Luxationen und Knochenbrüche 
aller Art. Die „gebrochenen Ohren" sind das Merkmal des Faust- 
kampfes (Plat. Protag. 342 Bf.; Gorg. 515 E); die Ohrenkappe {äucpwzig) 
schwächte die gegen den Kopf geführten Schläge kaum ab. Der Faust- 
kämpfer Androleos kam um Ohr und Auge.^) Stratöphon kann kein 
Hund mehr erkennen.^) Olj'mpikos verliert Augen, Ohren, Kinn, 
Brauen und Nase und seinen Prozess obendrein, weil er dem vorge- 
wiesenen Bilde nicht gleicht.^) Aulus aber weiht Zeus die Hirnschale 
und verspricht für später die noch erhaltenen Wirbel.^) Sind hier 
auch Uebertreibungen untergelaufen, so bestätigen doch die chirurgi- 
schen Hippocratica, dass das Bild im ganzen zutrifft (de artic. repos. 
4; 47). Auch der Kunstausdruck oxüa&ai (die Hand schnell aus der 
einen in eine andere Lage bringen; a. a. 0. 30 vgl. mit Küh lewein 
a. a. 0.) ging in der Bedeutung „sich in einfacher AVeise luxieren" 
in die Fachsprache über. Das Gj'mnasion, das vielfach als Fortbil- 
dungsaustalt für die Knaben bezeichnet wird, untersteht dem Gymnasi- 
arches, den der Xystarches in der Leitung unterstützt. Die Vorturner 
oder Leiter der einzelnen Uebungen sind die Gymnasten {yvfxvaaxai, 
inioxdtai). Als Wächter über das Salben erhalten sie den Namen 
eines {iaTQ)alELn%r^g und als Ratgeber in diätetischen und hygienischen 
Fragen den eines tmqög, vyieivög. Die Kinder wurden von dem staat- 



^) Anthologia Graeca ed. Jacobs V 8; 7: 9; 13 = Brnnck, Analecta 11 319 
Nr. 13; 12; 320 Nr. 17; 317 Nr. 2. 



186 Robert Fuchs. 

liehen oder privaten Turnlehrer, fcaiöorglßi^g, unterwiesen. Die 2 Turn- 
lehrer von Teos bezogen je 500 Drachmen = etwa 360 J6 Jahres- 
gehalt. In Athen wählte die Ekklesia den Koafn]zr]g als Aufsichts- 
beamten und Hess durch ihn 2 gymnastische Pädotriben und 4 Waffen- 
lehrer für die Epheben berufen. Der aiocpQovLOTi]^, von der Phyle ge- 
wählt, übte die Zucht und führte die Hausverwaltung. 

Die Arten der Gymnastik bei den Knaben umfassten Turnen, 
Fechten, Taktik, Speerwurf, Bogen- und Katapeltenschiessen, Schleudern, 
Eingen, Schwimmen, Lauf u. s. w. Der Lauf ^) (ögöinog) ist entweder 
geradlinig oder kreisförmig. Der diavlog = Doppellauf beträgt 2 Stadien 
== 354,8 m und geht zum Ziele und wieder zurück. Beim Reifenlaufe 
wird der Reifen, tQoyög, mit dem Stabe, ilarriq^ getrieben. Armheben 
ist das Vorspiel zum Faustkampfe, doch auch eine Einzelübung. Es 
findet seine Krone im Kampfe gegen den fingierten Gegner, o/cia/naxia 
(Dio Chrys. a. a. 0.). Gerungen {Ttalauiv) wird entweder so, dass sich 
der Geworfene wieder zu erheben sucht, oder es wird im Liegen 
(ä'/Jvöi^oLg, '/.vliGig = das Sichwälzen) weiter gekämpft. Der Finger- 
kampf, äxQoxeiQirj, bezweckt, den Gegner durch Quetschen und Zer- 
brechen der Hand zu überwinden. Rohe Finten, wie Gliederver- 
renkung, Beinstellen, Würgen, und auch die ausweichenden Wendungen 
waren, wenn überhaupt, dann nur im Anfangsunterrichte verpönt. 
Beim Sackkampfe (y.coQvy.oinayJa) wird ein mit Feigenkörnern, Mehl oder 
Sand gefüllter und über dem Kämpfer befestigter Sack mit den Händen 
hin- und herbewegt. Als Nebenübungen werden genannt : Spaziergang, 
Ritt,. Schütteln des Körpers {7TaQäaeio(.ia). Reiben (rglipig), Finger- 
bewegung {x^igovo/iurj), Atemanhalten. Aus sonstigen Quellen kennen 
wir noch den Diskoswurf (Metallscheibe, bis an die Armbeuge reichend 
und mit dem Unterarme geschleudert) und die Stimmübungen zur 
Kräftigung der Brust.-) Vor den mit Entblössung verbundenen 
Uebungen wurde der Körper mit Olivenöl eingerieben. Die durch 
Schmutz, Staub, Sand und Schweiss gebildete, als Hokuspokusmittel 
gebrauchte Kruste wurde vor dem Reinigungsbade mit der Striegel 
wieder abgeschabt. Die Nationalspiele zu Olympia (erstmalige Auf- 
zeichnung des Siegers 776 v. Chr.) und Nemea (seit 573), sowie die 
isthmischen bei Korinth (seit 582) und die pythischen (in erweiterter 
Form seit 590) zu Delphoi förderten nun zwar die körperliche Aus- 
bildung des Hellenenvolkes, aber sie zogen auch eine einseitige, häss- 
liche Sportpflege im Athletentum gross. Die Athleten befolgten strenge 
Lebensregeln : Erhaltung der richtigen Körperfülle (o/xog) durch Hunger- 
kuren, Fleisch- und Hülsenfruchtnahrung (Bohnen), Enthaltung von 
Brot und Essenszwang (ävayxocpayia) ; absichtliches Lachen und Seufzen, 
Atemanhalten, z. B. bei der Salbung, lauter Vorschriften, die von den 
Aerzten in der Heilkunde kunstgerecht ausgestaltet wurden. Gleich- 
wohl wird über die Kraftproben der zum Teil mangelhaft ernährten 
Athleten in den Berichten der Alten viel gefabelt. Manche Leistungen 
sind in unseren Tagen nachgeahmt worden (5). Milon von Kroton 
trug ein 4 jähriges Rind um die Rennbahn; aber es gehörte der be- 
sonders kleinen peloponnesischen Rasse an (5). Auch Sprünge von über 



^) Pseudhippocr. de diaeta II 27 (63) ff. = bei mir I 337 ff. Vgl. das ausführ- 
lichere Verzeichnis bei Galen. VI 132 ff. ; Orib. ed. Bussem. et Daremb. I 448; 511; 
519; 521; 524 ff.; 531 ff. 

^) Ewer, Deutsche mediz. Presse 1899. 



Geschichte der Heilkunde bei deu Griechen. 187 

50 Fuss klären sich als mehrfache Sprünge auf (5). Durch Aufgeben 
der Trainierung wurden die Athleten untüchtig und leicht krank. 

Die im Gj'mnasion gewonnene medizinische Erfahrung wurde 
natürlich von den Laienbeamten verwertet. Die Verletzten wurden 
zunächst an Ort und Stelle vom Gymnasten behandelt; z. B. wurden 
die Glieder sofort eingerenkt und durch Kieferverletzung gelockerte 
Zähne mit Golddraht befestigt. Aber zwischen Gj'mnast und Arzt ist 
doch eine scharfe Grenze gezogen; die endgültige Hilfe sowie Hilfe 
in schweren Fällen leistet der Arzt (K ü h 1 e w e i n a. a. 0.). Dass ein- 
zelne Gymnasten auch ärztliche Praxis ausübten und sogar chronische 
Leiden behandelten, ist kein Gegenbeweis. I k k o s von Taras (Tarentum), 
der um 470 v. Chr. in Olympia siegte, stellte eine Mässigkeitstheorie 
auf. Piaton ^) tadelt ihn, weil er hinter seiner Darstellung der Diätetik 
und der Leibesübungen Sophistisches verberge. Herodikos von 
Megära, nach seinem Wohnorte gewöhnlich „von Selymbrla" genannt,-) 
war Gymnastes und verband Gymnastik und Heilkunde zur laigakei- 
iTTtzj; = Salbheilkunde, da er durch eigene Kränklichkeit das Prinzip 
bestätigt fand, dass die Nahrungszufuhr in der körperlichen Arbeit 
ihr Corrigens finden müsse. Dadurch wurde das richtige Verhältnis 
von körperlicher Wärme und Feuchtigkeit (= Kälte), also Gesundheit, 
erzeugt. Diese Lehre hatte er in einer Beweisschrift (uTrödeiBig) 
niedergelegt und damit für Salber und Badewärter eine reiche Er- 
werbsquelle erschlossen.^) Galenos fXVII, ii 99 ff.) bezeugt aus Piaton, 
dass Herodikos grundsätzlich ermüdende Spaziergänge verordnete,*) 
lässt es aber dahingestellt, ob es der Leontiner oder Selymbrier sei, 
und Di eis stellt unter Vergleichung von Beckh-Spät Kap. IV und 
Galenos VII 701 auch noch den Knidier zur Wahl. Aber das Zu- 
sammenhalten sämtlicher Stellen entscheidet mit ziemlicher Zuverlässig- 
keit für den Selymbrier ; denn da Piaton die Ortsbezeichuung Protag. 
316 D hinzufügt und sonst den blossen Namen bei ähnlichem Ge- 
dankengange verwendet, müsste man an absichtliche oder leichtfertige 
Irreführung der Leser glauben, wenn er mit blossem „Herodikos" einen 
anderen hätte bezeichnen wollen. Vorzüglich passt hierzu , dass seine 
ärztliche Erziehungskunst (Plat. resp. III 406 A ff.) im Hippokrates- 
corpus öfter bekämpft v/ird. De loc. in hom. 34 (= 35) heisst es: 
„Gymnastik und ärztliche Kunst sind einander entgegengesetzt" ; 
epid. VI 3, 18 lautet: „Herodikos brachte die Fieberkranken um durch 
Laufen, Ringkämpfe und äussere AVärme. Das Fieberhafte ist ein 
Feind von (Hunger,) Ringkämpfen, Spaziergängen, Läufen und Ab- 
reibungen. (Er heilte) Schmerz durch Schmerz." Aristot. rhet. A 5 
1361 b 4 meint, dass viele gesund seien wie Herodikos, aber sie seien 
nicht glücklich, weil sie fast auf alles das verzichten müssten, wozu 
der Mensch da sei. Er schuf ja sich und seinen Patienten durch das 
naturwidrige Herumdoktern ein langwieriges Siechtum, da jede Ab- 
weichung bei den Verwöhnten Unwohlsein herbeiführte, und diese 
„lächerliche" Art verbitterte ihm das Leben bis in sein hohes Greisen- 



^) Protag. 316 D. 
. 2) Anon. Londin. Beckh-Spät 14 f.; 77 ff. — Plat. Protag. 316 D.: Phaedr. 
227 D. Vjgl. oben Kap. 6. 

*) Plin., hist. nat. XXIX 4, wo Prodicus (!) zu einem Schüler des Hippokrates 
thörichterweise gestempelt wird. 

•*) Z. B. von Athen bis Megära und zurück (26 Stadien = 26 X 177,4 m = 
4,6 km; 2 X 4,6 km = 9,2 km). 



188 Eobert Fuchs. 

alter hinein.^) Den gegen Ikkos gerichteten Vorwurf erhob Piaton 
mit Recht auch gegen ihn. Einen Verehrer des Herodikos, aber nicht 
ihn selbst, lernen wir in Pseudhippocr. de diaeta (w. s.) kennen. Die 
seltenen Kunstausdrücke für bestimmte Uebungen werden von Herodikos 
herrühren. Galenos hält es für überflüssig, ihn in seiner Schrift 
7i6t£qov latQr^fjg rj yvi.ivaony.fig ton rb vyieivov V 806 auch nur zu 
nennen , ^) während er Hippokrates , Diokles , Praxagoras , Phylotimos 
und Herophilos als vollkommene Kenner der Leibesübungen preist.-) 
Asklepiades freilich hat ihn berücksichtigt (Cael. Aurel., morb. chron. 
III 8), und Caelius (a. a. 0.) eröffnet mit ihm den Reigen seiner ,.be- 
rühmtesten" Vorgänger in der Heilung des Hydrops. Herodikos suchte 
nämlich den Hydrops durch Abführen, Erbrechen gleich nach dem 
Essen, laue Bähungen (Rindsblasen mit verschiedener Füllung) und 
Schlagen der Geschwulst mit gefüllten Schläuchen zu heilen. 

Des Flavius Philostratos^) verdienstliches Werk Ttsgl yt/nva- 
GTrArjg, das einzige erhaltene über diesen Gegenstand, rührt nicht von 
dem älteren Philostratos aus Lemnos, Sophist und Biograph, etwa 200 
n. Chr., her, sondern von seinem Neffen, auch einem Sophisten (f 264 
p. Chr.). Zu jener Zeit war die Gymnastik längst verfallen, und der 
Verfasser legt u. a. den ängstlichen Diätvorschriften der Aerzte die 
Schuld daran bei. An die Gymnasten stellt er bezüglich der körper- 
lichen und geistigen Eigenschaften ideale Ansprüche. Gleich der „an 
sich guten Kunst" der Medizin gilt ihm die Gymnastik als eine Wissen- 
schaft, bestehend aus Medizin und Pädotribie. Die Obliegenheit des 
Gymnasten ist es, die Säfte zu entleeren, überflüssige Stofte zu ent- 
fernen. Hartes zu erweichen, Dünnes fett zu machen, umzugestalten 
oder zu erhitzen; sog. Katarrhe, Wassersucht, Schwindsucht und Epi- 
lepsie durch Diät und Massage (rglipig) zu heilen. Der Arzt hingegen 
heilt jene Krankheiten durch Uebergiessungen, Arzneitränke und Um- 
schläge und hilft bei Zerreissungen, Verwundungen, Augentrübungen 
und Verrenkungen. Da sei der Gymnast ratlos, v/ie ja auch der Arzt 
nicht sein ganzes Fach gründlich beherrschen könne. 

9. Rhizotomen und Pharmakopolen. Hebammen. 

Vgl. Kap. 3. — 1. Berendes, Pharmacie bei d. alt. Culturvölkern. Arch. f. 
Phnrmacie 1889 ; Dasselbe, Halle 1891, 2 Eb.; die Rh., die Vorläufer d. Apotheker? 
Das älteste Arzneibuch d. Griechen, Apotheker-Ztg. 1899 Xr. 1-5 f. — '2. Hitschan, 
D. Heimat u. d Alter d. europ. Culturpflanzen, Correspondenzbl. f. d. Ges. f. An- 
throp. XXI 1891. — 8. Clievreitil, Besume d'une hist. de la matiere dej)uis les 
philosophes jusqu'ä Lavoisier, Paris 1878. — 4. Colin, Gärten in alt. u. neuer Zeit, 
Rtmdschau V 1879. — 5. Frederking, Grundzüge der Gesch. d. Pharmacie u. s. w., 
Götting. 1874. — 6. Gilbert, La pharmacie ä truvers les siecles, Toulouse 1893. — 
7. Hergel, Die Rhizotomen, Pr. d. K. k. Obergymnas. zu Pilsen 1887. — 8. Höfer, 
Hist. de la botanique etc., Paris 1873. — 9. Kirchner, Fleckeisens Jahrb. f. class. 
Philol. Suppl. VII 483 ff. — 10. E. Meyer, Gesch. d. Bot., Königsberg 1854 ff., 
4 Bb. — 11. Murr, Beiträge z. Kenntniss d. altgriech. Bot., Innsbruck 1889. — 
12. JPölchaii, Stud. über d. Einfluss der bedeutendsten medic. Systeme älterer u. 
neuer. Zeit auf d. Pharmakologie, Diss., Dorpat 1861. — 13. Schidtes, Grnndriss 
einer Gesch. u. Litt. d. Botanik nebst Gesch. der bot. Gärten, München 1871. — 
14. Welltnann, Die Pflanzennamen d. Dioskurides, Hermes XXXIII 1898, S. 
360 ff'. ; Das älteste Kräuterbuch d. Griech., Festgabe f. Franz Susemihl, Leipz. 1898. 
— 15. X^rjoriSris, 'AQ%aia 'EkXrjviy.i] yvvaiy.eioXoyia rjxot avaxof^da etc., tv Kaiv- 



') Plat. resp. III 406 A ff. 

■^) V 806 ff. — 879; 898. 

■■') Vgl. auch 3Ieineke, Krit. Beiträge z. P. rr. /. Philologiis XV, 1860. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 189 

oravTiiovTcoXei 1894. — 16. Fasbendet', Enticickelungslehre. Gehurtshülfc u. Gynäk. 
in d. hippokraüschen Schriften, Stiittg. 1897. — 17. Godson, On the evolution of 
obstetrics and gynecology, The Lancet 1895. — 18. Harter, Gesch. d. Wetidung 
tvährend d. Alterfh. u. d. Mittelalters, Diss., Berl. 1870. — 19. John Hopkins 
Hosp. Bull. III. Baltimore 1892 [Hunter). — 20. Kleinivächter, Die Gynäk. d. 
Alterth. von Edtv. Jenks, Rohlfs' Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Medio, u. medic. Geogr. 
VI 1883. — 21. Kroner, lieber d. Pflege u. d. Krankheiten d. Kinder. Aus griech. 
Quellen. Preisschrift, Breslau 1876 (s. auch Arch. f. Kinderheilk. 1876). — 22. 
Marcuse, Heilkundige Frauen im Alterth., Zukunft 1899 Xr. 32. — 23. Maryou- 
liejf', Etüde crit. sur les monnments antiques representant des scenes d'accouchement. 
Paris 1873. — 24. Meadows, History of niidtvifery. The Lancet 1872. — 25. 
Pinoff, HenscheVs Janus IL 1847, S. 735. — 26. Thierfelder, Piaton n. d. 
Eigenschaften u. Verricht. d. Hebammen. Küchenmeister, Zeitschr. f. Med. etc. 
N._ F. L — 27. Welcher, Kleine Schriften III, Bonn 1850. — 28. WitKoivshi, 
Hist. des accouchenients de tous les peuples, Pans 1888; Accoucheurs et sages- 
femmes celebres, Paris 1893; Anecdotes et curiosites hist. sur les accouch., Pat'is 
1893. — 29. Wnlfsohn, Stud. ü. Gehurtshülfc u. Gynäk. d. Hippocratiker, Diss.. 
Dorp. 1889. 

Die Aerzte der älteren Zeit bereiteten die Arzneien selbst, zum 
Teil in den lurgtla. Einen Beweis dafür bietet: Pseudliippocr. epist. 
ad Cratevam (Littre IX 342 if.), worin Hippokrates Krateiias auffordeit, 
ihm Pflanzen zu besorgen, soviel er nur kann, Säfte und Flüssigkeiten 
in Gläsern zu verwahren, Blätter und Blüten aber in verschlossenen 
irdenen Töpfen. Hier erscheint also Krateuas als giCoiofiog = Wurzel- 
schneider, d. h. als Droguenlieferant, und zwar ist dieser Beruf nach 
dem Briefe in seiner Familie erblich. Auch Galenos bezeichnet noch 
die Rhizotomen als vjir^Qärm = Handlanger der Aerzte zusammen mit 
mit den Salbenköchen, Klystiersetzern, Aderlassern und Schröpfkopf- 
setzern. *j Dass die Aerzte die Arzneibereitung, die wohl durch die 
Assistenten geschah, zum mindesten überwachten, lehrt auch Pseudhipp., 
de hab. dec. 8. Auch Arzneien, deren Zurichtung sehr zeitraubend 
war, mussten im iatgtlov bereit stehen. Wie schwierig aber das 
Präparieren war, ist aus Galen. XIII 366 f.; 372; XIV 30; 220; 249 
und aus zahlreichen hippokratischen Medikamenten ersichtlich. Ersterer 
verlangt ja sogar neben der sorgfältigen üeberlegung und Beobachtung 
der Eigentümlichkeiten der Bestandteile die Geschmacks-, Geruchs- 
und Gesichtsprobe."-) Die qiIot6(.iol haben ihren Namen a potior! von 
den oiZat = Wurzeln erhalten, die sie sammelten, ganz aufbewahrten 
oder zerlegten, teilweise schälten und nötigenfalls im Rauchfange oder 
in der Sonne trockneten. Das Ausgraben war bei Abergläubischen 
mit allerhand Spuk verbunden. Theophrastos (hist. plant. IX 8, 5) 
giebt genaue Anweisungen und verspottet die Thoren, die beim 
Sammeln des /.Iv^ttrov (Calendula arvensis) und der ylv/.vaiöi] (Paeonia) 
den Specht fürchteten, beim Ausgraben des Ttava^eg 'yJaylrjTtieiov (Echino- 
phora tenuifolia) beteten und Honigkuchen und Sommerweizen auf die 
Erde warfen und beim Suchen der Alraunwurzel und der Nieswurz 
mit einem zweischneidigen Schwerte Kreise zogen oder gemeine Reden 
führten. Natürlich verarbeiteten aber die Rhizotomen auch die anderen 
brauchbaren Pflanzenteile. Es ist klar, dass sie sich dabei pharma- 
ceutische und medizinische Kenntnisse erwarben und diese auch aus- 
nützten, manchmal in verwerflicher Weise. Sie mischten wohl auch 



1) XVII, II 229. 

^) Vgl. auch Galen. XIV 24, wo es auf die persönliche Auswahl ankommt und 
die Salbeuhändler. inpoTrcölat als unzuverlässig geschildert werden. Plin. hist. nat. 
XXXIV 11, 25; XXXVI 3. 



190 Robert Fuchs. 

die Mittel, gleich unseren Drogisten {cpaQuay-orttölai == Arzneiliändler)^ 
und machten den Aerzten Konkurrenz. Doch hat Berendes Eecht, 
wenn er das nicht als Eegel gelten lässt. Von den wirklichen „Wurzel- 
schneidern" und den Arzneihändlern, die in ihren Buden auch Schön- 
heitsmittel, allerlei Geheimmittel und Gifte, ja Kuriositäten, z. B. Brenn- 
gläser, ^) feil hielten, hebt sich eine andere mit QiCoröi^iog bezeichnete 
Klasse vorteilhaft ab, die pharmakologischen Schriftsteller, die um der 
Wissenschaft willen Pflanzen gruben. Ihre Schriften sind bis auf 
spärliche Bruchstücke (Diokles, Krateuas u. s. w.) untergegangen. Jeden- 
falls wurde im 5. und 4. vorchristlichen Jahrhundert bereits Tüchtiges 
geleistet. Pseudhippocr. de nat. pueri enthält viel pflanzenphj'siolo- 
gische Vorgänge, und zweifellos förderte die Akademie und die peri- 
patetische Schule später diese Studien. Plin. hist. nat. XXV 2, 4 f. 
spricht von Hhizotomen, die Abbildungen der Pflanzen mit darunter 
beigefügter Aufzählung ihrer Wirkungen veröifentlichten , doch auch 
von solchen, die die Bilder durch Beschreibung ersetzten oder bloss 
Namen und Wirkungen verzeichneten. Als erstes qi'Cozof.ir/.ov ist uns 
das des Diokles bekannt; als der ^iCow^iubs gilt aber Krateuas. 

Natürlich gab es auch Charlatane, empirisch Kurierende, z. B. 
Hirten, Quacksalber und Quacksalberinnen {cpaQf.iay.oi, ipaQfiay.ldeg) und 
weise Frauen.-) Wo hätten die auch je gefehlt? 

Als die Geburtsgöttinnen nicht mehr selbst zu den sterblichen 
Frauen herabstiegen, halfen die Frauen ihren Mitschwestern in schweren 
Stunden treulich aus. Sie werden bezeichnet als •^) : d/.toTgig*, a/.imoQig, 
dxioiQia, laTQivT], iaxQOf-iala, f.tala, (.laievToia, 6f.upa/.oi6f.iog * (Nabelschnei- 
derin), vcpaiQezQia (die unten, d. i. unter den Schenkeln, Wegnehmende) 
und ist oft als Substantivum zu Partizipien weiblicher Endung 
zu ergänzen, z. B. zu loacpdooovoa (hineinfassend), iargsCovoa, naga- 
(päooovaa, raf-iovoa (schneidend). Aber auch da, wo die Knidier im 
Corpus Hippocraticum das Masculinum setzen, ist es nur als allgemeiner 
Ausdruck für „man" gebraucht; bloss dann, wenn der Arzt ausdrück- 
lich als eingreifend hervorgehoben wird, untersucht er an Stelle der 
Patientin, einer Freundin oder Verwandten (s. meine Ausgabe III 
327 A. 4; 347 A. 53; 526 A. 48). Wenn also XgriOTiör]g (15 S. 231) 
meint, dass die männlichen Formen höchstens bewiesen, dass sich der 
Autor an Aerzte wende, so hat er recht ; aber man Avürde fehl gehen, 
wenn man mit ihm annehmen wollte, dass die Aerzte nur raten, die 
Frauen aber die Ratschläge ausführten (vgl. z. B. Pseudhippocr. de 
nat. pueri 11 = XIII; epid. V 63; 53; iusi.). Es ist völlig unglaub- 
haft, dass die äusserst komplizierten Vorschriften der Einlagebereitung 
und Einlegung samt Vorbereitung, sowie z. B. die der Embrj-ulcie von 
eine]' Frau ausgeführt worden wären. Herod. 133 wird erzählt, dass 
Atossa dem Demokedes trotz ihrer Scham ein Geschwür an der Brust 
(Mastitis) zeigt. Bei Euripides (Hippol. 293 f.) mahnt die Amme die 
Phaidra also: „Leidest du an einem verborgenen Uebel, so stehen dir 
Frauen als Helferinnen zu Gebote. Ist dein Leiden von der Art, dass 
es auch Männern ofi'enbart werden kann, so wende dich an die Aerzte." 
Natürlich trieb das Schamgefühl auch damals die Mädchen und Frauen, 
sich lieber ihren Geschlechtsgenossinnen als den Aerzten zu entdecken. 



Aristoph. nub. 767 mit schol. 

Demosth. in Aristogiton. 793; Menand. frgm. p. 42 Meineke. 
) Die mit * versehenen Ausdrücke gebrauchen die Hippokratiker. 



Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 191 

Denn jene waren die geborenen Geburtshelfer, die mit freundlichem 
Zuspruche, Zurufen, Liedern, Zaubergesängen, Beschwörungen und 
Arzneien Beistand leisteten. Auch sonst waren sie gefällig und lieferten 
Abortivmittel und Liebestränke; ja sie waren in Ausnahmefällen zu 
den niedrigsten Diensten, zu Kuppelei und anderen Verbrechen bereit. 
Hebammen mussten, um tüchtig zu sein, geboren haben, aber keine 
Geburten mehr erwarten. Sie belehrten über den Eintritt der Geburt, 
beschleunigten und erleichterten sie, manchmal auf rohe Weise, trennten 
die Nabelschnur und belebten — oder töteten — scheintote Kinder, 
indem sie das Blut der Nabeigefasse nach innen zurückdrängten. Ihre 
Ausbildung fanden sie vermutlich nur bei älteren Hebammen; hin- 
gegen kann ich Häser nicht einräumen, dass die Unterbringung 
Schwangerer in der Wohnung von Hebammen aus Aristoph. Lys. 746 f. 
hervorgehe, wo die angeblich Kreissende vielmehr bittet „heim" {or/.aöt) 
gehen zu dürfen. Aufklärungen über das attische Hebammenwesen 
verdanken wir dem Umstände, dass Sokrates' Mutter eine ehrbare, 
angesehene und barsche f^iala war.^) Auch Sparta hatte zweifellos 
weibliche Geburtshelferinnen, trotz des archaischen Steines, auf welchem 
2 männliche Dämonen (die Tindariden) eine Spartanerin entbinden.-) 
Eine anmutige Fabel erzählt uns Hyginus Nr. 274. In Athen habe 
es in älterer Zeit keine Hebammen gegeben, da den Frauen und 
Sklavinnen die Ausübung der Heilkunst verboten war. Da habe 
Agnodike, als Mann verkleidet, bei einem Arzte Hierophylus, den man 
für Herophilos gehalten hat, Unterricht genommen und den Gebärenden 
Hilfe geleistet. Von den Aerzten aus Brotneid vor dem Areiopagos 
verklagt, sei sie auf Fürbitte der vornehmsten Athenerinnen frei ge- 
sprochen, und so sei das Gesetz aufgehoben worden.^) 

Das älteste uns erhaltene Hebammenbuch ist das des Soranos (w. s.). 

10. Die ältesten griechischen Aerzteschulen, Kyrene, Kroton, Sicilien, 

Rhodos, Knidos, Kos. 

1. Grosser, Gesch. u. Älterthümer d. Stadt Kroton, Theil I, Minden 1866. — 
2. StitdniczJi'ft, Kyrene, Eine altgriech. Göttin, Leipz. 1890. — S. X^rjoTiSr^s, 
Iviloyos X.XIY 189213, ersch. 1895 {über die loissenschaftl. Methode). — 4. Con- 
radi, Bemerkungen ü. d. niedic. Grundsätze d. kölschen u. knid. Schule. Ahh. d. 
K. Ges. d. Wiss. zu Göttinyen VII 1856, S. 131 ff. — 5. Houdart, Hist. de Ui 
niedec. yrecque depuis Esculape etc., Paris 1856 [mit Vorsicht zu benutzen!). — 
6. Idzerdftf Specimen medicum inaugurale continens doctrinam de morbis cutaneis 
secundum Hippocratem, Gronningae 1836 (Einleituny). — 7. llherg. Die medic. 
Schrift „lieber die Siebenzahl'\ Griech. Stud. — H. Lipsius dargebracht, Leipz. 1894 
S. 22 ff.; 35 ff. — 8. Hippocrate par Littre IV S. XV ff.; VII 304 ff. — 9. C\ T. 
Newton, A history of discoveries at Halicarnassus, Cnidus and Branchidae, Lon- 
don 1862 f. 2 Bb.; Travels and discoveries in the Levant, Land. 1865; Journ. des 
savants 1866. — 10. Meinusat, Sur Hippocrate et Cnide, Reo. des detix mondes 
1857 f. — 11. Spät, Die Begründung der „Humoralpathologie^^ in der Schule von 
Knidos, Wien. Min. RundscJtau 1897 Nr. 47 [Nicht einwandfrei). — 12. Barth, 
De Coorum tituloruni dialecto, Diss., Basil. 1896. — 13. JJubols, De Co insula. 
Diss. Lutet. Paris. 1884 {Karte, 2 Pläne). — 14. Herzog, Koische Forschungen u. 
Funde, Leipz. 1899; Koios und Kos. Hermes XXX 154 f. — 15. Kiihlewein, Kos 
und Knidos. Eine kulturgesch.-archäol. Skizze, Westernuinns Illustr. Monatshefte 
LIII 1882, S. 393 ff. — 16. Lietard, La medecine grecque avant Hippocrate. 
Extrait du Bulletin medical des Vosgcs 1896 Nr. 41. — 17. Malgaigne, Sur 



') Plat. Theaet. p. 149 ff. 

2) Marx, Athen. Mitth. X Taf. 6. 

^) Wiener mediz. Presse 1895 Nr. 46 Sp. 1753. 



192 Robert Fuchs. 

V Organisation de la meclec. et chir. avant Hippocrate, Journ. de medecine et de chir. 
1846. — 18. Pantelides, Itiscriptions de Vile de Cos, Bull, de corresj). hellen. V 
1887. — 19. JPaton and Hicks, Inscriptions of Cos, Oxford 1891. — 20. l*ingel, 
Zur Gesch. d. griech. Heilkunde {Herodotos III 131), Fleckeisens Jahrhh. f. class. 
Philol. 1895 S. 183. — 21. Pullan, Report on the island of Cos. — 22. Bayet, 
Memoire sur l'ile de Cos, Arch. des missions scientif. Serie III tome III 1876 {Karte). 

Eine der ältesten Pflegestätten der Medizin war Kyrene, jetzt 
Grenne, die im Jahre 631 v. Chr. gegründete Kolonie von Thera. 
Kyrene wurde bald von der Hauptstadt der Landschaft Kyrenaia (lat. 
Cyrenaica) zur zweitgrössten nordafrikanischen Stadt. Von einer be- 
sonderen Aerzte schule ist nichts überliefert, wir wissen nur von der 
Pflege der Philosophie und Mathematik. Als Demokedes den Polykrates 
von Samos (f 522 v. Chr.) behandelte, erfreuten sich die kyrenaischen 
Aerzte nach den Krotoniaten des höchsten Ruhmes (Herod. III 131). 
Das oiXcpiov, ^) silphium, laser(pitium), ist die Pflanze, der Kyrene sein 
Wappen (Münzen) und seinen Reichtum verdankt. Kr o ton in 
Bruttium, am Aisäros gelegen, erhielt seine Aerzteschule wahrschein- 
lich durch Kalliphon, den Vater des Demokedes, einen knidischen 
Asklepiaden, wenn ei- nicht etwa die bereits bestehende Schule bloss 
zur Blüte gebracht hat. Als Demokedes von Kroton floh, 4 Jahre 
vor dem Tode des Polykrates, also 526/5 v. Chr., war er bereits ein 
tüchtiger Arzt (Herod. III 131); also muss die Gründung der Schule 
wesentlich vor diese Zeit fallen. An ihr studierten die Pythagoreer 
das medizinische Nebenfach der Philosophie. Hippäsos, etwa 450 v. Chr., 
wird sowohl als krotoniatischer, als auch als metapontischer Arzt be- 
zeichnet (lambl. vita Pytliag. 81; 267). Sein Zeitgenosse Hippon er- 
warb sich in Kroton gründliche Kenntnisse in der Physiologie. Dass 
er eher Philosoph als Ai-zt war, wurde oben angedeutet. Dieses gilt 
auch für Philoläos (Anon. Lond. XVIII 8 p. 31 = Beckh-Spät 25 0".). 
Will man eine sicilische Schule unterscheiden, so kann man dieser 
PhilistTon, Empedokles, Pausanias und Akron zuweisen. Als die 
rhodische Schule unterging, deren Blüte schwerlich lange gedauert 
hat und deren Geschichte in Dunkel gehüllt ist, da wetteiferten von 
den asiatischen Schulen Knidos und Kos mit einander (Galen. X 5). 
Die meisten und besten Choreuten im Wettkampfe stellte Kos -) (a. a. 0.). 
Herodotos lobt allerdings bloss die Krotoniaten und Kyrenaier. Von 
den Werken der Alten über Knidos (jetzt Kap Kuio, lakedaimonische 
Kolonie in der asiatischen Doris) ist nichts erhalten. Die Schriften 
von Poseidippos, Aristeides, Demognetos, Theoporapos sind unterge- 
gangen; wir wissen nur, dass der Letztgenannte im 12. Buche aus- 
sagte, dass die kölschen und knidischen Aerzte Asklepiaden gewesen 
und dass die ersten Nachkommen des Podaleirios von Syrnos ge- 
kommen seien.-') Ausser den knidischen Schriften des Hippokrates- 
corpus besitzen wir nur einige Citate zur Orientierung. Die früheste 
Erwähnung kölscher Aerzte findet sich Pseudhipp. de legat. (Littre IX 



^) Die zu Plinius' Zeiteu bereits verschoUeue Panacee (bist. nat. XIX 15) ist 
endlich von Kronfelder als eine Art Narthex L. == Steckenkraut nachgewiesen 
worden, die . sich bloss in Kaschmir findet (Die Arkesilas-Schale u. das Silphium. 
lanus III 1898 S. 22 ff.). 

-) 366 V. Chr. wurde Kos, jetzt Xco^a = „Land", Hauptstadt der Insel. Die 
Geschichte der Insel schrieb Makareus (Athen, dipnos.). Berühmt, auch in der Heil- 
kunde, sind die koischen Weine, besonders das vinum Hippocoum, nach dem ager 
Hippo = Jetzt S/jßos 'Innia benannt. 

3) Phot. biblioth. p. 120 B ed. Bekker. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 193 

408). Um 584 v. Chr. nach Häser (3. Aufl. 103), nach Curtius Be- 
rechnung wahrscheinlich noch früher, riefen die von den Einwohnern 
Kirrhas hart bedrängten Apollonpriester zu Delphoi angeblich den 
Asklepiaden Nebros und seinen Sohn Krisos aus Kos zu Hilfe. Die 
Einwohner von Kirrha vergifteten aus Rache hierfür den Fluss 
Pleistos und erzeugten so eine Seuche. Fest steht, dass die Anfänge 
beider Schulen mindestens um Generationen vor Hippokrates zurück- 
lagen und dass zunächst nur die Angehörigen des Geschlechts einen 
gemeinsamen Kultus hatten, vermutlich den des fJQcog ATiatrig i4ayla7ri6g, 
der sich zum Hauptgotte weiter entwickelte. Das Geschlecht besass 
bereits zu Anfang des 5. Jahrhunderts v. Chr. eine grosse Bibliothek ^) 
(Archiv) und eine reiche Litteratur, -) wie sie Pseudhippocr. de vet. 
medic. 1 voraussetzt und L i 1 1 r e I 55 iff. und 232 f. belegt, sogar populär- 
wissenschaftlicher Art (Pseudhippocr. de affect.). -) Auch für die Zeit 
des Sokrates bestätigt es Xenoph. memor. IV 2, 10: ,,denn es giebt 
auch viele Schriften der Aerzte." Welche vorhippokratischen oder 
mit ihm gleichzeitig lebenden Aerzte dem Namen nach bekannt sind, 
wird im nächsten Kapitel gezeigt werden. 

1 1 . Vorhippokratische oder zeitgenössische Aerzte des Hippokrates. 

Litteratur: s. oben. Ausserdem: 1. Weniger, Erlebnisse eine griech. Arztes. 
Samml. gemeinnütz, u-issensch. Vo7-tr. Heft X. F. 104. — 2. Wet'tner, Demokedes 
aus Kroton. Altärztl. Lebensbild aus Griechenl. Bohlfs Deutsch. Arch. f. Gesch. 
d. Medic. u. med. Geogr. Y 1882, S. 205 ff'. — 3. Ctesiae Cnidii quue supersunt — 
Cum interj)retafione Lat. Henrici Stephani aliorumque — adiecit Alb. Lion. Gottingae 
1823. — 4. Sjfief/el, Ktesias als Geschichtsschreiber, Ausland 1877 JVr. 33. — 
5. Wertner, Altorient. Curgeschichten IL Cursaison 1883; Ueber d. Stetig, d. 
ärztl. Standes im Alterth., Bohlfs Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Medic. YIII 1885, 
S. 188. 

Am wenigsten ist uns bekannt von Pj'thokles. von dem 
Pseudhippocr. epid. V 56 bloss berichtet: „Pythokles gab den 
Patienten Wasser und mit vielem Wasser versetzte Milch zu trinken." 
Diese Vorschrift würde zu den knidischen Regeln gut passen. Epid. 
VII 112 wird dem Halikarnassier im Hause des Xanthippos nach der 
Vorschrift des Mnesimächos zur Ader gelassen, aber er stirbt an 
dadurch entstandener Phrenitis. Auch die Knidier übten starken 
Aderlass, jedoch ist erst bei den folgenden Aerzten die Zugehörigkeit 
zur knidischen Schule zu ermitteln gewesen. Ueber Kalliphon, 
Hippäsos, Hippon und Philoläos wurde bereits gesprochen. 
Von Polykritos von Mende ist nur zu sagen, dass er als Ge- 
fangener am persischen Hofe gleichzeitig mit Ktesias kurierte, und 
von Theomedon ist nur der Name zu verzeichnen. 

Demokedes von Kroton, Sohn des knidischen Asklepiaden 
Kalliphon, war am Hofe des Polj^krätes von Samos, als dieser 
522 V. Chr. durch den persischen Satrapen Oroites gekreuzigt wurde. 
Er war damals nach Herod. III 131 erst 4 Jahre von Kroton fort, 
das er wegen des Jähzorns seines Vaters verliess (526'5). Er muss 
in Kroton schon längere Zeit praktiziert haben ; denn trotz des Mangels 



^) Nach Weisungen für Kos und Knidos bei Houdart (5) S. 271, und zwar 
Andreas von Karvstos, Soranos und Tzetzes. 

2) A. a. O./S. 205 ff.: 269 ff. Vgl. oben Herodikos, Kap. 8; unten Pythokles, 
Mnesimächos. 

Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 13 



194 Robert Fuchs. 

jedweder Ausrüstung ^) war er in Aigina der gesuchteste Arzt. Daher 
wurde er im 2. Jahre als ör^f.uovQyhg unter glänzenden Bedingungen 
angestellt (s. Kap. 7), im 3. nach Athen als solcher bei'ufen und im 4. 
als Leibarzt des samischen Tyrannen angestellt und nach Ermordung 
dieses sowie seines Mörders Oroites als Sklave zu Dareios I., dem Sohne 
des Hystaspes, nach Susa gebracht. Als Dareios auf der Jagd der 
Knöchel aus dem Gelenke sprang, quälten ihn die ägyptischen Aerzte 
durch gewaltsames Einbinden des Gliedes so, dass er 7 Nächte nicht 
schlafen konnte und auf das Aeusserste gefährdet wurde. Mit Fesseln 
und Lumpen angethan, wurde der zufällig dem Könige genannte 
Demokedes herbeigeholt und unter Androhung von Geisseihieben ge- 
zwungen, seine verheimlichte Kunst zu bethätigen. Dareios, wider 
Erwarten bald vollkommen genesen, lohnte ihm die milde Behandlung 
der schmerzhaften Verletzung mit 2 Paar goldenen Fesseln, und als 
der Arzt die Gabe als „doppeltes Uebel" bezeichnet, überschütteten 
ihn auf Geheiss des Grosskönigs die Haremsfrauen mit Gold. Dareios 
erhob hierauf seinen Eetter zum Genossen der königlichen Tafel und 
begnadigte auf seine Fürsprache die ägyptischen Aerzte. Bald darauf 
behandelte er die Königin Atossa wegen Mastitis und erreichte durch 
sie seine Entsendung nach Hellas an der Spitze einer Kundschafter- 
expedition. Es gelang ihm, von Taras nach Kroton zu entkommen und 
dort bei den Bürgern gegen die ihn aufgreifenden Perser Schutz zu finden. 
Zum Abschiede trug Demokedes den Persern auf, seine Verlobung mit 
der Tochter des Athleten Milon dem Grosskönige zu melden. Nach 
lamblichos (vita Pythag. 257 If.) soll Demokedes später die von Kylon 
verjagten Pythagoreer gegen Kroton geführt haben und dabei ums 
Leben gekommen sein. Aber diese Nachricht geht auf den Schwindler 
Apollonios von Tyäna zurück, und ausserdem wissen weder die übrigen 
Gewährsleute, noch lamblichos selbst (267) von der Zugehörigkeit zu 
den Pythagoreern auch nur das Mindeste. Suidas erwähnt ein ärzt- 
liches Werk des Demokedes, der in den indices Pliniani ebenfalls ge- 
nannt wird; jedoch liegt der Verdacht nahe, dass die Späteren, die 
von dem Inhalte nichts wissen, das fingierte Buch einem möglichst 
alten Arzte beigelegt haben, gleichwie auch Kadnios das erste Prosa- 
werk verfasst haben soll.-) Auch um die Anatomie hat sich Demo- 
kedes (W achtler a. a. 0., S. 90 f. Anm. 1) verdient gemacht. 

Euryphon von Knidos ist ein etwas älterer (Soran. vita Hippocr.) 
Zeitgenosse des Hippokrates. Er war der Anatomie kundig (Galen. 
XV 135). Die Entstehung der Krankheiten erklärte er also: „Wenn 
der Leib die erhaltene Nahrung nicht entleert, so entstehen Üeber- 
schüsse, die nach dem Kopfe zu emporsteigen und so die Krankheiten 
herbeiführen. Wenn jedoch der Leib fein und rein ist, so geht die 
Verdauung in gehöriger Weise vor sich; andernfalls tritt das Er- 
wähnte ein." ^) Er schrieb auch über die 7celLi] vooog = die bleiche 
Krankheit (Galen. XV 136; XVII, I 888), wie sie in der knidischen 
Schrift de morb. II 68 des Hippokratescorpus ebenfalls beschrieben 
wird. Das Bruchstück über die Ttshag, das uns Galenos überliefert, 
beweist, dass Euryphon der Verfasser von de morb. II nicht sein 
kann. Es handelt sich um ein trockenes Fieber mit Schauern, Kopf- 



^) So Herod. a. a. 0.; s. dagegen Euseb. praep. ev. XVII 2 p. 791. 
') Wachtier, De Alcmaeone Crotoniata, Lips. 1896, S. 20. 
'') Anon. Londin. IV 31 ff. (Beckh-Spät 7). 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 195 

schmerz, Leibschmerz, Gallenerbrechen, Versagen des Gesichts, Schmerz- 
gefühl u. s. w. ; die Lippen sehen aus wie bei einem, der Maulbeeren 
verzehrt hat, zuweilen treten häufige Wechselzustände ein. Bei Be- 
sprechung der Hämorrhagien behauptete er im Gegensatze zu Hippo- 
krates, dass sie auch aus den Arterien erfolgen (Cael. Aurel. morb. 
cliron. II 10). Littres Schluss (I 214), die koische Schule habe 
deshalb die Luft mehr oder weniger auf die Arterien beschränkt, die 
knidische hingegen in Arterien und Venen Blut und Luft voraus- 
gesetzt, ist eine wahrscheinliche Hypothese. Schmerzen in den Ein- 
geweiden (tormentum) nannte er xogöaipög. Er bezeichnete die Zeit 
als seine Lehrmeisterin. Die Schwindsucht behandelte er, wie vieles 
andere, mit Esels- und Frauenmilch und mit dem Glüheisen. Zur Er- 
kundung der Konzeptionsfähigkeit setzte er das Weib auf einen Geburts- 
stuhl (?) und machte eine Räucherung (Soran. I 9, 34). Die Verhaltung 
der Nachgeburt hob er durch urintieibende Arzneien aus Diptamdosten 
und Salbei oder durch bluttreibende Pessarien oder durch Schütteln 
der an einer Leiter festgebundenen Wöchnerin (I 22). Bei Uterus- 
prolaps hing er die Frau Tag und Nacht kopfüber an' einer Leiter 
auf, liess sie dann rücklings zurückfallen und verabreichte ihr als 
Nahrung kalten Getreideschleim. Dabei berechnete er die geeignetsten 
Tage falsch (II 31, 85). Mit Unrecht sind ihm beigelegt worden die 
pseudhippokratischen Schriften : de diaeta, de victu salubri, de morbis II, 
de morb. int. Auch von den Kviöiai yvCuiiai kann er nicht Urheber, 
sondern höchstens Miturheber sein (s. unten). Er oder sein Sohn oder 
Enkel gleichen Namens wird von dem ältesten Komiker Piaton ver- 
spottet, weil er dem hageren Schwindsuchtspropheten Kinesias wegen 
Empj'ems unzählige Glüheisenmale am Körper beigebracht hat.*) Jeden- 
falls hat Euryphon die spätere Medizin noch beeinflusst.-) Nach ihm 
behauptete z. B. Herophilos, dass bei Pleuritis die Lunge leide (Cael. 
Aur. ac. m. II 16), nannte Praxagoras noch die Eingeweide und den 
Ileus unterschiedslos yoQÖal (a. a. 0., III 17), schlug noch Asklepiades 
die Geschwulst bei Wassersüchtigen mit gefüllten Blasen (morb. 
chron. III 8). 

Ktesias, Asklepiade (Galen. XVIII, I 731), war des Ktesiarchos 
oder Ktesiöchos Sohn und knidischer Arzt (Suidas). Im Heere des 
Kyros gegen dessen Bruder Artaxerxes Mnemon dienend und in der 
Schlacht bei Kunaxa von diesem gefangen, stand er bei ihm 17 Jahre 
lang wegen seiner ärztlichen Tüchtigkeit in Ehren (Diod. Sic. II 32; 
danach Tzetz. ribr. bist. Alpha, chil. I 82). Von persönlichen Be- 
ziehungen zu Hippokrates weiss die Ueberlieferung nichts ; denn avyysvrjg 
(Galen. XVIII, I 731) heisst bloss „Zeitgenosse". Seine geographischen 
Werke neqai/.a, 'Ivdtxa u. s. w. interessieren uns hier nicht. Er tadelte 
Hippokrates Avegen der Ansicht, dass sich der Oberschenkel dauernd 
reponieren lasse (a. a. 0.). Es ist aber nicht auszumachen, ob diese 
Kritik in einem eigenen ärztlichen Werke oder als Bemerkung in einer 
geogi-aphischen Schrift enthalten war. Gegen Ktesias wiederum wandte 
sich als Verteidiger des Hippokrates Diokles (Galen. XVIII, I 736). 
Ein Bruchstück über el/JßoQog (Nieswurz) hat Oreibasios erhalten (ed. 
Bussem. und Daremb. VIII 8). Danach war diese Pflanze zur Zeit 
seines Vaters noch ungebräuchlich, so dass man die Kranken zu seiner 



^) Fragm. poet. comoediae antiquae ed. Meineke 11 2 S. 679 f. 
^) Ermerins (Hippocr. III p. XII) übertreibt, wenn er sagt : mehr als Hippokrates. 

13* 



196 Robert Fuchs. 

Zeit auf die häufige tödiiche Wirkung dieser Arznei hinwies und erst 
allmählich mit ihr umgehen lernte. Er erwähnt auch eine wohl- 
riechende indische Salbe ycdoTtiov (Photii Bibl. p. 49. 33 Schneid.). 
Nach Photios schrieb er, wenn auch nicht durchweg, ionischen Dialekt 
(p. 45 A 7, 20 Bekk.) ; seine Werke waren zur Zeit des Galenos noch 
vorhanden. 

Der kölschen Schule gehört an Aineios, Grossoheim des Hippo- 
krates, an welchen ein in Athen aufgefundener Marmordiscus mit seinem 
Porträt und mit einem Epigramm erinnert. Sein Weihgeschenk be- 
weist, dass sich die kölschen Aerzte bereits gegen Ende des 6. Jahr- 
hunderts V. Chr. eines grossen Ansehens erfreuten, i) Etwas älter als 
Hippokrates ist Apollonides von Kos, Leibarzt des Artaxerxes I. 
Longimänus (465 — 424 v. Chr.) von Persien. Als solcher heilte er eine 
schwere Wunde des Megabyzos. Wegen Vergehungen mit der Schwester 
des Königs Amytis w^urde er mit dem Tode bestraft (Ctes. 30; 42). 
Wenn Hippokrates in den gefälschten Schriften decret. Athen., epist. 
1 — 9 Artaxerxes I. schroif zurückweist und sich weigert, zu dem Hellenen- 
feinde als Arzt zu kommen, so kann hierin ein Anklang an jenes 
Ereignis gefunden werden. Anhangsweise, um später nicht wieder 
darauf zurückkommen zu müssen, seien wenigstens genannt: Melanthios 
(Herzog 151), des Demetrios Sohn, dessen in Halikarnassos gefundener 
Grabstein verkündet: „Dieses Stück (oder: „Koische Erde"; denn es 
ist eine Lücke) Erde birgt (mich?) einen Greis, ganz frei von Kümmer- 
nis"; Kallignötos von Kos, auf den Agathias ein bissiges Epigramm 
gedichtet hat (Anthol. Palat. XI 382); Xenokrätes von Kos, der 
durch ein von Praximönes beantragtes Ehrendekret der Koer aus- 
gezeichnet wurde (Herzog 20); dann aus römischer Zeit C. Julius 
Protoktetos äQxiarQog (= Gemeindearzt) in Kos (Herzog 92); 
Nikomedes aus Smyrna, von dem zwei Epigramme erhalten sind, wohl 
dem 3. Jahrhunderte n. Chr. zugehörig und in einen Aesculapiustempel 
in Rom gespendet. Das Werk, dessen Kopie die Epigramme erläutern, 
stand im kölschen Asklepieion und rührte angeblich von Boethos aus 
Karthago her (Herzog 131 f.). Die übrigen Aerzte aus Knidos und 
Kos werden ein jeder an seinem Platze aufgeführt werden. 

Hippokrates. 
12. Lebensgeschichte. 

1. „Vom Vater der Aerzte", Europa 1879 Nr. 22. — 2. Ackermann, Hist. 
litteraria Hippocratis [ed. Kühn I). — 3. Anderson, Medico-chirurgical notes on 
the tvorks of Hipjjocrates and Galen. Medical Neics 1895. — 4. Auber, Institutions 
d' Hippocrate, Paris 1864. — 5. JBarthez, Discours sur le genie d'Hippocrate s. des- 
selben Nouveaux elements de la science de Vhomme, 3. Aufl., Paris 1859. — 6. 
Jßeglie Warburton, Hippocrates, Ms life and writings, Edinburgh 1872 {auch 
Brit. medic. journ. 1872). — 7. Boulet, Dubitationes de Hippocratis vita, patria, 
genealogia, forsan mythologicis, et de quibusdam ejus libris nmlto antiquioribus quam 
vulgo creditur, Paris, these, an XII = 1804 {Curiosum!) — 8. Boy er, Etüde sur 
l'Hippocratisme, le Traditionalisme, VEclecticisme progressifs de Vecole de Montpellier, 
Montp. medical XL VII 1881. — 9. Brian, Gazette hebdomadaire 1857 Nr. 29; 
1858 Nr. 15, das angebliche Grabmal des H. betreffend. Becensionen in Canstatfs 
Jahresber. 1857 f.; Schmidfs Jahrbb. XLV 251. — 10. Dareniberg, Hist. des 



^) Herzog-, Koische Forsch, u. Funde, Leipz. 1899 S. 151 ; 200 f. Von bekannteren 
Namen seien erwähnt: Pythodötos, Gorgias, Gnosidikos, HippolÖchos. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 197 

Sciences medic, Paris 1870, 1 89 ff. — 11. Duncnn, Edinburgh medical journ. 
XXII 1876. — 12. Finckenstein, H. u. seine Zeit, Deutsche Klinik 1861. — 
13. FinlaysoUf Hippocrates. Gkisgoiv medical journ. 1892. — 14. Fishev, 
Historical and hiographical notes on Hippocrates. Ann. a)iat. and surg. III 1881. 

15. Freund, Blicke ins Culturleben: Ueber die Person des H., Breslau 1879. — 

16. (lel Gnizo, II genio d' Ippocrate. Memoria letta alVAccademia Pontmiiana etc., 
Napoli 1897 [Atti deW Accad. Pont. XXVIl). — 17. Gomperz, Griech. Denker, 
Leipz. 1896, I 238 ff. — 18. Gregoras, Krit. Betrachtungen ü. d. Leben «. d. 
Lehre des H., Diss., Erlangen 1886. — 19. Grosshause r, Aesculap u. H., Wien 
0. J. — 20. de Hot/OS Lhnon, Espiritu del ^Hippocratismo en su evolucion con- 
temporanea, Sevilla 1854. — 21. Houdart, Etudes hist. et crit. sur la vie et la 
doctrine d'Hippocrate, et sur Vetat de la medec. avant Itii, 2. Auft., Paris 1840 
(Vorsicht!). — 22. Union s. 20. — 23. llherg, Ueber das Hippokratische Corpus. 
Verh. der Philologen- Vers, zu Görlitz 1889; Die Hippokrates-Ausgaben des Artemidoros 
Kapiton und des Dioskurides. Rhein. Mus. N. F. XLV 1890; Zur Deberlieferung 
des Hippokratischen Corpus. Ebda. XLII. — 24. Jfschner, Vom Vater d. Medic. 
Gegentcart 1898 Nr. 47. — 25. Kraus, Ueber d. Hippokratismiis. Äntrittsvorlesg. 
Mitth. d. Vereins d. Aerzte in Steiermark 1894. — 26. Legallois, Recherches 
chronologiques sur Hippocrnte. Pai'is 1804. — 27. Hippocrate jmr Littre I l ff. — 
28. Marius, Dissertatio de vita Hippocratis. Wirceburgi 1838. — 29. 3Ioreau de 
la Sarthe, Notice sur Hippocrate, Paris 1810. — 30. Oettinger, Hippocratis 
vita, 2)hilosophia et ars medica, Berolini 1836. — 31. Chr. Petersen, Zeit u. Lebens- 
verhältnisse des H. = Philologus IV 1849, S. 209 ff — 32. Jul. Petersen, Ueber 
d. Hippokratismus. Vortrag. Verh. d. Congr. f. inn. Med. in Wiesbaden 1889. — 
33. Pucchiofti, Dtlla sapienza d^Ippocrate, e della neeessitä di ristabilirc la medicina 
ippocratica in Italia, Napoli 1858. — 34. Hemusat, Sur Hippocrate et Cnide'. 
Rev. des deux mondes 1857 f. — 35. Heinr. Bohlfs, Ueber d. Geist d. Hippokrat. 
Medic. Rohlfs' Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Med. IV 3 ff. — 36. Sari, St^idien ü. 
H, Florenz 1846. — 37. O. Schnitz, Hippokratiske näzory o puvodu usic, Prag 
1895. — 38. Sourlangas, Etüde sur Hippocrate, son oeuvre, ses idees sur Vinfection 
et ses moyens antiseptiques, Paris 1894. — 39. Wiirburton s. Beglie. — 40. 
Porträt. Medical Class. Public. Comp., New York 1888. 

Der Name „Hippokrätes" war im Altertum sehr häufig. Wir 
kennen 7 Aerzte und 1 Tierarzt dieses Namens. An Lebens- 
beschreibungen stehen zu Gebote: 1. Die vita Soräni, die entweder 
aus dessen ßloi iaxqCov entnommen oder nach ihnen gearbeitet ist und 
durch den citierten Koer Soranos auf die koischen Archive, ferner 
auf Eratosthenes aus Kyrene (etwa 240 v. Chr.), Pherekydes, Areios, 
Apollodöros (etwa 140 v. Chr.) und Tharseus zuriickführt ^); 2. die des 
Suidas (etwa 1050 n. Chr.)'^); 3. die des Tzetzes (etwa 1150 n. Chr.; 
chil. VII 155). Zu Rate zu ziehen sind nebenbei: 4. Steph. Byzant 
unter KCbg nach Herennius Philon ; 5. die gefälschten Briefe, die meist 
anekdotenhaft sind. decr. Athen., de legal. ; 6. andere Schriftsteller, z. B. 
Piaton und Aristoteles. Wie angesiclits dieser Zeugnisse Boulet (7) 
bestreiten konnte, dass es einen Hippokrates gegeben habe, ist uner- 
findlich. Der Name 'l7t7toY.QdTr^Q zunächst hat in der Ueberlieferung die 
mannigfaltigsten Veränderungen erlitten. Sehr häufig begegnet in den 
Handschriften ^IrcTtoAgatf^g, Hipocras u. ä. Der über glossarum hat 
Yppocratis und Epocratis, und Hippokras ist eine aus dem ^Mittelalter 
herübergerettete, wohlbekannte Form. Die Namens Verstümmelungen 
bei den Arabern gehen so weit, dass Hippokrates (Bukrät) und So- 
krates (Sukrät) geradezu identisch erscheinen. 

Ueber das Geburts- und Todesjahr des „Hippokrates IL des 
Grossen" haben wir keine eindeutige Ueberlieferung. Kedrenos (ed. 
Basil. p. 118) lässt ihn zur Zeit des Dareios, des Hystaspes Sohn 



1) Vgl. Galen. III 850. 

*) Unter 'InTioxfaTr^i, Km», .Joäxcof, &eaaa?.6s, Popyias, .Je^i-rnoi-, .^qfioxoiroi. 



198 Robert Fuchs. 

(521 — 485 V. Chr.), Ruhm erwerben, Eusebios-Hieronymus Ol. 86, 2 
bezw. 86, 1 = 434/433 bezw. 435/434 v. Chr. Petersens Ansatz, vor 
470, wird von P e t r e q u i n (Chirurgie d'Hippocrate I 32 ff.) widerlegt. 
Gr egoras (18) kommt auf 470, indem er sagt: Histomachos (Sor.) irrt, 
wenn er 460 angiebt, denn dann hätte Hippokrates der athenischen 
Pest (Frühsommer 431 ff.) nicht durch Entsendung seiner Söhne und 
seines Schwiegersohnes entgegentreten können, da er mit 29 Jahren 
keine erwachsenen Nachkommen gehabt haben kann; dazu passt, dass 
bei Aul. Gell. XVII 21 Hippokrates als älterer Zeitgenosse des Sokrates 
erscheint. Zu unbestimmt ist die Angabe bei Synkellos (248 B; 
253 D), dass er zur Zeit des römischen Diktators Rufus Larcius 
501 berühmt und Zeitgenosse des Demokritos, Empedokles, Zenon, 
Parmenides und Artaxerxes Makrocheir (465 — 425) gewesen sei. Auch 
Eusebios-Hieronymus, die seine Blüte um 436 — 432 ansetzen, und 
Piaton, dessen Protagoras dem wenigstens nicht widerspricht, ergeben 
nur einen mangelhaften Anhalt, wenngleich der ersteren Angaben 
auf Apollodöros und somit auf Eratosthenes fussen werden. Wie sonst 
verdient vor dieser Tradition die genauere Angabe in der vita Sorani 
(nach Histomachos 7teQi Trjg 'irtTtoAQaxovg aigioeiog I) den Vorzug, dass 
Hippokrates am 26. Agrianos oder Agrianios Olymp. 80, 1 = 460 459 
auf Kos geboren sei unter dem Monarchen Habriädas ; denn sie ist den 
koischen Urkunden entlehnt, ist auch heute allgemein anerkannt. 
Nach Suidas und Tzetzes starb er, 104 Jahre alt, Olymp. 106, 1 = 
356/355. P e t r e q u i n verringert sein Leben auf das wahrscheinlichere 
Mass von rund 85 Jahren und kommt so zu etwa 375. Von dieser 
einigermassen zuversichtlichen Begrenzung weichen andere mehr oder 
weniger ab; 377 nehmen Sprengel und Fr öl ich, 377/359 Christ, 
376/373 Schulze, 370 Wertner an. Als Grabstätte bezeichnen 
Suidas Larl(s)sa, Soranos und Tzetzes eine Stelle zwischen Larissa und 
Gyrtön(e) in Thessalien. Dass Samartsidis im Jahre 1857 bei dem 
heutigen Tyrnabe (= Gyrton) das Grab und den Sarkophag mit In- 
schrift entdeckt hätte, hat ihm trotz der Beihilfe der Zeitung 'Einig 
niemand geglaubt (Petrequin I 25).^) 

Das Hippokratesporträt in einem Cod. Bononiensis beruht auf 
Phantasie. Zweifel bestehen bezüglich der Büste aus der Villa Albani, 
abgebildet bei Christ, Gesch. d. griech. Litt., 2. Aufl., München 1890 
Taf. 21. Die Litteratur über HippokrateslDilder findet man bei 
Fabricius-Harles Bibl. Graeca II 507 Anm. m und Visconti, 
Iconographie grecque I 379 ff. Der Stammbaum ist verschieden 
überliefert, da die mit einander wetteifernden Aerzteschulen ihre Sonder- 
interessen darin zum Ausdrucke brachten ; doch werden die Hippokrates 
nahe stehenden Generationen als geschichtlich gelten dürfen. Leider 
ist der Stammbaum, den C. Stertinius Xenophon für Kaiser Claudius 
aus Kos verschrieb, bei Tacitus (annal. XII 61) nicht überliefert; wir 
würden sonst auch in der Zeitbestimmung mehr Stützen gewinnen. -) 
Nach Soranos gehört Hippokrates der 20. Generation des Asklepios und 
der 19. des Herakles an, nach Tzetzes der 17. des Asklepios. Sein 
Vater war der Arzt Herakleides (Sor.), seine Mutter war Praxithee, die 



1) Vgl. Brian, Gazette hebdomadah-e 1857 Nr. 29: 1858 Nr. 15. — Caiistatt's 
Jahresbericht 18571 — Rosenbanm, Schmidt's Jahrbb. XLY 251 if. 

■^) Herzog, Koische Forsch, u. Funde, Leipz. 1899 S. 97: 200 f. hat alle Nach- 
weisungen auf Grund der Inschriften beigebracht. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 199 

Tochter der Pliainarete (epist. 2), oder Pliaiiiarete (Sor., Tzetz.). Als 
Grossoheime werden Aineios (s. oben) und Podaleirios. ^) als Grossvater 
Hippokrates I., Enkel des Nebros, genannt. Den ärztlichen Unter- 
richt erteilte der Täter. Dass ihm Herodikos von Selymbria (Sor., 
Tzetz.) gymnastische Stunden gegeben habe, ist ebenso unsicher wie 
der Bericht, dass er Schüler des Gorgias. Prodikos und Demokritos 
gewesen sei. Bei Herodikos steht entgegen, dass Hippokrates an- 
scheinend Athen nicht besuchte. Gorgias, den hochbetagten Ehetor, 
könnte er in Larissa gesehen haben. Bei Demokritos könnte an ein 
oberflächliches Zusammentreffen in Abdera gedacht werden. Am zweifel- 
haftesten aber sind die Beziehungen zu Prodikos, dem Sophisten. Hippo- 
krates unternahm nach glaubwürdiger Ueberlieferung grosse Reisen 
durch Hellas. Es war dieses einmal der allgemeine Zug jener Zeit, 
sich auf Reisen zu bilden, statt daheim die Schule fortzupflanzen. Ferner 
aber war zweifellos ein lebhafter Bildungsdrang der Grund, weshalb er 
das Eiland verliess, das ihm wegen seiner gesunden Lage so wenig Lehr- 
stoff bot. Auch das Bestreben, andere alte Asklepiostempel (z. B. auf 
Thasos) kennen zu lernen, mag von Einfluss dabei gewesen sein. Jeden- 
falls waren ihm sein Schwiegersohn Polybos und andere Schüler zuver- 
lässige Stellvertreter, diddoyoi. Von freundschaftlichen oder verwandt- 
schaftlichen Beziehungen zu auswärtigen Asklepiaden, wie Gregoras 
andeutet, ist uns nichts bekannt. Die von Hippokrates besuchten Stätten 
sind schwer zu bestimmen, da die Schriften grösstenteils unecht sind. 
Fest steht nach epid. I und III der Besuch der Insel Thasos, der von 
Larissa in Thessalien, Abdera in Thrakien, Kyzikos an der Propontis 
und Meliboia in Thessalien; die beiden Klazomenier (I 2, 3 Kap. 20; 
I 10. Pat.) wohnten offenbar auf Thasos. Da nicht auszumachen ist, 
^Weviel von epid. II und VI auf Hippokrates selbst zurückgeht, kann 
bezüglich folgender Städte der Besuch zum mindesten nicht erwiesen 
werden : Kran( n)on bei Larissa, Perinthos an der Thrakischen Pro- 
pontis, Ainos am Hebros (= Maritza), Plenos (?; vergl. bei mir II 267 f. 
Anm. 52), Pharsälos in Thessalien. In den übrigen Büchern der Epi- 
demien genannte Orte, wie Oineiädai, Pherai, Malierland, Datos, können 
nicht als vorübergehende Wohnorte des Hippokrates in Anspruch ge- 
nommen werden. Vollends unerweisbar ist die Annahme, dass er an 
allen den in de aere aq. loc. genannten Stätten gewesen sei, also in 
Aegypten (Georg Ebers), Libyen, am Asowschen Meere, am Phasis 
(jetzt Rion in Russisch-Kaukasien), in dem ausgedehnten Skythenlande, 
in den Ausläufern des Ural; denn seine Mitteilungen können sehr 
wohl auf mündlichen Berichten beruhen. Für einen etwaigen Aufent- 
halt am persischen Königshofe ergeben die gefälschten Briefe eben- 
falls keinen Anhalt. Für einen Besuch in Athen spricht ebenfalls 
nichts. Galen. XIV 281 passt auch für jeden anderen griechischen 
„Pest"-Herd. Die Schilderungen der athenischen „Pest" bei Thukydides 
(II 49 u. ö.) und Hippokrates (epid. III 3, 7) haben so gut wie keine 
Aehnlichkeit. Thukydides erwähnt nicht einmal den Arzt, der zu 
jener Zeit trotz seiner Jugend in Ehren stand. Wäre Hippokrates 
thatsächlich damals in Athen mit Erfolg thätig gewesen, so hätte er 
auch als Athener, Laie und Privatmann (Gregoras S. 11 f.) ihn nennen 
müssen. Auch sonst weiss Galenos nichts von einem Aufenthalte in 
Athen, und selbst mit Piaton (Protag.), Varro und Plinius ist nichts 

*) Steph. Bj'z. unter Kwi. 



200 Robert Fuchs. 

Zuverlässig-es zu ermitteln. Alles, was sonst berichtet Avird, sind 
Anekdoten,^) deren Spur von wahrem Kerne höchstens erraten 
werden kann. Dahin gehört die Behauptung, er habe in Knidos (so 
Andreas, wohl der Herophileer) oder Kos (Tzetz.) als Gustos der 
dortigen Bibliothek den Tempel samt allen Archivstücken verbrannt, 
um sich den Erfinderruhm zu sichern, und sei deshalb zu den thrakischen 
Edönen geflohen. Wohl aber wird er die Tiivay.eg (= Weihetafeln) 
mit den Krankheitsbeschreibungen und Rezepten studiert haben (Varro 
bei Plin. h. n. XXIX 4). Seine Diätetik und klinische Lehre kann 
sehr wohl aus den litterarischen Tempelschätzen abgeleitet sein 
(Strab. III 14 ; cf. XIV 657). Eine ähnliche Brandstiftung legt Strabon 
(a. a. 0.) der Frau des Hasdrübal bezüglich des karthagischen x4.sklepios- 
tempels zur Last, die Arabisten dem Avicenna. Wunderlich sind bei 
Tzetzes die 4 Gründe, weshalb Hippokrates in bildlichen Darstellungen 
das Haupt mit dem Mantel umhülle, und die Zurückführung der Aus- 
wanderung nach Thessalien auf einen Traum (Sor.). Märchenhaft ist 
es, dass er mit Euryphon die „Phthisis" des Königs Perdikkas von 
Makedonien als Liebessehnsucht zur Phila, seines Vaters Nebenfrau, 
festgestellt und, von den Abderiten berufen, Demokritos von seinem 
Wahnsinne, die Stadt von der Pest befreit haben soll (Sor.), Zweifel- 
haft ist, ob er den Zug der Pest vorausgeahnt und durch Entsendung 
von Schülern in der Attike gehemmt habe (Sor.). Ersonnen ist die 
schroffe Absage an Artaxerxes I. Makröcheir (Sor.; dogma Athen.; 
epist. llf.); fraglich, ob er Kos vor der Eroberung durch die Athener 
rettete, indem er die Thessalier zur Hilfe herbeirief (Sor.), ob er in 
die athenischen Mysterien eingeweiht und der Speisung im Prytaneion 
gewürdigt wurde (decr. Athen.); nicht wahr, aber gut erfunden, dass 
in seinem Grabmale Bienen gehaust hätten, deren Honig den Soor der 
Kinder vertrieb ; plausibel, dass er uneigennützig und geldfeindlich war 
(Sor.). Nach Pausan. X 2, 4 hat er nach Delphoi ein Skelett als Weih- 
gabe gestiftet, gleichwie Erasistratos eine Zahnzange; nach den Ara- 
bisten gründete er das erste Hospital. Die an weithin sichtbarer 
Stelle heute noch gezeigte Hippokratesplatane ist viel jüngeren Ur- 
sprungs; hingegen hat Hippokrates zweifellos die früher nach ihm 
benannte Quelle BovQiva gekannt. Hippokrates hatte 2 Söhne, 
Thessälos-) und Drakon (Galen. XV 110; Suid.), die ebenfalls auf 
Wanderungen auszogen. Hippokrates III., Sohn des Thessälos, schrieb 
iatQLY.d, ebenso Hippokrates IV., der Sohn des Drakon, welcher Arzt 
der Roxäne, der Gemahlin des grossen Alexandros, war. Hippokrates V. 
und VI, Söhne des Thymbraios, schrieben über Medizin ; und dasselbe 
berichtet wiederum Suidas von Hippokrates VII., dem Sohne des 
Praxiänax. Zu seinen Schülern zählten in erster Reihe seine Söhne 
und sein Schwiegersohn, weiterhin aber auch Apollonios und Dexippos 
von Kos (s. unten) und nach Tzetzes (chil. VII 155) Praxagoras von 
Kos u. a., deren Lehren unten besprochen werden werden. 

Was die Wertschätzung des grossen Koers anlangt, so sind 
Tadelworte gegen ihn ausserordentlich selten. Bekannt ist, dass 



1) Vgl. L i 1 1 r e VII S. XVII. P e t r e q u i n I 28 ff. H u b e r in Friedreich's Blatt, 
f. gerichtl. Mediz. u. Sanitätspolizei XXXVII 1886 S. 321 ff. Heuscliers Janus I 
853 f. Haas in d. Ztschr. d. deutsch, morgenl. Ges. XXXI 1877 S. 6571 Was am 
Schlüsse genannt ist, bezieht sich auf eine "durch Araber verschuldete Verwechselung 
des H. mit einem Wollüstling. 

-) Vgl. Kap. 7 Schluss über die angebliche Entsendung nach Sicilien. 



Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 201 

Asklepiädes seinen gi'osseu Vorfahren aus Eitelkeit einen „Todbringer" 
{d^avdrov /.lelhrig) nannte und verachtete. ^) Sonst Hesse sich nur der 
Tadel des Galenos, XVI 809, anführen. Des Lobes voll sind alle 
Schriftsteller aller Zeiten. Piaton vergleicht ihn mit Polykleitos 
und Pheidias (Protag. 311 B f.), Aristoteles nennt ihn den „Grossen" 
(polit. VII 4 1326 a 15). Apollonios von Kition den „Göttlichen" (ed. 
Dietz p. 1; Chirurgi Graeci vet. ed. Cocchi p. 171), Galenos den 
„Göttlichen" (IV 542), den „in jeder Beziehung Bewundernswerten" 
(IV 789; II 189; VII 739), den „Finder alles Guten" (XVI 273; 
X 458) und kargt auch sonst nicht mit Lob (XV 110; XIX 220 f.); 
Ruphos, Celsus, Athenaios von Naukrätis, Stephanos von Bj'zantion 
(s. Kiög), Alexandros von Tralleis (II 333 „der weise Greis"; 377 
„der Göttlichste"), Theophilos, Suidas („das Aphorismenbuch übersteigt 
menschlichen Verstand") und das ganze Mittelalter huldigen dem „Vater 
der Heilkunde", dessen Ehrenstellung gewahrt bleibt, selbst wenn man 
den Vaterbegriif nicht in seinem vollen Umfange anerkennen kann. 

13. Die hippokratischen Schriften (Corpus Hippocraticum). 

S. die Litteratiir zu Kap. IS. — 1. Kühle tvein, Beiträge z. Gesch. u. Be- 
urtheilg. d. hippokrat. Schriften. Philoloyus XLTI 1S8'2. — 2. Laboulbene, Hist. 
des livres hippocratiques. Gazette des hopitaux, Paris 1S>^1. Die bedeutendsten 
Werke über Chronologie und Echtheitsfragen s. in den Anmerkungen. 

Die Zahl der unter dem Namen des Hippokrates gehenden 
Schriften wird verschieden angegeben, da es darauf ankommt, welche 
Bücher man als selbständige Werke und welche man als Fortsetzung 
eines anderen Buches zählen will. Tzetzes (chiliad. VII 971 f.) be- 
rechnet 53, ebenso Littre und Christ in seiner griechischen Litte- 
raturgeschichte 53 Schriften in 72 Büchern; von einem „Sechzig- 
bücherwerke" und 3 Schriften spricht Suidas; mehr als 60 sind es 
nach Petrequin, etwa 67 nach Ermerins, 69 im Index des cod. 
Paris. 2255/2254 saec. XIV, über 70 nach Fredrich, 72 nach 
D i e 1 s. -) Die Werke der Hippoki-atiker waren anonym, als sie zu 
Beginn des 3. vorchristlichen Jahrhunderts für die bücherliebenden 
ägyptischen Diadochen gesammelt wurden, um auf die TtLvayisg (Kata- 
loge) der alexandrinischen Bibliothek gebracht zu werden. Nur so 
erklären sich die Zweifel über die Aechtheit und die schwankende An- 
ordnung. Bis dahin waren die Werke über Hellas verstreut ; ihr Haupt- 
stock aber muss in Kos und Knidos in den Archiven gelegen gewesen 
sein, namentlich die formelhaften oder unvollendeten Bücher {vTroftvi]- 
f-iaxa). Das Fehlen des Titels, der meist aussen auf den Rollen an- 
gebracht war, die Sammlung durch Kaufleute aller Länder und die 
Vereinigung von drei Kategorien von Handschriften (1. erläuterte 
Texte, 2. ra £x Ttloiwv ^) = Schiifsbücher, d. h. die den Schiffern gegen 
Erstattung einer Kopie von Ptolemaios III. abgenommenen Texte, 
3. schon vorher in Aegypten verbreitet gewesene Bücher in der 
alexandrinischen Bibliothek, die nicht immer zuverlässige Eintragung 
in den (.ir^Qog jtiva^ (= kleiner Katalog, d. h. der echten Werke) '^) 



^) Galen. XI 163; vgl. XI 177; Littre IV 3.3 ff. 

-) Ueher d. Excerpte v. Menons latrika in dem Londoner Papyrris 137. Hermes 
XXVIII 1893 S. 407 ff. 

») Galen. XVIII, i 379. 



202 Robert Fuchs. 

haben dazu beigetragen, dass der Ursprung der meisten Werke dunkel 
bleibt. Kataloge finden sich mehrfach in den Handschriften, z. B. im 
Vatic. 276 saec. XII, in einem Bruxellensis saec. XIP), in Paris. 
2146; 2255 und 2254 saec. XIV, in einem Arabiens u. s. w. 

Die ganz verschiedenartigen Schriften sind bei Erotianos ein- 
geteilt in: 1. semiotische, 2. naturwissenschaftliche {cpvoi-/.a) und 
ätiologische und 3. therapeutische Werke (diätetische, chirurgische, 
vermischte, auf die Kunst bezügliche). Nach ihrer Echtheit zerfallen 
sie in knidische und koische Denkmäler oder in Vorbilder und Kompi- 
lationen aus diesen ; man kann auch abgeschlossene, ausgefeilte Werke 
und stichwortähnliche Notizensammlungen und Krankenjournale sondern. 
Den Charakter von vrcouvrif-iaxa = Notizen haben: epid., aphor., 
praenot. Coac, prorrh. I und de nat. hom. vielleicht; von Kompilationen: 
de diaeta, de oss. nat, de cris., de dieb. crit., von sophistischen Reden 
z. B. de arte, de vet. med., de nat. hom., de flat., orat. Die Schriften 
sind an Aerzte, Laien (de victu sah) oder beide gerichtet. Als iTtiöeiiis 
an das grosse Publikum erweist sich z. B. de arte. Auch als Fach- 
schrift oder Schulschrift könnte man das eine oder andere Werk kenn- 
zeichnen. 

Der Dialekt,'-) der auf Kos gesprochen wurde, war der dorische. 
Natürlich war der örund, weshalb die hippokratischen Schriften in 
ionischem Dialekte abgefasst sind, nicht der Wunsch, dem Demokritos 
zu Gefallen zu sein (Aelian. var. hist, IV 201, sondern in jener Zeit 
war die durch Herodötos so meisterhaft vertretene "lag die vorwiegende 
Prosasprache. Der Anonj^mus bei Bachmann (Anecd. II 367) hat 
Recht, wenn er dem Herodötos das Einmischen poetischer Formen und 
Wendungen nachsagt, Unrecht, wenn er die hippokratische las rein 
nennt. Denn schon Xenokritos (Erot. s. v. allocpdoGovTsg) und Erotianos 
(und vermutlich auch Galenos in seiner verlorenen Schrift über den 
Dialekt des Hippokrates) haben vielfach dorische und attische Formen 
festgestellt.'^) doch gingen die alten Kritiker zu weit, die durchweg 
den altattischen Dialekt Q4tO-ig) herausfinden wollten. Obwohl auch 
bei unserem Corpus das Bestreben, die Schulformen an Stelle der 
Dialektformen zu setzen, vielfach hervortritt, so ist die Ueberlieferung 
doch im Ganzen in den besten Codices treu und häufig der Fassung 
des Galenos überlegen, der im Kampfe gegen die Atticisten den 
Pseudionismus allzu wacker verteidigte. 

In Bezug auf den Stil*) weisen die hippokratischen Schriften die 
denkbar grössten Verschiedenheiten auf, wie sich schon aus dem über 
die Einteilung Gesagten schliessen lässt. Die Schwierigkeit der Text- 



1) Hellsehers Jaiius 1847 S. 475. 

^) Gomperz, Sitzunosher. d. kais. Ak. d. Wiss. in Wien, phil.-hist. Kl. CXX 
1889 S. 76ff.: „Dialektologisches". 0. Hoff manu, Die griech. Dialekte III 192 ff. 
Kaute, Observationes granimaticae in Hippocratis scriptis genuinis. Diss. Gryphis- 
waldiae 1876. KühleAvein, De dialecto Hippocratica (s. dessen Ausgabe des Hipp. 
S. LXVff.); Hermes XXII 186 A. 2. Littre in seiner Ausg. des Hipp. I 479 ff.; 
X S. XXXliff. Lob eck, Beiträge z. Kenntnis des Dialekts des H. Philologus 1853; 
Quaestiones lonicae, Eegimoutii 1850. Petrequin (s. dessen Ausg. des Hipp.) I 
111 ff. Uthoff, Quaestiones Hippocraticae. Diss. Marburgi 1884. 

*) Ilbergi Studia pseudippocratea. Diss. Lips. 1883, S. 33 ff. zählt Beispiele auf. 

*) Kühle wein, Observationes de usu particularum in libris qui vulgo Hippo- 
cratis nomine circumferuntur. Diss. Gotting. 1870. Littre I 465 ff. Maas, Hermes 
XXII 566 ff. Petrequin a. a. 0. Weber, Einige Bemerkungen über Hippo- 
krates' Darstellung und Stil (S.-A. aus Freundesgaben für Carl Aug. Burk- 
hardt zum siebzigst. Geburtst, Weimar 1900). 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 203 

behandlung. welche darin wesentlich mit begründet ist, hat die Heraus- 
geber schon (besonders Erinerins) verleitet, ihren eigenen Stil, ja ihre 
modernen Gedanken in die Ueberlieferung gewaltsam hineinzukorrigieren, 
diesen Widerstreitendes wegzustreichen und überall schulmeisterlich 
zu uniformieren (Beseitigung des Numeruswechsels; ^) Wortumstellung). 
In den besten Schriften findet sich eine natürliche, schlichte, gefällige, 
klare, edle, stets geschmackvolle Redeweise. Die Satzverbindungen 
sind durchsichtig (Kopulation, Adversation), jedoch mannigfaltiger als 
bei Herodötos, und die Perioden stellen sich von selbst in tadelloser 
Abrundung ein. Eine gewisse Schwerfälligkeit der alten Prosa, keines- 
wegs bloss des Hippokrates, zeigt sich in der häufigen Wiederholung 
eines und desselben schwerwiegenden Begriftswortes in einem Satze, 
wenn das Pronomen genügen würde (z. B. de artic. repos.). Daher 
vergleicht Weber den hippokratischen Stil in seiner ^^'ürde und An- 
mut mit der Plastik des Kephisodötos. des Vaters des Praxiteles. 

Die Handschriften-') älterer Zeit enthalten nur einen Teil 
des Corpus. Die hervorragendsten sind: Yindobonensis med. IV (ß), 

10. Jahrh.; Parisinus 2253 (A), 11. Jahrh. ; Laurentianus 74, 7 (B), 

11. oder 12. Jahrh.; Vaticanus graec. 276 (V), Ende des 12. Jahrh.; 
Venetus Marcianus 269 (M), 11. Jahrh. Hierzu kommt eine grosse 
Anzahl jüngerer Codices, die in 2 Klassen zerfallen. Führer der ersten 
Klasse ist Paris. 2142 (H), 13. Jahrh., Führer der zweiten verschiedene 
Paris, und ein Laurentianus (74, 1 = L), Ende des 15. Jahrh. 

Ausgaben") giebt es in erstaunlicher Anzahl jedoch sind die 
älteren mit geringen Ausnahmen durch die neueren entbehrlich ge- 
worden. Im Altertum zunächst gaben den Hippokrates heraus: Mnemon 
von Side in Alexandreia (Galenos XVII, I 606 tf.) ; unter Hadrianus 
(117 — 138 n. Chr.) Artemidöros Kapiton und Dioskurides der Glossograph, 
die vielfach unnötige Konjekturen und alltägliche Ausdi'ücke statt der 
alten in den Text setzten und allzu sehr feilten (Galen. I 24 f.;*) XV 
21; XVI 2; 485; XVII. I 793 ff.; XIX 83). Ob Galenos selbst die ver- 
heissene kritische Ausgabe der echten Schriften verfasste, wissen wir 
nicht (XVI 3). Folgende neuzeitliche Ausgaben sind die wichtigsten: 
die editio princeps oder Aldina, Venet. 1526, fol.; die von Cornarius, 
Basil. 1538, fol. (beiLittre Frobeniana wegen des Druckers); die von 
M e r c u r i a 1 i s , Venet. 1588, fol. ; die von AnutiusFoesius, Francof. 
ad M. 1590 ; 1595, am besten in der Neuauflage cur. Chouet, Genev. 1657, 
fol. (hierzu gehört die kritisch und exegetisch gleich wichtige Oeconomia 
Hippocratis, alphabeti serie distincta etc. Anut. Foesio Mediomatrico 



1) S. bei mir I 58 A. 9; 60 A. 14; 164 A. 27; 173 A. 11: 182 A. 28; 197 
A. 35 u. a. m. 

'^) Gomperz, Sitz.-Ber. d. Kais. Ak. d. Wiss. in Wien, philos.-hist. Kl. CXX 
1890 S. 66 ff. — Ilberg, Stndia psendippocratea, Diss. Lips. 1883 S. 301; Verh. d. 
vierzigst. Vers. Deutsch. Philol. u. Schnlniänner in Görlitz 1889, Leipz. 1890 S. 401; 
Rhein. Mus. XLII 1887 S. 436; Prolegoraena critica in Hippocratis operum receu- 
sionem novam, Lips. 1894. Kaute, Ohserrationes grammaticae in Hippocratis 
scriptis genuiuis, Gryphiswaldiae 1876 S. 9 f. — Kühle wein. Hermes XVII 1882; 
XX 1885; XXII 1887. Littre I 80ff.; 511ft'.; X S. LIX ft. Petrequin I 137 ff. 
Uthoff, Quaestiones Hippocraticae, Diss.. Marburgi 1884, S. 3 ff. 

*) Choulant, Handbuch der Bücherkunde für die ältere Medic. etc., 2. Aufl., 
Leipz. 1841. Daremberg, Oeuvres choisies d'Hippocrate, traduites par — , Paris 
1843 und 1855 S. IX ff. Bissen, Les editions et les traductions de la collection hippo- 
cratique, Strasbourg 1866; Littre I 502 ff.; 540 ff. u. a. ni. Kritik u. Biograpliie 
der Herausgeber vereinigt geschickt Petrequin I 145 ff. 

*) Ilb^erg, Ehein. Mus. XLY 1890 S. 111 ff. 



204 Eobert Fuchs. 

medico, authore, Francofurdi 1588, fol., besser in der Neuausg-abe cur. 
Choiiet, Genev. 1662 fol.); die von van der Linden, Lugd. Bat. 1665, 
8*\ 2Bb., öfter aufgelegt; die von C kartier, Paris 1639—1679, fol., 
minderwertig, unpraktisch; die von Mack, Wien 1743 — 1749, 8^ unvoll- 
endet; die von de Merey, Paris 1813, 12^ mit lat. Uebersetzung; die 
von Kühn, Lips. 1825 - 1827, 3 Bb., desgl. (nach F o e s i u s , viele Druck- 
fehler, gute Einleitung). Für immer verwachsen mit Hippokrates ist 
der Name des, „esprit encyclopediqiie, en qui la force de conception egale 
le savoir", ^) E (m i 1 e) L i 1 1 r e s -) durch seine Ausgabe : Oeuvres com- 
pletes d'Hippocrate, traduction nouvelle avec'le texte grec en regard, 
Paris 1839 ff., 10 Bb. Die Varianten sind am ausführlichsten ver- 
zeichnet, Erklärungen oft beigegeben; die Litteratur ist erschöpfend 
benutzt; zahlreiche Vorbemerkungen und Exkurse; Uebersetzung 
elegant, klar, aber sehr frei und nicht ohne Willkür. An philo- 
logischer Hyperkritik und schulmeisterlicher Pedanterie kranken: 
Hippocratis et aliorum medicorum veterum reliquiae. Mandatu academiae 
regiae ... ed. Franc. Zach. Ermerins,") Traj. ad Rhen. 1859—1864, 
3 unhandliche Bände; epimetrum und continuatio epimetri, Einleitung, 
Text und ausserordentlich lückenhafte lat. Uebersetzung nach F o e s i u s ; 
wenige Handschriften, daher unklare Textauffassung und Verkennung 
des Dialekts. Das Lob Franckens und Kl eins „medicus ille 
(fdoloywrarog'^ *) ist cum grano salis zu nehmen. "iTtTio/.Qdzrig. KofxLdj] 
Caroli H. Th. Reinhold, ^^jvtjol 1865 f., enthält nur 14 Schriften und 
diese nicht einmal vollständig; von Wert sind die kritischen STtlfiexQa 
und öß(-ho(.ioL. Die beste, aber lediglich kritische Ausgabe ist im Er- 
scheinen begriffen; sie heisst: Hippocratis opera quae feruntur omnia, 
vol. I rec. Hugo Kühle wein, Lips. 1895 (Teubner) und enthält: de 
vet. med.; de aere aq. loc; progn.; de diaeta in ac. ; epid. I; III; 
Prolegomena: c. I. De codicibus manu scriptis; c. IL De memoria 
secundaria scr. J. Ilberg; c. III. De dialecto Hippocratica scr. 
H. Kuehlewein. Für die chirurgischen Schriften wird stets unent- 
behrlich sein : die postume Chirurgie d'Hippocrate par J. E. Petrequin, 
Paris 1877 f., 2 Bb. mit wichtigen Einleitungen, Nachträgen, Exkursen, 
Parallelensammlungen. Die übrigen Spezialausgaben müssen über- 
schlagen werden. Facsimilia finden sich : The Palaeographical Society, 
Facsimiles of Ancient Manuscripts etc. ; K ü h 1 e w e i n I. 

Die ältesten der zahlreichen Ueber Setzungen^) sind lateinische'*) 
und stammen der Sprache nach aus dem 5. und 6. Jahrhunderte n. Chr. 
Zur Zeit der Gothenherrschaft in Italien (493 — 555) wurden die 
griechischen Klassiker ja nicht mehr verstanden. Die Uebersetzer 



^) Gazette hebdomadaire 1861 S. 378. 

-) Daremberg-, Jonrnal des savants 1851 ff. Lob eck (s. unter Dialekt). — 
Heinr. Rohlfs, Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Medic. u. medic. Geogr. IV. 1881 
S. 58. — Ilberg-, Verb. (s. oben) S. 394. 

•'') Ilberg-'a. a. 0. 

*) Erot. ed. Klein, Lijis. 1865, praef. p. V. 

■'') Vgl. oben Ausgaben; dann Littre 1540 ff.; Petrequin I 145ff. (Kritik, 
Biographie der Verfasser). 

'•) Fuchs, Anecdota Hippocratea. Philologus 58 = N. F. 12, 1899 S. 407 ff. — 
Ilberg, Verhandlungen (s. oben) S. 399 ff.; Philol. 52 = N. F. 6, 1894 S. 426; in 
„Griech. Stud. — H. Lipsius dargebracht", Leipz. 1894 S. 23 ff. Kühle wein, 
Philol. 42, 1882—1884 S. 123; Hermes 17, 1882 S. 484 ff.; 25, 1890 S. 120 ff. Eose, 
Anecdota Graeca et Graecolatina, Berol. 1870, II 115 ff. — Stadler, .lanus IV 1899 
S. 548. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 205 

waren wohl griechisch sprechende Gelehrte von Unteritalien; sie um- 
schrieben das Original gelegentlich in freier Fassung (Kühle wein). 
Cassiodorus (instit. divin. lect. I 31) riet seinen Mönchen, Hippokrates 
und Galenos im lateinischen Texte zu lesen; er war 514 n. Chr. Konsul. 
Constantinus Africanus übersetzte etwa 1080 die Aphorismen. Gerardus 
von Cremona übertrug aus dem Arabischen in das Lateinische das 
progn. und de diaeta in ac. Des Galenos Kommentar 7 und 8 zu epid. VI 
ist nur in lateinischer Fassung erhalten, ebenso die untergeschobene 
hippokratische Schrift de hebdom. Die lateinische Gesaratausgabe von 
Fabius Calvus, dem väterlichen Gönner Eaffaels (* 1483), Romae 1525, foL, 
und öfter, hat nur antiquarisches Interesse ; besser ist die des C o r n a r i u s, 
Venet. 1545, fol. und Basil. 1554. 4". Cod. Paris. Lat. 6865 saec. XIV 
enthält scholastische Paraphrasen des Textes,^) doch ist das nur ein 
Beispiel für viele. Auch an arabischen und hebräischen, ja an einer 
gälischen üebersetzung fehlt es nicht. Von sonstigen Uebersetzungen 
sind zu beachten : Daremberg, Hippocrate. A Paris 1843. 2. Aufl. 1855, 
8*^ (französisch) und Francis Adams, Lond. 1849, 2 Bb., unvoll- 
ständig, mit brauchbarer Einleitung. Völlig veraltet sind die deutschen 
Uebersetzungen von Grimm, Altenbg. 1781 ff., 4 ßb.; 2. Aufl. von 
Lilieuhain, Glogau 1837f., 2Bb.; Upmann, Berl. 1847, 3 Bb. Sie 
werden ersetzt durch Fuchs, Hippokrates, Sämmtliche AVerke. Uebei's. 
und ausführl. commentirt, Münch. 1895 — 1900. 

Ein Wörterbuch hat nur F o e s i u s geliefert (s. oben Oeconomia) ; 
die versprochene neue Auflage von Ermerins ist nicht geschrieben 
worden. Auch sonst ist es nur bei Ansätzen dazu geblieben, z. B. bei 
Petrequin. Kommentiert-) haben die Hippokratessammlung. teils 
in fach wissenschaftlicher, teils in grammatisch-lexikographischer Weise : 
Herophilos und Erasisträtos (um 300 v. Chr.), Bakcheios von Tanagi-a 
(290-260), dessen Kommen tartrümmer im handschriftlichen Nachlasse 
Darembergs gefunden wurden, Phillnos (um 280), Zeuxis und Deme- 
trios, der Epikureer (um 250), Xenokritos, Glaukias und Herakleides von 
Taras (um 230), EupliorTon, Pasikrätes, Lysimächos, ein unbekannter Arzt 
Asklepios (D i e t z , Apoll. Citiens. etc. schol. I 458 ; 478 ; Geopon. XX 6 ; 
Oder, Rhein. Mus. XL VIII 21), Attalion und Epikeleustes unbe- 
kannter Zeit, Nikandros (Glossen), Lj'kos, der Sohn des Pelops aus 
Makedonien (vor 100 v. Chr.), und dessen Benutzer Epikles aus Kreta 
(s. W^ellmann, Hermes XXXV 383), Apollonios von Kition (ältester er- 
haltener Kommentar) und Asklepiädes um 70 v. Chr.. Philonides (um 
30 V. Chr.) ; im 1. Jahrhunderte n. Chr. Erotiänos , ^) Dioskurides der 
Glossograph, Archigenes, Soranos, Ruphos der Ephesier, um 100 — 200 
n. Chr., Sablnos, die beiden Lj'kos (w. s.), Galenos ; Domnus, Philagrios 
(um 350), Pseudo-Oreibasios (um 360), Stephanos von Athen, Theo- 
philos der Protospatharios, Pseudo-Damaskios. Palladios, loannes von 



^) Kalbfleisch, Rhein. Mus. N. F. 51, 1896 S. 468. 

^) L i 1 1 r e I 80 ff. P r e u , Diss. de interpretibus Hippoeratis Graecis. Altoi-fi 1795. 
Fedeli, Die hippocratischen Comm. an d. Hochschule -in Pisa s. Janus V 1900 
S. 161 If. Von Späteren z. B. Martianus, Magnus Hippocrates Cous notationibus 
explicatus, Venet. 1652, fol. 

•'') Erotiani vocum Hippocraticarum conlectio rec. ... Jos. Klein, Lips. 1865. 
Ilberg, Das Hippokrates-Glossar des Erotiänos u. seine urspr. Gestalt. Abh. d. 
philol.-hist. Gl. d. Kgl. Sachs. Ges. d. Wiss. XIV Nr. IL Leipz. 1893. -- Häser 
H. Aufl. S. 115 erwähnt, dass handschriftlich erhalten sei ein Kommentar von Kalli- 
machos zu de aitic. repos. ; dieser Kallimachos hat auch ein verloren gegangenes 
lexikographisches Werk zu Hippokrates geschrieben. 



206 Eobert Fuclis. 

Alexandreia (630—650), Meletios (um 780), Maimonides (um 1170 
n. Chr.) und fast alle bedeutenden Arabisten. Erotianos und Galenos 
haben uns armselige Bruchstücke in ihren Glossenwerken von einigen 
dieser Glossographen übermittelt. Auch zwischen und neben den 
Zeilen unserer Hippokrateshandschriften (Scholia) finden sich teilweise 
noch nicht einmal veröffentlichte Spuren der Erklärer. Glossographisch 
sind die Arbeiten von Bakcheios, Epikles, Nikandros, Erotianos, 
Galenos (nur gloss.), Herakleides von Taras, Lysimachos, Philonides 
vielleicht, sicher Xenokritos und Zeuxis. Das fälschlich unter dem 
Verfassernamen des Herodötos gehende Glossar ist vielmehr iür den 
Historiker Herodötos bestimmt, nicht für Hippokrates.^) Herakleides 
von Erythrai schrieb keinen Kommentar (Littre I 91), sondern ein 
grösseres Werk über die in den „Epidemien" den Krankengeschichten 
angefügten Wortabkürzungen, yiaQuAtriQeg, 

Auf die Textgeschichte-) einzugehen, dazu fehlt es an Raum. 
Im allgemeinen stimmt der Text des Galenos zu unseren bestbe- 
glaubigten Lesarten, während sich Erotianos häufig weit von ihm 
entfernt. Zuverlässig ist das Urteil über Galenos nur, wenn man aus 
dem W^ortlaute der Interpretation die ihm vorliegende Lesart er- 
schlossen hat, denn auf die Lemmata vor dem Kommentar und auf 
Citate ist bei ihm nicht der mindeste Verlass. Zu tadeln ist vor 
allem, dass Galenos trotz seiner Weitschweifigkeit ■') die richtige Text- 
form nicht selten verfehlt hat, dass er die philologischen Feinarbeiter 
der Geschwätzigkeit und Kleinigkeitskrämerei zieh,^) im Lexikon 
häufig andere Lesarten hat als in den Kommentaren und in diesen 
anderie als in den Citaten. die älteste Lesart unbeschadet ihrer Un- 
richtigkeit bevorzugte (XVII, i 1005), den Erotianos nachschrieb, in 
Erklärungen phantasievoll ist (s. bei mir II 444 A. 68) und über- 
haupt „mehr schimmert, als überzeugt, mehr deklamirt, als beweist" ^) 
und zudem echte und unechte Schriften zusammenwirft. 

14. Die Echtheitsfrage. 

Von den Kap. 13 genannten Büchern schlagen hier ein : 2, ö, 6, 15, 16, IS, 21, 
82; aus Kap. 14 vgl. Daremberg, Ermerins, Gomperz, Kaute, Loheck, Reinhold, 
ütho/f. — 1. Chauvet, La philosophie des medecins grecs, Paris 1886, S. 1 — 99. 
— 2. Christ, Gesch. d. griech. Litt, etc., 8. Aufl., Münch. 1898, S. 712; 858ff. — 
8. Conradi, Bemerkungen ü. d. mediz. Grundsätze d. koisch. u. knid. Schule. Abh. 
d. Kgl. Ges. d. Wiss. zu Götting. VII 1856, S. 131 f. — 4. Biels, Hermes XXVIII 
409; 423 ff.; 427 ff . — 5. FredricJi, Hippokratische Untersuch. = Kiessling u. 
V. Wilaniowitz-Möllendorff', Philol. Untersuch. XV, Berl. 1899. — 6. Fuchs, 
Janus II 1897, S. 88ff. {Zurückweisung von Spät, w. s.); Ausg. d. Hipp. Eingangs- 
bem. zu d. einz. Schrift. — 7. Grüner, Censura librorum Hippocraticorum etc., 
Vratisl. 1772. — 8. Hüser, Lehrb. d. Gesch. d. Medic. u. d. epid. Krankh., 3. Aufl., 
Jena 1875, S. 112 ff. — 9. Ilberg, Studia pseudippocratea, Diss., Lips. 1883; ders. 

1) S. Erotianus ed. Franzius, Lips. 1780 p. 602 ff. 

^) Ilberg- iu d. Kühle wein sehen Ausg. I Proleg. Cap. IL Littre I 502 ff. 

^) „Der unerträgliche Seichbeutel" nennt ihn von Wilamowitz-Möllen- 
dorff mit einigem Rechte (Philolog. Untersuch. IX, Berl. 1886 S. 122). 

*~) Ilherg in der Kühle wein sehen Ausgabe I S. XL VIII. 

^) Meixner, Neue Prüfung der Echtheit u. Reihenfolge sämmtl. Schrift. Hippo- 
krates d. Gross. (II) u. s. w.. München 1837 S. 18 f. Vgl. Bröcker, Die Methoden 
Galens in d. litter. Kritik. Rhein. Mus. XL 1885 S. 415 ff. Cobet, Mneraosj'ne IX 
1860, S. 25 ff. Hipp. ed. Ermerins I S. XVIII; XXXIV. Iw. v. Müller. Verhandl. 
d. 41. Versamml. deutsch. Philol. u. Schulmänner in München 1891. Leipz. 1892 
S. 80 ff. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 207 

in „Griech. Stud. . . . H. Lipsins dargebracht'-, Leipz. 1S94, S. 22 ff. — 10. Kob€t% 
Hist. Stud. aus d. pliarmakol. Institute d. Kaiserl. Univ. Dorpat. I, Halle a. S. 
1889, S. 59 ff. — 11. Kühleivein, Observntiones de usu particulanim in libris qui 
vulgo Hippocratis nomine circumferuntur, diss. Gotting. 1870. — 12. Laboulbene, 
Histoire des livres hippocratiques. Gazette des hdpitaxix 1881. — 1.3. Link, Ueber 
d. Theorien in d. hippokra tischen Schrift, nebst Bemerk, ü. d. Echtheit dieser Sehr. 
Abh. d. Berl. Ak. d. Wiss. 1814 f., physik. KL, S. 322 ff. — 14. Littre I 200 ff.; 
IV p. XV ff; VII i). XI; 304 ff'. — 15. Meixnet; Xetie Prüfung d. Äechtheit u. 
Reihenf. sämmtl. Schrift. Hippokrates' d. Grossen, Münch. 1836 f. — 16. Oettinger, 
Przegkid lekarsk (^ Med. Uundschau] 1879 Xr. 27 ff'. (Titel übersetzt: „Die hipp. 
Samml. im Lichte d. neuer. Krit.''). — 17. Petersen, Hippocratis nomine qiuie 
circumferuntur scripta ad temporum rationes disposita, pars prior = Index scholarum 
in gymnasio Hamburgensium academico a paschate 18.39 usque ad pascha 1840 
habehdarum, Hamburgi 18.39. — 18. Pett'eqnin I 103 ff'. — 19. Poschenriexler, 
Die naturwiss. Schriften d. Aristot. in ihrem Verhältnis z. d. Büchern der hippo- 
kratischen Samml. Progr. d. Studienanst., Bamb. 1887; Die piaton. Dialogein ihr. Ver- 
hältnisse z. den hippokratischen. Sehr. Beil. z. Jahr.-Ber. d. Stud.-Ansf. Metten 188182, 
Landshut 1882. — 20. Schneidet; Quaestionum Hippocratearum sjiecimen, diss., 
Bonnae 1885. — 21. Spät, Der gegenic. Stand d. Hippokratesfrage u. d. Corpus Hippo- 
kraticum v. Standpunkte der Menon-Aristotelischen Ueberlieferung = Allg. medic. 
Central-Ztg. 1896 Xr. 91 ff.; Die geschichtl. Enticickelg. d. sogeminnten Hippo- 
kratischen Medic. im Lichte d. neuest. Forsch.. Berl. 1897 ; Zur Gesch. d. altgriech. 
Medic. = Münch. med. Wochschr. 1896 [im Ergebnis verfehlt). — 22. Sprengel, 
Apologie des Hipp. u. seiner Grundsätze, Leipz. 1789—92, 2 Bb.x Versuch einer 
pragmat. Gesch. d. Arzneikunde, 4. Aufl. Mit Bericht, u. Zusatz, verseh. v. Dr. Jul 
Rosenbaum, Leipz. 1846. 

Der Wunsch, in diesem Zusammenhange ein Bild über die histo- 
rische Entwicklung der Echtheitsfrage zu geben, bleibt mir versagt, 
da in den 2000 Jahren nach Hippokrates eine Litteratur entstanden 
ist, deren blosse Aufzählung den Rahmen dieser Skizzen weit über- 
schreiten würde. Ebenso würde es sich mit der Aufführung aller an- 
gewandten Kriterien für Chronologie und Echtheit verhalten. Zunächst 
ist, um in ganz gi'oben Umrissen eine Grundlage zu geben, davon aus- 
zugehen, dass die Schriften fast alle vor Aristoteles verfasst sind, das 
Corpus (= Sammlung) der damals ohne Autornamen verbreiteten Schriften 
aber nach Aristoteles zusammengestellt worden ist und im wesent- 
lichen in der uns erhaltenen Form bereits den ältesten erreichbaren 
Kommentatoren und Glossographen vorlag. Nur so erklärt es sich, 
dass knidische Schriften und Sophistisches im Corpus stehen. Piaton 
und Aristoteles kannten daher nur wenige von den hippokratischen 
Schriften, die einen Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert um- 
spannen mögen, und auch diese nur obei-flächlich. Hippokrates ist für 
Aristoteles beinahe eine mj-thische Person (Fredrich S. 1). Doch 
sah noch Galenos auf der Bibliothek zu Pergamon 300 Jahre alte 
j\ranuskripte, die er für echt ansah (XVIII 630). Die unendliche 
Schwierigkeit, ja vielfach Unmöglichkeit der Echtheitsbestimmung 
beruht darin, dass 1. die Werke anonj-m waren, als sie gesammelt 
wurden, 2. gleichzeitige zuverlässige Zeugen für die Echtheit einzelner 
Werke überhaupt nicht vorhanden sind, 3. die alten Kommentatoren 
und Glossatoren kritiklos verfahren sind, ja Galenos ^) in tendenziöser 
Weise zur Unterstützung seiner Lehren Gefälschtes für Echtes an- 
gesprochen hat, 4. die Schriften grundverschieden angelegt und teil- 
weise unvollendet geblieben sind. Erotianos erkennt in der Vorrede 
31 Schriften als echt an, Galenos, soweit wir urteilen können, 13 (aber 

') Sein Werk über die Echtheitsfrage ist verloren gegangen (XVI 3). Vgl. 
Bröcker, Ehein. Mus. XL (1885) S. 415 ff.; II her g, Verh. d. 41. Vers, deutsch. 
Philol. u. Schulmänner in München 1891 S. 80 ff. 



208 Robert Fuchs. 

mit vielen angeblichen Interpolationen), Palladios nur 11. Boulet 
und SittP) übertreiben die Afterkritik dahin, zu behaupten, alle 
hippokratischen Schriften seien nach Piaton geschrieben. Daremberg 
klagt, dass die sogenannten echten Werke von 15 auf 4, dann auf 3 
und schliesslich auf 2 zusammengeschrumpft sind (de cap. vuln., de aere 
aq. loc); wie lange werde es dauern, bis auch diese als untergeschoben 
gelten würden ? Nach D i e 1 s nimmt die neueste Kritik kaum 6 Schriften 
als allenfalls echt an. Ein Blick auf die Forschungen lässt deutlich 
die Pole erkennen, zwischen denen die Gelehrten hin- und herschwankten. 
Sehr lehrreich ist es, unter Petrequins (I 70 ff.) Führung die mannig- 
faltigen Gründe ihres Abirrens zu durchmustern. Dem treffenden 
Urteile S p r e n g e 1 s '-) fehlte die Durchführung. Z e 1 1 e r s Grundsätze 
bezüglich der Piatonkritik '^) sind auf Hippokrates noch nicht über- 
tragen worden. Sie gipfeln in sinngemässer Anwendung in folgenden 
Sätzen: 1. Es lässt sich nicht behaupten, dass die Alten oder gar 
gerade Piaton und Aristoteles alle hippokratischen Schriften in den 
uns zuiällig erhaltenen Werken hätten erwähnen müssen; 2. die ge- 
schickte Nachahmung konnte einer untergeschobenen Schrift Merkmale 
echter Schriften geben; 3. auch ein Hippokrates wird nicht lauter 
gleich vollkommene Werke geschaffen haben; 4. ein so reicher Geist 
war nicht auf eine Darstellungsform beschränkt; 5. seine Ansichten 
konnten im Laufe eines halben Jahrhunderts, zumal in so schnell- 
lebigen Zeitläuften, manchen Wechsel erfahren. Jedoch ist die Echt- 
heitsfrage bezüglich des Hippokrates sehr Adel schwieriger als bei 
Piaton, für den doch sichere Ausgangspunkte in grosser Zahl vor- 
handien sind. Die Geschichte dieser Frage ist eine Geschichte des 
Irrtums der erlesensten Geister aller Völker, und es wäre für jeden 
Sterblichen eine Vermessenheit ohnegleichen, die Lösung dieses 
Sphinxrätsels sich zuschreiben zu wollen. Doch lehrt auch hier der 
Irrtum anderer untrügliche Wahrheiten erkennen. Typen von irrtüm- 
licherweise aufgestellten Echtheitskriterien sind u. a.: 1. wo das Herz 
als Ausgangspunkt der Adern erscheint, ist später Ursprung der 
Schrift erwiesen (Littre I 220); 2. wo ol7talaioi= „die Alten" vor- 
kommt, desgl. (viele), denn anders konnte sich auch der Grieche der aller- 
ältesten Zeit kaum ausdrücken ; 3. die innerliche Verwendung von Oel 
beweist nachplatonischen Ursprung (Bernard s. Littre VIII 474 f.); 
4. die „äusseren" und „inneren" Gründe des Selbstbewusstesten, 
Meixners. Positive Kriterien hingegen, die aus sorgfältiger Ver- 
gleichung der Lehren und der sprachlichen und stilistischen Formen 
gewonnen sind, sind z. B. : 1. Die Annahme, dass die Arterien nur 
Luft, die Venen nur Blut enthielten, deutet auf Abfassung der Schrift 
nach Praxagoras (Fredrich 68); 2. für späte Abfassung ist die Er- 
wähnung von sliiuvS^eg iilaTüai {= Bandwürmer) ein Beweis; 3. Ver- 
gleiche, die Vorliebe für Schlagworte {(pvoio, und vö^ioc,, agd-Cog, die 
Figur der Parechese) sowie auf Anreden hinführende Formeln u. a. m. 
sprechen für den sophistischen Charakter der Schrift; 4. häufiges 
Brennen und Schneiden, sowie Eingiessen in die Lunge führen mit 
Wahrscheinlichkeit auf knidische Verfasser, ebenso vielleicht die Ver- 



') Gesch. d. griech. Lit. bis auf Alex. d. Gr., München 1886 S. 492. 
^) Beyträge z. Gesch. des Pulses nebst einer Probe u. s. w., Leipz. u. Breslau 
1787 S. 31 ff. 

'') Grundriss d. Gesch. d. griech. Philos., 3. Aufl., Leipz. 1889 S. 111 f. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 209 

Schreibung von y.o/./.oi Kvidioi (= Seidelbastbeeren) und Mass- und 
Gewichtsbestimmungen; 5. bestimmte Wörter sind knidischen (s. unten) 
oder späteren Ursprungs (z. B. ovgr^ua für ovqov = Urin). 

Von Alters her hatte zwischen den kölschen und knidischen 
Asklepiaden ein edler Wettkampf geherrscht, in welchem der erst- 
genannten der Sieg schliesslich zugefallen ist. Jedoch war die knidische 
Schule anscheinend älter als die koische, denn die Kviöiai yviouai 
(Knidische Sentenzen) hatten bereits die 2. Auflage erlebt, ehe sie 
Hippokrates angriff. Trotz ähnlicher Bedingungen (Asklepiostempel 
mit WeihinsQhrifteu. die die Krankheitsgeschichte darboten) war ein 
bedeutender Unterschied zwischen den beiden Lehren vorhanden. Wo- 
her wissen wir denn aber, was knidischen Ui'sprungs ist ? Hippokrates 
oder ein ihm sehr nahe Stehender hat in de victu in ac. 1 folgenden 
Fingerzeig gegeben: „Diejenigen, welche die sog. ,.Knidischen Lehr- 
meinungen" verfasst haben, haben zwar richtig beschrieben, was die 
Patienten bei jeder einzelnen Krankheit zu leiden haben und welchen 
Ausgang einige Krankheiten genommen haben, von demjenigen aber, 
wovon der Arzt, da es der Patient nicht sagt, Kenntnis zu erlangen 

suchen muss, ist vielerlei ausgelassen einiges ist auch für die 

Schlussfolgerung (nämlich aus den Sj'mptomen) wichtig." Weiter tadelt 
er sie, weil seine Folgerungen vielfach ein richtigeres Ergebnis lieferten 
und weil jene nur wenige Heilverfahren anwendeten, nämlich bei den 
chronischen Krankheiten fast stets nur Abführen und Molken- und 
Milchdiät, vorausgesetzt, dass es die Jahreszeit zuliess. Von dieser 
völlig unzureichenden Therapie der alten seien aber die späteren 
Bearbeiter der Kviöiai yvcöf-iai zurückgekommen zu Gunsten einer mehr 
individualisierenden, reicheren Therapie. In Bezug auf die Lebens- 
weise sollen sie auch unkundig gewesen sein. Die mannigfachen 
Wendungen der Krankheiten führten sie dahin, eine bestimmte Anzahl 
von Krankheiten eines Typus aufzustellen und sich mit der Einreihung 
des Einzeltalls unter der betreffenden Nummer zu begnügen, statt über 
seine Eigenart nachzusinnen. Es ist ja begreiflich, dass auf diese 
Weise ein Fortschritt über das einmal vereinbarte Schema hinaus nicht 
leicht war. Dieses ausdrückliche Zeugnis ist unanfechtbar und Käsers 
Einwendung gegen die Gerechtigkeit des Angriffs abzulehnen (S. 105). 
Die Fehler sind also kurz folgende : zu viel Krankheitsarten, zufällige 
Merkmale statt charakteristischer Sj'mptome beachtet, Vernachlässigung 
der objektiven gegenüber den subjektiven Erscheinungen, nur einige 
treffende Prognosen, Nichterkennen des AVesens der Krankheiten und 
ihrer Erscheinungen und daher schlechte Krankheitsbilder. Zu dem 
ersten Zeugnis passt gut die Parallelversion des Knidiers Eurvphon 
zu de morb. II 68 ülDer die nelid^ = bleiche Krankheit (s. Galen. 
XVII, 1 888), worin wir die auch sonst gebräuchliche Reihenfolge: 
Semasiologie, Therapie, Prognose kennen lernen. Durch Zusammen- 
halten weiterer Citate ^) und den Vergleich mit den Schriften unseres 
Corpus erkennen wir sofort an den hervorstechenden Merkmalen als 
knidisch die im nächsten Kapitel vorangestellten Schriften. Aus allen 
erreichbaren Zeugnissen ergiebt sich nun folgendes Bild. In sprachlich- 



1) Vgl. Galen. XVII, i 886 (Treuifii); Ruf. ed. Daremberg-Euelle 159 über 
rsfpirts; Galen. I 419: 424; TU 427; Littre II 199: IV 65 f.: VII 304. Ausgiebig 
benutzt sind die knidischen Sätze von dem Verfasser von de hebd. und de morb. III 
nach Ilberg in „Griech. Stud." (9) S. 33 ff. 

Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 14 



210 Robert Fnchs. 

stilistischer Hinsicht fallen gewisse Redeweisen auf, z. B. alloxe 
y^al äXXoTB, e^avTrjg, ßgöxeiv tovQ vdövrag, rd xard cpvaiv (das Natürliche 
= Menses), aber nicht iivio xal /.ütio (pdgfuaxov diöövai, u. a. m. ; ferner 
die wunderlichen Kunstausdrücke: oaxoi^) =^ Schösslinge == Zweige 
= Uterusbänder (Fuchs III 558 A. 111); „dicke Krankheit" für ein 
nervöses Leiden ohne Verdickung (II 537 A. 78) ; dliöm]^ = Fuchs = 
Lendenmuskel. 

In der Physiologie zeigen die Knidier Verwandtschaft mit 
Alkmaion und Empedökles, während sie andererseits Philolaos' An- 
schauungen beeinflussen. Die Schule stellt wahrscheinlich die Begriffe 
„Galle" und „Schleim" fest und bringt diesen Ausdruck {cpleyi-ia) 
künstlich zusammen mit cpl€y{iLiaiv)sLv = brennen. Das weibliche Ge- 
schlecht erscheint ihr wärmer als das männliche, wie bei Parmenides. 
Von Einfluss auf das Befinden soll das „Göttliche" sein. Die Schule 
hat Vorliebe für gewisse Probleme, wie für die Zusammensetzung des 
Körpers, Parallelisierung der körperlichen Vorgänge mit solchen im 
Weltall, in Tier- und Pflanzenleben, Ausdeutung von Träumen und 
dabei Geringschätzung des Vorgängers und Hochachtung vor sich 
selbst. In der Anatomie leisteten die Knidier Gutes (Galen. II 900 ; 
XV 136). In der Pathologie ersinnen sie ein Anschwellen und Sich- 
umlegen der Lunge, doch findet sich das auch in einer anscheinend 
auf Hippokrates beruhenden kölschen Prognose (394). Die Zahl der 
Krankheiten ist deutlich erkennbar in de niorb. III: 4 des Gehirns, 
5 mit der Lunge zusammenhängende oder mit Lungensymptomen auf- 
tretende; in de morb. int.: „Es giebt 3 Arten Schwindsucht" (10), 
4 von den Nieren herrührende Krankheiten (14 fl".), 3 Wassersuchtarten 
(24 ff.), 3 Leberleiden (27 ff.), 5 Milzleiden (30 ff), 4 Gelbsuchtarten 
(35 ff.), 5 „Typhos" genannte Fieber (39 ff), 3 Heus (44 ff.), 4 „dicke" 
Krankheiten nervöser Art (47 ff.) u. s. w. Dabei beobachten sie gut. 
In der Therapie sind sie geschickte, wenn auch zu diensteifrige 
Chirurgen, die sofort mit dem Messer und Glüheisen zur Hand sind. 
Die Behandlung Avar sehr einfach, aber höchst energisch: übertriebenes 
Abführen, Diät ohne Auswahl, meist Milch und Molken, besonders 
aber Milch von einer Frau, die einen Knaben geboren hat (vgl. 
Papyros Ebers ... von H. Joachim, Berlin 1890, S. 23, 89, 92 u. ö.). 
Spazierengehen ist z. B. bei Phthisen zu empfehlen, in anderen Fällen 
das Auflegen von Schläuchen, das Eingiessen von Arzneien in die 
Luftröhre, um durch Husten Ausw^erfen herbeizuführen, das Inhalieren, 
lederne Schläuche zum Auflegen und Aufbinden zum Zwecke der 
Bähung, z. B. nach Feststellung pleuritischer Reibe- und kleinblasiger 
Rasselgeräusche, Schaukelbewegungen (aliugelv), bestimmte Medikamente 
in grosser Zahl (Galen. VI 795 bezüglich Euryphons), darunter die 
jederzeit berühmte cö/m^ Ivmg = „rohe Lösung", in verschiedener 
Weise zu Mehl verarbeitete Gerste mit oder ohne Zusatz (Fuchs II 
426 A. 30). Die gynäkologischen Lehren des Corpus gehen fast 
ausschliesslich auf knidische Forschungen zurück. 

Als Urheber der „Knidischen Lehrsätze" bezeichnete „man" im 
Altertum Euryphon (Galen. XVII, I 886), jedoch erwähnt der Ver- 
fasser von de diaeta in ac. mehrere Verfasser. Die kölschen Asklepiaden 
hatten vor Hippokrates ihre medizinischen Erfahrungen in den „Kölschen 
Lehrmeinungen" niedergelegt, die Knidier in der knidischen Streitschrift 



') De morb. mnl. II 204 cf. mit Littre VII 309; VIII 534. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 211 

gleichen Titels. Die Abhandlung des Theopompos über sie ist unter- 
gegangen (Phot. bibl. p. 120 B Bekker). Vor dem Erscheinen von 
de diaeta in ac. war bereits die 2. Auflage der knidischen Schrift er- 
schienen (Galen. XV 424 f.); sie war der 1., die Streichungen, Ver- 
besserungen und Zusätze erfahren hatte, sehr ähnlich und entsprach hin- 
sichtlich der pharmakologischen Therapie den ärztlichen Ansprüchen 
besser (a. a. 0.). Eine 2., erweiterte Auflage der kölschen Sätze durch 
Praxagoras liegt nach Kühlewein^) in den Coac. praenot. der Hippo- 
kratessammlung vor. 

15. Die Schriften der hippokratischen Sammlung. 

Litteratiirnachweisungen s. in den Ausgaben {besonders Littre, Pctreqiiin, Fuchs). 
Xur hervorragend Bemerkenswertes tcird hn, Nachfolgenden angeführt. 

1. Knidische Schriften. 

Auf Grund der im vorigen Kapitel gewonnenen ^Merkmale können 
nunmehr die sicher knidischen Schriften leicht zusammengestellt werden. 

1. Tiegl rovocüv y = de morbis III = Die Krankheiten III. 
Inhalt: Gehirnleiden (1 — 4), Leiden mit Symptomen wie bei Lungen- 
entzündung (5—9), Angina (10), Gelbsucht (11), Starrkrampf (12), 
Opisthotonus (13), Darm verschluss (14), Lungen- und Brustfellentzündung 
(15 f.), Eezeptbüchlein (17). ßeihenfolge der Körperteile also vom 
Kopfe nach unten zu. Disposition: Semiologie (Symptome) und Therapie; 
Prognose zwischen beiden oder am Schlüsse. Einleitungssatz = Schluss- 
satz von de hebd., also bilden beide Schriften ein Ganzes, de hebd. 
und de morb. III heissen bei Galenos (s. Er m er ins II S. LXIf.) n. 
fovowv a TÖ liu/.QÖrsQov und 7t. v. ß' x6 u. (das kleinere) ; Erot. (praef.) 
zählt de morlD. III als II, dafür II als I. Kompiliert aus den Kviöiai 
yviöfiai, daher enge Verwandtschaft mit de morb. II und de äff. int.-) 
Vernachlässigung der Aetiologie, wie II 12—75, weil in de hebd. schon 
gegeben. Als ursprünglichen Gesamttitel vermutet Ilberg-) gut 
vt. vovocov. Die Byzantiner wussten von der Zusammengehörigkeit 
nichts mehr. Die ßlrjToi = „Getroffenen", d. i. vom Schlage gerührt, 
erinnern an de diaeta in ac. 17. Das Formelbuch für Eezepte ist alt, 
aber ohne Grund später mit 1 — 16 vereinigt. 

2. Ttegl sßöouüdiüv = de liebdomadibus = Die Wochen (Ilberg: 
lieber die Siebeuzahl; Aumer: Das Buch der Siebensachen], bis auf 
winzige Stücke nui- in barbarischem, verstümmeltem Latein und in 
arabischer Umschreibung erhalten. Inhalt -) : Die 7 beherrscht das AU 
und alle Körpervorgänge. 1^11 Nachweis der 7 im All, phantastisch 
ausgeschmückt, 12 — 52 Uebertragung dieser kosmischen Theorie auf 
den Mikrokosmos Mensch, 13—23 Aetiologie der Fieber, 24—39 Therapie 
der Fieber, wobei Phrenitis, Lethargus, Peripneumonie und Hepatitis 
als mvoog = Brennfieber angesprochen werden; Krisenlehre, thera- 
peutische Ausführungen. 40—52 Semiotik nebst Traumlehre, Prognostik, 
Tod. Entstehungszeit 5. Jahrhundert. Diokles benutzte diese Schrift. 
AVenn Piaton (Phaedr, 270 C) dem Hippokrates die Forderung unter- 
stellt, dass die Kenntnis der ganzen Natur für die Medizin unent- 



*) Westermann's illustr. Monatshefte LIII (1882) 400. 

^) Gegenüherstellung bei Ilberg, Die raediz. Schrift 'Ueber d. Siebenzahl' in 
,Griech. Stiid. ... H. Lipsiiis dargebracht"', Leipz. 1894 S. 36 ff. 

14* 



212 Robert Fuclis. 

behrlicli sei, so durfte Fred rieh (6 f.) darauf nicht die Aussage 
gründen, dass der Verfasser in dieser Hinsicht ein „Schüler" des 
Hippokrates sei; denn jenes Dogma ist rasch Gemeingut geworden. 
Im übrigen vgl. oben 1 und Härder, Kliein. Mus. N. F. XL VIII 
433 ff. (Uebersetzung) ; Berthelot, Rev. des deux mondes 1893, S. 557. 

3. negl GaQ/.dJv (aQxiöv) == de carne oder musculis (principiis, s. 
Ermerins III 501) = Das Fleisch. Inhalt: Eigene Theorie des 
Anonymus über das Warme als Grund aller Dinge und Vorgänge in 
Anlehnung an Herakleitos und Parmenides. Entstehung der Körper- 
teile aus den Fäulnismengen der Erde, die sich in Fettes, Klebriges, 
Kaltes, Feuchtes verAvandeln, durch die Einwirkung des göttlichen 
Warmen; Erklärung der Sinnesvorgänge. Hiermit hängt Kap. 19 
über die Siebenzahl nur äusserlich zusammen. Ich nehme daher an, 
dass nur der letzte Teil von demselben Knidier herrührt wie oben 
1 und 2; denn auf de hebd. wird im Schlusssatze von Schrift 3 ver- 
wiesen, Dass aber weder de carne, noch dessen Schlusskapitel (nach 
Ermerins de aetate = negi aicövog) mit de hebd. ein Buch bildet, 
schliesse ich aus der Citierweise „an anderer Stelle", wofür ja „im 
nächsten Kapitel" oder „Buche" zu erwarten wäre. Gomperz (Griech. 
Denker I 233 ff,, 454) scheint mir in der Verschmelzung zu weit zu 
gehen. Auch eine Lücke vor Kap. 19 vermag Ermerins (III p. LXXIII) 
nicht zu erweisen. Die Schrift fällt in die Zeit des Diokles (Fred rieh 
77 f.). Ermerins' Behauptung, dass de sept. partu von demselben 
Pythagoreer herrühre (III p. LXXIII f.), leidet daran, dass er über 
der äusserlichen Aehnlichkeit der Parallelen den Widerstreit des In- 
halts vergisst. Dass die Siebenzahl als Grundlage auf die pythagoreische 
Zahlentheorie zurückzuführen sein wird, fördert unsere Berechnungen 
nicht. 

4. Ttegl vovatüv a = de morbis I == Die Krankheiten I. 
Inhalt : Allgemeine Verhaltungsmassregeln ; Krankheitsursachen : Galle, 
Schleim, Ueberanstrengung, Verletzung, Ueberwiegen einer der 4 Quali- 
täten; Folgezustände, Prognose, Günstiger Augenblick und Akairie, 
Richtiges und Falsches in der Kunst, gute und schlimme Symptome, 
Zufallsbehandlung, Uranfang und Ende der Heilkunst, Handfertigkeit 
(1 — 10), — Innerliche Vereiterungen = Empyeme (11 ff.), eingebildete 
„Zerrungen oder Zerreissungen" (20 ff.), Wunden, Prognose bei diesen 
Zuständen allen; Entstehung von Fieber, Frost, Seh weiss, Brustfell- 
und Lungenentzündung, Brennfieber (-/Mvoog), Phrenitis (23 ff.) ohne 
durchsichtige Anordnung, mit Prognose abschliessend. Das Buch ist 
trotz des Anon. Lond. VI 43 unecht (Kap. 2 = An. L. VII Iff.), 
Teil I (1 — 10) ist sophistischen Ursprungs wegen der eristischen Formeln 
und der schematischen Einteilung, der Eingang nach de aere aq. loc. 
gemodelt. Der Verfasser steht dem von de äff. mindestens sehr nahe. 
Teil II (11 ff) hiess früher Ttegi l^mmov (Galen. XVII, I 276; XIX 
76 u. ö.) und ist knidischen Ursprungs wegen der Succussion (6 ; 15 ; 17) 
und dialektischer Worte (Ermer, II p. LlXf.). S. oben 1; 7. 

5. :^£qI rovoiov ß' = de morbis II = Die Krankheiten IL 
Inhalt: Kopf leiden durch Schleim- oder Gallenanhäufung (1 — 4), „Gehirn- 
sphacelismus", richtiger der Englische Schweiss (5), Lähmung mit Stimm- 
verlust (6), Knochenfrass (7), Lähmung (8), Angina u. ä. (9 ff.). — Vom 
Kopfe herrührende Krankheiten (12 ff), Knochenfrass (24), Lähmung 
(25), Anginaarten (26 ff.), Schwellung und Entzündung des Zäpfchens, 
der Mandeln und der unteren Zungenfläche sowie Gaumenschwellung 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 213 

(29—32), 5 Polypenarten (33 ff.), 2 Gelbsuchtarten (38 f.), Fieberg-attungen 
als Gallenfieber, Tertiana, Quartana (40 ff.), 3 Brustfellentzündungen 
(44 ff.), 3 Lungenaffektionen, darunter Phthoe-Phthisis (47 ff.), „Tracheal- 
aphthen" (50), Tabes (51), Lungenleiden (52), Tracheenverletzung (53), 
verschiedene Lungenleiden u. ä. (54 ff.), Brennfieber (63), Schluchzfieber 
(64), Lethargus (65), Trockenkrankheit = avavzT^ (66), Mörderisches 
Fieber (67), die Ttelidg = bleiche Krankheit (68), Rülpssucht (69), 
Schleimkrankheiten (70 f.), rpQoviig = „Sorge", d. i. Hj'pochondrie in 

3 Arten (72 ff'.), Meläna (75). Erotianos (praef.) zählte es als „Buch I", 
Galenos als tt. vovolov «' zd i^ietLov = „das grössere" (vgl. Citate oben 
unter 1). Teil I (1—11) ist eine andere Redaktion von Teil II (12 ff.), 
also von einem anderen Verfasser geschrieben. I vernachlässigt die 
Therapie, bevorzugt die Aetiologie und ist knapper, II bringt unter 
Vernachlässigung' der Aetiologie meist Symptome, Therapie und Prognose 
und ist ausführlicher; passend nennt Ilberg (Siebenzahl 37) I wissen- 
schaftlich. II praktisch. Von 33 an werden von dem Verfasser von 
Teil II die Zustände weiter behandelt, die in I unberücksichtigt sind. 
Kap. 1 war schon zu Zeiten des Galenos am Kopfe verstümmelt (anders 
Ilberg 37 A. 1). Knidische Lehre enthält die ganze Schrift, zusammen- 
geschweisst, wie sie heute vorliegt; denn die der Byzantinerzeit an^ 
gehörenden Kapitelübei-schriften decken die Zählweise der Krankheits- 
gattungen auf, wie sie de diaeta in ac. 3 an den Knidiern rügt; die 
Annahme von Schleim und Galle als Krankheitsursachen, die Milch- 
und Molkenbehandlung, die Vorliebe für Abführmittel und eigentüm- 
liche Redeweisen dienen zur Bestätigung (Littre VII Einleitung; 
304 ff.; Erm. II p. LXIf). Jüngerer knidischer Ursprung ist sicher, 
aber Houdarts Ansicht, dass gerade Euryphon der Verfasser sei, ist 
unbegründet (Hist. de la medec. grecque etc., Paris 1856, S. 185). 
Vgl. 1; 2; 4; 6. 

6. tteqI rcöv ivrng Ttaiköv = de morbis (affectionibus) internis = 
Die inneren Krankheiten. Inhalt: Lungeuleideu aller Art (Iff.), 
fiktive Kontinuitätstrennungen (8), Empyem (9), 3 Phthisen der Lunge 
und des Rückenmarkes (10 ff.), Darre (13), 4 Nierenleiden und Folge- 
zustände (14 ff^.), durch die anhqviTig = Milzader verschuldetes Leiden 
= Ischias (19), Schleim als Krankheitsursache (20), „Weisser Schleim" 
= Anasarka sowie Hydropsarten (21 ff.), 3 Leberleiden (27 ff.), 5 Milz- 
leiden (30 ff.), 4 Gelbsuchtarten (35 ff), 5 „Typhos"-Arten, d. i. ver- 
schiedene Fieber (39 ff.), 3 Ilei = skorbutische Erscheinungen (44 ff.), 

4 „dicke Krankheiten" = akute Manie (47 ff.), Hüftweh (51), 3 Tetani 
(52 ff.), Knidische Schrift: Schleim und Galle als Krankheitserreger, 
Eingiessungen in die „Lunge", d. i. Luftröhre, Widerspruch gegen 
koische Lehre (s. Littre V 425; VI 306; VIII 8), teilweise wörtliche 
Uebereinstimmung mit de morb. II und III, Sprachgebrauch, de morb. II 
wird durch de äff. int. zuerst rekapituliert und ergänzt, dann wird in 
der Krankheitsschilderung von oben nach unten fortgefahren^) unter 
Angabe von Aetiologie, Symptomatologie, Prognose, Therapie, also 
wissenschaftlich-praktisches Handbuch.-) de morb. III ist, abgesehen 
von der Aetiologie, näher verwandt mit de äff. int. als de morb. IL 
Galenos (gloss.) nennt das Buch „das IL, grössere von den Krank- 
heiten", mithin ist „inneren" späterer Zusatz, vermutlich gleichen 



') Deutimg in meiner Ausgabe II 528 A. 68. 
■-) Ilberg, Siebenzahl 37 ff. 



214 Robert Fuchs. 

Ursprungs mit den byzantinischen Kapitelüberschriften. Trotz vieler 
richtiger Thatsachen nennt Galenos das Buch des Hippokrates un- 
würdig (XV 537; Erm. II p. LXIXf.). Houdart (a. a. 0. 406 Anm.) 
macht wiederum Euryphon zum Urheber, ohne es beweisen zu können. 
Viele Verwandtschaft mit Philolaos von Kroton. Das Buch ist nicht 
vollständig (s. bei mir Kap. 20 A. 41). 

7. nsQL nad-töv = de affectionibus = Die Leiden. Inhalt: Galle 
und Schleim als Ursache aller Krankheiten (1), so auch des Kopfes (2) ; 
Abführen und Medikation zu Beginn der Krankheit, nicht gegen 
Ende (3), Schmerzen in den Ohren, im Schlünde, am Zahnfleische, am 
Zäpfchen und an den Zähnen (4), Polyp (5); Brustfell-, Lungenent- 
zündung, Phrenitis und Brennfieber (6 ff.), andere Fieber (12); Eigen- 
art akuter Krankheiten (13); Schilderung von Sommerleiden mit und 
ohne Fieber (14 ff'.). Tertiana und Quartana (18), Anasarka (19), Hyper- 
trophie der Milz (20), Ileus (21), Hydrops (22), Ruhr (23), Lienterie (24), 
Diarrhöe (25), Tenesmus (26), Cholera = Cholerine (27), Harnstrenge (28), 
Hüftweh (29), Arthritis (30), Podagra (31), Gelbsucht (32), Geschwülste 
(34), Varia (35), Abführung (36), Ausfragen des Patienten und erste 
Massnahmen des Arztes (37), Allgemeines über Verletzungen (38), Ver- 
wendung dessen, was zur Hand ist, besonders bei Speisen und Ge- 
tränken (39), Diät-, Salb-, Abführungsvorschriften (40 ff.), Weine (48), 
Fleisch (49), Diät allgemein (50 ff.), Bad (53), Verschiedenes über die 
Kost, namentlich Pflanzenkost (54 ff.). Der knidische Verfasser der 
Notizensammlung verrät sich durch die Milch- und Molkenkur, häufiges 
Purgieren und Redensarten. Die für Laien verfasste Schrift (Kap. 1 ; 
33) legte Galenos nach den Hippokrates-Codices dem Polybos bei, aber 
dem widerspricht Galenos selbst (XV 537 ; 587 ; E r m. II p. LXVI ff.). 
Jedenfalls steht der Verfasser dem von de morb. I nahe. 

8. negi döhtov = de glandulis = Die Drüsen. Inhalt: Be- 
schreibung der Drüsen, ihrer Lage und Funktion (1 ff.) ; Drüsen sitzen 
in den Eingeweiden (5), Nieren (6), im Halse und Kopfe (7), in den 
Achselhöhlen (8). Das Gehirn ist die grösste Drüse und verursacht 
durch Abgabe des herangezogenen Drüsenüberschusses 7 Arten von 
Flüssen = Katarrhen (11 ff.); Delirien und Raserei als Gehirnleiden (15), 
Brustdrüsen und deren Erkrankungen (16 f.). Die Beschränkung im 
Thema bewirkt, dass deutliche Anzeichen für den knidischen Ursprung 
fehlen. Wahrscheinliche Kriterien zum mindesten sind jedoch die 
Aehnlichkeit der Flusstheorie mit de morb. I Teil II und de carne 16 
und was Erm er ins III p. VIII anführt. 

Zu allen Schriften über Gynäkologie vgl. Littre VIII 520 ff. 

9. neQi yvvaLxeäov (a) = de morbis mulierum (I) =Die Frauen- 
krankheiten (I). Inhalt : Frauenleiden und Erklärung der Regel (1), 
deren Verhaltung (2 f.), spärliche (4) und übermässige Reinigung (5), 
Beschreibung des Menstrualblutes u. ä. (6), Pnix hysterica (7), „gallige" 
(8) und schleimige Periode (9), Unfruchtbarkeit des Weibes (10), allerlei 
Störungen der Kindererzeugung (11 ff.), Mittel für Schwängerung (22 f.), 
Beschwerden und Krankheiten Schwangerer (25 ff.), Quer- und Fuss- 
lage (33), Entbindung (34), Lochienfluss (35 ff.), durch Entbindung ver- 
ursachte Leiden (42 f.), Milchanomalien (44), Nachgeburt, Folgeerschei- 
nungen der Geburt un3 deren Behandlung (46 ff.), Uteruskrankheiten 
(55 ff), Abortus (66 ff.), Nichtkopflagen (69 ff), Molen (71), Rezepte für 
alle Frauenleiden (74 ff.) ; unechter Teil mit Rezepten (92 ff.). Littre 
(VIII 8) durfte I und II nicht verbinden, denn die stete Ankündigung 



Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 215 

des Themas, odTqyriOLg, in I und das Fehlen dieser in II weist dieses 
einem besonderen Verfasser zu (Erm. II p. LXXVIIIff.). Daher kann 
die Benennung ,.I" und „II" nur alexandrinischen oder späteren Ur- 
sprungs sein. Auf de nat. pueri wird verwiesen Kap. 1; 44 und um- 
gekehrt (F u c h s III 391), doch so, dass de nat. p. älter ist. Enge Be- 
ziehungen zu de morb. IV, de sem., de nat. pueri, (de morb. mul. I und) 
de steril., ohne dass diese etwa ein zusammenhängendes AVerk bilden 
müssten, wie Erm. II p. LXXXV will; wohl aber kann de steril, 
Fortsetzung von de m. m. I sein. Als ich aus ,.aber" im 1. Satze 
schloss, dass der Anfang unvollständig sei (II 391 A.), hatte ich 
Di eis (Hermes XXII 436 A.) übersehen, wonach das aber einem 
Schreibfehler zu verdanken ist. Wegen Fehlens einer klaren Dispo- 
sition ist es fraglich, wie viele Kapitel echt und wie viele ausser 92 ff. 
ein- oder angesetzt sind. Die Auszüge des Buches, welche sich in de 
superfet. und de excis. fet. mit finden, beweisen, dass der Text, wohl 
auch an Vollständigkeit, gelitten hat (Littre VIII 532). Knidisch 
ist: der Ausdruck, die Krankheitseinteilung und -Beschreibung, das stete 
Abführen und Darreichen von Milch und Molken, das Schütteln Ge- 
bärender, die eigentümlichen Prognosenformeln (bei mir II 391). Das 
Buch kann aus älteren knidischen Schriften entlehnt sein (Erm. 
II p. XCIII), ist aber trotz Erm. II 558 nicht jünger als HippokrateV 
Zeitalter. Der unechte Teil hat öfter die attische Form atacpig für 
uarafpig; vielleicht gehört trotzdem das Arzneibuchfragment der kni- 
dischen Schule an. Pseudaristoteles entlehnt dem Buche vieles (Littre 
VIII 4 ff.). 

10. negl yvvaueuov (II). Zur Bezifferung, Entlehnung u. s. w. 
vgl. 9. — Galenos hielt das Werk für echt (gloss. niCai: r/.raQ); doch 
hält ihm Erm. (II p. XCII) entgegen : methodus nosologica, purgantia 
und Sprache. Kap. 1 hat van der Linden aus de loc. in hom. 46 
wiedergewonnen. Ein geeigneter Schluss fehlt. Inhalt: Die Gebär- 
mutter verursacht alle Frauenleiden (1), Flüsse (1 ff.), Verlagerungen 
des Uterus (14 ff.); mit besonderer Einleitung werden 28 ff. weitere 
Verlagerungen besprochen ; sonstige Uterusleiden (45 ff.) ; Rezepte für 
allerlei kosmetische und gj-näkologische Zwecke (76 ff.); anscheinend ist 
dieses Arzneibuch später angefügt und nach und nach vermehrt 
worden, 

11. 7i€Qi dcpnQiov = de sterilitate == Die Unfruchtbarkeit 
der Frauen. Inhalt: Grund der Sterilität (1), Versuchsmittel zu 
ihrer Feststellung (2), Merkmale der Schwangerschaft (3 f ), Mittel zur 
Konzeption (4 ff.), Mole (21), gynäkologische Rezepte und Behandlungs- 
weisen (22 ff.); Extraktion des Fötus (37). Wegen Zusammengehörig- 
keit mit de morb, mul. I s. oben 9; bezüglich de superfet. dieses. 
Knidisch aus den oben angeführten Gründen (Erm. III p, VIII), Die 
Disposition ist schlecht. Vgl. bei mir III 591 A, 

12. neQi yuvaixeirjg q)voiog = de natura muliebri = Die Natur 
der Frau. Der Inhalt deckt sich fast völlig mit de morb. mul. I und II, 
aus welchen de n, m. ein wohl zu Lehrzwecken gemachter Auszug ist. 
Damit ist das knidische Gepräge festgestellt. Der schlecht gewählte 
Titel ist dem anonj'men Auszuge später vorgesetzt worden. Manches 
findet sich doppelt. Die Schüttelung Schwangerer ist allgemein knidisch, 
aber auch ausserhalb von Hellas sehr verbreitet ; mithin ist Euryphons 
Verfasserschaft eine unglaubwürdige Hypothese; denn der berühmte 
Arzt war doch kein Plagiator. 



216 Robert Fuchs. 

13. ntql £7iiy.vrjaiog = de superfetatione = Die Ueberfruch- 
tiing. Inhalt: üeberfruchtung, Symptome, Folgeerscheinung-en bei 
Verhalten der Nachfrucht, Ursache (1), allerlei Komplikationen bei 
der Geburt (2 ff.), Sentenzen über Muttermundstellung, Coitus, Zwillinge 
(12 ff.), Dystocie (15), Merkmale der Schwangerschaft und Schlüsse auf 
den Fötus (16 ff.), positive und negative Disposition für Schwanger- 
schaft (20 f.), Vorschriften bezüglich Konzeption und Abortus (23 ff.); 
Rezepte für alles dieses (32 f.) ; Regelverhaltung bei Jungfrauen (34) ; 
Rezepte (35 ff.). Gründe für knidischen Ursprung wie oben ; ferner ist 
die Schrift aus den anderen knidischen Schriften ausgeschrieben, be- 
sonders de morb. mul. I und de steril.; manches, z. B. der Anfang ist 
selbständig verfasst. Einleitung und Schluss fehlen; die Disposition 
ist von der Mitte an planlos; der Titel verrät dadurch, dass er den 
Inhalt nicht deckt, seine späte Entstehung. Als Urheber vermutet 
L i 1 1 r e Leophänes (vor Aristoteles ; I 379 ff.) ; dass dieser aber einen 
so mangelhaften Auszug gemacht haben könnte, hat ihm niemand ge- 
glaubt. 

14. negl lyxaTaTOf-irjg ifißgvov = de fetus (embryonis) in utero 
excisione = Die Zerstückelung des Kindes im Mutterleibe, 
Inhalt: Thema (1), Querlage (2), Lochien (3), Schüttelung oder Succussion 
(4), Prolaps und Reposition (5). Aus den anderen knidischen Schriften 
entlehnt, jedoch mit Besonderheiten in Kap. 1; 4 f. (Littre VIII 510). 
Der Titel ist später dazu gekommen und passt nur zu Kap. 1. 

2. Wahrscheinlich knidischen Ursprungs sind: 

15. TtsQi vovoiüv ö' = de morbis IV = Die Krankheiten IV. 
Inhalt: Der Fötus besteht aus Schleim, Blut, Galle, AVasser wie seine 
Eltern (1); Vermehrung und Verminderung der 4 Säfte durch An- 
ziehung der entsprechenden Nahrungsteile (2), Beispiel hierfür (3), 
weiterer Beweis (4), Gründe für Zunahme des Schleims (4), der Galle (5), 
des Wassers (6), des Blutes (7), Ergänzung der Säfte (8 f.), Abnahme 
der Säfte (10); wieso und warum sind die Menschen gesund? (11), Ab- 
gang der Entleerungen am 3. Tage (11 f.), andernfalls Erkrankung (13); 
Ueberwiegen der Feuchtigkeit macht krank (14); Nachlassen des 
Fiebers und Krisis an ungeraden Tagen u. s. w. (15 ff.) ; Leiden bei 
mangelnder Entleerung oder Behandlung (18) ; 3 Krankheitsursachen : 
1. Nichtentleerung, 2. ungünstige Klima- und Lebensverhältnisse, 
3. Trauma oder Anstrengung u. dgl. (19 ff.); Fieberentstehung (22); 
Helminthologie (23) ; Steinleiden (24) ; das Getrunkene geht nicht nach 
der Lunge (25), sondern zum Magen (26); infolgedessen Entstehung 
des Hydrops (26). Der Titel ist spät erfunden, mindestens die Ziffer IV. 
Bloss von Oefele (Aerztl. Rundschau 1895) erklärt das Buch für echt, 
9in schw^erer Irrtum. Littre, Ermerins und D i e 1 s (Preuss. Jahrbb. 
LXXIV 1893, S. 424) nehmen mit Recht für de morb. IV und de 
nat. pueri denselben Verfasser an; de m. IV liegt vor de sem., womit 
Littre obendrein de nat. pueri verschmilzt, wegen des Citats in de 
sem. 3. Den knidischen Ursprung beweist Di eis (a. a. 0.), während 
Ermerins an einen mit knidischen Lehren vertrauten Arztphilosophen 
(latrosophisten) denkt (III p. XIV); natürlich ist dieser latrosophist 
nicht der Verfasser von de flat. Am Schlüsse (23—26) sind Reste 
anderer Schriften desselben Verfassers angefügt, meint Fredr ich; viel- 
leicht sind es aber zufällig ankrystallisierte fremde Notizen. Die Ver- 



Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 217 

wandtschaft der Anschauungen mit denen des ApoUoniaten Diogenes 
wurde von Petersen, Ernst H. F. Meyer und Diels (Hermes 1894, 
S. 428) zu sehr betont. Die Schrift ist für Aerzte und Laien bestimmt 
und um die Wende des 5. vorchristlichen Jahrhunderts erschienen; 
Anspielung auf Kap. 2 bei Plat. Tim. p. 70 A f. Genannt Avird die 
Schrift nie. 

16. Tisgi yovfjg = de semine (genitura) = Der Samen und 

17. 7i€Qi cpvaiog Ttaiölov = de natura pueri = Die Entstehung 
des Kindes sind seit Littre's glücklichem Blicke ein einheitliches 
Werk. Der Titel st. r/jg (pvaiog tov Ttaiöiov zov iv tö/m muss die von den 
Alten nie citierte Schrift de sem. mit umfasst haben. Den vollständigen 
Titel der beiden Bücher verdanken wir den Selbstcitaten des Verfassers 
von de morb. mul. I, der also auch hier als Verfasser anzunehmen ist 
(Littre VIII 6 f.; Erm. II 485; 496). Empedökles und Demokritos 
haben die Anschauungen merklich beeinflusst. — de nat. p. wurde zu 
Galenos' Zeiten Hippokrates oder Polybos beigelegt; letzterem stimmte 
auch Kühle wein zu (Philologus XLII 1882-84, S. 132), und von 
Oefele erklärte sie sogar für echt (hierzu und sonst vgl. oben 15). 
Letzterer hätte sich statt auf schwanke Gründe auf Orib. I 527 Buss. 
u. Dar. stützen sollen. Allein schon Ermerins erkannte den knidischen 
Ursprung (II p. XC; III p. VIII; XIV). Es spricht nichts gegen 
Petersens Ansatz, um 424 v. Chr., jedoch sind die Anspielungen, die 
Petersen in den „Wolken" des Aristophanes finden will, zu sehr ge- 
sucht, als dass sie schlagende Beweise genannt werden könnten. 

18. neQL oipiog = de visu = Vom S'ehen. Inhalt: Verförbung 
der „Pupille" (1); dem Sehvermögen kann nur bei Erwachsenen durch 
Schaben und Brennen der Lider nachgeholfen werden (2); Brennen 
im Kücken (3); Schaben und Brennen der Lider mit Wolle (4); Ope- 
ration granulöser Augenlider durch Schneiden, Brennen oder Beizen (5) ; 
Mittel für Erosionen (6), Tagblindheit (7), Verlust des Sehvermögens 
bei erhaltenem Auge (8), Trachom (9). Die Schrift ist unvollständig 
und vielfach verderbt. Die Alten erwähnen sie nicht. Dass sie 
knidische Lehren überliefere, giebt an die Hand: 1. die Verweisung 
de aflfect. 5 (Erm. II p. LXVIf.); 2. die Ausdrucksweise (Erm. III 
p. XLI vergl. m. III p. VIII und XL f.) vielleicht. Die Stilähnlichkeit 
von de visu 6; 9 und de äff. 2; 4 f. (Littre IX 127) vermag ich nicht 
anzuerkennen. Alle Kritiker verwerfen die Schrift (Littre IX 124 ff.; 
X p. XXXVIII ff). 

19. Tiegl TÖTiiov riJjv xar' ävdgwTtov = de locis in homine = Die 
Stellen am Menschen. Inhalt: Die Krankheit geht vom ganzen 
Körper, vorzugsweise vom Trockenen, aus (Solidarpathologie), Theorie 
von der Drüseneigenschaft des Gehirns nebst „Flüssen" oder „Ka- 
tarrhen" (1), Sinnesorgane (2), Aderlauf (3), von Adern und Sehnen 
(Nerven?) verursachte Krankheiten (4); von den Sehnen (5); Suturen 
und Gelenke — beachte den wunderlichen Ausdruck negövri = schnallen- 
nadelähnliches Gebilde zur Bezeichnung des Ellenbogenfortsatzes — (6) ; 
Gelenkschäden (7); Weg, den die Nahrung nimmt (8), „Flüsse" (9 ff.); 
gefährliche Symptome (16); Therapie der Brustfellentzündung (17), des 
Empyems (18), der Phthisis pulmonum (19); Fluss nach dem Bauche 
u. s. w. (20 ff.), Hydrops (23 f.), Therapie verschiedener Leiden (25 ff.) 
und allgemeine Therapie (30), Trepanation (31), Prognosen (32), all- 
gemeine Therapie (33), Gymnastik und Medizin (34), Therapeutisches 
(35 ff.), das Brennen der Adern (39); die ärztliche Kunst (40) und 



218 Robert Fuchs. 

schematische Zusammen stellung-en über allerlei, z. B. die günstige Ge- 
legenheit (41 If.) ; die Frauenkrankheiten (46) = Anfang von de morb, 
mul. II und falschlich hierher geraten. Knidisch ist die „Umlegung 
der Lunge" (14) und die Eingiessung in die „Lunge" d. i. Trachea 
(Erm. III p. VIII). Piaton bezieht sich auf die Schrift (Tim. p. 74 
Dff.; resp. V 462 C). Des Galenos Echtheitszeugnis (I 54; II 132) 
ist wertlos angesichts der sophistischen und vielfach thörichten Anlage 
und Gruppierung des für Aerzte und Laien zusammengestoppelten 
Machwerks. Alkmaions Einfluss ist deutlich. Der Verfasser scheint 
ein Dorier gewesen zu sein (Erot. unter -/.iOagog und xä^/uagov). 

Nach Erschöpfung des sicher oder wahrscheinlich knidischen 
Schriftbestandes wenden wir uns nun, um die Kreise immer enger zu 
ziehen, den zweifellos 

3. sophistischen Schriften 

zu. Als typisches Beispiel einer solchen gehört an erste Stelle 

20. TCEQi cpvawv == de flatibus = Die Winde. Inhalt: Ein- 
leitung über die ärztliche Kunst (1), die Krankheiten (2) und den Wind 
als den Alleinherrscher, vvQavvog, über alle Dinge (3 ff.); der Wind im 
Körper verursacht die Fiebererscheinungen (7 ff.), die Flüsse (10), die 
fiktiven Zerreissungen der Weichteile und den Hydrops (11), die 
Schlagflüsse (12 f.), die Epilepsie (14), kurz, der Wind (Pneuma) ist 
die primäre Ursache aller Krankheiten, alles übrige begleitende Ur- 
sache (15). Wenn Spät^)'und von Oefele-) die Schrift für echt 
und somit alle genialen Schriften des Corpus mittelbar für gefälscht 
erklären, so setzen sie unsere gründlichen Kenntnisse von der Sophistik 
als nicht vorhanden voraus. Diese auch durch Piaton und Aristoteles 
gestützten sophistischen Kriterien treffen auf de flat, in vollendeter 
Weise zu : 1. es ist keine Schrift, sondern durchweg eine epideiktische 
Eede nach Gorgias' Manier ; man beachte die phrasenhafte Einleitung, 
die Anreden, die rhetorische Emphase (3), den Ichstil, die Ueber- 
treibungs- und Verallgemeinerungssucht (z. B. 1 Schluss, 2); dieses 
ist so auffällig, dass Diels (a.a.O.) mit Recht von einem „abschreckenden 
Beispiele" der um die Wende des 5. und 4. Jahrhunderts grassierenden 
latrosophistik spricht; der Verfasser ist aber Sophist und steht der 
Heilkunde ziemlich fern. Auffällig sind ferner die sophistische Rede- 
weise, z. B. die Personifikation des Windes als dvväoTr]g = Machthaber, 
Despot, Parechesis von Trag (14), die typischen Uebergänge, Ankün- 
digungen des Themas und Abschlüsse, die Disposition, die dichterischen 
Wendungen, die gesuchten Gegensätze, die Citate, die ja praec. 12 
ausdrücklich verboten sind, u. s. w. Piaton hat die Schrift vielfach 
benutzt, ohne den Verfasser zu nennen.^) Der Anon. Lond. (Beckh- 
Spät9) bezeugt, Hippokrates habe nach Aristoteles die Winde {cpDaai) 
als die Krankheitsursachen bezeichnet. Aristoteles' Schüler Menon, der 
Arzt, hat seinem Meister die medizinische Litteratur gesichtet. Die 



^) Die ganze Litteratur s. bei Fuchs, Jauus II 1 (1897). 

^) Aerztl. Eundschau 1895 Nr. 17. Vgl. dagegen Weygoldt, Fleckeisens 
Jahrbb. f. klass. Philol. CXXIII 1881, S.'508£; Maass, Hermes XXII 566 ff. ; Erm. 
11 p. LIII; 55; Diels, Hermes XXVIII 424; 431; 433. 

'') Poscheu rieder, Die piaton. Dialoge in ihr. Verhältnisse z. d. hippokratisch. 
Sehr. Jahres-Ber. ü. d. k. Stud.-Anst. im Benediktinerstifte Metten, Landshut 1882, 
S. 42; 461; 48 f.; 61; 68 f. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 219 

angeschlossene Erläuterung, die aus de flat. stammt, scheint auch Menon 
zum Verfasser zu haben ; mithin galt ihm de flat. für echt. Wenn der 
An. Lond. selber im nächsten Kapitel anhebt : „Wie aber Hippokrates 
selbst sagt" und nun die knidische Schrift de morb. I umschreibt und 
später mit de nat. hom. ebenso umspringt, so beweist er lediglich seine 
Unglaubwürdigkeit. Dass aber x4.ristoteles-Menon in der hippokra- 
tischen Echtheitsfrage auch sonst nicht unfehlbar ist, lehrt de nat. 
hom. (w. s.) ; es erklärt sich aus der geringen Beachtung der ärztlichen 
Schriften durch Aristoteles überhaupt, der xlnonymität der Schriften in so 
später Zeit, aus der Verdrängung guter echter Bücher durch zeitgenössisch- 
elegant geschriebene Bücher unbekannter Sophisten. Als Vertreter der da- 
mals herrschenden Pneumatheorie (Diogenes' von Apollonia Theorie galt 
zur Zeit des peloponnesischen Krieges) hatte Menon Anlass genug, sich 
auf die seine Theorie stützende Schrift als echte zu berufen, selbst 
wenn er vom Gegenteil überzeugt war. Der Verfasser ist beeinflusst 
von Anaximandros oder sicherer Anaximenes und Diogenes von Apollonia. 
21. TtsQi (pvöioq &v3-Q(b7iov = de natura hominis = Die Natur 
d e s M e n s c h e n. Inhalt : Der Mensch besteht nicht aus einem einzigen 
Grundstoffe (Iff.), sondern aus 4 Qualitäten: Warmes, Kaltes, Feuchtes, 
Trockenes in Form von Blut, Schleim, gelber und schwarzer Galle 
(3 § 7 f.), Beweise (5 § 9 ff.) ; wechselseitige Zu- und Abnahme der Säfte 
mit der Jahreszeit, daher Zu- und Abnahme der Krankheiten in 
Perioden (7 § 12 ff.). — Heilung per contraria (9); Entstehung der 
Krankheiten durch Lebensgewohnheiten und die Luft (individuelle und 
endemische oder epidemische Leiden), Behandlung (10); Grad der 
Krankheit im Verhältnis zur Stärke des Körperteils (11) ; des Polybos 
Adernbeschreibung (12); allerhand zusammenhangslose Notizen (13 ff.), 
z. B. über Uiinsedimente (15), Fieber (16). Litteratur und Vorbilder 
s. bei mir I 189; dazu Fred rieh. De libro tt. cp. ä. pseudippocrateo, 
diss. Gotting. 1894. Die Schrift zerfällt in 4 von verschiedenen Ver- 
fassern herrührende Teile. I umfasst 1 — 8 und wird im Anon. Lond. 
XIX 2, also gewiss von Menon, bezüglich 1 — 4 für Polybos in An- 
spruch genommen. Zu Galenos' Zeiten sprachen manche die ganze 
Notizensammlung {v7toi.ivrii.ia) dem Hippokrates ab (XV 9), andere 
sprachen sie Polybos zu (172 f.); die meisten derer, welche die Zu- 
sammenschiebung verschiedenartiger Stücke erkannten, legten 1 — 8 
Hippokrates bei (11 ff.; 16; 107 ff.), andere sprachen sie ihm ab, wieder 
andere hielten es mit Menon (Gal. XV 11 f.). Galenos hält 1 — 8 für 
echt (XV 10 ff; 15 f.; 49; 106; 109), weil Piaton im Phaidros 270B 
darauf anspiele (XV 3 f.; 12; 31; 102 f.). Oreibasios (coli. med. III 
Iff.) hält Hippokrates für den Verfasser. Beider Gründe sind un- 
verbindlich, denn beide irrten auch bei anderen Schriften in unbegreif- 
licher Weise, und Piaton bezieht sich a. a. 0. überhaupt nicht auf 
eine bestimmte Schrift (Nachweis Fred rieh. Hipp. Unters. Iff.). Für 
Hippokrates tritt bei 1 — 8 ein P o s c h e n r i e d e r, für Polj'bos : L i 1 1 r e , 
Christ, Diels, Gomperz. Gegen die Echtheit von 1—8 sprechen : 
der Charakter als epideiktische Rede, denn weder Hippokrates, noch 
Polybos waren Redner d. i. Sophisten, sondern sie waren Aerzte, 
und praec. 12 verbietet den Aerzten solche Reden; die sophisti- 
schen Schlagwörter (pvoig und vouoi und dg^wg, wennschon die 
Sophistik gegen de flat. etwas zurücktritt ; dass Aristoteles (bist. anim. 
III 3, 512 b 12) das ganz anders geartete 12. (bei anderen 11.) Kap. 
für Polybos bezeugt, also die Kritiker den Verfasser nur dieses Kapitels 



220 Robert Fuchs. 

ZU dem der ganzen Notizensammluiig gemaclit haben müssen. — Teil II 
= Kap. 9 ff. gehört einem Unbekannten, nach Fredrich (16) dem, der 
in I interpoliert hat. Dioskurides schrieb 9 Hippokrates, dem Sohne 
des Thessalos, zu (Gal. XV 110 ff.); der Anon. Lond. VII 15 das Kap. 
10 dem grossen Hippokrates selbst; doch hatten beide keine anderen 
kritischen Mittel als wir. — Teil III = Kap. 12. Die mangelhafte 
Aderlaufbeschreibung ist de nat. oss. 9 wiederholt. Sie wird wegen 
ihrer Unbestimmtheit von Galenos (XV 150), wegen ihrer schlechten 
Stilistik von Fredrich (S. 18) getadelt. Die Autorschaft des Polybos 
bestritten später manche dem Aristoteles (Gal. V 529), wohl mit gutem 
Grunde. — Teil IV = 13 ff. sind verschiedene Collectanea eines Un- 
bekannten. 13, Eiteransammlungen, weicht ab von der in epid. I. III 
und aph. entwickelten hippokratischen Anschauung. 14 (Prognose), 
Verfasser unbekannt, ebenso 15 f. Kap. 16 weicht so wie 13 von Hippo- 
krates ab. Da die Venenbeschreibung schon dem Aristoteles dürftig 
erschien, muss der Notizensammler einige Zeit vor ihm geschrieben 
haben. Galenos bezeichnet avvoxog = synochisches Fieber in Kap. 16 
als nachhippokratisch (XV 172 f.) ; die Entstehung nach Philistion ver- 
tritt Fredrich (47). Jedenfalls galt das ganze Buch in der römischen 
Kaiserzeit als Urkunde der kölschen (= hippokratischen) Humoral- 
pathologie. ^) Einen Kommentar schrieb Sablnos hierzu (Galen. XV 25). 
Vgl. 22. 

22. TtsQi öicuTr^g vyieiv^g = de diaeta (victu) salubri = D i e 
Hygiene der Lebensweise. Inhalt : Wer seiner Gesundheit leben 
kann, hat eine bestimmte Lebensweise einzuhalten ; deren Beschreibung 
(1); Regeln für die einzelnen Konstitutionen, Altersstufen, Jahreszeiten 
(2 f.); Entfettungs- und Mastkur (4); Erbrechen und Klystiere (5); 
Eegeln für Kinder und Frauen (6); Regeln für solche, die der Gym- 
nastik obliegen (7). — Fälschlich angeschweisst sind: 8 über Gehirn- 
leiden = de morb. II 12 Anfang; 9 (der Verständige muss sich durch 
eigene Einsicht in Krankheitsfällen helfen) == de affect, 1. Satz. Die 
für Laien bestimmte Schrift bildet in den Handschriften und für 
Galenos mit de nat. hom. ein Buch; daher bei Gal. XVIII, I 831 
(vgl. XV 175) 7t. cp. a. Y.ai öiaiTrjg genannt. Kommentar III des 
Galenos bezieht sich auf de d. s. Die Abtrennung, durch Littre war 
unberechtigt ; denn diese Notizen sind nur äusserlich aneinandergereiht, 
wie de nat. hom. Gründe für Anreihung bei Fredrich (Hipp. Unt. 
19 ff.). Dass Buchhändler zur Zeit der Gründung der alexandrinischen 
Bibliothek aus Spekulation de nat. hom. und de v. s. aus Notizen zu- 
sammengesetzt hätten (Gal. XV 105 ; 109), widerspricht der Entstehung 
des Corpus und ist auch sonst unglaublich. So ungeschickt war der 
Fälscher nicht, und so dumm waren die Beamten der bücherliebenden 
Könige nicht. Unsere Schrift soll von Polybos herrühren (Gal. XV 
108; 173; 175; 183; 212). Dabei bescheiden sich auch Petrequin, 
Ilberg und Fredrich, weil Beweismittel für wie gegen fehlen. 
Jedenfalls ist die Schrift koisch und dem hippokratischen Kreise ver- 
wandt, schon wegen der Aehnlichkeit mit de aere aq. loc. 

23. vöiiiog = lex = Das Gesetz. Nötige Anlagen und Kennt- 
nisse zur Erlernung der Medizin. E r m e r i n s will lex, de arte, de vet. 
med. so als einheitliches AVerk dnoloyia rfjg iiqxQLy.rg zusammenstellen. 
Ihn widerlegt Ilberg (Stud. pseudipp. 28 ff.), von Wilamowitz- 



i;» Di eis, Preuss. Jahrbb. LXXIV 1893 S. 430. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 221 

Möllendorff schiebt im Motto zum „Herakles" I eiu Citat dem Demo- 
kritos unter, von Oe feie macht die echt griechische Rede mit allen 
Merkmalen der Sophistik, die ihr anhaften, sogar zu einer — ägyp- 
tischen. ^) Vgl. 24; 25. 

24:. negl reyvr^c = de arte = Die Kunst. Inhalt: Die Heil- 
kunde existiert und ist eine Kunst (1 f.) ; Definition (3) ; die Heilkunde 
vermag ihre Aufgaben zu lösen, die Angriffe ihrer Gegner werden 
rhetorisch abgeschlagen (4 ff.). Eine vortreffliche Sophistenrede des 
5. Jahrhunderts, aber nicht von Protagoras (so G o m p e r z) - ), auch nicht 
von einem seiner Schüler, vielmehr gegen die Richtung seiner Schule, 
von einem sophistisch gebildeten Arzte verfasst. ^) Vgl. 23; 25. 

25. n(Qt ccQxairjg irjTQi/.^g == de vetere (prisca) medicina ^ Die 
alte Medizin (K ü h 1 e w e i n I 1 ff.). Inhalt : Es giebt eine ärztliche 
Kunst (1); Lob der alten Kunst, von der jede weitere Forschung aus- 
gehen muss (2 ff.) ; ihr Ursprung sind diätetische Erfahrungen bei Ge- 
sunden und Kranken (5 ff.); unrichtige Anfüllung wie Entleerung ver- 
ursacht Krankheit (9 f.); Gründe (11 f.); das Warme und Kalte, Feuchte 
und Trockene ist nicht die Krankheitsursache, sondern das Süsseste, 
Bitterste, Sauerste, Herbste u. s. f. (13 ff.); Beweise: Schnupfen (18), 
Flüsse (19); wahre Naturerkenntnis hat zur Voraussetzung Kenntnis 
der gesamten ärztlichen Kunst, besonders des individuellen Verhaltens 
des Menschen gegenüber Essen, Trinken und der sonstigen Lebens- 
weise (20 f.); die Krankheiten entstehen aus Energien (höchste Steige- 
rung der Eigenschaft und Wirkung) oder Form (Hohles, Festes, 
Rundes u. s. w.) im Körper (22 f ) ; Wirkungen der Säfte und ihre Ver- 
wandtschaft: das Sauere ist der schädlichste, das Süsse der zuträg- 
lichste (24). Die Schrift ist voraristotelisch *) und gehört zum älteren 
Bestände. Die Säftelehre ist von Alkmaion beeinflusst, was auf das 
Ende des 5. Jahrhunderts hinweist, insofern dessen alter Lehre die 
neue gegenübergestellt wird. Kap. 20 polemisiert gegen de diaeta I 2. 
Zu de diaeta in ac. bestehen auch nahe Beziehungen, wenngleich Iden- 
tität der Verfasser ausgeschlossen ist ; beide nennen das cpUyfta nicht ; 
de vet. med. erwähnt „ein Bitteres, gelbe Galle genannt", de d. in ac. 
..Bittergallige" (vgl, Littre IV 656 ff.). Im übrigen aber ist die 
Schrift koisch. Dass ein Redner, also ein Sophist vorliegt, und zwar 
einer, der mehr Philosoph als Arzt ist, lehrt der Augenschein. Litte- 
ratur: Kühle wein, Hermes XXII 1887, S. 179 ff; XXVII 301 ff.; 
Weber, Philologus 1897. S. 2310^: von Wilamowitz-Möllen- 
dorff, Hermes XXXIII 518 f Vgl Nr. 23. 

26. negl öiahrig I — III; IV = Ttegi tvvTtvuov = de diaeta (victu) 
I — III ; IV = de somniis = Die Diät I — III ; IV = D i e Träume. 
Inhalt von I: Die Vorgänger haben nur kleine Gebiete der Diätetik 
behandelt, teilweise auch fehlerhaft, der Verfasser will unter der Be- 
nutzung der früheren Ergebnisse die ganze Diätetik behandeln (1); 
Ausgangspunkt muss sein: 1) Kenntnis des Körpers, 2) Wirkung der 
Nahrungsmittel auf ihn, 3) Einwirkung jeglicher Arbeitsleistung auf 
das Individium, d. h. richtiges Verhältnis der Arbeit zur Nahrungs- 



^) AUg. medic. Central-Ztg. 1895 S. 371 A. 

^) Dissert. in ..Deutsche Jahrbb. f. Politik u. Liter."' 1863, April: Griech. Denker 
I 341 f.; 364: 374 f.: 376: 391 ff. Vgl. Schrift unter oben Nr. 25. 
») Natorp. Philologus L = N. F. IV 1891 S. 262 ff.: 278 ff. 
*) IIb er g, Stud. pseudipp. 28 ff.; 54 ff. 



222 Robert Fuchs. 

aufnähme, letzteres die „Entdeckung" des Verfassers (2); Körper- 
beschreibung: Zusammensetzung aus Feuer (Warmem — Trockenem) 
und Wasser (Kaltem — Feuchtem), deren Harmonie (3 f.); Entstehen 
und Vergehen ist bloss Zusammentreten und Scheidung der ewigen 
Elemente (4); derselbe Gegensatz „alles ist dasselbe und nicht das- 
selbe" beherrscht das Weltall, das wird mit herakleitischen Worten dar- 
gethan (5) ; Anwendung auf die Welt- und Menschenseele (6 ff.) ; hera- 
kleitische Beispiele hierfür aus dem Handwerke und der Kunst (12 ff.) ; 
Uebergang auf die beiden Geschlechter, in denen Feuer und Wasser 
wirken, Entstehung der Kinder, Geburt (26 ff.); Wirkung des Feuers 
und Wassers in den Altersstufen (33) und Geschlechtern (34), in der 
vernünftigen und unvernünftigen Seele, Heilung durch Stärkung des 
einen, von dem anderen überwältigten Elements (35 f.). — von II: 
Oertlichkeiten (37), Winde (38), Speisen (39 ff.), Bad (57), Salben (58), 
Erbrechen (59), Schlaf (60), Anstrengungen (61), Spaziergänge (62), 
Läufe (63), Schüttelung (64), Gymnastik (65 f.). — von III: Genaue 
Vorschrift über die Lebensweise gemäss dem neuentdeckten Prinzip 
(67 f.); Selbstlob wegen der Entdeckung, nämlich der Diät für solche, 
die lediglich ihrer Gesundheit leben können (69); 15 Störungen des 
Wohlbefindens und deren Heilung (70 ff.); Schluss (85). — Von IV: 
Träume, Einfluss, Ursprung, Auslegung, ob gut oder böse (Iff.). Der 
Nachweis, dass ein ärztlicher Sophist ältere Werke (Herakleitos, Anaxa- 
göras, Kratylos' Werk oder wenigstens Ideen) und wohl etwa gleich- 
zeitige Werke (Herodikos) äusserlich zusammengefügt hat, wird von 
Fredrich (Hipp. Unt. 81 ff.) in beredter Weise erbracht (Litteratur s. 
dort) ; Abfassungszeit also : etwa 400 v. Chr. Herodikos von Selymbria 
ist trotz der gewiss von ihm stammenden gymnastischen Kunstaus- 
drücke so wenig der Verfasser (IIb er g, Berl. philol. Wchschr. 1897 
Sp. 1157 f.) wie Philistion (Marcuse widerlegt von Ilberg a.a.O. 
1900 Sp. 432). Der koische Ursprung steht fest (Fredrich 221 f.), 
obwohl nach Galen os als Verfasser angesehen wurden Euryphon, 
Phaon, Philistion, Ariston, Philetas, Pherekydes oder sonstwer (227 f.). 
Diokles tritt gegen das Werk auf (172; 174). In den Klöstern wurde 
ein mit Galenos, Oreibasios, Alexandros von Tralleis vermischter Text 
von de diaeta gern gelesen. Goethes Sprüche in Prosa (432 ff.) ent- 
halten einige Sätze aus unserer Schrift. 

27. n€Qi TQocpr]g = de alimento = Die Nahrung. Wuchtige 
Sentenzen über die Nahrung in mystischer Form nach dem heraklei- 
tischen Satze ,.Alles ist im Flusse". Wörtliche Uebereinstimmung ist 
selten, ideelle durchweg. Galenos erklärt die Schrift für echt (V 529). 
Patin ^) nimmt denselben Urheber an wie für de diaeta; aber den 
Herakleitos verehrte damals jeder Grieche; deshalb ist es verfehlt, zwei 
Verfasser zu identifizieren, bloss weil sie ihn nachahmen. 

28. nsQi t€Qrjg vovaov = de morbo sacro = Die heilige Krank- 
heit. Inhalt: Die Epilepsie ist ebenso wenig göttlichen Ursprungs 
wie irgend eine andere Krankheit (1), vielmehr haben das Sühnepriester 
und Aufschneider ersonnen, weil ihre eingehenden Anweisungen oft 
erfolglos waren (2); die natürlichen Heilmittel beweisen, dass gött- 
licher Ursprung nicht vorliegt (3 ff*.). Krankheitsherd ist das Gehirn, 
dessen Beschreibung, Adernlauf (6 f.). Schleimige Konstitution neigt 
zur Fallsucht, Arten und Symptome der Epilepsie (8 ff'.), Prognose (Uff.), 



1) Festschrift für Urlichs, Würzburg 1880, 46 ff. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 223 

Anzeichen eines Anfalls (15); Einfluss des Windes (16). Gehirn als 
Sitz der Wahrnehmung (17), dessen Erkranken durch Feuchtigkeit (17), 
Schleim und Galle (18) ; Gehirn als Sitz des Verstandes und Herr des 
Körpers (19), nicht das Zwerchfell oder Herz, die die meiste Empfin- 
dung haben (20); Zusammenfassung und Schluss (21). Die mehr an 
Laien als an Aerzte gerichtete Schrift stammt natürlich nicht von 
Demokritos ; denn die epist. de mania, welche sich auf de m. s. bezieht, 
ist genau so gefälscht wie der vorangehende Brief. Die Briefe „Hippo- 
krates-Demokritos" sind umgekehrt von de m. s. abhängig. Unecht 
ist de m. s. bereits für die QueUe des Vossianus. Die Ueberein- 
stimmung mit de aere aq, loc. bestätigt den kölschen Ursprung 
(Erm. II p. XXX flf.), besonders für Aetiologie und Pathologie, während 
Diogenes von Apollonia Anatomie und Psychologie beeinflusst. Die 
Schrift steht viel höher und ist auch mit aus diesem Grunde 
jünger als de flat. Fredrich (S. 32 A. 2) denkt an einen Schüler 
des Hippokrates, der des Meisters Gedanken ausführe; ich glaube mit 
mehr Recht einen latrosophisten, auf den Hippokrates mittelbar ein- 
wirkt, denn einen Asklepiaden als Verfasser ansprechen zu sollen. 

29. negi nagO-evkov = de his quae (ad) virgines spectant := Die 
Krankheiten der Jungfrauen. Inhalt: Psychische Störungen 
hysterischer Art bei unreifen Mädchen. Die Schrift ist vollständig; 
da sie das de morb. mul. I 2 Erwähnte nicht enthält, ist die dort 
citierte Schrift verloren, und unsere steht abseits. Der sophistisch 
veranlagte Verfasser ist wohl Arzt und nicht Sophist (letzteres Erm. 
II p. XCIV). Trotz vieler Aehnlichkeit mit de morbo sacro beweist 
die Verlegung des Verstandes in Herz und Zwerchfell die Verschieden- 
heit des Verfassers. Die Einleitung ist weitschweifig, die Form stark 
deklamatorisch. Galen os kennt die Schrift (XIX 153). 

4. Eein ärztliche, sicher oder wahrscheinlich der 
kölschen Schule zugehörige Schriften. 

30. oQxog = iusiurandum = Eid. Denkwürdigstes Stück der 
Sammlung: Eidesformel der Schüler beim Eintritte in die Lehre. 
Neueste Litteratur ausser den 36 Ausgaben (Littre IV 626): Bailly, 
Le serment d'Hippocrate. Extrait d'un rapport sur un memoire de 
M. Charpignon. , Gazette hebdomadaire de medecine, Paris 1882; 
Charpignon, Etüde sur le serment d'H., Orleans et Paris 1881; 
Deshayes, Contribution ä l'histoire de la Taille et de la Castration, 
Orleans 1882; Küh lewein, Westermanns illustr. Monatshefte LIII 
1882, 392 ff. ; Euder, 'l/tTTOAgäzofvg bgxogvMl dfpoQiof.ioi, Eegensb. 1864; 
Smith, The oath of Hippocrates. Baltimore John Hopkins Hospital. 
Bulletin III 1892. Die Kritiker schwanken sehr. Oefele (Allg. medic. 
Central-Ztg. 1895 S. 370 i.) hält den Eid für eine Entlehnung aus dem 
Altägyptischen, als wenn die Griechen in der besten Zeit Eide hätten 
entlehnen müssen. Houdart (S. 79) hält ihn für vorhippokratisch. 
Nach Sprengel und Daremberg ist er alexandrinisch, weil Apollon 
als Aerztegott angerufen wird, ein ganz willkürlicher Grund, gerade- 
so willkürlich wie die Versetzung des Steinschnittes — nur das 
kann rouelv Xi&aüvTag bedeuten — in die Zeit des alexandrinischen 
Spezialistentums. Littre vermutet bei Aristoph. Thesm. 273 eine 
Anspielung auf diesen Eid; aber an jener Stelle ist gar keine Schrift 
gemeint. Es ist wahrscheinlich, dass der Eid vor Hippokrates ver- 



224 Robert Fuchs. 

fasst war und ihm nur beigelegt wurde, weil er der berühmteste alte 
Arzt war. Sicherlich ist dieses Asklepiadenstatut eines der ältesten 
Denkmäler des Corpus und auf Kos entstanden. Eine unechte Formel 
in Hexametern aus cod. Paris suppl. 446 saec. X, in den ersten christ- 
lichen Jahrhunderten gedichtet, veröffentlichte K ü h 1 e w e i n (Hipp. 73 f.) ; 
desgleichen finden sich 11 Hexameter eines Anonymus aus 2 italie- 
nischen Handschriften bei Bussemaker (Poetarum de re physica et 
medica reliquias collegit — , Paris 1851). 

31. ntQL ir]TQov = de medico = Der Arzt. Inhalt: Deontologie: 
Aeussere Erscheinung und Auftreten des Arztes (1); Näheres über die 
ärztliche Werkstätte (2) ; jede Handreichung muss Nutzen schaffen (3) ; 
Verband (4); Operationsweise (5); Instrumente (6); Schröpfköpfe* (7) ; 
Aderlass (8) ; Schlusssatz über Instrumente (9) ; Abscesse und Geschwüre 
(10 f.) ; Kataplasmen (12) ; Kriegschirurgie (14). Litteratur :Petrequin, 
Melanges d'histoii'e, de litterature et critique medicale, Paris et Lyon 
1864; Revue medicale 1850, Mai f.; Recherches historiques et critiques 
sur l'origine du traite „du medicin", Lyon 1850; Janus N. F. II 495; 
Ecker, Animadversiones in locum Hippocratis Uegl iiqrQov etc., Friburgi 
Brisgaviae 1829, meint, die für Anfänger verfasste Schrift sei vielleicht 
vorhippokratisch, aber sie verweist doch auf de vuln, oder de loc. in 
hom. (bei mir I 45 A. 13). Dass in de off. med. unser Buch vor- 
ausgesetzt sei, kann ich nicht finden (Häser, 3. Aufl. I 117). Ich 
glaube, dass die Schrift der kölschen Schule und der hippokratischen 
Zeit angehört. 

32. neQi svoxrjinoovvr^g == de habitu decenti = Ueber den An- 
stand. Inhalt: Falsche und wahre Wissenschaft und ihre Vertreter 
(Iff.); Philosophie und Medizin sind unzertrennlich (5); Göttliches be- 
wegt die Medizin (6) ; Anstandsvorschriftsn (7 f ) ; Kenntnisse (9) ; Vor- 
rätighaltung von Instrumenten und Arzneien (10); Eintritt in das 
Krankenzimmer (11 f.); Untersuchung (13); Beachtung der Fehler der 
Patienten (14); Lager (15); Würde im Auftreten (16); Assistent und 
Laien (17); Schluss (18). Heinr. Rohlfs übersetzt „Ueber den Chic".^) 
Ich vermag nichts Bestimmtes über die Schrift auszusagen. Die 
wunderliche Ausdrucksweise, die mit der Sprache ringt, weist sie dem 
älteren Bestände zu. Echt ist sie nicht; gegen den kölschen Ur- 
sprung liegt kein Kriterium vor. 

33. naQayyeUai = praecepta ^ Vorschriften. Inhalt ähnlich. 
Der Text ist vielfach dunkel, die Sprache im höchsten Grade schwülstig, 
es scheinen schwere Verderbnisse vorzuliegen. Nach einer von Darem- 
berg aufgefundenen Glosse erklärten Chrysippos, Archigenes und 
Galenos die Ausdrücke xQÖvog und xaiQÖg. -) Sonst weiss ich über das 
Buch nichts weiter anzugeben, 

34. TteQi dvaTOf-iiig = de anatomia = Die Anatomie. Inhalt: 
Luftröhre {dQrt]girj), Lunge, Herz, Leber und deren Adernsystem, Nieren, 
Blase = 6 Organe der Mitte; Speiseröhre, Magen, Zwerchfell, Milz, 
Därme. Das Bruchstück beruht auf Forschungen des Demokritos und 
ist jedenfalls vor Aristoteles geschrieben. Die Kürze verwehrt weitere 
Mutmassungen. 



M Deutsches Arch. f. Gesch. d. Medic. u. med. Geogr. IV 1881 S. 23. 
^) Petrequin I 110 f.; Daremberg, Archives des missions scientifiques, 
Paris 1852 S. 412 f. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 225 

35. Ttegi y.aoöirjQ = de corde = Das Herz. Die sehr genaue 
Beschreibung des Herzens und seiner Verrichtungen hält Ermerins 
(III p. VIII) für knidisch, Teichmüller und Fred rieh für vor- 
aristotelisch, letzterer setzt sie mit Bestimmtheit in die Zeit des Diokles, 
nach de carne, Petersen und Falk verweisen sie in nacharistotelische 
bez. praxagoreische Zeiten. Wevgoldt (Fleckeisens Jahrbb. f. klass. 
Philol. CXXIII 1881, S. 508 ff.) und Kühle wein (Jahresb. ü. d. Kgl. 
Klosterschule zu Ilfeld, Nordhaus. 1898, S. 15) berufen sich auf die 
Sätze: Seele = Feuer, das Feuer ist eingepflanzt, die Seele hat ver- 
schiedene Teile, Sitz der Seele : Herz, Sitz des Verstandes : linke Herz- 
kammer und den Terminus rb rjye/novi-AÖv sowie die teleologische Vor- 
stellung von einem persönlichen Gotte, um die Schrift einem nach- 
aristotelischen Stoiker beizulegen. Bei letzterem wird es bewenden 
müssen. 

36. TTegl doricov cpvoiog == de natura ossium = D i e Natur der 
Knochen. Inhalt: Topographische Anatomie des Rumpfes (1); Adern 
(2); Nerven und Sehnen (3); Aeste der Adern (4 — 19). Keine einheit- 
liche Schrift. Bakcheios las das Buch als „Anfang zum vectiarius" 
(Galen. XIX 114; 128; Ilberg, Das Hippokrates-Glossar des Erot, 
Leipz. 1893, S, 134 f.). Es wurde erst nach Galenos mit dem aus dem 
Anfange erschlossenen Titel in verkürzter Form selbständig. Es stammt 
vermutlich aus einer doxographischen Sammlung wie Aristot. bist. anim. 
III 2 f. Das vnöiiivriua zerfällt in 5 Teile: I. 1 — 7, Verfasser unbe- 
kannt; II. 8 = Aristot. bist. anim. III 2; III. 9 = de nat. hom. 12 
(Arist. 1. 1. 3), dem Polybos zugeschrieben (s. oben Nr. 21); IV. 10 = 
epid. II 4, 1; V. 11 bis Schluss, Verfasser unbekannt. Der Annahme 
Ilbergs, dass das Buch zu jung sei, um von Erotianos gekannt zu 
sein, widerspricht geschickt Fredrich (Hipp. Unt. 56 A. 1; s. auch 
dessen unter 21 erwähnte Dissertation, S. 17). Kap. 10 ist etwas 
jünger als die Epidemienstelle, die überarbeitet und ergänzt ist. Die 
Excerptensammlung gehört wahrscheinlich in den Anfang des 4. Jahr- 
hunderts V. Chr. Bester Text bei Fredrich, Hipp. Unt. S. 57 ff. 

37. Ttegi xviuöv = de humoribus = Die Säfte. Inhalt: Stich- 
wortähnliche Sammlung von Sätzen über Säftebewegung, Richtung 
dieser, Mittel dagegen (1); allgemeine Kenntnisse des Nützlichen und 
Schädlichen und der Symptome (2 ff.); Behandlungsweisen (5); desgl. 
bei Steigerung der Erscheinungen (6 f.) ; Individuelles in der Säftefrage 
(8); Seelisches (9); Anzeichen etc. (10); Magen (11); Krankheitsarten 
und -entstehung (12); desgl. hinsichtlich der Jahreszeiten (13); des 
Windes (14); Jahreszeiten, Klima und Konstitution (15 ff.); Aufhebung 
eines Leidens durch das andere, Rückfälle u. dergl. (20). Litteratur 
bei mir I 404 ; dazu Rose, Anecd. graeca et graecolatina I 22 ff. Da 
die Notizensammlung bloss Merkworte enthält, ist eine Ermittelung des 
Verfassers aussichtslos. Die zahlreichen bei mir verzeichneten Paral- 
lelen ergeben nahe Verwandtschaft mit echten kölschen Schriften. 
Zeuxis und Herakleides von Taras verwarfen das Buch (Gal. XVI 1; 
XVIII, II 631). Galenos hielt das Buch für echt, da er einen Kom- 
mentar dazu geschrieben hat (Kühn XVI 60 f.). Paris, graec. 2142 
schol. bestätigt dieses Urteil des Galenos, der manches als „äusserst 
brachylogisch", anderes als „ungebührlich ausgesponnen" bezeichne. 
Jedenfalls wurde das vnöuvriua für Schulzwecke auch von Galenos noch 
benutzt. 

38. TtsQl Aoiaecov = de crisibus = Die Krisen. 64 kurze Kapitel 

Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 1^ 



226 Robert Fuchs. 

Über kritische Vorgänge. Das aus progn., Coac, aph. und epid. ent- 
nommene Excerptenwerk gehört der hippokratischen Schule an. 

39. TttQL V.QIOII.U0V = de diebus criticis = Die kritischen Tage, 
Ebenfalls ein hj'pomnemaartiges Excerpt aus kölschen (Kap. 1) und 
knidischen Stücken (2—11). Es dient zur Wiedererlangung kleiner 
Stücke aus de hebd. und steht sehr tief an Wert. 

40. neQt vygiüv '/.gr^oio^ = de liquidorum usu = Ueber den Ge- 
brauch der Flüssigkeiten. Noch nicht geordnete, vielfach un- 
klare Notizensammlung, Avahrscheinlich Konzept für die Ausarbeitung. 
Es sollte die Anwendung der Wassersorten, des Weins und Essigs, 
warm und kalt, in der Heilkunde dargestellt Averden. IIb er g weist 
darauf hin (Berl. philol. Wchschr. XX 1900, Sp. 1254), dass de 1. u. 1 ff. 
wiederkehrt aph. V 16 ff., also ist auch de 1. u. koisch. Der Zeit nach 
kann es Hippokrates nicht fern stehen. Es findet sich auch der späte, 
ungeschickt gewählte Titel neQi vöaiog = Ueber das Wasser (L i 1 1 r e 
I 370). 

41. /uoxhytös = vectiarius = Ueber die Einrenkung (das 
Buch vom Hebel) ist ein Auszug aus de fract. und de art. rep. Wie 
ihn Ermerins für knidisch halten konnte (lllp. VIII), ist rätselhaft. 
Der Excerptor war Arzt, wie sein selbständiges treffendes Urteil er- 
giebt. Pasikrätes soll einen Kommentar hierzu verfasst haben (Gal. 
XIII 213; Littre VIII p. XXXIII). Vgl. de nat. oss. 

42. Ttegl e7tTaf.irjvov = de septimestri partu = Das Sieben- 
monatskind und 

43. negl uy.tau^vov = de octimestri partu = Das Achtmonats- 
kind bildeten einst ein^) Buch; wenn 43 auf 42 folgte, ist mitten 
heraus ein Stück verloren gegangen (Fuchs III 648 A. 11). Erotianos 
nennt die Bücher nicht, Aetios (Flut., plac. philos. V 18) und Clemens 
Alexandrinus (ström. VI 16 = p. 290 Sylb.) legen sie Polybos, Galenos dem 
Hippokrates selbst bei, wenn sein Kommentar (ed. Charterius V 347 ; bei 
Kühn nicht) echt ist. Zur Frage der Einreihung in ein Gesamtwerk 
s. oben Nr. 3. Die Zahlentheorie verrät den Pythagoreismus. Anklänge 
bei Pseudaristot. bist. anim. Ich halte die Schriften für nachhippo- 
kratisch. Ttegi k7ttai.ii]vov vöOvv (bei Calvus, lat., p. 43; ed. Basil. p. 541) 
hat mit dieser Schrift nichts gemein. S. Fuchs III 641. 

44. jieQi döovTocpv'iTjg = de dentitione = Ueber das Zahnen 
wird im Altertum nicht genannt. Die Aphorismen über Kinderkrank- 
heiten sind schlicht gehalten und zeugen von ärztlichem Verständnis. 
Vielleicht ist die Schrift unvollständig. Zeit »und Verfasser sowie die 
Schule, der er angehört, sind nicht zu ermitteln. 

Die Kreise sind nunmehr so eng gezogen, dass nur noch Schriften 
übrig bleiben, die 5. echt sind oder sich mindestens ganz eng an Hippo- 
krates anschliessen. 

45. negl öiaiTrjg o^ecov = de diaeta ([ratione] victu[s]) in acutis = 
Die Diät (Lebensordnung) bei akuten Krankheiten (Kühle- 
wein 1109 ff.). Inhalt: Verurteilung der „knidischen Lehrsätze" und 
der alten Schriften über die Lebensweise (1 ff.) ; allgemeine Vorschriften 
des Verfassers über die Chirurgie (4) ; akute Krankheiten (5) ; der Laie 
hat kein Verständnis für wirkliche Aerzte und Scheinärzte (6); die 
Aerzte haben vieles nicht erkannt und halten das für gut, was der 



') Nachweis bei Erm. II p. LXXIV; Kühle wein, Philologus XLII 1882 ff. 
S. 131. , 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 227 

andere für schlecht hält (7 ff.); Nützlichkeit des Getreideschleims (10); 
Verabreichung (11 ff.), Bereitung- (15); unterstützende Behandlung, sonst 
schlimmer Ausgang (16 ff.); Zeitpunkt der Verabreichung (20); Zer- 
teilung des Schmerzes in der Seite u. s. w. (21 ff); bei Diätwechsel all- 
mählich verändern (26 ff.); Zahl der täglichen Mahlzeiten (29 ff.); die 
mit bitterer Galle leiden schwerer als die von schleimiger Verfassung 
(34); Ungewohntes schädigt, auch wenn es an sich gut ist (36 ff.); 
Schlaflosigkeit (49) ; Wein u. ä. (50 ff.) ; Bäder (65 ff.). — ^6.9« = spuria 
= Unechtes (Anhang): teilweise ähnliche Vorschriften über Behand- 
lung akuter Leiden. — Andere Titel: TteQl öiaiTT]g Galen. VII 924; 
ngbg rag Kviöiac, '/viüf.iag Gal. XIX 195; nsgl nrioccvr^s = ü. d. Getreide- 
schleim Gal. V 762; s. auch XIX 182. Teil I wurde fast von allen 
alten und neuen Kritikern für echt erklärt. Galenos glaubte, das Buch 
sei aus dem Nachlasse herausgegeben (XV 624), und kommentierte es 
(XV 418 ff.; XIX 182 ff:;. Erasistratos kritisierte bereits das Werk. 
Petrequin setzte es vor de vet. med., mit dem es grosse stilistische und 
inhaltliche Aehnlichkeit hat, und zwar, übertrieben genau, vor 412 v. Chr. 
Später als de vet. med. erschien es Littre verfasst (I 318; II 217), 
und Petersen liess den Spielraum von 421 — 377. In der That mehrten 
sich in der jüngsten Zeit die Merkmale für nachhippokratischen (aber 
voraristotelischen) Ursprung. Gegenüber dem Indicium der geringen 
Anzahl von Heilmitteln, das nur auf den frühesten Zustand derknidischen 
Lehre gehen kann, da schon Euryphon zahlreiche Verordnungen gab 
(Gal. VI 795), sind folgende Thatsachen hervorzuheben: die eigentüm- 
liche Verwendung der Partikeln (wie in de vet. med.) und die unge- 
mein entwickelte Sprachstufe passen nur in eine vorgeschrittene Zeit,' 
die Diction in de cap. vuln. und de aere aq. loc. weicht so ab, dass 
man für beide Gruppen besondere Verfasser annehmen möchte; aller- 
dings sind die Abweichungen von epid. I ; III so geringiügig, dass sie 
nichts beweisen. Jedenfalls scheint sich mir bei aller Würdigung ent- 
gegenstehender Merkmale die Wagschale gegen die Verfasserschaft des 
Hippokrates zu neigen. Das über Bäder Gesagte halte ich für unecht, 
doch passt es wenigstens zur hippokratischen Lehre. Die Schrift ist 
für Laien und Aerzte geschrieben. Vgl. oben Nr. 25; zur Litteratur 
bei mir III 1 A. 1 und lunoxgatovg rb 7C. ö. o. y.ai agyaiag iaxQi'/.rig (.lerd 
orif-ittiöötiov rakJ.r^wv t^d. KogaiQ etc., tv '^&i^vaig 1887; Weber, 
Philologus LIX (N. F. XIII) 1900, S. 545 ff" — Appendix, von 
Erasistratos gekannt (Gal. XV 744; vgl. 586 f.; 733), von Galenos 
verworfen, schon wegen Wiederholungen aus Teil I (XV 796 ; allgemein 
verworfen nach 797; 800 f.; 812; 835 ff.; 839 ff; 851; 858; 867 ff.). 
Obschon er 2, jetzt verschmolzene Kominentare schrieb (XIX 36 ff. vergl. 
mit XV 732—919), erkennt er doch (XV 732) in Teil II eine Samm- 
lung flüchtig hingeworfener Notizen, die ein Schüler confus gesammelt 
habe ; letzterer habe die zuweilen schon von Hippokrates ausgefeilten 
Sätze um seine eigene Weisheit vermehrt. Die Annahme echter und 
unechter Miscellanea aus ausgewählten Gebieten der Heilkunde eignet 
sich Daremberg an (vgl. Gal. XV 918). Athenaios (dipn. II 16 p. 57) 
steht auf Seiten der P^chtheitsleugner. 

46. TcgoyvojOTixov = prognosticum =DasBuchderPrognoseri 
(K ü h 1 e w e i n I 78 ff.). Inhalt : Wichtigkeit der Prognose (1) ; Gesicht 
und „facies Hippocratica" (2); Augen (3); Lagerung (4); Zähneknirschen 
(5); Geschwür (6); Crocydisnius (7); Atmung (8); Seh weiss (9); auf- 
getriebener Oberbauch und Schwellungen überhaupt (10 ff.); Eiter (13 f.); 

15* 



228 Robert Fuchs. 

Hydrops (15); Verschiedenes (16 ff.); Schlaf (19); Stuhl (20); Blähungen 
(21); Urin (22); Erbrechen (23); Auswurf (24 f.); ^ute (26) und schlechte 
Anzeichen (27); Eiteransammlungen (28 ff.); Blase (36); Fieber (37 ff.); 
Zäpfchen (42); Verschiedenes und Schluss (43 ff.). Kap. 47 nimmt auf 
Libyen, Delos und Skythien als persönlich bekannte Länder Bezug-, 
doch ist von einer Bereisung von Libyen und Delos durch Hippokrates 
nicht das mindeste zuverlässig bezeugt. Ebenso braucht epid. I 3, 25 
das von Galenos verstandene progn. in der Verweisung nicht gefunden 
zu werden (s. bei mir II 117 A. 53). Einen Kommentar hierzu ver- 
fasste Herophilos (Gal. XIX 64). Als Auszug aus Coac. mit Zusätzen 
fassen die Schrift auf Ermerins (III p. XII; Verfasser ist keinNach- 
ahmer des Hippokrates), Littre (bis 1840; auch aus prorrh.) und 
Hirschberg ^). Es sind aber vielmehr die Coac. Auszüge, das progn. 
dagegen ein planvolles, auf langjähnge Erfahrung und reifes Urteil 
aufgebautes Werk eines hervorragenden Arztes. Darum schliesst 
Fredrich (Hipp. Unt. 80 A. 3) mit Recht auf einen Schüler, der die 
Ansichten seines Meisters Hippokrates, mit Ausnahme der göttlichen 
Krankheitsursache, verarbeitet. An eine Jugendarbeit des Hippokrates zu 
glauben, war ein schwerer Missgriff Petersens, Falks und Littre 's. 
Die angebliche Anspielung Aristoph. Plut. 706 mit schol. auf Hippo- 
krates als Kotkoster hat mit progn, nichts zu thun. Litteratur: 
'JaTQurj icprinegig I, Athen 1859 Nr. 8;Kühlewein, Jahresb. ü. d. Königl. 
Klosterschule zu Ilfeld, Nordhausen 1876; Philologus XLII 1882 ff. 
S. 119; 124 ff. (Uebersetzungen aus dem 5. und 6. Jahrhunderte n. Chr.); 
Hermes XXV 1890 S. 113 ff 

47. Kojaxal ngoyvcüasig = praenotiones Coacae ==Koische Pro- 
gnosen. Inhalt: 1. Erkältung und Fieber (Iff.); 2. Kopfschmerz 
(156 ff.); 3. Koma etc., Kopfwunden (174 ff.); 4. Anzeichen von den 
Ohren her (185 ff.) ; 5. Geschwülste der Ohrspeicheldrüsen (195 ff.) ; 6. Ge- 
sicht (208 ff.) ; 7. Augen (213 ff) ; 8. Zunge, Mund (224 ff) ; 9. Sprache (240 ff.) ; 
10. Atmung (255); 11. Hals, Schlund (256 ff.); 12. Hypochondrium, Nabel, 
Kardialgie (273 ff.); 13. Lendensymptome, bei akutem Rheumatismus 
besonders (298 ff.); 14. Blutverlust (320 ff.); 15. Zittern, Krampf (341 ff ) ; 
16. Anginen (357 ff.) ; 17. Brustfell-, Lungenentzündung, Empj^eme (373 ff.); 
18. Phthisis, Leber (425 ff.); 19. Hydrops (443 ff); 20. Ruhr (453 ff.); 
21. Lienterie, Darmverschluss (458 ff.) ; 22. Blase (462 ff.) ; 23. Lähmungen, 
Manie, Melancholie (466 ff.); 24. Kälte im Kreuz, Pusteln, Aderlass 
(477 ff.); 25. allgemeine Anzeichen (482 ff.); 26. Verletzungen, Fisteln 
(488 ff.); 27. Altersstufen (502); 28. Gynäkologisches (503 ff.); 29. Er- 
brechen (545 ff.); 30. Schweiss, Urin (561 ff.); 31. Stuhl (589 ff.). Titel 
echt. 163 Stellen werden ganz oder teilweise citiert prorrh. I; 55 
werden im Buche selbst wiederholt, 3 drei- und 1 viermal ; 65 stimmen 
zu aph.; mit epid. sind 12, mit de cap. vuln. 2, mit de morb. etwa 20 
Stellen verwandt. Also ist unser Buch eine durch sachlich geordnete 
Auszüge entstandene Sammlung, eine neue und vermehrte Auflage der 
prorrh. I, ein im6fAvr]f.ia für den Schulgebrauch, nicht Privatgebrauch 
(wie Fred rieh 11 will). H i r s c h b e r g (a. a. 0. 59 ; 123) hat zweierlei 
übersehen, wenn er in seiner Litteraturgeschichte die Coac. aus den 
Tempelinschriften in Kos ableitet : 1. die Abhängigkeit der Sammlung 
von noch vorhandenen Büchern ganz anderer Art, 2. die völlige Ver- 
schiedenheit der zwar von Symptomatologie und Therapie, aber nicht 



') Gesch. d. Augenheilkunde, Leipz. 1899 S. 59; 123. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 



229 



von Prognostik handelnden Weihegaben für Asklepios. Aber dass 
mittelbar sehr viele Erfahrungen aus der Tempelbehandlung und dem 
echten Hippokrates mit überliefert werden, hat niemand zu bestreiten 
gewagt. Den Gedanken, dass die vorhippokratischen „koischen Sen- 
tenzen" von Praxagoras in der 2. Auflage der Coac. auf den modernen 
Standpunkt gebracht worden seien, hatte Kühle wein im Jahre 1882 
ausgeführt ^ ). Auf Anfrage hat er liebenswürdigerweise einige Belege 
für die Ansicht beigebracht, dass wenigstens unter seinem Einflüsse 
die Coac. entstanden seien: von den eigentümlich benannten 11 Säften 
des Praxagoras findet sich Coac. 146; 352 der „glasartige", 397 der 
„salzige" und „süsse Auswurf", 570 der „lauchgrüne" Urin (vgl. Euf. 
ed. Daremb. 165, 14); 121; 125; 136 u. ö. der „hämmernde" Pulsschlag. 
Somit wird das Handbuch in den Kreis der Schüler des Praxagoras 
hinabgerückt; mehr lässt sich nicht feststellen. Einen Kommentar 
schrieb der Epikureer Demetrios (Littre IV p. XYIII). 

48. TtgoQgrjti/.bv a == prorrheticum (praedicta) I = Die Vorher- 
sagungen I. Inhalt: 170 prognostische Sentenzen, gelegentlich unter 
Namensnennung des Patienten, ohne jede Ordnung und Kritik von 
einem ärztlichen Excerptor zusammengestellt. Ermerins hält die 
Schrift für das älteste Werk des Corpus wegen der Einfachheit der 
Sprache "^j ; die Votivtafeln führt er auch hier irrtümlich als Vorlage an. 
Galenos. der es in 3 Büchern kommentiert hat (XVI 489 flf.), rechnet 
es zur hippokratischen Schule (706fi".) und weist auf Aehnlichkeiten 
mit Coac. (w. s.), aph., epid. (besonders II und VI) und progn. hin. 
Erotianos will seine Unterschiebung nachweisen (praef. Schluss). Das 
Buch ist, wie eine Vergleichung ergiebt, ein ungeschickter Auszug aus 
der meisterhaften Schrift progn. und muss vor Coac. liegen. Nicht- 
hippokratische Gedanken finden sich in dem Schriftchen nicht; dem- 
nach wird an einen seiner Schüler als Verfasser zu denken sein. 

49. nQOQqr(ii/.ov ß' == prorrheticum (praedicta) II = Die Vor- 
hersagungen IL Inhalt: Tadel der wunderlichen Prognosen un- 
kundiger Aerzte (1); Anweisung zur Untersuchung auf die Prognose 
hin (2 f.) ; Prüfung der Verstösse bei Stubenhockern, Athleten u. a., 
deren Anzeichen (4); Hydrops (5 f.), Phthisis (7), Podagra (8), Epilepsie 
(9 f.), Geschwülste (11), Wunden (12), vouai = brandige Zerstörungen 
(13), Verletzungen des Kopfes (14) und anderer Körperteile (15), des 
Rückenmarkes (16), Anfüllung der Kehle mit Blut (17), Augenleiden 
(18 ff.), Ruhr (22), Durchfall, Lienterie (23), Konzeption (24). Die 
Sammlung scheint auch für Laien bestimmt zu sein und rührt von 
einem Angehörigen der hippokratischen Schule her. 

50. d(poQiouoi = aphorismi = Die Aphorismen (Lehrsätze, 
Denksprüche), 8 Bücher. Inhalt von I : Das Leben ist kurz, die Kunst 
ist lang U.S.W. (1), diätetische Therapie (2—25); von II: Prognostik 
(1 — 54) ; von III : Jahreszeiten und Altersstufen hinsichtlich der Krank- 
heitsdisposition (1 — 31); von IV: Erbrechen, Abführen, Diagnose, 
namentlich bei Fiebernden (1 — 83); von V: Krämpfe, Kälte, Wärme, 
Gynäkologisches, Fieber und Vermischtes (1 — 72); von VI: Sympto- 
matologie für chirurgisch zu behandelnde Leiden, Mannigfaltiges (1—60); 
von VII: Nebenerscheinungen, Komplikationen mit Prognose, Folge- 



^) Westermanus illustr. Monatshefte LIII S. 400. 

*) Specialen historico-medicum inaugui'ale de Hippocratis doctrina a prognostice 
oriunda, diss., Lugd. Bat. 1832 S. 10. 



230 Robert Fuchs. 

erscheinungen (1 — 79) ; von VIII : allerlei untergeschobene Entlehnungen 
aus anderen Büchern der aph. und aus den hebd. — Die Aphorismen 
I — VII sind das berühmteste Werk der Sammlung und bis zu unserem 
Jahrhunderte als echt angesehen worden. Aus der grossen Zahl von 
Werken verdienen eine Hervorhebung (s. ausserdem bei mir I 67): 
Berends, Lectiones in Hippocratis aphorismos, Berol. 1830; Gurlt 
Gesch. d. Chir. u. s. w., Berlin 1898, I 277tf.; Heiberg, Aph. von 
H. Studier fra Sprog og Oldtitsforskning etc., Kopenh. 1892; Mer- 
b a c h , Die A. des H. in's Deutsche übers., Dresden 1860 ; Leutzsch, 
Philologus XXX 1870; Menke, Die A. des H., Bremen 1842 (Text); 
Ruder, "^iTTTroxQccTovg ugzog zal dcpogiof-ioi, Regeusb. 1864. Die ältesten 
Schriften zu den „das menschliche Begreifen schier übersteigenden 
Aphorismen" (Suid.) sind: Worterklärungen des Glaukias^), des Bak- 
cheios von Tanagra^); der Kommentar und eine zusammenhängende 
Auseinandersetzung über den Inhalt der aph. von Herophilos in 2 be- 
sonderen Werken (Gal. XVIII, II 16; XIX 64; 404; Daremb. 434) — 
leider sind die Stellen nicht zweifelsfrei, auch nicht Erotianos; Mont- 
faucons Bemerkung über den in der Mailänder Ambrosiana erhaltenen 
Kommentar ^) bedarf der Nachprüfung — ; der Kommentar des Askle- 
piades, dessen 2. Buch Cael. Aurel. de morb. ac. II 1 citiert (Scholia 
in H. et Galenum ed. Dietz II 458 ; 478) ; der des schmähsüchtigen 
und unwissenden Lykos von Makedonien in mehreren Büchern (Gal. 
XVIII, I 197), gegen die Galenos ro Ttoog Amov iteol xov drpoQiof.wv 
schrieb (scr. min. II 113); der des Oreibasios, wenn das Zeugnis auf 
Wahrheit beruht (Littre IV 442 ff.); der des Damaskios im cod. 
Monacensis graecus 227, noch nicht veröffentlicht. Im 5. oder 6. Jahr- 
hunderte n. Chr. wurden die aph. ins Lateinische übersetzt (s. oben). 
Das vTtöuvrjua, das ich im Gegensatze zu Fredrich (Hipp. Unt. 11) 
nicht als für den privaten, sondern für den öffentlichen Gebrauch 
bestimmt ansehe, wurde durch Soranos in 3, Ruphos von Ephesos in 
4, Galenos in 7 Abschnitte eingeteilt; doch las letzterer auch den 
8. Teil in einigen Handschriften. Petrequin I96ff. glaubt an die 
Echtheit wegen der Anspielungen des Piaton (symp., soph., Tim.), 
Aristoteles (bist, anim., de part. anim.) und der Polemik des Diokles 
(Steph. Athen, in Scholia etc. ed. Dietz II 326), überhaupt wegen der 
Stellungnahme der Alten. Das Werk sei kein Jugendwerk, denn es 
fänden sich Erinnerungen an progn,, epid., de aere aq. loc, de victu 
in ac. und an die chirurgica; ferner setze es langjährige Erfahrungen 
und eine ausserordentliche Geistesschärfe voraus, auch gründliche 
praktische Kenntnisse eines gereiften Mannes; es sei das „Resume der 
Prognostik der kölschen Schule". Daher scliliesst er auf rund 400 
V. Chr. Aber man sieht nicht ein, weshalb gerade dieses Jahr heraus- 
gegriffen wird, da Hippokrates in den späteren 25 — 30 Jahren seines 
Lebens zweifellos noch viel mehr Erfahrungen gesammelt haben muss. 
Zweifel äusserten : der stets misstrauische H o u d a r t ; E r m e r i n s , der 
an einen Sophisten dachte wegen der doch nur durch ihre Schlichtheit 
wirkungsvollen herrlichen Sinnsprüche, in denen nicht der mindeste 
„Pomp" liegt (II p. LXXXIXf.); Leutzsch aus gleichen Gründen 



^) Daremb er g, Archives des missions scientifiques, Paris 1852, S. 4.S3 gegen 
Littre. 

2) A. a. 0. 430 ff. gegen Littre VIII p. XXXV f. 
^) Fabricii bibl. Graeca ed. Harles II 544. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 231 

(Philologus XXX 1870 S. 264 ff.); Häser 3. Aufl. I S. 118; Littre 
VIII 2 ff. An völlige Unechtheit kann ich nicht glauben. Bei den 
markigen Worten fühlt man. wenn man es auch nicht beweisen kann, 
den Genius heraus, dessen einzige^ von den Alten vielfach als „göttlich" 
bezeichnete Gaben doch nicht ihm entrissen werden können, um irgend 
einem namenlosen, einfältigen Sophisten beigelegt zu werden. Anderer- 
seits ist die Form vieler Sprüche anfechtbar, auf Entlehnung oder 
Excerpierung hintührend. Ich glaube demnach, dass der Grundstock, 
in den Perlen wörtlich, in den übrigen Stücken dem Gedanken nach, 
dem Hippokrates zu verdanken ist, doch so, dass ein nicht sonderlich 
geschickter Notizensammler den Vermittler dabei spielt. 

51. y.at iriTQelov = de officina medici = Die ärztliche "Werk- 
stätte. Inhalt: Erkennung des Aehnlichen und Unähnlichen, Wahr- 
nehmbaren bilden die Grundlage der Chirurgie (1); Handfertigkeit, 
Einrichtung der Werkstatt (2), Haltung und Stellung des Operateurs 
(3); Nägel, Hand (4); Instrumente (5); Gehülfen = Assistenten (6); 
Verbandarten und Anlegung u. s. w. (7 ff.); Wasseranwendung (12); 
Unterlagen für Knoclienbrüche (14); Hinhalten, Strecken, Zusammen- 
passen, Lagern und Einbinden des beschädigten Gliedes (15 f.); 
Knetung (17); Ein- und Ausbinden, besondere Fälle (18 ff.). Der Ent- 
wurf — denn um einen solchen handelt es sich — hat als Lehrmittel 
für Vorlesungen gedient, daher die Stichworte. Die Ausführung behielt 
sich der Verfasser für den Vortrag vor. E r m e r i n s irrt vollkommen 
von der Wirklichkeit ab, wenn er das Buch für knidisch erklärt (III 
p. VIII); dasselbe wäre von Fredrich zu sagen, wenn er aus der 
sophistischen Figur der Parechesis den sophistischen Charakter der 
Schrift wirklich erschliessen wollte (Hipp. Ilnt. 31 mit Anm. 2). Der 
Nachweis der Echtheit lässt sich wegen der eigenartigen Form des 
Buches leider nicht führen ; aber das Werk ist von fast allen Forschern 
aller Zeiten für des Hippokrates würdig anerkannt worden, und so 
kann auch ich feststellen, dass es mit höchster Wahrscheinlichkeit 
dem grossen Koer zukommt. Kommentare schrieben Asklepiades ( Erot. 
116, 11; Gal. XVIII, II 660; 666) und Galenos (XVIII, II 629 ff.). 
Litteratur bei Fuchs III 71; ferner Kühlewein, Hermes XXIII 
1888 S. 259 ff. ^ 

52. negl Umov = de vulneribus et ulceribus = Die Wunden 
und Geschwüre. Inhalt: Allgemeine Therapie der Wunden und 
Geschwüre (sky.og ist doppeldeutig) ; Wundraittelformeln. Erotianos und 
Galenos, dessen Kommentar verloren gegangen ist, bezeugen die Echt- 
heit (Petrequin I 257 ff.). Mit dem dem Galenos bekannt gewesenen 
unechten Anhange ist auch der echte Schluss untergegangen. Keines- 
falls knidisch (Erm. III p. VIII), sicher altkoisch und dem Hippokrates 
mindestens nahe stehend, wie die zahlreichen Parallelen aus den echten 
Schriften darthun (Petrequin I 260 ff.). Hier wird nur die sprach- 
liche Untersuchung Gewissheit bringen. Litteratur: Ellebrecht, de 
vuln. et ulc. secundum Hippocratem, Gryphisvaldae 1845. 

53. Tcegl alf.ioQoöiö(ov = de haemorrhoidibus = Die Hämor- 
rhoiden und 

54. 71€qI avgiyytjv = de flstulis = Die Fisteln bildeten, wie 
Petrequin I 329 ff. sicher nachweist, ehemals ein Buch, enthaltend 
Aetiologie (1) und verschiedene Heilverfahren (2 ff.); entsprechend bei 
Nr. 54 Kap. 1 und Kap. 2 ff. und Rezepte für verwandte Leiden (7 ff.). 
Beide hält Ermerins für knidisch (III p. VIII), während es nach 



232 Robert Fuchs. 

Daremberg- und Littre feststeht, dass die Schrift mindestens einem 
koischen Zeitgenossen oder Schüler des Hippokrates angehört. Letzteren 
selbst könnte man mit g-rösserer Wahrscheinlichkeit für den Verfasser 
erklären, wenn die noch nicht erfolgte Durchforschung der Diktion 
damit in Einklang stehen würde. 

55. neqi riov ev /.erpalfj TQLo(.iäxcov == de capitis vulneribus = D i e 
Verletzungen am Kopfe. Inhalt: Untergeschobene Einleitung 
(Gründe bei mir III 258 A. 1), deskriptive Schädelanatomie (If.), 
5 Verletzungen des Schädels (3 ff.); Schädelbohrverfahren und sonstiges 
Heilverfahren (9 ff.). Die Beobachtungen verraten eine so erlesene 
Kenntnis in allen hier in Betracht kommenden Gebieten, dass man sie 
bis zu Petrequins Zeiten als irrig ansah; erst dieser bewies durch 
eigens zu diesem Zwecke vorgenommenes Studium Tausender von 
Schädeln, dass die Schädelkenntnis seiner Zeit hinter der hippo- 
kratischen zurückstand. Dabei mutet die Sprache altertümlich an und 
ist schlicht und klar ; es spricht demnach nicht das Mindeste dagegen, 
dem übereinstimmenden Echtheitszeugnis von Bakcheios (Kommentar), 
Epikles (Worterklärung bei Erot. ed. Klein p. 58; Littre VIII 
p. XXXIV), Euphorion und Lysimächos von Kos (Erot. a. a. 0.), 
Aristoteles (bist. anim. I 16), Erotianos (p. 36) und Galenos (Petre- 
quin I 413), dessen Kommentar verloren ist, Glauben beizumessen. 
Oreibasios hat einen Teil und Niketas die ganze Schrift in die eigene 
Sammlung übernommen. Die sprachlichen Verschiedenheiten gegen- 
über de fract. und de artic. rep. sind nicht so bedeutend, dass man 
sie nicht einer anderen Epoche desselben Schriftstellers zuweisen 
könnte. Litteratur u. a. bei Fuchs III 258 ff.; Kühle wein, Hermes 
XV 1885. 

56. ntQl dyf.uöv = de fract(ur)is = Die Knochen brüche und 

57. 7t€QL agdQiov €iiißo?.rjg = de articulis (reponendls) oder de articu- 
lorum repositione = Die Einrichtung der Gelenke sind nach 
Er m er ins (III p. VIII; X; XIII) knidisch „wegen der Kohheit der 
chirurgischen Eingriffe", Die „rohe Behandlung" war aber ebenso gut 
den alten koischen Aerzten eigentümlich, und die Anbindung der Frau 
an die Leiter mit dem Kopfe nach unten bei Prolaps, die u. a. Euryphon 
empfahl, wird in de a. gerade verworfen; mithin ist de a. koisch. 
Aber dieses Buch verweist in Kap. 67 und 72 auf jenes, also gehören 
beide einem und demselben Koer. Das bestätigen die sprachlichen 
Untersuchungen vollauf. Dass Ermerins beide in ein Buch ver- 
einigen will, ist eine Uebertreibung des eben richtiger gefassten Ge- 
dankens. Da Ktesias gegen das in de a. 70 behandelte Einrichtungs- 
verfahren ankämpft (Gal. XVIII, I 731), Apollonios von Kition den 
Text von de a. erläuterte und illustrierte ^), so ist ein Zweifel über die 
Verfasserschaft des grössten Koers so gut wie ausgeschlossen. Auch 
Galenos' Kommentar in 4 Büchern (XVIII, T) stimmt damit überein. 
Der volle Titel n. d. L findet sich in den besten Handschriften 
(Laurent. 74, 7 saec. IX ; Vatic. 276 saec. XII), der verkürzte ist durch 
die Bequemlichkeit des Galenos beim Citieren eingebürgert. Ich stimme 
Kühle wein-) bei, wenn er die Werke in das Ende des 5. Jahr- 
hunderts, also in das gereifte Mannesalter des Hippokrates, verlegt, 



^) S. Apollonios von Kition. 

2) Die chir. Schriften d. Hippokrates. Jahresber. ü. d. Königl. Klosterschule zu 
Ilfeld 1897/98, Nordhausen 1898 (mit ausführlicher Inhaltsangabe). 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 233 

schon wegen zweier mit de diaeta in ac. übereinstimmender Spracheigen- 
tümlichkeiten. Dass aber der über Nase nnd Ohren handelnde Teil 
(de a. 35 ff.) zwar alt, jedoch nicht ursprünglich sein soll, habe ich 
bereits III 113 A. 21 bestritten. Alles Weitere s. Fuchs III 84 ff.; 
177 ff. 

58. Imdrjiiiuüv ßißUa hczä = epidemiorura libri VII = Die epi- 
demischen Krankheiten I — VII (I und III K ü h 1 e w e i n 180 ff.). 
Inhalt von I: Witterungsgestaltung (Katastase) dreier Jahre, die der 
Arzt auf Thasos verbrachte, nebst Krankenjournal ; von III : Witterungs- 
gestaltung eines Jahres ebenda mit Krankenjournal ; von II : Katastase 
in Kran(njon in Thessalien (Iff); Krankheitsverlauf im Allgemeinen 
(6); Varia (7 ff.); Einzelfälle (II Iff); Varia (10 ff ). Fälle (Uff.); Kata- 
stase von Perinthos an der Thrakischen Propontis mit Journal (III 
Iff.), allgemeine Erfahrungen mit Kasuistik (5 ff.; IV Iff".); Erkenntnis 
der seelischen Eigenschaften auf Grund der natürlichen Körper- 
beschaffenheit (Physiognomonie ; V Iff'.), desgleichen und Vermischtes 
(VI Iff.); von IV: Katastasen mit Kasuistik; von V: Journal, besonders 
lür Larisa in Thessalien; von VI: Vermischtes derselben Art; von 
VII: wde von V. Kommentar des Galenos zu I: XVII, I Iff.; zu II: 
303 ff.; zu III: 480 ff.; zu VI: 793 ff Die Inhaltsübersicht beweist, 
dass I und III ursprünglich zusammengehörten, und zwar folgten die 
4 Konstitutionen auf einander und ebenso die Krankengeschichten. 
Wegen Vertauschungen der Fälle s. Fuchs II 146 A. 29. Bezüglich 
I und III zeugen die Kommentatoren und Glossatoren von Bakcheios 
bis Galenos für die Authentizität (Fred rieh, Hipp. Unt. S. 9). Die 
Fälle sind den Vorschriften des progn. eng angeschlossen. Den Gruppen 
der echten Epidemien stehen die beiden Gruppen der unechten gegen- 
über: II, IV. VI und V, VII. Letztere sind von Schülern verfasst 
(Littre V 3ff.); nur 2 Fälle der Aehnlichkeit sind zwischen den 
Gruppen II und III zu beobachten. Aus II 3, 17 dürfte trotz der 
Erwähnung der „hellenischen" Monate nicht zu schliessen sein, dass 
der Verfasser ausserhalb Griechenlands lebte; denn auch in Deutsch- 
land spricht man von „deutscher Währung", „deutschem Gelde" und 
in Frankreich vom „französischen Theater". Des Galenos Zeugnis für 
Hippokrates (XVII, I 375; V 529) verschlägt angesichts der augen- 
fälligen Minderwertigkeit von II, IV ff. nichts. Auch darauf ist nichts 
zu geben, dass nach ebendemselben (XVII, I 314) II und VI von 
Hippokrates für den Handgebrauch aufgezeichnet und von seinem 
Sohne Thessalos u. a. erweitert und vermehrt worden sein sollen; denn 
so nahe liegend dieses ist, so hat doch Galenos keine litterarischen 
Unterlagen hierfür befragen können. IL IV und VI können nicht den- 
selben Verfasser haben (P e t r e q u i n I 48), doch ist die Sprache I und 
III teilweise ähnlich, da letztere als Vorlage dienten. Buch IV mit 
nicht wenigen rätselhaften Aussprüchen gilt selbst Galenos als unter- 
geschoben (XVII, I 579; 633; 960). Zu dem von einem Periodeuten, 
Wanderarzte, gelieferten Grundstocke sind mancherlei Zusätze ge- 
kommen (Erm. I p. ClXff.). Buch V erklärt Galenos für „offenbar 
unecht"' (XVII, I 796). Eine Zeitbestimmung gewinnen wir in diesem 
seltenen Falle aus Kap. 95. Die „Belagerung von Datos" in Thrakien 
ist nach Petrequin's klarer Beweisführung nicht identisch mit dem 
Treffen bei Drabeskos im Jahre 453 v. Chr. (Fuchs II 249 A. 96), 
sondern mit dem Kampfe des Philippos von Makedonien um die dortigen 
Goldgruben, 356 v. Chr. Erinnerungen an die knidische Schule finden 



234 Robert Fuchs. 

sich (bei mir Eing-ang; Anm. 2; 83), weshalb wohl hier und bei VII 
an jüngere Knidier als Urheber zu denken sein wird. Buch VI hat 
der Sophist Palladios erläutert (Apoll. Cit. etc. schol. ed. Dietz II 1 ff.). 
Knidisches ist in diesem Buche nicht zu entdecken. VII (s. oben V) 
verlegt Ernierins mit gutem Grunde in die Zeit des Philippos von 
Makedonien. Litteratur bei mir II 99 ff. 

59. neQi degtüv, vödriov, rönwv = de aere aquis locis = Ueber 
Luft, Wasser und Oertlichkeit (Kühlewein I 33 ff.). Inhalt: 
Der Arzt muss Jahreszeiten, Winde, Gewässer, Lag'e u. s. w. (1) und 
Himmelskunde berücksichtigen (2); Schilderung der Krankheiten je 
nach der Lage der Ortschaften (3 ff.), des Wassers und seiner ver- 
schiedenen Wirkungen (7 ff.), der Jahreszeiten desgl. (14 ff.); Unter- 
schiede der Asiaten und Europäer in dieser Hinsicht (18 ff.); Lücke, 
in der über Aegypter und Libj'er gehandelt war (19); Krankheits- 
kunde nach Völkerschaften: Asowsches Meer (20), Makrokephale (21), 
Riongegend (22); Trägheit und Weichlichkeit der Asiaten im Vergleich 
zu den Europäern (23), Skjthen (24 ff.), die übrigen Stämme Europas 
(31 f.), Schluss (33). Erotianos nennt die Schrift nur rreol r. y.al wQiwv 
(ü. Oe. u. Jahreszeiten); Galenos (XIX 35) jt. t. v. und behauptet, es 
sollte TT. oh^oeiov y.al v. /.al cuoiöv /.al ytoQiöv heissen ; der Schreiber des 
cod. Paris, graec. E rtegl nooyviooecog hwv 'BinoxQäiovc Litteratur: 
Ilberg, Philologus LH 422 ff; Kühle wein, Hermes XVIII 17 ff. 
Die für Aerzte und Laien gleich anziehende Schrift zerfällt in zwei von 
demselben Verfasser herrührende Teile: 1—17 Wind, Wasser, Jahres- 
zeiten, 18 ff. Asien und Europa. Die Notwendigkeit der Meteorologie und 
Astronomie für die Medizin betont ja auch Piaton,') und Benutzungen 
unserer Schrift durch Aristoteles hat erst jüngst noch Richter i) nach- 
gewiesen. Auch Euripides kann als Echtheitszeuge aufgerufen werden 
(Clem. Alex, ström. VI 627), ferner Galenos, Erotianos, Palladios 
Sophistes, Athenaios (II 7), der Scholiast zu Aristoph. nub. 332, der 
Verkürzer des Bakcheios : Epikles (Erot. Klein 84). Die Neueren sind 
einstimmig für die Echtheit dieser Perle der alten Litteratur ein- 
getreten, aus sachlichen wie sprachlichen Gesichtspunkten. Dass 
Hippokrates das Buch nach der Rückkehr von seinen Reisen nieder- 
geschrieben hat, erscheint Petersen einleuchtend wegen des Urteils 
und der Erfahrung; aber dafür, dass dieses gerade zwischen 420 und 
414 gewesen sei, vermag Petrequin (I 88 f.) nur obige ähnliche 
Euripidesstelle anzuführen, die wenigstens ein Herabsteigen unter 406 
verwehrt. An dieser Schrift kann man sich am besten ein Bild von 
der Genialität und Universalität des „Vaters der Heilkunde" machen. 
Vgl. 4; 28. 

Ausser diesen 59 Schriften giebt es noch eine grosse Anzahl dem 
Hippokrates untergeschobener Abhandlungen und Bruchstücke, deren 
Anzahl durch Bearbeitung unedirter Handschriften leicht zu vermehren 
ist. Auf letztere kann nicht eingegangen werden. '-) Schwierig ist 
häufig die Entscheidung darüber, ob auf einen Schriftteil oder eine 
besondere Schrift verwiesen wird, da ja, wie oben erwähnt, nicht ein- 
mal die authentische Titelform feststand. Man muss deshalb in der 
Annahme selbständiger Schriften möglichst zurückhaltend sein. Zu 
den erstgenannten gehören: 

^) Richter, De Aristotelis prohlematis, diss., Bonnae 1885. Vgl. Fredrich, 
Hipp. Unt. 9 Anm. 4; 5 f.; leg. V p. 750 DE; Gal. IV 806. 

^) S. z. B. Kostomiris, Kevue des etudes grecques II 1889 S. 352 ff. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 235 

1. Die emoToXai = epistulae = Briefe. Sie gehören der koischen 
ßhetorenschule an, die unter den ersten römischen Kaisern blühte, und 
zerfallen in die Gruppen: 1. Hippokrates und Artaxerxes 1 — 9; 2. H. 
und Demokritos 10 — 17; 3. sonstiger medizinischer Briefwechsel 
18 — 24. Für jede Gruppe scheint ein Verfasser vorzuliegen. Litteratur: 
ten ßrink. Philologus VIII 416 ff.: Her eher, epistolographi Graeci 
Nr. 306 ff. ; Hirzel, Hermes XIV 358 ff.: Marcks, Sj'mbola critica 
ad epistolographos Graecos S. 30 ff.; Schmidt, Epistolarum quae 
Hippocrati vulgo tribuuntur censura, lenae 1813; Schneider, 
Henschels Janus I 1846 S. Iff.; Stadler. Epistola Pseudohippocratis. 
Arch. f. lat. Lexikogr. u. Gramm. XII 1900 S. 21 ff. ^) 

2. dnyfia 'JOrjvakov = decretum Atheniensium = Beschluss der 
Athener, 

3. iTiißcüfuog = Altarrede, 

4. ngeoßtvTuöi; Oeaaa'/.ov ^Irrnoy.Qärov^ viov = de legatione = 
Gesa ndtschafts rede des Thessalos gehören derselben Schule 
an wie die Briefe. Sie wai'en im Bibliothekskataloge von Alexandreia 
verzeichnet, können also nicht nach dem 3. Jahrhunderte v. Chr. ver- 
fasst sein (Marcks a. a. 0.). 2—4 haben einen Verfasser; Näheres 
bei Herzog, Koische Forsch, u. Funde, Leipzig 1899 S. 215. 

5. nefji (faguä/Mv = de remediis (medicamentis) purgantibus = Ab- 
führmittel, ein Schriftchen von 1'., Seiten, das kein alter Zeuge 
erwähnt und dessen Ursprung unbekannt ist. Littre I 422: Küh le- 
wein I p. XXVI A. 1. 

Endlich sind noch die verlorenen Schriften-) zu streifen. 

1. Die Stellen, an welchen ein ßezeptbuch, ffagjua/.iui^, citiert 
wird, hat Ermerins II p. LXVII zusammengetragen. Aehnliche 
Formularien sind de morb. III und de morb. mul. angefügt worden. 

2. nsQi oXe^gküv Toavuäzwv = Ueber lebensgefährliche 
Wunden wird von Galenos dem Hippokrates bloss zweifelnd bei- 
gelegt und ist jedenfalls identisch mit der bei Erotianos erwähnten 
Schrift TTf.QL ßüojv y.ai. %Qavf.iäuov = Ue. Geschosse u. W. Ein Ab- 
schnitt handelte vom Herausziehen der Geschosse. 

3. neol eßöoudöwv = Die AVochen s. oben. 

4. Iv rrjoL nagd^evirjoi vovaoioi = Ueber J un g fr auenk rank- 
heiten wird de morb. mul. I 2 citiert (vgl. de morb. mul. I 41); 

5. iv fp&ivddt = Ueber Phthisis de morb. mul. 12; 

6. negi Ttsoinvtv/iioviag = Ueber Lungenentzündung de 
morb. IV 25, bei mir I 271 A. 66. Eine grosse Anzahl solcher Titel 
hat Häser I, 3. Aufl. Ulf. vereinigt; jedoch sind augenscheinlich 
die meisten hiervon nicht Bücher-, sondern Abschnittstitel oder über- 
haupt nur allgemeine Bezeichnungen der Stelle einer verlorenen Schrift, 
sodass über ihren Inhalt nichts ausgesagt werden kann. 

7. vyieivöv = Ueber Hygiene. Vgl. Ilberg bei Kühlewein 
p. XVI; XXVI; Fredrich, Hipp. Unters. S. 82. 



^) Vgl. Bernays,, Die heraklitischen Briefe, 1869; Ermerins, Anecdota 
medica Graeca 276 ff. (epistnla ad regem Ptolemaeum de hominis fabrica). 
-) Littre I 422 ff. 



236 Robert Fuchs. 

Die Heilkunde in den hippokratischen Schriften. 
17. Anatomie und Physiologie. 

1. Hirsch, Commentatio historico-medica de collectionis Hipjiocraticae auctorum 
anatomia, qualis fuerit et quantum ad pathologiam eorum valnerit, Berol. 1864; 
Nonnulla de Hippocratis cognitione authropologica, diss., Berol. 1834. — 2. Kühle~ 
tvein, Die chir. Schriften d. Hipp. Jahresb. iL d. Kgl. Klosterschule zu llfeld 
1897198, Nordhaus. 1898 S. 8 ff. — 3. Senfelder, Die hippokraiische Lehre v. d. 
Ausscheidungen u. Ahlagernngen. Wien. med. Wochenschr. 1896. — 4. Stenzel, De 
Hippocratis studio anatomico singulari, diss., Vitembergae 1754 u. a. — 5. Welcher , 
Kleine Schriften III, B»nn 1850. 

Die oben betrachteten Bücher der hippokratischen Sammlung 
ergeben als Ganzes ein anschauliches Bild vom damaligen Stande der 
Heilkunde. Wollte man hingegen die Schriften der einzelnen Gruppen 
bei der Schilderung der einzelnen Zweige der Medizin zu Grunde 
legen, so würde sich ein ganz lückenhaftes Bild ergeben. Beispiels- 
weise bieten die echten und die kölschen Schriften über Gynäkologie 
fast nichts, ebenso die knidischen nichts über Luxationen und Knochen- 
brüche. Zudem ist es der Zufall, dem wir die Erhaltung der einen 
oder anderen Schrift verdanken, und dieser hat natürlich nicht so 
gespielt, dass die beste und umfangreichste Darstellung auf uns ge- 
kommen ist, sondern viel mehr Minderwertiges als Brauchbares. Schon 
aus diesem Grunde erscheint es, wenn nicht Bände entstehen sollen, 
durchaus geboten, nicht eine Schilderrng der kölschen Anatomie neben 
die der knidischen zu stellen, sondern die Anatomie und Physiologie 
der im Corpus vereinigten Werke zu bieten und bei den übrigen 
Disziplinen ebenso zu verfahren. 

Die anatomischen Kenntnisse jener Zeit werden von dem einen 
Forscher eingehende, von dem anderen oberflächliche genannt. Mit solchen 
Urteilen ist nichts gesagt, denn es fehlt der Massstab. Wohl aber 
kann man sagen, dass die Kenntnis der Anatomie und Physiologie dem 
Stande der übrigen Zweige entsprechend entwickelt war und nur in 
den unechten Schriften etwas zurückstand. Die anatomischen Kennt- 
nisse gewannen die Asklepiaden auf mannigfache Weise : durch münd- 
liche und schriftliche Ueberlieferung, durch Zuschauen bei Opfern und 
Hausschlachtung, durch den Verkehr in der Palästra, durch Ver- 
letzungen im Felde und im Frieden, durch Betrachtung von ange- 
schwemmten und unbeerdigten Leichen und Leichenresten und durch Tier- 
anatomie. Die Tieranatomie ist durch vielerlei Bemerkungen gesichert; 
z. B. handelt de carne 17 von Tier- und Menschenaugen, de morbo sacro 
14 vom pathologischen Befunde des Ziegenhirns, 3 vom tierischen und 
menschlichen Schädel, epid. VI 4, 6 vom Dickdarme des Menschen und 
des Hundes, de corde vom tierischen oder menschlichen Herzen, ins- 
besondere von den hermetisch schliessenden Halbmondklappen und den 
Herzohren, von einem Kehldurchschnitte beim Schweine, vom Heraus- 
nehmen des Herzens eines Toten u. s. w., de nat. oss. besonders vom 
Knochen und Adernlauf, und Pausanias X 2, 4 erwähnt sogar ein an- 
geblich von Hippokrates in Delphoi geweihtes Skelett, de locis in 
hom. ermahnt zur Uebung im Secieren und giebt über alle Körper- 
teile, wenngleich Irrtümer und Spekulation dem Ergebnisse abträglich 
sind, ausführliche Belehrung. Die Theorien vom zweihörnigen Uterus 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 237 

und über die UeberfruchtuDg beruhen auf Tierstudien. Es ist also 
nicht richtig, wenn K ü h 1 e w e i n (S. 8) behauptet, dass von Tieranatomie 
keine Spur in der Sammlung vorliege. Und wie steht es mit der 
Anatomie der Menschenleiche? Die hypothetische Form, in der ^e 
art. rep. 1 vom Präparieren des Humerus gesprochen wird, beruht 
zweifellos auf exakter Kenntniss. und die genaue Beschreibung der 
Wirbel (der „Zahnwirbel"), der Wirbelsäule, des Zwerchfells und der 
Bänder, Sehnen- und Nervenstränge setzt unbedingt voraus, dass der 
Verfasser dieses alles nicht am Affen, wie später Galenos, sondern am 
Menschen selbst beobachtet hat. Mag auch die Lage der inneren 
Eingeweide mangelhaft beschrieben sein (Aristot. de part. anim. I 16), 
um so klarer ist die Kenntniss der Osteologie und Histologie, namentlich 
der Extremitäten. Es ist freilich richtig, dass die Vorschrift der 
sofortigen Beerdigung Gefallener und der Abscheu vor dem Toten, 
Religion und Aberglaube eine planraässig ausgeführte Sektion von 
Leichen hemmte, doch konnten alle diese Hindemisse weder gelegent- 
liche Einblicke in geöffnete Körperhöhlen, noch partielle Untersuchungen 
rein anatomischer Art völlig ausschliessen. Solche Einzelfälle werden 
u. a. bezeugt von Herod. IX 83; Plin. h. n. XI 70; Paus. IV 9; Gal. II 
280; Aristot. de part. anim. IV 2 (pathologische Sektion). Zu weit 
gehen die Forscher, die an Vivisektionen von Tieren und Menschen 
glauben möchten, und auf der anderen Seite wiederum die Ungläubigen, 
die durch das blosse Aufweisen von Irrtümern (Verwechselung von 
Venen und Arterien, Sehnen und Nerven, Vernachlässigung des Pulses) 
die Vornahme von Teilsektionen ausschliessen zu können vermeinen. 
Gal. II 280 ff., ^) dessen 6 Bücher über die „Anatomie des Hippokrates" 
leider untergegangen sind, bestätigt sogar, dass es bei den Asklepiaden 
keine anatomischen Lehrbücher gab, weil das anatomische Alphabet 
praktisch erlernt wurde. Erst als man mit der Ausbreitung der 
Schule im Secieren lässig wurde, stellte sich das Bedürfnis nach Lehr- 
mitteln ein, deren erstes Diokles geschrieben haben soll. Galenos 
lässt Hippokrates das Verdienst, die ersten anatomischen Spekulationen 
angestellt zu haben, obschon er sicherlich darin im eigenen Ge- 
schlechte Vorgänger gehabt hat, und preist ihn als fleissigen Anatomen. 
Der unbekannte Verfasser von de loc. in hom. erklärt „die Be- 
schaffenheit (cpvaig) des Körpers" für den „Ausgangspunkt der wissen- 
schaftlichen Forschung" (2). Je nach dem philosophischen System 
gelten das Warme und Kalte oder das Warme, Kalte, Feuchte. Trockne 
oder dieses mit Herbem, Fadem, Süssem, Sauerem u. s. f. für die 
Körperelemente. Allmählich bricht sich das 4 Qualitäten-System Bahn, 
das auf den 4 empedokleischen Elementen, Feuer, Wasser, Luft und 
Erde, aufgebaut ist. Diesen Elementen entsprechen die animalischen 
Grundstoffe Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle. Die schwarze 
Galle ist die Absonderung der Milz, die gelbe die der Leber. Auf 
dem richtigen Mischungsverhältnis (zgäaiQ) dieser 4 Flüssigkeiten 
beruht die Gesundheit, das Ueberwiegen des einen Stoffes über die 
anderen nennt man Krankheit. Das Leben ist im Warmen enthalten ; 
die eingepflanzte Wärme des Körpers entspricht dem herakleitischen 
Feuer. Die Aussenluft bildet als 7tvev(.ia, Atmungsluft, die Nahrung 
des Warmen im Körper. Die Säfte und die durch Wärme aus ihnen 
heraus destillierten festen Körperteile werden durch die Nahrung er- 



^) Litteratur bei Petrequin I 62. 



238 Robert Fuchs. 

gänzt, indem die Wärme wiederum das Gleiche zum Gleichen lenkt 
und durch Ausdörren assimiliert 

Die Osteologie umfasst besonders die Beschreibung- folgender 
Knochengebilde: der Schädelknochen, so der Suturen (Stirnnalit be- 
deutet Gesundheit), der Stirnhöhlen, der Schläfengegend (mangelhaft), 
des Pericraniums, der beiden Schädelplatten, der Diploe; der Nasen- 
knochen, des Nasenknorpels, des Siebbeins, das einem Schwamme gleiche, 
der Kiefer. Der Kiefer ist deshalb mit Zähnen besetzt, wöil er von 
allen Knochen allein über Blutgefässe verfügt. Von der Wirbelsäule 
ist weniger bekannt. Des obersten Halswirbels wird nicht gedacht, 
der Zahnfortsatz (ööovg) (epid. II 2, 24) aber wird gut beschrieben. 
Die Wirbelzahl ist höchstens 18 oder 22; es giebt je 7 wahre und 
mehrere falsche Rippen {nUvQai). Ihre Befestigung an den Wirbeln 
wird sachgemäss geschildert. Die Schlüsselbeine sind durch Gelenke 
mit dem Brustbeine verbunden, die anderen „Gelenke sind nach den 
Schultern geneigt an den Schulterblättern" (de loc. in hom. 6). Das 
Akromion, als selbständiger Knochen gedacht, verbindet Schulterblatt 
und Clavicula. Die Gelenkverbindung ist entweder arthrodisch oder gin- 
glymisch. Zur Geschmeidigmachung dient die Gelenkschmiere {(.w^a = 
Schleim, vYQnrrjg rwv ocQ^gcuv = Gelenkfeuchtigkeit). Die Knochen 
der Kinder sind porös {or]Qayywör]g) und darum blutreicher. 

Die Weichteile heissen aäg^ = Fleisch oder /nvg = Maus,' 
Muskel. Bekannt sind folgende Muskeln: Schläfenmuskeln, Masseteren, 
Humerusmuskeln mit Sehnen, der Deltamuskel, der grosse Brustmuskel, 
Hand- und Fingerbeuger, Psoas, Glutäen, Schenkelmuskeln, Biceps 
femoris, Fibulasehnen, Achillessehne, die Rückenmuskeln. Dass Sehnen 
und Nerven gemeinhin als vevqa = tövol = Strang zusammengeworfen 
werden, ist schon gesagt. 

Der Darm besitzt 2 Aodiat = Höhlen, d. i. den Magen (vrjdvg)- 
und die Därme. Der sehnige Magen wird durch Fasern {iv€g) und 
Adern mit den Nieren verbunden. An ihn schliesst sich das 12 Ellen 
lange gewundene y.wlov, dann der fleischige Mastdarm {oiQxog loiod^iog) 
und der After {a-/.Qov day.Tvliov). Bei Gelegenheit wird noch der Leer- 
darm {vfjoTig), das Mesenterion und Mesokolon genannt, durch welche 
der obere Darmteil an der Wirbelsäule befestigt ist. Auch das nsgi- 
rövaiov, Bauchfell, wird häufig als bekannt vorausgesetzt. Als Quell 
des Blutes gilt in der Regel die Leber, die bei der Opferschau in 
erster Linie geprüft wurde. Der Abriss de anat. erwähnt die nv/iat =; 
Pforten als „2 hervorragende Zipfel" (lobus quadratus und lobus Spiegelii). 
Die Milz zieht sich auf der linken Seite an „der falschen Rippe" 
einer „Fusssohle ähnlich" hin. Von Drüsen (de gland.) sind bekannt, 
die Mandeln, die Lymphdrüsen des Halses, die Mesenterialdrüsen und 
die Brustdrüsen, nicht .aber Schilddrüse, Pancreas und Parotis, doch 
werden in den prognostischen Werken vielfach Parotitiden heran- 
gezogen. Die vornehmste Drüse ist das Gehirn. Alle Drüsen ver- 
walten die Feuchtigkeit, da sie schwammig sind, und so können sie 
durch übermässige Aufspeicherung von Wasser und Schleim und durch 
deren plötzliche Entsendung nach einem bestimmten Körperteile Krank- 
heiten erzeugen. Die Nahrung wird in der Leber zu Blut, die Luft 
im Herzen zum Pneuma = Lebensgeiste umgebildet. , , 

Ferner werden Kehldeckel, Luftröhre {dgrriQLrj) ohne Hervorhebung 
des Kehlkopfes und die Bronchien (ßgöy/oi) mehrfach beschrieben. Die 
Epiglottis verschliesst die Luftröhre für die Nahrung (de corde). Das 



Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 239 

Getränk geht nicht, wie viele, auch Piaton, annahmen, in die Lunge 
(de morb. IV 25), sondern in den Magen, zum Teil auch in den 
Pharynx und von da in das Pericardium. um das heisse Herz abzu- 
kühlen (de corde 2 f.); den Beweis dafür erhält mau, wenn man 
einem Mennigewasser trinkenden Schweine den Kopf abschlägt. Die 
Stimme bildet sich in der Luftröhre durch die ausströmende Luft. 
Wird bei einem Selbstmörder mit durchschnittener Kehle die Wunde 
geschlossen, so kehrt die Stimme wieder zurück. Die Lunge hat 5 
überragende Zipfel, Lappen {).oßoi), sieht aschgrau aus und ist wie ein 
Wespennest durchbohrt (de corde). Die eingeatmete liUft strömt 
(a. a. 0.) nach den Lungen, um das Herz zu kühlen, nach de morbo s. 
geht der feinste Teil des jrvei/ja durch Mund und Nase nach Gehirn, 
Leib und Lunge und von dieser durch die Adern zum Herzen. 

Das Herz (de corde) ist pyramidenförmig, dunkelrot und von 
einem glatten Häutchen umgeben; in diesem befindet sich etwas urin- 
ähnliche Flüssigkeit, um des Schutzes willen und um den Brand zu 
löschen. Das Herz schlappt das in die Lunge geleitete Getränk auf 
und nährt sich davon. Der kräftige Muskel hat in einer Umhüllung 
2 Kammern, der rechte kommuniziert mit dem linken. Der linke ist 
geräumiger und schlaffer als der andere, lässt die Spitze fest und er- 
scheint aussen aufgenäht. Die Herzgrube ist mörserähnlich geformt. 
Die Herzohren dienen natürlich nicht zum Hören, wie dem schalkhaften 
Verfasser fast alle Anatomen späterhin nachgesprochen haben. Die 
Kammern sind innen rauh, die linke infolge der einströmenden Luft 
mehr als die rechte. In die Herzsubstanz senken sich spinnengewebe- 
artige Fäden ein. Die Halbmondklappen schliessen, namentlich links, 
so . gut, dass weder Luft, noch Wasser eindringen können. Die linke 
Kammer nährt sich von dem feinsten Bestandteile des Blutes der 
rechten Kammer. Die Sektion lehrt, dass der linke Ventrikel blut- 
leer ist. 

Die Vorstellung von den Adern, rpleßeg, ist sehr verschieden je 
nach dem Ursprünge der Schriften und grossenteils hypothetisch. Unter 
(pXeßeg sind von Haus aus alle Kanäle im Körper zu verstehen, später 
die blutführenden Adern, doir^gir] bedeutet zunächst die Luftröhre 
und ihre Verästelungen, später die zunächst im Wesentlichen, darauf 
ganz luftführenden Adern. Das älteste Stadium, vorhippokratische 
und hippokratische Zeit, lässt die Adern im Kopfe entspringen, das 
zweite, von Diogenes von Apollonia an (Arist. bist. anim. III 2), von 
der Aorta und Hohlvene aus, das dritte ist das unserige. Die zu- 
treffendste Beschreibung findet sich de morbo s. Leber und Milz als 
Quellen des Blutes entsenden die Hohlvene und die Aorta abdominalis; 
diese verzweigen sich nach Brust, Herz, Armen und Händen, Gehirn, 
Sinnesoi'ganen und, an Lenden und Nieren vorüberziehend, nach den 
Ober- und Unterschenkeln. Am besten bekannt sind die der Oberfläche 
nahe kommenden Teile des Adernsystems: Aneurysma der Arteria 
subclavia, Intercostalarterien, Carotiden und deren Spaltung in der 
„Schläfengegend", die Brustgefässe und deren Verästelungen nach der 
Bauchdecke und die Durchgänge durch das Zwerchfell. Im all- 
gemeinen ist die rechte Kammer der Speicher des Blutes; sie erhält 
auf nicht näher beschriebenen Bahnen das Blut und durch die Lungen- 
arterien etwas Luft. Die dem linken Ventrikel innewohnende Wärme 
erwärmt das an sich kalte Blut, das nun in die Adern strömt, von 
dem hämmernden Herzen vorwärts getrieben. Eine pulsartige Be- 



240 Robert Fuchs, 

we^ung zeigen auch Aorta (dQTi^Qtrj) und Lungenarterie. ^) Die Knochen 
verleihen dem Körper Halt und P'orm, die Nerven (Sehnen ?) Beugung 
und die Adern Lebensluft, Nahrung und Bewegung. In de morbo s. 
ist das Herz Centralstelle der die Krankheiten ihm kundthuenden 
Adern, das Gehirn aber bereits Sitz von Denkvermögen, Gefühl und 
Bewegung. Der Gedanke des Kreislaufs findet sich angedeutet de 
nat. oss. Die Gerinnung des Blutes ausserhalb des Körpers erfolgt in 
der Art, dass sich Fasern (h€<^) bilden. 

Der urogenitale Apparat umfasst zunächst die herzförmigen 
Nieren, die den Harn filtrieren. Sie ziehen die Flüssigkeit heran. 
Die auf beiden Seiten der Blase gelegenen Samenbläschen und die 
vasa deferentia werden nur angedeutet. Bei der Erektion wird der 
entstehende Hohlraum durch Pneuma und Samen, welche einströmen, 
ausgefüllt. Ueber die weiblichen Genitalien erhalten wir eingehende 
Schilderungen, welche auf der Tieranatomie beruhen. Das Becken ist 
bekannt; es entwickelt sich erst durch das Auseinanderweichen der 
Gelenke, zumal der Symphyse, während der Geburt vollständig. Das 
Hüftbein ist mit dem grossen Wirbel am Sacrum durch ein knorpeliges 
Band verbunden. Vom Sacrum zum grossen Wirbel krümmt sich die 
Wirbelsäule nach innen, und dort liegen Blase, Samenblase und Eectum. 
Die Urethra ist bei den Weibern kurz und weit. Die Nomenklatur 
der einzelnen Geschlechtsteile ist ungemein reichhaltig und schwankend. 
Der Uterus heisst infjrgai = Gebärmutter, weil er zweihörnig sein soll. 
Der äussere und innere Muttermund und seine Lippen sind bekannt. 
aiöua bedeutet Muttermund, introitus vaginae, orificium uteri. Digitale 
Untersuchungen der portio vaginalis sind sehr häufig. Die Uterus- 
bänder (zparfa oder veCga xd y.aXt<')ueva nayßi = Schösslinge) und die 
äusseren Geschlechtsteile werden gleichfalls beschrieben, die Ovarien 
hingegen nicht. Die Gefässlehre des Beckens ist sehr mangelhaft. 
Die Milch wird durch den aufgetriebenen Uterus aus dem Netze nach 
den Brustdrüsen gedrückt. 

Ueber das Nervensystem ist bereits das Wichtigste gesagt. 
Die dura und die pia mater (ufjnyB) umgeben das nach de morbo s. 
in zwei Hälften zerfallende Gehirn; die Hälften sind durch eine da- 
zwischen gelegene Haut mit einander verbunden. Sonst erscheint das 
Gehirn als eine mit kalter Flüssigkeit gefüllte Drüse. Der vom 
gesamten Körper abgesonderte und im Gehirne aufgespeicherte Samen 
wird nach den Hoden geleitet. Anatomisch erkannt waren nervus 
acusticus, trigeminus, vagus, von den vom umhäuteten Rücken marke 
ausgehenden der nervus ulnaris, plexus brachialis, nervus ischiadicus 
und andeutungsweise der sympathicus, ferner die Intercostalnerven. Von 
Funktionen der Nerven ahnten die Hippokratiker nichts. 

Das Auge hat 3 Häute: to levxör' = die weisse Haut, die f^tfiviy^ 
lemoTega = dünnere Haut und to dgaxvoeid/^g == die spinnengewebeartige 
Haut. Vor der Pupille (-/.ÖQr] = Puppe, Öipig = Sehe) liegt die Horn- 
haut = zb öiarpaveg, das Durchsichtige. An der 2. Haut unterschied 
man ro {.lilav = die farbige Haut, Regenbogenhaut; ihre Grenze mit 



') Littrel 209 stellt fest, dass die Hippokratiker den Adern, fUßes, allgemein 
einen Pulsschlaof zuschrieben. Die Stellen aus epid. VII und prorrh. II (Littre I 
228), wozu de alim. 48 treten kann, sind sein Beweismaterial, ofvyfids ist Puls, aber 
aucli krankhafte Pulssteigerung; nnluoe bedeutet letzteres oder Zucken (Ruf. ed. 
Daremb. 614 ff.). Wann freilich tfls^ee allgemein „Adern" oder speziell „Blutadern" 
bedeutet, ist schwer auszumachen. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen.- 241 

dem Weissen hiess „Kranz" = arsrpdvrj. Das Innere ist mit der durch 
das Gehirn gelieferten einheitlichen Flüssigkeit, rb vyonv, gefüllt, die 
an der Luft gerinnt. Die Linse musste daher, wenn sie überhaupt 
erkannt wurde, für ein Gerinnsel angesehen werden. Zwischen Auge 
und Gehirn bestehen mehrere Verbindungen, nach .\ristoteles später 
3 Röhren in chiastischer Stellung; eine von diesen rp)Jßeg (bei Hero- 
philos Tinoni) = Kanälen, Röhren ist auch der für funktionslos an- 
gesehene Sehnerv. Die Stoffteilchen begegnen in den Röhren der 
Sehflüssigkeit und dringen dann bis ins Gehirn vor, wo sie Gesichts- 
eindrücke auslösen. 

Vom Ohre kennen die Hippokratiker den steinharten knöchernen 
Teil und das spinnengewebeähnliche ganz trockene Trommelfell. Der 
Knochen, nicht etwa das weiche Gehirn, erzeugt durch seinen Wider- 
hall den Ton. Der Verfasser von de loc. in hom. stellt sich die Um- 
gebung der Ohren als leere Hohlräume vor, die den Schall zum Gehirne 
leiten. Das Labyrinth war schon von Empedokles entdeckt worden. 

Die Nase riecht, indem der Geruch der Stoffe durch das Siebbein 
nach dem Gehirne aufsteigt. Der Katarrh hebt durch die Feuchtigkeits- 
menge diese Fähigkeit auf. 

18. Allgemeine Pathologie. 

Die Gottheit, ^) t6 d^elov, als Urheberin der Krankheiten (vovaog, 
vöarjfta, rtäO-og) erkannte der Verfasser von de diaeta IV i= de somniis) 
an; allein der Meister widerepricht dieser Annahme von einer göttlichen 
Einwirkung direkt und indirekt durch die Schrift de aere aq. loc, und 
sein Anhänger (de morbo s.) gesellt zu diesem Meinungskampfe oben- 
drein Spott und Hohn über die einfältigen Kollegen. Und in der That 
sind es durchweg natürliche Einflüsse, die in den hippokratischen 
Quellen als Krankenerreger vorschweben, so Lebensgewohnheiten, 
namentlich die Diät, Wärme und Kälte (z. B. de hum. 15), Luft und 
Wind, Wasser und dessen Ausdünstungen,-) Jahreszeit, Sonne und 
Schatten, örtliche Lage, Schlafen und Wachen, Leidenschaften, Gifte 
und giftige Tiere, Einflüsse der Gestirne ; Vererbung, Flüsse = xaragooi 
im Körper, Zurückhaltung von Ausscheidungsstoften, Alter, Geschlechts- 
thätigkeiten, gewaltsame Eingriffe aller Art, plötzliche Veränderungen 
von Lebensgewohnheiten, selbst wenn sie an sich schädlich wären. 
Blähungen (de flat. ; de nat. oss.). Alle Leiden beruhen darauf, dass 
durch die genannten Faktoren eine öuaAoaala, d. i. ein schlechtes 
Mischungsverhältnis der 4 Qualitäten (AVarmes. Kaltes, Feuchtes, 
Trockenes) in der Weise herbeigeführt wird, dass das eine oder andere 
überwiegt. Die tellurischen und cälestischen Einflüsse sind in dem 
anthropologischen Meisterwerke de aerv^ aq. loc. geschildert. Warme 
Winde erzeugen danach viel Feuchtigkeit und Schleim und daher 
Durchfälle, ferner schmächtigen Wuchs und Schwächlichkeit, Neigung 



*) XorjariSrjg, 'Aoxctia eXXrjvixij yvrnntetoXoyia etc., ev KiovaxaftiiovTiöXet 1894 
S. 213 ff.; Littre VIII p. V; 530ff.: Gal. XVIII, ii 18. — Vgl. Senfelder, Die 
hippokratische Lehre v. den Ausscheide, u. Ablagerg. Wien, mediz. Wchschrft. 1896. 

-) Ueber Ansteckung und deren Abwehr vgl. Sourlangas, Etüde sur Hippo- 
crate, son oeuvre, ses idees sur l'infection et ses moyens antiseptiques, Paris 1894. 
Hauptmittel sind das Feuer, Schwefel, duftende Blumen und Salben (Gal. XIV 281). 
Vgl. auch Struve, Locus Hippocratis Epidemiorum V dartfovf ytal sxnvovi' olov ro 
acbucc expositus, Nordhusae 1760. 

Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 16 



242 . • Robert Fuchs. 

zur Berauschung, da der Kopf nichts verträgt. Die Frauen neigen 
zu Blutungen, Unfruchtbarkeit und Fehlgeburten, die Kinder zu 
Krämpfen, Atemnot und Fallsucht, die Männer zu Ruhe, Fieber, nächt- 
lichen Pusteln, Hämorrhoiden, Flüssen und Lähmungen. Kalte Winde 
erzeugen kräftige und säftearme Menschen mit langsamem Stuhle und 
viel Galle oder Schleim.. Die Bewohner solcher Gegenden bekommen 
leicht Aderbrüche, Brustfellentzündungen und überhaupt akute Leiden, 
doch auch Empyeme, hartnäckige Verstopfung, Augenkrankheiten, 
Nasenbluten, schwere Epilepsiezufälle. Die Frauen sind meist spärlich 
menstruiert und gebären schwer, Abortus ist selten; sie können nicht 
stillen und neigen zu Phthisis und Krämpfen. Kinder bekommen 
Scrotalhydrops und werden spät geschlechtsreif Stehendes Wasser 
macht schleimig und heiser, die Milz schwillt bei seinem Genüsse, und 
Schmächtigkeit des Wuchses und Hydrops ist die Folge. x4.m besten 
ist das Regenwasser, doch muss es abgekocht und durchgeseiht werden. 
Blasen- und Nierensteine, Harnstrenge, Ischias und Hernien entstehen 
durch den Genuss verschiedenartigen Wassers. Knaben leiden mehr 
darunter als Mädchen, denn bei letzteren ist die Harnröhre kurz und 
weit. Nicht minder von Einfluss sind auch die Jahreszeiten und 
Klimaverhältnisse. In Asien z. B. ist alles schöner und grösser als in 
Europa, denn dort sind Kälte und Wärme temperiert. Allüberall 
spricht sich die Frühlingsstimmung aus, und es ist kein Feld vorhanden 
für Männlichkeit, Sorge, Mühsal. Hierauf wird an den skythischen 
Stämmen der Einfluss der klimatischen Verhältnisse und der Lebens- 
gewohnheiten gezeigt (Erzielung der Makrokephalie in Asien; Er- 
zeugung der rätselhaften sexuellen Neurasthenie, die ,,vovoog ^ijleia" 
genannt wird, u. s. w.). Die örtlichen Verhältnisse sind für die ende- 
mischen [knr/ßQia voaiji-iaTa), die Veränderungen von Jahreszeit und 
Luft für die epidemischen Krankheiten (y.oiva oder ndyxoiva v.) verant- 
wortlich zu machen. Letzterenfalls ist die Fortsetzung der gewohnten 
Lebensweise und verminderte Nahrungszufuhr und somit Atmung zu 
empfehlen. 

Die Störung des Gleichgewichtes der Säfte zeigt sich darin, dass 
entweder der kalte Schleim Fieberfrost oder die heisse Galle Fieber- 
hitze erzeugt, indem sie das Blut durch ihr Eindringen in der Tempe- 
ratur beeinflussen. Das Uebergewicht des Schleims begünstigt die 
Entstehung von 7 Katarrhen, nach Ohren, Augen, Nase, Leib, Gurgel 
und Lunge, Rückenmark und Hüften. Variationen finden sich de 
carne 16 und de loc. in hom. 10 ff. Eine weitere Folge der Ent- 
mischung ist die Entzündung mit der Eiterung; denn der Eiter ist 
verdorbenes Blut oder geschmolzenes Fleisch. Die Ablagerungen sind 
einfach oder metastatisch und kongestiv; sie stecken in einer Tasche 
{Xircüv) und sind, besonders an den Gelenken und am Darme, als Nieder- 
schlag der Fieber zu betrachten. 



19. Allgemeine Diagnose, Prognose und Therapie. 

Die subjektiven Symptome hervorzuheben, erscheint den Patienten 
als Hauptaufgabe ; die des Arztes ist es darum, unter Berücksichtigung 
jener die objektiven Symptome durch Untersuchung zu erforschen und 
im Schlussverfahren zur Geltung zu bringen. Es heisst darum de off. 
med. 1 : „(Man lerne) zuerst das Aehnliche oder Unähnliche (gegenüber 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen, 243 

dem Zustande der Gesundheit) kennen.^) (Man gehe dabei aus) von 
den wichtigsten, von den am leichtesten (erkennbaren Erscheinungen), 
von den (Erscheinungen), welche auf jede Weise . . . erkannt werden. 
Was zu sehen, zu fühlen und zu hören ist. Was durch das Gesicht, 
das Gefühl, das Gehör, die Nase, die Zunge und den Verstand wahr- 
genommen werden kann; was mit allen denjenigen (Mitteln), mit 
welchen wir erkennen können, erkennbar ist." -) Die Benutzung des 
Geschmackssinns, z. B. um zu erkennen, ob der Ohrenschmalz süss 
oder bitter sei (epid. VI 5, 12), reizte die Komiker dazu an, die Askle- 
piaden „Kotkoster", Äongocpayoi, zu nennen, prorrh. II 3 werden als 
Mittel zur Diagnose hervorgehoben Verstand, Augen, Befühlen des 
Bauches und der Adern, die Nase bei der Behandlung Fiebernder, die 
Ohren, um auf Stimme und Atmung zu lauschen. Die Kranken visite 
erfolge früh am Morgen, denn da sind Patient wie Arzt am frischesten 
und am wenigsten beeinflusst. Dann rauss der Arzt zunächst den 
Körper betrachten; denn im Gymnasion hat er sich ja den klaren 
Blick für gesunde Körper erworben. Hierauf sehe er nach Aufstossen 
und Blähungen, Stuhl, Atmung, Schweiss, Lagerung, Urin und dessen 
Bodensatz u. s. w. Der Puls {arpvy/ii6^; TiaÄuög, nalia) war zwar be- 
kannt, diente aber nur dann als Merkmal, wenn er stürmisch ging. 
Das gilt auch von Hippokrates, wennschon in dessen echten Schriften 
der Puls überhaupt nicht angeführt wird. Der normale Puls wurde 
nicht beachtet. Die Temperatur wurde mit der Hand auf der Brust 
gemessen. Die Symptome, welche für die Diagnose wertvoll sind, ge- 
hören auch zur Vorhersage des Ausgangs, de hum. 4 werden als 
solche Merkmale weiter angeführt: Durst. Nasenbluten, Daliegen wie 
ein Toter, Trockenheit, Widerstandskraft gegen Collaps, Atmungs- 
störungen, Schwellung des Oberbauches, Kälte der Extremitäten, Augen, 
Farbe, Pulsschlag, Zittern, Verhärtung von Haut, Sehnen, Gliedern, 
Stimme, Denkvermögen, Haare, Nägel, Geruch der Haut, des Mundes, 
der Ohren u. s. w., Thränen, Traumbilder, Gehör, Teilnahme für Mit- 
teilungen, Geduld, Uterussekrete, Nasensekrete, Augenbutter; auch der 
Crocydismus wurde dabei berücksichtigt. Probeweise dürfen nach de 
arte auch Abführmittel und anstrengende Läufe zur Diagnose heran- 
gezogen werden. Auf anatomische Erfahrungen gegründete Diagnosen 
finden sich epid. V 21 und VII 121 (sardonisches Gelächter, weil das 
Eisen des Katapultengeschosses im Zwerchfell stecken geblieben war). 
Die Perkussion wird zwar nicht erwähnt, aber die Härte und Grösse 
von Leber, Milz und Lunge Hess sich ohne Perkussion schwerlich er- 
mitteln. Hingegen wird die Auskultation *) gebührend gewürdigt und 
durch Schütteln {jcaoäaeiojtia) des Thorax des Kranken unterstützt. 
Die Schüttelung bewirkt als therapeutischer Eingriff den Durchbruch 
des Eiters nach den Bronchien, als diagnostischer erzeugt sie bestimmte 
Geräusche {ipörpog), indem der Eiter angeblich gegen die Brustwandung 
schlägt, da ja zwischen den beiden Pleurablättern ein Hohlraum vor- 
handen sein sollte. Eiteransammlungen in den Sehnen und Knoten, 



^) Küchenmeister, Die physik. Diagnostik des H. in Bez. auf die Krankh. 
der Kespirationsorg'. u. d. Milz. Schmidt's Jahrbb. der in- u. ausländ, gesammt. 
Medic. CXLIV 1869 S. 97; Nebel, Commentatio in Hippocratis doctrinam semioticam 
de spasmis et convulsionibus, Marburgi 1791. 

^) Fuchs III 71. 

') Philipp. Littre's Ausgabe d. H. u. die akiist. Explorationsmethoden b. d, 
Hippokratikem. Deutsche Klinik 1855. 

16* 



244 Robert Fuchs. 

in der Bauchhöhle sind durch Schütteln nicht wahrzunehmen (de morb. 

I 17), wohl aber solche in der Pleura. Das Vorhandensein blassgelber 
Schleimmassen in der Lunge verrät sich durch ein Kehlgeräusch beim 
Atmen (de loc. in hom. 16). Eiterherde (Empyeme), die noch nicht 
nach oben durchgebrochen sind, rufen beim Schütteln in der Weiche 
ein Geräusch hervor wie bei einem Schlauche (14). Eine Beschreibung 
therapeutischer Succussion, um dem Eiter durchzuhelfen, wird de morb. 

II 47 nach der knidischen Lehre geliefert; III 16 wird das Anlegen 
des Ohres an die Brustwand und der schnarchende Ton des in der 
Brust zurückgehaltenen Eiters erwähnt. Bei Lungenwassersucht hört 
man bei längerem Aufhorchen kleinblasige Rasselgeräusche, ähnlich 
dem Sieden und Zischen des Essigs. Bei dem von den Knidiern 
fingierten „Auffallen der Lunge auf die Seite" vernimmt man ein 
Knirschen wie von einem Lederriemen, also pleuritische Reibungs- 
geräusche. ^) Ferner wird besonders geachtet auf Farbe, Geruch, Kon- 
sistenz des Erbrochenen, des Stuhles und Harns; des letzteren Boden- 
satz ist wichtig als Vorbedeutung (progn.). 

Die Wichtigkeit der Prognose^) betont der Hippokratiker, ge- 
treu der Weisung des Meisters, im progn. 1: „Es scheint mir am 
besten zu sein, dass sich der Arzt in dem Voraussehen des Krankheits- 
ausgangs Uebung erwirbt ; denn wenn er bei seinen Patienten vorher- 
erkennt und vorhersagt den gegenwärtigen Stand, das Vorausgegangene 
und das künftig Geschehende, ferner das, was die Patienten beim Be- 
richte über ihren Krankheitszustand weglassen, so wird man festes 
Zutrauen zu ihm haben." Die Bestätigung, dass dieses im Sinne des 
Hippokrates gesprochen sei, giebt dieser selbst epid. I 2, 2 Kap. 11: 
„Man muss das vor der Krankheit Gelegene angeben, den gegen- 
wärtigen Stand erkennen, die Prognose voraussagen. Das hat man zu 
üben. Bezüglich der Krankheiten hat man sich auf zweierlei einzuüben : 
zu nützen oder (wenigstens) nicht zu schaden." Der letzte 
Satz ist der erhabenste in der Therapie, von tiefem sittlichen Ernste 
und markiger Form : cocpelslv rj (.lij ßXäTtxBLv. Die prognostischen Mittel 
decken sich mit den diagnostischen. Von guter Vorbedeutung sind 
z. B.: guter Ernährungsstand, gute Mischung der Säfte {svy.o(xoLa\ be- 
stimmte Farben, ruhiger Schlaf, behagliche Lagerung, klare Besinnung, 
starker Schweiss, zumal an den kritischen Tagen, Beweglichkeit, heitere 
Stimmung. Ungünstig sind die gegenteiligen Symptome, ausserdem 
z. B. Zähneknirschen, Flockenlesen, rohe und wilde Schimpfworte und 
Gesten, Otfenstehenlassen von Mund und Augen, unnatürliche Lage mit 
gespreizten Beinen und Hinabrutschen, starke Hitze, plötzliche Ver- 
änderungen, Schlaflosigkeit, Durchfälle, Appetitlosigkeit. Am gefähr- 
lichsten und, wenn nicht in 24 Stunden die Ursachen beseitigt werden 
können, tötlich ist die sog. „facies Hippocratica", progn. 2 : „eine spitze 
Nase, hohle Augen, eingefallene Schläfen, kalte und zusammengezogene 
Ohren, abstehende Ohrläppchen, eine harte, straffe und trockne Stirn- 
haut, eine gelbe, schwarze oder bleiche Färbung des ganzen Gesichts". 
Bei den Augen ist bedenklich: Lichtscheu, unwillkürliches Thränen, 
Verdrehung, Verkleinerung, Rötung oder Gelbwerden des Augapfels, 
schwarze Aederchen, Augenbutter, Verzerrung, Verschwollensein, Glanz- 



1) Littre VII Iff.; X 28; Philipp, Deutsche Klinik 1855 Nr. 2. 
-) Ermerius, Specimen historico-medicura de Hippocratis doctriaa a proguostice 
oriunda, Luard. Bat. 1832. 



r 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 245 

losigkeit, stierer Blick, Offenstehen. Anzeichen der Lebensgefahr sind 
u. a. auch fahle Verfärbung des Gesichts, schlaffes Herunterhängen 
der kalten Lippen, Bauchlage, Delirien, Petechien und Hautausschläge 
mit lividem Hofe, kalter Atem, kalte Schweisse, schmerzhaft auf- 
getriebener Oberbauch, übelriechender Eiter, Hydrops nach akuten 
Krankheiten, Kaltwerden, Erbleichung von Händen und Nägeln, kon- 
trahierte Genitalien, fortwährender Stuhlgang u. s. w. Folgeerschei- 
nungen und Vorläufer des Todes werden de morb. I 3 ff. zusammen- 
gestellt. Derselbe Eingriff kann je nach dem Zeitpunkte Eettung und 
Verderben bringen (6). doch stellt sich Gutes und Böses zufällig ein, 
und auch das überlegte Handeln des Arztes kann zugleich gute und 
schlimme Nebenfolgen haben (7f). 

Der vornehmste Heilfaktor ist die Natur ^) selbst: vovawv rpvaug 
iTjTQoi =: ,,Die Naturen sind der Krankheiten Aerzte" (epid. VI 5, 1). 
Dann heisst es weiter: „Die Natur findet von selbst die Bahnen, nicht 
infolge von Ueberlegung . . . Die Natur ist ohne Unterricht ge- 
blieben und hat nichts gelenit und thut trotzdem ihre Schuldigkeit." 
de alim. 39 bekräftigt ebenfalls: „Die Naturen sind in allem ohne 
Lehrmeister." Die menschliche cpiaig ist die im Körper enthaltene 
natürliche Widerstandskraft gegen krankhafte Einflüsse. Bei den 
heftigsten Krankheiten, den akuten, ist der Widerstand der Natur 
am deutlichsten ausgeprägt. Die eingepflanzte Körperwärme sucht 
die flüssigen Krankheitsstoffe zu bewältigen, indem sie sie um- 
wandelt und austreibt. Aus dem Zustande des Eoh- oder ünge- 
kochtseins (dTteipia) leitet die rpiaig durch die ihr zu Gebote stehende 
Wärme die Säfte über in den Zustand der Kochung oder des Reif- 
seins {Ttexpig) und zwingt sie zum Entscheidrngskampfe in der Krisis 
(ycQioig) oder der milderen Lösung (Ivoig). Das klarste Beispiel sind 
die Stufen des Nasen- oder Rachenkatarrhs. Bei örtlichen akuten 
Krankheiten muss man die örtlichen, bei Fiebern die allgemeinen Krisen 
aufmerksam verfolgen. Die Krisis zeigt sich durch vermehrte Aus- 
scheidungen, Ablagerungen (änöoiaütg) und Metastasen (Uebergang 
einer Fieberform in die andere) und vielfach Delirien an. Zu diesen 
Veränderungen, die über Leben und Tod entscheiden, eignen sich die 
nach der pythagoreischen Zahlentheorie berechneten kritischen Tage vor 
allen übrigen. Die echte Krisenlehre findet sich epid. I 26; danach 
entscheiden sich Fieber mit an einem geraden Tage auftretender 
Exacerbation am 4., 6., 8., 10., 14., 20., 24.. 30., 40.. 60., 80. und 120. 
Tage, andernfalls am 3., 5., 7., 9., 11.. 17., 21., 27. und 31. Tage. Bei 
Nichteinhaltung dieser Tage deutet die Krisis auf Rückfall oder Tod. 
Nach progn. 37 führt am 4. Tage ein gutartiges Fieber zur Krisis, 
ein bösartiges zum Tode. Dann folgt Periode 2 vom 4. — 7., 3 vom 
7.-11., 4 vom 11.— 14., 5 vom 14.— 17., 6 vom 17.— 20. Tage. Das 
sind also Viertagsperioden mit Abschluss am 20. Tage. Doch warnt 
der Hippokratiker, sich dabei auf ganze Tage versteifen zu w-ollen, da 
ja nicht einmal das Jahr nach solchen zu berechnen sei. Etwas ab- 
weichend und bis zu 7 Jahren erweitert ist das System von de sept. 
partu 9; eine Spielerei mit Zahlen liegt de carne 19 vor. ^) Daher 



1) Hahn, Die Naturheilkraft des H., Berl. 1870. 

2) Borden, Oeuvres completes de B. Par . . . Kicherand, A Paris 1818, 1209 ff. 
(Recherches sur les crises); Grüner, Semiotice, Halis 1775, deutsch: Jena 1793; 
Traube, Deutsche Klinik 1852 Nr. 15. 



246 Eobert Fuchs. 

besteht des ohnmächtigen Menschen Werk nicht in der Meisterung, 
sondern in der Unterstützung der Natur, der zum Trotz man die Be- 
handlung unheilbarer Leiden nicht übernehmen soll, schon nicht, um 
nicht falsche Hoffnungen zu erwecken und die Heilkunde herabzusetzen 
(de arte; de artic. rep. 58; progn. 1; de morb. mul. I 71). Wo aber 
Heilung möglich ist, soll man den Kranken kräftig machen, ungünstige 
Vorgänge verhüten oder mildern und zu jedem unterstützenden Ein- 
griffe den rechten Zeitpunkt (xaigög) heraussuchen. Denn dieser ist 
rasch enteilt (aph. I 1), und nur auf ihn ist das stolze Wort anwendbar: 
„Was Arzneien nicht heilen, heilt das Eisen, was das Eisen nicht heilt, 
heilt das Feuer, was das Feuer nicht heilt, das muss man als unheilbar 
betrachten." Greift man aber ein, so kommt es vor allem darauf an, 
den Patienten seine Gewohnheiten möglichst genau einhalten zu lassen. 
Die Therapie,^) deren Leitsatz oben bereits erwähnt wurde, 
ist auch bei den Hippokratikern eine ungemein reiche. Jeder plötzliche 
Umschwung ist gefahrvoll (aph. II 50; de diaeta in ac). ,,Die starke 
und plötzliche Entleerung oder Anfüllung, Erwärmung oder Erkältung 
ist gefährlich ; denn jedes Viel ist der Natur feindlich. Das Allmähliche 
hingegen ist gefahrlos, sowohl sonst, als auch dann besonders, wenn man 
sich von dem einen zum andern wendet"' (aph. II 51); „Wenn man alles 
nach Gebühr thut und die Ereignisse nicht nach Gebühr eintreten, soll 
man nicht zu etwas anderem übergehen, sondern bei dem von Anfang an 
Beliebten verbleiben" (52). Man muss also planvoll, konsequent und 
dabei mild vorgehen, das, was entleert werden soll, entleeren und alle 
äusseren und persönlichen Umstände berücksichtigen (1 2). Bei äussersten 
Leiden soll man äusserste Mittel mit Umsicht anwenden (6) und auf 
dem Höhepunkte der Krankheit leichte Diät anordnen (4 ff.). Das be- 
kannte alte Verfahren ist dem unbekannten neuen vorzuziehen (de 
fract. 1). Die Allopathen und Homöopathen haben sich vielfach auf 
Hippokrates bezogen, um ihren Standpunkt zu rechtfertigen (s. bei mir 
aph., z. B. I 78 A. 22). Jedenfalls ist der Satz „contraria contrariis" 
im Hippokratescorpus für manche Bedingungen klar ausgesprochen, 
jedoch ist er erst viel später im Streite der Meinungen über Gebühr 
ausgebeutet worden. In der authentischen Fassung ist er unanfecht- 
bar, z. B. aph. II 22: „Alle durch Ueberfüllung kommenden Krank- 
heiten heilt die Entleerung" -) und umgekehrt oder de flat. 1 in der 
Gegenüberstellung: Hunger — Essen, Durst — Trinken, Ermüdung — 
Ruhe oder aph. V 19: „Was erkältet ist, muss man erwärmen." Auch 
der Hippokratiker von epid. VI 2, 1 ist dieser verständigen Ansicht: 
„Nebenableiten; nachdem man nachgegeben hat, sich sogleich entgegen- 
stemmen; nachdem man sich widersetzt hat, nachgeben." Doch soll 
man auch gelegentlich das Gleiche thun, z. B. einen Saft, der 
schon von selbst geht, im Weggehen unterstützen ; den einen Schmerz 
durch den anderen aufheben (man denke an Ischias und Brennen, 
epid. V 7), Oeffnen des unteren Ausweges, wenn das in Bewegung Ge- 
ratene nach oben drängt, und umgekehrt. Der verallgemeinerte Satz, 
dass das Entgegengesetzte des Entgegengesetzten Arznei sei und die 
Medizin bloss ein Zusetzen und Wegnehmen^) sei, entspricht so recht 



^) Senfelder, Die hippokratische Psychro- und Thermotherapie. Wien. klin. 
Eundschau XI 1897. 

^) van Cooth, Diatribe in diaeteticam veterum etc., Trajecti ad Ehenum 1835. 

^) Vgl. Grüner, Commentarius ad locum Hippocratis: Medicina est additio et 
detractio, lenae 1800. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 247 

dem Sophisten von de flat. Vielmehr muss der Arzt die individuellen 
Zustände berücksichtigen und die Diät nach den Stadien der Krank- 
heit gestalten, sodass die Widerstandskraft stets der Schwere des 
Leidens gewachsen ist. Während der az«i) (Höhepunkt) des Leidens 
ist im allgemeinen, wie gesagt, Nahrungsverminderung ^) angezeigt, 
doch ist jedes Zuviel und jedes Zuwenig bei dem einzelnen gleich ge- 
fährlich, wie de diaeta in ac. eingehend nachweist. Bei Fiebern z. B. 
ist flüssige Nahrung anzuraten, ebenso bei Wunden. Die Stärke der 
Getreidenahrung, meist Gerste, wird verringert durch Abkochen, Seihen, 
Rösten und Wasserverdünnung zu Gerstenschleim und blossem Gersten- 
und Mehlwasser. Ferner kommt in Anwendung Wein in verschiedenen 
Marken und Verschnittarten, Essighonig, Honigaufguss (^lelUgarov) 
sowie die cJui) Ivaig = „rohe Lösung", d. i. Gerstenwelgen von frischer 
Gerste oder irgendwelchem Getreidemehle, Hirsen- und Weizentrank 
und der y.v/.H6v = Mischtrank, d. i. Gerstengraupen mit Wasser und 
nach Befinden Käse, Wein, ]\Iilch, Salz, Zwiebeln, Kräutern. Die 
Knidier hingegen verordneten schematisch die Milch- und Molkenkur, 
häufig in unbegreiflichen Mengen. Dazu kommen die anderen diäte- 
tischen und gymnastischen Mittel, wie Leibesübungen, Spaziergänge, 
Meeresfahrten, Holzsägen, Stimmübungen, Erzeugung von Fettleibig- 
keit durch starke Märsche und Uebungen mit allmählicher Nahrungs- 
entziehung und dann planmässiger Steigerung. Selbst der Rausch ist 
mitunter heilsam. Eine sorgfältige Würdigung der Wirkungen der 
einzelnen Lebensmittel wird in den vortrefflichen Vorschriften de diaeta 
II geboten. Es Averden da abgehandelt: die Getreide- und Gemüse- 
arten, als Bohnen, Erbsen, Kicherplatterbsen, Hirse, Linsen, Erven, 
Leinsamen, Salbeisamen, Lupinen, Rauke, Gurke, Sesam, Echter Saflor, 
Mohn (9); Knoblauch, Zwiebel, Porree, Rettig, Orientalische Kresse 
(•/.doda^iov), Senf, Senfkohl, Koriander, Lattich, Anis, Petersilie, Basilien- 
kraut, Gartenraute u. s. w. (18), die Obstsorten (19) ; die Fleischspeisen, 
als unsere Fleischsorten, Esel-, Hunde-, Fuchs- und Igelfleisch, Geflügel 
und besonders Fische, z. B. Drachenkopf, Drachenfisch, Rauher Stern- 
seher, Knurrhahn, Schattenfisch, Barsch, Klippfisch, Meergrundel. Kaul- 
kopf, Rochen, Steinbutte, Aesche, Pfriemfisch, Aal und andere Meeres- 
gerichte: Polypen, Tintenfische, Muscheln und Schnecken, Seeigel, 
Krabben, Krebse; endlich die übrigen gewöhnlichen Speisen, Eier, 
Käse. Ebenso werden die in der Inhaltsangabe oben aufgezählten 
hygienischen Massnahmen, so Baden, Salben, Massage, Schlaf, Schaukeln 
u. s. w., durchgesprochen. 

Der Aderlass-) wurde nicht eben häufig vorgenommen, in den 
zahlreichen Fällen von epid. III nur einmal bei Pneumonie. Der aph. 
I 23 kann mit der Bemerkung, dass man „es", falls der Patient Wider- 
stand leisten kann, bis zum Eintritte der Ohnmacht treiben soll, auf 
den Aderlass gehen, der auch V 31 erwähnt wird, wenngleich dort 
vor dem Aderöffnen bei Schwangeren wegen des dann drohenden 
Abortus gewarnt wird. Der unechte Anhang von de diaeta in ac. 4 



') Marcus e, Die Diät d. Hippokratiker in ac. Krankh. Wien, mediz. Blatt. 
1899 Nr. 11; Diätetik im Alterthum, Stuttg. 1899. 

2) Bauer, Geschichte der Aderlässe, München 1870; Chambers, Bloodletting 
in old time. British and foreign medical Review XXII; Edinburgh medical Journal 
1895 January; Landsberg, Janus N. F. I 1851 S. 161 if.; II 1853 S. 89ff.; Mal- 
gaigne, Revue med.-chirurg. de Paris IX 1851 S. 153; 182; Mezler, Versuch 
einer Gesch. des A., Ulm 1793; Preuss, Wien. klin. Wchschr. 1895 S. 608 if. u. a. 



248 Robert Fuchs. 

rät wiederum Aderlass an bei Entzündungen der Oberbaucligegend unter 
Absperrung des Pneuma, Spannung des Zwerchfells u. s. w., und zwar 
als hauptsächlichstes Mittel. Die Knidier wandten Aderlass vielfach an, 
bei Venen und Arterien, an Arm, Fuss, Kniekehle, Zunge u. dgl. und 
trieben sie jedesmal so weit, wie möglich, je nach dem Kräftestande (ngog 
övfa/.iiv ; de morb. mul. I 77 u. ö.). Nahrungsaufnahme und Erwärmung 
durch Bewegung vor dem Aderöffnen ward vermutlich nur chronisch 
Erkrankten zugemutet. Vor dem Schneiden muss man die Venen mit 
Binden festhalten, damit die Haut- und Venenwunde korrespondiere 
(de med. 8). Nach dem Abzapfen und Abnehmen des Verbandes muss 
man, wenn das Blut nicht steht, den Körperteil, Arm oder Bein, so 
lagern, dass das Blut zurückströmt, und so einen Verband anlegen, 
ohne dass der Schnitt durch ein Gerinnsel verstopft wird (de vuln. et 
ulc. 26). Das Messer sei krumm und nicht zu schmal (de med. 7). 
Jahreszeit, Konstitution, Alter und Farbe des Blutes entscheiden mit 
über die abzuzapfende Menge. Prophylaktische Aderlässe erfolgen im 
Frühjahre. 

Der Schröpfkopf \) (oixva), den die CTriechen sicher nicht erst 
fremden Völkern zu entlehnen bi'auchten, ist uns durch zahlreiche auf- 
gefundene Exemplare bekannt geworden (Museum zu Bukarest, Athen, 
London). Er bestand aus Hörn, Glas, Bronze oder einem Flaschen- 
kürbisende (Orib. ed. Buss. et Dar. II 60 ff.). Solche mit schmaler 
Peripherie und weitem Bauche ziehen aus der Tiefe herbei, solche mit 
breiter Ansatzstelle wirken mehr auf die Oberfläche (de med. 7). Das 
Schröpfen wird vielfach mit dem Scarifizieren verbunden (7); auch 
werdisn nach Bedarf mehrere Schröpfköpfe gesetzt (epid. V 8), z. B. 
unter und auf den Brüsten. 

Abgesehen von dem Abführen, über das unter „Pharmakologie" 
gehandelt werden wird, sind dieses im wesentlichen die allgemeinen 
Heilfaktoren der hippokratischen Medizin. 

20. Aeussere Heilmittel, Pharmakologie. 

1. ßurggraeve, Etudes sur H. au point de vue dosimetrique, 2. Aufl., 
Paris 1893. — 2. I>ierbach, Die Arzneimittellehre des H., Heidelberg 1824. — 
5. Lucas, Materia medica Hippocratica, Specimen inavgurale, Halae 1815. — 
4. Maudnitz, Materia medica Hijypocratis, Dresdae 1843. — 5. Seidenschnur, 
De Hippocratis methodo alvum purgandi, diss., Lips. 1843. 

Die allem Anscheine nach koische Schrift de liq. usu zählt die 
äusseren Mittel und ihre Anwendung in Form kurzer Notizen auf. 
Es werden da in hervorragender Weise herangezogen: Trinkwasser 
für Genuss, Befeuchten, Erwärmen und Abkühlen, als Schwamm- 
auflage auf die Augen, für Güsse und Bähungen, als schweisstreibendes 
Mittel, zum Spülen, Ausspritzen der Nase und Lindern des Schmerzes; 
Meerwasser gegen Pruritus, zu Bädern,^) bei reinen Wunden, zum 
Zusammenziehen von Geschwülsten, gegen Geschwüre (ebenso Salz, 
Salzlake, Soda); Essig zu Güssen und Bähungen, bei Wunden und 
Verstopfung der Adern durch Gerinnsel, Schwarzfärbung der Genitalien, 



^) KcovßT. AafiTi^öf, tieqI atyivcHv yeal aixvaascos Tiapa rols a^x^tois, A^^vrjat 1895; 
Fuchs' Besprechg. in Rev. crit., Wchschr. f. klass. Philol., Deutsche Medizinal-Ztg. 
1895; Landsberg, Janus N. F. 11 1853 8. 94 ff.; Orib. II 781 mit Anm.; Welcker, 
Kleine Schriften III, Bonn 1850 S. 215 ff. 

2) Hiller, Die Hydrother. des H., Diss., Freiburg i. B. 1892. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 249 

Hitze an Ohren und Zähnen, Liehen, Lepra, Vitiligo. Warzen, Ohren- 
schmalzhäufung; Salzessiglösung, Essighefe desgl.; Wein in unzähligen 
Sorten bei Verwundungen, als Deckmittel bei Arzneien, bei Güssen, 
Zusammenziehung, zum Anfeuchten der wollenen Binden, zum Sättigen 
von Runkelrüben- und Epheublättern, zur Mischung mit Brombeeren, 
Sumach, Salbei und Mehl ; Oel und Fette, auch Mönchsrobbenthi-an zu 
denselben Zwecken wie heute. Allgemein und örtlich wurden Dampf-, 
Sand-, Sonnenbäder, Umschläge, z B. Hirse und Salz in Wollsäckchen, 
Blasen und Schläuche mit Wasserfüllung, Auflegen von Töpfererde 
u. dgl. verschrieben. 

In den koischen Schriften ist die Zahl der Medikamente eine 
spärliche; die meisten, wohl gegen 300, werden in den knidischen 
Büchern de morb. mul. und de nat. mul. verordnet. Unter den Erd- 
arten sind am wichtigsten : Töpfererde, Samische, Eretrische. Kimolische 
und Weisse Erde und Röthel; unter den Salzen die Soole, die „trocknet" 
und ,,warm macht", die Soda (Utqov oder virgov) und der Alaun, der 
von der Insel Melos ^= Milo oder aus Aegypten kommt, besonders 
bei bösartigen Geschwüren, u. a. des Uterus, nützlich ist, die Konzeption 
begünstigt und Zahnfleischschwellungen vertreibt. Unter den übrigen 
mineralischen Stoffen erfreuten sich besonderen Rufes: der Schwefel, 
vor allem zu Uterusräucherungen und -Bestreichungen verwendbar 
und gern mit Gänsefett gebunden; irgend eine mit iiolv^daiva be- 
zeichnete Bleiverbindung, z. B. bei Herpes und Flechten; Bleiglätte 
und Bleiweiss desgl.; Asphalt zu Räucherungen der weiblichen Ge- 
schlechtsteile ; Magneteisenstein verhindert beim Weibe das Ausströmen 
des männlichen Samens; Blei, Kupfer und Zinn zur Herstellung von 
Instrumenten, z. B, Sonden, Blei zum Einlegen in die Nase nach 
Polypenoperationen, zur Erweiterung verengter Genitalien in Röhren- 
form, als Pessar; Mennige als Suppressionsmittel, geröstetes Kupfer, 
Kupferblüte und Kupferschuppen u. dgl. bei Augenleiden, als Adstrin- 
gentien und Aetzmittel; die noch nicht gedeutete Chalkitis, Chalkitis- 
alaun (= Kupfervitriol ?) und das unbekannte Misy bei Anschwellungen, 
Entzündungen, Geschwüren als Adstringentia; Ofenbruch {anoöög), 
Gold- und Silberglätte, ChrysokoUa zu mannigfaltigen Zwecken. Leicht 
abführend wirken vegetabilische Arzneien der verschiedensten Art, 
z. B. die Runkelrübe, Kohl, Melone, Sauerampfer, teils für sich, teils 
gemischt, z. B. mit Essighonig, teils ganz, teils als Absud oder Auszug. 
Frische Milch und Molken, besonders von der Eselin, in grosser Menge 
genommen, wirken ähnlich. Rettigsaft\(fft(>ji/a/ft) führt schon zu den 
kräftigeren Purgativen hinüber. Am wertvollsten ist entschieden, auch 
als Brechmittel, der WJßogog i,u('lag) = die Schwarze oder Orientalische 
Nieswurz, deren Gefährlichkeit wegen Unbekanntseins der Maximal- 
gabe bereits die Vorgänger des Ktesias bestimmt hatte, die Kranken 
zunächst zum Testamentmachen anzuhalten. Dass der unvorsichtige 
Gebrauch auch bei den Hippokratikern viele Todesfälle zur Folge 
hatte, beweist L i 1 1 r e durch zahlreiche Beispiele (V 199 ff.). Er wurde 
aber auch von vorsichtigen Hippokratikern in der auguaia und mit 
Essighonig verdünnt gegeben. Mit der Nieswurz ward gern „das 
Sesamartige", eine unbekannte Samenart, zur Steigerung der Brech- 
wirkung gemischt. Wolfsmilcharten, besonders Meerstrandswolfsmilch 
{neTtUg = ninhov) und Gartenwolfsmilch (/rsTrAog), liefern einen Saft, 
der von Kot und Winden befreit. Abführend wirkt auch Eselsgurken- 
saft, dessen Bezeichnung, tlarrjQiov, auch gemeinhin jedes Purgativum 



250 Robert Fuchs. 

bezeichnet zu haben scheint. Die ..Knidischen Kerne" {xoxxol Kviöwi) 
= Seidelbastbeeren wurden auf Kos so gut gebraucht wie in Knidos. 
Die geschälten Kerne werden in grosser Zahl, 30 oder mehr, in Honig, 
Wein und Pfeifer gereicht. Koloquinthe, Smyrnäischer Dosten {vamoTiog) 
und Saubrot dienen als kräftige Vomitiva. Thapsiawurzel, mit Oel 
und Honig gekocht, treibt Galle aus, der Saft bewirkt Erbrechen. 
Als antispastisch wirkend, d. i. den Schleim von dem Gehirne weg- 
ziehend, sind erwähnt Nies-, Kau-, Leckmittel (Latwergen) und Gurgel- 
wässer (yagyaQiauaza). Urintreibend sind zunächst die Getränke mit 
Essig, Honig, See- und Salzlake, nach Bedarf mit Bingelkraut-, Man- 
gold-, Klee-, Seifenkraut-, Knoblauch-, Zwiebel-, Sellerie-, Petersilien-, 
Meerzwiebelsaft und „Kantharidenauszug" (sicher nicht „Spanische 
Fliege", vielleicht Chrysomela oleracea oder cerealis). Schweisstreibende 
arzneiliche Mittel begegnen nicht. Menstruationsbefördernd sollen eine 
grosse Anzahl Mittel sein, von den unschuldigen bis zu den lebens- 
gefährlichen hinauf. Sowohl für diesen Zweck, als überhaupt für 
gynäkologische Zwecke sind brauchbar: Osterluzei (doimoloxia = am 
besten für die Lochien), Mutterzäpfchen aus Thapsia- und Saubrot- 
wurzel, Beifuss, Eberraute, Wermuth, Aethiopischer Kreuzkümmel, 
Zürgelbaum- und Cypressenschabsel, Gichtrose, Mutterkorn, Beruf- 
kraut, Mutterharz, Sagapenum u. a. Erweichend, namentlich in der 
Gynäkologie, ist die Wirkung von Butter, Oelen, Salben aller möglichen 
duftenden Pflanzen (Schwertlilie, Mandel, Lilie, Safran), Fett von 
Hammeln, Schweinen, Rindern, Ziegen, Hirschen, Gänsen und Robben 
u. a. m. Von narkotischen Mitteln begegnen //tjxwv/ov V7tvwrr/.6v = 
f.ir]'/.iovoQ onög, d. i. Mohnsaft, einmal, Nachtschatten, Bilsenkraut, 
Alraun (bei Krämpfen eingenommen, sonst als Pessar), Schierling. 
Lucas erwähnt zum Schlüsse noch das Aphrodisiacum Bibergeil und 
Silphion (eine Art Narthex), das die Stelle unserer Asa foetida völlig 
vertrat; es wurde in jedweder Form angewandt. Aromatische Mittel 
sind: Koriander, (Meer-)Fenchel, Anis, Dill, Liebstöckel (? aioeli), 
Myrrhenkraut, Morisons Nussdolde, Rosmarin, Haarstrang, Kretische 
Augenwurzel, Minze, Polei, Dosten, Basilienkraut, Saturei, Bohnenkraut, 
Bittermandelöl, Zimmet, Cassienrinde, (Card)amomum, Baldrian, Kalmus, 
Weihrauch, Myrrhe. Stärkende Nahrung geben ab Färberröte und 
Aegyptische Saubohne = Indische Seerose. 

Es blieben nunmehr bloss noch die sog. Wundermittel zu er- 
wähnen, abergläubische Phantasiemittel, und die Dreckapotheke. Zu 
der ersten Gruppe gehört das Trinken von in Wein ersäuften See- 
polypen, das Einnehmen von Raupen, Larven, Otterhaut, Buprestis, 
Hasenhaaren. Bei der letzteren Gruppe ist unrühmlicherweise vertreten: 
Fuchs-, Gänse- oder Habichtskot als Emmenagogum; Frauenmilch, 
besonders von der Mutter eines Knaben, um zu erkennen, ob eine 
Frau konzipieren wird (de steril. 2). 



SpezieUe Pathologie und Therapie. 

21. Fieber, Darmleiden, Respirations- und Gefässl<ranl<heiten, Krank- 
heiten der Harn- und Geschiechtswerkzeuge und des Nervensystems. 

„Hitzige" {öB,vq) und „langwierige" (xguviog), d. h. nach unserem 
Sprachgebrauche akute und chronische Krankheiten, werden im Corpus 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 251 

vielerorten erwähnt, ebenso findet sich der Gegensatz epidemischer 
bezw. endemischer und sporadisch ( (T/rooad/jv) auftretender Krankheiten. 
Am klarsten tritt diese in de morb. II. III, de äff., de äff. int. minder 
deutliche Einteilung') hervor de diaeta in ac. 5: ,,Akute Krankheiten 
sind die, welche die Alten Brustfellentzündung (7rÄ.€VQlTig), Lungen- 
entzündung {neQLTtvtvuovLa), Phrenitis und Brennfieber {xavoog) genannt 
haben, nicht minder alle anderen diesen Krankheiten zunächststehenden, 
bei welchen die Fieber im allgemeinen anhaltende sind. Wenn näm- 
lich nicht irgend eine pestähnliche (d. i. seuchenartige) Krankheitsart 
im Volke auftritt, die Krankheitsfälle vielmehr vereinzelt vorkommen, 
so sterben an diesen Krankheiten auch viel mehr Leute als an allen 
anderen Krankheiten zusammengenommen."' Ein wirkliches System 
der deskriptiven Pathologie findet sich leider in keiner Schrift, sondern 
höchstens Ansätze bald dieser, bald jener Art, nach äusserlichen Merk- 
malen aufgebaut, z. B. den Körperteilen vom Kopfe zum Fusse her- 
unter folgend. 

Die zahlreichen Fieber-) zunächst beruhen auf Veränderung des 
Gleichgewichts der 4 Qualitäten, und diese wird hervorgerufen durch 
Trinkwasser oder miasmatische Ausdünstungen. Das Wesen des Fiebers 
beruht in der gewaltigen Steigerung der dem Körper angeborenen 
Wärme (Phys. et med. Graeci min. ed. Ideler I 82; Rose. Anecd. II 
226, 208). Man halte sich bei Betrachtung dieser endemischen Malaria- 
fieber stets vor Augen, dass es sich nicht um Tj'pen unseres ge- 
mässigten, sondern um eigene Typen des subtropischen Klimas handelt, 
deren Eigenart bei dem Darniederliegen der historischen und allge- 
meinen Medizin im heutigen Griechenland überhaupt noch nicht ge- 
nügend durchschaut ist! Es finden sich folgende Typen: diufr^ueQivog 
nvQETÖg = Eintagsfieber = Quotidiana, rgnalog n. = Tertiana, retag- 
ralog n. = Quartana und Tquirgnaiog n. = Halbdreitagsfieber. D n d. n. 
führt Piaton (Tim. 86 A) auf die Luft zurück, was auf dem Corpus 
oder Philistion beruhen könnte. Der xo. und r. n. ist durch Schleim 
und Galle verschuldet (de afi". 18), nach Piaton (a. a. 0.) durch Aus- 
dünstungen des Wassers. Der x. tt. tritt namentlich im Herbste bei 
Leuten von mehr als 30 Jahren auf (aph. II 25: de hebd. 28; Littre 
II 182; VIII 652) und überdauert nicht ein Jahr (epid. VI 6, 11; 
Stelle unsicher). Im Urine zeigen sich zuvor schwarze Wolken (Coac. 
571). Nach Piaton (a. a. 0.) soll die Erde an dem Leiden schuld sein. 
Der Hemitritaeus ist die Duplikation einer Tertiana und einer Quotidiana. 
Haben die Fieber keinen bestimmten Tj^pus, so sind sie entweder 
avvoxoL oder awexelg, d. i. anhaltend, oder nlävrizeg, d. i. erratisch. 
Gvvoyfii werden bloss de nat. hom. 16 erwähnt, doch darf man hieraus 
keineswegs mit Fredrich^^) schliessen, dass schon in jener Zeit die 
avvextlg, wie bei den Pneumatikern, als etwas anderes gedacht wurden 
als die ovvoxoi; die kleinen Abweichungen beruhen auf dem ver- 
schiedenen allgemeinen Standpunkte der Verfasser, nicht auf der 
Pyretologie selbst. Der rinlalog 7t. ist nach dem Alpdämon genannt 
und bezeichnet den Fieberfrost (giyoiivgerog Phrynich. Bekk. p. 42. 1; 
Etymol. magn. 434, 5; Eustath. zu II. 561, 6 ff.; zu Od. 1687, 53), die 



^) S. z. B. auch de morb. I 3. 

*) Conradi, Ueber die von H. geschilderten Fieber u. s. w., Göttingen 1844 
Littre II 530ff. 

^) Hippokratische Untersuchungen 25 A. 1. 



252 Robert Fuchs. 

febi'is algida, ein durch Schleim verändertes Brennfieber (de liebd. 25). 
Späte, aber auch schon für die Hippokratiker zutreffende Definitionen 
giebt Archig-enes ^) und Pseudosoränos. -) Der -mdoog = Brennfieber ^) 
ist 1. jedes Fieber mit grosser Hitze (vgl. das ardent fever der Tropen), 
2. febris remitteus oder pseudocontinua der subtropischen Länder, mit 
dem Hauptmerkmale „innerliche Hitze bei äusserlicher Kälte" (de morb. 

I 29 ff.; Fuchs I 101 A. 54; 437 A. 9; II 99 A. 5); Ursache ist die 
Galle, eine gewöhnliche Begleiterscheinung Lungenentzündung. Der 
XijO^agyog (sc. Ttugerög) ist nicht Lethargie schlechthin, sondern jedes, 
vermutlich pseudokontinuierliche, Fieber mit Somnolenz (aph. III 30 
= bei mir I 90 A. 30; Coac. 136 = II 19 f. A. 136; II 454 A. 88; 
Littre V 584 ff.). Die leinvQia = doujdrjg it. (Fieber mit Ekel und 
Brechreiz) ist im Corpus nicht eindeutig erklärt; es ist aber soviel zu 
entnehmen, dass es nach dem Fastigium sofort stark abfiel (Littre 
X 668; Fuchs II 17 A. 117; 417 A. 15; Eose, Anecd. gr. et graecol. 

II 260 § 115). Phrenitis, wörtlich Zwerchfellkrankheit, ist die un- 
unterbrochene Störung des Denkvermögens bei heftigem kontinuierenden 
oder remittierenden Fieber (Gal. XVI 492 ff.). Mit Influenza identisch 
oder ihr nahekommend ist die epidemische Phthisis auf Thasos: epid. 

III 3, 13. Als Diphtheritis und ähnliche mit Komplikationen auf- 
tretende akute Leiden glaubte Littre die Perinthische Hustenepidemie 
(Fuchs II 280 A. 106) ansprechen zu sollen ; jedoch deuten mancherlei 
Umstände auch auf die Grippe hin (epid. VI 7, 1; 7, 10; IV 52 f.). 
Grosse Aehnlichkeit mit Unterleibstyphus und biliösem Typhoid haben 
die Fälle aph. VI 42; epid. III 3, 13. Patient; de morb. 11 41; de äff. 
int. 27 ff. Epidemische Parotitiden mit Metastase auf die Hoden finden 
sich erwähnt prorrh. I 153 ff. ; 158 ff.; epid. I 2. Als symptomatische 
Fiebereinteilung sind Bezeichnungen aufzufassen, wie it. tzvamöc, = 
starkes F., xhagög = lauwarmes, nsQrmrjg = brennendes, xvrjoimüdrjc: 
= juckendes, hyywörjs = Schluchzfieber, tvfpwörig nicht typhöses 
Fieber, sondern als Sammelname aufzufassen (die näheren Bestimmungen 
s. Fuchs II 528 A. 68). Die Behandlung wurde oben angedeutet. 
Anzufügen wäre nur noch, dass die Hippokratiker im Gegensatze zu 
Galenos den Genuss von Wasser den Fiebernden verboten. 

Von örtlichen Leiden werden häufig genannt: voi-iai = Noma, 
Wasserkrebs (epid. V 4; VII 113; prorrh. II 13; Fuchs I 509 A. 28); 
Skorbut u. ä. (de äff. int. 46 „blutiger Ileus"; mit Milzschwellung 
prorrh. II 36); „Aphthen" bei Kindern und Schwangeren (aph. III 24 
= Soor; gynäk. Schriften); Zäpfchen- und Mandelentzündung (de morb. 
II 29 f.); Dysenterie, Lienterie, Tenesmus, Diarrhöe (de nat. hom. 7; 
Coac. 453 ff.). Nach heftigen Diarrhöen wird gern der Urin verhalten ; 
eine Wendung zum Guten ist zu erwarten, wenn die auf den Bauch 
gebrachte Hand keine peristaltischen Bewegungen mehr wahrnimmt 
und Blähungen abgehen (prorrh. II 22 f.). Die Darmwandschabsel bei 
Dysenterie und Durchfälle verschwinden durch Brech- und Niesmittel, 
Diät (Milch, Schleimharze, Oel), Güsse über den Unterleib u. dgl. 
Ileus, durch verhärtete Kotmassen den Darm verschliessend, wird durch 
Einblasen von Luft in den Anus gehoben (de äff. 21 ; de morb. III 14). 



^) Wellmann, Die pneumatische Schule bis auf A., S. 167. 

*) Rose, Anecd. graeca et graecolat. II 261 § 121. 

') G 1 a s s , De febribus ad Hipp, accomm., Laus. 1788 ; K ä h 1 e r , De causo veterum 
commentatio, Regimontii Prussorum 1834 ; Lange, De causo vet., diss., Berol. 1836; 
Littre II 538: X p. LVL 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 253 

Als Symptome werden sehr oft i^enannt Geschwulst des Hypochondriiims, 
Milz- und Leberschwellungen mit Folgekrankheiten, wie Icterus, 
Hydrops, Marasmus, Nasenbluten. Das Brennen mit Buchsbaumspindeln, 
die in siedendes Oel getaucht werden, mit dem Glüheisen oder dem 
Lampendochte schafft Linderung (de morb. int. 28 vgl. m. 18; 25). 
„Empyeme" der Unterleibshöhle werden nicht durch Succussion, son- 
dern durch Auflegen feuchter, in charakteristischer Weise trocknender 
Töpfererde (de morb. I 17) erkannt. 

Die Atmungsorgane werden von Katarrh, Geschwüren. 
Schwellungen und Entzündungen, Polypen. Angina (jede Verengerung 
des Larynx), chronischer Larjmgitis, Lungen- und Brustfellentzündung, 
Blutspeieu, Blutung (auch Bluterbrechen) und Phthisis heimgesucht. 
5 Nasenpolypenoperationen werden de morb. II 33 ff. beschrieben. Mit 
Hilfe einer Zinnröhre werden 4 um ein Schwammstückchen befestigte 
Fäden in die Nase eingetührt, ein Geissfuss wird unter das „Zäpfchen" 
(= Polyp) gelegt und nun Faden, Schwamm und Polyp durch den 
Mund entfernt. Charpie mit Kupferblüte, die in Honig gebunden ist, 
oder Bestreichen der Stelle mit Honig vermittelst einer Bleisoude u. ä. 
bringen Rettung.^) Die Unterabteilungen der Anginen = Halsentzün- 
dungen (de morb. II 26 ff.) sind künstlich ersonnen und gelten bloss 
für die Anhänger der knidischen Lehre. Die Behandlung besteht, da 
Blutstockungen im Halse vorliegen sollen, in Aderlass, Abführen, Nies- 
mitteln und Diät. Die Lungenentzündung {[rregijrtvevinovia) wird mit 
der nkevolTig mehrfach zusammengeworfen, de loc. in hom. 14 besagt: 
„Wenn sich der Fluss nach der Brust wendet und es Galle ist, so ... . 
befällt die Weiche und das auf der Seite der Weiche gelegene Schlüssel- 
bein Schmerz, es stellt sich Fieber ein, die Zunge wird oben gelblich, 
und der Kranke hat einen zusammengeballten Auswurf. . . . Wenn 
beide Seiten schmerzen, ... so ist dieses Lungenentzündung, jenes 
Brustfellentzündung". Der Fluss zieht sich, um die Entstehung mit 
zu berühren, vom Kopfe nach den Bronchien und der Lunge, und diese 
schwillt infolge des Feuchtigkeitsgehalts an. Der Schleimfluss führt 
nun zur Vereiterung, „Empyem", und der Eiter wird entweder aus- 
geworfen oder lagert sich als Herd in der Lunge oder Brusthöhle ab. 
Nach der knidischen Lehre von de morb. int. 3 ff. sind Blut und salziger 
Schleim, die von der Lunge herbeigezogen werden, die Erreger von 
eiternden Tumoren {(pv^iara) in der Lunge. Die schaumigen Oedem- 
massen werden mit Spinnengeweben verglichen (de morb. int. 3 ff.). 
Hauptcriterium ist das Aussehen der Zunge (epid. VII 6; 14 f.; 17; 
23). Pleuritis -) ist auch eine Folge des Auffallens der geschwollenen 
Lunge auf die Seite (Coac. 395). Freilich ist Pleuritis nicht nur 
Brustfellentzündung, sondern Fieber mit Seitenstechen, gewöhnlich 
leichtere Fälle. Sie tritt auf nach Traumen und Lungeneiterung; 
die Prognose richtet sich nach dem Auswurfe, falls nicht Durchbruch 
nach aussen eintritt. Die Therapie bei Pneumonie und Pleuritis ist 
ähnlich, warme Bäder und Güsse, warme Umschläge, Einölen, Diät. 
Chirurgische Eingriffe sollen erst nach dem 7. Tage erfolgen: Ein- 



') Lurje, Stud. ü. Chirurgie der Hippokratiker, Dorpat 1890 S. 71. 

*) von Leyden, Berl. klin. Wchschr. 1889 Nr. 29 wird bezüglich der Aspiration 
der Pleuraexsudate widerlegt von Lurje a. a. 0. 78: Wolff, Die Gesch. der PI. mit 
bes. Berücks. d. Ther. u. d. Probepuuction. Allg. medic. Central-Ztg. 1900 S. 277 ff. 
Verna, Morborum acutorum pleuritis juxta Hippocratis mentem, Yenet. 1713. 



254 Robert Fuchs. 

schneiden nahe dem Zwerchfelle, Brennen^) am Rücken, allmähliches 
Abzapfen des Eiters, Leinwand drainage. Ebenso helfen Niesmittel, 
Eingiessen scharfer ßeizmittel in die Lunge (d. i. Luftröhre), Husten 
erregende Mittel, fette und salzige Speisen, herber Wein. Das Lungen- 
erysipel (de morb. int. 7 u. a.) ist unser Alpenstechen. Die Aus- 
trocknung der Lunge wird als Ursache angesehen. Die Phthisis be- 
greift alles, was auf Schwund zurückgeführt wurde, namentlich die 
Darre (/nagaoinög) und die Auszehrung (cp-O-örj, cp^ioig). Die Lungen- 
phthisis ist eitriger oder knotiger (cpiina) Natur, auch die Folge von 
Blutspeien, verursacht durch den Schleimkatarrh. Die Beschreibung 
ist treffend (de morb. II 48 f.; epid. III 5; aph. V llff; Coac. 426 ff.). 
Die Therapie gleicht der bei Lungenentzündung. Von der Uebertrag- 
barkeit der phthisis pulmonum sprechen zuerst Isokrätes (Aegin. 14) 
und Aristoteles (s. H ä s e r Ig 174). Das Herz, dessen Hämmern (ocpvy/nög) 
nur bei Krankheiten beachtet wurde, aber nicht als sonderlich gefähr- 
lich galt, ist angeblich vor allen Gebresten immun (Fuchs I 427 A. 17). 
Kardialgie bedeutet nicht etwa „Herzweh", sondern „Weh am Magen- 
munde". 

Das Steinleiden war so verbreitet, dass sich nach dem iusi. die 
Aerzte verpflichten mussten, das niedrige Geschäft den Lithotomen zu 
überlassen, wie heute noch in Griechenland epeirotische Bader das 
Geschäft besorgen. Eine andere Auslegung der Stelle ist durchaus 
unstatthaft, mag auch aph. VI 18 jede Verletzung der Blase für töt- 
lich erklären. Das Leiden entsteht durch den Genuss verschieden- 
artigen Wassers (de aere aq. loc. 12 f.). Kinder bekommen Lithiasis 
durch die Amme (de morb. IV 24). 4 Nierenleiden kennen die Knidier 
(de morb. int. 14 ff.). Danach bewirken Schleim und Galle, besonders 
im Sommer, Nierenentzündung, akute und chronische Nieren abscesse, 
die auch Folgen des Steinleidens sein können, mit Durchbruch des 
Eiters nach Blase, Bauchhöhle oder Darm (aph. VII 36). Ist eine 
Geschwulst erkennbar, so ist in der Richtung der Niere einzuschneiden 
und der Eiter abzulassen ; ausserdem reiche man urintreibende Mittel. 
Die akute Cystitis der Knaben und Greise gilt für schwer heilbar (aph. 

VI 6; Fuchs I 121 A. 6). ipioga (Krätze) oder /JrtQa der Blase be- 
deuten chronischen Blasenkatarrh. Bei jeder Verschwärung (ß?,xwoig) 
der Blase geht kleienartiger Bodensatz unter Schmerzen mit ab und 
riecht der Urin nach Ammoniak (de nat. hom. 15 ; aph. IV 75 ff.). Der 
den Indern bereits bekannt gewesene Diabetes mellitus ist den Hippo- 
kratikern noch fremd. An den männlichen Geschlechtsorganen be- 
obachteten die Koer und Knidier folgende Krankheiten : metastatische 
Hoden geschwulst bei Fieber (epid. II 2, 7), bei Husten, also wohl 
Hernien (II 1, 6 ff.), Hydrocele und Varicen der Hoden (de aere aq. 
loc. 12 ff.), Geschwüre und Feigwarzen (t9ü«/a), d. i. spitze Kondylome, 
am Präputium (de vuln. et ulc. 14 = Fuchs III 292 A. 43 ; ebda, das 
Rezept: Matiicaria parthenium L.) und möglicherweise Tripper (aph. 

VII 57). 

Von den Nervenleiden wurde die Phrenitis schon abgethan. 
Auch bei diesen Krankheiten ist der Schleimfluss aus dem Gehirne 
die Ursache, und sie wollen nicht weichen, weil die „trocknen" Nerven 
die Feuchtigkeit nicht ertragen mögen (de loc. in hom. 4). Daher 



^)Moldenhawer, De varia iTstionem adhibendi ratione apud Hippccratem, 
Berol. 1818. 



Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 255 

erklärt sich die Bösartigkeit der Apoplexie und Paraplegie, der Spasmen 
und Konvulsionen, ^) des Tetanus und Opisthotonus, der Eückenmarks- 
darre, des Hüftwehs, -j des Rheumatismus ^l und der bloss örtlich ver- 
schiedenen Gichtarten. Auch die Atrophie infolge von Lähmung ist 
bekannt. Der in de morbo s. verhöhnte Aberglaube bezüglich der 
,heiligen Krankheit', Lrdr^iLnpia oder hg^ vovoog. hat lediglich kultur- 
historisches Interesse. „Schuld ... ist das Gehirn" (6), die schleimige 
Konstitution der Frucht wie des lebenden Individuums. Der Schleim 
sperrt den Adern die Luft ab. und so entsteht Stimmverlust, Ohnmacht, 
Krampf der Hände, Augenverdrehung u. s. w. Bei Kindern ist Heilung 
selten möglich, bei Erwachsenen unter Umständen durch die Behand- 
lung zu erhoifen. Sie besteht in trocken machender Diät. 

22. Wunden, Geschwulste, Hernien, Hämorrhoiden, Fisteln, Parasiten, 
kachektische Zustände, Hautleiden. 

„Wenn bei einem Blase, Gehirn, Herz, Zwerchfell, Dünndann, 
Magen oder Leber verwundet ist, so ist es tötlich'', lehrt aph. VI 18 
(vgl. 24), und Gehirn, Rückenmark, Magen und eine zu Blutfluss 
neigende Ader fügt de morb. I 3 hinzu ; bei Verletzung dicker Sehnen 
und der Muskelköpfe erfolgt unheilbare Lähmung. Penetrierende 
Brustwunden sind wegen des Einströmens von Luft fast stets tötlich. 
Vorschriften für die Behandlung sind nach de vuln. et nie. : Venneidung 
der Anfeuchtung, ausgenommen mit Wein, und des Verbandes, be- 
schränkte Nahrungsaufnahme, Herbeiführung raschen Eiterns, Aus- 
trocknung, Blutenlassen der Wunde, wenn nötig, nach vorheriger Er- 
weiterung und Einschneidung der Ränder, Aufschläge auf die LTm- 
gebung und, nach Verharschung, auf die Wunde selbst. Abführen. Kap. 
11 ff. bringen das Rezeptformular für alle Wundarten und verordnen 
u. a. Wollkraut. Asphaltklee, Feigen- und Olivenblätter, Andorn, 
Keuschlamm, Malve, Raute, Leinsamen, Färberwaid, Linsen, Olivenöl, 
Fette, Harze, Mehlbrei, Honig, Rindsgalle, Weihrauch und Myrrhe, 
Essig, Alaun, Kupferblüte, Kupfervitriol, Ofenbruch, Bleiglätte, Grün- 
span, Soda, Realgar, Auripigment und das sog. „schwarze Wuudmittel" 
(a. a. 0. 12). „Hernien^) {Qrj^ig, später x?;ÄrJ ... in der Schamgegend 
sind meistenteils für den Augenblick ungeiährlich. Brüche ein wenig 
oberhalb des Nabels und auif der rechten Seite sind schmerzhaft und 
verursachen Unruhe und Koterbrechen ... Sie entstehen . . . durch 
einen Schlag oder eine Zerdehnung oder durch den Sprung eines anderen 
auf den Leib" (epid. II 1, 9). Hämorrhoiden (de haemorrh.) ent- 
stehen durch Festsetzung von Galle oder Schleim in den Blutadern 
am After, Erhitzung und Anschoppung des herbeigezogenen Blutes und 
Geschwulstbildung. Die Operation besteht im Ausbrennen mit 7 — 8 
Stück 22 cm langen Sonden, deren Ende umgebogen ist und eine 
Abplattung, viel kleiner als ein silbernes 20-Pf-Stück, trägt, und zwar 
muss man alle Knoten völlig wegbrennen. Der Patient soll gehalten 



^) Nebel, Commeutatio in Hippocratis doctrinam semioticam de spasrais et 
convulsionibus, Marburg-i 1791. 

*) Landsberg, Ueb. d. hippokratische Behandig. der Ischias. Janus N. F. I. 

*) Saalmann, Descriptio rheumatismi acuti etc., Monasterii 1789. 

*) Albert, Beiträge z. Gesch. d. Chir. 2. Heft, Wien 1878: „Die Hemiologie 
d. Alten"; Gyergyai berichtigt Sprengel bei Eohlfs, Deutsch. Archiv f. Gesch. d. 
Medic. u. med. Geogr. III 1880 S. 321 ff. 



256 Robert Fuchs. 

werden und schreien, damit die blassen, weinbeerkernähnlichen Knoten 
hervorspringen. Dann wird Linsen- oder Ervenbrei, später ein mit 
Honig bestrichener Schwamm eingeführt und durcli Bauchbinde fixiert, 
mindestens 20 Tage lang; Nahrung: Mehlbrei, Hirse, Kleienabsud, 
Wasser. Man kann auch die güldene Ader wegschneiden und Adstrin- 
gentien auflegen oder bei der Untersuchung dem Ahnungslosen die 
Knoten mit dem Finger abreissen. Weit oben sitzende „Feigwarzen" 
= Mastdarmpolypen sucht man mit dem Spiegel (xaroTtTijg) auf. Schutz 
gegen Verbrennen beim Einführen des Eisens gewährt ein Metallrohr. 
Als trockene Haut fällt der Knoten ab, wenn man ihn mit Zäpfchen 
aus Myrrhe, Galläpfeln, Alaun, Schusterschwärze u. s. w. beizt oder 
eine Durchnähung {dvaQfjdntnv) vornimmt. Fisteln am After ent- 
stehen durch Quetschung und Geschwulst, Rudern und Reiten, weil 
dadurch das Blut in die Weichteile getrieben wird, fault und eine 
Höhle bildet. Man hat die Geschwulst sofort zu öffnen, ehe der Fistel- 
gang zum After vorgerückt ist. Die Tiefe der Fistel wird mit einem 
Knoblauchstengel gemessen. Der durch Fasten und Liebstöckel- 
auszug (?) vorbereitete Patient wird in Bauchlage gebracht, dann 
zieht man, nach der Speculumuntersuchung, mit Hilfe des Knoblauch- 
Stengels und eines Fadens eine mit Thalwolfsmilchsaft und Kupfer- 
blüte gesättigte Linnenwieke von aussen nach dem After hin ein. 
Die eingepasste Wieke wird durch einen Hornzapfen festgehalten, 
nachdem der Anus mit Walkererde eingerieben ist. Arii 6. Tage ätzt 
man mit Alaun- und Myrrhen Zäpfchen. Aehnlich ist die Behandlung 
mit Flachsfäden, Schwamm, Bleistäben. Auch Spülungen mit Aetz- 
mitteln, die in eine Blase mit Federkielmündung gefüllt werden, sind 
rätlich. Der vorgefallene After wird mit einem Schneckenbreie be- 
strichen, während der Patient an den Füssen aufgehängt ist. Andere 
Mittel, die durch Zapfen und Gurte fixiert werden, sind in de fist. be- 
schrieben. Von Parasiten begegnen : Bandwürmer {ek/mvO-eg TilaTtlai), 
als deren Glieder die sonst irrtümlich für ihre Jungen gehaltenen 
gurkenkernähnlichen Entleerungen zu gelten haben (de morb. IV 23) ; 
Spulwürmer (e. aiQoyyvlai = rund), Springvvürmer (do/.aQldec\ de morb. 
mul. II 78 = Fuchs III 570 A. 146). Kachektische Zustände 
sind zunächst: der Kropf (yoyyQwvrj), die Skrofeln {xoiqdg = Ferkel- 
geschwulst), die Krebse (aniQQog harter K., xag-Atvog oder y.aQxlpiofia == 
offener K., /.gv/tTog x. = tiefliegender Krebs, d/.QÖ!ca0^og /.. = Ober- 
flächencarcinom). Öcculte Carcinome dürfen nicht exstirpiert werden, 
weil das stets baldigen Tod zur Folge hat. Die Wassersucht, 
vögcüip, vdeoog, entsteht durch vieles Trinken Die Lunge entsendet 
von dem Getränküberschusse nach der Brust, es entsteht Hitze, und 
das Fett schmilzt (de morb. int. 23). Andere Ursachen sind Ge- 
schwülste in der Lunge = Hydatiden ; Schleimüberfluss {levxov (pUyj.ia 
= weisser Schleim; de äff. 22); Hämorrhagie (epid. VI 4, 9); Milz- 
und Leberleiden, Ruhr und Lienterie (de äff. 22). vögwip und vöegog 
sind meist Ascites, o'iöi]i.ia und vöq. vTtooaQy.iÖLog = Anasarka, cpläyf-ia 
Xsvy.öv = Oedem, Anasarka, allgemeine schleimige Kakochymie, viel- 
leicht auch Hautemphysem; vdo. ^r^gög = Trommelsucht (aph. IV 11; 
bei mir I 93 A. 11; Littre IV 415 ff.). Succussion und Auflegen von 
Thonerde als diagnostische Mittel sind schon besprochen. Das Heil- 
verfahren besteht in abführenden, trocknenden Arzneien, Uebungen, 
Spaziergängen, Paracentese (a. a. Ö.). Bei Schenkelödem und Scrotal- 
hydrops werden die entsprechenden Adern geöffnet (de morb. int. 23 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 257 

Schluss). Ueber die Hauterkraiikungen, Geschwüre und Geschwülste 
zu sprechen, ist bei der Reichhaltigkeit der Terminologie, der Arm- 
seligkeit der Forschungsergebnisse und dem Wortreichtum der streiten- 
den Parteien nicht rätlich. Gruppen und Deutungen haben folgende 
Spezialisten, allerdings unter steten Vorbehalten, versucht: Bären- 
sprung, Die Hautkrankheiten, Erlangen 1859; Idzerda, Specimen 
medicum inaugurale continens doctrinam de morbis cutaneis secundum 
Hippocratem, Gronningae 1836; Janovsky, Beiträge z. Gesch. der 
Dermatologie I bei Rohlfs (s. Anm. 4) VIII 1885 S. 60 ff. Doch darf 
soviel als ausgemacht gelten, dass die Hippokratiker 1. ffv/nara = „Ge- 
wachsenes", d. i. „alle auf oder unter der Haut entwickelten Beulen 
oder Geschwülste, die allmählich in Eiterung übergehen", und darunter 
phlegmonöse Abscesse {(pvyed-la), 2. Iotvol = IottoL = Schuppen 
{Xijtqa, Xeiyriv, TtiTVQiaaig), 3. s^avd-riuara kh/MÖsa == nässende Aus- 
schläge, u. a. Wachsgeschwülste, Favus oder Kopfgrind {xrjQiov), im- 
petiginöse Ekzeme (? axcog) und pustulöse und vesiculöse Ausschläge 
(cpXvATaiva, cp),vKzaivig, rpiv^dxiov, ipvögdKiov) unterschieden haben. 
Zudem sind glaubhaft aufgewiesen Anthrax, €Q7rr]g ia&i6j.ievog = 
fressende Geschwüre einschliesslich Herpes, ipd)Qa = chronische exsu- 
dative Dermatosen, Vitiligo {&lfp6(;, lev-Kv, ?). ^) Nach den Ursachen 
scheidet Idzerda mit Recht: Verunstaltungen, idiopathische Haut- 
veränderungen und Ablagerungen {dtTTÖaiaoig); seine Feststellungen 
von Purpura, Miliaria und Erythem sind gleichfalls unwidersprochen 
geblieben. 

22. Chirurgie, Frakturen, Luxationen, Muskelschäden und Amputation. 

t. Genga, Erläut. der Chirurg. Lehrsätze des H. Aus d. Ital. von Hunczoicsky, 
Wien 1777. — 2. von Gesscher, Die Wundarzneykunst des H. Aus d. Holland., 
Hildburgh. 1795. — 3. Guerhois, La chir. d'Hippocrate extraite de ses aphorismes 
etc., Paris 1836. — 4. K-ühlewein, Die chir. Schriften des H., Jahresh. ü. d. Kgl. 
Klosterschule zu llfeld Ostern 1898, Kordhaus. 1898. — 5. lAttre III 338 ff.; IV 
Iff. — 6. Lurje, Studien iL Chir. der Hippokratiker, Dorpat 1890. — 7. Mal- 
gaigne, Eecherches historiques et pratiques sur les appareils employes dans le traite- 
ment des fractures en general depuis Hippocrate etc., Paris 1841. — 8. Petrequin, 
Chirurgie d'Hippocrate, 2 Bb., Paris 1877 ; Vues nouvelles sur la chir. d'Hipp., 
Anvers 1864; ßulletin de therapie 1864. 

Auf die hochentwickelte Chirurgie der Hippokratiker, die aus 
jahrhundertelanger Arbeit die staunenerregende Summe zieht, ist 
schon öfter ein Streiflicht gefallen, so in den Abschnitten über ärzt- 
liche Werkstätten und über Therapie. Es wird daher genügen, nach 
G u r 1 1 s -) vollständiger und zutreffender Vorlage hier die Instrumente 
jener Zeit zusammenzustellen, deren Verwendung ja keine andere sein 
konnte als in heutiger Zeit. Die Sonde, i^ioxög (auch Wundeinlage 
von Zinn oder Charpie) oder jUtJA?;, gdßöog, bestand aus Zinn, Blei oder 
Kupfer und war glatt oder gebogen, solid oder hohl, auch mit Knopf, 
Spatel (vTtdlsiTtTQov) oder Oelir (reiQr^/^ievrj, ^ir]lioT[Q]ig) versehen. Sie 
wurde bei Fisteln durch einen Knoblauchstengel ersetzt. Das Messer 
(af-ulrj) erscheint als Lanzette oder Bistouri {f.iaxaiQig, /naxaiQiov), als 
Konvexbistouri (arr^d-oeidr^g u.) oder Spitzbistouri (d^vßelrjg i-i.). Das 
7iami]Qiov oder Glüheisen, auch aidiJQia = Eisenstäbchen benannt, 

^) So Bärensprung und Janovsky. 

®) Gesch. d. Chir. u. ihrer Ausübung u. s. w., Berl. 1898, 

Handbuch der Geschichte der Medizin. Bd. I. 1 • 



258 Robert Fuchs. 

wird durch Holzspindeln, die in siedendes Oel getaucht sind, und 
durch Lampendocht manchmal wirksam ersetzt. Zum Schaben dient 
das Easpatorium, ^vottiq. Schädelbohrungen werden mit dem xQvjtavov 
= Perforationsbohrer oder jvqIiov xagavirög == Sägetrepan (Krontrepan ?) 
vorgenommen. Als Kanülen finden sich ovQiyyeg und avliGxoi erwähnt. 
Der Mastdarmspiegel (;mro7izi]Q) ist bei Hämorrhoiden und Fisteln un- 
entbehrlich. Bei Polypen legt man den Geissfuss {xr]li]) unter. Zum 
Schröpfen nimmt man gl-avui, zum Einblasen von Luft und zum Ein- 
spritzen Blase und Federkiel {^vatig und titeqöv). Die Zahnzange 
{ööovTccyQcx) und die Zäpfchenzange {oTacpvMyqa) werden als bekannt 
vorausgesetzt. ^) 

Die Knochenbrüche, ayfxoi, werden in de fract. meisterhaft ab- 
gehandelt. Die Einrichtung muss in natürlicher Haltung erfolgen und 
kann durch Pronation und Supination unterstützt werden. Schwierig 
wird die an sich leichte Behandlung lediglich durch den Unverstand 
der Aerzte; der Laie übertrifft sie an Einsicht, denn er bietet das 
verletzte Glied von selbst in der richtigen Lage dar. Die „akademische 
Pose'" (Petrequin II 104) ist nicht die uns geläufige, also Supination 
des herabhängenden Armes, sondern die rechtwinklige Beugung in 
Mittellage zwischen Pronation und Supination. Da diese Grundlage 
vor Petrequin unbekannt war, sind nur dessen Erläuterungen 
brauchbar. An den oberen Extremitäten ist der Bruch der Speiche 
leichter zu heilen als der der Elle, weil eine massige Streckung aus- 
reicht. Die Einrichtung erfolgt mit den Ballen, dann trägt man etwas 
Wachssalbe auf, lässt die Hand etwas über Ellenbogenhöhe halten, 
bringt den Kopf der Binde auf die Bruchstelle, wickelt 2—3 Touren 
nicht zu fest, aber auch nicht zu lose und verteilt die übrigen Lagen 
so, dass der Blutzufluss abgeschnitten wird. Die zweite, längere Binde 
kommt mit dem Kopfe auf den Bruch, man geht einmal herum und 
verteilt die übrigen Lagen nach unten zu, wobei man immer weniger 
anzieht und die Abstände weiter nimmt, damit die Binde dahin zurück- 
kehre, wo die erste endigt. Ob man links oder rechts herum wickelt, 
hängt davon ab, nach welcher Richtung hin die Natur des Bruches 
einen kleinen Ausschlag des Verbandes wünschenswert macht. Darauf 
kommen mit etwas Wachssalbe bestrichene Kompressen rund um die 
Bruchstelle herum und dann wieder Binden abwechselnd nach links 
und rechts herum. Eine gleichmässige Höhe soll erst am Ende der 
Wickelung erreicht sein. Einige lockere Touren kommen um die Hand- 
wurzel. Ob die Binden kunstgerecht liegen, entscheidet die Aussage des 
Patienten, dass der Verband anliege, aber nicht drücke. Am nächsten 
Tage muss eine kleine weiche Geschwulst an der Hand entstanden sein, 
dann muss der Patient das Gefühl allmählicher massiger Lockerung 
haben. Am 3. Tage muss der Arzt den Verband erneuern und etwas 
mehr anziehen, von der Bruchstelle aus allmählich mehr nachgebend. 
Späterhin sind die Binden zu vermehren. Am 7. Tage ist die Ge- 
schwulst verschwunden und die Zusammenpressung nötigenfalls sorg- 
fältiger vorzunehmen, dann wird wiederum eingebunden und einge- 
schient. Immer nach 3 Tagen werden die Schienen etwas fester an- 
gebunden. In 30 Tagen etwa ist die Festigung der Bruchstelle 
erreicht. Nach jedesmaligem Lösen sind Güsse angezeigt. Die Diät- 
vorschriften sind : etwas weniger Nahrung, weiche Zukost, kein Wein, 

^) Einige nur in der Geburtshilfe augewandte Instrumente s. daselbst. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 259 

kein Fleisch, später, nach etwa 10 Tagen, allmählich kräftigere Kost ! 
(1. Abschnitt). Nach diesem Muster verfahrt man bei Brüchen des 
Oberarms (8) und der unteren Extremitäten (9 ff.). Die Einrichtung 
wird je nachdem unterstützt durch den erhöhten Sitz des Verletzten, 
durch hebelartige Stöcke mit Kissenbelag, Schemellehnen, weiche Leder- 
riemen, die mit Gewichten beschwert sind, mörserkeulenartige Holz- 
stäbe, die in eine eingegrabene Eadnabe eingesetzt werden, eiserne 
Hebel von der Art der Brecheisen, lederne Ringe, am Bette gestützte 
Balken u. s. w., wie das in meiner Ausgabe erläutert und durch 
Petrequin in Bildern veranschaulicht ist. Zur Lagerung der Beine 
werden Unterlagen und Rinnen (atüXrjv = gouttiere) benutzt, für den 
Arm Tragbinden (15 f. ; 22). Der Autor behandelt dann Kap. 24 ff. 
die komplizierten Knochenbrüche, bei denen Fleischwunden zu heilen 
sind und Knochenzersplitterung und -Abstossung vorliegt. Die Luxa- 
tionen werden in de artic. rep. geschildert, zunächst die Verrenkung 
und Einrichtung des Schultergelenks mit Hilfe der Hand, der Ferse, 
der entgegengestemmten Schulter des Arztes, des mörserkeulenförmigen 
Pfahls (vTt€Qov), der Leiter, der ciußr^ oder „Bank" (eines Einrichte- 
brettes, an welchem das Glied befestigt wird, weil mit dessen Hilfe 
mannigfaltige Hebelwirkungen entfaltet werden können; Kap. 7 vgl. 
mit Fuchs III 164 A. 49), des thessalischen Stuhles mit hoher Lehne 
oder der Querleiste einer zweiteiligen Thür (7 a). Auf allerlei nütz- 
liche Winke folgen die Vorschriften für Einrichtung des luxierten und 
gebrochenen Akromion (13 ff.), der luxierten Elle (17 ff.), der Hand 
und Finger (26 ff.), des verrenkten oder gebrochenen Unterkiefers 
(30 ff.). Im letztgenannten Falle bildet die gestörte Zahnsymmetrie 
das Indicium; die Zähne werden nötigenfalls durch Goldfäden oder 
Zwirn zusammengebunden. Nasenbrüche und -Quetschungen (35 ff.) 
werden durch eine besondere Plastik beseitigt, dann folgen die Be- 
schädigung des äusseren Ohrs (40), die Rückgratsverkrümmungen 
infolge von Krankheit {(pv^iata = Tuberkeln) und Trauma \) (41 ff.), 
der Rippenbruch (49) und die Quetschung des Thorax (50). die Ober- 
schenkelluxationen (51 ff.), die verschiedenen Arten der Krummfüssig- 
keit (62): -/.vllog oder Qaißög = Knie oder Fuss nach innen, ßlaiuög 
= Knie oder Fuss nach aussen. Bleisohlen nach Art chiischer Schuhe, 
Halbschuhe (TtrjloTrdttdeg = Lehm treter) oder kretisches Schuhwerk 
erleichtern die Heilung. Komplizierte Luxationen, d. i. mit Durch- 
bohrung der Weichteile (63 ff.), Lehren über Ablösung ganzer Knochen 
(68), über Gangrän, Absetzung (69), Einrichtung von Extremitäten 
und allgemeine Vorschriften bilden den Schluss, Gelenkversteifung 
{äy-Avltoaig) und „Wieselarmigkeit" {yaXidyy.tov) sind ebenfalls den 
Chirurgen geläufig (Littre IV 8ff ; Fuchs II 256 A. 11; III 139 ff.). 
Verletzungen des Schädels, dessen genaue anatomische 
Beschreibung de cap. vuln. 1 ff. in meisterhafter, bis Petrequin 
unvollständig begriffener Weise gegeben wird, sind entweder zu be- 
zeichnen als Riss (Fissur) mit Quetschung der Weichteile, Knochen- 
quetschung ohne Bruch oder Lageveränderung, Eindrückung, Eindruck 
oder Knochenwunde ohne Verlagerung (töga), Kontrafraktur, also 
5 Arten, wozu die Komplikationen treten. Es kommt zur Bohrung 



') Die Wiederauffrischung' der hippokratischeu Höckerbeseitigung durch Calot 
(Heusner, Deutsche mediz. Wchschr. 1897 Nr. 48) habe ich III 128 A. 33 ange- 
zogen. 

17* 



260 Robert Fuchs. 

(TCQiaig, Sägen, Trepanation) bei Quetschungen und Brüchen und deren 
Komplikationen, seltener bei Eindrückungen. Schwer erkennbare Risse 
u. s. w. werden sichtbar, wenn man die Wunde erweitert und läng- 
lich gestaltet und den Knochen mit „dem schwarzen Mittel" über- 
giesst, vielleicht mit dem von de vuln. et ulc. 12. Die Schläfengegend 
darf man nicht anschneiden wegen der sonst auftretenden Krämpfe 
ex contrario. Wird der Schaden auch so nicht sichtbar, so muss man 
den Schaber (^vot-^q) anwenden. Die Trepanation hat darauf zu er- 
folgen, jedoch vor Ablauf von 3 Tagen nach der Verwundung. Sowohl 
die blossgelegte Hirnhautstelle, als auch die ganze Wunde müssen, 
damit sie nicht fungös werden, rasch ausgetrocknet d. i. zur Ver- 
eiterung gebracht werden; dann kommen gesunde Granulationen an- 
statt wilden Fleisches zu stände. Nach Besprechung der Prognose 
und allerlei Einzelheiten wird (21) die Bohrung selbst also beschrieben: 
man bohre nicht gleich bis zur dura mater, lasse vielmehr den Knochen 
sich selbst lösen, man ziehe wegen der Erhitzung des Knochens den 
Trepan wiederholt heraus und tauche ihn in kaltes Wasser. Hat man 
die Behandlung nicht von Anbeginn gehabt, so muss man mit dem 
gezähnten Schädelbohrer sofort bis auf die Hirnhaut bohren unter 
häufigem Herausziehen und Untersuchen mit der Sonde. 

Muskelzerreissungen (Qrjy^ara) oder -Zerrungen {andof-iaTcc) 
wurden aus theoretischen Gründen vorausgesetzt bei Brustfellentzün- 
dungen (Coac. 376 ; Erm. I p. XXXI). Aederchen werden leicht durch 
körperliche Anstrengungen, Schlag u. ä, zerrissen (de morb. I 20). 
Zerrungen in den Adern oder Weichteilen haben, wenn sie heftig sind, 
Vereiterungen zur Folge; sind sie schwächer, so treten langwierige 
starke Schmerzen auf (a. a. 0.; aph. VI 22 vgl. m. Gal. XVIII, I 34). 
Die angezogene Feuchtigkeit wird schliesslich abgestossen und er- 
weckt dadurch den Anschein, als wenn die Ruptur verlegt wäre ; doch 
das ist eine Täuschung. 

Eine wirkliche Amputation findet sich nicht erwähnt. Der 
Arzt hat so lange zu warten, bis der Brand {ocpd/.elog, ydyyQaiva, 
fxelaaf.ia) an einem Gelenke Halt macht. Alsdann wird das Erkrankte 
abgetragen unter peinlicher Schonung des Gesunden, damit keine Ohn- 
macht eintrete. Blutungen endlich werden gestillt durch Adstrin- 
gentia {GTvnTLy.d\ Kälte, Elevation, Durchschneiden oder Durchbrennen 
der blutenden Gefässe, Tamponade und Verband, ^) nicht Unterbindung. 

In der Chirurgie haben die Hippokratiker Grosses geleistet, soweit 
nicht Anatomie und Angiologie die Voraussetzung bildeten. Ihre 
Haupt Verdienste, und zwar nach menschlicher Voraussicht die des 
Meisters selbst, liegen auf dem Gebiete der Frakturen, Luxationen, 
der Trepanation, Paracentese, Empyemoperation und Hämorrhoiden- 
und Fistelbehandlung. 

23. Ophthalmologie, Otologie, Rhinologie, Zahnheilkunde und 

Psychiatrie. 

1. Andreae, Augenheilkunde des S., Magdeh. 1863. — 2. Harras, Die 

hippokratische Augenheilkunde, Diss., Erlang. 1897. — 3. Hirschberg, Berl. Min. 
Wchschr. 1885 Nr. 23; 1896 Nr. 8; Centralbl. f. Augenheilk. 1885; Wörterh. der 
Augenheilk.; Gesch. d. Augenheilk. hei G-raefeSaemisch, Handb. d. gesamt. 

') Lurje 17 f. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 261 

Au^enJieilk., 2. Auf., Leipz. 1899. — 4. 3Ifignus, Die Gesch. d. grauen Staares, 
Leipz. 1876; Arch. f. Ophth. XXIII; Rohlfs' Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Medic. 1, 
Leipz. 1878 S. 43 ff.; D. Anat. d. Auges h. d. Griech. u. Rom., Leipz. 1878: Die 
antiken Büsten d. Homer, 1896; Augenärztl. Unterrichtstafeln Heft XX = Die 
Anat. d. Auges in ihr. geschichtl. Enttcickelg., Brest. 1900; Die Augenheilkunde der 
Alten, Breslau 1901. — 5. Sichel, Annales (Voculistique VI 1842 S. 216 ff. ; s. auch 
Fuchs III 316 ff. die Anmerkungen. — 6. Körner, hie Ohrenheilk. des H., Wies- 
baden 1896. — 7. JBaldeiveiUf Die Bhinologie d. H, Diss., Wiesbaden 1896. — 
8. Ahonyi, Die Zahnheilkunde im Zeitalter des H, Janus V 1900 S. 12 ff.; Die 
Z. im Zeit. d. H, Wien, zahnärztl. Wchschr. 1899 Nr. 9 ff. — 9. Geist-tTacohi^ 
H. über Zahnheilk. Zahnärztl. Wchblatt. 1894 S. 385 f.; Hipp, über Z. Correspondenz- 
blatt f. Zahnärzte XXXIII Heft 4. — 10. Döring, Hippocratis doctrina de deliriis, 
Diss., Marburgi 1790. — 11. 2ffi88e, De insania commentatio secundum libros Hippo- 
cratic os, Diss. Lips., Bonnae 1829. 

In den ausgezeichneten Büchern von Hirschberg und Magnus 
sind geradezu alle Streitfragen der hippokratischen Ophthalmologie 
verabschiedet. Deshalb schliesse ich mich ihnen möglichst an. Die 
Kenntnis vom Baue des Auges war keine eingehendere, als man sie 
durch äusserliche Betrachtung gewinnt. Auch de carne 17 scheint 
nur von zufällig ausgelaufenen Menschen- und Tieraugen zu handeln. 
Es bezeichnet dcp^a).(^og meist das Auge, ö.w//a meist den Augapfel, 
oxpig das Sehloch, die Iris, die Sehkraft und selten den Augapfel, /o'^»; 
die Pupille, to (.iümv die Regenbogenhaut und das Sehloch, oreq^arr] 
den Lidrand (nach anderen den Corneo-Skleralfalz ; vgl. aber Fuchs 
III 318 f. A. 9). 3 Häute werden de loc. in hom. 2 erwähnt, eine 
obere dickere, die mittlere dünne und die unterste dünne, die die 
Feuchtigkeit schützt. Nach de carne 17 nannte man bei der obersten 
Haut (to Xev/.öv) die Hornhaut wegen ihrer Durchsichtigkeit zb öiaqxxveg, 
an der 2. die Eegenbogenhaut to i^eXav (das Dunkle oder Farbige) ; von 
der 3., der Netzhaut, wusste man nichts weiter. Die Krankheit, die 
de loc. in h. angedeutet wird, ist Vorfall der Regenbogenhaut; vom 
Sehnerven ist nur eine dunkle Ahnung vorhanden. Deutlich erscheint 
der Sehnerv als ffVeip de carne 17, woselbst auch die Schichten der 
Hornhaut, die Netzhaut und der Glaskörper begegnen. 

Ursache aller „Augenleiden sind natürlich die Katarrhe" aus dem 
Gehirn, und zwar der 6., der Sehstörungen (Sehnervenphthisis bei 
Tabes?) bewirkt (de loc. in hom.; de gland.; de morb. II 1). Unter 
den die Bindehaut betreffenden Leiden ist die ocpO^aXf-da = lippitudo 
Celsi = Augenentzündung zu nennen. In dieser Bezeichnung fliessen 
Conjunctivitis, auch Trachom, und Erkrankungen der Cornea, Iris und 
Chorioidea zusammen. Die Hippokratiker unterscheiden feuchte und 
trockene Ophthalmie, eine epidemische und endemische; unerwähnt 
bleiben Ophthalmia neonatorum und die skrophulöse Augenentzündung, 
welch letztere der Tagblindheit in prorrh. II 33 f. zu Grunde liegen 
muss. Von den Lidkrankheiten wird das Gerstenkorn (y-gi^']), die 
Lidkrätze (iptoga) mit Jucken, also unsere Lidrandentzündung, die 
(pltynovrj (pustula maligna?), die Ausstülpung und die Trichosis ge- 
nannt, nicht aber das Hagelkorn {xalätiov). Ueber die Thränenorgane 
liegen nur dürftige Bemerkungen vor; sie gelten den Thränen auf 
Reizung und im Alter. An der Hornhaut beobachtet man Geschwüre, 
Irisvorfall und verschiedenerlei Narben {ovXri, dx^vc, vecpelrj, agye/nov, 
aiyis hezw. äylit] und naQÜlai-ixpig). An der Iris wird erkannt: die 
winkelige Gestaltung, Vergrösserung und Verkleinerung und die Ver- 
dunkelung der Pupille = Star. Der Star ist unheilbar, die Winkel- 
gestalt bei jungen Leuten heilbar, bei den übrigen Krankheiten ist 



262 Robert Fuclis. 

die Aussicht nicht gerade schlecht, de loc. in hom. 13 bezieht Hirsch- 
berg auf Irisentzündung mit Verwachsung, Glaskörpertrübung und 
Sehstörung. Von den Linsenkrankheiten ist die Trübung = Star zu 
nennen (prorrh. II 20 ; de visu 1). Die meergrüne Färbung der Pupille 
deutet auf Altersstar. Näheres über die ylavxomg und ihre Prognose 
fehlt zu jener Zeit. Amblyopie und Amaurose werden genannt, aber 
nicht erläutert. Erstere kann folgende Gründe haben : Alter, Bleich- 
sucht, Gelenkentzündung, letztere beiden durch Schleimfluss bedingt; 
Amaurose entsteht bei Fieber, Wunden in der Augenbrauengegend, 
Blutverlust. Schwarzwerden vor den Augen vor dem Tode, bei Er- 
schütterungen und Schwindel heisst oAÖTog = Finsternis, Schwindel 
ölvog oder aMToöivlrj. Halbsehen findet sich nur bei Gehirnleiden (de 
morb. II 12). Nyktalopie ist bei Hippokrates Tagblindheit, bei den 
Späteren Nachtblindheit ; Erscheinungsbedingungen : in der Jugend, bei 
einer katarrhalischen Epidemie, beim Husten von Perinthos. Von sub- 
jektiven Störungen wurden beobachtet: mouches volantes, schwarze 
Linsen, Flimmern, Schatten und die Vorstellung von Läusen beim 
Flockenlesen (de dieb. crit. 3). Das Schielen, lllalveiv, ist erblich (de 
aere aq. loc. 14) oder tritt unvermittelt auf nach Ohreneiterung, Seh- 
nervenlähmung und im Wochenbette. Nystagmus bei hitzigen Fiebern 
sowie rasches unausgesetztes Augenzittern CiTiTrog = Pferd) fehlen 
gleichfalls nicht. Das Semiotische wurde bereits früher erledigt. 
Therapeutisches findet sich nur in den untergeschobenen Schriften, und 
zwar Schaben der trachomatösen Bindehaut, Ausschneiden der eben 
dadurch verdickten Bindehaut, Herausnahme des Eiters aus der Vorder- 
kammer, Beseitigung der Haarkrankheit und Ausziehen einer Pfeil- 
spitze aus dem Lide. Man schabte und brannte dann mit krauser ge- 
reinigter milesischer Wolle, die um eine Spindel gewickelt wurde, und 
ätzte dann mit Kupferblüte, ein nach Anagnostakis' praktischen 
Versuchen bewährtes Verfahren. Nach dem Schaben und Brennen muss 
man einen Einschnitt in der Scheitelgegend machen und nach dem Ab- 
fliessen des Blutes „das blutstillende Mittel" auflegen und den Kopf 
purgieren, d. i. von Schleim befreien. Tiefe Einschnitte in den Kopf 
heilen den Schleimfiuss (de loc. in hom. 13). Werden die Pupillen 
bläulich oder meerwasserfarben, so ist Purgation des Kopfes und 
Brennen am Kopfe nötig, ebenso bei Bluteintritt in die „Sehe" (de 
visu 1 ; de 1. in h. 13). Brennen der Rückenvenen bis auf den Knochen 
bei einem wegen einer Lücke nicht bestimmbaren Augenleiden und 
Trepanierung und Herauslassen des Wassers bei Verlust der Sehkraft 
ohne sichtbare Veränderung werden schliesslich de visu 3 und 8 
empfohlen. 

Ueber Otologie hat Körner in einem meisterhaften Vortrage 
alles Wissenswerte vereinigt. Danach ist Hippokrates, obwohl zu- 
sammenhängende Darstellungen fehlen, doch auch der Vater der Ohren- 
heilkunde. Der äussere Verlauf der Krankheiten wird trotz des 
Mangels tiefer anatomischer Kenntnisse richtig und scharf beobachtet 
und wiedergegeben. Die Wechselbeziehungen zum Organismus über- 
haupt sind durchschaut, ebenso die Einwirkung der äusseren Umstände. 
Es werden besprochen : die Kontusion der Muschel mit Knorpelfraktur 
und ihre Folgen, deren Behandlung durch Diätetik ohne Verband und 
Aufschläge, durch Fixierung mit Kleister oder Wachspflaster, Eröffnung 
des Eiterherdes, Schneiden, Brennen unter Vermeidung des Ausstopfens ; 
die Schwerhörigkeit der Greise, die Ohrenflüsse der Kinder; die Me- 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen« 263 

tastase der Mandelentzündung auf die Ohren; die adenoiden Vege- 
tationen mit ihren Folgeerscheinungen, besonders bei Spitzköpfigen ; 
die akute Ohreneiterung infolge von Schleimfluss und nach Gehirn- 
erkrankung ; Ohreneiterungen als günstiger Ausgang akuter Allgemein- 
leiden (Husten von Perinthos); chronische Ohreneiterungen; Fälle aus 
dem Krankenjournal (epid VlI 5; IV 12; V 50; VII 112 c); Schwer- 
hörigkeit bei hohem Fieber (epid. I; III; II), nach Blutspeien als le- 
tales Symptom; Gehörhallucinationen bei Geisteskranken und sonst. 

Durch vorzügliche Bilder erläutert B a 1 d e w e i n die chirurgischen 
Eingriffe bei N a s e n 1 e i d e n. Auch hier war die anatomische Grund- 
lage äusserst dürftig. Nasenbluten gilt als wichtiges kritisches Moment, 
z. B. bei Nasensekretverhaltung, Ueberanstrengung des Körpers, Sup- 
pression der Regel, Leber- und Milzvergrösserung. Nasenfrakturen 
und -Polypen sind oben geschildert worden, ebenso ihre Behandlung. 

Ueber Zähne belehrt de dent. Wenn beim Zahnen reichlicher 
Leibesfluss vorhanden ist, sind Krämpfe seltener (6), ebenso bei akutem 
Fieber (7); im Winter ist die Prognose besser (9); Husten erschwert 
das Zahnen und bewirkt Abmagerung (11); „stürmisches Zahnen" ver- 
spricht bei guter Pflege günstigen Ausgang (12). Die Handhabung 
der Zahnzange galt als selbstverständlich und stand auch Laien frei. 
Cariöse wackelnde Zähne sind zu entfernen; sonst sind schmerzende 
Zähne durch Brennen auszutrocknen (de äff. 4). Die gezogenen Zähne 
wurden untersucht und beschrieben (epid. IV 19). Ein oberer Weis- 
heitszahn des Hegesistratos wird ebenda (25) erwähnt und seine Dis- 
position zur Eiterbildung richtig geschildert. Die Zahnbildung ist in 
de carne in theoretisierender Weise dargestellt, de äff. schiebt das 
Cariöswerden auf den Schleim und die Abnutzung der Zähne durch 
die Speisen. Wer über die einzelnen Krankengeschichten Aufklärung 
wünscht, befrage Abonyi (S. 179 ff.). 

Das Kapitel der Psychiatrie muss sehr lückenhaft ausfallen, 
da die meisten Hippokratiker das geistige Centrum überhaupt nicht 
in das Gehirn verlegten und in der Wahnidee der 4 Kardinalsäfte be- 
fangen waren. Sie trennten daher psychische Erkrankungen und das 
Delirium und ähnliche Fiebersymptome nicht reinlich. Von Geistes- 
störungen ist Folgendes bekannt. Bei jungen Mädchen und Frauen, 
selten bei Männern, erzeugt die Epilepsie leicht Irrereden, Ohnmacht, 
Schreckbilder und Drang zum Erhängen. Geschlechtsreife Jungfrauen 
bekommen für den Fall der Nicht Verheiratung solche Zustände nament- 
lich zur Zeit der Periode. Bei Suppression der Regel bewirkt das 
gegen das Herz als das geistige Centrum vordrängende Blut Delirien 
und Tobsucht, dann kommen Schreckbilder und Selbstmordgedanken 
allerlei Art. Heilmittel ist die Ehe (de his q. ad virg. spect.). Die 
erbliche Disposition wird auch hier nicht erkannt. Die Behandlung 
ist die diätetisch-gymnastische ; denn dadurch wird das gestörte Gleich- 
gewicht der Säfte wiederhergestellt. 

24. Gynäkologie und Geburtshilfe. 

1. Bauer, De arte obstetricia Hippoo-atica, Tuhingae 1833. — 3. Bucher, 
Die noch heute interessirenden Angaben des H. über geburtshülfl. u. gynäk. Gegen- 
stände, Diss., Strassburg 1896. — 3. X^rjatiSTjs, Ao/aia s}.Xr]viXTJ ywaineioloyia 
TJTOi dvarotcla, <pvaio).oyia, voaokoyia xal ^e^arcsia tcöv yvvaixeioiv ysvvrjrf/ccöv o^yävcov 
fisrd yev. slaaycoyrjg sh rfjv iaroix^v tmi/ ^iTtTCoxQarcy.tiiv xpövayv etc., iv Kcovoravrt- 
vovTtöXei 1894. — 4. Fasbender, Entwickelungslehre, Geburtshülfe \md Gynäk. in 



264 , Eobert Fuchs. 

d. hippokratischen Schriften, Stuttg. 1897 [vorzüglich). — 5. Freund, Klin. Beiträge 
z. Gynäk. 1864, 2. Heft; Deutsche Klinik 1869 S. 239 ff. — 6. Georgiades, De 
morbis uteri secundum libros Hippocratis Tte^l ywaixeiris fvaios, Diss., lenae 1797. 

— 7. Grüner, Explicatur locus Hippocratis de uteri orificio praepingxd, lenae 1790. 

— 8. Mobb Hunter, Hippocrates on the diseases of ivomen and parturition. John 
Hopkins Bulletin 1892 S. 43 ff. — 9. Mitgen, D. Geburtshülfe des H. Gemeinsame 
Deutsche Ztschr. f. Geburtskunde IV; VI, Weimar 1829; 1831. — 10. Slevogt, 
Prolusio de embryulcia Hippocratis, lenae 1709. — 11. Wulfsohn, Stud. u. Ge- 
burtshülfe u. Gynäk. d. Hippokratiker, Diss., Dorpat 1889. 

Eine für uns selbstverständliche Wahrheit war zur Zeit der Hippo- 
kratiker noch nicht errungen, dass nämlich, entsprechend der ana- 
tomischen und physiologischen Verschiedenheit von Mann und Weib, 
auch die Männer- und Frauenleiden verschieden seien und eine ver- 
schiedene Behandlung erforderten. Wenn darum der knidische Ver- 
fasser von de morb. mul. I 62 den Aerzten die neue Wahrheit vor- 
hält, so ist schon das ein grosses Verdienst. Freilich kommt in Be- 
tracht, dass die Aerzte nur in den seltensten Fällen selbst praktisch 
Frauen behandelten und ihre Kenntnis fast ausschliesslich auf falsche 
Schlüsse aus der Tieranatomie, auf philosophische Spekulationen und 
die Auskünfte von Frauen und Hebammen gründeten. Der Arzt unter- 
suchte nicht selbst, sondern fast stets die Hebamme oder eine Freundin 
oder alte Frau. Auf deren Aussage und die Antworten der Patientin 
hin ordnete der Arzt die Behandlung an. Somit sind die ärztlichen 
Schriften, die als knidisch ihrem Ursprünge nach erwiesen sind, trotz 
Häser (Ig 198) in der Theorie zwar für Aerzte, in der Praxis aber 
für Hebammen verfasst. Man darf sich durch das häufig verwendete 
Masciüinum der Partizipien nicht beirren lassen. Das Masculinum be- 
zeichnet lediglich das nicht näherer Charakterisierung bedürftige „man". 

Auf die ungemeine Reichhaltigkeit und oft mystische Dunkelheit 
der Kunstausdrücke in der weiblichen Anatomie sei nochmals hinge- 
deutet, aidolov bezeichnet die äusseren und inneren Genitalien allgemein, 
doch auch die Vagina, die portio vaginalis. Daneben findet sich : yevsoig, 
yövog (auch Vulva), yovi] (auch Uterus, Genitalschlauch, Vulva) ; zu 'Ikzüq 
vgl. Fuchs III 563 A. 127. Der Mons Veneris heisst z-re/g == „Kamm"' 
das allerdings auch für xöXfcog = Vagina genommen werden kann 
(Fuchs III 388 A. 176), ferner fjßr], InloEiov, k7tLy.xiviov. Die Labia 
heissen 'jidhq ^) oder y.Qri(.ivoL (wörtlich „Abhang", doch auch Vulva). 
Die verborgenen Teile werden vom Touchieren Tragacpaaisg genannt. 
Ferner sind festzuhalten : Vagina = avxtjv, ^i^rga ; 2) introitus vaginae 
= OTÖua (auch orificium uteri), aröinaxog; Cervix = avx7]v, atöf^taxog, 
doch fehlt jede Beschreibung; Cervicalkanal vom orificium externum 
bis 0. intern um = avXög, IvavUrj; Uterus = voT€Qa{i) oder f.irJTQa, jurj- 
TQai, weil 2 Kammern (köItzoi, xägara) angenommen werden,^) als leben- 
diges Wesen gedacht, das seine Lage verändert; doch bedeutet /ti^rga 
und fxffCQai auch Vagina, Vulva; fundus uteri = 7tv^/.i7]V] Uterushals 
= avx'>]v TCüV i^irjTQwv; orificium uteri = OTÖf.ia(Ta), aröi-iaxog, letzteres 
auch, wenn ein Stück Hals eingeschlossen wird; Muttermundslippen 
= ä/^icpidea (auch bloss Saum), leyva, x^t^^^o baxtov, v(.iriv ; *) unbekannt 



^) Wenn iyx^iv, •xlvKstv = spülen dabei steht. 

') So heissen auch die Muttermundslippen. 

') Zweihörnigkeit des Uterus aus neuer Zeit Avird belegt: Die Medic. d. Gegen- 
wart II 1899 S. 400. 

*) Allerdings interpretiert X^r;GriSr]g S. 58 „Schleimhaut an Muttermundsiippen 
und -Hals". 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 265 

ist das Hymen, denn die dreimal erwähnten Häute, ur^vr/yeg, die den 
Eintritt des Sperma hindern, liegen im orificium uteri und sind krank- 
hafte Gebilde. Unbekannt sind ferner: Clitoris, Tuben (erst bei Ari- 
stot. bist. an. III 1 als v.sQdxia jfjg }.ir^QUQ zu belegen), Ovarien, Nerven 
des Uterus (erst bei Herophilos) und die Ligamenta lata, falls etwa 
die y.QcxTea oder vsvqcc xa -/MleouEva ooyoi (Schösslinge) nur theoretisch 
angenommen, nicht praktisch festgestellt sein sollten. Von grosser 
Bedeutung, auch für die Folgezeit, ist die Hypothese des Vorhanden- 
seins napf- oder becherförmiger Erhöhungen an der Innenwand des 
Uterus, aus denen der Fötus seine Nahrung sauge. Soranos erklärt 
diese sog. -/.orvlr^ööveg für Gefässmündungen, ähnlich den Hämorrhoidal- 
knoten ; aus ihnen ergiesse sich die Regel. 

Die Menstruation, xaraur^via, knidisch ra y.arä cfvaiv = „das 
Naturgemässe", fordert durchschnittlich l^o (0,409 1; de morb. mul. I 
72j oder 2 attische Kotylen (0,546 1 ; a. a. 0." 6) Blut zu Tage. Monats- 
binden {gd-Kog = Zeug) werden nicht erwähnt, wurden aber nach dem 
Zeugnisse von Weihinschriften der Artemis Brauronia von alters her 
geweiht.^) Für ihre Nichterwähnung ist der Grund der, dass hier 
kein schweres Leiden vorliegt, bei dem der Arzt eingreifen müsste. 
Alle Erscheinungen vor, bei und nach dem Auftreten der auf 3 Tage 
bestimmten normalen Regel werden richtig beschrieben. Der liolVe 
Stand des orificium uteri vor ihrem Eintritte sogar wird in de superf. 
22 gelehrt, der Tiefstand vor der Geburt a. a. 0. 12. Zwischen den 
Brustdrüsen und dem Uterus besteht eine Sympathie, die sich be- 
sonders beim Anzüge der Regel (de his q. ad virg. spect. u. a.), „Auf- 
fallen der Gebärmutter auf die Hüfte" (de morb. mul. II 24) und bei der 
Milchbildung (de gland. 16 f.) zeigt. Die volle Entwicklung des Beckens 
tritt erst ein durch das Auseinanderweichen der Gelenke in der Ge- 
burtsperiode. Die Frauen haben auch Samen, gleich den Männern, 
dessen unwillkürliche Entleerung im Schlafe erfolgen kann (de m. m. 
II 66). Unter den nicht mit dem Gebiirtsvorgange zusammenhängen- 
den Krankheiten sind folgende hervorzuheben. Die Atresie. gleichwie 
alle derartigen Leiden durch Touchieren von Frauenhand ermittelt, 
findet sich als idiopathischer Zustand nicht erwähnt, wohl aber als 
Folge des Zerreissens und Verschwärens der Weichteile nach der Ge- 
burt, indem die Muttermundslippen verwachsen; auch blosse Ver- 
engerung ist möglich; cpiiwg entsteht durch callöse Stenose. Von 
Flüssen, qöoq, giebt es eine gi'osse Anzahl Spielarten; dazu gehört 
vor allem der rote (wohl Genital blutungen), rotgelbe, mehrere weisse 
und weissliche und der jauchige Fluss, zu reichlicher und zu spär- 
licher Fluss sowie gänzliches Ausbleiben mit Metastase, z. B. nach 
der Nase. Die Behandlung besteht vorwiegend in Diät, z. B. Suppen 
von Hülsenfrüchten. Hasen- und Ziegenfleisch, Leber, Geflügel, ge- 
backenem Eigelb, Käse, Enthaltung von Wein und Bädern, Umbinden 
der Armbeugen und Kniekehlen mit Wollbinden, Schröpfen unter den 
Brüsten, Mutterzäpfchen = Tieooög, TTQÖod-e/na, ngöod-sTov adstringieren- 
der Art, Erbrechen, kalten Waschungen, Beschränkung auf eine Mahl- 
zeit täglich. Spülungen, -) Nieswurzgaben, Reinigung des Kopfes u. s. w. 
Pessare werden noch verwendet bei Prolaps, Carcinom und Hydrops 



^) Mommsen, Philologus LVIII 343. 

*) Die zahlreichen Ableitungen von nkvvsiv, vinrstv, vit,sa&ai, xXvisiv, aloväv, 
Xeiv = irrigieren hat gesammelt X^r^axihriq 236. 



266 Robert Fuchs. 

des Uterus und bei Sterilität infolge von Erschlaifung und Verlage- 
rung des Uterus oder infolge von Samenzersetzung im Uterus. Es 
sind verschieden geformte Zäpfchen und Kugeln, die teils mechanisch, 
teils chemisch einwirken sollen. Ihre Länge, z. B. bei Meerzwiebel- 
einlagen, beträgt bis zu 6 Fingerlängen. Der künstliche Penis war 
uns als bXioßog aus Aristophanes bekannt und ist uns als ^öxy.ivog 
ßavß(bv und ovog aus Herodas bekannt geworden; aber die erweitern- 
den zinnernen und bleiernen Sonden, die mit Medikamenten bestrichen 
und auf Holzstäbchen abgepasst sind, können gar nicht so verwendet 
worden sein, wie de superf. 29 klar ergiebt. Bei Prolapsus wird die 
von Euryphon empfohlene Schüttelung mit der Leiter, Kopf nach 
unten, mit Recht entschieden verworfen (Littre VII 308 f; VIII 6 f.), 
auch zur Beförderung der Entbindung nicht angewandt (vgl. de exe. 
fet. 4 mit epid. V 103; VII 49). Die Sterilität tritt bei allen mög- 
lichen Abnormitäten am Uterus ein, mag dieser nun zu feucht oder 
trocken, zu hart {tvCjqoc) oder weich, zu heiss oder kalt, zu fett oder 
mager oder so oder so verlagert sein. Als Lageveränderungen werden 
erwähnt: Prolaps, Version, Flexion, Inversion und die hysterischen 
Folgezustände, darunter die Pnix hysterica. 

LTm die Konzeptionsfähigkeit festzustellen, wurden Versuchsmittel 
(/t£iQr]Ti]Qia) verordnet, die von Mystizismus und Laienwahn ^) ein- 
gegeben sind (Fuchs III 381 A. 149). Je nach Wunsch der Eltern 
steht zur Beseitigung oder Erlangung von Nachwuchs eine lange, viel- 
fach ebenso mystische Liste von aiö/ua, cpd^ÖQia, ey.ßoha und anderer- 
seits xvrjzriQia zur Wahl. Denn sowohl die Abtreibung, z. B. auch 
durch Springen mit Anschlagen der Fersen (de nat. pueri 2), ^) als 
auch das Aussetzen des geborenen Kindes galten für moralisch ein- 
wandfrei. ^) Der Coitus wird je nach der Konstitution bald empfohlen, 
bald verboten (de sem. 4 = Fuchs I 212 A. 13). Schleimigen und 
wasserreichen Naturen ist er nützlich. Nach de sem. 6 besitzt der Mann 
auch weiblichen, das Weib auch männlichen Samen, der männliche ist 
stärker als der weibliche, deshalb geht von ihm die Zeugung aus; 
kommt von beiden starker Samen, so entsteht ein Knabe, andernfalls 
ein Mädchen. Wenn der schwache Samen viel reichlicher ist als der 
starke, so ist die Frucht weiblich, andernfalls männlich. Ein und 
dieselbe Person, ob Mann, ob Frau, hat bald starkes, bald schwaches 
Sperma. Beeinflussung des Geschlechts ist möglich: bei wässeriger 
Diät wird ein Mädchen, bei feuriger ein Knabe entwickelt, also die 
Schenk sehe Theorie (de diaeta 127). Erfolgt binnen 7 Tagen kein 
Samenausfluss («xoom, €KQvoig, de septim. partu 9), so erfolgt durch die vom 
Uterus auf das Sperma ausgeübte Zugkraft, öIki], die Konzeption, und 
dann treten die bekannten Anzeichen auf, darunter die Flecken im 
Gesichte, Icpr^ideg. Die Grösse der einen oder anderen Mamma, des 
einen oder anderen Auges verrät das Geschlecht des Kindes: auf der 
rechten := kräftigen Seite liegt der Knabe, auf der linken = schwachen 
das Mädchen (de superf. 19; aph. V 37 f.; prorrh. II 24; epid. II 6, 
15; V 2, 25; VI 4, 21). Das menschliche Ei, für das das Hühnerei 
(de sem.) die Parallele abgiebt, steht mit dem ^öqlov = Placenta in 



1) Vgl. aph. V 59 = Fuchs I 116. 

^) Der sechstägige Sameu. der abging, wird die mucosa uteri gewesen sein 
(Fuchs I 218 f. A. 4). 

*) Dem widerspricht nicht das bloss dem Arzte gegebene Verbot im iusi. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 267 

Verbindung: das Fruchtwasser wird nicht direkt erwähnt. Aber noch 
ist manche Fährlichkeit zu besorgen. Die Gefahr des Versehens wird 
allerdings nur einmal erwähnt, de superf. 18 : „Wenn eine Schwangere 
nach dem Genüsse von Erde und Kohlen verlangt und auch wirklich 
solche isst, so findet sich am Kopfe des Kindes . . . ein davon her- 
rührendes Zeichen"; aber die Möglichkeit des Fehlgehens ist eine 
stets drohende schlimme Aussicht. Abortus liegt vor. wenn der Samen 
später als 7 Tage nach der Konzeption abgeht (TQOjaf^bg u. ä.; dia- 
cpd-oQcc u. ä. ; äf^iß'AojGig), sonst spricht mau von „Ausfluss", exQvoig (de 
sept. partu 9). Für den gern zu gleicher Zeit wiederkehrenden Abortus 
gilt als Ursache, dass die Entwicklung der Frucht rascher vor sich 
geht als die des Uterus (de superf. 27), aber nicht unvorsichtige Be- 
wegung. Zur Abwehr des gefährlichen Zufalls dienen Erzeugung 
von Fettleibigkeit und Einbringen von Medikamenten durch Sonden 
in den Uterus (de m. m. I 25). Ferner stören den regelrechten Ver- 
lauf das Absterben und Abfaulen der Frucht, Blutungen (de superf. 9), 
Molenbildung und Ueberf ruchtun g. Die ^ivlrj entspricht nach Wulf- 
sohn unserer Mole, nach Buch er und Fasbender einem sich von 
selbst ausstossenden verkalkten Myom (de m. m. I 71). Die Ursache 
ist reichlicher Monatsfluss und schlechte Beschaffenheit des Sperma. 
Ueberfruchtung, eTtixvrjOig, entsteht, wenn sich der Mutterhals nach 
der Konzeption nicht geschlossen hat. Befindet sich die eine Frucht 
in der Uterusmitte, so wird sie von der anderen ausgetrieben; be- 
findet sich die 1. Frucht in dem einen Home, so ist das 2. Kind nicht 
lebensfähig. Die Nachfrucht kann zurückbleiben und verjauchen (de 
superf. 1). Zur Beschleunigung und Steigerung der AVehen dienen 
wy.vTOx.ia. deren z. B. de m. m. I 77 eine ganze Reihe aufgezählt sind. 
Die AVehen erklären sich daraus, dass das Kind einmal keinen Platz 
mehr hat und sich nach der Freiheit sehnt, zum andern die in dem 
engen Räume (arevnxioQia) durch Anziehung aufgespeicherte Nahrung auf- 
gezehrt hat. Der Ausgang der Geburt hängt von der Kindeslage wesent- 
lich ab. Wegen der Gravitation des schweren Kopfes liegt dieser gewöhn- 
lich vor. Ausnahmen sind : die einfache (ömXöov) und gemischte Steiss- 
lage, gewöhnliche Schieflagen und Lagen, ..in welchen es sich um eine 
Abweichung des Steisses vom Becken eingang in geringerem Grade 
handelt" (Fasbender 293 0".), vollkommene (ohne Wendung!) und 
unvollständige Fusslage (mit A\'endung!). Armvorfall bei Schief läge 
(Frucht ist tot, Embryulcie !), Schief läge ohne Armvorfall (Kind lebt, 
Wendung auf den Kopf durch die knidische Schüttelungsmethode !). Die 
Wendung auf den Kopf erfolgt durch äussere, innerliche und gemischte 
Handgriffe; leider ist die Anweisung nicht immer klar und einmal sogar 
unausführbar. Bei Abortus wird die Schüttelung oder ein Niesmittel 
dann angewandt, wenn die Ausstossung gehemmt ist wegen zu grosser, 
quer gelagerter und kraftloser Frucht (de m. m. I 68). Ein Gebärstuhl 
findet sich in hippokratischen Zeiten bei den Griechen nicht. Das 
Maavov und der dkpQog ävdxliiog rerQVTtr^uevog (mit durchbohrtem Sitze) 
dienen entweder zu Scheidenräucherungen oder zur Entfernung der 
zögernden Nachgeburt (de superf. 8); im letzteren Falle zieht das auf 
Schläuche gebettete Kind beim Ausfliessen des Schlauchinhalts durch 
sein Eigengewicht die Placenta heraus. Auch in der Geburtsdarstellung 
aus dem Aphroditetempel in Golgos auf Cypern (Cesnolasammlung in 
New York) ist nur ein bequemer niedriger Schemel, nicht ein Gebär- 



268 Robert Fuchs. 

stuhl anzunehmen. ^) Eine eigentliche Zange findet sich nicht, ebenso- 
wenig der Kaiserschnitt, trotz der uralten Mythen A'on der Geburt des 
Dionysos und Asklepios sowie der indischen und römischen Sagen 
(Numa Pompilius). Im Falle der Totgeburt werden ein Zermalmer 
= TtieoTQov und ein Haken = ö'w^, elyivoxriQ gebraucht; die Hand 
wird mit einer getrockneten stacheligen Fischhaut {iyßvrj) umkleidet, 
die Galenos phantasievoll als Instrument mit fischschuppenähnlicher 
Oberfläche deuten will (Fasbender 158 u. A. 3). Die Unterbindung 
der Nabelschnur wird nicht erwähnt; Pseudaristoteles (bist. anim. 
VII 10) kennt sie. Obwohl dort auch (.irf/xovwv = Kindspech erwähnt 
wird, vermag ich doch de diaeta in ac. app. 72 nur auf Gartenwolfs- 
milch zu deuten. Vom Wochenbette ist wenig zu sagen, da bloss der 
Wochenfluss {loxela, s. Fasbender S. 180) behandelt wird, der als 
Analogon der Katamenien betrachtet wird. Die bei dessen Zurück- 
haltung beobachteten Symptome stimmen grossenteils zu denen in- 
fektiöser Krankheiten, namentlich des Kindbettfiebers. 

Auf die nur gelegentlich angemerkten Krankheiten, wie foetus 
carnosus (epid. II 2, 19), Verwaclisung von Arm und Thorax (V 13), 
Klumpfuss (de artic. rep. 53), kongenitale Luxationen (52), sonstige 
intrauterine Verletzungen (de sem. 10), Hydrocephalus acutus (de dent. 
6 ff.), Krämpfe (de morbo s. 10) und kleinere Uebel, wie Husten, 
Verstopfung, Durchfall, Soor, kann hier nicht eingegangen werden. 

25. Unmittelbare Nachfolger des Hippokrates. 

Es wäre gewiss eine reizvolle Aufgabe, mit Häser (I., 206 ff.) 
einen zusammenfassenden Eückblick auf die Verdienste des Hippokrates 
und der Hippokratiker zu werfen. Allein einmal sind bisher schon 
die Daten so ausgewählt gewesen, um über die Hauptthatsachen zu 
unterrichten, sodann aber steht die mir gegebene Aufgabe, Häsers 
Schilderungen auf einen bedeutend engeren Raum zusammenzuziehen, 
statt sie zu vervollständigen und auszuspinnen, hindernd im Wege. 
Die bereits von mir verschuldete Ueberschreitung des dafür von An- 
fang an vorgesehenen Eahmens erklärt sich aus dem Streben, zunächst 
für das Verständnis der alten Heilkunde, die den modernen Arzt und 
Laien gleich freufd anmutet, eine Grundlage und einen Massstab zu 
gewinnen, an dem er die demnächstigen langsamen Fortschritte der 
griechischen Medizin abmessen kann. Der Umstand, dass der zuerst 
zu behandelnde Arzt ein Hippokrates und „Vater der Heilkunde" ist, 
war ja nur zu verlockend für den Uebersetzer und Erklärer der hippo- 
kratischen Sammlung. Zur Entschuldigung mag ferner dienen, dass 
Hippokrates von jeher das Schosskind der medizinischen Geschichts- 
schreibung war und die neuere und neueste Forschung zu einem ganz 
überwiegenden Teile gerade ihm gewidmet ist. Angesichts dieser un- 
bestreitbaren Thatsache will ich auch den unausbleiblichen Vorwurf, 
das ganze folgende, viel weniger bearbeitete und aufgeklärte, aber 
dessen ungeachtet durchaus nicht minderwertige Gebiet im Fluge zu 
durcheilen, mit einiger Gelassenheit auf mich nehmen. 

Die gewaltige Persönlichkeit des gottbegnadeten Arztes Hippo- 
krates war wie keine zweite geeignet, auf die Gleichstrebenden an- 
ziehend zu wirken und sie an die neu aufgestellten wichtigen Erkennt- 



^) S. Fuchs III 625 A. 9: Seligraaun in Virchows Jahresh. 1878. 



Geschichte der Heilkunde hei den Griechen. 269 

nisse zu fesseln. So gaben denn die kölschen döy^iara den Mittelpunkt 
ab, um den sich die zu gleich gründlichen Studien begeisterte Mitwelt 
in Gestalt der dogmatischen Schule, wie sie später genannt wurde, 
scharte. Zu den ersten Schülern zählten die Söhne Thessälos und 
Drakon (Gal. XV 110), die gleich dem Vater In die Fremde zogen, 
und der Schwiegersohn Polybos, der auf Kos die Traditionen seines 
Schwiegervaters fortpflanzte (I 58; XV 12). Dass Thessälos den 
Alklblädes auf der slclllschen Expedition (415 — 413 v. Chr.) begleitet 
haben soll, entbehrt eines zuverlässigen Zeugnisses, wohl aber war er 
später Leibarzt des Makedouerkönlgs Archelaos und vielleicht Ver- 
fasser mehrerer Schriften ; ^) vermutlich enthalten die epld. Beiträge 
von ihm und seinem Bruder (Gal. VII 855; 890; IX 859; XVII, I 796; 
888). Die Vermutung Petrequlns(I 44), dass beide dieselben Stätten 
wie ihr Vater bereisten, ist einleuchtend. Der Sohn des Thessälos, 
Hlppokrates III., hing dem platonischen Philosophiesystem an, ver- 
fasste mehrere medizinische Werke, darunter eines de morbls (Petre- 
quln I 45) und folgte möglicherweise seinem Vater in der Hofarzt- 
stelle nach. Von seinem Bruder Gor glas ist nichts bekannt. Hlppo- 
krates IV., Sohn des Drakon,-) also des L, rettete als Leibarzt der 
Ehoxäne dieser nach dem Tode ihres Gatten, des grossen Alexandros, 
das Leben und starb nach schriftstellerischer Bethätlgung unter 
Kassandros, dem Sohne des Antlpätros (ca. 319 a. Chr.). Hlppo- 
krates V. und VI., Söhne des Thj^mbralos, und Hlppokrates VII, 
Sohn des Praxlänax, schrieben gleichfalls über Medizin (Suld.). 

Als unmittelbare Schüler Hlppokrates' IL werden Apollonios 
und Dexlppos (bei Plut. quaest. convlv. 7, 1 fälschlich Jioj^innog) 
genannt, Anfang des 4. Jahrhunderts (Suld.). Letzterer wurde von 
dem Karerkönlge Hekatomnos berufen, um die für verloren gehaltenen 
Prinzen Mausölos und Plxodäros zu retten, und er bedang sich die 
vorherige Beendigung des damals tobenden Krieges aus. Er schrieb 
ein ärztliches Werk in 1 Buche und tisqI nQoyvüJaecov in 2 Büchern.^) 
Diese und des Apollonios Werke waren schon für Eraslstratos schwer 
erlangbar (Gal. XV 703). Dem Anon. Lond. col. XVIII entnehmen 
wir, dass ihm die Nah rungs Überschüsse als Krankheitserreger er- 
schienen, also Galle und Schleim, doch auch AVärme und Kälte u. a. m. 
Durch Schmelzen von Galle und Schleim entstünden Lj'mphe und 
Schweiss. Würden Galle und Schleim faul und dick, so stelle sich 
Ohrensausen, Schnupfen und Triefäugigkeit ein; würden sie trocken 
und fest, so bilde sich Fett und Fleisch. Das Weitere dort ist ver- 
derbt. Gal. XV 478; 702 flf.; 744 überliefert von beiden, dass sie nach 
des Eraslstratos spöttischer Aussage 12 wächserne Becher von je ^/g 
Kotyle Inhalt (ca. Vas 1) hergestellt und den Fiebernden (täglich) 
] oder 2 hiervon zum Trinken dargereicht hätten; sein Vorwurf, dass 
sie die Patienten Hungers sterben Hessen, sei unberechtigt.*) Der 
Zweck des Kehldeckels {irnylioviig) wurde von ihm treffend geschildert 
(Plut. a. a. 0.). 



*) Suidas erwähnt „3 medizinische Werke". 

^) Unter J ^äxcov sagt Suidas, dass dieser, also der IL, ein Enkel des berühmten 
Hippokrates g'ewesen sei von Thessälos her, einen Sohn Hippokrates gehabt habe (also 
Hlppokrates IV.) und dass dieses Hippokrates Sohn Drakon, also der III., die Ehoxane 
behandelt habe. 

") Jude ich, Kleinasiat. Stud. 234. 

*) Littre I 328 ff. 



270 Eobert Fuchs. 

Es scheint am Platze zu sein, die bloss aus dem Anon. Lond. uns 
bekannt gewordenen Aerzte hier einzureihen, obwohl nicht anzu- 
nehmen ist, dass sie gerade Hippokrateer waren. Alkamenes aus 
Abvdos erklärte nach einem verloren gegangenen Aristotelescitate die 
Ueberschüsse für die Krankheitsursachen ; sie steigen zum Kopfe, doch 
dieser führt ihnen weitere Nahrung zu, und so entstehen im ganzen 
Körper Krankheiten. Timotheos von Metapontion meint, wenn der 
Kopf gesund und sauber sei, werde aus ihm die Nahrung dem ganzen 
Körper zugeschickt, und das Geschöpf sei gesund. Sei hingegen der 
Kopf nicht gesund, so entstehe durch Verstopfung der Durchgänge 
für die Nahrung Krankheit. Der im Kopfe abgesperrte üeberschuss 
werde zu einer salzigen, scharfen Flüssigkeit und rufe da, wohin er 
durchbreche, Krankheiten hervor, z. B. in der Luftröhre Ersticken 
und Tod. Der Kopf aber erkranke durch übergrosse Abkühlung oder 
Erhitzung oder durch Verletzung. Abas (Aias?) spricht ebenfalls 
von den Abflüssen des Gehirns nach Nase, Ohren, Augen, Mund als 
Krankheitserregern ; doch ist gleich darauf von 5 Katarrhen die Rede. 
Massiger Abfluss sei unschädlich. N i n y a s der Aegj^pter unterscheidet 
angeborene, dem Körper eingepflanzte und erworbene Leiden. Die 
Wärme erzeuge die Ueberschüsse. Thrasymächos von Sardeis 
findet den Sitz der Krankheiten im Blute, das durch Kälte und Hitze 
nachteilig verändert werde; dabei gehe es in Schleim, Galle oder 
Faules über. Phaeitas = Phaidas (Beckh-Spät Phasilas) von 
Tenedos sagt, die Krankheiten entstünden durch Flüssigkeitsablage- 
rungen an ungeeigneten Körperstellen oder durch die Abgänge selbst. 
Die Flüssigkeiten bezeichnete er nicht näher. Er schrieb ein Kochbuch, 
besonders für Kuchen (Kallimachos' Katalog bei Athen. XIV p. 643). 
Er wird in der 1. Hälfte des 4. Jahrhunderts gelebt haben. Die 
Grabschrift dieses Sohnes des Damassagöras, die in Paphos gefunden 
wurde, hat von Wilamowitz-Möllendorff^) besprochen. Aigi- 
m i s von Elis behauptete, eine einmalige Ueberfüllung bewirke mehr- 
malige Erkrankung. Der Körper wachse langsam, weil die Nahrungs- 
zufuhr durch sichtbare und unsichtbare Entleerung ausgeglichen werde. 
Üeberschuss entsteht, wenn zu früh neue Nahrung zugeführt wird. 
Er soll zuerst die Pulslehre, in der Schrift nsgl naAf.idjv, behandelt 
haben (Gal. VIU 498; 716; 752; Ruf. ed. Ruelle 219j. Petrön(as) ist 
vermutlich identisch mit Petrichos. -) Nach Celsus III 9 lebte er vor 
Herophilos und nach Hippokrates, also im 4. Jahrhunderte und stammte 
aus Aigina (Hom. IL XI 624 schol. BLV). Ein Gedicht über Schlangen 
von Petrichos erwähnt Plinius, in den Autorenverzeichnissen desselben 
Plinius erscheint er als Arzt.") Fiebernde bedeckte er mit vielen 
Gewändern, um Hitze und Durst zu erzeugen, beim Nachlassen gab er 
kaltes Wasser, bis Seh weiss auftrat, unter Umständen erst auf Erbrechen 
oder Abführen durch Salzlake hin (Gal. 144). Darauf reichte er Schweine- 
braten und Wein (Geis.; Gal. XV 436 f.), was Erasistratos als „Stopfen" 
bezeichnete und verwarf. Mikkion scheint ihn ausgeschrieben zu haben. ^) 
Die 2 Elemente, die er nach dem Anon. Lond. annahm, sind das Kalte 
und AVarme und unterstützende Faktoren das Trockene und Feuchte. 
Die Krankheiten entstehen aus Ueberfüllung oder schlechter Mischung 



^) Hermes XXXIII 519; XXXV 565 f. 

2) Well mann in Fleckeisens Jahrbb. f. class. Philol. CXXXVII 1888 S. 153 f 

•'•) Wellmann, Hermes XXIII 1888 S. 563 A. 3. 



Geschichte der Heilkunde bei den Griechen. 271 

der Grundstoffe. Die Galle ist ein Krankheitserzeugnis und völlig- 
unnütz. Sein Schüler Ariston begegnet in meinen Anecdota medica 
Graeca im Rhein. Mus. 49. 1894 S. 546. Den Philistion aus Lokroi 
(Athen. III p. 115 D; Piut. symp. VII 1; Gell. XVII 11, 6; Gal. IV 
306), der sicilischen Schule angehörig (Gal. X 5; Diog. Laert. VIII 
8, 1 ; 3), einen jüngeren Zeitgenossen Piatons, hörten, wie Kallimächos 
im „Katalog" (mvaxeg) angab, Eudoxos (und Chrysippos) von Knidos 
(Diog.), ferner auch Diokles (Wellmann, Rhein. Mus. LIII 626; 
Herm. XXXV 372 f.). Er lebte wie Timaios in Syrakusai (Plat. epist. 
2 = p. 314 D) und ist auch nach Athen gekommen, wenn der bei 
den botanischen Forschungen der Akademie beteiligte ungenannte 
Arzt (Athen. II p. 59 F), wie es den Anschein hat, Philistion sein 
sollte. Diese Annahme wird gestützt durch die vielen Anklänge, die 
Diokles und Piaton aufweisen. In Anlehnung an Empedokles nimmt 
Philistion 4 Elemente (Ideen) an, Feuer — Wärme, Luft — Kälte, 
Wasser — Feuchtes, Erde — Trockenes. Ursachen der Erkrankung 
sind 1. die Elemente, 2. die Körperbeschatfenheit (öiddemg), 3. die 
äusseren Einflüsse (Trauma und Geschwürbildung; übergrosse Hitze. 
Kälte u. dgl. oder deren plötzlicher Umschlag ins Gegenteil ; Verderb- 
nis der Nahrung). Gesundheit beruht auf richtigem Atmen und Luft- 
wechsel durch die Hautporen, Krankheit auf dem Gegenteile. Zweck des 
Atmens ist Kühlung der eingepflanzten Wärme (Gal. IV 471). Das 
warme, frische Brot erklärt er für nahrhafter als das kalte, altbackene 
(Athen, a. a. 0.), wie in seinen öipaQTvzr/.d (Athen. XII p. 516 C) oder 
in seiner diätetischen Schrift (negl diahrjg?) stand. Hingegen kann 
er trotz der Behauptung „Einiger" das pseudhippokratische de victu sal. 
nicht verfasst haben (Gal. XV 455; XVIII, I 8; XIX 721). Seine 
Säftelehre wird der platonischen nahe stehen (Tim. p. 82 E u. ö.). 
Die Atmung findet statt, um die dem Herzen eingepflanzte Wärme zu 
lindern (Gal. IV 471; V 702). Würde auch die platonische Fieber- 
lehre Philistion entlehnt sein, so hätte dieser die kontinuierlichen 
Fieber auf das Feuer und von den intermittierenden die Quotidiana 
auf die Luft, die Tertiana auf das Wasser und die Quartana auf die 
Erde zurückgeführt. Das Klebkraut, cfdlaciov (s. Hippocr. ed. Fuchs 
III 352 A. 80 = de nat. mul. 32), hat seine oben erwähnten Verdienste 
um die Botanik der Nachwelt überliefert. Von dem ngyavov, Apparat 
zum Einrenken, ist uns aus Oreibasios (coli. med. 49, 4 = IV 344) 
nur der Name bekannt. Einen Bruder des Philistion unbekannten 
Namens erwähnt Caelius (m. ehr. III 8 ; V 1). Eudoxos von Knidos, ^) 
Sohn des Aischines, war Astrolog, Geograph, Arzt und Gesetzgeber 
(Diog. Laert. 8, 90). Eusebios - Hieronymus setzen seine Blüte auf 
Ol. 89, 2 = 42221 v. Chr. an, aber nach der sicheren Angabe im 
Mathematikerverzeichnis bei Proklos (ed. Fried lein 66, 14 ff.), das 
sich auf Eudemos von Rhodos stützt, kann er nur etwa 400 v. Chr. 
geboren sein.-) Er starb 53 jährig 342 337. Er erwarb als Sophist 
seinen Unterhalt auf Reisen nach Athen, -) Aegypten, Italien und 



') Unger, Philologus L = N. F. IV 1891 S. 218 f. wird vielfach herichtigt 
durch Susemihl, Rh